Kurz bevor Tim und Trigger über die Hügelkuppe kommen

(Lars Gustafsson as himself,  aus Elastolin)

Es wird mir gehen wie mit Tim und Struppi, ich weiss es. Der Tag wird kommen, und er ist leider nicht mehr weit entfernt, er ist schon ziemlich nahe gerückt, und wenn ich daran denke, frage ich mich einmal mehr, was schwieriger ist: das Ende oder das Näherkommen des Endes. Ich glaube, für mich ist es das Näherkommen.

Wenn er da ist, dieser Tag, werde ich das letzte Buch von Lars Gustafsson gerade zu Ende gelesen haben. Ich werde es zuklappen und es auf den Beistelltisch legen. Ich werde zu meiner Tasse greifen und einen Schluck längst erkalteten Tees trinken. Und genau von diesem Augenblick an werde ich es nicht wahrhaben wollen, dass es keine Bücher mehr von ihm geben soll, die ich noch nicht gelesen habe, keine alten, und auch nie mehr ein neues.

Lars Gustafsson ist am 3. April 2016 gestorben. Auf der Liste gestorben.am müsste er in der Rubrik Schriftsteller, Dichter & Literaten zwischen Imre Kertész (31.03.) und Péter Esterházy Galántha (14.07.) aufgeführt sein (auf Dario Fo und Ilse Aichinger konnte er nicht mehr warten), aber er ist da nicht aufgeführt. Lebt er vielleicht doch noch, ist unter einem anderen Namen nach Austin, Texas, zurückgekehrt und schreibt gerade einen weiteren, wunderbaren Roman?

Leider ja wohl nicht. Wie ich den Tod und das Internet kenne, ist der eine unwiderruflich und das andere voller Schlamperei. Gustafssons Fehlen auf dieser Liste ist leider nur der grenzenlosen Ignoranz ihrer Verfasser zuzuschreiben. Wie kann man Gustafsson vergessen? Wenigstens haben sie Hergé (Georges Prosper Remi) in ihre Liste aufgenommen. Als er 1983 starb, war ich 25 Jahre alt und hatte die Suche nach neuen Tim und Struppi Bänden aufgegeben.

Jahrelang war ich in den Buchläden und Comix-Shops am Regal mit den Tintin-Bänden gestanden und hatte jeden einzelnen Band in die Hand genommen, obwohl ich schon am Buchrücken sah, dass ich ihn kannte, um nachzuschauen, ob es vielleicht doch noch ein Abenteuer des mutigen Reporters mit seinem kleinen Hund gab, das ich noch nicht kannte. Auch die immer gleiche Miniatur-Abbildung der Titelbilder aller Bände auf der Rückseite jedes Bandes habe ich immer wieder mit dem selben Ziel studiert, einen mir noch unbekannten Band zu entdecken. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Kennengelernt hatte ich Tintin als ich meine Mutter als vielleicht 9-jähriger Junge in eine Apotheke begleitete. Im Reklameheftchen des Apothekerverbandes druckten sie damals für kleine Jungs wie mich, die ihre Mutter in die Apotheke begleiteten, zwei Doppelseiten aus einem Tintin Band ab. Das gab den Müttern mehr Zeit, um sich in der Apotheke die Produkte anzuschauen. Die ersten Seiten, die ich so entdeckte, stammten aus “Tim und die Sieben Kristallkugeln”. Ich konnte es vor Spannung kaum erwarten, bis meine Mutter wieder in die Apotheke musste.

Einer der schönsten Momente meiner frühen Jugend war dann, als ich eines Tages im Spielwarengeschäft Franz Carl Weber per Zufall entdeckte, dass es Tim und Struppi nicht nur in kleinen Häppchen in der Apotheke gab, sondern als ganze Bücher! Fortan war das mein grösster Wunsch (grösser noch als eine neue Indianer-Spielfigur aus Elastolin), ein neuer Band von Tim und Struppi, wenn wir Kinder mal wieder mit der Strassenbahn in die Stadt fuhren mit meiner Mutter.

Meine Mutter nannte es “in die Stadt gehen”, obwohl wir in einem Quartier am Rande der Stadt wohnten – eine Sonderbarkeit, die mir erst viele Jahre später auffallen sollte. Es passierte in unregelmässigen Abständen alle paar Wochen, vielleicht acht oder zehn mal im Jahr. Ich wusste nie zum voraus, wann es wieder so weit sein würde, aber es war immer ein Ereignis und seit der Entdeckung im Franz Carl Weber hatte ich nur noch ein Ziel: einen neuen Band von Tim und Struppi. Bis es eines Tages keine mehr gab und die ungläubige, jahrelange Suche begann.

Und nun also Gustafsson. Die Bücher von ihm, die ich noch nicht gelesen habe, werden langsam rar. Sie werden zu meinen persönlichen Raritäten, auch wenn sie manchmal gebraucht nur 3 Euro kosten (plus Versand). Ich bin unterdessen bei seinen Frühwerken angelangt, die man zum Teil nur noch antiquarisch erhält, und auch das nur, wenn man ein wenig sucht.

Ich muss leider zugeben, ich war zuletzt das eine oder andere Mal leicht enttäuscht. Die Frühwerke sind nicht vergleichbar mit seinen späteren Werken. Einige sind ein ziemlich wirrer Krampf, wie mir scheint, Ausdrucke eines Kampfes, so vermute ich, den er mit sich selber hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie alle zu Ende lesen werde, seine frühen Romane. Ich denke, er war sich manchmal auch nicht sicher, ob er sie zu Ende schreiben sollte.

Vielleicht kann man erst mit fortgeschrittenem Alter gut schreiben, so, dass es sich gut lesen lässt. Wenn man die schwierigsten Kämpfe mit sich selber bereits ausgefochten und hinter sich hat, egal, ob gewonnen oder verloren. Aber wahrscheinlich sollte man das, wie überhaupt alles, nicht verallgemeinern, und ohnehin ist das ein völlig idiotischer Ausdruck: “fortgesschrittenes Alter”. Ich werde mich bemühen, ihn nicht mehr zu verwenden. Das Alter schreitet nicht, schon gar nicht fort, es schleicht sich von hinten an und ist eines Tages plötzlich da.

Nur Comix-Helden altern nicht. “Comicbook characters never grow old”, singt Elton John in “Roy Rogers”. Roy Rogers war auf den Namen Leonard Franklin Slye getauft worden, nachdem er im November 1911 das Licht der Welt erblickt hatte, wie es so schön heisst. Er war ab den 30er-Jahren ein äusserst populärer Country Singer und singender Western Star, bekannt als „King of the Cowboys“.

Wenn man seine über hundert Filme lange Filmografie anschaut, fällt auf, dass er nach dem Jahr 1941, nur sechs Jahre nachdem er zum ersten Mal in einem Film mitgespielt hatte, keine Rollen mehr spielte. Hinter den Filmtiteln steht nach 1941 fast ausnahmslos nur noch “as himself”. Er wurde schon nach wenigen Filmen eine Kult- und Comic-Figur, begleitet von seinem Pferd Trigger und seinem deutschen Schäferhund Bullet.

Was ich damit sagen will? Ehrlich gesagt: ich weiss es nicht mehr. Es ist mir entfallen. Vielleicht war da am Anfang etwas, was ich sagen wollte, irgendetwas, worauf ich hinaus wollte, etwas Konkretes, eine Sache, zu der ich ursprünglich kommen wollte (es war wohl meine Absicht) und nun leider nie kam, es tut mir leid. Vielleicht hat sich auch erst während dem Schreiben etwas ergeben, nachdem ich den Text ganz ohne Absicht, wie ich das manchmal tue, begonnen hatte, aber falls dem so war, dann muss ich leider zugeben, ich habe auch diesen Faden wieder verloren.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen Text, der mit Tim und Struppi begonnen hat und eigentich von Lars Gustafssons Büchern handelt (tut er das wirklich?), mit Roy Rogers zu Ende gehen zu lassen, oder eigentlich mit Elton John, und allen, die noch hier sind, einen schönen Samstagabend zu wünschen.

The carpet´s all paid for, God bless the TV, let´s go shoot a whole in the moon!

Eine Antwort to “Kurz bevor Tim und Trigger über die Hügelkuppe kommen”

  1. Andreas Härter Says:

    Kein Text über das Ende, aber ein Text über das Näherkommen des Endes – und ein Text, der in seinem Erzählen dieses Näherkommen IST -, freundlich versöhnt, wunderbar.

    Lay back in my armchair, close eyes and think clear
    I can hear hoof beats ahead
    Roy and Trigger have just hit the hilltop
    While the wife and the kids are in bed

    Danke, Walti!

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