Nichtfliegermeilen

Irgendwann fliegt man nicht mehr. Mein erster Schwiegervater wäre Pilot gewesen. Leider starb er, bevor er es geworden wäre. Sein letzter Flug lag zudem bei seinem frühen Tod schon ein paar Jahre zurück. Mein zweiter Schwiegervater war im Krieg. Er konnte nie selber und darf jetzt gar nicht mehr fliegen. Er hat eine Aorta, durch die ein Hamster mit gefüllten Backen kriechen könnte. Sein letzter Flug führte vor ein paar Jahren nach Istanbul und wieder zurück nachhause.

Ich weiss, was Sie jetzt denken, und ja, der Hamster könnte noch alleine fliegen. Aber Hamster können bei den meisten Airlines nicht fest buchen und es ist schwierig, stand by zu sein, wenn man schlecht stillstehen kann. Vielleicht sollten wir es mit einem Hamsterrad im Check-in-Bereich probieren. Es wäre sein grösster Wunsch, das Touch Namal zu sehen, die Geburtsstätte des Goldenen Hamsters in Petshopistan.

Was mich betrifft, so bereitet mir die Vorstellung, vielleicht bald einmal nicht mehr fliegen zu können, keine schlaflosen Nächte. Sie hat für mich eher etwas Beruhigendes, denn ich gehöre zu den Menschen, denen das Fliegen Mühe bereitet. Ich musste einen kurzen Moment lang der Versuchung wiederstehen, «ich hasse fliegen» zu schreiben. Aber das wäre übertrieben gewesen und ich habe mit dem Ausdruck «hassen» mehr Mühe als mit dem Fliegen.

Hassen wird viel zu oft gebraucht von Leuten, die etwas nicht mögen. Ich hasse Kuchen. Ich hasse Überstunden. Ich hasse lila Schuhe. So, wie viele Leute heutzutage etwas zu lieben meinen, was sie mögen oder gerne haben. Man wird aber nicht jeden Morgen geboren, man wacht auf. Und man stirbt nicht jeden Abend, man schläft ein.

Ich werde wahrscheinlich noch ein paar Jahre fliegen müssen. Das hat mit meinem Beruf zu tun, der etwas mit der Welt zu tun hat. Wenn ich eines nicht mehr allzu fernen Tages meinen Beruf nicht mehr ausüben werde (ich bin nach fast dreissig Jahren ordentlich geübt darin und irgendwann werde ich ausgeübt haben), werde ich nur noch fliegen, wenn es unumgänglich ist, weil man dahin, wo ich gehen will, weder gehen noch schwimmen kann.

Und ich werde selber bestimmen, wann ich fliegen muss. Wenn es nicht sein muss, werde ich es sein lassen. Wenn man alt wird, stelle ich mir vor, muss man nicht mehr alles machen. Wenn einem die Zeit langsam ausgeht, geht es darum, möglichst viel sein zu lassen.

Es wird in meinem Fall eine kurze und abschliessende Liste von Gründen geben, warum ich noch fliegen werde, und die Gründe werden praktisch alle Namen von Personen tragen, die mit mir verwandt oder eng befreundet sind. Nicht auf der Liste sein werden Orte, die ich unbedingt noch sehen möchte. Was soll ich dort?

Allenfalls könnte es der eine oder andere Ort auf die Liste schaffen, den ich noch einmal sehen möchte. Aber ich werde mir das sehr gut überlegen, weil es bekanntlich völlig unmöglich ist, an einen Ort zurückzukehren. Wenn es einer ab und zu trotzdem versucht hat, hat er danach ein Buch geschrieben (You can’t go back), das als Taschenbuch vergriffen ist und die gebundene Ausgabe ist zu schwer, um sie ins Handgepäck zu nehmen.

Es gibt aber etwas, was dem Zurückgehen sehr nahekommt, und wobei man obendrauf viel Zeit, Geld und Mühe spart. Man bucht einen Flug und denkt bis zum Tag des Abflugs an den Aufenthalt, indem man sich an alles erinnert, weshalb man zurückkehren möchte. Gefühle, Ereignisse, Stimmen, Farben.

Aber anstatt hinzufliegen, um die Erinnerung zu giessen wie eine ins Fotoalbum gepresste, vertrocknete Blume, die kein Wasser mehr zum Blühen bringt. bleibt man zuhause. Im Jargon der Fluggesellschaft wird man so zum no show. Es hat sich einem aber vieles gezeigt, eigentlich alles, was es noch zu sehen gab, darunter Dinge, von denen man vor Ort nur ihr Verschwinden hätte feststellen können. Die einzige Chance, anzukommen, ist nie abzureisen.

Vor ein paar Wochen ist mir in den Sinn gekommen, obwohl der Himmel an diesem Tag nicht heiterhell, sondern bedeckt war, dass die Zeit langsam gekommen sein könnte, mich von den Orten zu verabschieden, die ich sicher nie sehen werde. Es wären kurze Abschiede, denn es gibt nicht viel zu sagen, wenn man sich nicht einmal oberflächlich gekannt hat. Eigentlich gar nichts. Du wirst mir auch weiterhin nicht fehlen? Auf Wiedersehen gilt nicht.

Ich könnte es kurz machen. Zum Beispiel Marrakesch. Es wird bei den Stimmen bleiben, von denen mir Elias Canetti einst erzählt hat. Ich habe das Buch noch, müsste es aber noch einmal lesen, um sie wieder zu hören. Vielleicht ein geeigneter Titel für mein erstes Hörbuch, wenn ich eines Tages nicht mehr lesen kann?

Ich sehe, so geht es nicht. Wenn mir bei jeder Verabschiedung von einer Stadt, in der ich nie war, ein oder zwei Dinge in den Sinn kommen, und das eine führt dann, wie bei mir oft, zum andern, sind wir morgen noch hier. So buchen wir nie einen Flug, um ihn zu verpassen. Dabei lohnt es sich wirklich. Für 80’000 Nichtfliegermeilen kriegt man die Erinnerung an einen Ort freigeschaltet, den man vergessen hat. Oder seinen alten Teddybär zurück.

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