Mättu Salem

Mättu war ganz sicher der älteste Mensch in Bümpliz. Vermutlich sogar im Kanton Bern und ich wage zu behaupten in der ganzen Schweiz. Womöglich sogar in Europa. So weit wie die Welt würde ich nicht gehen. In der Welt hat es immer irgendwo einen älteren Chinesen. Aber in der Schweiz auf jeden Fall. Ich kannte jedenfalls keinen älteren. Schon gar nicht in Bümpliz. Mättu wusste selber nicht genau, wie alt er war. Er wusste es auch nicht ungenau.

Zuerst dachte ich, er hat dieses Ding, das viele alte Menschen haben, er vergisst alles. Später fand ich heraus, dass es bei ihm ein wenig anders war. Er machte den ganzen Tag nichts anderes als vergessen. Man kommt nicht in den Himmel, wenn man nicht alles vergessen hat, was man erlebt hat, hat er einmal zu mir gesagt, an einem Nachmittag im Frühling, als ich Tee mit ihm trank auf der Terrasse des Altersheims und rote Augen hatte wegen den Scheisspollen, deshalb weiss ich noch, dass es Frühling war, und ich habe diesen Satz wunderbar gefunden.

Das ist ein wunderbarer Satz, habe ich zu Mättu gesagt, und ihn aus meinen roten Augen angestrahlt wie man wahrscheinlich ein Kind anstrahlt, das gerade zum ersten Mal ein Wort gesagt hat. Hast Du den selber erfunden? Welchen Satz, hat Mättu zurückgefragt und mich mit einem Gesicht angeschaut, das ich jetzt gar nicht mehr beschreiben kann. Vergiss es, Mättu, hab ich geantwortet, und musste im selben Augenblick lachen, weil er ja ohnehin nichts anderes machte als vergessen. Es war als wenn ich zu ihm gesagt hätte: Atme, Mättu, atme!

Mättu lachte auch. Das tat gut, denn er lachte nicht oft. Ein paar Monate später hat er dann nicht mehr geatmet. Er war offenbar fertig geworden mit Vergessen und ich glaube fest daran, dass er im Himmel ist. Mir ist scheissegal, ob es einen Himmel gibt. Ich weiss, dass es keinen gibt. Aber wenn es um Mättu geht, gibt es einen. Mättu ist so oder so dort, kapiert? Und es ist ein Himmel mit allem, was für Finnen dazu gehört. Sauna, grüne Seen und jede Menge Stille und Stechmücken.

Mättu war Finne, das weiss ich sicher. Nicht nur weil er zum Nachnamen Saleme hiess. Auch weil er mir ab und zu von Finnland erzählte. Ich erzähle Dir jetzt etwas, begann er dann jeweils, erzählen hilft mir beim Vergessen. Und er hat dann auch wirklich nie etwas zweimal erzählt, wie das andere Alte oft tun. Nicht einmal, wenn man ihn darum bat. Irgendwie war das für ihn wie ein letztes Abspielen einer Schallplatte, die er danach verschenkte. Wie ein Leeren seines Speichers.

Ich erzähle Dir jetzt etwas. Es war an einem Spätsommerabend in einer einsamen Bucht, wo meine Familie damals ein kleines Sommerhaus hatte. Ganz selten ging jemand von uns hin. Ich war damals gerade einmal achtzehn, wie Du jetzt, und schon sehr lange nicht mehr dort gewesen. Die Türe klemmte und ein Baum war auf das Dach gefallen und hatte ein Fenster eingedrückt. Und dann erzählte er mir eine wunderschöne Liebesgeschichte. Ich hasse Liebesgeschichten, weil sie alle erfunden und erstunken und erlogen sind, aber seine war schön und ich hatte trotzdem keinen Zweifel daran, dass sie wahr war.

Ich könnte mir noch heute die Haare ausreissen, dass ich diese Geschichte, die mir Mättu an jenem Tag erzählte, nicht aufgeschrieben habe. Nur diese eine. Der Rest seiner Geschichten war Alltag. Oder dann waren es so exotische Erlebnisse, dass sie wie im Kino wirkten und ich habe sie nicht ernst nehmen können. Mättu erzählte viel von Finnland, obwohl er wahrscheinlich höchstens ein Sechstel seines langen Lebens in seiner Heimat verbracht hatte.

Mättu hiess natürlich nicht Mättu. Mättu nannten sie ihn erst hier in Bümpliz, wo er sich niedergelassen hatte, als er bereits ein alter Mann war. Die Berner machen das mit allen Namen. Sie stülpen ihre blödsinnigen Abkürzungen drüber. Sie meinen es nicht bös, ganz im Gegenteil, aber es hat mich immer aufgeregt. Mättu selber hat es offenbar nicht gestört.

Soll ich Dir Mathias sagen? Fragte ich ihn, als ich ihn das erste Mal besuchte. Ist mir egal, antwortete er, und ich dachte na wunderbar, da haben sie mir ja wieder einen echten Griesgram zugeteilt. Aber Du heisst doch sicher Mathias, oder? Weiss doch nicht, sagte er. Und da ist mir das ganze Ausmass seiner Vergesslichkeit klar geworden.

Auf seinem Totenschein stand dann Mathias Saleme. Geboren am 22. März 1904 in Rovaniemi, Finnland. „Mättu Salem! – verstehst Du, Junge?“ brüllte mich bei einem meiner Besuche ein schwerhöriger Alter an, während er Mättu viel zu stark auf die Schulter klopfte. „Das ist unser Mättusalem, der stirbt nie.“

Ich musste in der Leichenhalle ein paar Papiere unterschreiben, weil offenbar an diesem Tag sonst keiner aufzutreiben war, der für Mättu irgendetwas unterschrieben hätte. Ich war wahrscheinlich der, der mit Abstand am meisten von ihm wusste, aber ich hatte keine Ahnung, ob es in Finnland allenfalls noch irgendwelche Verwandte von ihm gab. Es kann ja sein, dass er Kinder und Grosskinder hat, aber das hatte er offenbar bereits meinem Vorgänger erzählt, und wenn ich ihn darauf ansprach, kam nichts mehr aus ihm raus, weil in diesem Teil seines Speichers nichts mehr war. Ausgeräumt, abgestaubt, Türe zu.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Kein Ahnung. Vielleicht weil ich neulich in der Zeitung einen Artikel gelesen habe, wonach die Schweizer weltweit durchschnittlich am zweitältesten werden. Es nervt mich ein Bisschen, dass die Schweizer jetzt auch noch am zweitältesten werden. Das Bruttoeinkommen pro Kopf hätte gereicht.

Und Durchschnitte finde ich sowieso mühsam. Ich bin jetzt 19 und ich habe in meiner Freizeit nun bereits fünf Alten Gesellschaft geleistet, damit sie nicht alleine vor sich hinstarren müssen, wenn möglich in einem fremden Land, wo man ihren Vornamen verstümmelt hat. Von den fünf waren nur zwei einigermassen originell und drei haben schlecht gerochen, was nicht ihre Schuld war. Ist der Durchschnitt der Alten, denen ich zugehört habe, nun langweilig und übelriechend?

Es sei wegen den Erfolgen im Kampf gegen Tuberkulose und Krebs, dass die Leute immer älter werden, stand im Artikel. Aber Mättu starb nicht an einer Krankheit. Mättu starb auch nicht, weil er alt war. Obwohl er ja sehr alt war. Mättu starb, weil er fertig vergessen hatte.

In Island werden sie am ältesten, Mättu. Wenn die pensioniert sind, sitzen sie an einen Geysir und werden alt. Es hat etwas mit Sickerwasser zu tun. Und Magma. Aber das musst Du nicht mehr vergessen.

2 Antworten to “Mättu Salem”

  1. Fredy Haffner Says:

    Was für ein wunderbarer Text! Warum? hab ich vergessen.

  2. Anonymous Says:

    Lange ist’s her, seit ich Walters wunderbare Welt zum letzten Mal betreten habe. Walti, altes Haus, es ist schön, wieder einmal bei Dir vorbeizuschauen, anzuklopfen, hineinzulesen: Da ist der Haffner-Erzählton, unverkennbar und – in meinem Fall – seit ungefähr fünfunddreissig Jahren vertraut und geschätzt, ja eigentlich geliebt. Einst war es ein Schneetreiben über dem vertrauten Tal, jetzt ist es ein alter Finne. – Sei gegrüsst, du Poet der grossen kleinen Welt.

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