Kelterers Thesen

Wie in einer erst heute an die Öffentlichkeit gelangten Studie des bisher auch in Fachkreisen wenig bekannten Physiologen Erwin Kelterer nachzulesen ist, liess dieser in seinem Labor in der damals grauen Vorstadt einer heute gut beleumundeten Stadt leicht südlich von Nordeuropa um die Mitte des 19. Jahrhunderts Tausende von Labortieren sterben, nur um zu beweisen, dass am Ende des Lebens der Tod einsetzt, wonach ein „Zustand des nicht mehr Lebens“ beginne, „und nicht irgend etwas anderes, wie jetzt wohl endlich allen klar sein dürfte“.
Beeinträchtigt wird das Lesevergnügen der Studie durch eine gewisse Redundanz Kelterers, der seine These wieder und wieder paraphrasiert und sie manchmal lediglich in etwas andere Worte fasst. Kelterer hat seine grauenhaften und aus heutiger Sicht völlig sinnlosen Tierversuche detailliert dokumentiert. Es ist ihm dabei offenbar stets und immer wieder um ein und dasselbe gegangen (wobei er sich oft wiederholt hat): um die nachhaltige Widerlegung der Thesen seines grossen Gegenspielers Jean-Albert de la Farce, den Kelterer, was er immer wieder betont, für einen Crétin hielt, der „dilettantisch und unseriös“ an der festgefahrenen Forschungsmeinung festhielt und diese gemäss Kelterer unreflektiert und endlos wiederholte, „anstatt sein muffliges Labor einmal gründlich durchzulüften“. 
Dabei vertrat De la Farce lediglich die damals gültige Forschungsmeinung, dass die Haltung von Labortieren nur dann einen Sinn mache, wenn sie nicht mehr Futter benötigen als die Assistenten und wenn die Versuchsanordnung so gestaltet werden kann, dass ihre Todesursache klar festgestellt werden kann. Dagegen stellte Kelterer die kühne These auf, dass  nach dem Ende des Lebens der Tod kommt, den er als „das Aufhören und gleichzeitig, weil die Zeit damit anhält, das Aufgehört-haben des Lebens“ beschreibt, „und nicht irgend etwas anderes, wie irgendwelche Idioten gerne nachweisen möchten.“
Kelterers Tierversuche sind aus heutiger Sicht grauenhaft und völlig sinnlos. Vor allem aber stört den modernen Leser die Redundanz seiner Argumentation, denn Kelterer wird nicht müde, seine Thesen wieder und wieder in nur leicht anderen Worten zu wiederholen, manchmal paraphrasiert er sie auch, und dazwischen tötet er wieder hunderte von Mäusen und Ratten, nur um nachzuweisen, dass bei Beendigung des Lebens der Tod einsetzt, und nicht, wie sein grosser Gegenspieler de la Farce irrtümlicherweise meine, „irgendetwas Ähnliches, nur in einer anderen Farbe.“
De la Farce hat sich zeitlebens geweigert, auf die von Kelterer gepflegte Kontroverse in irgendeiner  Form einzugehen oder mit Kelterer in die wissenschaftliche Arena zu treten. „Ich duelliere mich nicht mit Halbidioten, die massenweise Labortiere abschlachten, nur um etwas zu beweisen, was ich so gar nie gesagt habe“, soll er einem seiner Assistenten gegenüber einmal geäussert haben. „Und ausserdem ist dieser Kelterer so redundant, dass er sich manchmal wiederholt. Es ist nicht zum Aushalten. Wenn ich etwas hasse, dann ist es Redundanz. Leute, die dieselben Dinge immer und immer wieder in nur leicht oder gar nicht abgeänderter Form wiederholen. Ich hasse das. Ich kann nes nicht ertragen. Es macht mich krank.“
De la Farce hat Kelterer überlebt, ohne es zu wissen. Er ist im Alter von 96 in einem Pariser Vorort an einer Kinderkrankheit gestorben. Kelterer starb wenige Jahre zuvor am Ende eines unerfüllten Forscherlebens unter nie vollständig geklärten Umständen in seinem geliebten Labor, in dem er jahrzehntelang versucht hatte, den Beweis zu erbringen, dass nach dem Leben der Tod eintritt „und nicht irgendetwas anderes, was ich schon einmal gesagt habe.“  Die Umstände seines Todes und die Inhalte seines Lebens als Forscher (er versuchte nachzuweisen, dass nach dem Leben der Tod einsetze, „und das war’s dann“) können in einer neu aufgearbeiteten Biographie von Hans-Dieter Eldereich nachgelesen werden (Kelterers Thesen und Kelterers Thesen, Edition Nonemal, Basel 2012), die mit viel Zahlen und vielen bisher unbekannten Details überzeugt, wobei hier nicht verschwiegen werden kann, das eine gewisse Redundanz des Autors das Lesevergnügen mindert.  Ein etwas strafferes Lektorat hätte dem Buch gut getan. Wenn die Lektoren den Text konsequenter gekürzt hätten, wäre er jetzt leichter lesbar. Jemand hätte dem endlosen, repetitiven Gefasel viel früher ein Ende setzen müssen!

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