Ein gescheiterter Versuch, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren

Skizzen faszinieren mich. Das mit rascher Geste flüchtig Hingeworfene, das dem vollendeten Kunstwerk hoch überlegen ist. Wie die Bergdohle der wissenschaftlichen Beschreibung der Schwerkraft, wenn sie sich auf der Terrasse des Kulmrestaurants rückwärts vom Geländer fallen lässt.

Ich weiss. Akt zeichnen geht mit Modell besser. Aber ich will die Schweiz ja nicht nackt zeichnen. Ich will sie überhaupt nicht zeichnen. Dafür ist sie zu weit entfernt und hält auch nie richtig still (dreisprachiges Geschwätz mir rätoromanischen Zwischenrufen). Ich möchte sie aus dem Gedächtnis skizzieren mit wenigen Worten (ein Land mit vier Konturen, einst locker um die Alpenpässe drapiert, dann sich langsam verhärtend).

Keine Angst, die Idee, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren, stammt nicht von mir. Sie stammt von einer Kunst-Postkarte aus einem Land, das sich ausgelobt hat. Keine meiner Ideen stammt von mir. Sie stammen ausnahmslos von anderen, die für einen Augenblick originell waren, im Zug zwischen Göschenen und Airolo, auf einer unbenutzten Papierserviette, von einem früheren Fahrgast liegengelassen.

Einige der originellen Ideen werden aber auch Fälschern und Hochstaplern zugeschrieben, die sich in ihrem Versteck meine Verachtung und Bewunderung teilen. Mein Geschäft sind die kleinen Variationen. Lassen Sie mich das anders sagen: ich formuliere um.

Als Diplomat lebt und arbeitet man mit dem Rücken zum eigenen Land. Man vertritt dessen Interessen nach bestem Wissen und bei möglichst gutem Gewissen, aber man kennt sein Land und dessen Leute, deren Interessen man angeblich vertritt, nach langen Jahren im Ausland nur noch vom unscharf gewordenen Blick zurück über die alternde Schulter.

Vorsicht ist angezeigt. Objekte im Rückspiegel können grösser erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Sorgen der Schweiz hätten 50 mal im Freizeitpark von Lahore Platz. Und trotzdem heisst es, die Schweiz stehe am Scheitelweg, obwohl das keine vorteilhafte Frisur ist, wenn einem nach über 700 Jahren die Haare langsam ausgehen. Auch die Bärte der jungen Schweizer gefallen mir nicht. Ich zähle darauf, ohne damit zu rechnen, dass sie ausser Mode gekommen sind, bevor ich für immer nachhause zurückkehren werde.

Vor bald zwanzig Jahren habe ich in Washington drei Lektionen eines Malkurses besucht. Einmal durften wir uns mit rötlicher Kreide versuchen, einmal mit Ölfarbe und am spannendsten war eindeutig der Abend, als wir ein Modell hatten, das für uns sass. Wir hatten einmal 20 Minuten, einmal 5 Minuten, einmal 2 Minuten und am Schluss gerade noch 30 Sekunden Zeit, um zu versuchen, irgendetwas mit einem Stück Kohle zu Papier zu bringen, was wenn möglich an die Pose erinnern sollte, im besten Fall an die posierende Frau.

Ich tat mich schwer. Je kürzer die Zeitspanne, desto weniger konnte man der eigenen Hand beim Zeichnen zusehen. Man blickte zum Modell, während die Hand zu zeichnen versuchte, und das Hirn stand wie so oft bloss im Weg. Es gab Instruktionen, ohne zu begreifen, was abging. Mach schon, Hand, zeichne was. Ich weiss, Du kannst das ohne mich.

Die Schweiz mit Worten aus dem Gedächtnis skizzieren ist ohne das Hirn nicht möglich. Es besteht auf die Kontrolle der Sprache. Es gibt sie nicht her. Wie eine Mutter bei den Hausaufgaben setzt es sich mit mir an den Tisch und holt viel zu weit aus. Also, sagt es, und wischt dabei meine spontanen Ideen und Assoziationen zur Seite wie störende Spielzeuge, machen wir zunächst einmal eine Auslegeordnung. Was kommt Dir alles in den Sinn, wenn Du die Schweiz skizzieren willst? Das sortieren wird dann. Was verstehen wir unter einer Skizze? Können wir unserem Gedächtnis vertrauen?

Lass gut sein, Hirn, möchte ich ihm sagen. Es ist Sonntag. Mach einfach mal nichts. Als ob Mütter das könnten.

Eine Antwort to “Ein gescheiterter Versuch, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren”

  1. Andreas Härter Says:

    Woher nimmt dieser Mann die Einfälle („Keine meiner Ideen stammt von mir“), die Bilder, die Liebe zu den Wörtern und den Sachen, den Melodiebögen des Schweifens im Raum der Phantasie? Walti, es ist eine Wohltat, von Dir zu lesen, häufiger als auch schon, und das Verb „to beam“ kommt im „Beamer“ auch nicht an sein blendendes Ende, zum Glück.

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