(und muss gleich wieder weiter)
Der Wind hat den Titel vor zwei Jahren aus meinem Gedächtnis aufgescheucht. Vielleicht auch aus meinem Büchergestell. Ich könnte ihn fragen, aus welchem von beiden, aber der Wind gibt keine Antwort, wenn man ihn etwas fragt, er bläst einfach weiter. Er hat den Titel aus meinem Gedächtnis aufgescheucht (oder aus meinem Büchergestell) und ihn so lange vor sich hergetrieben, bis er, als meine Frau und ich in Baden-Baden in einem Strassencafé sassen, auf meiner Zunge landete.
Meine Frau hatte gerade den Unterteller ihrer Kaffeetasse auf ihre Papierserviette gelegt, damit sie nicht vom Tisch geblasen werde und bei den Hunden landet, die unter dem Tisch im Schatten lagen.
„So the wind won’t blow it all away“, sagte ich.„David M. Pierce“.
Aber Pierce hat So the wind won’t blow it all away nicht geschrieben. Pierce hat Hear the Wind Blow, Dear – ein Fall des Detektivs V. (for Victor) Daniel.
So the wind won’t blow it all away ist ein Romantitel von Richard Brautigan. So ist das mit dem Wind: Er wirbelt alles durcheinander und lässt nichts dort, wo es war. Es interessiert ihn nicht, wo alles hingehört.
An die Geschichte von So the wind won’t blow it all away konnte ich mich an diesem windigen Frühlingstag in Baden-Baden nicht erinnern. Gute Titel prägen sich mir ein und ich vergesse sie nicht, während ich die Inhalte der Geschichten, auch der guten, meist bald und – ausser ich werde von jemandem daran erinnert – für immer vergesse.
Ich las also im Strassencafé in Baden-Baden im Internet nach, worum es in Brautigans Roman ging, und bereute es gleich, weil der Inhalt den Titel kontaminiert. Ein Junge hatte aus Versehen seinen besten Freund erschossen. Ich nahm mir vor, diesen Inhalt gleich wieder zu vergessen, damit der Titel wieder rein werden konnte und frei wurde als Überschrift für andere Geschichten, geschriebene und ungeschriebene, die ohne diese Tragik auskommen.
Ein guter Titel ist auch eine Sonnenbrille. Man weiss nicht, was sich hinter ihr verbirgt, und kann nur hoffen, es seien schöne Augen. Wer nicht enttäuscht werden will, sollte wegschauen, bevor die unbekannte Person sie abnimmt. Wer nicht erleben will, dass das Versprechen eines guten Titels nicht gehalten wird, sollte das Buch nicht lesen. Nur ungeschrieben sind alle Geschichten gut. Ungelesen nur noch ein sehr kleiner Teil.
In einem jüdischen Rätsel kommt der Wind als verrückter Schwiegersohn daher (a meschugener ejdim), aber noch bevor man ihm etwas zum Trinken anbieten kann, geht er wieder und treibt in einem Volkslied Regen übers Land.
Nun wusste schon Salomo der Prediger, dass wer auf den Wind achtet, nicht sät, und wer auf die Wolken sieht, nicht erntet, und so verhallt der Aufruf, angesichts des bevorstehenden Regens die goldenen Garben einzuholen, in der deutschen Version des Liedes trotz mehreren Echos im Refrain ungehört.
Wahrscheinlich auch deshalb, weil es im englischen Ursprung des Liedes um Anderes ging. Heigh ho, anybody home? Meat nor drink nor money have I none. Yet will I be merry, yet will I be merry, heigh ho…
Um Armut und Fröhlichkeit ging es, auch wenn keiner zuhause ist, womit auch erwiesen ist, dass der Wind ein wenig gibt und viel fortnimmt.
Er gibt fliegende Heuballen (Tumbleweed), die in alten Western-Filmen durch (von wem wohl?) leergefegte Strassen taumeln, bevor es zum letzten Duell kommt, bei dem man glaubt, der Gute sei getroffen worden, bis ein Bluttropfen aus der Nelke tritt, die der Bösewicht im Knopfloch über seinem Herzen trägt.
Er gibt Blätter, die sich im Kreis drehen, egal, ob jemand zusieht oder nicht.
Es gilt als ausgemacht, dass in den mittleren Breitengraden, in denen wir leben, der Wind meist aus Westen kommt. Aber wer sind wir, um so genau zu wissen, wo wir leben?
Hilft uns die Vorstellung, dass wir in einem Grenzgebiet leben zwischen einer Hochdruckzone im Süden, aus der konstant Luftmassen in Richtung einer Tiefdruckzone im Norden strömen, die auf ihrem Weg durch die Drehung der Erde von Westen nach Osten abgelenkt werden, wodurch der Westwind entsteht?
Der Herr der Winde spricht, so scheint mir, viel, aber kein Deutsch. Von Theodor Storm glaube ich eine Zeile zu erinnern, die besagt, dass der Sturm (ein cholerischer Wind?) nicht dies oder das kennt, nur sich: den Sturm. Aber ich kann diese Textstelle nirgends finden im Netz und die Gesamtausgabe seiner Werke ist einem meiner Umzüge zum Opfer gefallen.
Ohnehin glaube ich, dass, wer wirklich etwas vom Wind verstehen will, „A Word on Wind“ von Ogden Nash lesen sollte. Da erfährt man, dass die Wissenschaft sich irrt, wenn sie den Wind mit unterschiedlichen Drucklagen und der Erdkrümmung erklärt, dass es viel mehr die Bäume sind, die Wind erzeugen mit ihren Blättern, und – am wichtigsten, weil sich damit alles erklärt – dass der Wind auf kleinem Raum viel Zeit zurücklegen kann (It can cover a lot of time in a very short space).
Die einzige Frage, die über diesen Text hinaus unbeantwortet bleiben wird, ist, wann der Wind eigentlich einatmet.
Nachzutragen bleibt mir lediglich, dass mir inzwischen eingefallen ist, woher der Wind den Titel verscheucht hat. Aus dem Büchergestellt in meinem Gedächtnis.
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