(zunehmend kleiner werdende Gästezahlen)
Ein Freund von ihm, so hatte es Meir meiner Frau und mir erzählt, als wir ihn und seine Frau Hadassah in ihrer Wohnung in Jerusalem besuchten, nicht ahnend, dass es das letzte Mal sein würde, denn wir wussten nichts von seiner heimtückischen Krankheit, die sich in ihm nach ihrer letzten Attacke ausruhte, bevor sie ihn zwei Jahre später in sein bereits offenes Grab stossen sollte, dieser Freund von ihm also, so hatte uns Meir erzählt, habe zu seinen Neujahrsfesten, von denen jeder, der schon einmal eines miterleben durfte, das folgende auf keinen Fall verpassen wollte, jeweils mittels eines Rätsels eingeladen.
Nur wer das Rätsel, das jedes Jahr schwieriger geworden sei, ganz lösen konnte, fand heraus, wann (denn das Datum des Festes war noch beweglicher als das jüdische Neujahr) und wo (denn die Feierlichkeiten fanden nie im Haus des Freundes statt, obwohl dieses, so Meir, dafür gross genug gewesen wäre) das Neujahrsfest diesmal stattfinden würde. Wer das Rätsel nur halb lösen konnte, wusste zwar wo, aber nicht wann, und wem die Lösung der anderen Hälfte gelang, der wusste zwar wann, aber nicht wo das grandiose Fest steigen würde.
Da die Rätsel, wie gesagt, von Jahr zu Jahr schwieriger wurden, wuchs mit jedem Jahr die Zahl derer, die nicht mehr imstande waren, das Rätsel ganz zu lösen, oder anders gesagt: die Zahl der Gäste, die am richtigen Abend am Ort des Festes erschien, wurde zunehmend kleiner.
Als Nebenprodukt dieser besonderen Einladungen konnte man, wenn man offene Augen und den Blick dafür hatte, in den Tagen rund um Rosch ha-Schana, also im September oder Anfang Oktober, in Jerusalem Menschen beobachten, die festlich gekleidet in den Strassen der Altstadt umherirrten, einige von ihnen mit Blumen oder einem Zickerkichen, in der völlig vergeblichen Hoffnung, sie würden auf jemanden treffen (und ihn oder sie auch erkennen), der das Rätsel, das zu lösen ihnen nicht gelungen war, ganz gelöst hätte und sie zum Fest führen würde.
Die Hoffnung war deshalb völlig vergebens, weil noch nie jemand, der das Rätsel ganz gelöst hatte, jemandem zu einem der besonderen Neujahrsfeste geführt hatte, der das Rätsel nur halb oder gar nicht gelöst hatte. Dies aus dem einfachen Grund, weil am Eingang zum Fest eine personalisierte Kontrollfrage gestellt wurde, die nur beantworten konnte, wer das ganze Rätsel selber gelöst hatte.
Es gäbe auch Leute, so erzählte es Meir, die überzeugt davon waren, das Rätsel sei für jeden eingeladenen Gast ein anderes, auf ihn zugeschnittenes gewesen, und habe mit der Lösung eine Art individuelles Passwort generiert, das dem Pförtner beim Eintritt ins linke Ohr geflüstert werden musste, denn auf dem rechten war der arme Mann seit vielen Jahren völlig taub.
Wie dem auch sei. Die Zahl der Gäste nahm jedes Jahr ab, obwohl sein Freund, hatte uns Meir versichert, nur intelligente Menschen zum Neujahrsfest einlud, denn geladen waren in der Regel nur dessen Freunde, und obwohl er viele Freunde hatte, würde man unter ihnen, auch wenn man sie lange suchte – was niemand tun würde, der ganz bei Sinnen ist – keine dummen Menschen finden.
Wenn ich sage in der Regel, dann deshalb, weil wir letztes Jahr völlig unerwartet eine Einladung zum Neujahrsfest von Amos Tellerman erhalten haben, ohne Amos Tellerman je getroffen zu haben, geschweige denn mit ihm befreundet zu sein. Dass es sich bei Amos Tellerman um Meirs Freund handeln musste, war mir sofort klar, nachdem ich den Umschlag geöffnet hatte und die Einladung in meinen Händen hielt.
Es war eine doppelseitige, ausklappbare Karte von ungewöhnlichem Format, auf deren Vorderseite von Hand in schöner Schrift geschrieben stand: «Persönliche Einladung zur Rosch ha-Schana Feier 5785 in Jerusalem». Die Einladung galt für meine Frau und mich. Sie hatte uns nach einem Umweg über Wien Anfang September an unserem neuen Wohnort in der Schweiz erreicht, wohin wir im April nach sechseinhalb Jahren in Wien gezogen waren.
Zum ersten Mal war ich, nachdem bisher nur Rechnungen oder Einladungen an bereits dirigierte Konzerte nachgesandt worden waren, froh, dass ich der Österreichischen Post einen kostenpflichtigen Nachsendeauftrag erteilt hatte und dass dieser noch nicht ausgelaufen war.
Rosch ha-Schana wurde 2024 vom zweiten bis am vierten Oktober gefeiert. Meine Frau und ich waren begeistert von der Einladung und buchten sofort nach Erhalt einen Flug für Ende September. Wir hatten ohnehin vorgehabt, zum neuen Jahr wieder zur Familie meiner Frau zu fliegen.
Erst nachdem wir gebucht hatten, fiel uns auf, wie seltsam die Einladung war. Nicht die Einladung an sich, die zwar geheimnisvoll aber keinesfalls seltsam war, sonden ihr Zeitpunkt und ihr Versand nach Wien. Wie kam es, dass Amos Tellerman, Meirs Freund, uns zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung zum Neujahrsfest zukommen liess, und woher wusste er, dass wir in Wien waren?
Seine Kenntnis unseres Aufenthaltsortes war nach kurzem Überlegen erklärbar. Als Meir starb, waren wir noch in Ankara. 2017, drei Jahre nachdem uns die traurige Nachricht von seinem Tod erreicht hatte, zogen wir nach Wien. Meir musste Tellerman gesagt haben, dass ich als Schweizer Botschafter unterwegs war, und als solcher ist man mit ein paar Mausklicks jederzeit auffindbar, bis man dann eines Tages in die Pension abtaucht und sich von Ehemaligen-Vereinen fernhält.
Weshalb uns Amos Tellerman zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung schicken sollte, war uns hingegen ein Rätsel. War es Meirs Frau Hadassah, die ihn dazu gebracht hatte? Oder waren wir bei Tellerman auf einer Art Ersatz- oder Warteliste gelandet und kamen nun zum Handkuss, nachdem so viele seiner Freunde an der rätselhaften Einladung gescheitert waren, dass er an einem Punkt angelangt war, wo er Freunde seiner Freunde einladen musste, um nicht alleine zu feiern?
Es war uns rasch klar, dass sich diese Frage (eine Art Nebenrätsel) – wenn überhaupt – erst mit dem Kennenlernen von Amos Tellerman am jüdischen Neujahrsfest beantworten liess. Dafür aber mussten wir das Rätsel der Einladung lösen.
Wir öffneten also gespannt, fast ehrfürchtig die gefaltete Karte und lasen auf der rechten Innenseite ein erstes Mal das Rätsel.
Wenn 15 Männer im Erdgeschoss eines Hochhauses mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl warten, der maximal 8 Personen befördern darf, und wenn dieser ankommt und sich die Türe öffnet, lassen sich alle gegenseitig den Vortritt, aber keiner tritt ein, bis sich die Türe wieder schliesst und der Fahrstuhl nach oben fährt: in welchem Stockwerk hält er zuerst und wieviele Personen steigen aus?
“Ich weiss die erste Antwort!”, rief ich sofort. “Der Fahtrstuhl hält im 1. Stockwerk!”
“Weshalb…?” fragte meine Frau verdutzt.
“Weil es ein Schabbat-Fahrstuhl ist,” sagte ich, ein wenig stolz auf mich, “die halten am Schabbat bei jedem Stockwerk automatisch, damit niemand einen Knopf drücken muss.”
“Es steht aber nirgends geschrieben, dass es Schabbat ist.”, sagte meine Frau.
“Es steht aber auch nirgends, dass es nicht Schabbat ist.”
“Da hast Du Recht,” sagte sie, “mein kleiner Goi. Und es spielt auch überhaupt keine Rolle, weil der Fahrstuhl, wenn es ein Shabbat-Fahrstuhl ist, die ganzen drei Tage von Rosch ha-Schana im Schabbat-Modus ist.”
“Gut,” sagte ich, “dann hätten wir also, würden wir damit richtig liegen, den ersten Teil des Rätsels gelöst. Obwohl das verdächtig einfach war, wenn man bedenkt, dass die Rätsel jedes Jahr schwieriger werden und mittlerweile so schwierig geworden sind, dass viele geladenen Gäste sie nicht mehr lösen können, obwohl es sich ausnahmslos um intelligente Menschen handelt.”
“Vielleicht können sie die Rätsel gerade deshalb nicht lösen,” sagte meine Frau, “weil sie zu intelligent sind und viel zu viel überlegen, während die Lösung direkt vor ihrer Nase liegt.”
“Ich glaube trotzdem nicht, dass der 1. Stock die Lösung ist”, sagte ich. “Und es ist ja nicht so, dass wir mehrere Versuche haben, um die richtige Antwort zu finden. Wir müssen uns auf eine Antwort festlegen und dann ist sie entweder richtig oder falsch.
Aber nehmen wir einmal an, die Antwort auf die erste Frage lautet tatsächlich im ersten Stock. Wohin führt uns das?”
“In den ersten Stock” sagte meine Frau und lachte.
“Und wie viele Personen steigen dort aus?”
“Das müssen wir noch herausfinden.”
“Und wo und an welchem Tag fände das Fest statt?”
“Wo wüssten wir schon. Im ersten Stockwerk eines Hauses mit 17 Stockwerken und einem Schabbat-Aufzug. Und das Datum ist der 2., 3. oder 4. Oktober.”
“Es dürfte in Jerusalem mehrere Dutzend solcher Hochhäuser geben. Willst Du bei jedem an allen drei Tagen vorbeigehen und dem Pförtner ins linke Ohr flüstern? Und vor allem: WAS willst Du ihm ins Ohr flüstern? Was wäre unser persönliches Passwort?”
“Diesen Teil des Rätsels müssen wir noch lösen”, sagte meine Frau.
***
Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte ich nach dem ersten Schluck Kaffee zu meiner Frau: “Weisst Du, was mir heute Nacht in den Sinn gekommen ist? Das Rätsel ist tatsächlich auf uns zugeschnitten.”
“Wieso?”
“Ich hatte Meir einmal erzählt, wie ich als junger Diplomat in Strassburg im Gebäude des Europarats mit einer Gruppe von älteren Diplomaten auf den Fahrstuhl wartete, und als dieser dann endlich kam und sich die Türe öffnete, liesen sich alle gegenseitig den Vortritt. Sie baten einander so lange, doch bitte den Fahrstuhl zuerst zu betreten (“Bitte nach Ihnen!” “Nein, bitte nach Ihnen!”) bis sich die Tür wieder schloss und der Fahrstuhl entschwand, ohne dass jemand eingestiegen wäre.”
“Und wohin bringt uns das?”
“Nicht in den ersten Stock” sagte ich. “Weisst Du, was Meir dazu sagte? Das nennt man Türquälerei.”
Ich öffnete die Einladungskarte und las das Rätsel noch einmal.
15 Männer warten in einem Hochhaus mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl, der maximal 8 Personen befördern darf. Keiner steigt ein bis der Fahrstuhl wieder losfährt. Wo hält er zuerst? Und wieviele Leute steigen aus?
“Der Fahrstuhl könnte, wenn es sich um einen Schabbat-Fahrstuhl handelt, entweder im ersten Untergeschoss oder im ersten Obergeschoss anhalten,” sagte ich zu meiner Frau, “nicht wahr?”
“Genau,” sagte sie, “und wenn es kein Schabbat-Fahrstuhl ist, wird er zur Etage fahren, die ein Fahrgast ausgewählt hat.”
“Aber es ist niemand im Lift…” warf ich ein.
“Das wissen wir nicht,” antwortete meine kluge Frau. “Wir wissen nur, dass niemand eingestiegen ist. Wir wissen weder, ob der Fahrstuhl von unten oder von oben kam, noch ob jemand drin war, oder ob Fahrgäste ausgestiegen sind.”
“Du hast Recht. Es könnte also sein, dass jemand, der berits im Fahrstuhl war, auf irgendeinen Knopf gedrückt hat.”
“Genau. Es könnte aber auch sein, theoretisch, dass Personen, die bereits im Fahrstuhl waren, keinen Knopf gedrückt haben.”
“Stop”, sagte ich, “Wir haben uns verrannt. Es heisst im Rätsel, der Fahrstuhl fuhr nach oben los. Wir können die unteren Geschosse also ausschliessen. Der Fahrstuhl wurde von jemandem, der sich bereits im Fahrstuhl befand, in ein oberes Stockwerk gesandt, oder von jemandem der sich in diesem Stockwerk befand, gerufen.”
“Aber welches Stockwerk…? Wir kommen nicht weiter.”
“Nicht wirklich. Wir stecken im Fahrstuhl fest, sozusagen…”
“Richtig – lass uns aus- und ein paar Schritte zurücktreten. Versuchen wir es einmal mit den Zahlen. Die müssen ja eine Bedeutung haben. 15 Männer, 17 Stockwerke, 8 Passagiere.”
“15 plus 17 geteilt durch 8 gleich 4 – hält der Fahrstuhl vielleicht im 4. Stock?”
“Das wäre zu einfach”, sagte meine Frau.
“Aber vielleicht zutreffend” sagte ich. “Und wir wissen ja damit noch nicht, wieviele Leute aussteigen.”
“Vielleicht ein einziger Fahrgast?” versuchte es meine Frau.
“Wie das?” fragte ich.
“Weil noch jemand im Fahrstuhl war, als sich im Erdgeschoss die Türe öffnete.”
“Jemand der runter und dann gleich wieder hoch fährt?”
“Vielleicht hat er etwas vergessen…”
“Oder sie…”
***
Nun, was soll ich sagen: wir haben auch nach dem Frühstück den ganzen Tag immer wieder von Neuem versucht, das Rätsel zu lösen. Auch in den nächsten Tagen haben wir unermüdlich alle möglichen Abläufe und Kombinationen durchgespielt, um herauszufinden, wo der Fahrstuhl hält und wieviele Leute aussteigen. Wir haben verschiedene Lösungsmuster auf unser Rätsel angewendet, auch jenes vom Fuchs und vom Huhn und vom Getreide das ein Bauer über den Fluss transportieren muss, ohne dass das Getreide oder das Huhn verspiesen werden, aber am Ende standen noch immer 15 Männer vor einem Fahrstuhl, von dem wir nicht wussten, ob er bei der Ankunft leer war und wo er danach anhielt.
Ich kaufte mir sogar ein Buch über jüdische Rätsel aus Talmud und Midrasch und erfuhr daraus viel über den Aufbau und das Wesen jüdischer Rätsel. Ich lernte, dass der Wind ein meschugener Schwiegersohn und das Stärkste das Glück ist, aber es half alles nichts, wir konnten das Rätsel nicht lösen.
Mitte September gaben wir es auf. Wir mussten es uns eingestehen: Das Rätsel war für uns unlösbar, unser Glück zu schwach. Wenn es tatsächlich ein auf uns zugeschnittenes Rätsel war, dessen Lösung unsere persönlichen Eintrittsticket für das Neujahrsfest generiert hätte, dann waren wir nicht nur am Rätsel, sondern auch an uns selber gescheitert, letztlich an unserer Selbsterkenntnis, die sich als eine Selbstunkenntnis erwies.
In unserer Enttäuschung über das verpasste Fest und unser vereintes Unvermögen beschlossen wir, den bereits gebuchten Flug zu stornieren und dieses Jahr über die Festtage nicht nach Israel zu reisen. Wir wollten nicht nahe bei einem Fest sein, zu dem wir eingeladen waren, an dem wir aber wegen unserer Beschränktheit nicht teilnehmen konnten. Das einzige, was nach Ansicht meiner Frau zu tun blieb, war, uns bei Amos Tellerman für die geschätzte Einladung zu bedanken, denn eine solche blieb es, auch wenn wir ihr wegen unserer Einfallsarmut nicht Folge leisten konnten.
Der Brief mit der Einladung zum Neujahrsfest enthielt jedoch, ich weiss nicht, ob ich das bereits erwähnt habe, keinen Absender. Auf der Rückseite stand lediglich Amos Tellerman, Jerusalem. Nun ist in Jerusalem eine Adresse ausfindig zu machen, wenn man lediglich über einen Namen verfügt, fast so schwierig, wie wenn die gesuchte Person in Istanbul in einem der wild gewachsenen Aussenquartiere wohnen würde, wo die Strassen keine Namen und die Häuser keine Nummern haben.
Israelische Behörden erteilen keine Adressauskünfte an ausländische Privatpersonen. Die israelische Botschaft in Berlin bietet zwar, wie ich nach kurzer Recherche im Internet herausfand, auf ihrer Internetseite gegen Gebühr einen Adressvermittlungs-service, aber der Link, auf den ich gestossen war, führte, wie konnte es anders sein, ins Leere. Es schien uns in dieser Sache überhaupt nichts zu gelingen. Wir konnten nicht nur das Rätsel nicht lösen, wir schafften es auch nicht, uns dafür zu bedanken.
Gab es am Ende gar keinen Amos Tellerman? War es unser lieber Freund Meir, der die Neujahrsfeste mit den Rätseleinladungen veranstaltete? Oder gab es weder Amos Tellerman noch die berühmten Neujahrsfeste? Hatte Meir das alles für uns erfunden, weil es eine so schöne Geschichte ist?
Wir mussten die Sache, ob wir wollten oder nicht, auf sich beruhen lassen. Meir, ob er nun der Erfinder von Tellerman und Tellermans Rätsel war oder nicht, hätte es lösen können, davon bin ich überzeugt. Uns aber bleibt die Lösung verborgen, bis wir sie vielleicht eines Nachts träumen dürfen, und wenn wir aufwachen kommt der Fahrstuhl an und man sieht die Nummer des Stockwerks über der Türe, die sich langsam öffnet, und man kann die Menschen zählen, die aussteigen, und wir schauen uns an und denken: natürlich, wie konnten wir das bloss übersehen.

