Es war gegen 9 Uhr. Der Himmel war grau und bewölkt. Einige Wolken waren leicht, weiss und beweglich, als wollten sie die Bemühungen der Sonne unterstützen, die Oberhand zu gewinnen, die meisten aber gross, dunkel und schwer. Es bedurfte keiner Wettervorhersage, um zu wissen, dass es demnächst regnen würde.
Da wenig Aussicht auf eine Wetterbesserung am Nachmittag bestand, beschloss ich, trotz des bevorstehenden Regens auf den langen Spaziergang zu gehen. Ich schloss die Tür hinter mir ab und leinte im Fahrstuhl die Hunde an.
Als wir aus dem Haus traten, fielen bereits die ersten Tropfen. Gut, sagte ich zu den Hunden, wir gehen jetzt los und der Spaziergang dauert dann einfach so lange, bis es richtig anfängt zu regnen, dann kehren wir um. Einverstanden? Und wenn wir ein wenig nass werden, dann geschehe nichts Schlimmeres.
Wir gingen die Roosstrasse entlang, vorbei am Pflegeheim, aus dem gerade zwei weisshaarige alte Damen kamen, die sich auf Französisch unterhielten. Auch sie hielten trotz dem aufkommenden Regen an ihrem täglichen Spaziergang fest.
Anstatt wie üblich beim Ostring die Unterführung zu nehmen und dann entlang der Strafanstalt zum Wald zu spazieren, wartete ich, bis die Ampel auf Grün sprang, und überquerte die Roosstrasse. Als auch die Ampel am Ostring grün wurde, überquerten wir den Ostring.
Auf der anderen Strassenseite bogen wir kurz darauf in die Hofwiesenstrasse ein, die wir – vorbei am Haus meiner frühen Kindheit – bis an ihr Ende gingen. Dort angelangt, wollte ich nach links abbiegen um durch ein kurzes Stück Wald in Richtung Altburg zu spazieren, aber die um eine Minute ältere unserer beiden Pudelweibchen, die stets genau weiss, wo sie nicht hinwill, stand still und wollte nach rechts.
Also gingen wir zuerst nach rechts und machten dann einen Bogen nach links um das Waldstück herum, vorbei an einer Baustelle, an der ein Mann mit Helm und Kopfhörer Rohre zersägte, vorbei einem Parkplatz rechter Hand, bei dessen Eingang noch immer ein verblassendes Schild mit den Öffnungszeiten des Restaurants Altburg stand.
Das Restaurant Altburg, eine Jugenderinnerung, hatte vor Jahren den Betrieb eingestellt. Kurz darauf gingen wir daran vorbei. Es wurde nun als Wohnhaus genutzt und hatte, anstatt wie früher einen grossen Eingang für die Gäste, jetzt zwei kleinere für die Bewohnerinnen und Bewohner. Bemerkenswert, dachte ich als wir weitergingen, wie man an Dingen vorbeigehen kann, die es nicht mehr gibt.
Am Brunnen vor dem geschlossenen Restaurant wählten wir nicht den Weg links den kleinen Hügel hoch zur Ruine Altburg, sondern gingen nach rechts zwischen sorgfältig renovierten Häusern hindurch, auf der rechten Strassenseite gepflegter Rasen und farblich aufeinander abgestimmte Blumen, auf der linken Strassenseite Kinderspielzeug in den Vorgärten, nur Kinder sah man keine.
Es fielen nun ein paar Tropfen mehr und der Himmel hatte sich weiter verdunkelt, aber es gab noch keinen Grund, umzukehren. Bevor wir nach links in einen Weg einbogen, der hinunter in die Senke zu den Geleisen führt, drehte ich mich um, um mich zu versichern dass sich von hinten kein Elektrobike nähert.
Es näherte sich keines. Stattdessen sah ich am grünen Abfallbehälter, der am Ausgang der Siedlung am Wegrand steht, eine Person mit einem Fahrrad, die dem Behälter gerade ein paar der blauen Hundekotbeutel entnahm. Einen Hund konnte ich aus der Distanz nicht ausmachen.
Wind war aufgekommen. Ich bog nach links ab, vorbei an einem frisch angelegten kleinen Teich, der Teil eines im Bau befindlichen Naturpfads sein würde, wie ich neulich auf der zu diesem Zweck aufgestellten Tafel las. Naturpfade schienen gerade in Mode zu sein. Auch wenn mit jedem Naturpfad ein Stück unberührte Natur verschwand.
Wenig später hörte ich Kies hinter mir knirschen. Ich nahm die Hunde kurz und drehte mich um. Die Person mit dem Fahrrad stand wenige Meter hinter mir am Wegrand. Es war eine ältere Frau.
«Ich wollte sie nicht erschrecken», sagte sie zu mir.
«Das haben sie nicht» antwortete ich. «Ich dachte nur, sie wollen vorbei.» Dann drehte ich mich wieder um und ging weiter.
Wenig später, als der Weg leicht gegen die Höfe abfiel, die nahe bei den Geleisen stehen, fuhr sie an mir vorbei. Sie trug eine orange Mütze und einen grauen Regenmantel und erst jetzt fiel mir auf, dass sie einen leeren Kindersitz hinten auf dem Fahrrad hatte.
Sie hielt vor dem ersten Hof an, lehnte ihr Fahrrad an die Wand und trat ein, ohne anzuklopfen. Sie wohnt hier, dachte ich. Ich ging am Hof vorbei, las die gerade noch lesbare Aufschrift «1926» über der Tür, und wartete dann an der Bahnschranke, an der die roten Lampen blinkten. Als der von Affoltern kommende Zug vorbeigerauscht war und sich die Schranken wieder geöffnet hatten, gingen wir weiter.
Der Wind war stärker geworden. Hier und da riss er die Wolkendecke auf. Auf der anderen Seite der Wiese konnte man die Fassade des Guts Katzensee in den Strahlen der Morgensonne leuchten sehen, vor dem Hintergrund schwarzer Bäume und dunkler Wolken. Ich griff zu meinem Telefon, um ein Bild davon zu machen, aber das Licht war bereits wieder weg. Als ich das Telefon wieder einsteckte und den Reissverschluss hochzog, hielt die alte Frau mit dem Fahrrad neben mir an.
«Warum sind Sie vorhin nicht erschrocken?» fragte sie mich unvermittelt.
«Weil sie nicht so aussehen, dass man erschrickt.»
«Wie seh’ ich denn aus?» fragte sie. Ein listiges Kindergrinsen huschte über ihr faltiges Gesicht.
«Wie eine Frau, die mit dem Fahrrad von Hofladen zu Hofladen unterwegs ist.»
Die alte Frau begann zu lachen. Zuerst leise und glucksend, dann lauter und mit tiefer werdender Stimme, und während die Hunde zu bellen begannen, lachte sie immer noch lauter, bis sich ihr schallendes Gelächter mit dem Donner vermischte, der in diesem Moment über den Hönggerberg heranrollte.
Noch immer lachend stieg sie auf ihr Fahrrad und fuhr davon, währende sich der Himmel vollends verdunkelte und der böige Wind den stärker gewordenen Regen vor sich hertrieb. Ich fasste die Hundeleinen kurz und beschleunigte meine Schritte.
In Richtung Oberengstringen sah ich hinter dem Berg einen Blitz niedergehen. Ich zählte die Sekunden bis es donnerte. Man konnte so die Entfernung berechnen, in welcher der Blitz eingeschlagen hatte. Aber ich wusste die Formel nicht mehr.

