Sonntag, den 21. November 2021

  • aus dem Tagebuch eines Schreibenden

Gestern bin ich nach einem Unterbruch von mehreren Wochen wieder zu meinem Roman-Manuskript zurückgekehrt. Die Schreibpause war offenbar zu lange. Meine Hauptfigur, ein sechzehnjähriger Klempnerlehrling, fand ich mies gelaunt und unwillig, weiterhin als Ich-Erzähler zu fungieren, auf Seite 24, wo er gerade damit beschäftigt war, die Seitenzahl abzumontieren (auf den vorherigen Seiten fehlte sie bereits).

„Such Dir einen anderen“, waren seine Worte, ohne aufzublicken. „Ich bin raus hier.“ Es hat mich einiges gebraucht, ihn umzustimmen. Er willigte erst ein, zu bleiben, als ich ihm zugestand, dass er die weitere Handlung mitbestimmen darf. Das schränkt mich zwar ein, und ich mag Einschränkungen nicht, aber Mitbestimmung ist ein vager Begriff. Ich werde mir von einem 16-Jährigen die Handlung meines ersten Romans nicht vorschreiben lassen. Er ist der Erzähler, aber ich schreibe. Er wollte noch als Co-Autor auf dem Buchdeckel aufgeführt werden, aber das habe ich kategorisch abgelehnt. Eher, sagte ich zu ihm, suche ich mir eine andere Hauptfigur. Seinen Namen durfte er ändern und die Seitenzahlen muss ich selber wieder einfügen.

Eine weibliche Nebenfigur will gegen mich Klage einreichen wegen Vernachlässigung, oder hat das bereits getan, sie war so wütend, dass ich sie kaum verstanden habe. Und dies, obwohl in meinem Manuskript noch kein Gericht und auch keine Anwälte vorkommen. Ist sie alleine vorausgegangen? Wie weit? Und woher weiss sie, wie es weitergeht? Und wenn es im Verlauf der Geschichte zu einer Sexszene kommen sollte (die Hauptfigur möchte das unbedingt): wird sie dann auch Klage einreichen? Auch gegen mich?  

Vier Randfiguren sind verschwunden und ich musste sie suchen gehen. Einen habe ich nach kurzem Überlegen in einer Kurzgeschichte von Mark Twain wieder gefunden (er hatte kein Geld mehr und schien erleichtert, als er mich sah), einen anderen vermute ich in einem Roman von Lars Gustafsson, den ich unlängst gelesen habe. Ich bin zuversichtlich, dass er wieder auftauchen wird, falls er die Hauptfigur, einen sterbenden Imker, nicht bis ans Ende begleitet.    

Den dritten, einen Zyniker, dem ein Bein fehlt, werde ich wohl abschreiben müssen, oder, besser gesagt, neu schreiben. Er hat mir eine Postkarte geschrieben, die – gemäss Poststempel – nur vier Tage, nachdem ich zum letzten Mal an meinem Manuskript gearbeitet habe, in Odessa abgesandt wurde. „Habe mich der Reiterarmee angeschlossen“, stand grusslos auf der Rückseite der Karte, auf deren Vorderseite der Primorskij-Boulevard abgebildet ist.

Abgesehen davon, dass ich mir schwer vorstellen kann, wie er mit nur einem Bein reiten kann, hätte ich nie gedacht, dass er Isaak Babel liest. Bin überhaupt erstaunt, dass er liest. Aber das zeigt nur wieder einmal, wie schlecht wir unsere Figuren kennen. Vielleicht müsste ich beginnen, mit einem Zettelkasten zu arbeiten, wie es Schriftsteller früher beim Verfassen längerer Werke getan haben. Vor drei Tagen war in der NZZ ein Artikel über solche Zettelkästen abgedruckt, die für Autoren wie Arno Schmidt, Niklas Luhmann und Hans Blumenberg offenbar das wichtigste Arbeitsinstrument waren. „Vielleicht wird das Wirkliche erst wirklich, wenn es auf eine Karteikarte gebannt ist“, stand in der Überschrift des Artikels. Vielleicht wird es auch erst wirklich, wenn die Gewerkschaft der Romanfiguren damit einverstanden ist.

Die vierte Verschwundene hat den Vogel abgeschossen. Wie sie es in wenigen Wochen geschafft hat, von einer eher unwichtigen Nebenfigur in einem Romanmanuskript, das wie meine früheren Manuskripte vielleicht nie zu Ende geschrieben wird, in einem Gedicht von Dylan Thomas die Hauptrolle zu übernehmen, ist mir schleierhaft. Ich kann ihr nur gratulieren und wünsche ihr alles Gute.

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