Von blinden Pferden und fast geheilten Hunden

(woran ich denke, wenn ich etwas sehe, und was ich sehe, wenn ich an etwas denke)

Es ist ein uns allen bekanntes Phänomen: wir sehen etwas lange Zeit nicht, dann plötzlich überall. Dazwischen hat sich etwas ereignet, was unseren Blick darauf gelenkt hat, denn vorhanden war es schon, nur haben wir es nicht wahrgenommen.

Was uns den Blick darauf freigemacht hat, kann ein Ereignis sein. Nachdem es eingetroffen ist, sehen wir das, was vorher schon da war, sich uns aber nicht gezeigt hat. Vielleicht hat es sich uns vorher schon zeigen wollen, hat uns sogar zugewinkt, aber wir waren das sprichwörtliche blinde Pferd, an dem ein Nicken vergeudet ist.

Ich weiss: Das braucht jetzt ein paar Beispiele, und mindestens eines sofort, sonst verlieren wir uns in der Erkenntnistheorie. Kant, Hegel, Würmelinger, Runzelbacher. Wer googelt, hat sich in meine Abschweifungen verlaufen, kommt nie mehr zurück.

Hier also gleich mein Suzuki-Beispiel: Vor dem Dezember 1986 hatte ich in der Schweiz praktisch nie einen Suzuki-Jeep wahrgenommen. Gab es überhaupt welche in der Schweiz vor jenem 9. Dezember 1986? Mein Bruder fuhr offenbar einen, aber der war so gut wie unsichtbar. Wahrscheinlich stand er mehrheitlich in seiner Garage.

Dann starb unsere Mutter und ich habe in den zwei Wochen danach verschiedene Dinge mit dem Suzuki-Jeep meines Bruders erledigt. Ich fuhr zu Ämtern, zum Gerichtsmedizinischen Institut, zur Kantonspolizei. Ich machte Einkäufe für die trauernde Sippe. Manchmal bin ich glaub ich auch einfach ziellos durch die Stadt gefahren, weil ich nirgendwo sein wollte.

Nach diesem Ereignis sah ich die Suzuki-Jeeps überall, jahrelang. Und jeder von ihnen versetzte mich unweigerlich zurück in die Tage, als meine Mutter starb.

Es muss ein strategischer Entscheid des Suzuki-Importeurs gewesen sein, der eines Morgens beim Kaffee entschieden hatte, den Schweizer Markt mit Suzuki-Jeeps zu überschwemmen. Jetzt ist der Moment, sagte er unvermittelt zu seiner Frau. Die Schweiz ist reif für den Suzuki-Jeep! Wenn Du meinst, Erwin. Einen blauen vielleicht?

Noch etwas Anderes war neben dem plötzlichen Auftauchen von Suzuki-Jeeps in jenen Wochen zu beobachten. Natürlich wiederum nur für die, die es sahen, beziehungsweise hörten. In den Schweizer Hitparaden kletterte „Your latest trick“ von den Dire Straits die Ranglisten hoch, oder hätte es jedenfalls tun müssen, denn ich hörte dieses Lied auf einem Tonband im Tapedeck des Suzuki-Jeeps immer und immer wieder.

All I can do is hand it to you – and your latest trick. Saxophonklänge und die wunderbar traurige Stimme von Mark Knopfler. Ich spulte das Band so oft an den Anfang des Lieds zurück, dass ich mich heute wundere, warum das Tapedeck das Band nicht reinzog und frass.

Später habe ich ein Saxophon gemietet. Der freundliche Mann im Musikgeschäft fragte mich, ob ich schon spielen kann oder ob ich einen Lehrer brauche. Denn ein Saxophon sei keine Blockflöte, auf der man einfach spielen könne. Aber ich wollte keine Hilfe. Ich wollte spielen. Nur dieses eine Lied. All I can do. Hand it to you.

Es schien mir die einzige Möglichkeit, mit dem Verschwinden meiner Mutter irgendwie zurecht zu kommen. Ich habe dann glaube ich insgesamt drei Töne aus dem Ding rausgebracht, nicht nacheinander, bevor ich es nach ein paar Wochen wieder zurückbrachte. “Sie sollten es unbedingt stimmen, bevor Sie es weitervermieten”. Ich hätte das gerne gesagt, aber ich brachte auch aus mir keinen Ton mehr raus.

Das Saxophon sei im Vergleich zu anderen Instrumenten noch gar nicht so wahnsinnig alt, sagt mir gerade Wikipedia. Sie sitzt meistens neben mir, wenn ich schreibe. Der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax habe es um 1840 erfunden. Berühmt gemacht hätten es dreissig Jahre nach seinem Tod Jazzmusiker in den USA. „Phon“ sei übrigens ein aus dem Griechischen stammender Wortbestandteil, plappert sie gleich weiter, der so viel wie „Klang“ oder „Ton“ bedeute. Danke. Es ist jetzt gut, Wiki.

Wiki selber wurde erst im Januar 2001 erfunden, als meine Mutter schon 15 Jahre tot war. Sie konnte von den kostenlosen lexikalischen Einträgen (Lemmata) nicht mehr profitieren. Sie hätte sie womöglich für Lemminge gehalten und in einem Quiz nach dem Erfinder des Saxophons gefragt, hätte sie ohne ihr Lexikon raten müssen und vielleicht auf Herbert Lohdemann getippt. Ein Lohdemannophon hätte ich mir dann allerdings nie ausgeliehen. Wer hätte so etwas spielen wollen.

30 Jahre später sind die Suzuki-Jeeps fast ganz wieder von den Schweizer Strassen verschwunden. Einzelne zirkulieren zwar noch, aber sie wirken kraftlos, sogar die ganz neuen Modelle, denn sie haben nicht nur den Treibstoffverbrauch gegenüber den 80er-Jahren erheblich reduziert, sie erinnern mich auch nicht mehr jedes Mal und unmittelbar an diese schweren Tage, als meine Mutter starb und ich durch ein Zürich fuhr, das sie nie mehr sehen würde.

Your latest trick hingegen hat heute noch die Kraft, mich unmittelbar in den Dezember 1986 zu katapultieren. Ich habe das Lied gerade dreimal abgespielt. Noch zweimal, vermute ich, und ich mache mich auf ins Niederdorf und miete noch einmal ein Saxophon.

Hier endet endlich mein Beispiel. Es ist lang geraten und Sie haben längst begriffen, was ich gemeint hatte mit dem uns allen bekannten Phänomen. Etwas ist unsichtbar, bis eines Tages ein persönlicher Bezug dazu hergestellt wird. Ich benutze bewusst die passive Form. Solche Dinge machen wir selten selber. Sie passieren uns, auch wenn sie nie ganz vorbeigehen. Irgendwann verschwinden zwar die Jeeps wieder, wahrscheinlich weil der Schmerz nachgelassen hat und die Zeit bekanntlich alle Hunde heilt, aber das Lied klingt nach.

Es passt natürlich auch andersrum, wie die Österreicher sagen würden. Nicht nur traurig in die Vergangenheit, auch freudig in die Zukunft. Auch ein bevorstehendes Ereignis kann den Blick auf etwas lenken, was schon da ist, was wir aber kaum oder gar nicht wahrgenommen haben.

Ich werde zum Beispiel im kommenden Sommer nach Wien versetzt, und seit der Transfer feststeht, sind die Zeitungen plötzlich voll von Meldungen über Wien und Österreich, während hinter dem Arlberg vorher ausser ein paar Skipisten rein gar nichts war.

Phänomenal, nicht wahr?

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