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Zwei Häuser (Pastellkreide auf Papier)
17. Januar 2026Dinge über Pia
17. Januar 2026(Beobachtungen zu Ohrläppchen und ihrem Zusammenhang mit dem Auftauchen von Erinnerungen)
An der Nordstrasse in Zürich-Wipkingen gibt es eine kleine Confiserie, hinter der sich ein Durchgang in die frühen Sechzigerjahre befindet. Das wissen aber die allerwenigsten Leute, wenn es ausser mir überhaupt jemand weiss.
Viele fahren hier jeden Tag mit nur noch 30 Stundenkilometern vorbei und es ist, obwohl es ihnen unendlich langsam vorkommt und sie damit drohen (wem, ist nicht ganz klar), eines Tages am Steuer einzuschlafen, immer noch zu schnell, als dass ihnen irgendetwas auffallen könnte.
Die meisten bemerken nicht einmal die kleine Confiserie mit den drei Treppenstufen, der verglasten Eingangstür und dem schmalen Schaufenster mit dem rosa gestrichenen Rahmen.
Aus Distanz betrachtet könnte es auch ein Änderungsschneider sein, oder einfach ein schmucker Hauseingang. Es ist aber eine Confiserie, von deren Existenz nur die Glücklichen wissen. Auch von ihnen, so vermute ich wenigstens, die hier – je nach Saison – Profiteroles, Blätterteigpastetli oder Osterkuchen kaufen, hat kaum je einer den Durchgang gefunden. Dabei ist er an Tagen, an denen er geöffnet ist, nicht besonders schwierig zu entdecken.
Wenn man unter dem Jugendstil-Kronleuchter steht und den Confiseur, einen freundlichen alten Mann, nach Saint-Honorés fragt, kann man hinter ihm den Durchgang zu seiner Wohnung sehen. Direkt hinter dem Durchgang hängt ein Spiegel im Flur an der Wand. Dieser Spiegel führt in die frühen Sechzigerjahre, und man braucht dazu nicht einmal Madeleines zu essen.
Es ist nun nicht so, dass ich besonders aufmerksam wäre und den Durchgang deshalb entdeckt hätte. Ich bin nicht dafür bekannt, Dinge zu sehen oder zu finden, die sonst keiner sieht und findet. Im Gegenteil, ich gehöre eher zu denen, die Dinge übersehen und verlieren, und wenn ich ab und zu einen Moment lang glaube, ich hätte etwas erfunden, stellt sich im nächsten Augenblick heraus, dass es schon Hunderte vor mir erfunden haben.
Dass ich den Durchgang in die frühen Sechzigerjahre gefunden habe, hat allein damit zu tun, dass ich in den letzten Jahren viel Zeit in Augenkliniken zugebracht habe und dabei immer wieder aufgefordert worden bin, auf das linke Ohr des behandelnden Augenarztes (in Ankara ein Arzt, in Wien eine Ärztin, in Zürich ein Arzt) zu schauen, während er (dann sie, dann wieder er) mit Hilfe einer blendend hellen Spaltlampe mein Auge untersucht hat.
Irgendwann ist es mir dann zur festen Angewohnheit geworden. Ich schaue meinem Gegenüber während wir reden früher oder später unaufgefordert auf das linke Ohr. Nicht andauernd natürlich, ich starre das linke Ohr nicht an. Ich will es nicht in Verlegenheit bringen.
Ich behalte den Augenkontakt mit der Person, mit der ich spreche, aber zwischendurch schaue ich immer wieder auf das linke Ohr, womit ich möglicherweise – aber bestimmt ohne jede Absicht – den Eindruck erwecke, ich würde mich für die Vielfalt der Formen von Ohrläppchen interessieren.
Einmal hat mich eine Schuhverkäuferin, der aufgefallen sein muss, wo ich während unserem Gespräch über Turnschuhe hinschaute, begeistert gefragt, ob ich auch Ohrläppchen studiere. Sie glaubte in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.
„Was soll ich studieren?“
„Ohrläppchen. Lobulus auriculae...“
Und als sie meinen leeren Gesichtsausdruck sah, fügte sie mit einem verschwörerischen Unterton an:
„Seth Weinberg und die 49 Gene…“
Blank…
„Sagt Ihnen nichts?“
„Nein, tut mir Leid. Haben Sie die in Grösse 44?“
Natürlich habe ich das zuhause nachgelesen. Ich wollte kein zweites Mal so unwissend in einem Schuhgeschäft stehen.
Lange war man offenbar davon ausgegangen, dass die Form des Ohrläppchens, ob freihängend oder angewachsen, von einem einzigen Gen bestimmt wird.
Der Inder Pratap Dutta hat dann 1963 zuerst „A Note on the Ear Lobe” und danach “Further Observations on Ear Lobe Attachment” publiziert und dabei nachgewiesen, dass Eltern mit angewachsenen Ohrläppchen auch Kinder mit freihängenden Ohrläppchen haben können. Es war eine Befreiung.
2017 bewies ein von Seth Weinberg geleitetes Forschungsteam an der Universität von Pittsburgh mittels einer Studie an fast 75‘000 Probanden aus aller Welt, dass mindestens 49 Gene Einfluss darauf haben, ob das Ohrläppchen hängt, angewachsen ist oder irgendetwas dazwischen.
Fünf Jahre später, an einem sonnigen Mittwoch im September 2022, ich hatte den Confiseur gerade nach Saint-Honorés gefragt, schaue ich also auf sein linkes Ohr und daran vorbei, weil sich im Spiegel, der im Flur hinter der Confiserie hängt, etwas bewegt hat.
Es sieht so aus, als wäre der Spiegel flüssig und eine sanfte Welle würde ihn von unten nach oben durchwandern.
***
Ich war an jenem Tag, als ich den Wasserspiegel entdeckte, zum ersten Mal seit meiner Gymnasialzeit wieder durch die Nordstrasse gefahren. Ich half meiner jüngeren Tochter beim Einzug in eine kleine Wohnung in einer Seitenstrasse der Nordstrasse, und wir hatten in ihrer alten Wohnung ein paar Kartons mit Hausrat geladen.
Als wir durch die Nordstrasse fuhren, sagte ich zu meiner Tochter: „Siehst Du die pinke Tür und das Schaufenster? Das ist eine Confiserie. Kaum zu glauben, dass sie noch existiert.“
„Warum sollte sie nicht mehr existieren?“, fragte meine Tochter.
„Weil mir meine Tante Pia, als ich ein kleiner Junge war, hier Süssigkeiten gekauft hat. Das war Anfang der 60er-Jahre. Ich war 5 oder 6 Jahre alt. Die kleine Confiserie wirkte schon damals wie aus einer anderen Zeit und heute gehört sie eigentlich in ein Märchenbuch. Tante Pia wohnte damals hier an der Nordstrasse. Von ihr stammt die Geschichte von Barry, die ich euch einmal erzählt habe. Erinnerst Du Dich?“
„Nicht gerade, nein… hilf mir auf die Sprünge“, sagte meine Tochter.
„Barry war der Familienhund, als Tante Pia im Aargau aufwuchs. Als die Familie Konrad nach Zürich in eine kleine Stadtwohnung in Albisrieden zog, konnten sie Barry nicht mitnehmen. Sie beluden einen kleinen Lastwagen mit ihrem Hausrat und fuhren nach Zürich. Ich erinnere mich nicht, bei wem sie Barry zurückliessen. Bei einem Nachbarn? Auf jeden Fall blieb Barry nicht dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. Barry riss aus und stand eines Tages vor dem Miethaus in Zürich, wo die Konrads seit zwei Wochen wohnten. Wie er es gefunden hatte, konnte man sich nicht erklären, und ob er bleiben durfte, habe ich vergessen. Ich will nichts anderes glauben als ja.“
„Doch, das hast Du uns schon einmal erzählt“, sagte meine Tochter, „Es ist eine schöne Geschichte.“
„Ja, das ist es. Ich weiss nur nicht, ob sie Tante Pia wirklich erlebt hat.“
„Was meinst Du?“
„Ich bin sicher, sie wird in vielen Familien erzählt. Ob sie in allen von einem Familienmitglied erlebt wurde, ist eine andere, im Gunde genommen völlig irrelevante Frage, weil sie der Schönheit der Geschichte nichts hinzufügt und ihr nichts wegnimmt. Vielleicht war Barry genau genommen nicht Tante Pias Hund, aber Tante Pia war genau genommen auch nicht meine Tante, sondern die Tante meiner Mutter.
Das war mir als Kind aber nicht bewusst, und es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Tante Pia war unser aller Tante Pia, auch mein Vater, der ihr einst (Kraft seines Amtes als mein Vater) den Titel des Familien-Pabstes verliehen hatte, nannte sie Tante Pia, obwohl sie nicht seine Tante war.
Den Titel hatte er ihr verliehen, weil sie gegen die Heirat meiner Eltern war. Unsere Mutter, eine Konrad, war Katholikin, und Tante Pia opponierte gegen ihre Heirat mit meinem protestantischen Vater. Sie kam nicht an die Hochzeit und unsere Mutter soll deshalb am Hochzeitstag geweint haben.
Tante Pia war die Schwester meines früh verstorbenen Grossvaters. Ob die jüngere oder die ältere kann ich nicht sagen. Das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit eruieren, weil man niemanden mehr fragen kann, der es wüsste.
Einmal im Jahr, um die Weihnachtszeit, nahm Tante Pia meine Schwester Marianne und mich mit ins Bernhardtheater oder ins Metzenthin Theater.
Diese Theaterbesuche waren jeweils ein Ereignis für uns, denn wir gingen nicht ins Theater mit unseren Eltern. Wir gingen auch nicht ins Kino, an Konzerte oder an Sportanlässe. Genau genommen gingen wir nirgendwo hin, ausser ab und zu in die Berge.
Wir hatten den Garten und den Sandhaufen und den Birnbaum hinter unserem Haus und die stetig um- und ausgebaute Baumhütte auf dem Birnbaum (unser Vater sagte einmal, der Birnbaum hätte mehr Nägel als Äste).
Wir hatten den Bauernhof unten an der Michelstrasse und die Kuhweide hinter dem Haus. Wir hatten den Wald hinter der Hügelkuppe, wir hatten die Pfadfinder im Wald, deren Schnitzeljagden wir regelmässig in die Irre leiteten, und wir hatten den Club der Schwarzen Masken – wir hatten alles, was wir für eine glückliche Kindheit brauchten.
Tante Pia hatte fünf Freunde. Vielleicht hatte sie mehr als fünf, aber es gab fünf, von denen wir Kinder wussten, sofern es sich nicht um ein und denselben handelte, was sich wie so vieles nicht mehr klären lässt.
Der erste hiess Werner. Mit ihm ging sie in die Oper. „Gestern war ich mit Werner in der Oper“, würde sie uns auf dem Weg ins Bernhard Theater sagen. „Sie haben Tosca von Verdi aufgeführt.“
Meine Schwester und ich, sauber gekleidet links und rechts an ihrer Hand gehend, neigten uns vor und schauten uns fragend an ihrem Rock vorbei an. Wir wussten nicht, was eine Oper war, und auch diesen Fredi, der Tosca verführt hatte, was immer das auch heissen mochte, kannten wir nicht. Wovon sie wohl sprach?
Mit ihrem zweiten Freund ging Pia wandern. Erstaunlicherweise hiess auch er Werner. „Werner und ich waren letztes Wochenende auf der Rigi, Kinder. Wart ihr auch schon auf der Rigi?“ Wir sagten nein, weil es stimmte, wir waren noch nie auf der Rigi, obwohl wandern eines der Dinge war, die wir (neben Eile mit Weile spielen) regelmässig mit unseren Eltern taten.
Das war dann aber eher in den Flumserbergen oder im Bündnerland, und die Begeisterung meiner Schwester für das Familienwandern hielt sich in Grenzen, weil fast auf jeder Wanderung unweigerlich der Moment kam, wo ich in einen Bergsee oder einen Bergbach fiel und sie mir einen Teil ihrer Kleider abgeben musste, damit ich nicht nass nachhause wandern musste.
Der dritte Werner war der Werner für Konzerte. Tante Pia ging mit ihm in die Zürcher Tonhalle und ab und zu reiste sie mit ihm bis nach Leipzig oder Wien, wo sie zusammen den dortigen Philharmonikern zuhörten. „Werner und ich haben die Philharmoniker gehört“, sagte Tante Pia dann. Und man konnte ihr ansehen, dass es ihr gefallen hatte.
Marianne und ich vermuteten, dass es sich um den selben Werner handeln könnte, mit dem Tante Pia die Oper besuchte. Das würde doch passen, oder nicht? Der Musikwerner.
„Ist der Konzertwerner eigentlich der selbe wie der Opernwerner?“ fragte ich Tante Pia einmal, aber sie lachte nur (sie hatte ein helles Lachen, das ihr, wenn sie länger lachte, Tränen in die Augen drückte) und sagte „Du hast eine blühende Phantasie, Walterli.“
Ich verstand das als Nein und ging in der Folge davon aus, dass jeder Werner sein eigener Werner war, ausser natürlich dass sie alle fünf Pias Werner waren. Ich stellte jedenfalls keine Fragen mehr.
Mit dem vierten Werner ging Tante Pia in den Zoo und am See spazieren. Sie schien ihn nur im Sommer zu sehen. Wo er sich in den anderen Jahreszeiten aufhielt, war unbekannt.
Der fünfte und letzte uns bekannte Werner war der Werner für Café-Besuche. Ihn erwähnte Tante Pia etwa, wenn sie uns vor dem jährlichen Theaterbesuch zu Honold am Rennweg mitnahm, wo wir uns etwas Süsses, wie sie es nannte, aussuchen durften. „Diese Erdbeertörtchen sind köstlich“, sagte sie, um uns von der Qual der Wahl zu befreien, „Werner hat mich letztes Mal von seinem kosten lassen“.
Die mit Abstand besten Süssigkeiten aber gab es in der kleinen Confiserie an der Nordstrasse, nicht weit von Tante Pias Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter (unsere Urgrossmutter) lebte, einer kleinen alten Frau, stets mit einer Wolldecke auf den Knien.
Wenn wir sie mit Mutter besuchen gingen, nahm uns Tante Pia jedes Mal, während Mutter mit ihrer Grossmutter Tee trank, mit in die kleine Confiserie, die damals noch von einer Frau geführt wurde.
All diese Dinge kamen mir wieder in den Sinn, als ich am Tag des Umzugs meiner Tochter mit ihr in die kleine Confiserie trat und am Ohr des Confiseurs vorbei den Spiegel im Flur sah, in dem sich etwas bewegte.
Ich ergriff die Hand meiner Tochter, aber sie war plötzlich gross und meine Hand sehr klein.
Fliehendes Pferd
19. Oktober 2025Die Staffelei
9. September 2025Den Maler entdecken
Ich bin noch nicht so weit wie Wallanders Vater, der immer wieder dasselbe Bild malt (schwedische Stillleben, mit oder ohne Auerhahn), aber wenn ich die Zeichnungen betrachte, die ich seit meiner Pensionierung vor zweieinhalb Jahren mit Pastellkreide angefertigt habe, muss ich einräumen, dass die Anzahl meiner Sujets überschaubar ist. Landschaften mit Bäumen und Wiesen, wenn möglich ein Haus oder ein Schopf, vielleicht eine Strasse, ab und zu ein Meeresstrand, und darüber – ob Meer, Wald oder Wiese - möglichst viele dunkle und ein paar helle Wolken. Ganz selten einmal ein Mensch, festgehalten beim Versuch, aus dem Bild zu schreiten.
Angefangen hatte alles damit, dass mein jüngerer Sohn ein Bild von mir wollte für seine neue Wohnung. Etwas mit Bäumen, wünschte er sich, und brachte mich damit in Verlegenheit. Ich hatte in den letzten Jahren nur noch grossformatige Portraits meiner Frau gemalt, Öl auf Leinwand. Bäume? Das traute ich mir mit Öl nicht zu. Mir kam aber in den Sinn, dass ich im Boesner in Berlin einmal eine grosse Schachtel Pastellkreiden gekauft und nach einem missratenen Versuch nie mehr angerührt hatte. Vielleicht liessen sich Bäume ja mit Kreide zeichnen?
In unsere Wohnung in Regensdorf, Manhattan, sehe ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers die von der Strasse abgewendete Seite des Häuserblocks, in dem sich in den unteren beiden Stockwerken ein Pflegeheim um alte Menschen kümmert, von denen viele an Alzheimer leiden. Man sieht sie manchmal auf ihren Balkonen im ersten Stockwerk oder auf der Terrasse im Parterre vor ihren Zimmern sitzen. Einige lesen, andere sitzen nur da und machen den Eindruck, als hätten sie zu warten aufgehört.
Besuch kriegen sie selten, jedenfalls wenn sie draussen sitzen. Und wenn mal welcher da ist, ist es deprimierend, zu hören, wie die Besucher mit ihren Vätern, Müttern, Tanten oder Onkeln reden. «Wieviel Zeit ist es auf Deiner Uhr? 11 Uhr 30? Schau her, auf meiner Uhr auch – wir haben die gleiche Zeit!» Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, ist es demütigend, so mit jemandem so zu sprechen. Ich muss dann jeweils mein Fenster schliessen.
Gestern Nachmittag habe ich während dem Zeichnen aus dem Fenster geschaut und schräg unten im Parterre (wir wohnen im 4. Stockwerk) einen Mann entdeckt, der mit dem Rücken zu mir vor einer leeren Staffelei stand, das linke Bein leicht abgespreizt, den rechten Arm in die Hüfte gestützt und die linke Hand in der Hosentasche. Er stand da und betrachtete eine leere Staffelei.
Er trug einen roten Pullover mit einer Aufschrift auf dem Rücken, die ich nicht lesen konnte, eine schwarze Hose und eine schwarze Baseballmütze. Nachdem er eine ganze Weile so dagestanden hatte, ging er um die Staffelei herum zu einem kleinen Tisch und trank aus einer Tasse (einen Schluck Kaffee?), dann stellte er sich wieder vor die Staffelei, mit dem Rücken zu mir, und betrachtete sie.
Die Zeilen vollschreiben
Noch am selben Abend schrieb ich ein Gedicht über den Mann mit der Staffelei, und etwas später einen Haiku. Während Haikus von ihrem Versmass versiegelt sind (keiner käme je / auf die Idee, noch etwas / dazu zu schreiben), werden bei Gedichten, wie Lettau uns lehrte, die Zeilen nicht vollgeschrieben. Links und rechts Luft schützt vor Fabel.
Während ich die vorliegenden Zeilen links und rechts vollschreibe, dämmert mir, was er gemeint haben könnte damit. Kaum ist der Schutz aus Luft weg, beginnt das Fabulieren.
Als ich nach dem Schreiben des Gedichts aus dem Fenster geschaut hatte, war die Staffelei verschwunden. Der Mann im roten Pullover sass an seinem kleinen Tisch während es dunkelte. Etwas später, als ich den Haiku geschrieben hatte und den Kopf wieder hob, war es dunkel und auch der Mann war verschwunden.
Am nächsten Morgen, als ich nach dem Frühstück zu zeichnen begann, stand er wieder auf der Terrasse vor seinem Zimmer und hantierte, so glaubte ich zu erkennen, in leicht gebückter Haltung mit einem Mobiltelefon. Die Staffelei war nicht zu sehen, aber das Bild, wie er am Tag zuvor lange vor der leeren Staffelei gestanden hatte, ging mir nicht aus dem Kopf.
Was hatte er gesehen, als er die leere Staffelei betrachtete? Seine Haltung war die eines Mannes, der ein Bild betrachtet. Er betrachtete es lange, dann stellte er die Staffelei wieder in sein Zimmer.
In den nächsten Tagen erschien der Mann im roten Pullover nicht auf der Terrasse vor seinem Zimmer. War er krank? Als ich am späten Nachmittag des dritten Tages ohne Maler mit den Hunden einen langen Spaziergang machte, glaubte ich für einen Moment, ihn zu sehen, obwohl ich mir sogleich bewusst war, dass es äusserst unwahrscheinlich war, eigentlich unmöglich, ihn so weit (ich war schon über eine Stunde unterwegs) vom Pflegeheim entfernt anzutreffen. Ich hatte gerade den Kopf wieder gehoben, nachdem ich die Hunde von einer toten Maus weggezerrt hatte, als ich einen Mann mit einem roten Pullover und schwarzen Hosen um eine Wegbiegung verschwinden sah.
Als ich das Ende des Weges erreicht hatte und selber um die Biegung ging, um die er verschwunden war, sah ich ihn (sogar eine schwarze Baseballmütze trug er), wie er damit beschäftigt war, Holzscheite von einem Stapel auf die Ladefläche eines Anhängers zu werfen. Klong… klong… klong.., tönte es, wenn ein Scheit auf dem Blech der Ladefläche aufprallte. Er trug die gleichen Kleider wie mein Maler, aber er war es nicht. Als ich am Ende des Spaziergangs an der Terrasse des Heims vorbeikam, stand der Mann mit dem roten Pullover vor seinem Zimmer und wandte mir den Rücken zu.
Die Kuchenkarte spielen
Als ich am nächsten Tag in meinem Arbeitszimmer die Store hochzog, stand der Mann im roten Pullover wieder vor seiner leeren Staffelei - in genau gleicher Haltung, wie als ich ihn zum ersten Mal beobachtet hatte, als hätte er sich seither nicht vom Fleck bewegt. Es war der Tag, an dem meine Frau nachhause kommen würde – nach mehr als einem Monat bei ihrer Familie. Gleich beim Aufstehen hatte ich den Hunden gesagt, dass sie heute nachhause kommen würde. Aufgeregt rannten sie in der Wohnung umher und suchten nach ihr, ob sie vielleicht schon da sei.
Am Flughafen gab es das übliche Spektakel, bei dem meine Frau von den Hunden über den Haufen gerannt wird. Sie sind zwar klein, unsere zwei Hunde, aber ihre Aufregung und ihre Freude über ihre Rückkehr sind dermassen gross, dass meine Frau jedes Mal von ihrer Begrüssung überwältigt wird. Ich umarmte meine Frau, nachdem sie wieder aufgestanden war, und sagte ihr, wie froh ich war, dass sie wieder da sei. Ich musste mich beherrschen, nicht sofort zu sagen, was ich von ihr wollte. Aber meine Beherrschung hielt nicht lange an. Noch auf dem Heimweg sagte ich zu ihr:
«Ich glaube, das Pflegeheim braucht wieder einmal einen Kuchen.»
«Haben sie danach gefragt?»
«Nein,» sagte ich, «aber ich kann Dir sagen, warum. Es hat mit dem Mann mit der Staffelei zu tun.»
«Mit wem?»
«Hast Du das Gedicht und den Haiku in meinem Blog nicht gelesen?»
«Ach so, doch…. und er hat gesagt, er möchte einen Kuchen?»
«Nicht direkt, aber ich bin sicher, er möchte einen.»
«Dann werde ich dieses Wochenende einen backen.»
Es würde das dritte Mal sein, dass meine Frau einen ihrer berühmten Cheesecakes für das Pflegeheim backen würde. Aber das erste Mal, dass es ein Kuchen mit einem Hintergedanken war.
Die Utensilien besorgen
Als wir am Sonntag gegen drei Uhr nachmittags beim Pflegeheim klingelten (ich hatte wie die vorigen Male vorher angerufen, und unser Kommen mit Kuchen angekündigt), öffnete der Heimleiter persönlich.
«Das ist aber wirklich sehr nett von Ihnen, dass wir wieder so einen feinen Cheesecake erhalten. Unseren Bewohnern haben die letzten zwei wirklich geschmeckt.» Dann schmunzelte er und fügte an: «Und auch uns vom Team natürlich.»
«So soll es sein», sagte meine Frau.
Wir wurden zum Kaffee eingeladen und nach einer Weile fragte ich den Heimleiter nach dem Mann mit der Staffelei.
«Warum malt er denn nicht? Besorgt ihm seine Tochter keine Leinwände, Pinsel und Farben?
«Das ist nicht sein Tochter,» antwortete der Heimleiter. «Er hat keine Kinder. Das ist seine Galeristin.»
«Erst recht: wieso besorgt ihm seine Galeristin keine Malutensilien?»
«Ich weiss nicht, ob er wieder malen würde, wenn er welche hätte.» sagte der Heimleiter, während er sich ein zweites Stück vom Cheesecake abschnitt. «Ich bin nicht einmal sicher, ob er noch weiss, was man mit einer Staffelei macht. Er leidet an einer schweren Demenz und...»
«Unsinn!» unterbrach ich ihn. «Ich fahre morgen zu Boesner. Ich brauche Einlagen und Rahmen für meine Zeichnungen. Darf ich ihn mitnehmen?»
Es war nicht ganz einfach, den Heimleiter dazu zu bewegen, den Maler für ein paar Stunden in meine Obhut zu geben, aber schliesslich willigte er ein, und so kam es, dass ich am Montagmorgen mit dem Maler als Beifahrer den Hügel hinauf nach Höngg fuhr, durch den Wald vorbei am Restaurant Grünwald, dann runter zum Frankental und von da zur Europabrücke und schliesslich in Altstetten links abbog zu Boesner.
Während der Fahrt sprach ich zu ihm, aber entweder hörte er mich nicht oder er hatte keine Lust, mir zu antworten. Bei Boesner angekommen, parkierte ich und stieg aus. Ich ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertüre, aber der Maler machte keine Anstalten, auszusteigen. «Hier gibt es Farben…» sagte ich zu ihm, «…und Leinwände, und Pinsel…», aber er blieb sitzen und versuchte, den airbag – Kleber mit dem Fingernagel seines Zeigefingers vom Armaturenbrett zu kratzen. Erst als ich es aufgegeben und seine Türe wieder geschlossen hatte, hörte ich, als ich um den Wagen ging, wie er die Türe öffnete und sah, wie er ausstieg.
In der Hoffnung, dass er sich für irgendetwas interessieren würde, ging ich mit ihm langsam die verschiedenen Regale entlang, auf denen von Öl über Acryl, Wasserfarbe, Kunstharz bis Kreide sämtliche Medien zu finden sind, die das Künstlerherz begehrt. Aber nichts davon schien ihn zu interessieren. Ich gab ihm das eine oder andere in die Hand (vielleicht muss er es berühren, dachte ich), aber er gab mir alles, was ich ihm in die Hand legte, gleich wieder zurück. Schliesslich kaufte ich eine Leinwand, ein Set Ölfarben, ein halbes Dutzend Pinsel, Leinöl und Terpentinersatz.
Als wir vor dem Pflegeheim standen und warteten, bis uns geöffnet würde, hielt ich ihm den Boesner Sack hin. «Das ist für Sie…» sagte ich zu ihm. Er nahm den Sack entgegen, schaute ihn an, dann mich, dann gab er ihn mir wieder zurück und sagte «Ich will das nicht».
Der Heimleiter gab mir den leeren Kuchenteller und ich ihm den Sack mit den Malutensilien. «Falls er doch noch malen möchte…».
Ich hatte es verbockt. Ich war viel zu direkt. Ich war nicht behutsam genug. Ich hatte viel zu viel auf ihn eingeredet. Ich hatte ihn nicht einmal gefragt, ob er mitkommen wolle. Ich hatte ihm einfach ein Öl-Set gekauft, obwohl er vielleicht sein Leben lang nur gesprayt hatte. Mehr hätte ich kaum falsch machen können. Ich war enttäuscht von mir.
«Du hast es gut gemeint», sagte meine Frau.
Die Ausstellung organisieren
Ich schlief in dieser Nacht lange nicht ein, aber als ich endlich doch einschlief, träumte ich einen versöhnlichen Traum, den ich so gar nicht verdient hatte. Ich träumte, ich hätte eine Ausstellung für den alten Maler organisiert. In der Galerie seiner Galeristin, die zuerst den Boesner Sack auch nicht wollte, dann aber einsah, dass meine Idee wirklich gut war. In ihrer Galerie, einem mittelgrossen Raum ohne Fenster in der Altstadt von Grüningen, früher offenbar ein Stall, standen ein Dutzend leerer Staffeleien und an den Wänden hingen keine Bilder des Malers, jedes beschriftet (etwa «Mühle im Abendlicht», Öl auf Holz, oder «Wiese bei Regensberg», Pastell auf Papier). An einigen der leeren Staffeleien und unter den fehlenden Bildern an der Wand hatte es schon zu Beginn der Ausstellung rote Punkte als Zeichen, dass sie in Privatbesitz waren. Es gab Weisswein und meine Frau hatte drei grosse Cheesecakes gebacken. Sämtliche Bewohner des Pflegeheims waren da, einige hatten Familie mitgebracht, und auch das Personal war vollzählig erschienen. Die Stimmung war heiter und ausgelassen. «Der Kuchen ist vorzüglich!», rief der Heimleiter über alle Köpfe hinweg, und als ich gegen sieben Uhr vom Geplauder der Pflegefrauen erwachte, die jeden Morgen auf der Terrasse ihren Kaffee trinken, waren sämtliche Bilder verkauft.
Vor dem Sturm (Pastellkreide auf Papier)
9. September 2025Die Staffelei
2. September 2025(nach dem Gedicht)
Alter Mann vor der
leeren Staffelei – wann fängst
Du zu malen an?
Die Staffelei
2. September 2025(vor der Kurzgeschichte)
Aus meinem Zimmer im vierten Stock
wo ich an meinem Schreibtisch stehe
und Landschaften zeichne
schaue ich gegenüber
im Parterre des Pflegeheims
einem Bewohner zu
Er steht mit dem Rücken zu mir
das linke Bein leicht abgespreizt
den rechten Arm in die Hüfte gestützt
die linke Hand in der Hosentasche
steht einfach da und betrachtet
eine leere Staffelei
Er trägt einen roten Pullover
mit einer Aufschrift
die ich nicht lesen kann
eine schwarze Hose und
eine schwarze Baseballmütze
Nach einer Weile geht er
um die Staffelei herum
zum Tisch und trinkt (einen Schluck Kaffee?)
dann stellt er sich wieder
vor die Staffelei
mit dem Rücken zu mir
Ich muss ihn im Auge behalten
irgendwann
beginnt er zu malen
House on the Hill
24. August 2025In der Stadtbibliothek
21. August 2025
Hilf mir über mich hinaus.
Alleine überstehe ich mich nicht.
Sie hat sich umgedreht und ihn gefragt:
Sprichst Du mit mir?
Es sah so aus, als wollte sie sich drücken.
Er sagte nichts, den Finger an den Lippen
und stand noch eine Weile
in ihrem Rücken




