Archive for the ‘BLOG’ Category

My Household Poem

2. August 2025

Loading and (later) unloading
the dishwasher

Putting the dishes
in their respective shelves
while telling them they
deserve a break

Sending the vacuum robot
to one room after another
thanking him after every room
and after two or (maximum) three rooms
removing, cleaning and installing the dustbin

Taking the dry laundry from the rack
folding it gently and putting it in the wardrobe
pile after pile
while praising the different fabrics

Cleaning the bathroom sink
after postponing the cleaning
of the toilet to tomorrow

And now: This poem!

Tellermans Rätsel

26. Juli 2025

(zunehmend kleiner werdende Gästezahlen)

Ein Freund von ihm, so hatte es Meir meiner Frau und mir erzählt, als wir ihn und seine Frau Hadassah in ihrer Wohnung in Jerusalem besuchten, nicht ahnend, dass es das letzte Mal sein würde, denn wir wussten nichts von seiner heimtückischen Krankheit, die sich in ihm nach ihrer letzten Attacke ausruhte, bevor sie ihn zwei Jahre später in sein bereits offenes Grab stossen sollte, dieser Freund von ihm also, so hatte uns Meir erzählt, habe zu seinen Neujahrsfesten, von denen jeder, der schon einmal eines miterleben durfte, das folgende auf keinen Fall verpassen wollte, jeweils mittels eines Rätsels eingeladen.

Nur wer das Rätsel, das jedes Jahr schwieriger geworden sei, ganz lösen konnte, fand heraus, wann (denn das Datum des Festes war noch beweglicher als das jüdische Neujahr) und wo (denn die Feierlichkeiten fanden nie im Haus des Freundes statt, obwohl dieses, so Meir, dafür gross genug gewesen wäre) das Neujahrsfest diesmal stattfinden würde. Wer das Rätsel nur halb lösen konnte, wusste zwar wo, aber nicht wann, und wem die Lösung der anderen Hälfte gelang, der wusste zwar wann, aber nicht wo das grandiose Fest steigen würde.

Da die Rätsel, wie gesagt, von Jahr zu Jahr schwieriger wurden, wuchs mit jedem Jahr die Zahl derer, die nicht mehr imstande waren, das Rätsel ganz zu lösen, oder anders gesagt: die Zahl der Gäste, die am richtigen Abend am Ort des Festes erschien, wurde zunehmend kleiner.

Als Nebenprodukt dieser besonderen Einladungen konnte man, wenn man offene Augen und den Blick dafür hatte, in den Tagen rund um Rosch ha-Schana, also im September oder Anfang Oktober, in Jerusalem Menschen beobachten, die festlich gekleidet in den Strassen der Altstadt umherirrten, einige von ihnen mit Blumen oder einem Zickerkichen, in der völlig vergeblichen Hoffnung, sie würden auf jemanden treffen (und ihn oder sie auch erkennen), der das Rätsel, das zu lösen ihnen nicht gelungen war, ganz gelöst hätte und sie zum Fest führen würde.

Die Hoffnung war deshalb völlig vergebens, weil noch nie jemand, der das Rätsel ganz gelöst hatte, jemandem zu einem der besonderen Neujahrsfeste geführt hatte, der das Rätsel nur halb oder gar nicht gelöst hatte. Dies aus dem einfachen Grund, weil am Eingang zum Fest eine personalisierte Kontrollfrage gestellt wurde, die nur beantworten konnte, wer das ganze Rätsel selber gelöst hatte.

Es gäbe auch Leute, so erzählte es Meir, die überzeugt davon waren, das Rätsel sei für jeden eingeladenen Gast ein anderes, auf ihn zugeschnittenes gewesen, und habe mit der Lösung eine Art individuelles Passwort generiert, das dem Pförtner beim Eintritt ins linke Ohr geflüstert werden musste, denn auf dem rechten war der arme Mann seit vielen Jahren völlig taub.

Wie dem auch sei. Die Zahl der Gäste nahm jedes Jahr ab, obwohl sein Freund, hatte uns Meir versichert, nur intelligente Menschen zum Neujahrsfest einlud, denn geladen waren in der Regel nur dessen Freunde, und obwohl er viele Freunde hatte, würde man unter ihnen, auch wenn man sie lange suchte – was niemand tun würde, der ganz bei Sinnen ist – keine dummen Menschen finden.

Wenn ich sage in der Regel, dann deshalb, weil wir letztes Jahr völlig unerwartet eine Einladung zum Neujahrsfest von Amos Tellerman erhalten haben, ohne Amos Tellerman je getroffen zu haben, geschweige denn mit ihm befreundet zu sein. Dass es sich bei Amos Tellerman um Meirs Freund handeln musste, war mir sofort klar, nachdem ich den Umschlag geöffnet hatte und die Einladung in meinen Händen hielt.

Es war eine doppelseitige, ausklappbare Karte von ungewöhnlichem Format, auf deren Vorderseite von Hand in schöner Schrift geschrieben stand: «Persönliche Einladung zur Rosch ha-Schana Feier 5785 in Jerusalem». Die Einladung galt für meine Frau und mich. Sie hatte uns nach einem Umweg über Wien Anfang September an unserem neuen Wohnort in der Schweiz erreicht, wohin wir im April nach sechseinhalb Jahren in Wien gezogen waren.

Zum ersten Mal war ich, nachdem bisher nur Rechnungen oder Einladungen an bereits dirigierte Konzerte nachgesandt worden waren, froh, dass ich der Österreichischen Post einen kostenpflichtigen Nachsendeauftrag erteilt hatte und dass dieser noch nicht ausgelaufen war.

Rosch ha-Schana wurde 2024 vom zweiten bis am vierten Oktober gefeiert. Meine Frau und ich waren begeistert von der Einladung und buchten sofort nach Erhalt einen Flug für Ende September. Wir hatten ohnehin vorgehabt, zum neuen Jahr wieder zur Familie meiner Frau zu fliegen.

Erst nachdem wir gebucht hatten, fiel uns auf, wie seltsam die Einladung war. Nicht die Einladung an sich, die zwar geheimnisvoll aber keinesfalls seltsam war, sonden ihr Zeitpunkt und ihr Versand nach Wien. Wie kam es, dass Amos Tellerman, Meirs Freund, uns zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung zum Neujahrsfest zukommen liess, und woher wusste er, dass wir in Wien waren?

Seine Kenntnis unseres Aufenthaltsortes war nach kurzem Überlegen erklärbar. Als Meir starb, waren wir noch in Ankara. 2017, drei Jahre nachdem uns die traurige Nachricht von seinem Tod erreicht hatte, zogen wir nach Wien. Meir musste Tellerman gesagt haben, dass ich als Schweizer Botschafter unterwegs war, und als solcher ist man mit ein paar Mausklicks jederzeit auffindbar, bis man dann eines Tages in die Pension abtaucht und sich von Ehemaligen-Vereinen fernhält.

Weshalb uns Amos Tellerman zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung schicken sollte, war uns hingegen ein Rätsel. War es Meirs Frau Hadassah, die ihn dazu gebracht hatte? Oder waren wir bei Tellerman auf einer Art Ersatz- oder Warteliste gelandet und kamen nun zum Handkuss, nachdem so viele seiner Freunde an der rätselhaften Einladung gescheitert waren, dass er an einem Punkt angelangt war, wo er Freunde seiner Freunde einladen musste, um nicht alleine zu feiern?

Es war uns rasch klar, dass sich diese Frage (eine Art Nebenrätsel) – wenn überhaupt – erst mit dem Kennenlernen von Amos Tellerman am jüdischen Neujahrsfest beantworten liess. Dafür aber mussten wir das Rätsel der Einladung lösen.

Wir öffneten also gespannt, fast ehrfürchtig die gefaltete Karte und lasen auf der rechten Innenseite ein erstes Mal das Rätsel.

Wenn 15 Männer im Erdgeschoss eines Hochhauses mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl warten, der maximal 8 Personen befördern darf, und wenn dieser ankommt und sich die Türe öffnet, lassen sich alle gegenseitig den Vortritt, aber keiner tritt ein, bis sich die Türe wieder schliesst und der Fahrstuhl nach oben fährt: in welchem Stockwerk hält er zuerst und wieviele Personen steigen aus?

“Ich weiss die erste Antwort!”, rief ich sofort. “Der Fahtrstuhl hält im 1. Stockwerk!”

“Weshalb…?” fragte meine Frau verdutzt.

“Weil es ein Schabbat-Fahrstuhl ist,” sagte ich, ein wenig stolz auf mich, “die halten am Schabbat bei jedem Stockwerk automatisch, damit niemand einen Knopf drücken muss.”

“Es steht aber nirgends geschrieben, dass es Schabbat ist.”, sagte meine Frau.

“Es steht aber auch nirgends, dass es nicht Schabbat ist.”

“Da hast Du Recht,” sagte sie, “mein kleiner Goi. Und es spielt auch überhaupt keine Rolle, weil der Fahrstuhl, wenn es ein Shabbat-Fahrstuhl ist, die ganzen drei Tage von Rosch ha-Schana im Schabbat-Modus ist.”

“Gut,” sagte ich, “dann hätten wir also, würden wir damit richtig liegen, den ersten Teil des Rätsels gelöst. Obwohl das verdächtig einfach war, wenn man bedenkt, dass die Rätsel jedes Jahr schwieriger werden und mittlerweile so schwierig geworden sind, dass viele geladenen Gäste sie nicht mehr lösen können, obwohl es sich ausnahmslos um intelligente Menschen handelt.”

“Vielleicht können sie die Rätsel gerade deshalb nicht lösen,” sagte meine Frau, “weil sie zu intelligent sind und viel zu viel überlegen, während die Lösung direkt vor ihrer Nase liegt.”

“Ich glaube trotzdem nicht, dass der 1. Stock die Lösung ist”, sagte ich. “Und es ist ja nicht so, dass wir mehrere Versuche haben, um die richtige Antwort zu finden. Wir müssen uns auf eine Antwort festlegen und dann ist sie entweder richtig oder falsch.

Aber nehmen wir einmal an, die Antwort auf die erste Frage lautet tatsächlich im ersten Stock. Wohin führt uns das?”

“In den ersten Stock” sagte meine Frau und lachte.

“Und wie viele Personen steigen dort aus?”

“Das müssen wir noch herausfinden.”

“Und wo und an welchem Tag fände das Fest statt?”

“Wo wüssten wir schon. Im ersten Stockwerk eines Hauses mit 17 Stockwerken und einem Schabbat-Aufzug. Und das Datum ist der 2., 3. oder 4. Oktober.”

“Es dürfte in Jerusalem mehrere Dutzend solcher Hochhäuser geben. Willst Du bei jedem an allen drei Tagen vorbeigehen und dem Pförtner ins linke Ohr flüstern? Und vor allem: WAS willst Du ihm ins Ohr flüstern? Was wäre unser persönliches Passwort?”

“Diesen Teil des Rätsels müssen wir noch lösen”, sagte meine Frau.

***

Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte ich nach dem ersten Schluck Kaffee zu meiner Frau: “Weisst Du, was mir heute Nacht in den Sinn gekommen ist? Das Rätsel ist tatsächlich auf uns zugeschnitten.”

“Wieso?”

“Ich hatte Meir einmal erzählt, wie ich als junger Diplomat in Strassburg im Gebäude des Europarats mit einer Gruppe von älteren Diplomaten auf den Fahrstuhl wartete, und als dieser dann endlich kam und sich die Türe öffnete, liesen sich alle gegenseitig den Vortritt. Sie baten einander so lange, doch bitte den Fahrstuhl zuerst zu betreten (“Bitte nach Ihnen!” “Nein, bitte nach Ihnen!”) bis sich die Tür wieder schloss und der Fahrstuhl entschwand, ohne dass jemand eingestiegen wäre.”

“Und wohin bringt uns das?”

“Nicht in den ersten Stock” sagte ich. “Weisst Du, was Meir dazu sagte? Das nennt man Türquälerei.”

Ich öffnete die Einladungskarte und las das Rätsel noch einmal.

15 Männer warten in einem Hochhaus mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl, der maximal 8 Personen befördern darf. Keiner steigt ein bis der Fahrstuhl wieder losfährt. Wo hält er zuerst? Und wieviele Leute steigen aus?

“Der Fahrstuhl könnte, wenn es sich um einen Schabbat-Fahrstuhl handelt, entweder im ersten Untergeschoss oder im ersten Obergeschoss anhalten,” sagte ich zu meiner Frau, “nicht wahr?”

“Genau,” sagte sie, “und wenn es kein Schabbat-Fahrstuhl ist, wird er zur Etage fahren, die ein Fahrgast ausgewählt hat.”

“Aber es ist niemand im Lift…” warf ich ein.

“Das wissen wir nicht,” antwortete meine kluge Frau. “Wir wissen nur, dass niemand eingestiegen ist. Wir wissen weder, ob der Fahrstuhl von unten oder von oben kam, noch ob jemand drin war, oder ob Fahrgäste ausgestiegen sind.”

“Du hast Recht. Es könnte also sein, dass jemand, der berits im Fahrstuhl war, auf irgendeinen Knopf gedrückt hat.”

“Genau. Es könnte aber auch sein, theoretisch, dass Personen, die bereits im Fahrstuhl waren, keinen Knopf gedrückt haben.”

“Stop”, sagte ich, “Wir haben uns verrannt. Es heisst im Rätsel, der Fahrstuhl fuhr nach oben los. Wir können die unteren Geschosse also ausschliessen. Der Fahrstuhl wurde von jemandem, der sich bereits im Fahrstuhl befand, in ein oberes Stockwerk gesandt, oder von jemandem der sich in diesem Stockwerk befand, gerufen.”

“Aber welches Stockwerk…? Wir kommen nicht weiter.”

“Nicht wirklich. Wir stecken im Fahrstuhl fest, sozusagen…”

“Richtig – lass uns aus- und ein paar Schritte zurücktreten. Versuchen wir es einmal mit den Zahlen. Die müssen ja eine Bedeutung haben. 15 Männer, 17 Stockwerke, 8 Passagiere.”

“15 plus 17 geteilt durch 8 gleich 4 – hält der Fahrstuhl vielleicht im 4. Stock?”

“Das wäre zu einfach”, sagte meine Frau.

“Aber vielleicht zutreffend” sagte ich. “Und wir wissen ja damit noch nicht, wieviele Leute aussteigen.”

“Vielleicht ein einziger Fahrgast?” versuchte es meine Frau.

“Wie das?” fragte ich.

“Weil noch jemand im Fahrstuhl war, als sich im Erdgeschoss die Türe öffnete.”

“Jemand der runter und dann gleich wieder hoch fährt?”

“Vielleicht hat er etwas vergessen…”

“Oder sie…”

***

Nun, was soll ich sagen: wir haben auch nach dem Frühstück den ganzen Tag immer wieder von Neuem versucht, das Rätsel zu lösen. Auch in den nächsten Tagen haben wir unermüdlich alle möglichen Abläufe und Kombinationen durchgespielt, um herauszufinden, wo der Fahrstuhl hält und wieviele Leute aussteigen. Wir haben verschiedene Lösungsmuster auf unser Rätsel angewendet, auch jenes vom Fuchs und vom Huhn und vom Getreide das ein Bauer über den Fluss transportieren muss, ohne dass das Getreide oder das Huhn verspiesen werden, aber am Ende standen noch immer 15 Männer vor einem Fahrstuhl, von dem wir nicht wussten, ob er bei der Ankunft leer war und wo er danach anhielt.

Ich kaufte mir sogar ein Buch über jüdische Rätsel aus Talmud und Midrasch und erfuhr daraus viel über den Aufbau und das Wesen jüdischer Rätsel. Ich lernte, dass der Wind ein meschugener Schwiegersohn und das Stärkste das Glück ist, aber es half alles nichts, wir konnten das Rätsel nicht lösen.

Mitte September gaben wir es auf. Wir mussten es uns eingestehen: Das Rätsel war für uns unlösbar, unser Glück zu schwach. Wenn es tatsächlich ein auf uns zugeschnittenes Rätsel war, dessen Lösung unsere persönlichen Eintrittsticket für das Neujahrsfest generiert hätte, dann waren wir nicht nur am Rätsel, sondern auch an uns selber gescheitert, letztlich an unserer Selbsterkenntnis, die sich als eine Selbstunkenntnis erwies.

In unserer Enttäuschung über das verpasste Fest und unser vereintes Unvermögen beschlossen wir, den bereits gebuchten Flug zu stornieren und dieses Jahr über die Festtage nicht nach Israel zu reisen. Wir wollten nicht nahe bei einem Fest sein, zu dem wir eingeladen waren, an dem wir aber wegen unserer Beschränktheit nicht teilnehmen konnten. Das einzige, was nach Ansicht meiner Frau zu tun blieb, war, uns bei Amos Tellerman für die geschätzte Einladung zu bedanken, denn eine solche blieb es, auch wenn wir ihr wegen unserer Einfallsarmut nicht Folge leisten konnten.

Der Brief mit der Einladung zum Neujahrsfest enthielt jedoch, ich weiss nicht, ob ich das bereits erwähnt habe, keinen Absender. Auf der Rückseite stand lediglich Amos Tellerman, Jerusalem. Nun ist in Jerusalem eine Adresse ausfindig zu machen, wenn man lediglich über einen Namen verfügt, fast so schwierig, wie wenn die gesuchte Person in Istanbul in einem der wild gewachsenen Aussenquartiere wohnen würde, wo die Strassen keine Namen und die Häuser keine Nummern haben.

Israelische Behörden erteilen keine Adressauskünfte an ausländische Privatpersonen. Die israelische Botschaft in Berlin bietet zwar, wie ich nach kurzer Recherche im Internet herausfand, auf ihrer Internetseite gegen Gebühr einen Adressvermittlungs-service, aber der Link, auf den ich gestossen war, führte, wie konnte es anders sein, ins Leere. Es schien uns in dieser Sache überhaupt nichts zu gelingen. Wir konnten nicht nur das Rätsel nicht lösen, wir schafften es auch nicht, uns dafür zu bedanken.

Gab es am Ende gar keinen Amos Tellerman? War es unser lieber Freund Meir, der die Neujahrsfeste mit den Rätseleinladungen veranstaltete? Oder gab es weder Amos Tellerman noch die berühmten Neujahrsfeste? Hatte Meir das alles für uns erfunden, weil es eine so schöne Geschichte ist?

Wir mussten die Sache, ob wir wollten oder nicht, auf sich beruhen lassen. Meir, ob er nun der Erfinder von Tellerman und Tellermans Rätsel war oder nicht, hätte es lösen können, davon bin ich überzeugt. Uns aber bleibt die Lösung verborgen, bis wir sie vielleicht eines Nachts träumen dürfen, und wenn wir aufwachen kommt der Fahrstuhl an und man sieht die Nummer des Stockwerks über der Türe, die sich langsam öffnet, und man kann die Menschen zählen, die aussteigen, und wir schauen uns an und denken: natürlich, wie konnten wir das bloss übersehen.

Fliehendes Pferd

26. Juli 2025

Malkowski sagt

26. Juli 2025

Eine Sprache war vorgesehen
aber wir haben sie
nie gelernt

Wir waren von Anfang an
mit anderem beschäftigt
mit Essen suchen
mit unserer Zerbrechlichkeit
(mit uns)

Malkowski sagt: wir haben
das Achselzucken zu schnell erlernt
Keine Ahnung

Dieser Schatten jedenfalls
wird mit dem Stand der Sonne länger
dann kürzer bevor er
wieder länger wird
Ich mag ihn er
gehört zu mir

Einladungen aussprechen

26. Juli 2025

An Koreaner
die lange keine Spiegel kannten
Wer sein eigenes Antlitz
in Augenschein nehmen wollte
musste die Nachbarn fragen

An die Insassen des Pflegeheims
die gegenüber von nichts
auf ihren Balkonen sitzen
kaum dass jemand
sie noch besucht

Wenn doch ein Besucher da war
sagt er beim Abschied laut:
«Ich komme bald wieder,
hörst Du? Ich komme bald wieder!»
Und kommt dann zu spät

Und an uns natürlich
Wieder einmal ganz bei uns zu sein
wäre schön

(Wir sinken in den Tag
wie früher in den Schlaf
Was immer es ist
es besucht uns nun öfter)

30. Juni 2025

Kurz nach der Invasion der Osterküken

29. Juni 2025

Vom ersten fand ich nur ein kleines Stück, ohne zu wissen, wozu es gehört. Unser Roboter hätte es eingesaugt, wenn es mir nicht vorher aufgefallen wäre: ein hellblaues Stück Filz, einen knappen Centimeter lang, einen Millimeter breit und an einem Ende in einen Dreiviertelkreis gebogen. Es lag in der Küche auf dem Boden. Ich hob es auf und warf es, während ich mich noch wunderte, was es war, in den Müll.  

Am nächsten Morgen sprang mir, als ich in die Küche trat um Kaffee zu machen, vom Balkon etwas leuchtend Gelbes ins Auge.  Wahrscheinlich eines der Spielzeuge der Hunde, dachte ich, während ich die Balkontüre öffnete, aber es war ein Küken aus Stoff mit roten Plastikfüssen, einem kleinen orangen Schnabel, schwarzen Knopfaugen und einem Brillengestell aus hellblauem Filz. Das war es also, was ich am Vortag gefunden hatte. Ein Stück eines Brillengestells eines kurzsichtigen Osterkükens.

Wahrscheinlich war es von der Terrasse über unserem Balkon runtergefallen oder ein Kind hatte es runtergeworfen. Kinder werfen manchmal ihre Spielzeuge von Balkonen. Ich hob es auf und betrachtete es. Seine Brillenfassung war intakt. Das Stück Stoff vom Vortag musste zu einem anderen Küken gehört haben. Ich warf es in den Müll.

Am nächsten Tag lag wieder ein Küken auf dem Balkon. Ich hob es auf und schaute zur Terrasse hoch. Man konnte sie nicht sehen, aber ich wusste, dass über uns eine Terrasse war. Ich konnte ihr gemauertes Geländer beim Haus gegenüber sehen, das wie das unsere gebaut war, nur seitenverkehrt. Sollte ich das Küken aufbewahren, falls das Kind oder dessen Eltern an unserer Türe klingeln und nach ihm fragen würden? Ich warf es in den Müll.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war mein erster Gedanke, ob erneut ein gelbes Küken auf unserem Balkon darauf wartete, entdeckt zu werden. Als ich beim Flur um die Ecke kam, sah ich gleich drei gelbe Gegenstände auf dem Balkon liegen. Nicht ein, drei Küken waren über Nacht gelandet.  Alle mit hellblauen Brillenfassungen. Was ging hier vor sich? Spielte mir jemand einen dummen Streich? Ich trat auf den Balkon und schaute mich um. Der Balkon gegenüber war zu weit entfernt, als dass man einen so leichten Gegenstand wie ein Stoffküken (mit Filzbrille) auf unseren Balkon hätte werfen können.

Dass ein Vogel die Küken irgendwo aufgegabelt hatte und dann, wenn er im Flug feststellte, das sie zum Nestbau nicht taugen, über unserem Balkon fallen gelassen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen. Einmal vielleicht, aber zweimal hintereinander und nun gleich drei aufs Mal? Das schien mir völlig ausgeschlossen.

Vom Balkon unter uns konnten sie auch nicht kommen.  Aus demselben Grund, aus dem ich den Balkon gegenüber als Herkunftsort ausgeschlossen hatte. Und vom Balkon unter uns kam ab und zu Zigarettenrauch hoch. Raucher sind seriöse Menschen. Sie  werfen keine Stoffküken auf den Balkon über ihnen. Blieb die Terrasse im 5. Stock. Ich beschloss, der Sache nachzugehen.

Die drei Küken stellte ich derweil auf die Küchenkommode. Ein Stoffküken in den Müll werfen ging. Ein zweites ging auch noch. Drei zusammen in den Müll zu werfen, brache ich nicht mehr übers Herz. Es wäre eine Art Massenmord gewesen. Die männlichen Küken, die im Schredder landen, kamen mir in den Sinn, und es tat mir jetzt leid, dass ich die ersten zwei Küken in den Müll geworfen hatte. Irgendjemand hatte sie ausgesetzt, auch wenn ich noch nicht wusste, wer. Ich hatte nicht das Recht, sie in den Müll zu werfen.

Am nächsten Tag regnete es, und ich stellte beruhigt fest, dass keine neuen Küken auf unserem Balkon gelandet waren. Auch am nächsten Tag regnete es, und wieder erschienen keine neuen Küken auf dem Balkon. Ich hätte die rätselhafte Landung der Küken vergessen, wenn nicht die drei, die ich nicht zu den ersten zwei in den Müll geworfen hatte, mich von der Küchenkommode her durch ihre leeren Brillenfassungen angeschaut hätten, als erwarteten sie Futter oder wollten mit mir wegen einem wichtigen Anliegen dringend reden. So weit kommt es noch, dachte ich, und drehte sie zur Wand.  

Am folgenden Tag schien die Sonne durch die Storen im Schlafzimmer und ich ging leicht angespannt den Flur entlang in Richtung Küche, als hätte ich es geahnt.  

Eine ganze Schar gelber, kurzsichtiger Küken stand oder lag auf dem Balkon.  

Ich war jetzt nur froh, hatte ich während der Regenpause nichts von den Küken zu meiner Frau gesagt, die für einen Monat zu ihrem Sohn und seinen frischen Zwillingen (zwei Mädchen) nach Israel gereist war. Was hätte sie von mir denken müssen, wenn ich ihr zuerst vom gebrochenen Brillenrahmen, dann von den zwei einzelnen Küken erzählt hätte, und dass es nun zum Glück vorbei sei (weil es regnet), und am Tag darauf erzähle ich ihr dann von einem ganzen Trupp gelandeter Küken? Ich sei völlig meschugge?   

Trupp war im Übrigen das richtige Wort: es war ein Spähtrupp von Küken, das wurde mir am darauffolgenden Tag klar. Die ersten zwei gelandeten Küken waren einzelne Aufklärer, dann kam ein Spähtrupp, und  am Tag danach bedeckte eine Unzahl von Küken wie ein gelber Teppich den Balkon. Auch auf dem kleinen Balkontisch und den beiden Stühlen sassen oder lagen sie. Die Invasion der kurzsichtigen Küken hatte begonnen.

Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis ich alle eingesammelt hatte, beobachtet von unseren beiden Hunden, die von der Küche aus zuschauten und sich nicht trauten, einzugreifen. Ich hätte gerne gewusst, was sie dachten, als sie mich dabei beobachteten, wie ich massenweise leblose Küken aufsammle und in unsere Wohnung trage.

Nachdem ich für alle Küken einen Standplatz gefunden hatte, gab es kaum noch ein Möbel in Küche und Wohnzimmer, das nicht von Küken besetzt war.  Ich ass meine Haferflocken im Stehen und versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Es war eine Invasion, das stand fest, aber wer steckte dahinter? Jemand musste diese leblosen kleinen Dinger ja auf meinem Balkon abgesetzt haben. Aber wer?

Kinder schienen mir mittlerweile nicht nur deshalb ausgeschlossen, weil das Paar über uns keine hatte. Aufklärer – Spähtrupp – Invasion: diesen Dreisprung schaffte kein Kind, auch wenn man ihnen heute viel zutrauen musste, bei allem, was sie in ihren Videospielen vorgeführt erhalten. Was hier vor sich ging, war das Werk eines oder mehrerer Erwachsenen.

Die Frage nach dem geografischen woher kannte noch immer nur eine Antwort: die Invasion kam von oben. Aus der Luft oder von der Terrasse über uns, und da der Abwurf aus einem Truppentransporter für Küken (oder einer Hühnerdrohne) absurd schien, blieb die Terrasse.

Das Paar über uns hatte offenbar einen seltsamen Humor, oder die Küken waren eine Retourkutsche für das gelegentliche Bellen unserer Hunde. Wir kannten uns nicht, man traf sich lediglich ab und zu im Fahrstuhl und sagte Hallo. Aus der Art ihres Grüssens war zu hören, dass sie keine Schweizer waren, was den humorvollen Abwurf wahrscheinlicher werden liess.

Als der Balkon am nächsten Tag wieder von Küken übersät war, reichte es mir. Ich zog über dem Pyjama den Morgenmantel an, griff mir eine Handvoll Küken, stapfte die Treppe hoch und klingelte an der Tür über uns. Unser Nachbar öffnete.  Er trug einen Anzug, roch nach Rasierwasser und war offenbar gerade dabei, die Wohnung zu verlassen um zur Arbeit zu gehen. Er sagte etwas auf Spanisch in einem höflichen Tonfall, was wahrscheinlich Was wollen Sie hiess.  

Ich hielt ihm die Küken unter die Nase und sagte: „Das muss aufhören!“ Er nahm sie an sich, lächelte erfreut und sagte; „Muchas Gracias!“ Dann schloss er langsam die Türe.

Ich ging zurück in unsere Wohnung.  Ich war mir nicht mehr sicher, ob er etwas mit den Küken zu tun hatte. Er sah freudig überrascht aus und schien die Küken für ein verspätetes Ostergeschenk zu halten.  Vielleicht schenkte man sich da, wo er herkam, unter Nachbarn in der Osterzeit kleine Osterküken.

Aber Ostern war schon mehr als zwei Wochen vorbei. Woher kamen all die Küken? Noch im Morgenmantel verliess ich die Wohnung, überquerte die Strasse und ging ins Shoppingzentrum.

Im Coop hatten sie den Osterschmuck bereits weggeräumt, aber in der Migros gab es tatsächlich noch einen Restposten mit Osterhasen und Osterschmuck zu stark reduzierten Preisen. Aus drei offenen Kartons schauten mich Horden von gelben Stoffküken mit zusammengekniffenen Augen durch ihre Filzbrillen an.

Ich griff mir die drei Kartons und ging zur Kasse, wo mir beim Anstehen einfiel, dass ich die Wohnung ohne Geld oder Kreditkarte verlasen hatte. «Können Sie mir die bitte auf die Seite tun? Ich wohne gegenüber, ich komm sie gleich bezahlen».

Die Kassiererin schaute den älteren Mann im Morgenmantel, der ohne Geld drei Kartons Stoffküken kaufen wollte,  ungläubig an, aber sie legte die Kartons neben sich auf den Boden. Als sie wieder hoch kam,  blickte sie direkt ins Gesicht des Mannes, der umgedreht hatte. «Passen sie gut auf sie auf!» sagte er, und ging los.

Ich stellte die neuen Küken ins Badezimmer meiner Frau – der einzige Ort, wo noch Abstellraum vorhanden war (in ihrer Badewanne). Ich hatte mich mit dieser Aktion vielleicht lächerlich gemacht, aber mir war etwas Entscheidendes gelungen: Ich hatte dem Feind die Nachschublinien abgeschnitten! Wenn es mir gelang, die bereits gelandeten Truppen zu isolieren, war die Invasion abgewehrt und der Krieg gewonnen.

Die Nacht verbrachte ich in der Küche. Ich hatte ein paar Kissen so auf den Boden gelegt, dass ich liegend den Balkon im Blickfeld hatte. Meine Absicht war, wach zu bleiben, um für den Fall, dass es noch eine letzte Landung geben sollte, zu sehen, wie die Küken auf dem Balkon gelangten, und das gelang mir auch, bis ich gegen 5 Uhr einschlief und erst um 9 Uhr wieder erwachte, als einer unserer Hunde mein Gesicht leckte.

Ich öffnete die Augen. Irgendwann zwischen  5 und 9 Uhr musste die nächste Welle von kurzsichtigen Osterküken auf dem Balkon gelandet sein.

Völlig geschafft stand ich auf. Alle Knochen taten mir weh. Ich wischte mit dem Handrücken eine Ecke des Esstisches und einen Stuhl frei, setzte Kaffeewasser auf und sank erschöpft auf den Stuhl.  

Verlor ich gerade den Verstand? In der Zeitung hatte ich von einem Organismus gelesen, der sich nach einer kurzen Zeit, in der er zur Nahrungssuche herumgeschwommen ist (oder am Meeresgrund gewandert, ich weiss es nicht mehr) an einem Fels festklebt und für den Rest seines Lebens dortbleibt. Kurz nachdem er sesshaft wurde, beginnt er damit, sein Hirn zu essen, beziehungsweise es aufzulösen, weil er es nicht mehr braucht.  

Meine Frau hatte sich stets vor meiner Pensionierung gefürchtet. Sie hatte (erfolgreich) versucht, den Zeitpunkt möglichst lange hinauszuzögern, weil sie überzeugt ist davon, dass man in der Pension ohne die Herausforderungen der Arbeit geistig nur noch abbaut. Hatte sie Recht damit und ich begann, nach einem bewegten Arbeitsleben in acht Ländern in Regensdorf sesshaft geworden, gerade damit, mein Hirn aufzufressen?

Ich gab auf. Die Invasion war gelungen, meine Abwehr kläglich gescheitert. Ich rief meinen Bruder an, der in einem grossen Haus in Höngg lebt, und dessen ältester Sohn gerade erst ausgezogen war.

«Ich halte es in unsere Wohnung nicht mehr alleine aus», sagte ich ihm. «Kann ich mit den Hunden bei Dir wohnen, bis meine Frau nachhause kommt?»

Natürlich war das nicht die volle Wahrheit, denn alleine war ich in unsere Wohnung nun wirklich nicht, aber mein Bruder sagte ja und so begab ich mich nach der Besetzung meiner Heimat ins Exil. Als meine Frau zwei Wochen später zurückkehrte, holte ich sie mit den Hunden auf dem Flughafen ab. Als sie wieder aufrecht stand, nachdem sie von den Hunden – wie immer – über den Haufen gerannt worden war,  umarmte ich sie und fragte: «Wie war’s?»

«Schön, mit den Kindern und Grosskindern,», sagte sie, «aber auch sehr schwierig wegen dem Krieg.»

Und dann fügte sie an: «Wie viel Glück wir doch haben, hier in einem Land leben zu dürfen, das keine Kriege kennt.»

«Ich weiss.» sagte ich. «Gehen wir auf dem Heimweg noch irgendwo einen Kaffee trinken? Ich muss Dir noch etwas erzählen.»

Ein anderes Stück vom Rätsel

28. Juni 2025

In meiner Tischmappe: eine zufällige Abfolge loser Papiere

Zuoberst zwei bevorstehende Flüge

in ein bedrängtes Land

darunter ein Safe the Date für die Hochzeit meines Bruders

gefolgt von einer gratis Velo-Vignette

Dann ein Gedicht von Rainer Malkowski (ein Rätsel betreffend)

ein Blatt mit hebräischen Vokabeln

ein handgeschriebener Vorsorgeauftrag

und zuletzt ein Rezept

für einen asiatischen Gurkensalat

Ich sollte ein Fahrrad kaufen

und damit beginnen

an ein Hochzeitsgeschenk zu denken

für meinen Bruder und seine zweite Frau

aber wahrscheinlich werde ich wegen der Hitze

nicht einmal Vokabeln lernen

Am ehesten lese ich

in meiner abgedunkelten Küche

noch einmal das Gedicht von Malkowski

und esse Gurkensalat

28. Juni 2025

The Man Who Wasn’t On The Moon

10. Mai 2025

Andres Lavander, the only Swede who had never been to the moon or Mars, died on Sunday at the age of 132 at his home in Westersund from heart failure.

Lavander had successfully refused to take the mandatory trip to the moon. Like many of his generation, he fought against the introduction of compulsory moon travel 50 years ago and was the only one who refused to take the flight after it came into effect.

Lavander was not intimidated by threats from the authorities that they would not let him die. His determination not to leave the Earth’s atmosphere was reflected in various Swedish idioms. Phrases such as “and next Lavander will fly to the moon” (in response to an unlikely announcement) or “like moon dust in Lavander’s hair” (as an expression of amazement at something unexpected) have been part of everyday Swedish life for years and will long outlive Andres Lavander.

Lavander was born the son of a beekeeper in a family with four and a half children. His mother was a well-known comma collector. Her collection of superfluous commas from world literature comprised more than 3.5 trillion commas at the time of her retirement. His sister Klara was a pioneer of the Forest Dream Movement (FDM), and Sven, his half-brother, who was a quarter of a century older, had been secretary general of the National Centaur Association for many years.

His older sister Norje, whom Andres loved dearly, spent half her life in an institution because she had written and published a poem. She was finally released when the poem stopped rhyming. Today she lives in Norköping and sings when the fog lifts. After their mother’s death, his younger brother Lars became addicted to time travel. He is considered missing in the past (or the future).

Andres Lavander leaves behind four adult children, eleven grand children and an electric toy train set.

Translated from a blog entry (February 13, 2013) in “Walters Wunderbare Welt”, © Walter Haffner