Archive for Januar 2021

Hämpel

23. Januar 2021

Eines Tages, es war an einem Abend im Herbst und wir waren gerade aus dem Ausland nach Oberkulm umgesiedelt, wo meine sieben Jahre jüngere Frau nach meiner Pensionierung ein kleines Café eröffnen wollte, erhielten wir ebenso unerwartet wie unangemeldet Besuch von meinem Onkel Hans-Ulrich. Er brachte mir eine Flasche Portwein und zwei Brüder vorbei, die er, wie er sagte, auf seinem Estrich gefunden hatte.

Es konnte sich nicht um meine Brüder handeln, nur schon wegen Ihres Alters, denn die beiden Burschen, die sich schüchtern in der Eingangshalle unseres neuen Hauses umschauten, ohne sich vom Fleck zu rühren, und dabei nicht viel mehr als Umzugs-Kartons sahen, die einen offen und bereits zur Hälfte ausgeräumt, die anderen noch verschlossen, waren um die zwanzig, während sowohl mein Vater als auch meine Mutter seit mehr als 30 Jahren tot waren. Und wenn sie es hätten sein können: Wie waren sie auf seinem Estrich gelandet?

Seine Brüder konnten es ebenso wenig sein, denn Hans-Ulrich, genannt Hämpel, hatte im zweiten Weltkrieg das Licht der Welt erblickt, am 18. Juni 1941, um genau zu sein, am selben Mittwoch, an dem Joe Louis in New York seinen Titel als Schwergewichtsweltmeister gegen Billy Conn verteidigte, indem er ihn in der 13. Runde mit einem fürchterlichen Faustschlag auf die Matte schickte. Er war der zehn Jahre jüngere Halbbruder meiner Mutter (Hämpel natürlich, nicht Joe Louis), das Kind meiner früh verstorbenen Grossmutter und ihres zweiten Ehemanns, des Muttikillers, aber das ist eine andere Geschichte.

„Meine Brüder?“ fragte ich völlig verblüfft, in der einen Hand die Flasche Portwein haltend und mit der anderen noch immer Hämpels Hand schüttelnd, die er mir zum Gruss hingehalten hatte.

„Ja, Deine Brüder“, antwortete Hämpel, „Ich gehe auf eine längere Reise und ich kann sie nicht mitnehmen.“ Dabei liess er meine Hand los und ging an mir vorbei durch den Flur ins Wohnzimmer. Die beiden jungen Männer folgten ihm.

„Rahel…“ rief ich die Treppe hoch, „Kannst Du mal runterkommen? Wir haben Besuch.“ Rahel…?“ Einer unserer Hunde bellte irgendwo im Obergeschoss.

Als ich ins Wohnzimmer kam, sass Hämpel auf dem Sofa, dem einzigen Möbelstück, das bereits ausgepackt und aufgestellt war, weil es nichts zu montieren gab, und meine neuen Brüder knieten auf dem Boden und waren daran, ein Büchergestell zusammenzuschrauben. Ich ging auf sie zu und wollte ihnen sagen, sie müssten doch nicht, aber Hämpel unterbrach mich. „Lass sie nur machen – dann sind sie beschäftigt“, und er fuhr gleich fort: „Ich habe nicht viel Zeit, aber wenn ihr sowieso etwas essen wolltet, sage ich nicht nein.“

„Ich weiss nicht“, antwortete ich, „wir hatten eigentlich vorgehabt, später etwas zu bestellen, aber vielleicht…“ In diesem Augenblick trat Rahel ins Wohnzimmer. „Mach es nicht kompliziert“ sagte sie zu mir (sie ist der Meinung, ich mache immer alles kompliziert). „Natürlich kann ich uns etwas kochen“.

„Ich bin Rahel, Walters zweite Frau“, sagte sie, und streckte Hämpel ihre Hand hin.

„Freut mich“, sagte Hämpel. „Das sind Walters Brüder und ich bin sein Onkel, Hans-Ulrich.“

„Mögt ihr Spaghetti?“ sagte Rahel zu den beiden Brüdern, die unterdessen bereits das erste Büchergestell verschraubt und aufgerichtet hatten. Sie schienen sehr geschickt zu sein. Und schnell. Sie nickten und machten sich ans zweite Büchergestell.

„Hast Du Wein?“ fragte Hämpel. „Ich glaube ja, im Keller. Ich muss nur die richtigen Kartons finden.“ Ich folgte Rahel in die Küche, die in diesem alten Haus noch nicht im Wohnzimmer integriert war. „Er sagt, es seien meine Brüder. Und er will sie hierlassen“, flüsterte ich, während sie einen Karton öffnete und ihm wie durch ein Wunder eine grosse Pfanne entnahm, die sich bestens dazu eignete, Spaghetti zu kochen. „Und woher sollen wir Spaghetti nehmen? Hast Du auf dem Weg hierher etwa noch eingekauft?“

„Sie können uns beim Einrichten helfen,“ antwortete Rahel, als ob nichts von dem, was ich gerade gesagt hatte, sie überrascht hätte, „und später können sie im Café servieren.“

„Aber es sind gar nicht meine Brüder“, sagte ich. „Es könnten seine Söhne sein. Er hat zwei Söhne….“ Dann fiel mir ein, dass das ebenso unmöglich war. Seine Söhne mussten mittlerweile um die 50 sein. „Oder seine Grosskinder…“. Einer seiner Söhne hatte, so glaubte ich mich zu erinnern, geheiratet und hatte Familie. Aber wie sollten seine Grosskinder auf seinem Estrich gelandet sein und wo waren deren Eltern, dass er sie nun bei mir deponieren wollte?  

„Hol den Wein aus dem Keller“ sagte Rahel. „Und vorher bittest Du Deine neuen Brüder, den Esszimmertisch und ein paar Stühle auszupacken, damit wir nicht zu fünft auf dem Sofa essen müssen. Die Kartons sind angeschrieben“. „Sie sind nicht meine Brüder“ erwiderte ich, aber Rahel lachte nur und drehte das Gas an.

Während ich im Keller nach den Kartons mit dem Rotwein suchte, und im Gegensatz zu meiner Frau öffnete ich, wie sollte es anders sein, zuerst alle anderen Kartons, nur nicht die mit dem Rotwein, versuchte ich mich zu erinnern, wann ich Hämpel zum letzten Mal gesehen hatte.

Ich meinte, dass er mich irgendwann einmal kontaktiert hatte, als ich in der Türkei stationiert war (oder war es im Iran?). Er war damals schon pensioniert (er hatte als Journalist bei der Tagesschau gearbeitet) und reiste offenbar viel. Also konnte es nicht im Iran gewesen sein, denn da wäre er noch nicht in Pension gewesen. Es musste also in der Türkei gewesen sein.

Ich erinnerte mich, dass er beabsichtigte, Orte zu besuchen, die man in der Türkei nicht ohne weiteres besuchen kann, und dass er vorhatte, sich mit kritischen Themen zu befassen, und zu beidem wollte er Informationen von mir, und ich machte mir damals ein wenig Sorgen deswegen, weil man als Diplomat leicht in Schwierigkeiten geraten kann, wenn man einem investigativen Journalisten Informationen gibt oder mit ihm in Verbindung gebracht wird. Heute schäme ich mich ein Bisschen dafür, dass ich ihm, wie ich es in Erinnerung habe, nicht wirklich weitergeholfen habe. Ich weiss nicht einmal mehr, ob er am Ende bei mir vorbeigekommen ist oder nicht.   

Woran ich mich hingegen noch klar und deutlich erinnere, als wäre es gestern gewesen (man sagt ja, dass das Langzeitgedächtnis besser wird im Alter, während sich das Kurzzeitgedächtnis permanent entrümpelt, als müsste es von Tag zu Tag in ein neues Bewusstsein umziehen, in dem immer weniger Platz vorhanden ist), sind seine regelmässigen Besuche, die er als Student an der Universität Zürich seiner Schwester (meiner Mutter) in Höngg abstattete.

Meist kam er wie zufällig kurz vor dem Mittagessen auf seiner Vespa angebraust und blieb gerne zum Essen. Vielleicht hatte ihn meine Mutter auch jedes Mal eingeladen, auf jeden Fall waren seine Besuche stets eine lustige Abwechslung für mich und meine Schwester, denn Hämpel war ein lebhafter, origineller und witziger Geist, und nicht zuletzt auch deshalb, weil wir nach dem Essen, bevor er zurück an die Uni fuhr, noch eine Runde auf dem Rücksitz seiner Vespa drehen durften.

Als ich endlich den Karton mit dem Rotwein gefunden hatte und mit zwei Flaschen die Treppe hoch und ins Wohnzimmer ging, hatten meine neuen Brüder bereits den Esstisch und vier Stühle aufgestellt und meine Frau rief aus der Küche, ich solle doch bitte die Spaghetti holen kommen.

Beim Abendessen entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung, die vor allem von meiner Frau und Hämpel bestritten wurde. Wir sprachen über seine Reisen, meine Mutter und die anderen drei Geschwister (Hämpel war der Jüngste), von denen nur noch eine Schwester lebte, auch über seine Zeit beim Fernsehen und am Schluss noch kurz über seine beiden Söhne, aber obwohl meine Frau im Gegensatz zu mir sehr neugierig ist und sich auch nicht scheut, heikle Fragen zu stellen, gab es seltsamerweise auch von ihr keinen Versuch, die Identität der beiden wortlos ihre Spaghetti essenden Brüder (denn dass sie Brüder waren, sah man auf den ersten Blick) zu klären.

Irgendwann stand Hämpel dann vom Tisch auf und sagte: „Ich muss los“.

Bei der Türe umarmte er mich kurz und dann meine Frau ziemlich innig und lange. Danach hielt er sie an den Oberarmen fest, schaute ihr tief in die Augen und sagte zu ihr: „Pass gut auf Anton und Paul auf. Sie haben jetzt niemanden mehr ausser euch.“

Nach einer kurzen aber innigen Umarmung mit Anton und Paul öffnete er die Eingangstür und verschwand im Dunkel der Nacht. Ich weiss, dass das jetzt aufgesetzt wirkt und nicht wirklich glaubhaft klingt, aber ich wäre dumm, es deshalb nicht zu erwähnen. Bevor ich die Haustüre schloss, hörte ich, wie eine Vespa angeworfen wird.

Der Rest der Geschichte dauerte noch viele Jahre, aber er ist schnell erzählt. Wohin Hämpels Reise damals führte, haben wir nie erfahren. Das Einzige, was in Erfahrung zu bringen war, war, dass er sein Haus ein paar Tage vor seinem Besuch bei uns geräumt und verkauft hatte. Wo er die wenigen Jahre verbracht hat, bis eines Tages seine Todesanzeige in der Zeitung erschien, wissen wir nicht.

Meiner Frau gelang es, ihren Traum vom eigenen Café zu verwirklichen. Anton und Paul, die entweder Zwillinge oder kurz nacheinander geborene Brüder waren, spielten nicht nur beim Ausbau des Cafés eine zentrale Rolle, ja man kann sagen, sie haben das Café eigenhändig gebaut und nach den Wünschen meiner Frau eingerichtet, sie haben das Café auch zusammen mit meiner Frau geführt und es zu einem Ort gemacht, wo Menschen bis heute stets gerne einen Moment zur Ruhe kommen und bei einem guten Kaffee ein Stück der Quarktorte geniessen, die meine Frau wie niemand sonst backen kann.

Ich, der ich stets befürchtet hatte, das Café würde für mich bedeuten, dass ich weiterarbeiten müsste, sitze derweil an einem Ecktisch, von den Gästen völlig unbehelligt, und schreibe Geschichten wie diese.  

Unterwegs zum Ball

15. Januar 2021

(ein Beitrag zur Frage des Verhältnisses von Sprache und Realität)

Eine Frage, die mich gerade beschäftigt, ist, ob Hunde Geister sehen können, und wenn ja, ob sie den Unterschied zwischen lebenden Menschen und Geistern erkennen. Hunde haben eine Beobachtungsgabe, die der unsrigen in nichts nachsteht. Ich bin sogar überzeugt, dass sie die besseren Beobachter sind, mit feineren Sinnen, und dass sie mehr und genauer wahrnehmen als wir.

Eine andere Frage, die mir seit einiger Zeit immer wieder im Kopf herum geht, ist die, wo sich all das, was man in einem bestimmten Moment aufschreibt, vorher aufgehalten hat. Wo war das alles? Wo kommt es her? Wo waren die Gedanken und Sätze – wo waren sie bis zum Moment, wo man sie formuliert?  Und kann man sich auch ohne Sprache etwas fragen? Stellen sich Hunde Fragen?  

Ich gehe davon aus, dass ich weder die eine noch die andere Frage schlüssig beantworten kann, bevor es wieder dunkel wird (und vor allem über der ersten Frage sollte man nicht nachts brüten). Es wird mir nicht gelingen. Aber das soll mich nicht daran hindern, ihnen nachzugehen.  Auf viele Fragen, die uns beschäftigen, finden wir nie eine Antwort, vielleicht weil wir am falschen Ort suchen, vielleicht weil wir die Antwort, wenn wir sie vor uns haben, nicht erkennen, vielleicht aber auch weil es ganz einfach keine Antwort gibt.

Ich bin gerade aus dem Garten zurückgekommen. Aus dem Garten dieses herrschaftlichen Hauses im Westflügel des Palais Schwarzenberg, das die Botschaft und die Residenz des Schweizer Botschafters beherbergt. Nachdem die Hunde ihr Geschäft erledigt hatten, stand der eine plötzlich bockstill, wenn man das bei einem Hund so sagen kann, fixierte eines der grossen Fenster im Erdgeschoss, in dem sich die Repräsentationsräume befinden, hob eine Vorderpfote an und begann zu bellen. Der andere Hund reagierte nicht. Seine Augen sind nach einer Operation noch halb zugenäht, damit sie besser heilen können.

Ich versuchte, im Fenster, das der Hund fixierte, etwas zu erkennen, aber nichts regte sich. Jedenfalls konnte ich nichts erkennen. Ist da wieder einer unterwegs? fragte ich mich. Ein Geist natürlich, denn es wäre nicht das erste Mal.

Im vergangenen Sommer, als ich eines sonnigen Sonntagnachmittags mit den Hunden im Garten war und in Richtung Haus blickte, nahm ich einen Schatten wahr, der vom grossen Salon in Richtung Esszimmer schritt. Auch die Hunde schienen etwas zu sehen. Gebannt und regungslos schauten sie zum Fenster. Ich machte mir keine Gedanken. Es war meine Frau, die durch das Esszimmer in die grosse Küche ging.

Aber als ich sie fragte, was sie gerade in der grossen Küche gesucht habe (denn unsere private kleine Küche ist auf der ersten Etage), antwortete sie mir, sie sei weder in der grossen Küche noch im Grossen Salon noch im Esszimmer gewesen. Sie sei überhaupt nicht im Erdgeschoss gewesen. Sie hätte sich die ganze Zeit, in der ich mit den Hunden im Garten war, in ihrem Zimmer aufgehalten. Ihr Zimmer befindet sich in der ersten Etage und ist zur Prinz Eugen Strasse ausgerichtet, nicht zum Garten.  

Wenn ich das alles hier sehr genau und im Detail festhalte, so tue ich das deshalb, weil das Reich der Geister das Ungefähre und Ungenaue ist. Dort sind sie in ihrem Element, es IST ihr Element, und wenn man sie überhaupt je zu fassen kriegen will, wenigstens im übertragenen Sinn, muss man, davon bin ich überzeugt, sehr genau und detailgetreu sein, sowohl in der Beobachtung als auch in ihrer Beschreibung.   

Vielleicht ist das ein guter Moment, um ein erstes Mal auf die andere Frage zurückzukommen, die sich mir in letzter Zeit oft stellt. Es ist nicht so, dass sie mich plagt. Ich habe ihretwegen keine Probleme beim Einschlafen. Aber sie ist halt da und stellt sich mir. Sie ist nicht permanent vorhanden, sie wandert umher und ab und zu treffe ich auf sie und dann will sie, dass ich mich ein wenig mit ihr befasse. Wo sind alle Gedanken, bevor man sie äussert oder niederschreibt?

Dass sie erst dann entstehen, ist wohl eine zu einfache Erklärung, obwohl ich mich immer wieder daran erfreue, auch jetzt gerade, weil es mir Zuversicht gibt, dass ein Text während dem Schreiben entsteht. Es entbindet mich von der Bürde, schon wissen zu müssen, worauf ich hinauswill, wenn ich mit Schreiben beginne. Und es erhöht die Freude am Schreiben, weil man den Text selber zum ersten Mal liest. Ich wusste, als ich aus dem Garten ins Haus zurückkam, lediglich, dass ich einen Text schreiben wollte, der mit der Frage beginnen würde, ob Hunde Geister sehen können.

Als ich dann in der Küche am Herd stand (in der kleinen, auf der ersten Etage), und mir in einer Bratpfanne ein paar Teigwaren wärmte, kam mir der zweite Teil des Satzes in den Sinn: ob sie (die Hunde) den Unterschied zwischen lebenden Menschen und Geistern erkennen.  Das war alles, was ich wusste, bevor ich mich mit einem Teller gewärmter Teigwaren vor den Computer setzte und zu schreiben begann.   

Wo also kommt der ganze Rest her, den ich seit dem ersten Satz geschrieben habe? Assoziation? Führt das eine einfach zum anderen? Führt die Frage, ob Hunde Geister erkennen können, praktisch automatisch zur Frage, wer schärfere Sinne hat, der Hund oder der Mensch, und von da gelangt man dann ohne grosse Anstrengung zur Frage, ob alle Fragen beantwortbar sind, und ehe man es sich versieht steht man im Garten und es ist Sommer anstatt Winter und ich brauche jetzt einen Kaffee?

Begibt man sich mit einem ersten Satz auf eine schiefe Ebene, auf der man unweigerlich in eine Richtung gezogen wird? Gibt es so etwas wie eine Schwerkraft der Sprache, die unter Einbezug der spezifischen Erfahrungen und Erinnerungen des Schreibenden mitbestimmt, wohin ein Text geht? Ist somit im Moment, wo ich zu schreiben beginne, mehr oder weniger vorgegeben, wo ich landen und wie ich dort hinkommen werde? Kann die Richtung eines Textes bewusst verändert oder durch äussere Einflüsse verändert werden?

Wenn man einen Text begonnen hat, sollte man ihn jedenfalls nicht zur Seite legen, bevor man ihn zu Ende geschrieben hat. Das Gravitationsfeld, in das man geraten war, ändert sich oder es verschwindet ganz und man wird feststellen, dass man, wenn man sich dem Text wieder zuwendet, entweder nicht weiterweiss und auf das oder vergeblich wartet.

Einen Kaffee machen liegt als Unterbrechung gerade noch drin.  Als ich in der Küche stand und wartete, bis das Wasser kochte, kam mir die Schwerkraft in den Sinn und noch etwas anderes, was ich leider vergessen habe, seit ich weiterschreibe.  Denn ich bin es, der schreibt, wenn ich auch durch mein persönliches Gravitationsfeld, das mich assoziativ durch meine Erfahrungen und meine Erinnerungen führt, geleitet werde.

Ach ja, das war es, was mir in der Küche in den Sinn gekommen ist: Dass ich nach wie vor dafür bin, und zwar ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf Namen, dass Schreibende, die auf die Frage, woher ihr Schreiben komme, antworten, es schriebe mit ihnen, einen kräftigen Tritt in den Hintern verdienen.

Es gibt kein es, das mit jemandem schreibt. Es gibt nur ihr oder sein ich, das mit einem ersten Satz in eine Richtung aufbricht, die durch Erinnertes und Gespeichertes bestimmt wird, das am vorherigen Satz andockt. Welche Richtung das ist, denn es sind immer verschiedene Richtungen möglich, wird vom Gravitationsfeld bestimmt. Das Gravitationsfeld wiederum…

Gut, jetzt habe ich mich wahrscheinlich ein Bisschen verrannt und bin, anstatt der Gravitation zu folgen, die durch den ersten Satz entstanden ist, viel zu lange in eine Richtung gegangen, die vielleicht gar nicht so interessant ist und jedenfalls vom Punkt ablenkt, zu dem der Text führen will.

Finde ich den Weg zurück, bevor das Gravitationsfeld seine Kraft verliert? Sehen Hunde Geister? Sehen meine Hunde Geister? Um die Frage zu klären, oder um wenigstens ein wenig Licht darauf zu werfen (es wird bereits dunkel), müsste man zuerst wissen, ob es in diesem grossen Haus, in dem ich noch fast zwei Jahre leben darf, Geister gibt. Die Antwort scheint mir nach etwas mehr als drei Jahren einigermassen klar, und sie lautet ja.

Ich spreche nicht vom gelegentlichen Knarren und Knacken, wie es in jedem alten Haus zu vernehmen ist. Ich bin mir auch sehr bewusst, dass in diesem grossen Haus, wie in jeder Residenz eines Botschafters, viele Menschen unterwegs sind, von den Residenzangestellten über den Hauswart oder die Botschaftsmitglieder, die einen Empfang vorbereiten, bis hin zu Handwerkern, und oft ohne Voranmeldung. Es ist also nicht so, dass ich mich durch ganz normale Vorgänge dazu verleiten liesse, an die Existenz von Geistern zu glaube.

Es ist jedoch so, dass in den drei Jahren, in denen meine Frau und ich nun dieses Haus bewohnen, viele Dinge (zu viele) vorgefallen sind, die ich mir am besten durch die Existenz von Geistern erklären kann. Alles andere wäre unheimlich.

Bevor ich heute mit den Hunden in den Garten ging und einer von ihnen ganz offensichtlich etwas wahrgenommen hat im Haus (ich glaube, er hat es gesehen, denn gerochen hätte es der andere Hund auch), hörte ich meine Frau meinen Namen rufen. Aus der grossen Küche im Erdgeschoss, wie mir schien. Ich stand also von meinem Computer auf, wo ich seit dem Frühstück persönliche Post erledigt hatte, und ging zum Absatz, wo eine schmale Treppe zur Küche im Erdgeschoss führt. «Ja…?» rief ich hinunter. Keine Antwort. Ich ging ins Zimmer meiner Frau (offenbar hatte sie von da gerufen): «Hast Du mich gerufen?».

Die Antwort war nein. Jemand hatte mich aber gerufen. Ich habe die Stimme und meinen Namen deutlich gehört. Es war nicht das erste Mal, dass ich im Haus eine Stimme höre, aber das erste Mal, dass sie meinen Namen nannte. Bei anderen Gelegenheiten hörten meine Frau und ich, wie sich zwei Stimmen im Erdgeschoss unterhielten, aber als wir nachschauten, war niemand im Haus. Manchmal hört man durch die schlecht isolierte Aussentüre, die zur grossen Küche führt, Stimmen von Menschen, die draussen vorübergehen, aber das klingt anders, als was wir hin und wieder von innerhalb des Hauses hören.   

Es sind einerseits diese Stimmen und andererseits die Schatten, die man durch den grossen Salon schreiten sieht, wenn man vom Garten ins Haus schaut. Und da ist noch etwas. Schon zweimal bin ich mitten in der Nacht, in den kleinen Stunden, aufgewacht und hatte das Gefühl, einen Umriss zu erkennen, der sich von rechts nach links durch unser Schlafzimmer bewegte. Die Gestalt schien aus dem Schuhschrank meiner Frau zu kommen und das Zimmer durch die Wand in Richtung unseres Wohnzimmers zu verlassen.

Ich bin froh, dass ich sie sah, und nicht meine Frau. Sie fürchtet sich vor Geistern und dieses Haus ist ihr auch ihretwegen unheimlich. Vom anderen Grund werde ich ein andermal erzählen.     

Mir machen diese Geister keine Angst. Jedenfalls vorläufig nicht. Ich halte sie für ehemalige Bewohner oder Gäste dieses Hauses, und sie sind offensichtlich, wenn man sie zu Gesicht bekommt, unterwegs an einem bestimmten Punkt, denn sie bewegen sich alle in dieselbe Richtung.  Ich vermute, ohne sagen zu können, woher diese Vermutung stammt, dass dieser Punkt sich ausserhalb der Residenz befindet. Vielleicht im direkt anschliessenden Teil des Gebäudes, das heute als Kanzlei benutzt wird. Vielleicht gehen sie dort aber auch durch das bei der Renovation 2015 frisch erstellte Mauerwerk hindurch und ihr Ziel ist das Palais Schwarzenberg.

Sind sie tagsüber zu einer Partie Bridge und nachts zu einem Ball unterwegs? Leihen sich die weiblichen Geister Schuhe aus von meiner Frau und kommen deshalb aus ihrem Schrank? Wann bringen sie sie zurück?

Ich würde nur allzu gerne von meinen Hunden erfahren, was sie glauben, im Fenster gesehen zu haben. Vielleicht könnten sie dazu beitragen, die Frage nach der Existenz von Geistern und nach deren Vorhandensein in diesem Haus weiter zu erhellen. Vielleicht könnten sie auch die Frage beantworten, gerade weil sie sich für sie nicht stellt, weil sie nicht in unserer Sprache sprechen oder schreiben, wo das alles ist – die Küche, das Schlafzimmer, die Schuhe, die Geister – bevor wir es aussprechen oder niederschreiben.