Gedanken aus dem Sommerloch

Es ist, wenn man sich zurücklehnt, die Beine auf den Schreibtisch legt und sich einen entspannten Augenblick lang einem Gedankengang widmet, der nichts mit einer von der Zentrale bis spätestens morgen 14 Uhr geforderten Stellungnahme zum Entwurf  einer einseitigen Pressemitteilung zu tun hat, die dann doch nicht veröffentlicht wird, irgendwie die schönste Zeit des Jahres. Schöner als Weihnachten. Man muss nicht einmal Geschenke besorgen. Sie flattern von überall her mit einer bezaubernden Leichtigkeit umsonst ins Haus. Es ist Sommerferienzeit.
Die mit  den üblichen Vollidioten vollgepferchten Autos stauen sich am Nordfuss des Gotthardtunnels bis an die Ausläufer des Hindukusch, wo sogar die Verteidigung Deutschlands einen von ein paar – allerdings heftigen – Explosionen unterbrochenen Moment lang den schweren Atem anhält, während französische Minister fast ohne Arroganz in die Kameras lächeln, alles abstreiten, nur um kurz darauf als zerknirschtes Bauernopfer zurückzutreten, derweil unangenehme Zeugen aussagen, nie freiwillig unter Druck gestanden zu haben, während der Präsident angesichts des unrühmlichen Verhaltens der französischen Nationalmannschaft den Zusammenhang der Nation beschwört und eine eidesstattliche Erklärung abgibt, von seinem Wahlkampf nichts gewusst zu haben, was etwas weiter  südöstlich einem Bundesrat sofort als der richtige Moment erscheint, seinen schon lange allseits erwarteten Rücktritt zu einem einigermassen überraschenden Zeitpunkt bekanntzugeben und eine seiner Kolleginnen ermutigt, noch vor der Abreise in die Ferien den kühnen Entschluss zu fassen, wegen formalen Mängeln des Auslieferungsgesuchs und ein paar fehlenden Fotokopien einen in die Jahre gekommenen mutmasslichen Vergewaltiger nicht an ein Land auszuweisen, dessen Präsident unser aller  Bohrloch einfach nicht zukriegt.
Was ich sagen will: es ist in diesem sogenannten Sommerloch nicht so, dass gerade nichts passiert. Aber es ist vielleicht ganz interessant, dem offenbar wenigen zuzuschauen, das noch passiert, und auf jeden Fall aufschlussreich, genau hinzuschauen und hinzuhören, wie darüber berichtet wird.
Das Schweizer Fernsehen bietet drei Korrespondenten auf, um aus Frankreich, den USA und Polen über das Echo auf die verweigerte Auslieferung zu berichten. Vielleicht hab ich den Korrespondenten aus Polen auch nur geträumt. Es war heiss in meinem Fernsehzimmer und mein Hund lenkte mich ab, weil er sich so verhielt, als müsse er dringend Gassi gehen, obwohl wir kurz zuvor auf einem längeren Spaziergang waren. Obwohl ich gar keinen Hund habe. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass da ein nicht sonderlich gut Hochdeutsch sprechender Sonderkorrespondent war, der direkt vor dem Chalet des nun doch nicht Ausgelieferten darüber spekulierte, ob dieser nun, „wie die einten sagen“, tatsächlich gleich nach Abstreifen der elektronischen Fussfessel abgereist oder, wie die anderen behaupten würden, noch immer hinter diesen Vorfenstern sitze, die Landschaft betrachtend, den ruhigen Fluss des Lebens.
Die meisten Einheimischen seien jedoch wortkarg und wollten sich lieber nicht äussern zu diesem Fall, weil man ja schliesslich in der Berggemeinde von der Anwesenheit der reichen Ausländer lebe, wusste der Sonderkorrespondent abschliessend leicht süffisant zu berichten (oder meinte ich das nur – was IST denn schon wieder, Du dämlicher Köter!), womit man sich  nach einer gefühlten Viertelstunde endlich dem Rest der Welt zuwenden konnte, um noch rasch nachzuschauen, vor dem Wetterbericht, ob da eventuell sogar auch noch  etwas passiert sein könnte, worüber zu berichten es sich allenfalls lohnen könnte.
Es war, ich gebe es zu, einer dieser Augenblicke, in dem es mir ein wenig peinlich ist, dass ich Schweizer bin und dass das mein staatliches Fernsehen ist. Drei Auslandkorrespondenten, ein Sonderkorrespondent direkt vor dem Chalet und die Hälfte der zur Verfügung stehenden Sendezeit der Tagesschau. Willkommen bei den zu stark besonnten Sennen. Temperaturen über 30 Grad und Startsiege gegen spätere Weltmeister bekommen uns nicht. Es kann uns dann passieren, dass ein Moderator einer Sportsendung nach einer verlorenen WM-Partie einer afrikanischen Mannschaft den afrikanischen Studiogast fragt: „Wie geht ihr Afrikaner mit einer solchen Niederlage um? Holt ihr den Medizinmann ins Lager?“, und man sich fragt, was nun noch peinlicher ist: dass keiner der Studiogäste gegen diese rassistische Aussage Einspruch erhebt oder dass das handverlesene Publikum, dass sich endlich einmal selber im Fernsehen sieht (falls das programmierte Aufnahmegerät nicht im dümmsten Moment den Dienst versagt), beherzt lacht und spontan Beifall spendet.
Darf man das alles entschuldigen? Hilft es, dass andere Europäer offensichtlich auch unter der Hitze leiden? Tröstet es, dass viele kritische Zeitgenossen ja momentan gar nicht hinschauen, weil sie vor dem Gotthard unterwegs sind?
Es könnte eine wunderbare Zeit sein, dieses Sommerloch. Eine höchst philosophische Zeit, nur so zum Beispiel. Zum Beispiel wenn man die relative Ruhe dazu benutzen würde, sich die Frage zu stellen, warum es eigentlich gerade so ruhig ist. Warum die Medien mit drei Ausland- und einem Sonderkorrespondenten über eine angesichts anderer Probleme dieser Welt völlig nebensächliche Begebenheit berichten können, während die Tendenz ja momentan diese ist, dass sämtliche Medien gerade damit beschäftigt sind, ihre Auslandkorrespondenten wegzurationalisieren, weil wir uns Berichterstattung aufgrund von Kenntnissen einfach nicht mehr leisten können.
Geschieht momentan wirklich einfach fast nichts? Oder ist es lediglich so, dass die Berichterstatter in den Ferien weilen (offenbar nicht alle, wenn sogar einer vor dem Chalet ausharren und über die kleinmütigen Einheimischen spotten kann), und wenn dem so wäre, hat man sie in die Ferien geschickt, weil die, denen sie üblicherweise Bericht erstatten, am Gotthard im Stau stehen und von Bohrlöchern im Augenblick nichts wissen wollen, ausser es handle sich um die zweite Gotthardröhre?  Oder ist es einfach so, dass die Politiker in den Ferien weilen, und es, weil ohne sie nichts geht, nichts zu berichten gibt, ausser vielleicht über den einen oder anderen unter ihnen, der eine jüngere Frau wirklich liebt und dann auch in zweiter Ehe geheiratet hat oder über jenen Unglücklichen, der eines morgens mit Bündeln von Euronoten in seinen Taschen aufgewacht ist und die edle Spenderin nicht einmal loben kann, weil er sie nie gesehen hat?
Ich habe keinen Hund, und ich werde mir auch keinen mehr kaufen, aber ich würde ihn den wenigsten Politikern, die ich mitkriege, in die Ferien geben. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es ist so.  Zuviel Machtbewusstsein, zu wenig Zeit zum Gassigehen.
Wie dem auch sei. Irgendwie, und das ist doch das Bemerkenswerte, scheint es möglich, dass einmal im Jahr ein paar Wochen lang etwas weniger passiert als sonst. Auch wenn es am Ende nur ein Wahrnehmungsphänomen sein sollte. Was haben wir ausser unserer Wahrnehmung?
Die sonst übliche Hektik lässt spürbar nach. Man kommt sogar kurz zum Denken. Wunderbar! Vielleicht fragt sich die eine oder der andere, ob dieser verlangsamte Aggregatszustand nicht sogar ein erstrebenswerter sein könnte. Möglicherweise würde es genügen, wenn wir unsere Politiker und unsere Medienschaffenden etwas öfter in längere Ferien schicken würden. Geht nur. Doch doch. Macht euch wegen uns keine Sorgen. Es geht uns gut ohne euch, und wir passen auch ganz sicher auf uns auf. Entspannt euch. Rutscht uns endlich den Buckel runter.

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