Archive for September 2024

Skizze (Pastellkreide)

6. September 2024

Der Elektriker kommt (Teil 2)

6. September 2024

Als sein Telefon ihn am nächsten Morgen um 7 Uhr mit den ersten Klängen von „It’s a Wild World“ weckte,  wusste Bertrand Mesmer  nicht, wo er war. Bin ich in einem Hotel? Fragte er sich, nachdem er die Schlummertaste gedrückt hatte. Wie bin ich hierhergekommen? Bin ich in Hamburg? Wieder in Hamburg? Er war vor mehr als dreissig Jahren einmal nach Hamburg geflüchtet, als ihm alles zu viel geworden war. Er wohnte damals in Adliswil, im Zürcher Sihltal, und arbeitete in Bern, und eines morgens stieg er am Zürcher Hauptbahnhof anstatt in den Frühzug nach Bern in einen Intercity nach Hamburg. Von Hamburg aus fuhr er dann ans Meer und machte lange Spaziergänge.

„Tada-da-data – da-datta-taaa, …“ klang es zum zweiten Mal aus seinem Telefon, und er schaltete den Alarm ganz aus. „Ich muss die Sicherungen einschalten“ sagte er. Er drehte sich zur Seite, stützte sich auf den Ellbogen und die rechte Hand, bis er aufrecht im Bett sass und seine Füsse den Boden berührten. Er betrachtete seine dürren Beine. Welches wohl das längere war?  Kein Mensch hatte zwei genau gleich lange Beine.  Aber die wenigsten wussten, welches länger war. Von allem, wovon der Mensch zwei hatte, war immer eines kürzer oder kleiner und das andere länger oder grösser. Wenn der Mensch zwei Nasen hätte, wäre eine grösser als die andere.

Bertrand ging in die Küche und machte Frühstück. Er nahm das Brot aus dem Brotkorb, schnitt zwei Scheiben ab und steckte sie in den Toaster. Er drückte das Fach mit den zu toastenden Brotscheiben nach unten, aber es arretierte nicht. Er versuchte es noch einmal. Wieder nicht. War der Toaster nicht eingesteckt…? Natürlich, fiel es ihm ein – kein Strom. Die Sicherungen!

Nachdem er die Sicherungen wieder eingeschaltet hatte (der Sicherungskasten war gleich neben der Wohnungstür), öffnete er die Tür und hob die Zeitung auf, die ihm seine Nachbarin jeweils hochbrachte, wenn sie vom Morgenspaziergang mit ihrem Hund zurückkam. Sehr nett, dachte er, wie jeden Morgen, Sehr nett von ihr. Zurück in der Küche drückte er das Toasterfach runter. Es arretierte und der Toaster begann sich aufzuheizen.

Während er darauf wartete, dass das Kaffeewasser sieden würde, öffnete er die Zeitung und blätterte durch, bis er bei den Todesanzeigen angelangt war. Luzia hatte das nie verstanden. „Das ist doch nicht das Wichtigste und vor allem nicht das Erste, was man lesen muss“ hatte sie einmal gesagt.  Und er hatte geantwortet: „Aber das Unwiderruflichste“.

Die Menschen, die in diesen Wochen und Monaten starben, waren alt, aber jünger als er. Wir trauern um unseren Vater, Grossvater und Freund, Rudolf Matzinger. Er ist nach kurzer Krankheit friedlich entschlafen. Rudolf Matzinger? Er hatte einen Studienfreund, der Rudolf Matzinger hiess. Aber der hatte keine Kinder. Schwer zu sagen, wer um ihn trauern würde, wenn er starb. Das musste ein anderer Matzinger sein, der hier gestorben war. Mein Matzinger, dachte  Bertrand, lebt noch.

Zuletzt hatte ihm ein gemeinsamer Bekannter von Matzinger erzählt. „Hast Du das gehört, vom Matzinger?“, hatte er ihn gefragt, als sie im Goldenen Mond ein Bier tranken. „Was?“ hatte Bertrand gefragt. „Was soll ich gehört haben vom Matzinger?“

„Na von seinem letzten Wohnungswechsel.“

„Was war damit?“

„Er sei jetzt in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen.“

„Und…?“

„Ach, Du weisst gar nichts von seinem Projekt?“

„Welches Projekt?“

„Das Matzinger-Projekt“

„Und was wäre das?“

„Er hat dieses Projekt, der Matzinger, dass seine Wohnung bei jedem Umzug ein Zimmer kleiner wird und näher an den Zentralfriedhof rückt, bis er dann beim Letzten Umzug bequem und ohne Umzugsgut in eine Holzkiste umziehen kann.“

„Hat er das tatsächlich vor?“

„Wir haben alle gedacht, dass sei nur ein dummer Spruch, eine Bieridee, aber er hat es voll durchgezogen, der verrückte Hund, bis vor Kurzem jedenfalls. Vor etwa 8 oder 10 Jahren zog er aus seiner schönen 5-Zimmerwohung in Döbling in eine 4-Zimmer Wohnung nach Ottakring, von dort drei Jahre später in eine 3-Zimmerwohung in Margareten, und als er vor zwei Jahren in eine 1-Zimmerwohung in Simmering zog, haben wir alle gedacht, so kommt es nun also, wie er es geplant hatte: sein nächster Halt wird der Zentralfriedhof sein.

Und nun das! Er ist in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen und hat sich, so hat es mir Krupsky erzählt, wieder Möbel gekauft, nachdem er zuletzt in Simmering nur noch ein Bett und einen Stuhl hatte, nicht einmal einen Tisch. Auch keinen kleinen.“

„Verrückt…“

„Nichtwahr? Er hat den Tod sozusagen ausgelassen, übersprungen. In zehn Jahren wird er in einer 5 Zimmerwohnung leben in Sarasdorf oder Sommerein.

Es klingelte an der Türe. Bertrand hörte es nicht.

Er ging zurück and den Anfang der Zeitung und las die Überschrift des Leitartikels: Zuwanderungsbeschränkungen der Regierung wiedersprechen der Europäischen …

Es klingelte erneut.  

Das musste der Elektriker sein. Bertrand stand vom Küchentisch auf und ging zur Wohnungstüre. Obwohl er wusste, wer vor der Tür stand, öffnete er vorsichtig die Klappe des Spions und schaute ins Gesicht eines glattrasierten Mannes mit kurzen Haaren. Er schloss die Klappe, öffnete die Türsicherung, zog die Kette des Türstoppers aus ihrer Schiene, drehte den Schlüssel zweimal nach links und öffnete die Türe.

„Grüssgott Herr Mesmer“, sagte der Mann, „Ich bin der Elektriker.“

„Grüssgott…“ sagte Bertrand.

„Darf ich eintreten?“ fragte der Elektriker. Bertrand wollte eigentlich fragen, ob er kein Werkzeug dabei habe, aber er sagte nur „Ja, bitte..“ und trat beiseite.

Der Elektriker trat ein. Bertrand zog die Tür zu und ging voraus in die Wohnung. „Waren Sie schon einmal hier?“ fragte er über die Schulter.

„Ich komme nur einmal“, sagte der Elektriker, und schloss hinter sich die Wohnungstüre ab.

***