Der neunte Mann

Gestern haben sie den neunten Planeten entdeckt. Nicht gestern, vor Kurzem. Vor ein paar Tagen. Vielleicht ist es auch schon zwei Wochen her. Was willst Du von mir?
Was spielt das für eine Rolle, wenn der Neue 10’000 Jahre oder länger braucht, bis er die Sonne einmal umrundet hat? Er hat alle Zeit des Universums. Planeten machen ja sonst nicht viel, ausser die Sonne umrunden und ein wenig an ihrem Schwerefeld arbeiten. Man zieht ja andere nicht einfach so an. Da stecken Lichtjahre im stellarischen Kraftraum dahinter und konsequent gesunde Ernährung. Nur Rohmonde und kein Sternenstaub zwischen den Mahlzeiten.

Einen Namen haben ihm die Forscher noch nicht gegeben. Ist auch nicht einfach, wenn man jemanden noch nie gesehen hat. Stell Dir vor, sie nennen ihn «Däumelein» und dann stellt sich später heraus, dass er zehnmal so schwer ist wie die Erde. Ein ziemlicher Brocken. Wahrscheinlich ist er deshalb so langsam unterwegs. 10’000 – 20’000 Jahre, bis er einmal die Runde gemacht hat. Was, wenn er dann endlich vorbeikommt, und es ist gerade keiner da?

Dass es ihn gibt, schliessen seine Entdecker aus Beobachtungen und Berechnungen. Ansammlungen von anderen Körpern im All, die sich seltsam verkrümmen und erst nachhause gehen, wenn die letzte Bar schliesst. Forscher, die sich mit dem Phänomen befassen, heissen Trujillo und Sheppard, Batygin und Brown aber auch ein Schafhirte auf den Färöern, der nicht beim Namen genannt werden will, soll eisige Brocken gesehen haben, die sich nachts gefährlich neigten und auf Zurufe nicht reagiert haben sollen. Seine Hunde hätten irgendwann aufgehört, sie zu verbellen. Es sei kalt gewesen. Unheimlich kalt.

Etwas ist schief, wenn man als Laie die Berichte der Wissenschaftsjournalisten liest. Ich komme aber nicht dahinter und bin auf meine eigenen Vermutungen angewiesen. Ich vermute, ein mittelalterlicher Chronist hätte es damit bewenden lassen, festzuhalten, dass an einem bestimmten Tag in einem Dorf nahe eines bekannten Flusses ein Wolf während der Messe in die Kirche eingetreten sei, den Altar zweimal umrundet und die Kirche dann wieder verlassen habe. Das musste dann erst Jahrhunderte später interpretiert werden. Damals wussten alle, die auf den harten Bänken sassen, was das hiess, und gingen wortlos nachhause.

Heute reicht uns das nicht mehr. Wir geben sämtliche Daten in ein Computermodell ein, welches über Nacht das Universum simuliert, und wenn die Raumpflegerin eine Spionin wäre, würde sie den Papierkorb am Morgen umsonst leeren. Alles restlos untersucht und spurlos verstanden.
Aber dieser neunte Planet ist auch für uns nicht einfach einzuordnen. Er hat eine unglaublich lange Bahn, und er ist extrem weit draussen. 30 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt. Da wird niemand richtig braun. Aber wir geben nicht auf. Er kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben, dieser Wolf. Und es ist mir völlig egal, wie lange die Suche dauert, ist das klar? Das Planetenjahr dauert 10’000 Erdjahre. Ausschwärmen!

Schauen wir kurz zurück. Wie weit sind wir gekommen, seit wir Neptun entdeckt haben? Wir glaubten den lustigen Zwergstern Nemesis entdeckt zu haben, der alle 26 Millionen Jahre durch das Sonnensystem flitzt und mit leeren Dosen um sich wirft, und Tyche, seine gutaussehende Schwester, die bis dahin unbescholtene Kometen mit ihrem Lachen aus ihrer Umlaufbahn wirft. Dann mussten wir zugeben, uns geirrt zu haben. Dann starb David Bowie und nun will man uns glauben machen, es gäbe einen neunten Planeten, der zehnmal so gross sei wie die Erde und mit seiner starken Anziehungskraft seine Umgebung gesäubert habe – da fliegt nichts mehr herum. Zudem soll er ein Gasriese sein, seine Oberfläche von Furzgewittern überzogen.

Was wissen wir wirklich? Was ist gesichertes Wissen? Wie oft haben sich Annahmen, aus denen wir auf die Existenz von Planeten oder nachsichtigen Steuerbeamten geschlossen haben, im Nachhinein als falsch erwiesen?

Als Clyde Tombaugh endlich jenen Planeten X entdeckte, den sie später Pluto nannten, stellte er fest, dass er zu klein war, um die zuvor von Lowell verfolgten Auffälligkeiten in den Bahnen von Uranus und Neptun zu erklären. Er war auch zu klein, um eingeschult zu werden, und musste ein zusätzliches Kindergartenjahr absolvieren. Später stellte sich heraus, dass die Bahnen von Uranus und Neptun gar nicht so ungewöhnlich waren und es sich bei den vermeintlichen Unregelmässigkeiten um Messfehler handelte. Noch später wurde Lowell als eine Erfindung von Clyde Tombaugh entlarvt, der ihn nur deshalb erschaffen haben soll, um ihn zu widerlegen.

Trotzdem spekulieren wir weiter. Ein gefundenes Fressen für die Hunde des Schäfers, den sie jedes Mal fragen, wenn wieder irgendetwas auftaucht, was man noch nicht sieht. Er lässt sich in Hundefutter bezahlen und lacht sich in den Fäustling, wenn sich die Reporter wieder von dannen machen, während die Forscher daran festhalten, dass hinter dem Kuipergürtel nichts mehr kommt. Seien wir ehrlich: Niemand weiss, wie es im Niemandsland aussieht. Das sind wir der Logik schuldig. Sie war uns lange ein treuer, wenn auch manchmal tyrannischer Begleiter.

Ich könnte noch lange fortfahren, aber ich will es kurz machen, denn morgen ist ein ganz besonderer Montag. Das ganze Missverständnis lässt sich so zusammenfassen: 2014 berichtete Trujillo von einem Körper jenseits des Kuipergürtels. Er nannte ihn 2012VP113. Batygin und Brown waren überzeugt, dass Trujillo wieder getrunken hatte und schauten sich die Sache nur deshalb genauer an, um ihn endlich zu einer Entziehungskur zu überreden. Zu ihrem grossen Erstaunen mussten sie feststellen, dass Trujillo trocken war und es sich bei 2012VP113 um eine prall gefüllte Handtasche handelte, die Trujillos Frau zwei Jahre zuvor in San Francisco gestohlen worden war. Sie gaben auf und wiesen sich selber in eine Nervenheilanstalt im Norden Kaliforniens ein, wo sie die Belegschaft und die Insassen jeden Freitagabend mit einem vierhändigen Klavierrezital erfreuen.

Ihre Pfleger sind überzeugt, dass sie die Furzerei irgendwann in den Griff kriegen werden. Auch Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun seien schliesslich Gasplaneten, und es gäbe heute Medikamente gegen Wolfhaarallergien.

Nun muss ich aber wirklich Schluss machen. Für morgen hat sich ein Mitarbeiter auf der Botschaft angekündigt, der einen so langen Arbeitsweg hat, dass er nur alle sechs Jahre einmal zur Arbeit erscheint. Er arbeitet dann einen ganzen Tag und soll dem Vernehmen nach Ausserordentliches vollbringen. Mein Vorgänger hat ihn einmal erlebt und erzählt noch heute von ihm. Die Lokalangestellten ranken zahllose Geschichten um ihn. Sie nennen ihn den neunten Mann. Ich habe keine Ahnung wieso, und keiner konnte es mir erklären. Ich bin unheimlich gespannt auf ihn.

30.01.2016

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