Archive for März 2025

Schlechtes Eis

31. März 2025

Er hielt den Stuhl an der Lehne und zog ihn vom Tisch weg, als ob er sich, wie wir andern das gerade taten, hinsetzen würde, setzte sich dann aber nicht, sondern zog den Stuhl weiter bis zum Nachbartisch, wo er ihn gegen einen anderen austauschte, den er an unseren Tisch brachte, und erst auf diesen neuen Stuhl setzte er sich und lächelte in die Runde.  

Die ersten zwei drei Male, nachdem ich ihn in jenem Frühling kennengelernt hatte, nahm ich an, es sei sein kleines Pech, dass jedes Mal ausgerechnet auf seinem Stuhl, den ihm der Zufall zugewiesen hatte, ein kleines Stück Thunfisch oder (in einem Gartenrestaurant) ein Vogeldreck lag, oder vielleicht ein paar Katzenhaare, auf die er womöglich allergisch war, denn es hatte sehr viele streunende Katzen in der Gegend, in der ich damals bereits etwas mehr als zwei Jahre gelebt hatte.    

Darum ging es aber nicht. Da war rein gar nichts auf seinem ersten Stuhl. Kein getrockneter Vogeldreck, kein öliges Stück Thunfisch, keine Katzenhaare, kein gerissenes Sitzgeflecht. Die ihm jeweils zufällig zufallenden Stühle waren einwandfrei oder zumindest nicht in schlechterem Zustand als diejenigen, auf die wir anderen uns ohne Umschweife setzten. Ich will auch nicht sagen, dass es sein Tick oder seine Marotte war, und die Sache damit auf sich bewenden lassen, dieses seltsame Ritual.  

In jenen Tagen im Mai, als der Horizont über dem Meer braun gefärbt war, wie er das oft ist im Frühling, wenn die Winde aus der Sahara den Sand gegen Nordwesten treiben, tauschte er seinen Stuhl jedes Mal aus, wenn er sich in seinem kleinen Restaurant in Jaffa zu uns setzte, und wir sahen uns in diesen Tagen oft, bis es mir auffiel und ich begann, darüber nachzudenken.

Dazu muss ich sagen: es braucht etwas, bis mir etwas auffällt. Ich nehme die Handlungen meiner Mitmenschen sehr wohl wahr, und manchmal beobachte ich sie sogar sehr genau, aber ich nehme vieles, was andere tun, eigentlich das Meiste, als selbstverständlich hin, ohne mir etwas dabei zu denken. Die Dinge sind für mich so, wie sie sind, und die Leute tun etwas so, wie sie es tun. Wenn ein Mensch etwas nicht auf die eine, sondern auf die andere Art tut, hat er wahrscheinlich seine Gründe dafür. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht mit der einen Art und probiert nun die andere aus. Wieso sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Hunde, bevor sie sich niederlegen (um wenig später einen Hundetraum zu haben und sich mit den Hinterbeinen am Rand ihres Traums abzustossen, was sie nicht ins Erwachen, sondern in einen nächsten Traum befördert), drehen sich ein paar Mal im Kreis, machen Umschweife, könnte man sagen, um das hohe Gras wegzudrücken, um Skorpione und Schlangen zu vertreiben. Was weiss ich, sie legen sich jedenfalls nur sehr selten, und nur wenn sie wirklich sehr, sehr müde sind, einfach hin.  

War der Tausch des jeweils ersten Stuhls eine ähnliche Vorsichtsmassnahme? Hatte man vor vielen hundert Jahren einem seiner Vorfahren ein Stuhlbein angesägt (ein wirklich dummer, gefährlicher Streich) und er hatte sich beim Aufprall auf den Steinboden einen Hirnschlag zugezogen, von dem er sich nicht mehr erholen sollte? War es seither im Erbgut der Familie, ein über Generationen vererbter Instinkt, sich nie auf den ersten Stuhl zu setzen, schon gar nicht auf einen angebotenen und erst recht nicht auf den erstbesten, weil es der schlechteste und letzte Stuhl sein konnte?

Ich habe es nicht herausgefunden und ich habe es leider, vielleicht aber auch zum Glück, wer weiss das schon, verpasst, ihn danach zu fragen. Gelegenheit dazu hätte ich gehabt, zur Genüge, aber ich traute mich nicht. Was, wenn ihn die Frage beleidigen würde, weil wer sie stellte vielleicht dachte, seines sei ein seltsames Verhalten? Was, wenn er sich gar nicht bewusst war, dass er jedes Mal, bevor er sich hinsetzte, seinen Stuhl austauschte? Wäre es dann nicht so gewesen, als hätte ich einen Schlafwandler angesprochen, was man ja bekanntlich tunlichst vermeiden sollte?

Ich fragte ihn also nicht. Auch am letzten Abend nicht, an dem wir uns in jenem Frühling trafen, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein sollte, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht begegneten. Ich sage von Angesicht zu Angesicht, weil ich ein paar Wochen nach unserer letzten Begegnung, von der ich gleich berichten werde, als ich am Abend alleine durch die Altstadt von Jaffa spazierte, eine männliche Gestalt dahinschreiten sah, vielleicht 50 Meter vor mir, in dieselbe Richtung.

Ich dachte, wohl wegen seinem typischen Gang und seiner durchschnittlichen Grösse, er sei es, und rief laut seinen Namen, aber er reagierte nicht und bog in eine Seitengasse ein, in der er bereits nicht mehr war, als ich dort angelangte. War er in einem der Häuser verschwunden oder hatte er, sobald er in die Seitengasse eingebogen war, zu rennen begonnen und hatte sie bereits am anderen Ende verlassen, als ich endlich Einblick nehmen konnte? War er es überhaupt? Wie viele Männer durchschnittlicher Grösse mit seinem Gang gab es in Jaffa? Hatte er mich gehört und war in die Seitengasse verschwunden, weil er nicht mit mir sprechen wollte? Und warum nicht? Wir waren doch Freunde. War er es und er hatte mich nicht gehört? Oder war er es nicht und hatte mich einen Namen rufen hören, der zwar laut aber nicht seiner war? Rief ich also umsonst?

Am Abend, als wir uns das letzte Mal sahen, war ich von meinem Haus in Ramat Gan aus noch bei Tageslicht mit dem Fahrrad nach Jaffa aufgebrochen. Ich fuhr damals oft Fahrrad, manchmal auch zur Arbeit, und an jenem Abend schien mir die Möglichkeit, dass ich an seinem Ende nicht mehr ganz nüchtern sein würde, gross zu sein, trafen wir uns doch in der neuen Bar, die er vor Kurzem am Hafen eröffnet hatte. Ich bog also von meinem Haus in Ramat Gan aus zuerst gegen links in die Bialik ein, dann von der Bialik rechts in die Aba Hilel, um wenig später linkerhand in den Yarkon Park zu gelangen, der fast bis hinunter ans Meer führt, wo ich dann nur noch der Uferpromenade folgen musste, um nach Jaffa zu gelangen.  

Seine neue Bar war, wie bereits erwähnt, direkt am alten Hafen, der damals erst teilweise renoviert war und ungleich mehr Charme hatte als heute, wo alles renoviert ist und fast gleich aussieht wie ein paar Kilometer nördlich. Das Kernstück der Bar war ein riesiger, halbkreisförmiger Tresen, an dem hohe Barstühle standen. Nachdem er uns (es waren noch ein Kollege und zwei Kolleginnen von der Botschaft dabei) von hinter der Bar eine erste Runde hingestellt hatte, kam er um die lange Bar herum, begrüsste uns alle mit einer Umarmung, tauschte den Barhocker aus und setzte sich zu uns.  

Das Getränk, das er uns serviert hatte, war ein grosses, mit Eiswürfeln gefülltes Wasserglas, in dessen Zwischenräume er Cognac gefüllt hatte. «Das Verrückte daran ist,» sagte er, «dass man von eisgekühltem Cognac nicht betrunken wird.» Da sassen wir also, redeten und tranken einen eisgekühlten Cognac nach dem andern. Ich mag Cognac nicht besonders, aber eisgekühlt schmeckte er mir vorzüglich und da er nicht betrunken machte, was ich ihm als einziger glaubte, schien es mir ein perfektes Getränk für einen langen, warmen Abend an einer Bar am Mittelmeer zu sein.

Mein Freund (mon ami, denn er stammte aus der Westschweiz), wie ich ihn nicht erst nach dem dritten Drink nannte, erzählte uns, dass er Israel schon bald verlassen werde, was uns überraschte, hatte er doch erst gerade sein zweites Lokal eröffnet und einen köstlichen Drink erfunden, der nicht betrunken machte.

Zwei Barstühle weiter fand eine ziemlich heftige Diskussion zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau statt. Immer wieder hörte ich ihn sagen „Ja, aber darum geht es nicht.“ Er konnte dann aber nie richtig sagen, worum es wirklich ging. Jedenfalls habe ich es nicht mitbekommen, falls er es ihr im Verlauf des immer länger werdenden Abends noch gesagt hätte. Ich glaube eher, er wusste es selber nicht. Irgendwann ging er dann, ich glaube alleine, weil sie vorher gegangen oder gerade auf der Toilette war, als er vom Stuhl kletterte. Er schien mir ziemlich betrunken, der arme Kerl, aber vielleicht war ja sie die arme Frau.

Jedenfalls waren die zwei Barhocker neben mir (ich sass am Rande unserer kleinen Gesellschaft) plötzlich leer, und es leerten sich irgendwann auch die anderen Stühle, bis nur noch mon ami, meine Kolleginnen und mein Kollege von der Botschaft und das Ungefähre, was von mir nach 10 Gläsern Eiscognac noch übrig war, im Lokal waren, das irgendwie, wie mir erst jetzt auffiel, gar kein richtiges Lokal war, denn es hatte gegen das Meer hin keine Wände, und man konnte in den nun länger werdenden Gesprächspausen die Wellen gegen die Hafenmauer schlagen hören. Schwap… schwap… schwap…  

Bezahlen durften wird nicht. Es war ja auch fast nur Wasser in den Gläsern und mon ami ist ein grosszügiger Mensch. Wenn ich mich richtig erinnere, was unwahrscheinlich ist, aber keine Rolle spielt, war es lange nach Mitternacht, als ich von meinem Barhocker stieg und mit einem Schlag spürte, wieviel Cognac ich getrunken hatte. Es musste schlechtes Eis gewesen sein, denn ich war entgegen der Anpreisung des Drinks durch mon ami sturzbetrunken. Und – es kam, wie es kommen musste – ich bin dann auf dem langen Heimweg auch tatsächlich gestürzt.

Irgendjemand hatte die lobenswerte Idee, auf der Meerespromenade seitlich gegeneinander verschobene, kniehohe Betonblöcke zu platzieren, die von links und rechts in die Promenade ragen, damit keine Zweiräder die Promenade entlang rasen und die Fussgänger umfahren können. Man muss zwischen den Betonblöcken hindurch Schlangenlinien fahren. Das gelang mir anfangs ziemlich gut, und es kam völlig unerwartet, als ich mit dem Vorderrad einen der Betonblöcke rammte, worauf es mich, obwohl ich mir sicher war, langsam unterwegs zu sein, in einem Salto, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte, über den Lenker und den Betonblock katapultierte.

Ich lag leicht verkrümmt auf dem Asphalt und mehrere Passanten eilten sofort zu mir, um mir aufzuhelfen und mich zu fragen, wie es mir gehe, ob ich OK sei. «Ja,» sagte ich, «danke, nichts passiert.» Ich liess alle meine Helfer ihre Hand vor ihr Gesicht halten und mir sagen, wie viele Finger sie sehen, dann liess ich es gut sein und verabschiedete mich. Ich hatte ein paar Schrammen und meine erst vor ein paar Jahren ersetzte Hüfte tat mir furchtbar weh, aber mein Fahrrad hatte zum Glück keinen Schaden genommen, wohl wegen der Federung des Vorderrads, und so kam ich, wenn auch langsam und immer wieder vom Rad steigend, aus eigener Kraft nachhause, von dem ich erstaunlicherweise noch wusste, wo es war.

Eis mit Cognac habe ich seither nicht mehr getrunken, und mon ami nie mehr gesehen. Ich wünsche ihm alles Gute, wo immer er ist, vielleicht irgendwo in Afrika (er hatte Afrika erwähnt), an einem Strand, in einer Bar, die nicht seine sein muss, oder irgendwo in den goldenen Hängen am Lac Léman, im eigenen Weinberg, mit einem kleinen Winzerhaus mit einem Tisch und zwei austauschbaren Stühlen.

Fetter Junge, dünne Tante

15. März 2025

(Abschied nehmen)

Es gibt ein Bild, es ist noch kein Jahr alt, auf dem man meine Tante in unserer damals gerade frisch bezogenen Wohnung in Regensdorf (Manhattan) in unserem Fat Boy sitzen sieht, einem breiten, schwarzen Fauteuil, in dem es sich superbequem fernsehen, lesen oder auch einfach nur dösen liess und den man mit einem Hebel umlegen und darin wunderbar ein- und weiterschlafen konnte. Meine Tante, früher eine füllige Person, der wir als Kinder auch mal den Spitznamen «Tanti Fanti» gegeben hatten, sieht im grossen Sessel klein und leicht aus, wie ein freudig strahlendes Murmeltier oder ein Klippschliefer, die ja mit den Elefanten nahe verwandt sein sollen.  

Wir hatten den Fat Boy aus Ankara nach Wien und von da in die Schweiz mitgenommen. Er stand mit seinem Bruder im Wohnzimmer, als wir zum ersten Mal in die Wohnung im ersten Stock der Residenz der Schweizer Botschaft am Atatürk Bulvari in Çankaya traten. Dumm, wie ich manchmal bin, wollte ich beide Fat Boys nicht in meinem neuen Wohnzimmer. Die Vorstellung, wie viele Botschafter und ihre Frauen sich bereits in den Sesseln geräkelt hatten, war abstossend für mich. Zum Glück bestand meine Partnerin und spätere Frau darauf, wenigstens einen Fat Boy zu behalten. „Du musst ja nicht darauf sitzen“, sagte sie. „Es wird mein Sessel sein.“  

Natürlich wurde es dann bald einmal mein Sessel, weil er einfach zu bequem war, um sich von der eingebildeten Erinnerung an alt Botschafter und ihre Gattinnen daraus vertreiben zu lassen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir natürlich mein Vater in den Sinn, wie er sich ein paar Wochen lang weigerte, auf das neue Sofa zu liegen, das meine Mutter aus ihrem eigenen Geld gekauft hatte, ohne ihn zu fragen. Mein Vater sah nicht ein, weshalb man etwas entsorgen sollte, wenn es noch zu gebrauchen war. Ein paar Wochen später legte er sich dann nach dem Abendessen auf das neue Sofa, als wäre nichts gewesen.

Als es klar wurde, dass der Fat Boy mein Sessel geworden war, bat meine Frau den Hausmeister der Botschaft, er solle doch bitte den anderen Fat Boy aus dem Keller holen und ihn in unser Wohnzimmer zu seinem Bruder bringen, aber es stellte sich heraus, dass ihn die unterdessen transferierte Kanzleichefin einer vor ihr in die Schweiz zurückgekehrten Kollegin geschenkt hatte, was sie eigentlich gar nicht durfte, denn es handelte sich um Mobiliar des Bundes. Erst kurz bevor wir Ankara in Richtung Wien verliessen, wurde es möglich, altes Mobiliar aus der Residenz zu kaufen, da die zukünftigen Botschafter ihre Privaträume in den Residenzen selber möblieren durften. Es tat mir natürlich Leid, dass ich verantwortlich für die Trennung der beiden Brüder war, aber ich konnte es nicht mehr ändern. Alles, was ich noch tun konnte, war, meiner Frau ab und zu den Fat Boy zu überlassen.

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Aus dem Zentrum von Höngg, wo ich aufgewachsen bin, führt die Regensdorferstrasse, so weit so gut, direkt nach Regensdorf. Leicht befremdend ist lediglich, dass man sich, wenn man kurz nach dem Restaurant Grünwald aus dem Wald kommt und  Regensdorf sehen kann, nicht mehr auf der Regensdorferstrasse, sondern auf der Hönggerstrasse befindet. Sollte man wenden?

Als wir von Wien nach Regensdorf zogen, hiess das auch, dass unser Wohnzimmer anstatt sechzig plötzlich nur noch zwanzig Quadratmeter gross war. Als wir das erste Mal von Höngg aus kommend mit dem Wagen aus dem Wald kamen, sagte ich zu meiner Frau mit Blick auf die alten und gerade neu entstehenden Hochhäuser: Manhattan!

Alles in Regensdorf, auch unser Wohnzimmer, ist lediglich etwas kleiner, aber sonst fast wie in Manhattan. Mit unseren beiden Sofas, einem Kasten, einem Beistelltisch, einem TV-Möbel und zwei türkischen Heiratsboxen war unser Wohnzimmer bereits voll, mit dem Fat Boy klar übermöbliert. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis wir uns dazu durchringen konnten, uns von unserem Fat Boy zu trennen. Natürlich hätten wir auch eines der eben erst in Wien gekauften teuren Sofas weggeben können, und vielleicht hätten wir genau das tun sollen, aber es schien uns wenig Sinn zu machen.

So fiel das Los auf unseren Fat Boy, und meine Frau gab ihn schweren Herzens im Nachbarschafts-Chat zur Adoption frei. Am Abend des 13. März kam ihn dann ein junges Paar aus der Nachbarschaft abholen und wir waren froh, dass er, anstatt auf der Müllhalde zu landen, eine sympathische neue Familie gefunden hatte. Am Tag danach erreichte uns zuerst eine Whatsapp-Meldung des jungen Paars, wie glücklich sie mit dem superbequemen Fat Boy seien, dann die Kurzmitteilung meines Bruders, dass unsere Tante um die Mittagszeit friedlich eingeschlafen sei.

Meine Frau und ich hatten sie vor drei Wochen noch zum Mittagessen in ein Restaurant in Höngg ausgeführt, wo sich der Kellner sehr gefreut hatte, sie wiederzusehen. Kurze Zeit später hatte sie einen Hirnschlag und wurde ins Spital eingeliefert. Als mein Bruder und ich sie besuchten und ihr nach einem Gespräch mit den Ärzten mitteilten, sie würde am folgenden Tag entlassen und dürfe in ihr eigenes Zimmer im Pflegezentrum in Höngg zurück, wusste sie nicht mehr, dass sie die letzten fünf Jahre dort verbracht hatte. «Ich will nachhause» sagte sie, «Gehen wir jetzt?»   

Zurück im Pflegeheim begann dann die palliative Pflege. Das erste Mal, als meine Frau und ich sie besuchten, konnte man noch mit ihr kommunizieren, obwohl sie nicht mehr viel sagte. «Sprecht nur,» sagte sie ab und zu, «Ich kann euch hören.» Beim nächsten Besuch sprach sie kaum noch. Zu Beginn des Besuchs richtete sie sich im Bett auf, schaute meine Frau an, und sagte zu Ihr «I love you!» bevor sie wieder in den Nebeln der Opiate versank. Später sagte sie noch «Es nimmt mich einfach» und gegen Ende unseres Besuchs noch ein Mal: «Es nimmt mich einfach». Zwischendurch griff sie mit ausgestreckten Armen in die Luft, als wollte sie etwas fangen.

Bei unserem letzten Besuch am Donnerstag, am Tag bevor sie starb, dämmerte sie nur noch vor sich hin, die Augen einen Spalt weit geöffnet, die immer länger werdenden Atempausen von einem unruhigen, mühsamen Ringen um Luft unterbrochen. Uns war klar, dass das unser Abschiedsbesuch sein würde. Wir sprachen wenig auf der Heimfahrt. Als wir aus dem Wald kamen, brannten in Manhattan bereits die Lichter.

Obwohl ich vorbereitet war, musste ich am Freitag, als ich meiner ältesten Tochter, die es gerade noch geschafft hatte, am Vormittag von ihrer Grosstante Abschied zu nehmen, mitteilte, sie sei nun gestorben, weinen. Als wäre ihr Sterben erst real geworden, als ich es aussprach.

Mein Tante wollte gehen, und ich wusste, dass dieses Gehen (oder genommen werden?) unmittelbar bevorstand, trotzdem überkam es mich. Im Fleischli in Rümlang, bei Kaffee und einem Stück Osterkuchen. Mein Frau legte ihren Arm um mich und die Hunde schauten mich verwundert an.

Heute ist Samstag. Ich habe einige Dinge entsorgt und einen langen Spaziergang mit den Hunden gemacht, bei dem sie auf einer Wiese neben dem Fussballplatz frei rennen konnten. Zum Abendessen hat meine Frau Filet und Reis zubereitet. Nun stehe ich an meinem PC und habe gerade Ben Gurion das Gesicht gewaschen und ihm die Sonnenbrille gereinigt. Zu viele braune Ringe von meinen Kaffeetassen auf dem Untersatz mit seinem von der Illustratorin Amit Shimoni gemalten Pop-Art Brustbild. Ben Gurion trägt ein pinkes Hemd mit kleinen Ananas, vermutlich mit kurzen Ärmeln (man sieht das auf dem Untersatz nicht mehr), er hat schlohweisses Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Der Hintergrund ist gelb.

Hönggerberg (Skizze)

15. März 2025