Hunde spazieren von Wien über Boston nach Salt Lake City

(ein Plädoyer für eine Sozialgeschichte des Gehsteigs)

Seit wir zwei junge Hunde haben, bin ich wieder öfter im Freien, obwohl die Kleinen noch nicht wirklich Gassi gehen wollen. Sie jagen einander lieber in horrendem Tempo durch Wohnung und Garten, bis sie völlig geschafft sind und mal schnell vier Stunden schlafen müssen. Am liebsten mit dem Kopf auf einem Schuh oder in einer Sandale meiner Frau.

Das gleiche (sich jagen) machen sie auch in den Strassen und Gassen von Wien, auf den Plätzen, Gehsteigen und in den Stadtgärten, wenn sie nicht gerade herumschnüffeln und alles in den Mund nehmen, was herumliegt. Gib aus!

Wenn ich dann stehe und warte, bis das Schnüffeln kurz unterbrochen wird, oder bis sich der purzelnde Knäuel wieder entwirrt und zu zwei Hunden wird, fällt mir vieles auf, was ich vorher im raschen Vorübergehen höchstens gesehen, aber nicht wirklich angeschaut hatte.

Ins Freie getrieben und eingebremst von zwei schnüffelnden und raufenden Hunden beginne ich, Dinge zu betrachten und über sie nachzudenken. Haben Sie schon einmal zugesehen, wie jemand Randsteine setzt? Oder darüber nachgedacht, wofür Randsteine gut sind?

Wenn man keine Hunde hat, die einen die Dinge draussen betrachten lassen, und stattdessen zuhause im Internet nachschauen muss, könnte man leicht den Eindruck erhalten, Randsteine setzen sei eines der verbreitetsten Hobbys unserer Zeit, gleich hinter Kühlschränke abtauen. Es gibt zahllose Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Nachdem ich neulich an der Argentinierstrasse im vierten Bezirk eine Weile lang zugeschaut hatte, wie zwei Männer Randsteine setzten, während unsere beiden Pudel die Abschrankung ausschnüffelten, wurde mir klar, dass Randsteine notwendig sind. Der Gehsteig würde sich sonst in der Strasse verlieren. Oder sagt man in Wien Bürgersteig?

Trottoir, wie wir in der Schweiz, wohl eher nicht. Obwohl ich erst in Wien durch unsere Pudel begriffen habe, wie zutreffend der Begriff – eine Ableitung zum französischen Verb trotter – tatsächlich ist. In Trab gehen, traben, trippeln, umherschweifen – genau das machen unsere beiden Pudel auf dem Gehsteig, unterbrochen von intensivem Herumschnüffeln und Raufen.

Ob Trottoir, Gehsteig oder Bürgersteig: es braucht zur Strasse und zum Verkehr hin eine Abgrenzung durch den Randstein. Nur schon deshalb, weil man sonst nicht ungefährdet im Regen Gedichte lesen könnte. In Boston, fiel mir ein, hatte eine Organisation einmal Gedichte mit Schablonen auf die Bürgersteige gesprayt, die erst sichtbar wurden, wenn es regnete.

Weil die Hunde noch nicht weiterwollten und da ich schon in den USA war, erreichte mich aus dem Westen auch noch die Erinnerung an die Randsteine von Salt Lake City, die mir vor 35 Jahren aufgefallen waren, weil sie wegen der Schneeschmelze sehr hoch sind.

Dann waren die Hunde müde und wir kehrten nachhause zurück. Es gäbe noch vieles zu sagen zu Gehsteigen. Vielleicht sollte meine Tochter Theres nach Abschluss ihrer Studien eine Sozialgeschichte des Gehsteigs schreiben. Mit einem Kapitel über Pudel und Gedichte bitte, über Regen in Boston und die Schneeschmelze in Salt Lake City.

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