Die Nudelprobe

(von lila Lippen, Karls Knochen und unaufgeräumten Gedanken)

Ich hätte sie Ihnen hier gerne gezeigt, aber ich kann die verschiedenen Fälle leider nicht mehr rekonstruieren. Gut, ich könnte schon, aber es wäre sehr zeitaufwändig. Entweder rekonstruiere ich, oder ich schreibe. Pardon: aber für beides fehlt mir die Zeit. Das ist, fällt mir gerade auf, vermutlich genau das Dilemma der Tagesjournalisten. Sie stehen jedes Mal vor der Entscheidung: recherchiere ich jetzt oder schreibe ich einen Artikel?

Ich habe nie verstanden, wie man einer Publikation trauen kann, die jeden Tag ihr Datum wechselt und spätestens nach ein paar Tagen die Themen. Die Türkei war eine Zeit lang ein beliebtes Thema in den Schweizer Tagesmedien. Viel oberflächliche und unechte Aufregung über Polizeigewalt, Korruptionsskandale, Justizmanipulation. Dann ging es in der Ukraine los, und die Türkei verschwand aus den Schlagzeilen. Macht mal ohne uns weiter, Jungs, wir sind kurz in der Ukraine.

Was ich nicht mehr rekonstruieren kann, ist Folgendes: Vor ein paar Wochen ist mir in der E-Paper Version der NZZ ein interessantes Phänomen begegnet. Gleich dreimal innerhalb weniger Tage. Da war zum Beispiel der einzige Mensch, der je aus einem nordkoreanischen Straflager entkommen sein soll. Auf dem Bild in der E-Paper Version hatte er lila geschminkte Lippen. Sah etwas seltsam aus.

Wenn man das Bild dann anklickte, um es zu vergrössern, hatten seine Lippen wieder normale Lippenfarbe. Lila – normal. Lila – normal. Verstehen Sie? Wer sich an diesem Tag lediglich durch die Seiten klickte, dachte ich, oder nur den Artikel anklickte, um ihn zu lesen, nicht aber das Bild, würde einen Mann mit lila Lippen in Erinnerung behalten. Oder war es eine seiner Tarnungen auf der Flucht?

Bei einem anderen Artikel ein paar Tage zuvor – keine Ahnung mehr, worum es ging – war es sogar so, dass das Bild, das man anklickte, in der Vergrösserung ein anderes war. Dieselbe Person, sogar eine ähnliche Pose, aber eindeutig ein anderes Bild. Und dasselbe Phänomen noch einmal ein paar Tage zuvor, ich weiss auch da nicht mehr, um wen oder worum es ging. Bild, Klick, anderes Bild. Eine geheime Botschaft des amerikanischen Geheimdiensts? Oder die harmlose Spielerei eines Aushilfs-Bildredaktors, der eine Dissertation über „Wahrnehmung auf den ersten und zweiten Blick“ schreibt?

Vielleicht werden wir es in ein paar Jahren erfahren, wenn das Internet bis in seine Untiefen erforscht wurde und alle seine Geheimnisse Preis gegeben hat. Es bleibt ja nichts unentdeckt. Alles wird andauernd gründlich untersucht und analysiert. Bloss hat leider keiner Zeit, sich die Ergebnisse anzuschauen. Nur bruchstückhaft und nach dem Zufallsprinzip kriegen wir Laien ab und zu etwas mit. Ob das dann auch wesentlich oder wahr ist?

Wissenschaftler, so las ich neulich, halten die im Aachener Dom aufbewahrten Knochen Karls des Grossen für echt. Da bin ich als Mediävist echt beruhigt und auch der Aachener Tourismusdirektor zeigte sich in einer ersten Stellungnahme erleichtert. Es hätte Jahre gedauert, um sich bei allen Touristen zu entschuldigen.

Die Echtheit der Knochen wurde in 1988 begonnenen Forschungsarbeiten eruiert, deren Ergebnisse erst jetzt veröffentlicht wurden. Die Forscher wollen unter anderem festgestellt haben, dass Karl tatsächlich gross war. Stattliche 1,84m. Womöglich nannte man ihn deshalb „den Grossen“. Als nächstes soll nun der Totenschädel von Heinrich dem Liederlichen unter die Lupe genommen und das Ergebnis verfilmt werden.

Als willkommenes Nebenprodukt der langjährigen Forschung an Karls Knochen sei hier noch die Erkenntnis erwähnt, dass nun endlich auch die Existenz des Aachener Doms als gesichert gelten darf. Es handelt sich um ein mehrheitlich in Stein gehaltenes, sakrales Bauwerk („Dom“) mitten in der Stadt Aachen. Daher vermutlich auch der Name „Aachener Dom“.

Karl der tatsächlich Große liess den Zentralbau gegen Ende des achten Jahrhunderts als Kern seiner Pflanzanlage (später wegen dem Abschreibfehler eines Mönchs „Pfalz“ genannt) errichten. Geplant war ursprünglich auch eine grosszügige Tiefgarage, aber der rot-grüne Aachener Stadtrat verweigerte dem Kaiser die Baubewilligung und die beiden Forscher wurden beim Verlassen des Doms von der Polizei in Gewahrsam genommen. Sie befinden sich in psychologischer Betreuung.

So bleiben viele Fragen im Umfeld von Aachen und Karl dem Grossen vorläufig unbeantwortet. Dass Karl der Grosse im hohen Alter hinkte, wie der fränkische Biograf Einhard hartnäckig behauptete, können sich die Forscher auf Grund Ihrer Forschungsergebnisse zwar vorstellen (es wurden bei Karl neben ein paar alten Münzen Ablagerungen an Kniescheibe und Fersenbein festgestellt), aber beweisen können sie es ebenso wenig wie Karls Behauptung, Einhard hätte geschielt. Karl nannte ihn im kleinen Kreis „Einhard mit dem Silberblick“ und liess ihn wegen übler Nachrede in Abwesenheit köpfen.

Manchmal weiss ich wirklich nicht mehr, was ich von all dem, was ich den ganzen Tag lese, am Abend noch halten und behalten soll. Beim Kochen gibt es diesen alten italienischen Trick, bei dem man die Nudel an die Wand wirft, und wenn sie da einen Moment kleben bleibt, ist sie gut. Vielleicht sollte jemand so etwas für Zeitungsartikel erfinden. Das meiste wirkt auf mich in letzter Zeit entweder schlecht recherchiert, lächerlich oder falsch erfunden. Aber vielleicht bin ich ja auch nur ein bisschen überlesen.

Im anatolischen Kernland, sagte mir neulich ein Professor, betreten sie ihr Wohnzimmer nur mit Gästen. Den Rest der Zeit wird es sauber und aufgeräumt gehalten. Das hat mich stark beeindruckt.

Meine Gedanken sind oft wirr. In meinem Hirn herrscht vom täglichen Gebrauch ein furchtbares Durcheinander. Vielleicht sollte ich es einmal aufräumen und danach nur noch mit Gästen betreten.

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