
Archive for the ‘BLOG’ Category
Blick von Regensberg (Pastellkreide)
18. August 2024Der Elektriker kommt (Teil 1)
22. Juli 2024(aus dem Erzählband „Alte Männer ohne Meer“, erschienen 2025 bei Nagel und Feile)
Es war an einem Montag im Herbst, kurz vor Mittag. Bertrand Mesmer war gerade fertig geworden mit Staubsaugen. Er wusste, dass noch überall Staub in der Wohnung herumlag. Staub, den er nicht gesehen hatte. Aber deswegen waren seine Bemühungen nicht umsonst. Niemand konnte den Staub ganz beseitigen. Auch Leute mit besseren Augen und mehr Ausdauer als er nicht. Gegen den Staub liessen sich einzelne Schlachten gewinnen – der Krieg war von Anfang an verloren.
Er hatte den vollen Staubbeutel in den Müll geworfen, dabei (wie er das immer tat) „Fuck Dyson“ gesagt und sich gefragt, wie lange es wohl noch dauern würde, bis eine neue Tonne auf dem Gehsteig auftauchen würde, wo man die vollen Staubsaugersäcke entsorgen konnte. Mit Staub liesse sich ganz sicher mehr anfangen, als ihn in den Restmüll zu werfen. Alles wurde irgendwann zu Staub. So gesehen war Staub prozessierte Materie und es musste sich lohnen, ihn zu sammeln und wiederzuverwerten.
Montag war Bertrands Haushaltstag, seit seine Frau Luzia gestorben war. Als Nächstes wollte er sein Bett frisch beziehen und die Bettbezüge waschen. Als er ins Schlafzimmer kam, fiel ihm etwas Kleines, Schwarzes am Boden auf. Er bückte sich, wobei er darauf bedacht war, in die Knie zu gehen, um seinen Rücken zu schonen, und hob es auf. Der Rücken tat trotzdem weh, als er sich wieder aufrichtete. In seiner Hand lagen zwei kurze, schwarze Kunststoffröhrchen, offensichtlich von einem Elektrokabel, das jemand abisoliert hatte.
Seltsam, dachte er. Wie konnte es sein, dass er sie beim Staubsaugen übersehen hatte? Und wenn er sie übersehen hätte, was trotz seiner schlechten Augen unwahrscheinlich war auf dem hellen Parkettboden, hätte er sie wohl aufgesaugt. Oder hatte er im Schafzimmer noch gar nicht Staub gesaugt? Er ging auf die Knie und griff mit der Hand unter das Bett. Tatsächlich, Staub. Er hatte das Schlafzimmer vergessen. Trotzdem war es seltsam, dass ihm die beiden Kabelhülsen nicht schon vorher aufgefallen waren.
Hatte er neulich einen Stecker repariert? Luzia hatte wenig gehalten von seinen handwerklichen Fähigkeiten, und ihm insbesondere alles verboten, was mit Elektrizität zu tun hatte. „Dafür gibt es Elektriker. Ich will Dich nicht pflegen, wenn Dich ein Stromschlag gelähmt hat.“ Dabei konnte er einiges. Zum Beispiel Lampen verkabeln. Er konnte die dreifarbigen Kabel sehr wohl auseinanderhalten. Aber er stieg schon lange nicht mehr auf Leitern. Sein Gleichgewicht war nicht mehr, was es einmal war. War ein Elektriker da? Er konnte sich nicht erinnern. Woher also kamen die beiden schwarzen Kabelhülsen?
Er versuchte sich daran zu erinnern, was er zuletzt repariert hatte. Es fiel ihm nichts ein. Ausser, dass er den Abfluss in der Dusche und den Siphon im Badezimmer gereinigt und dabei geweint hatte. Die langen weissen Haare, die den Abfluss und den Siphon verstopften, waren Luzias Haare. Zwei Jahre nach ihrem Tod hielt er ihre Haare in der Hand.
Sonst viel ihm nichts ein, und ob dem Versuch, sich zu erinnern, vergass er, dass er die Bettwäsche wechseln wollte, und beschloss stattdessen, einkaufen zu gehen, obwohl er sonst immer am Mittwoch einkaufen ging. Der Mittwoch schien ihm als Einkaufstag am besten geeignet. In der Mitte der Woche liess sich gut kaufen, was man über das Wochenende und Anfang Woche verbraucht hatte und was man für das nächste Wochenende brauchte. Verbrauchen und brauchen – der ewig gleiche Zyklus. Bis man eines Tages Pizzateig, Mozzarella, Tomaten und Oliven kaufte, um am Wochenende Pizza zu backen, und dann musste jemand anders den Kühlschrank räumen.
Als er die Türe des Fahrstuhls öffnete, ärgerte er sich einmal mehr. Schon wieder lag eine klebrige Flüssigkeit in einer Ecke des Fahrstuhls. Er war sicher, dass jemand aus den oberen Stockwerken jeweils seinen tropfenden Müllsack in die Ecke stellte, wenn er oder sie ihn runterbrachte. Reichte es nicht, dass das Treppenhaus meist dreckig war, weil die Hausverwaltung eine Reinigungsfirma bezahlte, die billig war und dafür kaum je erschien? Musste auch der Fahrstuhl wie ein Pissoir riechen?
Als er aus dem Fahrstuhl trat und in Richtung Haustüre schaute, sah er, dass ein Zettel an der Glasscheibe hing. Er ging näher und las: „Der Elektriker war da. Wir konnten Sie leider nicht erreichen. Bitte melden Sie sich unter …“. Interessant, dachte Bertrand. Dann war vielleicht wirklich der Elektriker da und er hatte es einfach vergessen? Aber warum hinterliess er dann einen Zettel an der Türe, dass er ihn nicht erreichen konnte? Meinte er überhaupt ihn? Da stand kein Name. Wie sollte der, der gemeint war, es wissen? Weil er einen Elektriker bestellt hatte? Hatte er einen Elektriker bestellt?
Bertrand sagte die Telefonnummer laut vor sich hin, womit er sie in seinem Kurzzeitgedächtnis ablegte, und ging wieder hoch in seine Wohnung, die seit Luzias Tod viel zu gross war. Er sagte die Nummer noch einmal laut und schrieb sie auf einen Zettel. Dann rief er an. Aber noch bevor es klingelte, stoppte er den Anruf. Vielleicht rufe ich besser zuerst die Hausverwaltung an, dachte er. Vielleicht hatten die ja den Elektriker bestellt und ihn in die Wohnung gelassen.
„Wir bestellen keine Handwerker“, antwortete die Dame von der Verwaltung. Wir haben keine Schlüssel zu den Wohnungen. Alle Wohnungsschlüssel sind bei Ihnen.“
„Danke“, sagte Bertrand. „Das ist beruhigend“. Er wünschte der Dame einen schönen Tag, hängte auf und wählte noch einmal die Nummer des Elektrikers.
Eine junge Frauenstimme meldete sich. Jedenfalls klang sie jung.
„Elektro-Wagner, was können wir für Sie tun?“
„Hallo, hier ist Mesmer. Bertrand Mesmer, Neulinggasse 34, 3. Bezirk, Ich rufe an wegen dem verpassten Elektriker.“
„Wie lautet nochmal die Adresse?“
„Neulinggasse 34, 3. Bezirk. Bertrand Mesmer.“
„Kleinen Moment, bitte.“ Und nach einer Minute: „Keiner unserer Monteure war an der Neulinggasse.“
„Sind Sie sicher? Da ist dieser Zettel an der Haustüre…“
„Tut mir leid, aber ich bin ganz sicher, dass niemand von uns an der Neulinggasse war in letzter Zeit. Ich mache die Einsatzplanung. Ich würde das hier auf dem Einsatzplan sehen.“
„Und woher dann der Zettel an der Haustüre mit ihrer Telefonnummer?“
„Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“
„Ein seltsamer Scherz, finden Sie nicht auch? Wer sollte darüber lachen?“
„Brauchen Sie nun einen Elektriker oder brauchen Sie keinen?“
„Nein“, sagte Bertrand, und dann: „Doch, ja, Ich brauche einen. Ich brauche einen. Eine Steckdose hat sich aus der Wand gelöst. Meine Adresse haben Sie ja nun. Bertrand Mesmer, bei Top 2a klingeln, das ist die 3. Etage, weil es ein Zwischenstockwerk gibt, verstehen Sie? Die Türe links, wenn man aus dem Fahrstuhl kommt. Der Fahrstuhl funktioniert wieder.“
„Alles klar. Passt es morgen Vormittag, Herr Mesmer?“
Als er aufgehängt hatte, zog er seine Schuhe an, liess den Fahrstuhl kommen und ging noch einmal hinunter zur Haustüre. Der Fahrstuhl war ganze vier Wochen defekt gewesen. Jetzt funktionierte er wieder. Als er aus dem Fahrstuhl kam, vor sich die Milchglasscheibe der Haustüre, sah er schon von innen: der Zettel war verschwunden. Er trat aus dem Haus und betrachtete die Glasscheibe der Türe von aussen: kein Zettel. Auch keine Klebespuren, soweit er sehen konnte.
Hatte er sich das alles nur eingebildet? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er sich etwas einbildete. In den letzten Jahren war es ab und zu vorgekommen, dass er etwas erlebte, was, wie sich später herausstellte, gar nicht stattgefunden hatte. Oder jedenfalls nicht so, wie er es erinnerte, und schon gar nicht so, wie er es erzählte. Du hast eine blühende Fantasie, sagte Luzia dann jeweils, und sein Hausarzt sprach von den Anfängen einer Demenz. Sollte er den Elektriker noch einmal anrufen und fragen, ob er gerade einen Termin vereinbart habe?
Als er wieder ins Haus treten wollte, hielt ihm eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand die Türe auf.
„Danke“, sagte Bertrand. „Sagen Sie, war da ein Zettel an der Haustüre, vom Elektriker?“
„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete die Frau, und hob den Schnuller auf, den ihr Kind gerade zu Boden geworfen hatte. Ohne ihn abzuwischen, steckte sie ihn dem Kind wieder in den Mund. „Gut gemacht!“, sagte Bertrand, „Dreck ist gesund, so entwickelt der Kleine später weniger Allergien.“ „Der Kleine ist ein Mädchen“, antwortete die junge Mutter.
Bertrand stellte den Wecker für den nächsten Tag auf 7 Uhr. Wenn Handwerker für Ende Vormittag angekündigt waren, konnten sie ebenso gut gar nicht kommen oder schon um 8 Uhr vor der Türe stehen. Bevor er zu Bett ging, ging er zum Sicherungskasten und nahm vorsichtshalber sämtliche Sicherungen raus. Dann ging er mit der Taschenlampe und einem Schraubenzieher ins Schlafzimmer, löste eine Steckdose aus der Wand, nahm zwei der vier Schrauben, ging im Licht der Taschenlampe in die Küche und warf sie in den Müll.
Wenn Diebe gerade meine Wohnung beobachten, dachte er, als er zurück ins Schlafzimmer ging, meinen sie, es sei schon ein Dieb da, und sie streichen die Wohnung von ihrer Liste. Er kicherte und ging zu Bett.
***
Wilde Pferde (Pastellkreide, Skizze)
22. Juli 2024Das Ende des Satzes
14. Juli 2024(eine Erzählung von zwei Maurern)
Ich habe immer behauptet, dass ich mir die Menschen, denen ich zufällig begegne, sorgfältig aussuche, und wenn der Satz auch nicht völlig ernst gemeint war, haben ihn viele vorschnell als Wortspielerei abgetan oder ihn für einen billigen Scherz gehalten. Hinter manch einem meiner Zufälle steckt tatsächlich, wenn man sich Zeit nimmt und etwas genauer hinschaut, eine Verkettung von Entwicklungen, die an ihrem oft weit zurückliegenden Anfang mit mir zu tun hatte, dann aber wie eine gemächliche Wasserschlange in die Zeit abgetaucht ist, um erst viele Jahre später wieder aufzutauchen und den Lauf meines Lebens zu kreuzen, bevor sie erneut ins Nicht-Bewusste verschwunden ist, um dann – wie heute – unvermittelt wieder aufzutauchen.
Als im November 2018 der „Leitfaden für den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP): Praxiserprobte Anleitungen für die Vorbereitung und erfolgreiche Einführung eines Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP)“ von Manfred Maurer erschien, war der richtige Manfred Maurer, der Schriftsteller nämlich, den ich hier meine, schon 20 Jahre tot. Er starb am 11. November 1998 in Wien an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.
Eine Verwechslung wäre auch sonst völlig ausgeschlossen gewesen. Obwohl ich ihn nicht persönlich gekannt habe, was ich seit heute bedaure, und auch sein Werk mit Ausnahme von ein paar kurzen Ausschnitten, die man im Internet findet, noch nicht kenne, wage ich zu behaupten, dass der richtige Manfred Maurer wenig mit kontinuierlichen Verbesserungsprozessen am Hut hatte, nur schon wegen der Abkürzung KVP, die wie das Kürzel einer Partei daherkommt, an deren Gründungsversammlung, hätte sie stattgefunden, weder er noch ich dabei gewesen wären.
Der Kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP) basiert offenbar auf der aus Japan stammenden Kaizen-Philosophie, die ihrerseits auf der Annahme aufbaut, dass alles verbessert werden kann und dass dafür die Mitwirkung aller Beschäftigten der wichtigste Erfolgsfaktor sei. Schon diese Annahme scheint mir zweifelhaft, lässt sie doch die Unbeschäftigten und Entlassenen ausser Acht, deren Beitrag mindestens so wichtig wäre. Es mag sein, dass Leute, die am Meer wohnen, am besten wissen, wie hoch der Deich sein muss, aber auch solche, die das Meer vertrieben hat, können etwas über Flutwellen und Salzgehalt erzählen.
Der richtige Manfred Maurer, auf dessen Spuren ich heute „zufällig“ gestossen bin, wurde am 8. November 1958, genau zehn Monate nach mir, im oberösterreichischen Steyr geboren. Er zog 1979, während ich in Zürich 21 war und gerade mein Studium begonnen hatte, nach Wien und schrieb neben Romanen, Krimis, Hörspielen, Drehbüchern, Erzählungen und Kurzprosa auch Rezensionen, Reiseberichte und Artikel für Presse und Rundfunk. Zu den Schwerpunkten seiner Themen gehörten, so lese ich, neben der internationalen Unterhaltungsindustrie und der anglo-amerikanischen Literatur das Leben der ArbeiterInnen und der Arbeitslosen (der Deich lässt grüssen).
Wie aber bin ich nun auf Manfred Maurer gestossen? Nicht zufällig. Ich habe ihn mir vor vielen Jahren ausgesucht, um ihm zu begegnen, nur hat es dann sehr lange gedauert, bis es zur Begegnung kam, so lange, dass er nicht mehr persönlich dabei sein konnte, und das kam so:
Seit einigen Jahren versuche ich erfolglos, einen Roman zu schreiben. Ich habe vielleicht ein Dutzend passabler Anfänge geschrieben, aber sie sind allesamt ins Stocken und Stottern geraten und bald einmal stillgestanden. An etwa der Hälfte von ihnen habe ich über die Jahre Reanimationsversuche appliziert, aber es war so, wie bei diesen Spielzeugen mit einer Schwungfeder, die man mit einem kleinen Schlüssel aufziehen konnte: Hatte man die Feder einmal überspannt, ging nichts mehr.
Für mein jüngstes Projekt, das sich, ich muss es mir wohl eingestehen, bereits nach acht Seiten im Sinkflug befindet, kam mir beim Versuch, die trudelnde Maschine abzufangen, die Idee, die eigentliche Geschichte, in der ein Rentner einer türkischen Gangsterbande hilft, eines ihrer Mitglieder aus dem Gefängnis zu befreien, an dem er jeden Tag mit seinen Hunden vorbeispaziert, mit einer zweiten Geschichte zu verflechten, in der ein von seiner Schwester um sein Erbe betrogener Waldarbeiter in den 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Irrenanstalt Burghölzli Fenster reinigt und Obst von den Bäumen strahlt.
Der zweite Erzählstrang würde auf einer Traumebene stattfinden, und da kam mir natürlich gleich „Dreaming of Babylon“ von Richard Brautigan in den Sinn, und weil man nur lesend schreiben lernt, wollte ich nachschauen, wie Brautigan die Übergänge zwischen dem realen Leben seines scheiternden Detektivs und dessen Träumen von Babylon bewerkstelligt.
Als ich das Buch öffnete, fand ich auf zwei leicht gelblichen Zeitungsauschnitten, die ich im September 1986 aus der NZZ ausgeschnitten und von Hand mit dem Datum versehen hatte, einen Artikel mit dem Titel „Das Archiv für ungedruckte Manuskripte“. Der Verfasser erzählt darin von seinem enttäuschend verlaufenen Besuch in eben diesem Archiv in der Wiener Vorstadt. Der Kustodin des Archivs sagt er vor dem Besuch bei einem Glas Sodawasser, er fände die Idee des Archivs originell.
Das Wort originell hatte ich mit einem Sternchen versehen und am Fusse des Artikels notiert: siehe Brautigan, The Abortion (1966), weil die Idee eines solchen Archivs 1986 schon mindestens 20 Jahre nicht mehr originell war. Auf der Rückseite des grösseren der beiden Zeitungsausschnitte kann man (ohne Anfang und Ende) einen anderen Text lesen: „Das ganze Haus ist voller Fliegen. Mit dem Besenstiel gehe ich auf Spinnenjagd. Um unsere nackten Beine streicht die Katze, die du Miranda taufst und mit Schinken fütterst. Der scheckige Hund träumt unter einem Olivenbaum, und die weissen Hühner wetzen ihre Hinterteile auf den heissen Grasbüscheln.“
Wegen der Katzentaufe kommt mir ein alter Mann in den Sinn, dem ich beim letzten Besuch bei meiner Tante im Pflegeheim im Fahrstuhl begegnet bin. Er hielt sich an seinem Rollator fest, schaute hinunter zu meinen beiden Hunden und sagte „Hallo Nero!“. Er muss meinen etwas perplexen Gesichtsausdruck bemerkt haben (wie kann man angesichts eines blonden und eines aprikosenfarbenen Pudels auf Nero kommen?), denn er sagte lächelnd zu mir: „Ich nenne alle Hunde Nero.“
Der Textausschnitt endete mit den Worten: „Ich aber habe nur Augen für…“, und weil ich wissen wollte, wofür, habe ich die ersten beiden Sätze in die Google-Suchmaschine getippt und tatsächlich das Ende des Satzes gefunden: „…deinen weichen Körper, der sich im Zwielicht spannt.“ Der Satz stammt aus dem Text „Reiseminiaturen“ des Autors Manfred Maurer, der sich mit seiner Literatur gemäss Eintrag im Austria-Forum „zwischen Realismus und Fantasy, zwischen dem Trivialen und seiner Parodie“ bewegt haben soll, was immer das heissen mag.
Ich schaute bei Amazon nach, ob ich etwas von Manfred Maurer bestellen könnte, und traf zuerst auf den anderen Manfred Maurer, den von der KVP, der sich mit seinen Genossen dem festen Glauben verschrieben hat (und fleissig Anleitungen dazu verfasst) es liesse sich alles kontinuierlich verbessern, wenn nur alle Beschäftigten mitmachen.
Ich weiss nicht, wie viele Manager sich die Anleitungen zur kontinuierlichen Verbesserung noch in betriebsinternen Kursen anhören müssen. Ebenso wenig weiss ich, wie oft der alte Mann im Heim meiner Tante noch den Fahrstuhl benutzen wird. Irgendwann, hat meine Tante einmal gesagt, kommen sie nicht mehr runter. Vielleicht erinnert ihn jeder Hund, dem er begegnet, an seinen Nero, und er glaubt, wenn er ihn Nero nennt, ist Nero für einen Augenblick wieder bei ihm.
Jeder glaubt, was er will. Viele auch an Zufälle. Für mich ist der Bogen vom September 1986 bis in den Juli 2024 jedenfalls gespannt, mit einem Zwischenhalt im Jahr 2018, als wir in einer kleinen Ortschaft nahe bei Steyr unsere Zwergpudel abholten. Ich lege die Zeitungsauschnitte zurück ins Buch und stelle es zurück ins Regal, zwischen Sombrero Fallout und So the Wind Won’t Blow It All Away. Da die meisten Bücher des Steyrers Manfred Maurer nur gebunden erhältlich und mir damit zu schwer sind, verzichte ich für den Moment auf eine Bestellung, und weil ich spüre, wie die Spannung nachzulassen beginnt, mache ich hier Schluss und gehe mit unseren Hunden spazieren.
Unverrichtete Dinge
30. Mai 2024(Tom Waits on my shoulders)
Wenn man gedanklich nach Österreich fliegt und noch nicht über Wien hinweg ist (man wird es nie ganz sein), ist der Anflug zum 3. Bezirk aus geringer zeitlicher Höhe problemlos zu bewerkstelligen. Aus der Schweiz kommend gleitet man zunächst dem Voralpenrand entlang bis nach Salzburg, wo man wegen der allgegenwärtigen Mozartkugeln höchstens notlanden sollte, und überfliegt dann nacheinander den Mondsee, den Attersee und den Traunsee, bis man ostwärts weiterfliegend das Almtal überquert hat und kurz nach Kienberg auf den Fluss Steyr trifft, dessen Verlauf man jetzt nur noch nordwärts folgen muss, um nach einer schönen Weile nach Waldneukirchen zu gelangen.
Nun werden die mit einem Zwillingsbabysack vorgeschnallten Zwergpudel, die kurz nach dem Arlberg eingeschlafen sind und meinen Bauch schön warmhalten, unruhig und wollen runter zu Monika und Manfred, bei denen sie vor bald sechs Jahren die ersten 9 Wochen ihres Lebens verbracht haben. Das geht leider nicht, weil mir die Zeit fehlt, aber erklären kann ich ihnen das nicht, denn für sie gibt es keine Zeit, es gibt nur das jetzt von gerade erst, das jetzt von jetzt und das jetzt von jetzt gleich. Kein jetzt gibt es nicht.
Wir fliegen also weiter der Steyr entlang Richtung Norden, bis sie in die Enns fliesst, dann der Enns entlang, bis sie in die Donau mündet, und schliesslich der Donau entlang bis nach Wien, wo wir mit dem Donaukanal gegen rechts abzweigen, und ihm folgen, bis man etwa auf der Höhe der Schwedenbrücke rechterhand den Stadtpark erkennen kann. Von dort geht es – mit einem kurzen Schwenker gegen Süden über dem Westflügel des Palais Schwarzenberg – via Rennweg und Ungargasse zum Arenbergpark, wo die monströsen Flaktürme noch immer darauf warten, dem Erdboden gleichgemacht zu werden.
Solange sie noch stehen, lässt es sich auf der Wiese zwischen ihnen trefflich landen, direkt neben einem Yoga-Grüppchen, das gerade in der stehenden Vorbeuge verharrt und deshalb nicht sehen kann, was von oben kommt (alles Gute). Schnell die Flügel abgenommen, die Hunde losgeschnallt und angeleint und ab durch die Büsche vor zwei kleinen Gören flüchten, die sich sicher sind, und dies auch lautstark ihren den Kopf schüttelnden und weitertratschenden Müttern mitteilen, einen Mann mit Flügeln und zwei kleinen Hunden vorgehängt landen gesehen zu haben. «RIESIGE Flügel mit Federn, Mutti! Ein Engel! Mit zwei kleinen Hunden auf dem Bauch, in einem Babysack!»
Nachdem die Flügel sorgfältig gefaltet unter dem untersten Regal in der Telefonzelle mit den Leihbüchern deponiert sind, geht es, die vom langen Flug steif gewordenen Beine lockernd, was einen schlenkernden Gang ergibt, bei dessen Anblick sich die Passanten das Ihre denken, die Neulinggasse entlang, vorbei am Antiquariat des leider erst sehr spät kennengelernten Alexander Franz, der für mich nachgeschaut hat, ob das Kinderbuch «Tupfi» von Margret Rey vielleicht wieder irgendwo erhältlich ist, was es nicht war, aber man muss es hin und wieder versuchen. Dinge verschwinden, aber manche tauchen auch wieder auf.
In drei Minuten ist die Engelsberggasse erreicht und wenn man dann im Haus Nummer 4, wo die Haustüre – es ist ärgerlich, kommt aber diesmal gelegen – einmal mehr weit offensteht, nach sechzig Treppenstufen im zweiten Stockwerk vor der Wohnungstüre angelangt ist und einem klar wird, dass man keinen Schlüssel mehr hat, weil man vor gut einem Monat ausgezogen ist und alle abgegeben hat, ist man angekommen, ohne sein Ziel erreichen zu können. Klingeln macht keinen Sinn. Was sollte man sagen? Was fällt Ihnen eigentlich ein, neuerdings hier zu wohnen? Sind Sie überhaupt ein Engel?
Man fährt also mit dem Fahrstuhl, weil Treppen hinuntersteigen kleinen Hunden nicht bekommt, unverrichteter Dinge wieder zurück ins Erdgeschoss, tritt aus der Haustüre und biegt unverzüglich (man darf der Nostalgie jetzt keinen Raum geben) nach links ab. Auf der Neulinggasse geht man dann schnellen Schrittes, soweit es die schnüffelnden Hunde erlauben, nach links, und dann wieder links um die Ecke zur Ungargasse, vorbei am Eingang zur Neuling Apotheke mit ihren stets freundlichen Damen, die wissen, wo man Augentropfen für Hunde bestellen kann.
Die Strassenbahn 0 (oder O? – ich weiss es bis heute nicht) kommt gemäss Anzeige in zwei Minuten. Rasch den Hunden die Maulkörbe übergestreift, damit sie sie wieder abstreifen können, und schon öffnen sich die Türen der Strassenbahn. Sie fährt zunächst vorbei an der Rochusgasse, die nicht, wie man gemeinhin erwarten würde, in den Rochusplatz mit seinem kleinen Markt mündet, sondern in die Landstrasser Hauptstrasse, aber auch das nur, um diese in der nächsten Grünphase zu überqueren und auf der anderen Strassenseite als Kundmanngasse zu verlassen. Aus Trotz vermute ich, weil eine andere Strasse zum Rochusplatz führt.
Das einzig Interessante an der für ihren schönen Namen viel zu kurzen Rochusgasse liegt ohnehin an ihrem numerischen Ende, das der Anfang ist, wenn man, wie ich üblicherweise, von der Ungargasse herkommt. Es ist das Büromaschinengeschäft Schilhan an der Rochusgasse 23. Nachdem ich einige Male mit den Hunden vor dem Schaufenster stand und die alten, restaurierten Schreibmaschinen bewundert habe, die Hermes, die Remington, trat ich eines Tages ein.
Bevor ich nach einem Aktenvernichter fragen konnte, denn das war es, was ich suchte, seit mir der Zugang zum Schredder in der Botschaft verwehrt war, entwickelte sich ein gutes Gespräch mit Michael Schilhan, der das Geschäft in der dritten Generation führt. Er habe eine Zeit lang, erzählte er, einen Kabarettisten als Kunden gehabt, der sehr gross gewesen sei und als Hobby boxte. Seine Hände seien riesig gewesen. Bratpfannen würden nicht ausreichen, sie zu beschreiben. Es seien Landschaften gewesen.
Sie seien ins Gespräch gekommen und hätten sich schliesslich geduzt, von Michael zu Michael. Er habe ihn jedes Mal, wenn er später in sein Geschäft trat, gefragt, ob er etwas kaufen oder sich prügeln wolle. Von diesem Kabarettisten stamme auch der schöne Witz, bei dem ein Autofahrer, der zuvorderst an der Ampel steht, eine Grünphase vorbeigehen lässt. Als das Licht der Ampel gelb und wieder rot wird, steigt der Fahrer aus dem Auto hinter ihm aus, tritt ans Fenster des vorderen Wagens und sagt zu ihm: «War wohl keine passende Farbe dabei für Sie, was?»
Einen Schredder hat mir der Herr Schilhan dann nicht verkauft. Ich wollte einen kleinen, aus Platzgründen, und er erklärte mir: kleine Schredder taugen nichts. Ich kann nicht mehr genau sagen, warum nicht (hatte es etwas mit einer überforderten Kurbel oder Walze zu tun?), aber damals, vor ein paar Monaten, hat es mir eingeleuchtet, und ich fühlte mich, obwohl ich nicht erhielt, was ich wollte, gut bedient. Herr Schilhan hatte durchaus kleine Schredder im Sortiment, aber die verkaufte er nur Menschen, die er nicht mochte.
Danach fährt die Strassenbahn zur Sechskrügelgasse, wo sie nach der Neulinggasse ein erstes Mal hält. Die Sechskrügelgasse führt, falls man aus der Strassenbahn aussteigt, vorbei an unserem Zahnarzt direkt zum Rochusplatz, was wahrscheinlich der Grund ist, dass die Rochusgasse da nicht hinführt, weil die Sechskrügelgasse sich vorgedrängelt hat, die dumme Kuh. Wir steigen zur Strafe nicht aus. Wir fahren weiter nach Landstrasse, wo die Hunde unruhig werden und aussteigen wollen, weil meine Frau oft im Starbucks an der Ecke sass und mit Johanna Deutsch gebüffelt hat, obwohl das gar nichts mit Büffeln zu tun hat.
Zwei Stopps weiter, gleich bei der Haltestellte Hintere Zollamtstrasse, gibt es an der Radetzkystrasse 3 ein Pub mit dem Namen The Church. Im Fenster des Pubs kann man, wenn man auf die Strassenbahn wartet, eine Zeichnung sehen, auf der eine Frau einem Mann gegenübersteht, der einen anderen Mann auf der Schulter trägt, der aussieht wie Tom Waits, und zur Frau sagt: I think there’s Tom Waits on my shoulders.
Nun könnte man, wenn man wollte, ohne Weiteres weiterfahren bis zum Praterstern, dort aussteigen und den Alleen entlang in Richtung Wald spazieren, der nach der Jesuitenwiese beginnt, wo sich die grösste und schönste Hundefreilaufzone befindet, die ich kenne und mir vorstellen kann. Vielleicht werde ich das auch tun, denn die Hunde verdienen Auslauf, bevor wir zurückfliegen. Ja, der Moment ist gekommen, umzukehren.
Ich mag die Musik von Tom Waits nicht mehr. Ich muss sie einmal gemocht haben, denn als ich meine CD-Sammlung beim Umzug auf diejenigen CDs reduzierte, die ich vielleicht irgendwann einmal doch noch aus dem CD-Rack nehmen und abspielen werde, auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist, gehörten meine 5 oder 6 Tom Waits CDs zu denen, die ich aussortierte. Seine Musik ist mir zu schwer. Er ist mir zu schwer. Mit ihm auf der Schulter käme ich, falls der Start überhaupt gelingen würde, was ich bezweifle, allerhöchstens bis Powang am Spranzelbach.
Irland, Pastellkreide auf Papier
1. Februar 2024Island, Pastellkreide auf Papier
27. Januar 2024Ob es sich lohnt
27. Januar 2024Neige ich dazu, Dinge zu übertreiben? Man sagt das, aber was heisst schon «zu etwas neigen»? In romantischen Gemälden neigen sich am Flussufer stehende Bäume meistens zum Fluss hin, nicht nur die Weiden. Manchmal so stark, dass ihre Äste das fliessende Wasser berühren, ohne dass sie je in den Fluss fallen würden. Sie sind dem Wasser zugeneigt, ins Wasser wollen sie nicht. Und ich bin jedes Mal beeindruckt, wie die Maler der Romantik fliessendes Wasser hingekriegt haben.
Als ich heute früh mit den Hunden den Aufzug betrat, stand der alte Mann vom vierten Stockwerk mit dem Rücken zu mir und schnitt sich vor dem Spiegel mit einem surrenden Stift die Nasenhaare. «Verzeihen Sie,» sagte er, und schaute mich im Spiegel an, «aber hier ist der einzige Ort, wo ich genug sehe. In meinem Badezimmer ist das Licht unmöglich.»
Ich wusste genau, wovon er sprach, denn ich hatte dasselbe Problem, und ich war bereit, ein gewisses Mass an Verständnis für ihn aufzubringen, aber es gibt Grenzen. Hemingways Kurzgeschichte über die Schlaflosen heisst «A Clean, Well-Lighted Place», und sauber war der Aufzug nun nicht mehr. Ich fasste die Leine meiner Hunde kürzer, damit sie nichts vom Boden aufnehmen konnten. Sie nehmen alles vom Boden auf, was ein bisschen nach einem Bisschen riecht.
Kurz vor dem Erdgeschoss entglitt dem alten Mann der Stift und beim Aufprall fiel eine kleine Abdeckung weg und die Batterie raus. Ich widerstand dem meiner Höflichkeit geschuldeten Reflex, mich zu bücken und ihm den Nasenhaarschneider und die Batterie samt Abdeckung aufzuheben. Wir waren jetzt ganz unten. Die äussere Tür des Fahrstuhls öffnete sich, ich drückte die innere auf und trat aus dem Lift, während der alte Mann sich hinter mir bückte.
Ich drehte mich zum Aufzug um. Was, wenn er nicht mehr hochkommen würde? Aber er kam wieder hoch und kurz darauf schloss sich die äussere Türe des Fahrstuhls. Er musste den Knopf gedrückt haben oder jemand hatte den Fahrstuhl gerufen. Wie oft fuhr er rauf und runter, bis er fertig war? Ein oder zwei Mal pro Nasenloch? Und was kam danach? Die Ohren? Stellte er sich, wenn wir in den Ferien waren, einen Stuhl in den Fahrstuhl und schnitt sich die Zehennägel?
Als wir auf der Strasse standen, schüttelten sich die Hunde, und ich hätte mir gewünscht, ich könnte das auch so gut. Wir spazierten wie jeden Morgen zum wenige Gehminuten entfernten Arenbergpark.
Weil ich unsicher war, ob man Arenbergpark schreibt oder Aarenbergpark, habe ich es gerade kurz gegoogelt und bin auf einen Tripadvisor-Eintrag mit dem Titel: «Arenbergpark (Wien) – lohnt es sich?» gestossen.
Jemand aus Frankfurt am Main, ich vermute ein Mann, der Name lässt keine Rückschlüsse zu, schreibt: «Das Auffälligste am Arenbergpark – und auch schwer zu übersehen – sind die beiden Flaktürme. Der Park selbst ist nicht wahnsinnig gross, aber eine nette Grünfläche, auch mit Kinderspielplätzen. Öffentliche Toiletten gibt es auch hier – in einem sehr robusten Design, aber praktisch. »
Die Flaktürme aus dem 2. Weltkrieg sind tatsächlich nicht zu übersehen. Sie stehen wie Zwillingsmonster im Park und dominieren das ganze Quartier. Weil die massiven Stahlbetontürme aber die sechsstöckigen Wiener Wohnbauten wie eine Unverschämtheit überragen, tauchen die Morgen- und Abendsonne ihre Plattformen in warmes Licht, während alles darunter im Schatten liegt, was ihnen zweimal am Tag den Anschein gibt, das Werk eines romantischen Malers zu sein, der es nicht bis zum Fluss geschafft hat.
Meine Hunde erledigten wie jeden Morgen ihr Geschäft auf der netten Grünfläche, die dafür ausreichend gross ist, und da ich selbst kein Bedürfnis hatte, kann ich bis heute nicht sagen, was am Design der öffentlichen Toiletten robust ist, ihr Äusseres oder die Kloschüssel, und auch nicht bestätigen, dass sie wirklich praktisch sind.
Dass der Mann eigens aus Frankfurt am Main angereist ist, um den Arenbergpark zu beschreiben, damit in Wien lebende und nach Wien reisende Personen endlich beurteilen können, ob es sich lohnt, ist natürlich verdankenswert. Andererseits hatte es vielleicht schlicht mit seiner Abneigung gegen Hamburg zu tun. Von den 16 Flaktürmen, welche die Nazis in Berlin, Hamburg und Wien gegen Ende des Krieges gebaut haben, stehen heute nur noch zwei in Hamburg, wo er nicht hinwollte (weil ihm dort das Design der öffentlichen Toiletten missfällt?) und alle sechs in Wien.
Die Berliner Flaktürme wurden nach dem Krieg von den Alliierten gesprengt. In Wien hatte man es offenbar nicht eilig damit (dafür hat die Technische Hochschule Wien dem deutschen Architekten 1972 einen Ehrendoktor verliehen). Fahrstühle hatte es in den Flaktürmen, soviel ich in Erfahrung bringen konnte, offenbar nur, um die Munition für die Fliegerabwehrkanonen ins oberste Geschoss zu bringen. Wo sich die Wehrmachtsoldaten damals ihre Nasenhaare geschnitten haben, entzieht sich meiner Kenntnis.




