Unnütz oder zu nichts Nutz?

– erstaunliche Parallelen zwischen Milz und Diplomatie

Lange Zeit galt die Diplomatie als ebenso überflüssig wie die Milz. Heute kennt man ihre Funktion, während sich das Vorurteil über die Diplomatie bei vielen verfestigt hat: sie ist überflüssig. Das sind aber nicht die einzigen Unterschiede. Es gibt auch kaum Gemeinsamkeiten. Ein Blick in die Forschungsgeschichte von Milz und Diplomatie fördert trotzdem erstaunliche Parallelen zutage und es erweist sich einmal mehr, wie viel erkenntnisreicher interdisziplinäre Forschungsansätze sind, wenn man dabei nicht die gleichen Disziplinen vergleicht.

Aufenthaltsort unbekannt
Die meisten Menschen können nicht auf Anhieb und nicht einmal ungefähr sagen, wo in ihrem Körper sich die Milz befindet. Auch ihre Funktion ist weitgehend unbekannt. Die seit 1987 im Schengenraum zweimal jährlich durchgeführten Befragungen zur Erhebung des europäischen Milzbarometers (EUMiB) zeigen mit einer gewissen Konstanz ein gleichleibendes Unwissen des europäischen Durchschnittsbürgers bezüglich des Aufenthaltsortes seiner Milz. Von der Einführung der Organfreizügigkeit haben nicht nur Wandernieren profitiert, auch die Milz ist seither praktisch überall zu finden, bei angenehmem Wetter sogar in Konstanz.

Über die Funktion ihrer Milz wissen Europäer trotzdem wenig bis gar nichts. Sogar in Ländern wie der Schweiz mit einem Milzparlament und einer Milzarmee grassiert ein Unwissen, dass bei vielen mit zunehmendem Alter zu Leberverfettung führt. Die Bevölkerung hat ihr Unwissen über die Milz Jahrhunderte lang mit den Ärzten geteilt, wobei die Milz ihren Trägern mehr Probleme verursacht hat als das Unwissen über ihre Funktion den Ärzten, die sie kurzerhand entfernten.

Diese Praxis wurde so oft in der Praxis angewandt, weil nach Operationen in der Theorie oft Flecken auf dem Papier zurückblieben. Ein anderer Grund war, dass es offenbar ein Leben ohne Milz gibt. Dies lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass Patienten, denen die Milz entfernt wurde, auch danach noch jahrelang zu Arztkonsultationen erschienen sind.

Auswertungen von Arztagenden in Schwaben und Nordrheinwestfahlen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben hingegen ergeben, dass Patienten, denen man das Herz, die Lunge oder die Leber entfernt hatte, in den allermeisten Fällen nicht mehr zu einem Nachuntersuch erschienen sind.

Die wenigen Ausnahmen führt die Autorin einer 2016 erschienenen Dissertation (Liselotte Schröder: «Einwegpatienten») darauf zurück, dass es in diesen damals mausarmen, ländlichen Gegenden Menschen gegeben hat, die sich einen Namen teilten, sowie ein paar wenige Fälle mit zwei Lungen oder drei Herzen.

Lange Zeit galt die Milz als Organ ohne Funktion, weil man ohne sie anscheinend problemlos überleben konnte und auch selten danach gefragt wurde. Bei Diplomaten war es wenn nicht ähnlich, so doch fast gleich. Jahrhunderte lang waren Staaten ohne Diplomaten ausgekommen und die ersten wurden nicht selten als Geiseln gehalten oder vom Empfangsstaat geköpft.

Aus der Moderne sind zahlreiche Falle von dysfunktionalen Diplomaten dokumentiert. Wer an der Zentrale Probleme verursachte oder nicht gut funktionierte, wurde ohne langes Federlesen ins Ausland versetzt und dort vergessen. Die Zentrale funktionierte danach mindestens gleich gut oder gleich schlecht, das liegt im Auge des Betrachters. Immerhin lässt der in den Quellen verwendete Begriff des dysfunktionalen Diplomaten vermuten, dass es eine Funktion des Diplomaten gibt.

Parallelen in der Erforschung
1729 hielt der englische Arzt und Poet Richard Blackmore in einer medizinischen Fachzeitschrift fest, «der Schöpfer der Natur» habe «nichts umsonst gemacht», die Milz müsse deshalb eine Funktion haben. Welche, wisse er nicht, aber er werde heute Abend seine Frau fragen.

Ungefähr zur selben Zeit (im Spätsommer 1734) schrieb der deutsche Kulturphilosoph und Bergsteiger Wendolin Schurter in sein mehrfach überarbeitetes und später wegen seinem allzu langen Titel nie publiziertes Standardwerk «Vom Unnützen – Dinge, die es wahrscheinlich besser nie hätte gegeben haben sollen und trotzdem gab- wer hat sie bloss erfunden» im kurzen Kapitel, das er der Diplomatie widmete: «Es kann nicht sein, dass die Gesandten überhaupt keinen Zweck erfüllen. Keine Organisation schickt jemanden samt Ehefrau und wenn möglich Kindern irgendwohin (und bezahlt ihn auch noch dafür), wenn es dort nichts, aber auch gar nichts zu tun gibt, und ich war selber dort.»

Warum, fragte Blackmore, sollten Wirbeltiere die Milz, wenn sie keine Funktion gehabt hätte, über sämtliche Evolutionsstufen hinweg bewahrt und sie auch regelmässig in die Ferien mitgenommen haben?

Schurter, auf der anderen Seite (für die er sich erst spät in seinem Leben und nach langem Zureden seines Friseurs entschieden hatte), war sich absolut sicher, dass er recht hatte mit seiner These. «Wieso», schrieb er in seinen Entwurf, «sollte jemand Ferien beziehen, der nicht arbeitet?» Obwohl er den Satz in seinem dritten Manuskript doppelt unterstrich, erschien er in der vierten Version gar nicht mehr.

Erst 200 Jahre später sollte Blackmore Recht erhalten. Er konnte allerdings nicht mehr allzu viel damit anfangen und seine Frau soll ihn deswegen beim Frühstück gehänselt haben, als der Postbote das Paket abgeliefert hatte. «Wie immer!», soll sie zu seiner Fotografie auf der Kommode gesagt haben, «Du reisst Dir den Arsch auf und irgendjemand anders erhält dann die Blaubeeren dafür. Das hast Du jetzt davon, tot zu sein.»

Schurter erging es nicht viel besser. Obwohl er von der Existenz eines Sinns der Diplomatie fest überzeugt war, gelang es ihm Zeit seines Lebens nicht, diesen Sinn nachzuweisen. Gegen sein Lebensende hin war er deswegen immer verzweifelter und am 26. November 1752, drei Monate vor seinem Tod, notierte er in sein Tagebuch. «Es geht mir zunehmend schlechter. Ich muss mich beeilen, wenn ich es noch schaffen will. Der indirekte Beweis anhand von Akten ist mir nun zum wiederholten Male misslungen. Ich werde einen (Diplomaten, Anm. der Red.) sezieren müssen.»

Schurter musste selber gewusst haben, dass dieses Unterfangen in einer Zeit, in der nur die Grossmächte Gesandte in andere Hauptstädte schickten, schwierig werden würde. Er trug in seinen letzten Wochen das Sezierbesteck stets auf sich, machte sich aber keine Illusionen über die Erfolgsaussichten seines Vorhabens.

Blackmore hat die Einführung von Impfungen für Personen ohne Milz ebenso wenig erlebt wie Schurter den Einsatz von Laptop-Botschaftern, die nur mit einem Laptop ausgerüstet aus einer Hotelküche im Nebenamt die Interessen ihres Staates vertreten. Bei Patienten ohne Milz helfen die Impfungen gegen Erreger wie Pneumokokken und Meningokokken, die neben einer zusätzlichen Zellmembran meist auch Anteile an einer Zweitwohnung in den Abruzzen besitzen, die sie sich mit einem Studentenkollektiv teilen.

Im Normalfall kümmert sich die Milz rührend um all diese kleinen Kokken und wäscht ihnen auch einmal die Wäsche, wenn sie am Wochenende nachhause kommen um sich durchfüttern zu lassen. Einen Körper ohne Milz muss man sich hingegen unwirtlich und trostlos vorstellen und die Kokken kommen nach wenigen Wochen erst gar nicht mehr nach Hause. Die Milz hat also durchaus eine Funktion, auch wenn Blackmore den Nachweis dafür weder erbringen noch erleben durfte.

Schurter seinerseits hat bis zu seinem letzten Atemzug daran geglaubt, den Sinn der Diplomatie nachweisen zu können, ausser man neigt, wie sein Schüler Karl-Heinz Sonderegger, zur doch etwas gewagten Annahme, sein letzter Tagebucheintrag («Sie sind absolut sinnlos») beziehe sich auf das Objekt seines lebenslangen Studiums.

Heute ist es längst Standard geworden, dass eine Milz nicht mehr operativ entfernt wird, ausser sie macht wirklich Stunk. Auch eine Milz, die ihre Hauptfunktion nicht mehr ausführt (was bei störrischen alten Milzen ab und zu vorkommt), dient dem Körper immer noch als Friedhof für defekte rote Blutzellen. Wenn sie auch diesen Dienst verweigert, springt in der Regel die junge Leber von nebenan auf dem Heimweg vom Tageshort ein, obwohl sie das Filtersystem der Milz nicht wirklich ersetzen kann und es in ihrer Wohnung schnell einmal eng werden kann.

Wird die Milz heute nur noch in ganz seltenen Fällen vollständig entfernt (Splendektomie), so ist man bei den Diplomaten in den meisten Staaten beim bewährten Mittel der Versetzung geblieben (neuerdings auch auf bewertete Stellen). Nur im äussersten Fall wird eine Diplotomie vorgenommen, bei der ein Botschafter durch kräftige Herren in weissen Kitteln aus seiner Residenz entfernt wird.

Die Entfernung eines Botschafters kann gemäss Personalchef Erwin Rombacher aber dazu führen, dass es unter dem Residenzpersonal zu unkontrollierten Jubelszenen kommt, bei denen auch schon antikes Mobiliar zertrümmert wurde. Diplotomien werden deshalb nach Möglichkeit vermieden oder durch eine Frühpensionierung umgangen.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass sich Milz und Diplomatie erstaunlich ähnlich sehen, irgendwie. Früher wusste man über beide praktisch nichts und die Moderne hat die Unterschiede noch verwischt, ja geradezu unkenntlich gemacht. Ultraschall und Computertomografie gehören heute ebenso zum Alltag wie ein Mähdrescher in ein Landwirtschaftsmuseum. Wer das nicht wahrhaben will, wird eines Tages mit Kopfweh erwachen, und sich fragen, was er mit seinem sich dem Ende zuneigenden Berufsleben angefangen hat. Antworten finden wird er allerdings nicht.*

(* dies ist eine Zusammenfassung eines Artikels, dessen Veröffentlichung das Wissenschaftliche Journal im Oktober 2014 abgelehnt hat, weil der Umschlag nicht genügend frankiert war)

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