Meine grauen Nomaden

Graue Rouladen sind entweder alt und in meinem Kühlschrank schimmlig geworden oder sie sind das Werk eines überdrehten Zuckerbäckers, der allen Ernstes daran glauben will, dass sich irgendjemand (IRGENDjemand) eine graue Roulade kaufen möchte, um sie dann genüsslich zuhause zu verspeisen, die Küchenvorhänge zugezogen, damit niemand etwas abhaben will von dieser wunderbaren grauen Roulade.

Graue Nomaden waren hingegen nie in meinem Kühlschrank und die Wahrscheinlichkeit ist ein Riese, dass sie bezüglich Rouladen einen ganz normalen Geschmack haben. Es handelt sich, so las ich vor ein paar Monaten in einer Sonntagszeitung, um nicht mehr arbeitende Menschen über 55 Jahre, die in Australien herumreisen, und sich alles anschauen, was sie sich während ihrem Erwerbsleben nicht anschauen konnten. Ich möchte gerne die weiten Ebenen sehen, Loretta, oder den roten Felsen, Du weisst schon, aber ich habe die nächsten 30 Jahre grad keine Zeit. Später vielleicht? Kommst Du mit?

Es gibt schätzungsweise mehrere Zehntausend von ihnen und man rechnet offenbar für jeden, der unterwegs ist, mit fünf weiteren die mit dem Gedanken spielen, selber aufzubrechen. Fünf zu eins, man stelle sich das kurz vor. Sogar Kleines wird ziemlich gross, wenn man es oft genug mit Fünf multipliziert.

Dass die Population von grauen Nomaden nicht bereits zu gross geworden ist und zum Schutz des Artengleichgewichts während gewissen Phasen zum Abschuss freigegeben werden muss, ist allein dem Umstand zu verdanken, dass die fünf weiteren mit dem Gedanken spielen wie eine Katze mit einer erwischten Maus. Sie klopfen ein wenig auf dem Gedanken herum und lassen ihn dann liegen.

Unter den grauen Nomaden gibt es Untergruppen, wie der Artikel ausführte, wovon sich eine mit einem Augenzwinkern «geriatric gypsies» nenne, was grob als betagte Zigeuner zu übersetzen sei. Es könnte natürlich auch sein, dass die eines vorgerückten Tages nach dem Einkaufen im Supermarkt einfach vergessen haben, wo sie wohnen, und seither in der Gegend herumkurven und kein Geld haben, um das Augenzwinkern behandeln zu lassen, weil ihr Krankenkassenausweis ja irgendwo dort in einer Schublade liegt und verstaubt, wo sie zuhause wären.

Die «geriatic gypsies», erklärt uns ein wie aus dem Nichts auftauchender Mann namens Cough, den man uns als Experte für ältere Menschen vorstellt, die den Heimweg nicht mehr finden, wollen nie mehr sesshaft werden. Keine Ahnung, woher er das wissen will. Vielleicht haben sie es ihm ja so gesagt, bevor sie losfuhren, aber er kann es sich ebenso gut aus den Fingern gesogen haben, um sich wichtig zu machen und in einer Sonntagszeitung zitiert zu werden, der eitle Geck.

Wie weit sind wir überhaupt gekommen, dass wir einen Mann, der Husten als seinen Namen ausgibt, als Experten zitieren? Dabei genügte ein kurzer Blick in ein medizinisches Lexikon im Netz, um zu erkennen, wie unseriös das ist. «A cough is a reflex action to clear your airways of mucus and irritants such as dust or smoke. It’s rarely a sign of anything serious. «

Auf der Website der «geriatic gypsies» steht das Porträt von Bonny und Roy, nennen wir sie hier einmal so, um Klagen auszuweichen, die seit bald zwölf Jahren unterwegs sind. Sie wollen nicht mehr nachhause (es stimmt also doch). «Wenn es nicht mehr geht, fahren wir auf einen Caravan-Park und warten auf Gott», schreiben sie auf der Webpage. Das ist eine schöne Vorstellung, Kinder, man darf sie sich einfach nicht vorstellen.

Was immer man davon hält: Reuven Djemand hatte diese Vorstellung nie. Er glaubt weder an Caravans noch an die letzte Ausfahrt und im Gegensatz zu den meisten grauen Nomaden, die in Paaren unterwegs sind und sich die anfallenden Arbeiten teilen (Fahren, Beifahren, Essen, Kochen, nur die Landschaft wird zusammen bestaunt) ist er in seinem alten Chevy alleine unterwegs. Er hat öliges, nach hinten gekämmtes Haar wie in den 50er Jahren und sieht, wenn er seinen Wagen volltankt, trotz seiner Einsamkeit so aus, als möchte er nicht angesprochen werden. Bevor er eines Tages losfuhr, hat er sein Geld als Zuckerbäcker verdient. Sein Lebenstraum war die grosse Roulade. Guinessbucheintrag. Und dann die Backstube schliessen.

Aber Ich möchte hier nicht weiter auf ihn eingehen. Er lohnt sich nicht, denn ich habe ihn eben erst und rein zufällig erfunden. Ich habe auch keinerlei weitere Verwendung für ihn. Er ist mir untergekommen, als ich ganz zu Beginn IRGENDjemand schrieb, um das IRGEND optisch zu betonen, weil mein Blog noch immer nicht sprechen kann. Wie alt muss er noch werden? Seine Schwester hat in seinem Alter Bücher geredet.

Als ich das Wort dann noch einmal las, ist mich Djemand angesprungen. Der Name stammt aus einem Subkontinent, wo es wilde Tiger gibt, soviel kann ich sagen, und man betont ihn auf der zweiten Silbe, wenn überhaupt. Kann sein, dass er in gewissen Gegenden nur gemurmelt oder hinter vorgehaltener Hand gemauschelt wird, weil das Geschlecht zur Kaste der Fahlen gehört, die die Hände verwechseln. Ich kann’s echt nicht erklären und gerade jetzt merke ich, dass mir so ziemlich alles leid tut. Auch dass ich ihn erfunden habe und nun gleich wieder fallenlasse. Ich mach das nicht gerne, glauben Sie mir, aber ich weiss ja nicht einmal, woher der Vorname kam.

Scheint nicht mein Tag zu sein heute. Es müsste bei WordPress eine Software eingebaut sein, die den Text löscht, wenn man nicht gut drauf ist, bevor man ihn posten kann. Gesichtserkennung würde reichen. Ein paar einfache Algorithmen. DisAPPearence. Kann das jemand husch erfinden? Danke.

Ich möchte aufgrund meiner heutigen Erfahrung dringend davon abraten, vor allem jüngeren Kollegen, die es schreibend noch zu etwas bringen möchten, einen Text, den man im September begonnen hat, im Februar des folgenden Jahres beenden zu wollen. Das geht in der Regel schief und auch die Ausnahmen liest kein Schwein.

Entschuldigen möchte ich mich ausdrücklich bei den grauen Monaden. Ich stelle mir das wunderbar vor, was ihr macht, auch wenn alles ziemlich klein ist und wegen meiner schlechter werdenden Augen kaum noch etwas für mich sein wird.

Auch die letzten Jahre meines Lebens mit einem Camper kreuz und womöglich quer durch Australien zu fahren, dürfte kaum in meinem Buch stehen. Das heisst aber nicht, dass das keine gute Lösung ist. Lasst euch von mir nicht abbringen, schon gar nicht vom Weg. Zieht weiter! Die Welt gehört euch, seit sie euch nicht mehr gehört.

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