„Was soll das?“, fragte Jossi, zeigte mit der offenen Hand auf das Schachbrett und schaute Avitai entgeistert an.
Es war 9 Uhr. Zwei Tassen Kaffee, eine links und eine rechts, und ein Aschenbecher (rechts) standen neben dem Schachbrett, Jossi hatte sich seine erste Zigarette angesteckt und nach einem ersten tiefen Zug, gefolgt von einem Hustenanfall, in den Aschenbecher geklemmt, wo sie verglühen und verlöschen würde, und Avitai hatte die erste Partie des Tages, die sie auf dem kleinen, runden Blechtisch vor Jossis Laden spielten, gerade mit d2-d4 eröffnet.
Seit nun bald 20 Jahren kam Avitai, der in Ramat Gan gleich an der Grenze zu Givataim wohnte, („Ich bin kein reicher Ladenbesitzer wie Du, ich kann mir Givataim nicht leisten.“) jeden Morgen kurz vor 9 Uhr zu Fuss nach Givataim, an die Shenkin Strasse, wo Jossi bei seiner Ankunft bereits den Klapptisch und die Stühle aufgestellt und auf der Herdplatte in seinem Laden den Kaffee aufgebrüht hatte („Du willst nur Steuern sparen, Du alter Geizhals. Wohnst in Ramat Gan und wo treibst Du Dich den ganzen Tag rum? In Givataim!“).
Die beiden alten Männer, die sich seit ihrer frühen Kindheit kannten, spielten jeden Tag zur selben Zeit die exakt gleiche Partie, die mit der italienischen Eröffnung begann. Avitai liess seinen Bauer von e2 auf e4 vorrücken, worauf Jossi mit einem Bauernzug von e7 nach e5 antwortete. Als Nächstes wurden die Pferde bewegt, die auf ihren Feldern schon unruhig scharrten und schnaubten: Avitai rückte mit seinem Springer von g1 auf f3 vor und Jossi bewegte im Gegenzug seinen Springer von b8 nach c6, wie es beim Giuoco piano vorgesehen war, das sie, des Italienischen beide nicht mächtig, Schokopiano nannten.
Die Partie ging mit dem ersten Auslauf der beiden Läufer weiter (f1-c4 und f8-c5) und mündete nach den exakt gleichen Zügen und ohne dass dabei ein einziges Wort gesprochen worden wäre nach einer gute halben Stunde – ausser wenn die Partie von einem Kunden unterbrochen wurde, was am Vormittag kaum je der Fall war, dann dauerte es ein paar Minuten länger – in ein Patt, weil Avitai seinen König nicht mehr bewegen konnte, ohne sich ins Schach zu begeben. „Hab‘ ich Dich!“ sagte Jossi dann, und beendete damit die morgendliche Stille, und Avitai räusperte sich und antwortete: „Hast Du eben nicht!“
Danach spielten sie eine zweite und nach der zweiten eine dritte Partie, oft wurden es sechs oder sieben Partien bevor die Sonne unterging, wobei einmal Avitai gewann, dann wieder Jossi, nur selten gewann einer zwei Partien hintereinander, und Unentschieden gab es den ganzen Tag keines mehr, obwohl nur diese in die Wertung kamen. Der Spielstand, nach jedem Unentschieden von Jossi säuberlich mit einem kurzen Bleistift in ein kleines Notizbuch eingetragen, lautete mittlerweile 2561:2561.
Sieben Jahre war es nun her, seit Udi gestorben war. Seit sieben Jahren stand Udis Klappstuhl nun in Jossis Laden an der Wand, und als der Postbote ihn einmal aufgeklappt hatte, um ein Paket mit fragilem Inhalt darauf abzustellen, hatte ihn Jossi so zusammengestaucht, dass er sich seither weigerte, ihm die Post zu bringen. Er deponierte sie stattdessen im Kiosk auf der anderen Strassenseite („Das ist für den Wüterich“), wo Jossi sie einmal pro Woche abholte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er warte darauf. Auch wenn sich Jossi entschuldigt hätte (was er weder vorhatte noch je tun würde): der Postbote war unversöhnbar und die Post blieb dauerhaft umgeleitet.
Udi war mit Abstand der beste Schachspieler von den drei Freunden. Er war es, der Jossi und Avitai das Schachspielen überhaupt erst beigebracht hatte. Sie wussten zwar, wie man die einzelnen Figuren bewegt, aber Udi konnte Schach spielen. Einmal, so will es die Legende, als er noch jung war, soll er es bis in die zweitletzte Runde der israelischen Schachmeisterschaft geschafft haben. Ob er es noch weiter, vielleicht sogar bis zum Titel des israelischen Meisters hätte bringen können, lässt sich nicht sagen. Udi sei, so erzählt es Jossi, am Tag der zweitletzten Runde nicht mehr zum Turnier in Tel Aviv erschienen, und niemand werde je wissen, warum, während Avitai meint, es zu wissen. Udi sei der drohenden Niederlage ausgewichen, behauptet er, das, und nichts anderes, sei der Grund für sein Fernbleiben gewesen.
Als sie eines Tages wieder zu dritt vor Jossis Laden kalten Kaffee getrunken und geraucht hatten, hatte Udi gesagt: Warum spielen wir eigentlich nicht eine Partie Schach? „Schach ist für zwei“, hatte Avitai geantwortet, und Jossi hatte angefügt: „Das kann ich nicht.“ Aber Udi liess nicht locker. Am nächsten Tag brachte er ein Schachbrett samt Figuren mit, und so kam es, dass er ihnen die verschiedenen Eröffnungen zeigte, wie man Angriffe durchschauen und Fehler vermeiden, Opfer bringen und den Gegenspieler übertölpeln oder auskontern konnte, und wie sich ein Endspiel erfolgreich gestalten liess.
„Schachspielen ist definitiv besser als Herumsitzen, Rauchen und Kaffeetrinken“ sagte Jossi eines Morgens, als das Schachspiel bereits zu einem festen Teil ihres Tages geworden war, man könnte auch sagen zum wichtigsten und eigentlich einzigen Inhalt ihrer Tage (was hatten sie bloss vorher gemacht?), und wie er es sagte, war es ein Dankeschön an Udi, ohne dass er danke sagen musste. Die Spiele folgten der einfachen Regel, dass der Sieger am Brett blieb, was nichts anderes bedeutete, als dass Jossi und Avitai abwechslungsweise gegen Udi spielten und der andere musste zuschauen und die Klappe halten.
Als Udi an Leberkrebs erkrankte und nach wenigen Wochen starb, waren Jossi und Avitai verloren. Am Tag nach der Beerdigung sassen sie vor Jossis Laden am Blechtisch, vor ihnen Udis leerer Stuhl und das Schachbrett mit den wartenden Figuren. Keiner sprach ein Wort. Gegen Ende des Vormittags stand Jossi auf, klappte Udis Stuhl zusammen und trug ihn in den Laden, wo er bis zur unbedachten Aktion des Postboten und auch danach wieder unberührt in einer Ecke stand.
„Was machen wir nun?“ fragte Avitai mit brüchiger Stimme, als sich Jossi wieder hingesetzt hatte. „Ich weiss es nicht“, antwortete Avitai. Und nach einer kurzen Pause: „Wieder nichts wahrscheinlich, wie vorher.“ Eine Frau ging am Tisch vorbei und trat in Jossis Laden. Nach einer Weile erschien sie wieder im Eingang mit einem alten Kerzenständer aus fleckigem Messing.
„Was wollen Sie dafür?“
„Nichts“ sagte Jossi, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Die Frau schaute Avitai, der den Eingang zum Laden in seinem Blickfeld hatte, fragend an.
„Sie haben ihn gehört“, sagte Avitai, „Nehmen Sie das Ding und gehen Sie.“
„Im Ernst…? Danke…“ sagte die Frau. Und verschwand mit dem fleckigen Kerzenständer in Richtung Weizmann.
„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Jossi, als die Frau ausser Sichtweite war. „Entweder wir hören mit dem Schachspielen auf, oder die erste Partie des Tages gehört Udi.“
„Wie meinst Du das?“
„Wir spielen zuerst ein rituelles Unentschieden. Jeden Tag genau dieselbe Partie. Eröffnung mit dem Schokopiano und dann weiter bis zum Patt, mit den exakt gleichen Zügen, bis Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Das spielen wir für Udi. Jeden Tag. Das schulden wir ihm.“
Und das taten sie dann auch. Jeden Tag, sieben Jahre lang. Die immer gleichen Züge. Avitai mit seinem Bauern von e2 auf e4, Jossi mit seinem von e7 nach e5, dann die Pferde, dann die Läufer, wie das beim Schokopiano eben vorgesehen war. Und nun, nach sieben Jahren ritueller Unentschieden, also dies: Avitai eröffnete mit d2-d4!
„Was soll das? Was machst Du da?“ entfuhr es Jossi.
„Ich eröffne die Partie“ antwortete Avitai ruhig.
„Aber doch nicht so“ ereiferte sich Jossi. Er nahm Avitais Bauern, setzte ihn zurück auf d2 und fuhr stattdessen mit dessen Bauern von e2 auf e4. „So geht das“ sagte er dabei, und als er den Bauern auf e4 abgesetzt hatte, griff er zur glühenden Zigarette und nahm tatsächlich einen zweiten Zug.
***
Am nächsten Morgen sass Jossi vor seinem Laden am Schachbrett. Es war bereits viertel nach 9, aber Avitai war nicht gekommen. Als er auch um 10 noch nicht erschienen war, ging Jossi, der kein Mobiltelefon besass, in den Laden und rief Avitai an, aber Avitai antwortete nicht. Auch am nächsten Tag erschien Avitai nicht zum Schach, und Jossi begann sich Sorgen zu machen.
Als Avitai auch am vierten Tag nicht erschien und Jossis Anrufe nicht beantwortete, schloss Jossi seinen Laden ab und überquerte die unsichtbare Grenze nach Ramat Gan. Die Haustüre stand offen, damit Passanten bei einem Bombenalarm in den Schutzraum konnten. Jossi ging die Treppen hoch bis ins oberste, dritte Stockwerk und klingelte an Avitais Wohnungstür. Für einen Augenblick meinte er, aus der Wohnung Schritte zu hören, aber er musste sich getäuscht haben. Er klingelte ein zweites und ein drittes Mal, aber die Tür öffnete sich nicht.
Am letzten Tag der ersten Woche nach Avitais Verschwinden überquerte Jossi die Strasse und holte beim Kiosk seine Post ab. Er steckte die drei Umschläge, die ihm der Verkäufer aushändigte, in die Jackentasche und überquerte die Strasse in die andere Richtung. In der Mitte der Strasse blieb er stehen, und erst als mehrere Autos hupten, ging er weiter. Er setzte sich wieder an den Blechtisch vor seinem Laden und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen Zug und behielt die Zigarette vor seinem Mund. Mit der anderen Hand berührte er die drei Briefe in seiner Jackentasche. Er hatte Angst davor, sie vor sich auf den Tisch zu legen. Was, wenn einer von ihnen einen schwarzen Rand hatte?
Als er sich gegen Mittag einen Ruck gab und die Briefe aus seiner Jacke nahm, war er erleichtert. Keiner der drei Umschläge hatte einen schwarzen Rand. Die ersten zwei enthielten Rechnungen. Der dritte war von Hand adressiert. Er enthielt eine schwarz-weisse Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Strand mit Strandkörben und einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. Auf der Rückseite stand in wackliger Schrift:
Ich habe Schilddrüsenkrebs, ich werde sterben. Mach’s gut, lieber Freund.
Avitai
Jossi schluckte leer. „Das sollte es also bedeuten, als Avitai die Schachpartie falsch eröffnete, dachte er, während seine Hände mit der Postkarte und der Zigarette auf den Blechtisch sanken und ihm Tränen über die Wangen rollten.
***
PS: Drei Jahre sind unterdessen seit dem Tod von Avitai vergangen. Wenn man an Jossis Trödlerladen vorbeigeht, sieht man ihn wieder am Blechtisch sitzen und mit einem pensionierten Postboten Schach spielen. Die einen sagen, Jossi habe sich nur mit dem Postboten versöhnt, weil ihm der Weg zum Kiosk zu beschwerlich geworden sei. Andere glauben zu wissen, die Initiative zur Versöhnung sei nach dem Tod von dessen Frau vom Postboten ausgegangen, der lernen wollte, wie man Schach spielt.
