Die dumme Sache mit dem Hut

(wie Hektor seinen Koof verlor und wieder fand)

Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte. Er ging eines Morgens in sein Lieblingslokal, in dem sich viele Geister nach ihrem nächtlichen Spuk noch eine Weile aufzuhalten pflegten, bevor sie, um Zeit zu sparen, an einen Ort verschwanden, der keiner war, und legte mit seinem Hut gleich auch seinen Kopf auf die Hutablage.

Nun könnte man sagen, es sei ihm nur deshalb passiert, weil er als Mensch nie einen Hut getragen hatte, oder weil bei einem Geist alle Glieder, auch der Kopf, nur ganz lose am Körper befestigt sind und sich sehr leicht von ihm lösen. Aber den Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legen und dann zum Tresen schreiten: war das nicht ein wenig dumm, um nicht zu sagen kopflos?

Vielleicht war es sein Pech, wer kann das sagen vor dem Ende einer Geschichte, dass ihm das Missgeschick zu einem Zeitpunkt passierte, zu dem das Wirtshaus bereits von sämtlichen guten Geistern verlassen war. Nur die bösen und unentschlossenen hingen noch an der Bar und um die kleinen Tische herum und taten so, als würden sie Hochprozentiges trinken, das sie – was jeder wusste – weder schlucken noch bezahlen konnten.

Als Hektor bemerkte, dass er sich kopflos verhielt (er wollte gerade eine Lokalrunde spendieren, obwohl er keinen einzigen der anwesenden Geister kannte) griff er sich dort hin, wo sonst sein Kopf war, erschrak und kehrte augenblicklich zum Eingang zurück. Aber auf der Hutablage lagen ausschliesslich Hüte, darunter auch seiner, ohne seinen Kopf.

Wie dumm von mir, dachte er, wie ausserordentlich dumm, während er seinen Hut von der Ablage nahm und ihn sich auf den Hals setzte. Gleichzeitig wunderte er sich, dass er offenbar ohne Kopf denken konnte. Oder dachte sein Kopf dort, wo er sich gerade befand, wo auch immer das war, und sandte seinem Körper die Gedanken als Signale zu?

Wer war dann aber der Empfänger? Die erste Vermutung war sein Bauch, aus dem er zu Lebzeiten oft Entscheide getroffen hatte. Ja, wahrscheinlich war es sein Bauch, der die Signale empfing. Jedenfalls, soviel war ihm klar, hatte er keine Zeit, sich lange zu überlegen, warum er in diesem Zustand denken konnte, wenn er seinen Kopf wieder haben wollte.

Geister haben weniger Zeit als Menschen, obwohl das zunächst einmal absurd erscheinen mag, da sie nicht altern. Da sie aber (fast) überall erscheinen können und dies, mit einer gewissen Erfahrung, auch ohne weiteres an verschiedenen Orten gleichzeitig, und weil Zeit stets nur in Relation mit (einem) Raum wahrgenommen werden kann (was wäre eine halbe Stunde ohne den Zusatz “in der Badewanne”?) wird die Zeit für einen aktiven Geist, der überall sein will, irgendwann einmal knapp, und wenig später auch irgendwo.

Es ging nun darum, und nur darum, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (ein Geisterkörper mit einem Kopf, der irgendwo weiterdachte) die Suche nach dem verlorenen Kopf aufzunehmen, bevor sich dieser womöglich einem anderen Geist an den Hals geworfen hatte, dem sein Kopf abhanden gekommen war. Was ihm gerade widerfahren war, konnte ja auch anderen Geistern passieren. Oder war nur er so ungeschickt und dumm?

Es gab eigentlich nur eine Erklärung für das so blitzartige Verschwinden seines Kopfes. Jemand, ein anderer Geist, hatte den Kopf mitgenommen. Aber wozu? Ausser eben wenn er (oder sie, konnte es auch eine Sie sein?) den eigenen Kopf verloren hatte.

Hektor schaute sich um (wie er ohne Augen sehen konnte, war ihm ein weiteres Rätsel), ob einer der Geister seinen (seinen) Kopf auf dem Kragen oder unter dem Arm trug, aber er konnte sich nirgends sehen. Er versuchte zu erkennen, ob hie und da die Köpfe nicht auf die Hälse passten, denn vielleicht war das ja ein beliebtes Geisterspiel, von dem er nichts mitbekommen hatte, dass man einander die Köpfe entwendete. Aber nichts deutete darauf hin, dass ein Geist im Lokal war, der nicht seinen eigenen Kopf trug.

Hektor ging zurück zur Bar und fragte den Barmann (wie ein Bauchredner, der nicht befürchten muss, dass, sich sein Mund bewegt) ob in den letzten Minuten ein Geist das Lokal verlassen habe.

“Ein Geist oder ein Gast?” fragte der Barmann, von dem das Gerücht umging, er habe zu Lebzeiten einen Lehrstuhl für verschwundene mitteleuropäische Sprachen bekleidet (andere sagten, er sei ein eifacher Schneidergehilfe gewesen, Einigkeit bestand lediglich bezüglich seines verdorbenen Charakters), und Hektor stutzte für einen Augenblick, denn wer sich in den Spitzfindigkeiten des Barmanns verlor, kriegte nie mehr Antwort auf seine Frage. “Beides…” antwortete er dann. “Ist ein Geist oder ein Gast gerade gegangen, mit zwei Köpfen vielleicht?”

“Geister kommen, Gäste gehen, ich bin Barmann, nicht Hirte…” erwiderte der Barmann, “…und jetzt sag mir, was Du getrunken hättest, und mach Dich in den Staub.”

Hektor begriff, dass er mit dem Barmann nicht weiterkam. Er spielte einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken, sich an die anderen Geister zu wenden, aber er konnte schon ihr Lachen hören, wenn er sie nach seinem Kopf fragen würde, ihr hohl klingendes, kaltes Lachen mit seinem Echo in anderen Räumen.

Sein Kopf war ganz offensichtlich nicht mehr in diesem Lokal, und wenn er ihn finden wollte, musste er ihn draussen suchen. Weit draussen womöglich. In einer Ferne, die selbst für bewegliche Geister weit weg war. Wie in aller Welt, und wo, sollte er seinen Kopf je wieder finden? Er hätte ihn jetzt wohl hängen lassen, aber da kam ihm ein Einfall zu Hilfe, ein Einfall, den ihm, so würde er es später erzählen, seinen Kindern vielleicht, wenn Geister Kinder haben, die frische Brise zutrug, die ihm entgegenwehte, als er ins Freie trat: der Titel!

Er hatte schon zu seinen Lebzeiten Titel immer sehr gemocht. Buchtitel. Untertitel. Zwischentitel. Vor allem die Zwischentitel. Bücher ohne Kapitelüberschriften waren schlecht lesbar. Mann kippte ja auch nicht Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise in einen Topf und nannte es Essen. Bücher mit schlechten Titeln waren ein Gräuel. Gute Titel waren die halbe Geschichte. Schlechte Titel verdarben die andere Hälfte.

Also ging Hektor zurück zum Titel, und wie hiess es da im Untertitel? „Wie Hektor seinen Kopf verlor und wieder fand.“ Und wieder fand! Er würde ihn also wiederfinden, seinen Kopf, spätestens am Ende der Geschichte. Wie gut das tat.

Und weil er schon an den Anfang der Geschichte zurückgekehrt war, las Hektor auch die erste Zeile noch einmal. „Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte“, hiess es da.
Und da die Sache ihm eben erst passiert war, dachte Hektor, war er also noch nicht allzu lange ein Geist. Wie lange? Nur kurz? Wie kurz? Und wo (in der Zeit)?

War er überhaupt ein Geist? Konnte es sein, dass er die Sache mit dem Hut nur träumte und alles, was er tun musste, um seinen Kopf wieder zu finden, war aufwachen? Hatte er nicht gerade neulich geprahlt damit, dass es ihm regelmässig gelang, aus einem Traum aufzuwachen, wenn ihm dieser zu unangenehm oder zu bunt wurde? Dass er dann ganz einfach beschliessen könne: „Das reicht!“, und dann wachte er sogleich auf?

Wenn es so war, war es die Nacht auf den 10. August 2018, zu der er zurück musste, als er geträumte hatte, er sei ein Geist namens Hektor (stammte der Name aus dem Traum oder von dessen Niederschrift?), der seinen Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legte, und alles andere hatte er später erfunden?

Der 10. August 2018 stand als Datum unter den ersten Aufzeichnungen dieses Textes. Das war also das einzige, was feststand: der 10. August 2018. Aber woher war dieser sonderbare Traum gekommen, wenn es denn einer war, und was war „alles andere“, was er dazu erfunden hatte? Wo war die Grenze zwischen Traum und Erfindung? Spielte sie überhaupt eine Rolle, wenn man die Wirklichkeit einmal aus den Augen verloren hatte? Und wie viel von dem, was er (oder Hektor) zwischen dem 10. August 2018 und dem heutigen Tag, fast ein Jahr später, erlebt zu haben glaubte, hatte er wirklich erlebt?

Hektor war müde. Ich war müde. Die Hunde waren müde (woher kamen plötzlich die Hunde?). Der Wind wurde stärker. Wir drehten uns um und gingen zurück ins Lokal.

Die meisten Geister waren inzwischen gegangen. Ich fragte den Barkeeper (Hektor fragte nie etwas, das musste immer ich tun) ob ich etwas Wasser für die Hunde haben könnte. Ich erwartete eine seiner dummen Gegenfragen, wie „Für die Hunde oder die Hände?“, aber er bückte sich unter die Theke und gab so den Blick auf den Spiegel frei, in dem ich meinen Kopf sah, unverkennbar auf meinem Hals.

Als er wieder hochkam, einen Napf mit Wasser für die Hunde in der Hand, war ich fort. Er blickte nach rechts und nach links, schüttelte den Kopf und goss das Wasser in den Ausguss.

***

NACHSPANN
(zu Bachs Cello Suite No.1 in G-dur, gespielt von Mischa Maisky)

Hektor heisst eigentlich Hector und ist tatsächlich ein Geist. Aufenthaltsort unbekannt. Zeit hat er immer noch einige, in beiden Richtungen.

Dem Barmann wurde noch vor Ende Jahr gekündigt. Er soll vergeblich versucht haben, seinen Lehrstuhl zurückzuerhalten.
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Ich bin danach noch mehrmals aufgewacht, momentan meistens in eine Residenz in Wien.

Die Hunde sind nun ein Jahr alt. Wir haben viel Freude mit ihnen.

Eine Antwort to “Die dumme Sache mit dem Hut”

  1. Rafaela S Says:

    So eine lustige Geschichte !
    Ich glaube auch, dass ich die Möglichkeit habe mich selbst aus einem Traum herauszureissen…oder auch nicht..??

    Wie geht es den Hundemädchen?

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