Lange gebraucht

Auch Schubert habe, hörte ich bei einem Besuch in der Schweiz eine Frauenstimme im Radio sagen, als ich gerade die Küche betrat, um eine Tasse Kaffee zuzubereiten, lange gebraucht. Ich weiss nicht wofür, weil ich die Küche wieder verliess und die Sendung nicht weiter verfolgte, aber es wundert mich nicht, bei mehr als 700 Liedern.

Die zunehmende Unvereinbarkeit seiner Lehrerstelle mit dem Komponieren und seine zahlreichen Versuche, sich als Komponist zu etablieren, haben ihm Mühe bereitet. Er hätte bestimmt Allergien entwickelt, wäre das damals schon üblich gewesen. Die Musik-Verlage wollten seine Werke partout nicht. Goethe soll ihn verschmäht haben. Ludwig van Beethoven liess ihn, jung verstorben, nicht lange neben sich liegen. Robert Frank hat ihn nie fotografiert. Was immer es war, wofür er offenbar lange gebraucht hat, er hatte wenig Zeit dafür.

Vielleicht habe ich mich auch verhört, als ich in die Küche trat und sie gleich wieder verliess. Möglicherweise war es Schuman, nicht Schubert, der lange gebraucht hat. Und vielleicht war es die Stimme eines Mannes, nicht einer Frau, die durch das offene Fenster zu hören war, denn da war kein Radio, wem auch immer die Küche gehörte. Dann wäre es allerdings Frühling gewesen und schade, dass ich nicht selber draussen war. Wenn es tatsächlich Schuman war, hätte mich das an eine Passage auf dem Pink Floyd Album „The Wall“ erinnert, wo man beim Intro eines Songs jemanden in einen leeren Raum hinein fragen hört „…Schumann?“

Mich mit Gewissheit an etwas zu erinnern, fällt mir zunehmend schwer. Kann ich mich noch auf mich verlassen? Womöglich erfinde ich das alles gerade, und lege es mir dann als Erinnerung zurecht, weil ich es schlecht ertrage, dass mir die Vergangenheit abhanden kommt. Bald kann jede und jeder im Zusammenhang mit mir irgendetwas behaupten, und ich frage dann nur: „Wirklich ich?“, kann aber nicht widersprechen.  

Vielleicht war es weder Schubert noch Schumann und es war auch nicht Vormittag, sondern die traumschwere Zeit nach dem Mittagessen. Ich trat gar nicht in die Küche, wo jemand (wer hätte das sein sollen?) das Radio angemacht hätte und dann das Haus verliess, ohne es vorher auszuschalten, sondern ich lag die ganze Zeit wie ein Mehlsack im oberen Stockwerk auf einem schwarzen Sofa und döste vor mich hin, weil ich zu viel gegessen und keinen eigenen Hausschlüssel hatte. Wann kommen die bloss nach Hause? Oder sind sie schon wieder da und haben mich nur nicht geweckt? Und wieso haben sie so lange gebraucht?

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