Abgerissene Aufhänger

“Er hat ein wenig abgegeben”, sagte der Mann, der seit Beginn der Zugfahrt über ein Sprechset mit seiner Mutter sprach, während er an seinem Laptop herumspielte. Er sass mir schräg gegenüber und war, wie man aus seinem Dialekt und der Tageszeit kombinieren konnte, unterwegs nachhause in die Ostschweiz. Er würde bis zur Endstation des Intercity Zugs auf seinem Sitz sitzen bleiben und vielleicht ab Bahnhof Romanshorn einen Regionalbus nehmen. Gut möglich, dachte ich, dass er bis zur Station Zürich Flughafen, wo ich ihm entkommen werde, mit seiner Mutter spricht.

Ich wusste natürlich nicht, ob am anderen Ende wirklich seine Mutter war. Es tönte für mich einfach so. Aber wer hatte abgegeben? Und was meint man eigentlich, wenn man von jemandem sagt, er habe abgegeben? Ich weiss natürlich, was man landläufig damit meint. Ich habe das vielleicht auch schon das eine oder andere Mal über einen älteren Menschen gesagt. Er oder sie habe abgegeben. Aber heute ärgert mich der Ausdruck. Er kommt mir ausgesprochen dumm vor.

Warum früher nicht? Warum erst heute? Habe ich nun selber Angst davor, abzugeben? Habe ich vielleicht sogar schon mit Abgeben begonnen? Ich mag mich nicht erinnern, schon einmal gehört zu haben, wie jemand zu jemandem sagt: “Ich glaube, ich habe in letzter Zeit ein wenig abgegeben”. Merkt man es, wenn man abgibt?

“Seine Schwestern sterben gerade”, sagte der Mann. Und nach einer kurzen Pause:
“Nein – SEINE Schwestern…”
Vielleicht war es doch nicht seine Mutter. Seine Mutter hätte nicht nachfragen müssen.

Von wem auch immer die Rede war im Zugabteil zwischen Bern und Aarau: Ich empfand Mitleid für ihn. Nicht wahnsinnig tief empfunden, ich kannte ihn ja nur vom Hörensagen, aber doch Mitleid. Er hatte offenbar zuletzt abgegeben und jetzt starben ihm auch noch seine Schwestern weg. Nicht eine, seine. Das war etwas viel.
(Hatten sie vorher abgegeben? Gingen sie voll bepackt? Und warum gleich alle zusammen?)

Dann war das Gespräch plötzlich zu Ende. Er müsse noch ein wenig arbeiten, sagte der Mann mit dem Sprechset, verabschiedete sich und begann wieder in seinen Laptop zu tippen. Woraus seine Arbeit bestand, wurde wenig später klar, als er mit jemandem aus seiner Firma sprach, der entweder noch im Büro oder gerade in einem anderen Zug sass. Es ging um eine Offerte, aus der man einen Teil, so schlug es der Mann jedenfalls seinem Gesprächspartner vor, weglassen sollte, weil man das besser separat offeriere. Das machte absolut Sinn, obwohl ich nicht wusste, wer ihm gegenüber sass.

Es war zum Glück ein kurzes Gespräch. Und seine Mutter rief auch nicht zurück. So verlief der Rest der Zugfahrt wohltuend ruhig. Auf den Wiesen lag noch ein wenig Schnee und aus meinem Rucksack roch es angenehm nach Kaffee. Wahrscheinlich hatte ich einen der Kaffeebeutel, die ich hastig im Rucksack verstaut hatte, um den Zug nicht zu verpassen, beschädigt.

Dass man mich nicht missverstehe: ich habe mich nicht geärgert über den Mann. Jedenfalls nicht sehr. Er hatte das Recht, mir gegenüber zu sitzen und Gespräche zu führen. Es war kein Ruhewagen. Und er war mir auch nicht unsympathisch, wie er vom ersten Konzert seines Kindes in der Schule erzählte. Er ist sicher ein guter Ehemann und Vater. Ich wünsche ihm, dass es noch lange dauert, bis er selber abzugeben beginnt. Und falls er Schwestern hat, wünsche ich ihnen ein langes Leben, damit sie ihn überleben und ihm nicht irgendwann wegsterben. Ich stelle mir das einfacher vor für ihn.

Bestimmt dachte er, ich sei ein Idiot. Und ich kann es ihm nicht einmal verübeln. Wer in ein Zugabteil tritt, seinen teuren Mantel an der Aussenwand seines Sitzes aufhängt, ihn noch sorgfältig zur Seite schiebt, nur um sich dann doch draufzusetzen und – ratsch – den Aufhänger abzureissen, ist tatsächlich ein Idiot, ein gut gekleideter zwar, aber eindeutig ein Idiot.

Und so etwas passierte mir ja bei Weitem nicht zum ersten Mal. Wenn ich darüber Buch geführt hätte, über das Abreissen meiner Aufhänger, würde ich schätzen, dass es mir so oder ähnlich schon mindestens zehn mal passiert ist. Das heisst im Schnitt einmal alle sechs Jahre. Und das ist wahrscheinlich konservativ geschätzt.

Schon sehr bald wird man solche Dinge nicht mehr schätzen oder hochrechnen müssen. Überwachungskameras werden den öffentlichen Raum, also auch das Innere von Zügen, obwohl dort zunehmend private Gespräche geführt werden, lückenlos erfassen und wegen dem Datenschutz wird man seine eigenen Bilder und Filme, dank Gesichtserkennung aussortiert, abrufen können.

Nicht nur die Bahn wird dann jederzeit darüber Auskunft geben können, wie viele Idioten sich an einem Tag oder in einer Woche den Aufhänger ihrer Mäntel und Jacken abgerissen haben, auch wir Idioten wären imstande, unsere eigene Tölpel-Statistik abzurufen und die Einzelfälle mit Freunden und Verwandten zu teilen. Schau mal – hier schütte ich mir zum vierten Mal diese Woche den Kaffee auf das Hemd. Das war, als ich unterwegs war zum Ministertreffen. Und natürlich hatte ich kein zweites Hemd dabei. Was haben wir gelacht.

Ich glaube, das Geheimnis, wenn es ein Geheimnis gibt, ist, nicht aufzuhören, über sich selber zu lachen. Auch wenn man älter wird und dadurch noch ungeschickter, als man es ohnehin war. Auch wenn man vielleicht schon damit begonnen hat, abzugeben, und es möglicherweise sogar merkt. Die Fähigkeit, über sich zu lachen, sollte man erst ganz zuletzt abgeben.

Vielleicht kann man nicht immer sofort lachen. Wenn es den Film schon geben würde, wie ich mir den Aufhänger abgerissen habe auf dieser Zugfahrt, und wenn der Film auch Ton haben würde, könnte man hören, wie ich leise fluche. Aber kurz darauf, noch bevor ich von den sterbenden Schwestern erfuhr, konnte ich bereits darüber lachen.

Darüber, wie ich mich wie ein Idiot aufführe. Über die oft tölpelhafte Rolle, die ich in meinem Leben spiele. Ich stamme in direkter Linie von Tölpeln ab. Vom Grossvater über meinen Vater, die zudem noch den gleichen Vornamen trugen wie ich. Nur meine jüngste Tochter, der ich das Tölpel-Gen vererbt habe, heisst nicht Walter.

Habe ich erwähnt, dass der Mann, der mit seiner Mutter sprach, nicht nach Romanshorn fuhr, sondern tatsächlich vor mir aus dem Zug gestiegen ist?

2 Antworten to “Abgerissene Aufhänger”

  1. Clemens Schedler Says:

    Zweifelsfrei eine Geschichte mit einem wirklich guten Aufhänger!

  2. Sidler Jeannette Says:

    Lieber Walter
    So sympathisch – ich mag Menschen mit Tölpel-Genen.
    Freue mich immer auf eine neue Geschichte von dir.

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