Der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, im Garten raucht jemand Shit. Aber natürlich weiss ich es besser, denn der Garten ist der Garten der Botschaft und ich bin der Chef hier. So wird das jedenfalls von den meisten gesehen. Ich müsste es also wissen, wenn im Botschaftsgarten jemand Shit raucht. Ich trage schliesslich die Verantwortung, auch für den Garten.

Es ist ein lauer Spätsommernachmittag, mein Fenster steht sperrangelweit offen, und der Ausdruck trifft für einmal sogar zu. In diesem historischen Gemäuer sind die grossen Fenster auch nach der Renovation vor ein paar Jahren noch mit Sturm- oder Windhaken versehen, die man einhaken kann, wenn man die Fenster ganz öffnet, damit sie nicht vom Wind zugeschlagen werden und das Glas zerbricht.

Diese Wind- oder Sturmhaken heissen Sperrangel. Das Wort ist nicht mehr sehr gebräuchlich. Nur noch das Adjektiv taucht hin und wieder im deutschen Sprachraum auf. Sperrangelweit steht für weit offen, so offen wie nur möglich, megaweit offen. Die maximale Offenheit. Offener geht gar nicht.

Obwohl es dann eben oft keinen Sperrangel hat und irgendetwas schlägt dann zu und etwas geht kaputt. Vielleicht ist auch der Sperrangel so kaputtgegangen, zerschmettert an der Mauer an einem stürmischen Tag, als niemand zuhause war, um ihn einzuhaken. Wie lange das Adjektiv alleine noch überleben wird, ist ungewiss. Interessiert aber wohl auch fast niemanden.

Eine im letzten Mai dann doch nicht durchgeführte Umfrage unter 2700 zufällig ausgewählten Facebook-Benutzern hätte ergeben, dass mehr als zwei Drittel das Wort «sperrangelweit» altertümlich und sperrig finden (gegenüber den drei Fünfteln, die vor viereinhalb Jahren das Wort noch geliked hatten) und es in Zukunft nicht mehr verwenden werden.

Trotzdem bleibe ich dabei: aus dem Garten weht der Geruch von Shit in mein Büro. Ich bin mir jetzt ganz sicher. Irgendjemand raucht hier einen Joint. Meine Augen haben längst nachgelassen, meine Ohren sind nicht mehr die besten, aber auf meine Nase kann ich mich verlassen. Sie ist zwar mit dem Alter grösser geworden und beherbergt mehr Haare, wie die Ohren, aber sie funktioniert tadellos.

Wie Shit riecht, weiss ich nicht erst seit den zwei gescheiterten Versuchen, die ich im bereits fortgeschrittenen Alter gemacht habe (beim ersten Mal war ich sicher, dass ich total schief gehe, wie der schiefe Mann aus Pisa, und beim zweiten Mal wurde mir einfach nur schlecht und ich musste zweimal sofort aus dem Regionalzug aussteigen).

Wie Shit riecht, weiss ich, und werde es nie vergessen, seit ich vor zwanzig Jahren am Bahnhof meiner damaligen Wohngemeinde jeden Morgen um fünf Uhr dreissig hinter einem Jugendlichen durch die Unterführung und die Treppe zu den Geleisen hochgegangen bin, dem es offenbar unmöglich war, mit klaren Sinnen in die Lehre oder zur Schule zu gehen.

Jedes Mal, wenn ich Shit rieche, denke ich kurz an ihn und was wohl aus ihm geworden ist, und dann sage ich zu meiner Frau, da raucht jemand Shit (der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk) und meine Frau sagt dann immer «Ich rieche es nicht», denn sie kennt es nicht, weil sie nie in Männedorf den Frühzug nahm.

Wer aber raucht hier im Garten? Der Gärtner hat heute den Rasen gemäht, aber er ist längst fertig damit und der Garten ist still und leer. Raucht jemand im Büro unter oder neben mir? Die Haushälterin? Ein vergessen gegangener Gast von einem der letzten Anlässe?

Handwerker sind keine im Haus, meines Wissens, obwohl mir ab und zu in der Residenz, die hier direkt an die Kanzlei anschliesst, einer begegnet, auf den ich nicht vorbereitet bin. «Grüssgott» sagt er dann, und ich sage «Grüssgott» und schaue ihm nach, wie er mit seinem Werkzeugkasten von dannen schreitet. Irgendetwas hat er repariert, denke ich, oder in Stand gehalten.

Ein schöner Abend kündigt sich an. Das milde Abendlicht glänzt auf den Kuppen des Unteren Belvedere. Der Botschaftsgarten liegt bereits im Schatten, während die Skulpturen im Rest der Gartenanlage des Palais Schwarzenberg noch in ihrem Weiss erstrahlen. Jemand hat mir neulich erzählt, dass sie ab und zu mit einer speziellen Lösung geduscht werden und deshalb noch so schön weiss sind.

Ich muss hier schliessen, auch mein Fenster. Heute Abend kommt meine Frau nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nachhause, und ich will noch duschen, bevor ich zum Flughafen fahre, auch wenn ich nie mehr ganz weiss werden kann.

Ich werde ihr nicht erzählen, dass es gerade ganz stark nach Shit gerochen hat. Was sollte sie damit anfangen? «Ich rieche es nicht», würde sie sagen. Also werde ich ihr sagen, «Es ist wunderbar, dass Du endlich wieder da bist!», denn das ist es, und «Wie geht es Deiner Mutter?»
(13.09.2018)

Eine Antwort to “Der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk”

  1. Roger Ingold Says:

    shitstorm in der Botschaft ??

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