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Was es sollte

27. Januar 2025

„Was soll das?“, fragte Jossi, zeigte mit der offenen Hand auf das Schachbrett und schaute Avitai entgeistert an.

Es war 9 Uhr. Zwei Tassen Kaffee, eine links und eine rechts, und ein Aschenbecher (rechts) standen neben dem Schachbrett, Jossi hatte sich seine erste Zigarette angesteckt und nach einem ersten tiefen Zug, gefolgt von einem Hustenanfall, in den Aschenbecher geklemmt, wo sie verglühen und verlöschen würde, und Avitai hatte die erste Partie des Tages, die sie auf dem kleinen, runden Blechtisch vor Jossis Laden spielten, gerade mit d2-d4 eröffnet.   

Seit nun bald 20 Jahren kam Avitai, der in Ramat Gan gleich an der Grenze zu Givataim wohnte, („Ich bin kein reicher Ladenbesitzer wie Du, ich kann mir Givataim nicht leisten.“) jeden Morgen kurz vor 9 Uhr zu Fuss nach Givataim, an die Shenkin Strasse, wo Jossi bei seiner Ankunft bereits den Klapptisch und die Stühle aufgestellt und auf der Herdplatte in seinem Laden den Kaffee aufgebrüht hatte („Du willst nur Steuern sparen, Du alter Geizhals. Wohnst in Ramat Gan und wo treibst Du Dich den ganzen Tag rum? In Givataim!“).

Die beiden alten Männer, die sich seit ihrer frühen Kindheit kannten, spielten jeden Tag zur selben Zeit die exakt gleiche Partie, die mit der italienischen Eröffnung begann. Avitai liess seinen Bauer von e2 auf e4 vorrücken, worauf Jossi mit einem Bauernzug von e7 nach e5 antwortete. Als Nächstes wurden die Pferde bewegt, die auf ihren Feldern schon unruhig scharrten und schnaubten:  Avitai rückte mit seinem Springer von g1 auf f3 vor und Jossi bewegte im Gegenzug seinen Springer von b8 nach c6, wie es beim Giuoco piano vorgesehen war, das sie, des Italienischen beide nicht mächtig, Schokopiano nannten.

Die Partie ging mit dem ersten Auslauf der beiden Läufer weiter (f1-c4 und f8-c5) und mündete nach den exakt gleichen Zügen und ohne dass dabei ein einziges Wort gesprochen worden wäre nach einer gute halben Stunde – ausser wenn die Partie von einem Kunden unterbrochen wurde, was am Vormittag kaum je der Fall war, dann dauerte es ein paar Minuten länger – in ein Patt, weil Avitai seinen König nicht mehr bewegen konnte, ohne sich ins Schach zu begeben. „Hab‘ ich Dich!“ sagte Jossi dann, und beendete damit die morgendliche Stille, und Avitai räusperte sich und antwortete: „Hast Du eben nicht!“

Danach spielten sie eine zweite und nach der zweiten eine dritte Partie, oft wurden es sechs oder sieben Partien bevor die Sonne unterging, wobei einmal Avitai gewann, dann wieder Jossi, nur selten gewann einer zwei Partien hintereinander, und Unentschieden gab es den ganzen Tag keines mehr, obwohl nur diese in die Wertung kamen. Der Spielstand, nach jedem Unentschieden von Jossi säuberlich mit einem kurzen Bleistift in ein kleines Notizbuch eingetragen, lautete mittlerweile 2561:2561.

Sieben Jahre war es nun her, seit Udi gestorben war. Seit sieben Jahren stand Udis Klappstuhl nun in Jossis Laden an der Wand, und als der Postbote ihn einmal aufgeklappt hatte, um ein Paket mit fragilem Inhalt darauf abzustellen, hatte ihn Jossi so zusammengestaucht, dass er sich seither weigerte, ihm die Post zu bringen. Er deponierte sie stattdessen im Kiosk auf der anderen Strassenseite („Das ist für den Wüterich“), wo Jossi sie einmal pro Woche abholte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er warte darauf.  Auch wenn sich Jossi entschuldigt hätte (was er weder vorhatte noch je tun würde): der Postbote war unversöhnbar und die Post blieb dauerhaft umgeleitet.

Udi war mit Abstand der beste Schachspieler von den drei Freunden. Er war es, der Jossi und Avitai das Schachspielen überhaupt erst beigebracht hatte. Sie wussten zwar, wie man die einzelnen Figuren bewegt, aber Udi konnte Schach spielen. Einmal, so will es die Legende, als er noch jung war, soll er es bis in die zweitletzte Runde der israelischen Schachmeisterschaft geschafft haben. Ob er es noch weiter, vielleicht sogar bis zum Titel des israelischen Meisters hätte bringen können, lässt sich nicht sagen. Udi sei, so erzählt es Jossi, am Tag der zweitletzten Runde nicht mehr zum Turnier in Tel Aviv erschienen, und niemand werde je wissen, warum, während Avitai meint, es zu wissen. Udi sei der drohenden Niederlage ausgewichen, behauptet er, das, und nichts anderes, sei der Grund für sein Fernbleiben gewesen.

Als sie eines Tages wieder zu dritt vor Jossis Laden kalten Kaffee getrunken und geraucht hatten, hatte Udi gesagt: Warum spielen wir eigentlich nicht eine Partie Schach? „Schach ist für zwei“, hatte Avitai geantwortet, und Jossi hatte angefügt: „Das kann ich nicht.“ Aber Udi liess nicht locker.  Am nächsten Tag brachte er ein Schachbrett samt Figuren mit, und so kam es, dass er ihnen die verschiedenen Eröffnungen zeigte, wie man Angriffe durchschauen und Fehler vermeiden, Opfer bringen und den Gegenspieler übertölpeln oder auskontern konnte, und wie sich ein Endspiel erfolgreich gestalten liess.

„Schachspielen ist definitiv besser als Herumsitzen, Rauchen und Kaffeetrinken“ sagte Jossi eines Morgens, als das Schachspiel bereits zu einem festen Teil ihres Tages geworden war, man könnte auch sagen zum wichtigsten und eigentlich einzigen Inhalt ihrer Tage (was hatten sie bloss vorher gemacht?), und wie er es sagte, war es ein Dankeschön an Udi, ohne dass er danke sagen musste. Die Spiele folgten der einfachen Regel, dass der Sieger am Brett blieb, was nichts anderes bedeutete, als dass Jossi und Avitai abwechslungsweise gegen Udi spielten und der andere musste zuschauen und die Klappe halten.

Als Udi an Leberkrebs erkrankte und nach wenigen Wochen starb, waren Jossi und Avitai verloren. Am Tag nach der Beerdigung sassen sie vor Jossis Laden am Blechtisch, vor ihnen Udis leerer Stuhl und das Schachbrett mit den wartenden Figuren. Keiner sprach ein Wort. Gegen Ende des Vormittags stand Jossi auf, klappte Udis Stuhl zusammen und trug ihn in den Laden, wo er bis zur unbedachten Aktion des Postboten und auch danach wieder unberührt in einer Ecke stand.

„Was machen wir nun?“ fragte Avitai mit brüchiger Stimme, als sich Jossi wieder hingesetzt hatte. „Ich weiss es nicht“, antwortete Avitai. Und nach einer kurzen Pause: „Wieder nichts wahrscheinlich, wie vorher.“ Eine Frau ging am Tisch vorbei und trat in Jossis Laden. Nach einer Weile erschien sie wieder im Eingang mit einem alten Kerzenständer aus fleckigem Messing.
„Was wollen Sie dafür?“
„Nichts“ sagte Jossi, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Die Frau schaute Avitai, der den Eingang zum Laden in seinem Blickfeld hatte, fragend an.
„Sie haben ihn gehört“, sagte Avitai, „Nehmen Sie das Ding und gehen Sie.“
„Im Ernst…? Danke…“ sagte die Frau. Und verschwand mit dem fleckigen Kerzenständer in Richtung Weizmann.

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Jossi, als die Frau ausser Sichtweite war. „Entweder wir hören mit dem Schachspielen auf, oder die erste Partie des Tages gehört Udi.“
„Wie meinst Du das?“
„Wir spielen zuerst ein rituelles Unentschieden. Jeden Tag genau dieselbe Partie. Eröffnung mit dem Schokopiano und dann weiter bis zum Patt, mit den exakt gleichen Zügen, bis Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Das spielen wir für Udi. Jeden Tag. Das schulden wir ihm.“

Und das taten sie dann auch. Jeden Tag, sieben Jahre lang. Die immer gleichen Züge. Avitai mit seinem Bauern von e2 auf e4, Jossi mit seinem von e7 nach e5, dann die Pferde, dann die Läufer, wie das beim Schokopiano eben vorgesehen war. Und nun, nach sieben Jahren ritueller Unentschieden, also dies: Avitai eröffnete mit d2-d4!

„Was soll das? Was machst Du da?“ entfuhr es Jossi.
„Ich eröffne die Partie“ antwortete Avitai ruhig.
 „Aber doch nicht so“ ereiferte sich Jossi. Er nahm Avitais Bauern, setzte ihn zurück auf d2 und fuhr stattdessen mit dessen Bauern von e2 auf e4. „So geht das“ sagte er dabei, und als er den Bauern auf e4 abgesetzt hatte, griff er zur glühenden Zigarette und nahm tatsächlich einen zweiten Zug.

                                           ***

Am nächsten Morgen sass Jossi vor seinem Laden am Schachbrett. Es war bereits viertel nach 9, aber Avitai war nicht gekommen. Als er auch um 10 noch nicht erschienen war, ging Jossi, der kein Mobiltelefon besass, in den Laden und rief Avitai an, aber Avitai antwortete nicht. Auch am nächsten Tag erschien Avitai nicht zum Schach, und Jossi begann sich Sorgen zu machen.

Als Avitai auch am vierten Tag nicht erschien und Jossis Anrufe nicht beantwortete, schloss Jossi seinen Laden ab und überquerte die unsichtbare Grenze nach Ramat Gan. Die Haustüre stand offen, damit Passanten bei einem Bombenalarm in den Schutzraum konnten. Jossi ging die Treppen hoch bis ins oberste, dritte Stockwerk und klingelte an Avitais Wohnungstür. Für einen Augenblick meinte er, aus der Wohnung Schritte zu hören, aber er musste sich getäuscht haben. Er klingelte ein zweites und ein drittes Mal, aber die Tür öffnete sich nicht.

Am letzten Tag der ersten Woche nach Avitais Verschwinden überquerte Jossi die Strasse und holte beim Kiosk seine Post ab. Er steckte die drei Umschläge, die ihm der Verkäufer aushändigte, in die Jackentasche und überquerte die Strasse in die andere Richtung. In der Mitte der Strasse blieb er stehen, und erst als mehrere Autos hupten, ging er weiter. Er setzte sich wieder an den Blechtisch vor seinem Laden und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen Zug und behielt die Zigarette vor seinem Mund. Mit der anderen Hand berührte er die drei Briefe in seiner Jackentasche. Er hatte Angst davor, sie vor sich auf den Tisch zu legen. Was, wenn einer von ihnen einen schwarzen Rand hatte?

Als er sich gegen Mittag einen Ruck gab und die Briefe aus seiner Jacke nahm, war er erleichtert. Keiner der drei Umschläge hatte einen schwarzen Rand.  Die ersten zwei enthielten Rechnungen. Der dritte war von Hand adressiert. Er enthielt eine schwarz-weisse Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Strand mit Strandkörben und einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. Auf der Rückseite stand in wackliger Schrift:

Ich habe Schilddrüsenkrebs, ich werde sterben. Mach’s gut, lieber Freund.
Avitai


Jossi schluckte leer. „Das sollte es also bedeuten, als Avitai die Schachpartie falsch eröffnete, dachte er, während seine Hände mit der Postkarte und der Zigarette auf den Blechtisch sanken und ihm Tränen über die Wangen rollten.

                                           ***

PS: Drei Jahre sind unterdessen seit dem Tod von Avitai vergangen. Wenn man an Jossis Trödlerladen vorbeigeht, sieht man ihn wieder am Blechtisch sitzen und mit einem pensionierten Postboten Schach spielen. Die einen sagen, Jossi habe sich nur mit dem Postboten versöhnt, weil ihm der Weg zum Kiosk zu beschwerlich geworden sei. Andere glauben zu wissen, die Initiative zur Versöhnung sei nach dem Tod von dessen Frau vom Postboten ausgegangen, der lernen wollte, wie man Schach spielt.

Lange Zeit

27. Januar 2025


Ein Mann steht im Raum

Er bückt sich und nimmt

ein Jahr aus der Zeine

Er legt es vor sich auf das Brett

Er spuckt auf das Eisen

dann bügelt er es

Es sind die Falten, sagt er

zu niemandem im Besonderen

Die Falten machen die Jahre

so kurz

In ihnen verbirgt sich die Zeit

und kommt uns abhanden

Ein Mann steht im Raum

Er weiss immer weiter

Er antwortet nicht auf Fragen

Er bügelt die Zeit

Vielleicht ist Glück ein Halstuch, das man auf dem Weg verloren hat, und jemand hat es aufgehoben und an einen Gartenzaun gehängt, und wenn man weit genug zurückgehen würde, fände man es wieder (vielleicht ist das auch nur eine zu lang geratene Überschrift)

25. Januar 2025

Es gibt keine verlässlichen Umfragen dazu, aber man darf davon ausgehen, und das tue ich hier, dass wir in einer Welt leben, in der nur noch eine verschwindend kleine Anzahl Menschen weiss, wer Helen Shapiro war, und diese fast ganz aus alten Menschen bestehende, rasch schrumpfende Gruppe ist mittlerweile so klein geworden, dass sie  drauf und dran ist, in absehbarer Zeit ganz zu verschwinden, sang und klanglos, wie man in diesem Kontext sagen könnte. Sie liefert sich dabei ein Wettrennen mit dem Polareis und es sieht so aus, als könnte sie es gewinnen.

Ich wüsste auch nicht, wer Helen Shapiro ist, wäre sie mir nicht vor einem Vierteljahrhundert am Arm von Bob Geldof begegnet. Ich war ziemlich unglücklich damals und nicht gut unterwegs, als mir Helen und Bob auf einem Gehsteig in Ausserholligen Arm in Arm entgegenkamen und singend an mir vorbeigingen. Ich wusste nicht, wer sie waren, was bei Helen Shapiro nichts Ungewöhnliches war, aber auch Bob Geldof erkannte ich nicht, weil er eine Fellmütze trug und den Mantelkragen hochgeschlagen hatte. Sie sangen, als sie mich auf dem mit nassem Schnee bedeckten Gehsteig kreuzten, zusammen ein englisches Lied.  

„Was ist das für ein Lied?“, rief ich Ihnen nach, denn es gefiel mir, und Bob drehte den Kopf und rief über die Schulter zurück: „Walking Back To Happiness.  Es ist von mir. Aber eigentlich ist es von ihr“, worauf Helen lachte und ihn weiterzog.

Ihr Glück musste, obwohl sie mir nicht unglücklich zu sein schienen, irgendwo auf dem Weg verlorengegangen sein, und sie hofften offenbar, es wiederzufinden, wenn sie weit genug zurück gingen. Vielleicht hatte es ja jemand aufgehoben und an einen Gartenzaun oder eine Hecke am Wegrand gehängt, wie das gute Menschen manchmal mit einem Handschuh machen, den jemand fallen gelassen hatte. Sogar weniger gute Menschen könnten das tun, denn niemand kann mit einem einzelnen Handschuh viel anfangen, ausser eine Hand damit zu wärmen, was natürlich nicht nichts ist.

Nun kann man mit Recht sagen, es spiele überhaupt keine Rolle, dass kaum noch jemand weiss, wer Helen Shapiro ist, und wenn das jemand sagt, habe ich dafür Verständnis und kann dem nicht wirklich viel entgegenhalten (ausser vielleicht, dass für viele Menschen wenig wirklich eine Rolle spielt), aber wenn man nicht weiss, wer sie ist (oder war, denn sie ist vor Kurzem verstorben), versteht man auch nicht ganz, warum in Geldofs Version des Songs Nebelhörner dröhnen, während er mit seinem Vater am East Pier steht.

Es ist nicht nur wegen dem Nebel und den Schiffen. Es hat auch damit zu tun, dass Helen Shapiro wegen ihrer tiefen Stimme von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden Nebelhorn genannt wurde. Zwei ihrer Songs sind Anfang der 60er-Jahre an der Spitze der britischen Charts gelandet. Einer davon war Walking Back To Happiness (der andere hiess You don‘t know, aber das muss man nicht wissen). Wissenswerter ist vielleicht, dass bei einem Auftritt der 16-jährigen Helen in Bradford am 2. Februar 1963 die Beatles ihre Vorgruppe waren, aber man kann auch gut leben, ohne das zu wissen.

Man kann gut ohne die Musik von Helen Shapiro leben. Auch ohne die Musik der Beatles kann man leben (was allerdings schade wäre) und ohne die Beatles geht problemlos, sie sind bereits halb verschwunden. Auch Bob Geldof wird verschwinden, lange vor seiner Musik, und die Musik der Beatles (kurz nach der Musik von Beethoven). Alles wird irgendwann der Furie des Verschwindens zufallen, zuerst langsam, dann schnell. Auch ihrem Erfinder, Hans Magnus Enzensberger, ist das 2022 widerfahren. Seine Gedichte lungern noch ein wenig in meinem Kopf herum.

Die Suche nach dem Glück sollte nicht in die Vergangenheit führen. Man kann aus der Vergangenheit nichts, wenn man es noch fände, mitnehmen in die Gegenwart. Glück ist kein verlorenes Halstuch, das jemand aufgehoben und an einen Zaunpfahl gehängt hat. Glück sitzt Dir auf der Schulter, ein Vogel so leicht, man spürt ihn kaum.

Von oben betrachtet

24. Januar 2025

Schau wie ich sitze:

am Fuss der Düne

in meinem Strandstuhl

mit Blick auf das Meer

während sich hinter der Düne

in einer Senke

die Tage sammeln

Sie rotten sich zusammen

zu Wochen, Monaten, Jahren

Es wird nicht mehr lange dauern

dann fallen sie über mich her

Eine kurze Unendlichkeit

4. Januar 2025

Abgesehen vom Gulasch, das nur meine Schwiegermutter so zubereiten kann – und mein Gott, sie hat es gerade wieder getan und sich dabei selber übertroffen -, basiert alles auf Annahmen. Man nimmt an, dass etwas so ist, weil man es so gelernt oder gelesen hat, vielleicht auch nur gehört (und wenn möglich falsch verstanden), bis man eines Tages selber feststellt, dass es doch anders ist, manchmal zum Glück, manchmal leider. Von da an nimmt man an, dass es nun so sei, und nicht mehr anders, und geht davon aus, dass es so bleibt, auch wenn man gerade nicht hinschaut.  

Ben Gurion, Uziel und Haroe sind Parallelstrassen verschiedener Grösse in meinem neuen Universum. Dank Ihnen finde ich mich auf den langen Spaziergängen mit unseren Hunden zurecht, auch wenn ich mein Mobiltelefon nicht dabeihabe. Ben Gurion, Uziel, Haroe – alles andere sind Seitenstrassen.

Ich wurde dank den Hunden, die mich im Auge des Betrachters zum Ortsansässigen machen, auch schon nach dem Weg gefragt und konnte tatsächlich schon einmal Auskunft geben. Od shloshim metrim bne jemina. Noch dreihundert Meter, dann rechts abbiegen. Vielleicht waren es auch nur 200 Meter, aber den Satz hatte ich vom GPS gebrauchsfertig im Ohr.

Ich bin diese drei Strassen, Ben Gurion, Uziel und Haroe, von denen Ben Gurion mit zwei Spuren in jede Richtung die grösste ist, schon in beide Richtungen gegangen, Uziel (am einen) und Ben Gurion (am anderen) sogar bis an ein Ende oder einen Anfang – ich habe nicht auf die Hausnummern geachtet.  

Heute bin ich die Haroe bis an eines ihrer Enden spaziert. Der Plan war, gegen Ende der Strasse in eine Seitengasse einzubiegen, die zur Ben Gurion führt, und dann auf der Ben Gurion zurück in Richtung unserer Wohnung an der Elyashiv. Am besten geht man von der Ben Gurion die Yad Shalom hoch. Die ist trotz der Baustelle angenehmer als die Ruchama, die irgendwie nicht sehr einladend wirkt. obwohl sich die älteren Häuser Mühe geben.

Die erstaunliche Entdeckung auf diesem Spaziergang war, dass sich Parallelen nicht erst in der Unendlichkeit schneiden, sondern einiges vorher.  

Wenn man von der Elyashiv her kommend die Uziel überquert und dann die Ehud oder die Avishai genommen hat, bis man auf die Haroe getroffen ist, die wie gesagt parallel zur Uziel und zur Ben Gurion verläuft, und auf der Haroe dann nicht nach rechts, in Richtung Metzger Friedman, sondern nach links, in Richtung Bnei Brak gegangen ist, stellt man, nachdem man eine ganze Weile an Häusern vorbeigegangen ist,  deren Bewohner in der Ruhe des Schabbats hinter heruntergelassenen Jalousien Musik hören, fest, dass sich die Haroe nach links zu krümmen beginnt.

Man merkt es daran, dass schneller gehende Hundehalter, Frauen wie auch Männer, die gerade erst mit ihrem Tier aus einem der Häuser getreten sind, nach einer Weile hinter der Biegung verschwinden.  

Der Plan war nun. wie gesagt, und nachdem der Spaziergang jetzt doch schon eine ganze Weile gedauert hatte, nach links in eine der nächsten Seitenstrassen einzubiegen, um hinüber auf die Ben Gurion zu gelangen, aber die Seitenstrassen erwiesen sich eine nach der anderen als Sackgassen.

Wenigstens, dachte ich, zog es die Haroe ganz offenbar nach links, womit ich die beruhigende Gewissheit hatte, dass ich mich zwar weiter von zuhause, aber nicht von der Ben Gurion entfernte, die mich am Ende wieder sicher nachhause führen würde. Je länger die langgezogene Kurve dauerte, desto näher kam die Haroe der Ben Gurion. Sie würde doch nicht…?

Ich weiss nicht, wie alt ich war, als ich in der Schule lernte, dass sich zwei Parallelen in der Unendlichkeit kreuzen. Oder war es berühren, treffen, schneiden? Oder war es nur der Anfang eines weiteren Witzes, nach dem Muster von „Zwei Pferde treffen sich in einer Bar“?

Ich weiss auch nicht mehr, es ist einfach zu lange her, ob man damals versucht hat, es mir zu erklären, und wenn ja: hatte ich es begriffen, oder hatte ich, wie ich das als Kind so oft tat, ja gesagt und genickt, als man mich fragte, ob ich es verstanden hätte, weil ich weder als dumm gelten noch dem Erwachsenen das Gefühl geben wollte, es mir nicht gut erklärt zu haben?

Falls ich es damals verstanden hätte (irgendetwas mit der Erdkrümmung?), was ich bezweifle, hätte ich es längst wieder vergessen, und wahrscheinlicher ist ohnehin, dass ich es (erklärt oder nicht) nie verstanden habe.

Ich verstehe es auch heute nicht, obwohl ich gerade versucht habe, es zu verstehen, aber ich bin bei den ersten paar Formeln steckengeblieben. Wenn zwei Geraden parallel verlaufen, berühren sie sich auch in der Unendlichkeit nicht. Und wenn sie das doch tun, weil sie so lange unterwegs waren, dass es ihnen ohne Berührung oder wenigstens einen Annäherungsversuch langweilig wurde, sind sie keine Parallelen mehr.  

Und da stand ich nun also unvermittelt an der Stelle, an der sich zwei Parallelstrassen schneiden. Wobei man nicht wirklich von schneiden sprechen kann. Es ist vielmehr so, dass die kleinere Haroe in die groessere Ben Gurion mündet. Trotzdem musste das hier die Unendlichkeit sein, wenn die Schule für irgendetwas gut war.  

Ich schaute mich um. Ein Mann in Sandalen kam mir entgegen. Von der anderen Strassenseite bellte ein Hund, der nicht zu sehen war. Der Verkehr war noch immer sehr dünn. Die wenigen Autos waren langsam unterwegs. Keinerlei Hupen. Ich schaute auf meine Uhr. Es war viertel vor zwei.  Der Shabbat dauerte noch ein paar wenige Stunden. Die Unendlichkeit war schon fast wieder vorbei.

Ich muss nachhause, dachte ich, und fasste die Leinen der Hunde kürzer. Ich muss so schnell wie möglich nachhause, auf direktem Weg.

***

(„Zwei Parallelen treffen sich in der Unendlichkeit. Wer hat denn sowas behauptet? fragt die eine. Ein Wegweiser, sagt die andere.“)

Winter

1. Januar 2025

Winter kennen sie hier nicht.

Man ist als Gast solidarisch

und erkältet sich trotzdem.

Man hustet als wäre man

noch in Neukirch,

wo es draussen kälter

und drinnen wärmer ist.

Als die Dänen nach der Ölkrise

Anfang der 70er-Jahre

auf Windenergie umstellten,

haben sie hier,

weil sie dem Wind nicht trauten,

den Winter abgeschafft.

An windstillen Tagen im Dezember

sitzen sie auf den Terrassen

reden wild durcheinander

und essen Salat

26.12.2024

Skizze (Pastellkreide)

6. September 2024

Der Elektriker kommt (Teil 2)

6. September 2024

Als sein Telefon ihn am nächsten Morgen um 7 Uhr mit den ersten Klängen von „It’s a Wild World“ weckte,  wusste Bertrand Mesmer  nicht, wo er war. Bin ich in einem Hotel? Fragte er sich, nachdem er die Schlummertaste gedrückt hatte. Wie bin ich hierhergekommen? Bin ich in Hamburg? Wieder in Hamburg? Er war vor mehr als dreissig Jahren einmal nach Hamburg geflüchtet, als ihm alles zu viel geworden war. Er wohnte damals in Adliswil, im Zürcher Sihltal, und arbeitete in Bern, und eines morgens stieg er am Zürcher Hauptbahnhof anstatt in den Frühzug nach Bern in einen Intercity nach Hamburg. Von Hamburg aus fuhr er dann ans Meer und machte lange Spaziergänge.

„Tada-da-data – da-datta-taaa, …“ klang es zum zweiten Mal aus seinem Telefon, und er schaltete den Alarm ganz aus. „Ich muss die Sicherungen einschalten“ sagte er. Er drehte sich zur Seite, stützte sich auf den Ellbogen und die rechte Hand, bis er aufrecht im Bett sass und seine Füsse den Boden berührten. Er betrachtete seine dürren Beine. Welches wohl das längere war?  Kein Mensch hatte zwei genau gleich lange Beine.  Aber die wenigsten wussten, welches länger war. Von allem, wovon der Mensch zwei hatte, war immer eines kürzer oder kleiner und das andere länger oder grösser. Wenn der Mensch zwei Nasen hätte, wäre eine grösser als die andere.

Bertrand ging in die Küche und machte Frühstück. Er nahm das Brot aus dem Brotkorb, schnitt zwei Scheiben ab und steckte sie in den Toaster. Er drückte das Fach mit den zu toastenden Brotscheiben nach unten, aber es arretierte nicht. Er versuchte es noch einmal. Wieder nicht. War der Toaster nicht eingesteckt…? Natürlich, fiel es ihm ein – kein Strom. Die Sicherungen!

Nachdem er die Sicherungen wieder eingeschaltet hatte (der Sicherungskasten war gleich neben der Wohnungstür), öffnete er die Tür und hob die Zeitung auf, die ihm seine Nachbarin jeweils hochbrachte, wenn sie vom Morgenspaziergang mit ihrem Hund zurückkam. Sehr nett, dachte er, wie jeden Morgen, Sehr nett von ihr. Zurück in der Küche drückte er das Toasterfach runter. Es arretierte und der Toaster begann sich aufzuheizen.

Während er darauf wartete, dass das Kaffeewasser sieden würde, öffnete er die Zeitung und blätterte durch, bis er bei den Todesanzeigen angelangt war. Luzia hatte das nie verstanden. „Das ist doch nicht das Wichtigste und vor allem nicht das Erste, was man lesen muss“ hatte sie einmal gesagt.  Und er hatte geantwortet: „Aber das Unwiderruflichste“.

Die Menschen, die in diesen Wochen und Monaten starben, waren alt, aber jünger als er. Wir trauern um unseren Vater, Grossvater und Freund, Rudolf Matzinger. Er ist nach kurzer Krankheit friedlich entschlafen. Rudolf Matzinger? Er hatte einen Studienfreund, der Rudolf Matzinger hiess. Aber der hatte keine Kinder. Schwer zu sagen, wer um ihn trauern würde, wenn er starb. Das musste ein anderer Matzinger sein, der hier gestorben war. Mein Matzinger, dachte  Bertrand, lebt noch.

Zuletzt hatte ihm ein gemeinsamer Bekannter von Matzinger erzählt. „Hast Du das gehört, vom Matzinger?“, hatte er ihn gefragt, als sie im Goldenen Mond ein Bier tranken. „Was?“ hatte Bertrand gefragt. „Was soll ich gehört haben vom Matzinger?“

„Na von seinem letzten Wohnungswechsel.“

„Was war damit?“

„Er sei jetzt in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen.“

„Und…?“

„Ach, Du weisst gar nichts von seinem Projekt?“

„Welches Projekt?“

„Das Matzinger-Projekt“

„Und was wäre das?“

„Er hat dieses Projekt, der Matzinger, dass seine Wohnung bei jedem Umzug ein Zimmer kleiner wird und näher an den Zentralfriedhof rückt, bis er dann beim Letzten Umzug bequem und ohne Umzugsgut in eine Holzkiste umziehen kann.“

„Hat er das tatsächlich vor?“

„Wir haben alle gedacht, dass sei nur ein dummer Spruch, eine Bieridee, aber er hat es voll durchgezogen, der verrückte Hund, bis vor Kurzem jedenfalls. Vor etwa 8 oder 10 Jahren zog er aus seiner schönen 5-Zimmerwohung in Döbling in eine 4-Zimmer Wohnung nach Ottakring, von dort drei Jahre später in eine 3-Zimmerwohung in Margareten, und als er vor zwei Jahren in eine 1-Zimmerwohung in Simmering zog, haben wir alle gedacht, so kommt es nun also, wie er es geplant hatte: sein nächster Halt wird der Zentralfriedhof sein.

Und nun das! Er ist in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen und hat sich, so hat es mir Krupsky erzählt, wieder Möbel gekauft, nachdem er zuletzt in Simmering nur noch ein Bett und einen Stuhl hatte, nicht einmal einen Tisch. Auch keinen kleinen.“

„Verrückt…“

„Nichtwahr? Er hat den Tod sozusagen ausgelassen, übersprungen. In zehn Jahren wird er in einer 5 Zimmerwohnung leben in Sarasdorf oder Sommerein.

Es klingelte an der Türe. Bertrand hörte es nicht.

Er ging zurück and den Anfang der Zeitung und las die Überschrift des Leitartikels: Zuwanderungsbeschränkungen der Regierung wiedersprechen der Europäischen …

Es klingelte erneut.  

Das musste der Elektriker sein. Bertrand stand vom Küchentisch auf und ging zur Wohnungstüre. Obwohl er wusste, wer vor der Tür stand, öffnete er vorsichtig die Klappe des Spions und schaute ins Gesicht eines glattrasierten Mannes mit kurzen Haaren. Er schloss die Klappe, öffnete die Türsicherung, zog die Kette des Türstoppers aus ihrer Schiene, drehte den Schlüssel zweimal nach links und öffnete die Türe.

„Grüssgott Herr Mesmer“, sagte der Mann, „Ich bin der Elektriker.“

„Grüssgott…“ sagte Bertrand.

„Darf ich eintreten?“ fragte der Elektriker. Bertrand wollte eigentlich fragen, ob er kein Werkzeug dabei habe, aber er sagte nur „Ja, bitte..“ und trat beiseite.

Der Elektriker trat ein. Bertrand zog die Tür zu und ging voraus in die Wohnung. „Waren Sie schon einmal hier?“ fragte er über die Schulter.

„Ich komme nur einmal“, sagte der Elektriker, und schloss hinter sich die Wohnungstüre ab.

***   

Blick von Regensberg (Pastellkreide)

18. August 2024

Der Elektriker kommt (Teil 1)

22. Juli 2024

(aus dem Erzählband „Alte Männer ohne Meer“, erschienen 2025 bei Nagel und Feile)

Es war an einem Montag im Herbst, kurz vor Mittag. Bertrand Mesmer war gerade fertig geworden mit Staubsaugen. Er wusste, dass noch überall Staub in der Wohnung herumlag. Staub, den er nicht gesehen hatte. Aber deswegen waren seine Bemühungen nicht umsonst. Niemand konnte den Staub ganz beseitigen. Auch Leute mit besseren Augen und mehr Ausdauer als er nicht. Gegen den Staub liessen sich einzelne Schlachten gewinnen – der Krieg war von Anfang an verloren.

Er hatte den vollen Staubbeutel in den Müll geworfen, dabei (wie er das immer tat) „Fuck Dyson“ gesagt und sich gefragt, wie lange es wohl noch dauern würde, bis eine neue Tonne auf dem Gehsteig auftauchen würde, wo man die vollen Staubsaugersäcke entsorgen konnte. Mit Staub liesse sich ganz sicher mehr anfangen, als ihn in den Restmüll zu werfen. Alles wurde irgendwann zu Staub. So gesehen war Staub prozessierte Materie und es musste sich lohnen, ihn zu sammeln und wiederzuverwerten.   

Montag war Bertrands Haushaltstag, seit seine Frau Luzia gestorben war. Als Nächstes wollte er sein Bett frisch beziehen und die Bettbezüge waschen.  Als er ins Schlafzimmer kam, fiel ihm etwas Kleines, Schwarzes am Boden auf. Er bückte sich, wobei er darauf bedacht war, in die Knie zu gehen, um seinen Rücken zu schonen, und hob es auf. Der Rücken tat trotzdem weh, als er sich wieder aufrichtete. In seiner Hand lagen zwei kurze, schwarze Kunststoffröhrchen, offensichtlich von einem Elektrokabel, das jemand abisoliert hatte.

Seltsam, dachte er. Wie konnte es sein, dass er sie beim Staubsaugen übersehen hatte? Und wenn er sie übersehen hätte, was trotz seiner schlechten Augen unwahrscheinlich war auf dem hellen Parkettboden, hätte er sie wohl aufgesaugt. Oder hatte er im Schafzimmer noch gar nicht Staub gesaugt? Er ging auf die Knie und griff mit der Hand unter das Bett. Tatsächlich, Staub. Er hatte das Schlafzimmer vergessen. Trotzdem war es seltsam, dass ihm die beiden Kabelhülsen nicht schon vorher aufgefallen waren.

Hatte er neulich einen Stecker repariert? Luzia hatte wenig gehalten von seinen handwerklichen Fähigkeiten, und ihm insbesondere alles verboten, was mit Elektrizität zu tun hatte. „Dafür gibt es Elektriker. Ich will Dich nicht pflegen, wenn Dich ein Stromschlag gelähmt hat.“ Dabei konnte er einiges. Zum Beispiel Lampen verkabeln. Er konnte die dreifarbigen Kabel sehr wohl auseinanderhalten. Aber er stieg schon lange nicht mehr auf Leitern.  Sein Gleichgewicht war nicht mehr, was es einmal war.  War ein Elektriker da?  Er konnte sich nicht erinnern. Woher also kamen die beiden schwarzen Kabelhülsen?

Er versuchte sich daran zu erinnern, was er zuletzt repariert hatte. Es fiel ihm nichts ein. Ausser, dass er den Abfluss in der Dusche und den Siphon im Badezimmer gereinigt und dabei geweint hatte. Die langen weissen Haare, die den Abfluss und den Siphon verstopften, waren Luzias Haare. Zwei Jahre nach ihrem Tod hielt er ihre Haare in der Hand.

Sonst viel ihm nichts ein, und ob dem Versuch, sich zu erinnern, vergass er, dass er die Bettwäsche wechseln wollte, und beschloss stattdessen, einkaufen zu gehen, obwohl er sonst immer am Mittwoch einkaufen ging. Der Mittwoch schien ihm als Einkaufstag am besten geeignet. In der Mitte der Woche liess sich gut kaufen, was man über das Wochenende und Anfang Woche verbraucht hatte und was man für das nächste Wochenende brauchte. Verbrauchen und brauchen – der ewig gleiche Zyklus. Bis man eines Tages Pizzateig, Mozzarella, Tomaten und Oliven kaufte, um am Wochenende Pizza zu backen, und dann musste jemand anders den Kühlschrank räumen.   

Als er die Türe des Fahrstuhls öffnete, ärgerte er sich einmal mehr. Schon wieder lag eine klebrige Flüssigkeit in einer Ecke des Fahrstuhls. Er war sicher, dass jemand aus den oberen Stockwerken jeweils seinen tropfenden Müllsack in die Ecke stellte, wenn er oder sie ihn runterbrachte. Reichte es nicht, dass das Treppenhaus meist dreckig war, weil die Hausverwaltung eine Reinigungsfirma bezahlte, die billig war und dafür kaum je erschien? Musste auch der Fahrstuhl wie ein Pissoir riechen?  

Als er aus dem Fahrstuhl trat und in Richtung Haustüre schaute, sah er, dass ein Zettel an der Glasscheibe hing.  Er ging näher und las: „Der Elektriker war da. Wir konnten Sie leider nicht erreichen. Bitte melden Sie sich unter …“. Interessant, dachte Bertrand. Dann war vielleicht wirklich der Elektriker da und er hatte es einfach vergessen? Aber warum hinterliess er dann einen Zettel an der Türe, dass er ihn nicht erreichen konnte? Meinte er überhaupt ihn? Da stand kein Name. Wie sollte der, der gemeint war, es wissen? Weil er einen Elektriker bestellt hatte? Hatte er einen Elektriker bestellt? 

Bertrand sagte die Telefonnummer laut vor sich hin, womit er sie in seinem Kurzzeitgedächtnis ablegte, und ging wieder hoch in seine Wohnung, die seit Luzias Tod viel zu gross war. Er sagte die Nummer noch einmal laut und schrieb sie auf einen Zettel. Dann rief er an.  Aber noch bevor es klingelte, stoppte er den Anruf. Vielleicht rufe ich besser zuerst die Hausverwaltung an, dachte er. Vielleicht hatten die ja den Elektriker bestellt und ihn in die Wohnung gelassen.

„Wir bestellen keine Handwerker“, antwortete die Dame von der Verwaltung. Wir haben keine Schlüssel zu den Wohnungen. Alle Wohnungsschlüssel sind bei Ihnen.“

„Danke“, sagte Bertrand. „Das ist beruhigend“. Er wünschte der Dame einen schönen Tag, hängte auf und wählte noch einmal die Nummer des Elektrikers.

Eine junge Frauenstimme meldete sich. Jedenfalls klang sie jung.

„Elektro-Wagner, was können wir für Sie tun?“

„Hallo, hier ist Mesmer. Bertrand Mesmer, Neulinggasse 34, 3. Bezirk, Ich rufe an wegen dem verpassten Elektriker.“

„Wie lautet nochmal die Adresse?“

„Neulinggasse 34, 3. Bezirk. Bertrand Mesmer.“

„Kleinen Moment, bitte.“ Und nach einer Minute: „Keiner unserer Monteure war an der Neulinggasse.“

„Sind Sie sicher? Da ist dieser Zettel an der Haustüre…“

„Tut mir leid, aber ich bin ganz sicher, dass niemand von uns an der Neulinggasse war in letzter Zeit. Ich mache die Einsatzplanung. Ich würde das hier auf dem Einsatzplan sehen.“

„Und woher dann der Zettel an der Haustüre mit ihrer Telefonnummer?“

„Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“

„Ein seltsamer Scherz, finden Sie nicht auch? Wer sollte darüber lachen?“

„Brauchen Sie nun einen Elektriker oder brauchen Sie keinen?“

„Nein“, sagte Bertrand, und dann: „Doch, ja, Ich brauche einen. Ich brauche einen. Eine Steckdose hat sich aus der Wand gelöst. Meine Adresse haben Sie ja nun. Bertrand Mesmer, bei Top 2a klingeln, das ist die 3. Etage, weil es ein Zwischenstockwerk gibt, verstehen Sie? Die Türe links, wenn man aus dem Fahrstuhl kommt. Der Fahrstuhl funktioniert wieder.“

„Alles klar. Passt es morgen Vormittag, Herr Mesmer?“

Als er aufgehängt hatte, zog er seine Schuhe an, liess den Fahrstuhl kommen und ging noch einmal hinunter zur Haustüre. Der Fahrstuhl war ganze vier Wochen defekt gewesen. Jetzt funktionierte er wieder. Als er aus dem Fahrstuhl kam, vor sich die Milchglasscheibe der Haustüre, sah er schon von innen: der Zettel war verschwunden. Er trat aus dem Haus und betrachtete die Glasscheibe der Türe von aussen: kein Zettel. Auch keine Klebespuren, soweit er sehen konnte.  

Hatte er sich das alles nur eingebildet? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er sich etwas einbildete. In den letzten Jahren war es ab und zu vorgekommen, dass er etwas erlebte, was, wie sich später herausstellte, gar nicht stattgefunden hatte. Oder jedenfalls nicht so, wie er es erinnerte, und schon gar nicht so, wie er es erzählte. Du hast eine blühende Fantasie, sagte Luzia dann jeweils, und sein Hausarzt sprach von den Anfängen einer Demenz. Sollte er den Elektriker noch einmal anrufen und fragen, ob er gerade einen Termin vereinbart habe?

Als er wieder ins Haus treten wollte, hielt ihm eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand die Türe auf.

„Danke“, sagte Bertrand. „Sagen Sie, war da ein Zettel an der Haustüre, vom Elektriker?“

„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete die Frau, und hob den Schnuller auf, den ihr Kind gerade zu Boden geworfen hatte.  Ohne ihn abzuwischen, steckte sie ihn dem Kind wieder in den Mund. „Gut gemacht!“, sagte Bertrand, „Dreck ist gesund, so entwickelt der Kleine später weniger Allergien.“ „Der Kleine ist ein Mädchen“, antwortete die junge Mutter.

Bertrand stellte den Wecker für den nächsten Tag auf 7 Uhr. Wenn Handwerker für Ende Vormittag angekündigt waren, konnten sie ebenso gut gar nicht kommen oder schon um 8 Uhr vor der Türe stehen. Bevor er zu Bett ging, ging er zum Sicherungskasten und nahm vorsichtshalber sämtliche Sicherungen raus. Dann ging er mit der Taschenlampe und einem Schraubenzieher ins Schlafzimmer, löste eine Steckdose aus der Wand, nahm zwei der vier Schrauben, ging im Licht der Taschenlampe in die Küche und warf sie in den Müll.

Wenn Diebe gerade meine Wohnung beobachten, dachte er, als er zurück ins Schlafzimmer ging, meinen sie, es sei schon ein Dieb da, und sie streichen die Wohnung von ihrer Liste.  Er kicherte und ging zu Bett.  

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