Land ohne Strand

(wie ich Graham verlor)

Graham war wie ein Bruder für mich, damals. Was haben wir nicht alles zusammen gemacht. Nicht alles, eigentlich wenig, immer wieder dasselbe. Und es ist sehr lange her.

Graham existierte nicht wirklich, aber das spielte damals keine Rolle. Wenn man 14 ist, in einem Land ohne Strand lebt und die Beach Boys am Radio hört, gehört Graham dazu, auch wenn er nicht existiert.

Es tat jedenfalls weh, ihn zu verlieren, als der Tag kam, nach mehr als vier Jahrzehnten. Und es war kein Phantomschmerz, es tat wirklich weh. Graham war kein Phantom. Er war wie ein Bruder (nicht meiner).

Die Wege waren kurz, damals. Es begann jeweils mit „daaaaa-daradada….“ und dann kamen wir auch schon bei John B. an, Graham, Vater und ich.

Sloop war sein Spitzname. Sloop, wie andere Snoopy heissen, Droopy, Mäse oder Schampi. Er hiess Sloop, und er war ein Freund oder zumindest ein guter Bekannter meines Vaters. Jedenfalls gab es unweigerlich Krach, wenn wir ihn mit Vater besuchten. Jedes verfluchte Mal.

Wir tranken Alkohol und dann gab es ein Gerangel, das sich bald zu einem handfesten Krach ausweitete, bei dem ein Koffer in Brüche ging, und dann kam jeweils der Moment, wo der Sheriff kam und ihn abführte. Sloop, meine ich. John B. (oder den Kerl, der den Koffer aufgebrochen hatte).

In Handschellen. Aber vielleicht habe ich die gerade erfunden.

Graham und ich wollten nachhause. Wir fühlten uns miserabel. Vom vielen Bier, aber noch mehr vom Gerangel, vom Kampf zwischen den Erwachsenen, die sich gerade noch zugeprostet hatten. Wir waren fix und fertig. Es war zu viel für uns.

Warum der Sheriff jedes Mal John B. verhaftet hat (Sloop) oder den Mann, der den Koffer aufgebrochen hatte, und nie meinen Vater, weiss ich nicht. Jedenfalls wollten Graham und ich nur noch nachhause. So rasch wie möglich. Es kam uns wie die schlimmste Reise vor, auf der wir je waren, und wahrscheinlich war es das auch.

Warum wir trotzdem jedes Mal wieder freudig mitgingen, wenn Vater sagte (er sang es mehr): „Come on to Sloop John B.!“ ist mir heute ein Rätsel.

Graham war zwei Jahre jünger als ich. Er war 13 damals. Maximum. Er hätte eigentlich noch kein Bier trinken dürfen. Aber Vater machte jedes Mal eine Ausnahme, wenn wir mit ihm zu John B. fuhren. Zu seinem Freund Sloop.

Auf dem Heimweg gab er uns beiden dann ein Lakritze-Bonbon. Wir nannten es Bärendreck. Es sollte verhindern, dass Mutter das Bier roch. Und wird durften auf keinen Fall etwas vom Kampf erzählen, der stattgefunden hatte. Natürlich roch sie es trotzdem.

„Wie kannst Du einem 13-jährigen Jungen Bier zum trinken geben? Wie kannst Du nur?“ schrie sie meinen Vater an. „Und was ist mit Deinem Auge passiert?“

An ihrer Aufregung lässt sich ablesen, dass wir uns in den frühen 70er-Jahren befanden. Es war noch nicht die Zeit, in der sich Teenager regelmässig volllaufen lassen bis sie sich übergeben müssen und nicht mehr wissen, wo und wer sie sind.

Es hat Graham nichts ausgemacht, das Bier. Er ist unversehrt gross geworden und hatte, soviel ich weiss, bis zu seinem plötzlichen Verschwinden noch sämtliche Hirnzellen.

Wie ich ihn verloren habe? Auf Youtube. Über vierzig Jahre nach der letzten Prügelei. Das Lied ist mir in den Sinn gekommen, eines Tages, im April, einfach so: Sloop John B., und ich habe den Titel eingegeben im Suchfenster und bin auf eine Version mit den Song-Lyrics gestossen.

Ich möchte, ich hätte es nicht getan. Ich würde viel dafür geben (meinen neusten Koffer, gefüllt mit was Sie wollen), wenn ich es ungeschehen machen könnte. Alles hat sich aufgelöst, innerhalb von drei Minuten. Nicht in nichts, in etwas anderes, aber was mich betraf, hätte sich ebensogut alles in nichts auflösen können. Vielleicht wäre das leichter gewesen.

Sloop John B. wurde eine Schaluppe, Graham und ich wurden „graaandfather and me“, Mutter konnte den Alkohol nicht mehr riechen und Vater kam überhaupt nicht mehr vor in der Geschichte.

Ich war zuhause, als ich Graham verlor. Ich sass in meinem Zimmer, vor meinem Computer, und ich wollte nur noch nachhause

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