Mein Haubenwellensittich

Jeden Morgen erwache ich in einen Konflikt. Eigentlich glaube ich zu wissen, dass es verschiedene Konflikte sind, und man erwartet von mir mit einem gewissen Recht, dass ich sie unterscheiden kann, aber langsam kommen Zweifel in mir auf, und ich muss mich immer mehr dagegen wehren, ins Grübeln zu kommen, ob es sich um einen einzigen Konflikt handeln könnte.
Bezeichnenderweise kommen diese Zweifel nicht beim Erwachen auf. Wenn ich erwache, steht der Nahostkonflikt klar im Vordergrund und verdrängt noch beim Frühstück alles andere, den Geruch des Kaffees, die Konfitüre und sogar die Sportberichte. Auch im Büro bleibt für andere Konflikte zunächst wenig Raum. Die Zeitungen, das Internet und meine Mailbox sind schon am frühen Morgen voll von Berichten über den Nahostkonflikt, während meine anderen Konflikte abgesehen von meinem Freundeskreis, der sich wegen der Zeitverschiebung noch eine Stunde Schlaf gönnt, niemanden interessieren, wofür ich dankbar bin.
Am Abend kann das anders sein. Am Abend kann ich mir vorstellen, mir einen Vogel zu kaufen. Ich stelle mir dann zum Beispiel einen Haubenwellensittich vor. Sie sollen gesprächsbereit sein, wenn man sie von früh auf und alleine hält, weil sie einem dann als etwas gross geratenen Sittich erkennen, der zwar die Sprache schlecht spricht, sich aber hörbar Mühe gibt.
Im Internet findet man Seiten, die Haubenwellensittiche samt Zubehör anbieten. Ich bin noch nicht auf eine dieser Seiten gegangen, weil ich es an meinen sittichfreundlichen Abenden noch nie bis zum Entschluss gebracht habe, mich über die zum Erwerb eines solchen Vogels notwendigen Schritte zu informieren. Das Zubehör verunsichert mich ausserdem. Kommt der Vogel mit Ersatzflügeln?
Das wahrscheinlich Schönste an einem Haubenwellensittich wäre seine vielgepriesene Gesprächsbereitschaft.  Er könnte mir als lebendes Beispiel für Lösungsansätze im Nahostkonflikt dienen, indem ich zeigen könnte, dass er mit mir zu sprechen bereit ist, obwohl ich weder Flügel habe noch ihm sonst irgendwie ähnlich bin. Ich bin frei und halte ihn gefangen und trotzdem spricht er mit mir. Er ist von mir abhängig und weiss trotzdem, dass ich ihn bewundere. Manchmal kratzt er  mich mit seinem Schnabel fast zärtlich an der Nase.
Auch der Haubenwellensittich könnte nicht alle meine Konflikte lösen, ich weiss. Wahrscheinlich nicht einmal meinen einzigen. Ich stelle es mir trotzdem schön vor, ihn als Gefährten zu haben. Er wäre mir mehr als ein Haustier. Jemand, der da ist, wenn ich von meinem Konflikt und mit meinen Konflikten nachhause komme.  Er müsste mich nicht einmal fragen, wie mein Tag war. Es würde mir reichen, glaube ich, wenn er da wäre am Morgen, wenn ich in meine Konflikte erwache, und immer noch da am Abend, wenn ich nachhause käme.
Ab und zu würde ich ihn fragen, ob er wegfliegen würde, wenn ich tagsüber seine Käfigtüre und ein Fenster offen liesse. Wegfliegen und nie mehr wiederkehren, mir und meiner Konflikte überdrüssig. Dann würde er den Kopf vorneigen und mich ganz leicht an der Nase kratzen.

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