Die schönste Nase des ganzen Gesichts

(ein angemessener Beitrag zur Diskussion über die Unsitte des Übertreibens)

Es lässt sich ohne zu übertreiben festhalten, dass negative Übertreibungen immer Schaden anrichten, während positive Übertreibungen meist harmlos sind (they don’t do any harm) und manchmal sogar Gutes bewirken können. Als ich siebzehn Jahre alt war, sagte mir einmal ein Mädchen, ich hätte die schönste Nase des ganzen Gesichts.

Würde man hingegen die Behauptung aufstellen, negative Übertreibungen richteten den grössten Schaden an, wäre das eindeutig übertrieben. Die fahrlässig aufgestellte Behauptung würde bei der ersten Diskussion mit Fachleuten aus der Versicherungsbranche umkippen (nur Flamingos stehen nächtelang auf einem Bein) und was man hatte festhalten wollen, würde einem rasch entgleiten.

Negative Übertreibungen sind schädlich, weil sie etwas schlimmer, furchtbarer, falscher, schlechter, böser (auch schädlicher – mache weitere negative Beispiele) darstellen, als es in Wirklichkeit ist. Negative Übertreibungen schaden immer allen drei Beteiligten: dem Übertriebenen, dem Übertreibenden und dem Empfänger der Mitteilung.

Das Übertriebene verliert seine Konturen und Dimensionen und mithin seine Wahrheit, der Übertreibende seine Glaubwürdigkeit und der Empfänger der Übertreibung im besten Fall seine Zeit, weil er die Übertreibung durch eigene Recherchen zurechtstutzen muss, und im schlimmsten Fall seine realistische Einschätzung, weil er dem Gebot der Oberflächlichkeit erliegt und die Übertreibung glaubt.

Der durch negative Übertreibung angerichtete Schaden kann so weit gehen, dass die Existenz des Übertriebenen gänzlich angezweifelt wird und dem dauernd Übertreibenden irgendwann nicht einmal mehr das geglaubt wird, was er ohne zu übertreiben beschreibt, falls er dazu noch fähig ist, während der Empfänger der Mitteilung nur noch angewidert die Nase rümpft, die mit dem Alter grösser, aber nicht unbedingt schöner geworden ist.

Ich klage nicht gerne über die Zeit, denn sie kann nun wirklich nichts dafür. Es ist ihr ganz und gar egal, ob wir unter- oder übertreiben, denn sie nimmt ebenso wenig Teil an unseren Irrtümern wie an unseren Erkenntnissen; sie nimmt überhaupt nicht Teil, sie ist völlig teilnahmslos und lässt uns vergehen, während wir es vorziehen, zu meinen, sie gehe vorbei.

Ich meine also nicht die Zeit, sondern uns, wenn ich sage, wir leben leider in einer Zeit, in der es vielen notwendig und manchen unumgänglich scheint, zu übertreiben, weil sie meinen, das, was sie glauben, sagen zu müssen, werde in der Flut der Mitteilungen sonst nicht wahrgenommen, gehe sogleich unter und keiner könne es retten oder je wieder aus den Tiefen des Informationsgrabens bergen (was masslos übertrieben wäre, wenn Übertreibungen ein Mass hätten).

Wenn es nach mir ginge, würden die Übertreibenden nicht zum Schweigen gebracht, aber zur Rede gestellt. Ich wünschte mir, es würde sich so verhalten, dass Übertreibungen, weil sie schwer wiegen, rascher in die unendlichen Tiefen unseres Vergessens absinken als realistische Beurteilungen und Einschätzungen. In absoluter Dunkelheit würden sie dahin sedieren und nur ganz selten würde ein Tiefseefisch an ihnen vorbeischwimmen, vom enormen Druck so flach wie eine Tageszeitung und zur Sicherheit blind.

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