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Jedes Mal, wenn meine Mutter starb

14. Januar 2024

Obwohl es dem ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter entsprochen hatte, in ihrer kleinen, regelmässigen Schrift auf die Innenseite einer Papiereinkaufstüte gekritzelt, hatte keiner von uns ernsthaft erwartet, mit Ausnahme vielleicht von Onkel Ernst, der alles so nahm, wie er hiess, dass tatsächlich die meisten der wenigen Verwandten, die sich zur Beerdigung eingefunden hatten, mit rosafarbenen Papierhüten erscheinen würden, einige originell, gar kunstvoll gefaltet, andere in der schlichten Art, wie wir sie uns als Kinder beim Soldatenspiel jeweils aus alten Zeitungen gefaltet und übergestülpt hatten.

Da standen wir also vor dem offenen Grab: Unser Vater hutlos und mit beträchtlichem Alkoholpegel, der ihn in diesen Tagen und Wochen aufrecht hielt, leicht schwankend wie ein Krahn im Wind, meine Schwester mit Admiralshut in Altrosa, sonst  ganz in Schwarz, was mich an früher erinnerte, als der Club der Schwarzen Masken diesen Berg beherrschte, mein Bruder für einmal glattrasiert, mit pinkem Flieger und Zylinder, meine hochschwangere Frau, die an diesem Datum eigentlich im Gebärsaal hätte liegen sollen, und ich. Alle blinzelten wir in die tiefstehende Sonne, vor der sich die beiden Hochhäuser, von denen eines die Mordwaffe war, unübersehbar pervers in den Abendhimmel reckten.

Es wurde mir klar, dass ich nicht einmal wusste, es auch nie wissen wollte, von welchem der beiden sie gesprungen war.

Zwei Dinge gingen mir durch den Kopf, während die Frau Pfarrer Worte sprach, die von einer beruhigenden Irrelevanz waren: Das eine war der Witz von dem, der von einem Hochhaus springt, und jemand, aus einem Fenster im siebten Stock gelehnt, fragt ihn beim Vorbeifliegen:

“Wie geht’s?“ und der Stürzende antwortet: “Bis jetzt gut…“

Das andere war die Idee zu einer Geschichte, als Beschäftigung, als Therapie. Zu schreiben, wenn sich die Trauergemeinde verzogen hätte, der Regen gestoppt, frisches Gemüse in den Gestellen (ein Montagmorgen).

Im obersten Stockwerk des Hochhauses beginnend erzählen, was die Leute (x-beliebige Leute, herrgottnochmal, eine Alltagsbesetzung) gerade tun, während jemand, eine Frau, meine Mutter, die zum Schluss gekommen ist, und diesen Entschluss mit einem letzen Schritt in die Tat umgesetzt hat, nichts mehr machen zu wollen, an ihren blinden Fenstern vorbeistürzt wie in einem Stummfilm.

Im zwölften Stock wäscht eine Frau gerade das Geschirr vom Vortag ab. Es wird später (anderes Essen, andere Gäste) wieder schmutzig werden. Die vollen Aschenbecher stehen noch im Wohnzimmer. Ein Beweis für Gäste?

Im siebten Stock ist keiner zuhause, die Läden geschlossen, ein Hahn tropft. Das muss man nicht dichten.

Mit etwas Glück für den Erzähler ist in einem der Hinterzimmer sogar eine Vierzehnjährige unter der Bettdecke am Onanieren. Sie wird es bis ins hohe Alter tun, hin und wieder unterbrochen von einem Mann, der ihr zwischen Hand und Scheide gerät. Irgendwo wird sie lesen, Onanieren sei Ausdruck eines kreativen Geistes. Daran wird sie sich halten.

Im selben Moment, als mir diese unmögliche Geschichte durch den Kopf ging (alle Geschichten sind unmöglich an einem offenen Grab), hörte ich Mutter rufen, sie möchte jetzt endlich schlafen, wie sie jeweils aus dem Schlafzimmer gerufen hatte, wenn Vater und ich bis tief in die Nacht hinein unsere Geschichten erfanden, allenthalben laut lachend, die Balkontüre geöffnet, kalter Tee auf dem Beistelltisch.

Sie warf uns jeweils vor, wir schwebten wieder auf den Wolken unserer Phantasie, wogegen sie mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität stehen müsse, und diese Realität fange morgen wieder um 6.30 Uhr an. Unsere philosophischen Gespräche ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Der Tag für sie eine freudlose Abfolge von stumpfen Arbeiten, danach die Flucht in ein Buch, einschlafen, vergessen, aufwachen, aufstehen, arbeiten.

Ich habe den Witz damals keinem erzählt, obwohl ich wusste, dass ich alle Witze sofort wieder vergesse, wenn ich sie nicht unverzüglich weitergebe (kennst du den?) und die Geschichte habe ich nie geschrieben.

Seltsam berührt haben mich hingegen die Teppichhändler, die während der Bestattung versuchten, uns ihre Teppiche anzudrehen, allerdings schöne Stücke. Zuerst nur am oberen Eingang des Friedhofs in Umrissen zu erkennen, bei der kleinen Kapelle, eine lose Gruppe, unauffällig, aus dem Augenwinkel als andere Trauergruppe abgehakt, die sich nach der Andacht langsam auflöst.

Dann trotzdem näherkommend, mit ihren Teppichen über dem Arm, unpassend leicht gekleidet, andere ganze Ballen hinter sich durch den Schnee schleifend, der sich dunkel verfärbt vom Staub des Bazaars. Mischen sich unter uns. Spricht mich tatsächlich einer an.

Dieser hier, zum Beispiel, sagt er ganz ohne weiteres, als sprächen wir schon stundenlang, ein erstklassiger Täbriz, garantiert pflänzengefärbt (ein Aussprachefehler?), keine Chemie, schnippt mit den Fingern, zwei Helfer falten ihn auf die Seite. Oder dieser hier: Kelardasht. Ein ganz besonders feines Stück. Weich wie ein Tier, fühl doch mal…

Und immer wieder die Versicherung, wenn der Teppich nicht gefällt, nehmen wir ihn zurück. Kein Problem. Nimm ihn nachhause, zur Ansicht, gehe darauf, sitze darauf, schlafe darauf, streichle ihn.

Ich kann jetzt nicht. Sehen Sie denn nicht, dass wir gerade beerdigen? Später vielleicht.

Ein Sonderpreis?

Ein Anflug von Trauer in seinen dunklen Augen. Sie sind wirklich sehr schön, will ich sagen, habe ich ihn beleidigt?

Schneewehen, Staubwolken, flüchtige Umrisse zwischen den Gräbern. Dann sind sie fort.

Regen und grau. Später vergessen, die anderen zu fragen, was sie davon hielten, oder ob alles geträumt. Mein Bruder aber besass bald danach, gib oder nimm ein paar Jahre, einen kleinen Wandteppich, dessen Motiv – trabende Kamele – ihn, wenn er lange davorsitzt, zum Weinen bringt, eins ums andere Mal.

Während der Beerdigung hat es zu regnen begonnen, zuerst unmerklich, tränenverdünnend, dann heftiger, einen Augenblick lang sah es aus, als wolle ein Sturm aufkommen, bis ein Landregen einsetzte, der danach lange nicht mehr aufgehört hat. Jetzt höre ich gewisse Leute einwenden, zum Beispiel Onkel Ernst mit seinen Tatsachen, das sei Unsinn, es sei Dezember gewesen, bitterkalt, und es habe nicht geregnet, sondern, bitteschön, geschneit.

Bei allem Respekt vor meinem Onkel (er hat mit seiner Frau vier Kinder grossgezogen und ist immer noch verheiratet) und einem geregelten Ablauf der Jahreszeiten muss ich aber darauf bestehen, dass es Regen war.

Es regnete bereits während des Gottesdienstes, bei dem ein mir völlig fremder Pfarrer meine Mutter und ihren kurzen Lebenslauf (den kurzen Lauf ihres Lebens) zwischen einem eindringlichen Aufruf für unsere sofortige Solidarität mit einem afrikanischen Land (ich habe vergessen, welches) und einem Spendenaufruf für eine Auffangstation für Drogensüchtige im Zürcher Unterland erwähnte. Ich habe bei einer zugegebenermassen kleinen Anzahl vergleichbarer Anlässe noch nie eine so völlig absurde Predigt gehört. Mein Vater, der stockbetrunken neben mir in der Kirchenbank hing, fluchte einigermassen verhalten aber für die braven Kirchgänger der umliegenden Sitzreihen doch deutlich hörbar vor sich hin, indem er sich immer wieder wunderte was für einen gottvergessenen Scheissdreck der Herr Pfarrer von der Kanzel herab zum Besten gab, derweilen ich mich über mich selber wunderte, weil es mir tatsächlich egal war, was die Leute um uns herum dachten. Mein Vater hatte Recht. Das Recht der Besoffenen über die Nüchternen. Das Recht der Ungläubigen über die Gläubigen. Das Recht der Toten über die Lebenden. Denn er war schon beinahe tot.

Nach der Predigt gab es vor der Kirche dann eine Abfolge von Umarmungen, mein Vater erstaunlich gefasst, die meisten Kondolierenden weinend, das Ganze im Regen.

Es regnete tagelang, wochenlang. Der Regen blieb auf den Gräbern liegen, auf den Hausdächern, Wiesen und Wegen. Automobilisten schaufelten ihre Autos frei am Morgen und Kinder bauten hinter dem Haus, aus dessen Fenstern meine Mutter eben noch das Bettzeug ausgelüftet hatte, Regenmänner mit Gurkennasen. Schön habt ihr das gemacht, Kinder. Wirklich schön.

Es regnete so lange ohne Unterbruch, dass der Verkehr zusammenbrach, der Strom in der Agglomeration ausfiel und überhaupt fast alles zu einem momentanen Stillstand kam. Sogar der Mixer stoppte unvermittelt bevor der Rahm geschlagen war. Die Kinder weinten bei Kerzenlicht und assen die Beeren widerwillig mit flüssigem Rahm.

Wer kein Kaminfeuer hatte, und wir gehörten dazu, musste vom Komfort her bös untendurch in diesen Tagen. Verschiedene Schichten von Unterkleidern, dicke Pullover, Pulswärmer und früh zu Bett, die Decke hochgezogen unter das zitternde Kinn. Am Morgen zuerst der Blick aus dem Fenster: immer noch Regen. Man wusste es, hätte es hören können, vom Bett aus, ohne aufzustehen, wenn nicht dieser tückische Regen lautlos und weiss auf die Dächer gesunken wäre.

Unbestritten waren die positiven Aspekte des Stromausfalls. Nach den ersten paar Nächten, die wir in einem Zustand nervöser Erschöpfung sprach- und meist schlaflos auf einem rasch hergerichteten Matratzenlager verbrachten, aufschreckend wenn aus Vaters Zimmer nebenan ein lautes Geräusch vernehmbar war, eine Faust gegen die Wand, ein Kopf. Jeder für sich mit dem Ereignis beschäftigt (spring, sprang, gesprungen), begannen wir uns die Dunkelheit mit Geschichten zu verkürzen, so, wie wir das als Kinder ein paar Zimmer weiter vor zwei Jahrzehnten auch getan hatten.

Zuerst kam der Strom zurück. Die Milch allerdings sauer. Wir hatten vergessen, sie vor das Fenster zu stellen, auf das eiskalte Sims. Mit dem Strom kamen die Nachrichten. Berichte von eingeregneten Dörfern in den Alpen und ganzen Talschaften im Mittelland vom Hochschnee in Mitleidenschaft gezogen. Alles musste entwässert, getrocknet und zum Teil frisch gestrichen werden. Nichts war versichert. Dann Meldungen aus dem Ausland, extrem weit entfernt. Bürgerkriege, verschobene Wahlen, der zweite Jahrestag der Besetzung einer russisch-amerikanischen Raumstation durch oppositionelle Astronauten. Gegen die Schwerkraft?

Wir erwachten alle aus einem langen, unruhigen Schlaf und hatten zunächst überhaupt keine Ahnung, was geschehen war. Wir stellten die Unordnung fest, überall Kerzenwachs und umgestossene Gegenstände, unfertige Träume und die Morgensonne irgendwie zu grell. Es half nichts, die Pyjamas zu sortieren, im Dunkel vertauscht (mein zweiter Sohn schlief in einem Ärmel meiner Hose während meine jüngste Tochter entweder gar nicht geschlafen hatte oder erst später geboren wurde) und alles einigermassen aufzuräumen. Man ist, das wussten wir nun, nie mehr dieselben.

Noch im Traum hatte ich gespürt, dass ich hier wegmusste. Auf der Stelle fort von diesem Trauerhaus, dieser Stadt, raus aus meiner Kindheit, die viel zu lange gedauert und nun doch zu abrupt geendet hatte. Neue Kleider, ein neuer Beruf und mindestens zwei weitere Kinder als Ausgleich und Trotz.

Träumend fiel es mir leicht. Ich wurde Berufsfussballer, womit die Wahrheit meiner Jugend endlich Traum wurde. Keiner störte sich an meinem ausgedribbelten Alter. Das kriegen wir hin, sagte mein Wunschtrainer beim ersten Zusammenzug – eine Vaterfigur, gleichzeitig Nationaltrainer, vor dem wir Spieler den grössten Respekt hatten, weil er Reporter, mit denen er sonst per Du war, nach verlorenen Spielen hinterlistig siezte. Sie haben das ja alles schon vorher gewusst, nichtwahr. Für Sie musste das ja so kommen, oder. Keine Überraschungen für Sie, mein Herr.

Später, als wir in der REM-Phase immer öfter verloren, wurde ihm dieser Kniff allerdings zum Verhängnis, indem ihn die frustrierten Medienleute so lange totschwiegen,  dass eines Tages keiner mehr seinen Namen kannte.

Das war kurz nach der verpassten Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Frankreich, als man einen Schuldigen suchte und feststellte, dass man keinen benennen konnte. Wie hiess der Unerwähnte doch gleich, der ehemalige Ex-Trainer?

Er wurde durch die erste Frau auf dem Trainerstuhl der Schweizer Nationalmannschaft ersetzt, eine Deutsche, deren Kernsatz, “Saubere Schuhe, sauberes Spiel!“ mir irgendwie bekannt vorkam.

Aber bevor das alles passierte, blühte ich unter der Führung meines verehrten Trainers im Tiefschlaf auf wie ein Nachtschattengewächs. Mit meinen knapp vierzig Jahren war ich zu langsam, um als Spielmacher zu reüssieren, obwohl es mein Trainer zunächst mit mir in dieser Rolle versuchte (Mach endlich mal ein Spiel!).

Als Verteidiger fehlte mir der Biss, weil ich mich oft mit meinem direkten Gegenspieler in faszinierende Gespräche über Gott und die Welt verlor, woraus sich in einigen Fällen Freundschaften entwickelt haben (wo ist eigentlich der Ball?), die bis heute anhalten. Es stellte sich nach ein paar für mich ernüchternden Spielen, nach denen mein Trainer in bewundernswürdiger Weise an mir festhielt (Es steht Ihnen nicht an, meinen Spieler zu kritisieren. Er ist noch alt und hat sich schon entwickelt.) heraus, dass ich nur etwas im bezahlten Fussball Wesentliches wirklich gut, das dann aber extrem gut konnte. Ich war ein Kopfballmonster. Keine Flugkopfbälle, nein, nein. Das hielten meine Knochen nicht mehr aus. Aber ich konnte aus dem Stand extrem hoch hochsteigen. Höher als Horst Hrubesch. Höher als alle anderen, die dazu erst noch Anlauf nehmen mussten. Ich stand also irgendwo anscheinend teilnahmslos im Sechzehnmeterraum des Gegners herum (man verzeiht ihm die Pausen), zwei gegnerische Verteidiger, nachdem man mich einmal kannte, nervös um mich herumtänzelnd, bis ich unvermittelt und praktisch ansatzlos hochstieg, immer höher, und im Augenblick des Kulminationspunktes meines Steigfluges kam von der Seite der wohltemperierte Flankenball meines Flügels, den ich, den rückwärts gedehnten Oberkörper wie eine Feder nach vorne schnellen lassend, unbedrängt weil hoch über allen andern unhaltbar einsandte, versenkte, einnickte, reinmachte, gooooooal!

Es war unglaublich, sogar im Traum. Mein Trainer hatte sein ganzes System auf mich zugeschnitten und mein Verein hatte speziell wegen mir zwei brasilianische Flankengötter engagiert, filigrane Techniker, die mir von ihren Seiten her zudienen mussten. Ihre Aufgabe bestand darin, an den Seitenlinien so lange verwirrend zu dribbeln, bis sie von einer neu erfundenen Position im Mittelfeld, dem Zurufer (es gab je einen auf jeder Seite), das Signal zum Flanken kriegten. Die Zurufer beteiligten sich selber nicht aktiv am Spiel, wurden aber ab und zu von frustrierten Gegnern rüde gefoult (Nichtspieler Maul halten). Es waren gute Freunde von mir, mit denen ich aufgewachsen war, die mich spürten und genau wussten, wann ich in die Luft gehen würde. Dann riefen sie ihrem Flügel blitzschnell auf Portugiesisch zu “Er steigt!“, worauf der Flügel mit dem Ball am Fuss eine letzte Drehung machte und der Rest steht im Sportbericht. Es war eine fantastische Zeit. Die Fans lagen mir zu Füssen (sie nannten mich den Turm, the Rocket, Sputnik oder Heli Hansen) und es wurden mehrere Fanclubs gegründet, der Briefkasten jeden Tag voll.

Später hat mir mein Psychiater den ganzen Traum, an dem er unsägliche Freude hatte (ich musste ihn mehrmals erzählen und Bilder dazu malen), ausführlich erklärt.

Der Trainer, sagte er, während er für mich nur in den Umrissen erkennbar war, aus seiner dunklen Ecke, mit dem Balkonfenster im Hintergrund, durch welches das Abendlicht auf die alten Möbel und wohl auch auf mein Gesicht fiel, ist ihr Vater. Und ihr Kopf ist ihr Penis. Dass sie so hochsteigen und so viele Tore schiessen, zeigt die Konkurrenzsituation zu ihrem Vater. Sie wollen ihn überragen, übertrumpfen, sein Auto klauen und seine Sekretärin vögeln.

Und die eingeflogenen Flügel? Die Fanclubs? Meine Freunde auf und neben dem Platz?

Vergessen Sie das, sagte mein Psychiater. Erzählen Sie mir nochmal Ihren Traum.

Am ersten Donnerstag nach der Beerdigung wusste ich unvermittelt, wahrscheinlich zum allerersten Mal in meinem Erwachsenenleben, was ich mit mir anfangen wollte, schöpfungsweise. Ich schaute aus dem Fenster und sah, was man aus jenem Fenster immer sieht – nichts Besonderes – als mich die Eingebung traf: Das ist es. Ich fühlte mich ungeheuer erleichtert. Endlich, nach all den Jahren des Zweifels und der Mutlosigkeit. Die Gicht am Ende des Tunnels. Ein Silberfisch am Horizont. Ich war so euphorisch, dass ich mich hinlegen musste, worauf ich unverzüglich einschlief und erst am nächsten Vormittag wieder erwachte.

Ich sass auf der Bettkante und versuchte mich zu erinnern, was es war. Der feste Entschluss des Vortages, was mit mir nun endlich zu tun sei, der mein Leben radikal verändert hätte (The time has come for more than small decisions): Ich hatte ihn vergessen. Aber das Gefühl der Erleichterung war geblieben. Es hielt einige Tage an, bis es sich in eine Pension in den Voralpen zurückzog, wo meine Mutter kurz vor ihrem Tod (alles war nun kurz vor ihrem Tod) zur Kur war. Wir schreiben uns ab und zu.

Was mir übrigblieb, war weiterzuleben wie bisher. Keine Spur von Läuterung. Nichts gelernt durch das Leid der Mutter. Nicht fähig, sie gehen zu lassen, ihr einhändig die Hand zu schütteln und ihr zu sagen: Es ist gut so, Mutter. Nicht einmal fähig, die eigene Unfähigkeit zu artikulieren. Es ist, wenn man nicht weiss, was man nachher sagen will, nicht nötig, sich zu räuspern. Also hustete ich weiter, lange Jahre, wenn ich auch zwischenzeitlich aufhörte zu rauchen und jeweils erst später wieder anfing damit.

Es folgten schwierige Wochenenden nach dumpfen Arbeitswochen an drei verschiedenen Wohnorten im Ausland. Die Kontinente wechselten, die Pflichtenhefte und die Zahl der Kinder wuchs. Was von Land zu Land blieb, war die Unfähigkeit, in einen Liegestuhl zu sinken mit einem guten Buch und einem Bier und den Rest einfach Rest sein zu lassen. Ich legte mich stets auf meine eigenen, zerknüllten Pläne und stand jeweils bald wieder auf. Es war entweder zu heiss oder zu windig oder beides. Das grelle Licht der Sonne entweder im Buch oder im Gesicht. Den Garten aufräumen. Ein Zimmer umgraben. Gedichte kompostieren. Vertrocknete Äste, verkrustete Malutensilien, alte Papiere. Wenn alles aufgeräumt ist, dachte ich manchmal, könnte man vielleicht etwas Neues anfangen. Etwas, was zufrieden macht. Aber es war nie alles aufgeräumt. Der Anfang begann nie.

Und meine Mutter merkte es natürlich auch und sprang noch einmal. Sie sprang in Strassburg vom unfertigen Turm der Kathedrale, in Bern von der Lorrainebrücke, in Teheran vom Turm einer Moschee und in Washington von einem Wolkenkratzer downtown, vor dessen Eingang sich im Winter die verfemten Raucher die braunen Finger abfroren. Und jedes Mal, wenn sie starb, rückte ich ein bisschen näher zusammen.

Bis ich merkte, dass ich allein bin. Noch näher zusammenrücken ging nicht mehr. Es war Zeit für den Trick des Erscheinens im eigenen Leben. Es war Zeit, mich zu verabschieden. Von mir.

Keine Sprünge mehr, Mutter. Es reicht. Dieser eine Satz in der Muttersprache hat gereicht. Ich habe ihn bloss nicht verstanden, all die Jahre. Bis jetzt. Meine eigenen Sätze sind immer wieder an seinen schartigen Kanten abgerissen.

Hörst Du, wie ich mich räuspere (how I clear my throat)? Hör mir gut zu. Was ich sage, hätte auch für Dich gelten können. Gelten sollen. Gelten müssen.

Ich bin glücklich geworden. Viele Jahre später. Aber ich bin glücklich geworden. Ich habe unterdessen vier wunderbare Kinder, denen ich von Dir erzählt habe und weiter erzählen werde, damit Du nicht in Vergessenheit gerätst und noch einmal stirbst. Und ich habe drei Grosskinder: schau sie Dir an! Und eine Frau, die mich liebt, wie ich bin.   

Was uns wirklich den Rest gab

14. Januar 2024

„Diesen Ausguss haben sie aber nicht gereinigt.“ Sagte der geschniegelte Typ von der Verwaltung und zeigte mit seinem kurzen Zeigefinger auf den Ausguss der Badewanne.

„Doch, hab ich. Sauberer kriegt man den nicht.“

Sie hatte diesen jungen Macker schon bei der Wohnungsübernahme vor einem halben Jahr völlig daneben gefunden und wirklich gehofft, er würde seinen Job verlieren, bevor sie wieder ausziehen würde. Leider wurde ihr Wunsch nicht erhört.   

„Haben Sie eine Zitrone im Haus? Wenn Sie mir eine Zitrone geben, sieht dieser Ausguss in fünf Minuten wie neu aus.“

„Ich habe überhaupt nichts mehr im Haus. Ich ziehe hier aus, falls Sie das noch nicht bemerkt haben“, sagte sie, und dachte Du kleinkarierter Klugscheisser.

„Der muss auf jeden Fall nachgereinigt werden. Bringen Sie das selber in Ordnung oder sollen wir Ihnen die Nachreinigung zusammen mit der Reparatur der Kratzer im Parkett und der ungestopften Bohrlöcher in Rechnung stellen?“

„Schauen Sie sich doch noch etwas genauer um, bevor Sie Bilanz ziehen. Vielleicht finden Sie ja noch das eine oder andere, was Sie beanstanden können, damit die Rechung auch nach etwas aussieht.“

Der Verwaltungsmacker schaute sie verständnislos an und sah sich weiter um.

„War dieser Fensterrahmen schon immer so verzogen? Hat das Fenster mal bei Regen längere Zeit offengestanden?“

„Ich habe die Fenster überhaupt nie aufgemacht. Das war gar nicht nötig, weil es in dieser Scheisshütte auch bei geschlossenen Fenstern dauernd zieht.“

„Fräulein Wegmüller: Ich mache hier nur meinen Job. Wenn Sie denken, dass mir so etwas Spass macht, irren Sie sich. Wir können das Ganze unter Erwachsenen erledigen, ich kann aber auch einen anderen Ton anschlagen.

Frau Wegmüller. Und ihr Ton ist mir scheissegal.“

Der Typ ging auf den Balkon und löste mit der einen Hand das Zugseil des Sonnenrouleaus, während er mit der anderen den Stoff auf Feuchtigkeit prüfte. 

Er musste diese Handgriffe schon so oft gemacht haben, dass er sie im Schlaf beherrschte. Er schien überhaupt nur aus automatisierten Bewegungsabläufen und Verhaltensweisen zu bestehen.

„Da sind ein paar ziemlich dunkle Flecken drin. Das kommt normalerweise davon, dass man einen noch nassen Storen wieder hochrollt…“

„Magengeschwüre kommen normalerweise davon, dass man zuviel Zeit in der Nähe von Kotzbrocken verbringt. Wussten Sie was? Machen Sie den Rest der Wohnungsabnahme alleine fertig. Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Notieren Sie alles sorgfältig in ihre schönen Formulare und ziehen Sie alles, was Sie zu beanstanden haben, von meinem Mietzins-Depot ab. Wenn am Schluss noch etwas davon übrig bleibt, kaufen sie sich damit einen Sack Zitronen.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt (was hoffentlich einen weiteren Kratzer im Parkett hinterliess) und ging hallenden Schrittes ein letztes Mal durch die leere Wohung, in der sie am Anfang so glücklich gewesen war. Den Gefallen, die Wohnungstüre zuzuknallen, machte sie ihm nicht. Sie liess sie offenstehen.

„Wohin können wir Ihnen den Restbetrag des Depots überweisen? Wir haben keine neue Adresse von Ihnen…“ rief er ihr ins Treppenhaus nach.

„Fick Dich ins Knie!“

„Gibt es ein Problem?“ fragte Frau Weichelt vom zweiten Stock, die (rein zufällig natürlich) gerade im Treppenhaus war.

„Für mich nicht mehr. Und Ihnen wünsche ich alles Gute. Am besten fahren Sie hier, wenn Sie dieses Haus erst im Sarg verlassen.“

Frau Weichelt schaute dumm hinter der Wäsche hervor, die sie in einem geflochtenen Korb vor sich her trug.

„Und übrigens: Sie sollten ihre Fussmatte mal wieder giessen. Das Entchen sieht ziemlich vertrocknet aus.“

Dann war sie an der Haustüre und im Freien und konnte tief durchatmen. OK, das Gift gegen Frau Weichelt wäre nicht nötig gewesen. Ausser mit ihrer gutbürgerlichen Neugier war ihr die Frau nie gross auf den Keks gegangen. Ihr Pech, dass sie im falschen Moment im Treppenhaus auftauchte.

Es war wieder kälter geworden und hatte leicht zu regnen begonnen. Und natürlich hatte sie keinen Schirm dabei. Sie schlug den Kragen ihres leichten Mantels hoch und ging schnellen Schrittes in Richtung Bushaltestelle. Jetzt noch kein Kleingeld für das Billet und dann eine Kontrolle und der Tag war wirklich gelungen.

Sie konnte es sich überhaupt nicht leisten, auf einen einzigen Franken des Mietzinsdepots zu verzichten. Aber sie hatte ihre Grenzen. Und dieser Verwaltungsarsch hatte sie definitiv und mehrmals überschritten.

Ralf würde lachen, wenn sie ihm die Wohnungsübergabe erzählen würde. Er würde lachen und dann sagen, was er ihr bei solchen Gelegenheiten immer sagte: Man muss dort kämpfen, wo es sich lohnt, nicht dort, wo es nichts bringt. Ralf hätte den Verwaltungsheini mit seiner einnehmenden Art um den Finger gewickelt und das ganze Depot zurückerhalten. Plus Zinsen.

„Zitrone? Wirklich? Und ich habe mich eine halbe Stunde lang mit einem Putzmittel abgemüht. Man lernt eben nie aus!“ – „Na ja, Herr Kemp, das sind halt so kleine Tricks, die man in meinem Metier lernt. Aber ich will mal nicht so sein. Die Wohnung ist ja sonst in sehr gutem Zustand. Man sieht sofort, ob ein Mieter dem Objekt Sorge getragen hat oder nicht. Die paar Striemen im Parkett sind nicht de Rede wert. Kann ich unter normale Abnützung verbuchen. Die Sonnenstoren? Muss ich doch bei Ihnen nicht kontrollieren, Herr Kemp. Vertrauenssache. Haben sie noch Zeit für ein Bier?“

Sie beschloss, Ralf nichts von der Wohnungsabgabe zu erzählen. Sie würde seine guten Ratschläge jetzt schlecht ertragen. Dort kämpfen, wo es sich lohnt. Nicht an allen Fronten gleichzeitig präsent sein wollen. Nicht alle Eier in einen Korb legen. Sich auf eine Sache konzentrieren, sich gut vorbereiten und dann gezielt zuschlagen. Erst Stricken, dann Häkeln. Heute hier, morgen fort. Zickezacke, Hühnerkacke. Scheisseier. Scheisszitronen. Scheissratschläge.

Wo lohnte es sich überhaupt, zu kämpfen? Es war einfach, mit allen Spiessern per Du zu sein. Einfach und angenehm, weil sie einen dann als Ihresgleichen erkannten und einem alles gaben, was sie einem geben konnten: ihre armseligen Gefälligkeiten und ihre widerliche Kumpanei. So oder ähnlich hatte sie es ihm einmal gesagt, aber er hatte ihr wohl nicht richtig zugehört. Er hörte überhaupt kaum je richtig zu. Er war zu beschäftigt damit, gute Ratschläge zu erteilen.   

„Wie alt bist Du eigentlich, Angela? Hör endlich auf, zu pubertieren. Es bringt nichts, sich mit der ganzen Welt anzulegen..“ hörte sie ihn sagen.

Bringt nichts bringt nichts bringt nichts. Mir nichts dir nichts. Wie Du Dir solala.

Musste es immer etwas bringen? Sie war 34 Jahre alt. Und sie hatte offenbar noch immer nicht begriffen, wo es sich zu kämpfen lohnte und wo nicht.

Es regnete nun wirklich. Ihr dünner Mantel war an den Schultern bereits durchnässt und es war kein Bus in Sicht, weder weit noch breit. Sie wünschte sich, Ralf würde endlich einmal die Klappe halten. Aber nach acht Jahren war das wohl zuviel verlangt. Sie würde weiterhin mit seiner Stimme leben müssen. Mit seinen ungefragten Ratschlägen und seinen behämmerten Theorien über das, worum es wirklich ging. Wahrscheinlich ging es um überhaupt nichts und Menschen wie Ralf, die mit diesem Nichts nicht leben konnten, hatten sich ein Set von lapidaren Inhalten und Zusammenhängen zurechtgelegt, von denen sie glauben wollten, dass es darum wirklich ging, damit sie sich darauf konzentrieren und es mit sich und den andern einigermassen aushalten konnten.

Ralf hätte sich mit dem Verwaltungsheini sicher ausgezeichnet verstanden. Wahrscheinlich mit jedem Verwaltungsheini. Auch mit dem, der damals bei ihrer ersten Wohnungsübergabe die dunklen Flecken im Parkett moniert hatte, die von den Ästen im Holz stammten.

Als der Bus endlich kam, war sie bereits völlig durchnässt. Der Bus war leer. Sie drückte den Einstiegsknopf, wartete, bis sich die Türen geöffnet und wieder geschlossen hatten, dann ging sie stadteinwärts. Wahrscheinlich würde sie sich jetzt erkälten, aber das spielte heute auch keine Rolle mehr. Sie ging schnellen Schrittes und irgendwann stand sie vor einem Café. Sie trat ein und setzte sich an einen der freien Tische am Fenster.

«Was darf ich Ihnen bringen?» fragte die Serviererin.

«Einen Holundertee und die Rechnung, bitte.» antwortete Angela.

Sie nahm ihr Telefon aus der Manteltasche und wählte Ralfs Nummer.

«Angela…» meldete sich Ralf, «…hast Du die Wohung abgegeben?»

«Ja. Willst Du das Übergabeprotokoll lesen?»

«Was meinst Du…?»

«Ich kann es Dir schicken.»

«Wieso schicken?»

«Wir werden uns nicht wiedersehen.»

«Was…»

«Ciao, Ralf, mach’s gut.»

Sie hängte auf.

«3 Franken 50» sagte die Serviererin, stellte den dampfenden Tee vor Angela auf den Tisch und legte die Rechung daneben.   

Angela legte ein 5 Franken Stück auf die Rechnung, stand auf, zog den nassen Mantel an und ging zur Türe.

«Danke. Und Ihr Tee?»

«Der ist für Sie.»  

Es hatte tatsächlich aufgehört zu regnen. Während Angela noch überlegte, wo sie die Nacht verbringen wollte, klingelte ihr Telefon.

Ralf.

«Ja?»

«Du machst wirklich Schluss, Angela? Warum? Was habe ich falsch gemacht?»

«Du? Du weisst gar nicht wie das geht.»

«Was soll ich ohne Dich tun?»

«Kauf Dir ein Okapi.»

«Ein was…?»

«Ein Okapi», dann hängte sie auf.

Sie löschte Ralf aus ihren Kontakten und sperrte ihn bei Whatsapp. Dann ging sie weiter in Richtung Innenstadt. Unterdessen hatte Ralf ganz sicher nachgeschaut, was ein Okapi ist.

Das einzige Säugetier, das mit der Zunge seine eigenen Ohren reinigen kann. Oder mit der eigenen Zunge seine Ohren. Je nachdem, wie man es sehen wollte.

Warum fährst Du so schnell?

14. Januar 2024

(aus «Three Stories», auf Englisch geschrieben in Potomac, Maryland 1995-1997, ins Deutsche übertragen mit deepl)

Cynthia Knapp saß am Küchentisch und starrte auf das Spiegelbild ihres Gesichts in der Thermoskanne. Ihre Nase war zu groß. Selbst in einem flachen Spiegel, das wusste sie, wäre ihre Nase zu groß. Aber sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich in Spiegeln zu betrachten. Wenn sie die Spiegel in ihrer Wohnung reinigte, sah sie das Gesicht der Frau, die den Spiegel reinigte. Ein Gesicht mittleren Alters mit einer zu großen Nase.

Als sie jung war, dachte Cynthia, muss ihre Nase kleiner gewesen sein. Oder aber der Rest ihres Gesichts war im Laufe der Jahrzehnte geschrumpft. Nur die Nase hatte ihre ursprüngliche Größe beibehalten. Ihre Wangen, die einst rot waren und geküsst werden wollten, als sie ein Teenager war, waren verzweifelt geschrumpft. Ihre Augen, die einst groß waren und die ganze Welt sehen wollten, hatten ihr Licht und ihre Neugierde verloren und wollten sich schließen. Ihr Mund, der einst so fröhlich mit allen sprach, war durch das, was ihr widerfahren war, und durch das, was nie eingetreten war,  verstummt.

Nur ihre Nase weigerte sich, zu schrumpfen. Die Nase war da, genau in der Mitte ihres Gesichts, und wollte riechen, riechen, riechen! – all die wunderbaren und seltsamen Gerüche dieser Welt.
Cynthia schüttete das restliche heiße Wasser aus der Thermoskanne in ihre Tasse mit dem Instant-Kaffeepulver. Es war nur noch ein kleiner Schluck übrig. Nicht wirklich genug, um Milch und Zucker hineinzutun und es Kaffee zu nennen. Sie schüttete den Inhalt der Tasse  in die Spüle und spülte das Waschbecken mit etwas Wasser aus.

An der Spüle stehend, konnte sie auf die Straße hinunterblicken. Es war niemand zu sehen.
Die Mütter, die ihre Kinder zur Schule gebracht hatten, waren einkaufen gegangen und noch nicht zurückgekehrt. Die Väter hatten alle schon vor Stunden ihr Haus verlassen. Alex war auf jeden Fall einer der letzten, die gingen, als er schließlich um halb acht mit seinem großen Auto aus der Einfahrt fuhr, und sie stand am Fenster und winkte ihm zum Abschied, obwohl sie wusste, dass er sich nicht nach ihr umdrehen würde.

Jetzt war es fast zehn Uhr. Cynthia räumte das Frühstücksgeschirr ab und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Sie hängte ihren Hausmantel an den Haken hinter der Badezimmertür und stieg unter die Dusche. Als das warme Wasser über ihre Haut floss, fragte sie sich, ob auch der Rest ihres Körpers geschrumpft war. Ihre Hände, ihre Arme, ihre Brüste. Ihr Bauch war es sicher nicht. Sie war nicht wirklich dick, aber sie war auch nicht mehr schlank. Aber wen interessierte das schon. Alex hatte schon vor Jahren aufgehört, mit ihr zu schlafen. Kurz bevor sie von Bern nach Zürich gezogen waren.

Zürich, so erinnerte sie sich mit Bitterkeit, hätte ein Neuanfang sein sollen. Für ihn. Für sie. Für ihre Ehe. Weißt du, Cindy, hatte Alex damals gesagt, vielleicht ist alles, was wir brauchen, ein Neuanfang. Einen Ortswechsel. Andere Luft. Das alles hinter uns lassen und in einer Gegend (Gegend, hatte er gesagt, nicht Ort, sie erinnerte sich genau) neu anfangen, in der uns niemand kennt. Ein neues Leben beginnen. Und sie hatte ihm zugestimmt.

Es war ihr nicht aufgefallen, damals, dass es eigentlich nichts gab, was sie zurücklassen konnten. Es gab keine Nachbarn, zu denen sie Kontakt hatten. Sie hatten niemanden wirklich gekannt. Tatsächlich lebten sie bereits an einem Ort, an dem sie niemand kannte.

Die ersten fünfzehn Jahre ihrer Ehe waren ereignislos verlaufen. Es war bald klar geworden, dass sie keine Kinder haben würden. Es passierte einfach nicht. Alex lehnte ihren Wunsch ab, sie beide untersuchen zu lassen, um abzuklären, ob man etwas dagegen tun konnte. Es funktioniert einfach nicht für uns, sagte er. Es soll nicht sein. Vergiss es. Also vergaß sie es.

Aber was konnte eine Frau tun, wenn es in einer Ehe keine Kinder gab? Sie war dazu erzogen worden, Ehefrau und Mutter zu werden, und in ihren Teenagerträumen hatte sie sich immer als Mutter von zwei oder drei Kindern gesehen. Die Sonne schien und sie saß mit ihnen im Sandkasten vor dem Haus. Sie sangen fröhlich und manchmal stritten sie sich, und sie saß da und passte auf sie auf. Und nun sollte es nicht sein. Und arbeiten gehen durfte sie nicht. Alex erlaubte es nicht. Sollen die Leute denken, ich könnte uns nicht ernähren?

Sie stieg aus der Dusche. Als sie ihre Haut mit einem Handtuch abtrocknete, begann sie zu weinen. Nein, nicht! Nicht! Sie wollte nicht weinen. Sie hatte schon so oft geweint. Sie wusste, dass es nicht gut war. Ihre Augen würden anschwellen und ganz rot werden und wenn es vorbei war, würden sie noch mehr schrumpfen. Hör auf! Hör auf zu weinen!

Die Straße war noch leer, als sie das Haus verließ. Sie ging mit ihrem üblichen schnellen Schritt den Gehsteig entlang, leicht nach vorne geneigt, als ob sie gegen einen imaginären Wind ankämpfen müsste. Es gab niemanden zu grüßen, und heute war sie irgendwie froh darüber. Am Anfang, als sie gerade hierhergezogen waren, wollte sie die Nachbarn kennen lernen.

Dieses Mal, sagte sie zu Alex, werden wir alle unsere Nachbarn kennen lernen. Mit einigen werden wir uns anfreunden und die anderen werden wir grüßen, wenn wir sie auf der Straße treffen. Klar, antwortete Alex. Aber jedes Mal, wenn sie ihn fragte, ob sie ein paar Nachbarn auf einen Drink oder ein kleines Abendessen einladen wollten, sagte er, er sei zu müde und erzählte ihr, er habe einen harten Tag hinter sich. Vielleicht am Wochenende? Vielleicht.

Und am Wochenende wollte er dann wieder seine Ruhe. Was hätte sie denn sagen sollen?
Es war jetzt vier Jahre her, dass sie hier eingezogen waren. Und sie kannten immer noch niemanden. Sie grüßte die Nachbarn auf der Straße und kannte die meisten von ihnen mit Namen, weil sie sich ihnen vorgestellt hatte, als sie sie das erste Mal traf, aber das war alles. Für die Nachbarn war sie Frau Knapp. Keiner von ihnen interessierte sich dafür, wie schön ihr Vorname war: Cynthia.

Für die Nachbarn sie war sie einfach Frau Knapp, die höfliche, aber etwas seltsame Frau mittleren Alters mit ihrem Berner Dialekt, die in Nummer 27, dritter Stock, wohnte und die man kaum sah, außer wenn sie zum Gemischtwarenladen an der Ecke ging. Da geht sie wieder: Frau Knapp, leicht nach vorne gebeugt, wahrscheinlich wieder sturzbetrunken, auf dem Weg zum Einkaufen. Frau Knapp mit ihrem Mann, den man nur sah, wenn er mit seinem teuren Auto den Drosselweg hinauf oder hinunter fuhr, immer viel zu schnell für eine Sackgasse, in der Kinder unbeschwert spielen sollten.

Und es gab viele Kinder, die am Drosselweg lebten. Etwa ein Dutzend. Cynthia mochte sie alle. Aber einige von ihnen waren ihr besonders ans Herz gewachsen. Wie zum Beispiel der kleine Walter, der schräg gegenüber in Nummer 15 wohnte. Walter war fünf Jahre alt und hatte eine Schwester, Marianne, die zwei Jahre älter war. Sie waren beide sehr nette Kinder. Sie waren sehr freundlich und gut erzogen und grüßten sie immer auf der Straße.

Walter war so ein süßer kleiner Kerl. Er hatte ein rundes, fröhliches Gesicht und sehr dünne Beine. Man fragte sich, wie so dünne Beine einen so großen Kopf tragen konnten. Walter war ein sehr fröhliches Kind. Wenn sie ihn traf, sprach sie mit ihm, und Walter hörte ihr zu, beantwortete ihre Fragen und winkte ihr zum Abschied fröhlich zu. Cynthia mochte ihn sehr. Manchmal konnte sie nicht anders, als ihn zu umarmen.

Aber Walter war heute nirgends zu sehen. Er muss im Kindergarten sein, dachte Cynthia. Er würde gegen elf zurück sein. Seine Mutter würde ihn abholen und nachhause bringen.  Cynthia Knapp ging zum Gemischtwarenladen und kaufte etwas zu essen. Sie hatte noch keine Ahnung, was sie heute kochen wollte. Alex kam jeden Tag zum Mittagessen nach Hause. Also kochte sie das Mittagessen für ihn. Das gab ihr etwas zu tun. Sie bereitete immer etwas Frisches und Gesundes zu. Keine Konserven. Etwas Einfaches, aber etwas Frisches. Alex ass seine Mahlzeiten wortlos. Er schien zu mögen, was sie für ihn zubereitete. Schmeckt es Dir, Alex? Magst du es? Er nickte-

Dann fuhr er wieder los, fuhr viel zu schnell den Drosselweg hinunter und ließ sie zurück mit ihrer Einsamkeit und dem Alkohol. Am Anfang, als sie anfing zu trinken, kaufte sie ihren Schnaps im Gemischtwarenladen an der Ecke. Aber Alex stoppte das. Dies ist eine kleine Nachbarschaft, sagte er eines Tages zu ihr. Die Leute reden. Ich will nicht, dass sie über uns reden. Wenn du trinken musst, kaufe ich den Schnaps für dich. aber wage es ja nie wieder, ihn im Laden zu kaufen. Hast du mich verstanden? Niemals!

Also hatte sie nie wieder Schnaps im Laden gekauft. Er kaufte den Schnaps für sie. Irgendwo in der Stadt, vermutete sie, vielleicht auf dem Heimweg von seinem Büro. Sicher nicht im Laden um die Ecke. Er selbst trank nie Alkohol, höchstens ab und zu ein Bier, wenn es im Sommer richtig heiß war. Er kaufte das Zeug einfach und sie trank es ganz allein. Normalerweise fing sie an, wenn er nach dem Mittagessen ging, und wenn er nach der Arbeit nach Hause kam, war sie betrunken. Ihn schien das nicht wirklich zu stören. Nur einmal, als sie morgens, nachdem er gegangen war, zu trinken begann und dann vergaß, ihm das Mittagessen zuzubereiten, wurde er wütend. Er schrie sie an und beschimpfte sie. Schreckliche Schimpfworte. Worte, die sie nicht hören wollte und die sie sofort vergass, nachdem er sie ihr an den Kopf geworfen hatte.

Und dann war da noch dieser eine Morgen, an dem sie feststellte, dass ihr der Alkohol ausgegangen war und sie nicht widerstehen konnte, im Laden eine Flasche weißen Rum zu kaufen.
Sie vergaß dann, das Preisschild von der Flasche zu entfernen, und als er es sah, schlug er sie.
Sie nahm es ihm nicht übel. Sie hatte es verdient. Und das war das einzige Mal, dass er sie geschlagen hatte. Nur, sie brauchte den Alkohol. Und sie verstand nicht, warum er immer so schnell den Drosselweg rauf und runter fuhr. Es war gefährlich mit all den kleinen Kindern in der Nähe. Ihre Kinder. Er könnte eines Tages eines ihrer Kinder überfahren. Er könnte den kleinen Walter anfahren.

Sie hatte es ihm mehrmals gesagt. Fahr nicht so schnell, Alex. Ich bitte dich! Warum fährst du so schnell? Warum hast du es so eilig? Es lag sicher nicht an seiner Sehnsucht, zu ihr nach Hause zu kommen. Wenn er zur Arbeit fuhr, konnte sie es ein wenig besser verstehen. Er wollte so schnell wie möglich von ihr wegkommen. Aber warum fährt er so schnell, wenn er zum Mittagessen oder abends nach Hause kommt?

Warum fährst Du so schnell, wenn du nach Hause kommst, Alex? hatte sie ihn einmal ganz direkt gefragt. Ich weiß, es liegt nicht daran, dass Du dich nach mir sehnst. Warum musst Du so schnell da sein, wo Du gar nicht sein willst? Alex sah sie mit einem leeren Gesichtsausdruck an. Er wischte sich den Mund ab, stand vom Tisch auf, ging aus der Wohnung, und fuhr mit hoher Geschwindigkeit bis ans Ende des Drosselwegs, wo er mit quietschenden Reifen in die Michelstrasse einbog.

Vielleicht war er ja verrückt. Sie war Alkoholikerin, sicher, aber er war vielleicht verrückt. Vielleicht war ihm gar nicht bewusst, wie schnell er fuhr, wenn er in den Drosselweg einbog. Zum Teufel mit ihm.
An diesem Tag, nach dem dritten Whiskey, fasste Cynthia einen Entschluss. Sie dachte lange darüber nach und hatte das Gefühl, dass heute der Tag war, an dem sie es ihm sagen würde.
Wenn sie es ihm heute nicht sagte, so wurde ihr klar, würde sie es ihm nie sagen. Und eines bösen Tages, wenn ein Kind unter seinem Auto lag, würde es zu spät sein.

Während sie das Mittagessen zubereitete – Würstchen und Sauerkraut – ging sie die verschiedenen Sätze durch, die sie sich ausgedacht hatte, und übte, wie sie aussprechen konnte, wenn er vor ihr stand.
Sie ging sogar einmal auf die Toilette und sprach mit der Frau, die die Spiegel reinigte, um zu testen, wie es aussah und wie jemand reagieren würde, wenn sie so etwas sagte. Aber die Frau im Spiegel reagierte überhaupt nicht. Sie hatte ihren üblichen stumpfen Gesichtsausdruck und ihre große Nase war rot wie ein Leuchtturm. Du dummes Miststück, dachte Cynthia. Hast wohl wieder getrunken, was?

Ich bin Cynthia, sagte sie zur Frau im Spiegel, ich habe einen sehr schönen Namen. Aber hier kennt mich niemand. Für die bin ich Frau Knapp und die Hälfte der Zeit betrunken. Das ist es, was sie über mich denken. Kannst du mich hören, Dumpfbacke? Hör auf zu trinken! Das ist eine kleine Nachbarschaft. Die Leute reden. Hast du das verstanden?

Als Alex nach Hause kam, wunderte er sich, dass er nichts riechen konnte, als er die Wohnungstür öffnete. Er ging in die Küche und fand das Gas abgestellt. Die Würstchen schwammen in kaltem Wasser und das Sauerkraut lag in der Verpackung neben dem Spültrog.

Cindy?

Bist du da?

Alex suchte sie im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, in allen Zimmern. Schließlich fand er sie auf dem Bett im Gästezimmer liegen, ein Zimmer, das er sonst nie betrat. Sie sah aus, als würde sie schlafen.

Was ist mit Dir los, Cindy?

Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie sanft. Cynthia öffnete ihre Augen. Sie waren rot und geschwollen. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, wo sie war.

Wenn du jemals, begann sie, als sie ihn erkannte, wenn du jemals eines meiner Kinder mit deinem verdammten Auto überfährst, bringe ich dich um. Hast du mich verstanden, du Bastard? Ich werde dich umbringen. Das werde ich. Gott helfe mir.

Dann war sie wieder weg. Sie war weit weg, dort, wo sie aufgewachsen war, sie lief über eine grüne Wiese und ihre Füße waren so klein und leicht, dass sie kaum den Boden berührten.

Bretagne, Pastellkreide auf Papier

26. Dezember 2023

Toskana (driving on)

6. Dezember 2023

Toskana (shadow of a car)

6. Dezember 2023

Toskana (Pastellkreide auf Papier)

25. November 2023

Die Befragung

7. November 2023

«Ich bin schon a Bisserl traurig.», sagte die eine Frau zur andern, als sich unsere Wege gegen Ende der Hundezone kreuzten, kurz bevor ich, vom Stadtpark kommend, wieder zu den Behältern für die Mülltrennung an der Neulinggasse gelangte. Und bevor sie ausser Hörweite war, fügte sie an: «Er hat in München kein Klavier», als ob das der Grund ihrer leichten Trauer wäre.  

Ich bin bei Klavieren hellhörig, ohne je selber gespielt zu haben, und obwohl ich das Instrument nicht besonders mag.  Wenn ich ein Instrument für die Insel auswählen müsste, wäre es jedenfalls nicht das Klavier. Eher das Saxophon oder die Bassgeige. Die Blockflöte wäre natürlich handlicher, man weiss ja nie, wann man auf einem selbst gebastelten Floss versuchen wird, die Insel zu verlassen, weil man die Hoffnung auf ein rettendes Schiff aufgegeben hat.  Aber die Flöte habe ich in meiner Jugend bereits unter dem Christbaum abgespielt und das Etui war aus Stoff, nicht wasserdicht.

Hätte die Frau gesagt: «Er hat in München keine Trompete», hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal gehört. Gehört vielleicht schon, Trompeten sind ja schwer zu überhören, aber keine Notiz davon genommen und ganz sicher später keine darüber verfasst. Ich habe zu Trompeten keinerlei Beziehung. Wenn ich vor einem postdiplomatischen Ausschuss eine herstellen müsste, wäre es über Louis Armstrong, den meine Eltern 1955 im Zürcher Kongresshaus erlebt haben. Satchmo!

Wäre die Frau auch traurig, wenn er in München keine Trompete hätte? Und ist der, der ohne sein Klavier abgereist ist, ihr Sohn? Fragen Sie mich das im Ernst? Ich weiss es nicht. Ich nehme es an. Es bleibt mir, nachdem wir uns in der Hundezone flüchtig gekreuzt haben, nichts anderes übrig, als mit Annahmen zu arbeiten.

Wenn ich gesagt habe, ich hätte nie Klavier gespielt, stimmt das in der Regel, denn es gibt eine Ausnahme. Es gibt eine Filmsequenz, auf der ich Mitte der Achtzigerjahre durch ein stillgelegtes Hotel in Glion über dem Lac Léman führe, von einem Freund gefilmt, und lauter Unsinn rede. Im Salon setzte ich mich ans Klavier und spiele etwa drei Minuten, wobei sämtliche Finger zum Einsatz kommen und es klingt als spiele jemand, der Klavier spielen kann. Wie ich das hingekriegt habe? Ich kann es mir bis heute nicht erklären.

Nein, ich kann nicht sagen, ob die beiden Frauen mit Hunden unterwegs waren, klein oder gross oder gar nicht. Schauen Sie, die langgezogene Hundezone, in der wir uns gekreuzt haben, ist wirklich etwas Besonderes. Sie zieht sich etwa zweihundert Meter lang den abgesenkten Geleisen entlang und viele Passanten, die von der Neulinggasse in Richtung Stadtpark unterwegs sind, durchschreiten sie ohne Hund, weil es eben keine dieser mit Mulch bedeckten, unappetitlichen Versäuberungszonen ist, in denen man eher früher als später auf Hundekot tritt, sondern ein schöner Spazierweg entlang eines Streifens Wiese.

Es hat Sandhaufen, wo die Hunde Löcher graben, und Sitzbänke, auf denen die Herrchen und Frauchen sitzen und miteinander reden oder lesen oder telefonieren und dabei ihren Hunden zuschauen, wie sie mit anderen Hunden herumtollen. Auf der linken Seite die abgesenkte Bahn und auf der rechten ein mannhoher eiserner Zaun, durch den ein Baum gewachsen ist. Oder sie haben den Zaun um den Baum herum gebaut.

Sehen Sie das vor sich? Habe ich es anschaulich genug beschrieben? Natürlich ändert sich alles, wenn man vom Stadtpark herkommt. Alles ist dann seitenverkehrt. Die Bahnlinie ist rechts und der Zaun links und es können einem zwei Frauen entgegenkommen, von denen mindestens eine traurig ist, wegen dem in München fehlenden Klavier.   

Nein, auch wenn Sie mich noch ein drittes und viertes Mal fragen: Ich weiss nicht, ob die Frauen mit Hunden unterwegs waren. Warum ist das so wichtig? Meine Hunde würden es wissen. Wollen Sie meine Hunde fragen? Das Einzige, was ich Ihnen zu diesem Thema sagen kann, ist Folgendes: falls die beiden Frauen Hunde dabeihatten, war mit Sicherheit kein Männchen darunter.

Hätten die beiden Frauen ein Männchen dabeigehabt, würde ich mich daran erinnern, denn eines meiner zwei Pudelweibchen gerät jedes Mal ausser sich, wenn sie auf ein Männchen trifft. Sie beginnt dann in den hellsten Tönen zu quietschen (ich kann es nicht anders sagen) und einen Tanz, durchsetzt mit wilden Sprüngen, aufzuführen. Daran würde ich mich erinnern, denn dann wäre ich stehen geblieben, aber ich erinnere mich nicht.  

Ich bin weitergegangen und habe über das Klavier nachgedacht, auf das ihr Sohn nun in München verzichten muss. Wird es ihm fehlen oder ist er froh, eine Zeit lang nicht mehr üben zu müssen? Wie bitte? Nein, ich weiss es nicht. Es ist eine Annahme. Es könnte sich natürlich auch um ihren Ehemann oder Freund handeln, der Wien ohne Klavier in Richtung München verlassen hat. Beruflich bedingt vielleicht, für ein paar Monate, denn wenn er sie ganz verlassen hätte, wäre sie dann traurig, dass er am neuen Ort kein Klavier hat?

Vieles wäre vielleicht klarer, wenn man wüsste, was die andere Frau ausser Hörweite dazu gesagt hat. Wenn man die Hundezone in Richtung Stadtpark verlässt, geht man die nächsten zweihundert Meter der Akademie für Musik und bildende Künste entlang. Im Sommer und an warmen Herbsttagen sind die Fenster offen und man hört die Studentinnen und Studenten an ihren Instrumenten üben.

Vielleicht war Klaviermusik zu hören, als die beiden Frauen an den offenen Fenstern vorbeigingen, und es hat die traurige Frau zum Weinen gebracht. Hat ihr die andere Frau Trost zugesprochen? Das interessiert hier nicht? Was interessiert Sie denn? Sie stellen so viele Fragen, dass ich nicht weiss, was Sie von mir wissen wollen. Ist das eine Technik von Ihnen? Kommen Sie erst ganz am Ende zu dem, was Sie wissen wollen? Wenn man zermürbt und verwirrt ist und Hundekacke an der Sohle hat?

Ja, ich war mit den Hunden einmal im Innenhof der Akademie. Im Frühjahr. Ist ja nicht verboten. Und die Hunde waren angeleint. Ich bin durch dasselbe Tor wieder rausgegangen, wie ich eintrat, weil ich auf dem ganzen, riesigen Areal der Akademie keinen anderen Ausgang gefunden habe. Es gibt sicher einen, aber ich habe ihn nicht gefunden. Stattdessen ist mir ein Vers aus den Rubaiyats von Omar Khayyām in den Sinn gekommen, in der Übersetzung von Fitzgerald:  Myself when young did eagerly frequent doctor and saint, and heard great argument about it and about: but evermore came out by the same door as in I went. Ja, ich kann das auswendig. Nicht die ganzen Rubaiyat, aber einige.

Woher wissen Sie, dass ich im Innenhof der Akademie war? Natürlich – die Kameras. Überall  Überwachungskameras. Und die Hundezone – ist das der blinde Fleck? Müssen Sie mich deshalb all diese Dinge fragen? Oder ist das alles aufgezeichnet, wie ich (meine Gattin und ihre Tochter mit dem Kinderwagen ein paar Schritte hinter mir) mit unseren Pudeln zwei Frauen kreuze, und die eine, ich glaube sie war die ältere der beiden, sagt zur anderen: „Ich bin schon ein Bisserl traurig“ und kurz darauf: „Er hat in München kein Klavier“?

Wieso fragen Sie mich dann all diese Dinge, wenn sie alles schon wissen? Geht es darum, ob ich die Wahrheit sage? Oder wo ich davon abweiche? Oder geht es gar nicht um mich, sondern um eine der beiden Frauen? Sind es Spioninnen, von denen es ja in Wien nur so wimmeln soll, und „das Klavier nicht haben“ ist ein Code für etwas ganz anderes?  Sind Spioninnen traurig, oder ist das auch ein Code? 

Diese Befragung dauert nun bereits geschlagene drei Stunden, meine Herren. So lange haben nicht einmal meine Sicherheitsprüfungen als Botschafter gedauert. Da war übrigens immer eine Frau dabei. Es ist kaum zu glauben, dass in ihrem Ausschuss nur Männer sitzen. Heutzutage.

Wenn Sie herausfinden wollen, ob ich Kontakte zu Spionen pflege, ob ich am Ende selber einer bin, oder zumindest war, kommen Sie damit reichlich spät. Nein, jetzt rede ich. Sie wollten mich doch zum Reden bringen. Als ich 1994 den Iran in Richtung Washington verliess, wo ich 4 Jahre als Kulturattaché tätig war, machte in Teheran sofort das Gerücht die Runde, ich sei ein amerikanischer Spion. Ich bin sicher, es ist auch bis zu Ihnen gelangt.  Warum haben Sie damals nicht nachgehakt? Weil es lächerlich war? Das war es tatsächlich. Und ist es noch heute.

Es gibt Dinge, für die gibt es keine Erklärung. Auch von mir nicht. Da können Sie noch drei Stunden weiterfragen. Die Frau ist ein Bisschen traurig, weil der Mann in München ohne (s)ein Klavier auskommen muss, die Akademie für Musik und bildende Künste hat nur einen Ein- und Ausgang, die Hundezone zwischen der Neulinggasse und dem Stadtpark ist ein beliebter Treffpunkt für Spioninnen und Spione, die sich im Vorübergehen Codes zuraunen, und ich erkläre diese Befragung jetzt für beendet.

(Postscriptum: Um sicher zu sein, dass das Konzert von Louis Armstrong im Zürcher Kongresshaus wirklich im Jahr 1955 stattfand, habe ich es gerade gegoogelt.  Es hat heute vor 68 Jahren stattgefunden, am 7. November, 1955. Und es hat um 20:15 Uhr begonnen. Genau jetzt. Ich muss mich beeilen, wenn ich noch zu spät kommen will.)

Das achte Land oder der wahre Grund meiner Pensionierung

1. November 2023

Ein Wohnort unterscheidet sich von einem Aufenthaltsort insofern, als man sich an einem Aufenthaltsort aufhalten kann, ohne gleich dort wohnen zu müssen, während man an einem Wohnort seinen Lebensmittelpunkt haben sollte, weil man sonst Probleme mit den Steuerbehörden kriegen kann.

Es reicht zum Beispiel nicht, eine Adresse in Obermumpf zu haben, oberhalb von Mumpf im nördlichen Kanton Aargau, um behaupten zu können, man wohne in Obermumpf, wenn man sich dann praktisch nie in Obermumpf, sondern meistens im oberen Calancatal, einem Seitental des Misox, oder in Monaco aufhält.

Wobei ich nicht einsehe, warum jemand in Obermumpf ein Haus kaufen würde, das bis vor drei Jahren nicht nur nebelfrei (im Gegensatz zu Mumpf, wo man sich im Herbst von Haus zu Haus tastet), sondern noch erschwinglich war, und es dann für viel Geld renovierte (Sonnenkollektoren im Keller und ein WC mit Luftwärmepumpe), wenn er dann doch nie dort wäre. Was ist so besonders an Monaco?

Bei Diplomaten ist der Lebensmittelpunkt eine unstabile Angelegenheit. Er verschiebt sich im Vierjahreszyklus auf der Weltkarte. Gegen Ende eines Einsatzes, etwa ein halbes Jahr vor dem Transfer, verabschiedet sich der gefühlte Lebensmittelpunkt dann vom Wohnort und macht sich auf zum neuen Dienstort.

Anders sieht es am Ende der beruflichen Laufbahn aus. Erhält man nach bestandener Eitrittsprüfung eine Anzahl Tickets an noch nicht feststehende Dienstorte im Ausland, sind diese am Ende der Karriere aufgebraucht und es stellt sich die Frage: wohin nun?  Zurück in die Heimat? OK! In welche?   

Ich zähle in meinem Kopf (ich will Ihren nicht damit belasten) die Länder auf, in denen ich gelebt habe, und ich komme auf sieben. Sonderbar, es waren gerade noch acht. Ich kann mich klar und deutlich hören, wie ich gestern Abend einem Gast antwortete, der mich nach meiner Ankündigung, ich würde nach 35 Berufsjahren bald in Pension gehen, nicht nur gefragt hatte, wo ich in Zukunft leben würde, sondern auch, wo ich bisher gelebt hätte.

„Ich habe in 8 Ländern gelebt“, antwortete ich, und begann damit, sie aufzuzählen (auf einer 1987 beginnenden Zeitachse, da eine alphabetische Aufzählung wenig Sinn macht). Seine Neugier, sofern es denn Neugier war und nicht, wie ich vermute, Konversation, war beim fünften Land gestillt und er unterbrach meine wie immer viel zu ausschweifenden Ausführungen mit dem Ausruf: „Aahh, Tel Aviv! Da habe ich einmal…“.

Bei diesem Stichwort gesellte sich meine Frau zu uns und steuerte das Gespräch von Tel Aviv zum Krieg in der Ukraine, wo ich nie auf Posten war, womit meine Aufzählung unvollendet blieb, was, wenn ich es mir überlege, praktisch immer der Fall ist, wenn ich sie in Gesellschaft beginne. Meistens bleibt eine Zuhörerin oder ein Zuhörer in einem Land hängen und ich muss sie später evakuieren. Die Frage, wo ich in Zukunft leben werde, blieb so im Raum stehen.   

Ich bin mir sicher, es waren acht Länder, nicht sieben. Ist mir eines abhandengekommen? Habe ich es glatt vergessen oder verkauft, um mir mit dem Erlös doch noch eine Wohnung in Zürich kaufen zu können? Man kann eine zutreffende Äusserung, wenn sie einen wirklich trifft, verinnerlichen. Aber kann man Erinnerungen veräussern?

Wenn ja, welches Land hätte ich verkauft? Eines, an das ich schlechte Erinnerungen hatte, oder dasjenige, welches am meisten einbrachte? Überwiegend schlechte Erinnerungen habe ich an keines der Länder, in denen ich lebte. Jedenfalls nicht an eines, an das ich mich noch erinnere, woraus man nun den Schluss ziehen könnte, dass ich das achte Land genau aus diesem Grund verkauft und vergessen haben könnte.

Der höchste Erlös war kaum das entscheidende Kriterium, da die USA und Deutschland noch auf meiner Liste sind und ich mir kaum ein Land vorstellen kann, das beim Verkauf mehr einbringen würde, während Frankreich heute wegen der ständigen Unruhen keiner mehr will. Oder war ich in China und habe China verkauft? An die Chinesen?

Eine Wahrsagerin hatte mir 1996 in Washington prophezeit, ich werde in China Wichtiges für mein Land tun. Habe ich China für die Schweiz verkauft wie andere ein Generalkonsulat schliessen? Oder später in Ankara unter dem Ladentisch? „Schauen Sie jetzt nicht in die offene Schublade, aber ich habe eine absolute Rarität für Sie. Ein Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern. Es ist zusammengefaltet und ich kann es hier nicht aufklappen, aber es ist in tadellosem Zustand und ich mache Ihnen einen guten Preis.“

Ich gehe die Kontinente durch, Land für Land, und stelle fest, ich finde auch da nicht mehr alle. Europa und die drei Amerikas kriege ich noch zusammen. Australien und Neuseeland sind einfach, Asien scheint mir, rasch und aus geringer Höhe überflogen, ziemlich vollständig vorhanden (gib oder nimm ein paar Inseln), während Afrika südlich der Sahara blinde Flecken hat.

Dann sitze ich in meinem zu grossen Anzug im Zug von Zürich nach Bern und lerne vor der diplomatischen Eintrittsprüfung die Hauptstädte der Welt auswendig, obwohl das später nie jemand wissen wollte. Auf der Vorderseite des A4-Blatts eine Weltkarte mit Nummern, auf der Rückseite eine Liste mit den Hauptstädten. Ouagadougou.

Im Calancatal war ich zum letzten Mal als Gymnasiast. Ich wanderte mit einem später früh verstorbenen Schulfreund und seinem belgischen Schäferhund Zigano das Tal hoch. Zigano war ein lebhaftes, fröhliches Tier. Ja, ich denke, Hunde können fröhlich sein. Obwohl ihn Äste, Kastanien und Tannzapfen auch interessierten, hatte Zigano am liebsten, wenn man ihm Steine warf. Ich sehe sie auf der Strasse aufprallen und wie er sie im Flug fängt, bevor sie wieder landen. Mir taten seine Zähne leid.  

In Monaco war ich in meinem Leben bisher zweimal und ein drittes Mal muss nicht sein. Einmal mit Freunden an einem Fussballspiel, an dem sich die Einwohner der fünf Gemeinden des Calancatals im Gästesektor verloren, und ein zweites Mal Jahre später auf einer Reise durch Südfrankreich mit meiner zweiten Frau. Es war schwierig einen Parkplatz zu finden, und die Reisebusse aus dem Graubünden verstopften noch immer die engen Strassen auf dem Weg nach der Ausfahrt. Nicht einmal Jody Scheckter hätte überholen können.   

Ich weiss, es klingt dumm. Natürlich müsste ich mich an mein achtes Land erinnern, China hin oder her. Erstaunlicherweise weiss ich noch, dass ich da unbedingt hinwollte. Ich schrieb diesbezüglich sogar meinem Aussenminister, was ich sonst nie tat. Und jetzt ist es spurlos verschwunden und er längst zurückgetreten. Ich muss mich entscheiden, ob das seltsam oder sonderbar ist.

Ungeklärt sind bis heute auch die Umstände meiner Pensionierung. Das Erreichen der Altersgrenze halte ich für einen Vorwand. Vielleicht bin ich untragbar geworden aus Gründen, die mit meinem Einsatz im achten Land zusammenhängen. Oder hat meine zunehmende Vergesslichkeit den Ausschlag gegeben? Dass mir der Lebensmittelpunkt abhandengekommen ist? Oder war es das Ergebnis der letzten Sicherheitsüberprüfung? Zu viele Parkbussen in Monaco?  Dass ich einem Hund Steine warf anstatt Stöcke?

Was auch immer den Ausschlag gegeben hat, es interessiert mich nicht mehr. War es mein fehlender Ehrgeiz? Dass ich mich nie für den Posten als Staatssekretär beworben habe? Galt es von Anfang an als ausgemacht, dass meine Aufnahme ins Corps ein Fehler war und ich beim ersten Anzeichen des Erreichens des Pensionsalters in die Wüste geschickt würde? Namibia? Windhoek!   

Man kann nicht alles behalten

4. Oktober 2023

(ein windiger Tag in Wien)

Man kann nicht alles behalten. Mein Bruder und ich haben die Möbel meiner Eltern (die meisten selbst gemacht wie ihr Tod) eines nach dem andern auf den Balkon ihrer Wohnung im dritten Stockwerk ihres Mehrfamilienhauses geschleppt und über das Geländer gehievt. Sie sind unten auf der Wiese krachend in die Brüche gegangen und es ist zu lange her, als dass ich noch wüsste, wer den meterhohen Trümmerhaufen am Ende beseitigt hat. Jedenfalls hatten wir Glück, dass niemand erschlagen wurde.  Vielleicht haben wir ja auch bei jedem Möbelstück laut gerufen, bevor wir es losgelassen haben: „Achtung, fliegendes Sofa!“, „Achtung, fliegender Schreibtisch!“, „Achtung, fliegendes Bett!“. Ich weiss es nicht mehr. Man kann nicht alles behalten. Auch im Gedächtnis nicht.

Getroffen wurde jedenfalls niemand. Auch vom eisernen Bücherbaum nicht, einem Spätwerk meines Vaters, der grün bemalt und unlackiert im Schlafzimmer meiner Eltern in einer Ecke stand.  Er trug zwar nicht sehr viele Bücher, hätte mit seinem Eigengewicht aber leicht jemanden erschlagen können. Ich habe viele Bücher aus der Bibliothek meines Vaters behalten, aber sie war so umfangreich, dass wir die Bücher gleich regalweise entsorgt haben.  Darunter einige, die ich heute gerne zurückhaben würde.

Ein paar wenige habe ich unterdessen antiquarisch wieder gekauft. Zum Beispiel vier Paperbacks von Don Martins „Fester and Karbunkle“ aus den 60er und 70er Jahren. Ich habe sie immer geliebt und ich kann mir nicht erklären, was mich damals geritten hat, sie nicht zu behalten.  Nur schon “The Motor Trip“ in „Don Martin Steps Out“ wäre Grund genug gewesen, diese paar Taschenbücher zu behalten.

Fester zu Karbunkle: „You know what’s fun when you’re driving up a hill like this, Karbunkle? Pretend it’s not a hill but the edge of a cliff, and we’re going to fly off into space.” Sie fahren den Hügel hoch und kommen über die erste Kuppe „Weeeee-ah – ha ha ha!“, dann den Hügel runter und den nächsten Hügel hoch, bis sie auf der zweiten Kuppe frontal in eine bemalte Mauer krachen.

Frontal in die Mauer oder über das Kliff ins Weltall: Fester und Karbunkle haben überlebt. Das Zentralverzeichnis Antiquarischer Bücher ist eine geniale Erfindung. Man findet alles, meist in mehreren Exemplaren. Nur das Kinderbuch Tupfi habe ich nur einmal und danach bis heute nicht mehr gefunden. Ich hatte das damals einzige auf ZVAB auffindbare Exemplar vom getupften Hasen, der in einer Familie von weissen Hasen aufwächst, bei einem Antiquar in Aachen bestellt. Ein paar Tage später meldete er sich zerknirscht und bedauerte, sich geirrt zu haben. Er hätte das Buch bereits verkauft und nicht aus dem Verzeichnis genommen. Wenn er wieder eines erhalten würde, würde er sich bei mir melden. Seither warte ich auf Tupfi.  

Eine glücklichere Hand hatte ich, als ich die beiden Gedichtbände von Ogden Nash behielt. Wie glücklich, merkte ich allerdings erst letztes Jahr, als ich beim Blättern auf eine Zeile stiess, die seither auf der Liste der Lyrik-Zeilen, die ich zuletzt vergessen möchte, ganz oben steht: Der Wind kann auf kurzer Distanz längere Zeitspannen überbrücken

Heute ist nach ein paar Tagen schwüler Hitze, die nur schwer zu ertragen war, ein sehr windiger Tag in Wien, und wahrscheinlich deshalb hat es mich, als ich mit den Hunden spazierte, ihre Schnauzen im Wind und ihre Ohren flatternd am Hals, zurückgetragen bis in den Sommer 1987, als neun Monate nach meiner Mutter auch mein Vater starb.   

Ich erinnere mich an vieles aus jenen dunklen Tagen, und ich befürchte, dass es selber Erlebtes ist, auch wenn ich es so lieber nicht erlebt hätte. Der selbst nicht mehr junge Ich-Erzähler in Lars Gustafssons „Die Sache mit dem Hund“ sagt am Ende des 5. Kapitels, er habe festgestellt, dass die alten Männer, wenn sie im Country Club von ihren Erlebnissen im 2. Weltkrieg erzählten, Episoden der schwarzweissen Dokumentarfilme nacherzählten, die in endlosen Wiederholungen auf dem pädagogischen Kanal 9 gezeigt würden, und glaubten, sie hätten sie selber erlebt.   

Es ist bestimmt nicht immer einfach, klar und zweifelsfrei zwischen selber Erlebtem und allem andern zu unterscheiden, was man über die Jahre gelesen, gesehen und gehört hat. Gut gelesen ist fast wie selber erlebt. Und in vielen Filmen kommen wir selber vor, wenn auch die Stimme schludrig synchronisiert ist.

Auch das wirklich selber Erlebte (in Abgrenzung von der nicht selber erlebten Wirklichkeit) ist, wenn wir uns Jahrzehnte später daran erinnern wollen, längst nicht mehr das, was wir einst erlebt haben. Manchmal gleicht es sich kaum noch. Das Gedächtnis ist nicht sorgfältig damit umgegangen. Hat wie ein unbeaufsichtigtes Kind, dem langweilig war, daran herumgebastelt. „Um Himmels Willen, das war meine liebste Erinnerung – wie sieht das jetzt aus! Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst die Finger von diesen Erinnerungen lassen.“  

Die Schwester meiner Frau hat mir bei unserem letzten Besuch ein Spielgerät in die Hand gedrückt, bei dem es darum geht, die beiden ineinander verhakten Holzteile voneinander zu trennen., ohne Gewalt anzuwenden.  Der Trick dabei ist, dass man das Ding wie einen Kreisel um die eigene Achse drehen muss, damit sich die Stäbchen, die in den Hohlräumen die beiden Holzteile zusammenhalten, durch die Zentrifugalkräfte zu deren Enden hinbewegen und die Holzteile freigeben.   

Wer weiss, Vielleicht funktioniert auch das Gedächtnis so. Man müsste nur die Gedanken so schnell um ein Zentrum kreisen lassen, bis sich die Erinnerung an das selber Erlebte am Rande sammelt und alles andere, was nicht das Gewicht des selber Erlebten hat und nur den Anschein machen will, selber erlebt worden zu sein, trudelt ins Zentrum und fällt dem Vergessen anheim.   

Von der Rückseite betrachtet wohnten meine Eltern übrigens im zweiten Stockwerk des am Rande von Zürich an den Hang gebauten Hauses, nicht im dritten. Aber da wird man keinen Balkon finden. Nicht einmal wenn man im Zentralverzeichnis aller Gedächtnisse danach suchen könnte.