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Fetter Junge, dünne Tante

15. März 2025

(Abschied nehmen)

Es gibt ein Bild, es ist noch kein Jahr alt, auf dem man meine Tante in unserer damals gerade frisch bezogenen Wohnung in Regensdorf (Manhattan) in unserem Fat Boy sitzen sieht, einem breiten, schwarzen Fauteuil, in dem es sich superbequem fernsehen, lesen oder auch einfach nur dösen liess und den man mit einem Hebel umlegen und darin wunderbar ein- und weiterschlafen konnte. Meine Tante, früher eine füllige Person, der wir als Kinder auch mal den Spitznamen «Tanti Fanti» gegeben hatten, sieht im grossen Sessel klein und leicht aus, wie ein freudig strahlendes Murmeltier oder ein Klippschliefer, die ja mit den Elefanten nahe verwandt sein sollen.  

Wir hatten den Fat Boy aus Ankara nach Wien und von da in die Schweiz mitgenommen. Er stand mit seinem Bruder im Wohnzimmer, als wir zum ersten Mal in die Wohnung im ersten Stock der Residenz der Schweizer Botschaft am Atatürk Bulvari in Çankaya traten. Dumm, wie ich manchmal bin, wollte ich beide Fat Boys nicht in meinem neuen Wohnzimmer. Die Vorstellung, wie viele Botschafter und ihre Frauen sich bereits in den Sesseln geräkelt hatten, war abstossend für mich. Zum Glück bestand meine Partnerin und spätere Frau darauf, wenigstens einen Fat Boy zu behalten. „Du musst ja nicht darauf sitzen“, sagte sie. „Es wird mein Sessel sein.“  

Natürlich wurde es dann bald einmal mein Sessel, weil er einfach zu bequem war, um sich von der eingebildeten Erinnerung an alt Botschafter und ihre Gattinnen daraus vertreiben zu lassen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir natürlich mein Vater in den Sinn, wie er sich ein paar Wochen lang weigerte, auf das neue Sofa zu liegen, das meine Mutter aus ihrem eigenen Geld gekauft hatte, ohne ihn zu fragen. Mein Vater sah nicht ein, weshalb man etwas entsorgen sollte, wenn es noch zu gebrauchen war. Ein paar Wochen später legte er sich dann nach dem Abendessen auf das neue Sofa, als wäre nichts gewesen.

Als es klar wurde, dass der Fat Boy mein Sessel geworden war, bat meine Frau den Hausmeister der Botschaft, er solle doch bitte den anderen Fat Boy aus dem Keller holen und ihn in unser Wohnzimmer zu seinem Bruder bringen, aber es stellte sich heraus, dass ihn die unterdessen transferierte Kanzleichefin einer vor ihr in die Schweiz zurückgekehrten Kollegin geschenkt hatte, was sie eigentlich gar nicht durfte, denn es handelte sich um Mobiliar des Bundes. Erst kurz bevor wir Ankara in Richtung Wien verliessen, wurde es möglich, altes Mobiliar aus der Residenz zu kaufen, da die zukünftigen Botschafter ihre Privaträume in den Residenzen selber möblieren durften. Es tat mir natürlich Leid, dass ich verantwortlich für die Trennung der beiden Brüder war, aber ich konnte es nicht mehr ändern. Alles, was ich noch tun konnte, war, meiner Frau ab und zu den Fat Boy zu überlassen.

****

Aus dem Zentrum von Höngg, wo ich aufgewachsen bin, führt die Regensdorferstrasse, so weit so gut, direkt nach Regensdorf. Leicht befremdend ist lediglich, dass man sich, wenn man kurz nach dem Restaurant Grünwald aus dem Wald kommt und  Regensdorf sehen kann, nicht mehr auf der Regensdorferstrasse, sondern auf der Hönggerstrasse befindet. Sollte man wenden?

Als wir von Wien nach Regensdorf zogen, hiess das auch, dass unser Wohnzimmer anstatt sechzig plötzlich nur noch zwanzig Quadratmeter gross war. Als wir das erste Mal von Höngg aus kommend mit dem Wagen aus dem Wald kamen, sagte ich zu meiner Frau mit Blick auf die alten und gerade neu entstehenden Hochhäuser: Manhattan!

Alles in Regensdorf, auch unser Wohnzimmer, ist lediglich etwas kleiner, aber sonst fast wie in Manhattan. Mit unseren beiden Sofas, einem Kasten, einem Beistelltisch, einem TV-Möbel und zwei türkischen Heiratsboxen war unser Wohnzimmer bereits voll, mit dem Fat Boy klar übermöbliert. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis wir uns dazu durchringen konnten, uns von unserem Fat Boy zu trennen. Natürlich hätten wir auch eines der eben erst in Wien gekauften teuren Sofas weggeben können, und vielleicht hätten wir genau das tun sollen, aber es schien uns wenig Sinn zu machen.

So fiel das Los auf unseren Fat Boy, und meine Frau gab ihn schweren Herzens im Nachbarschafts-Chat zur Adoption frei. Am Abend des 13. März kam ihn dann ein junges Paar aus der Nachbarschaft abholen und wir waren froh, dass er, anstatt auf der Müllhalde zu landen, eine sympathische neue Familie gefunden hatte. Am Tag danach erreichte uns zuerst eine Whatsapp-Meldung des jungen Paars, wie glücklich sie mit dem superbequemen Fat Boy seien, dann die Kurzmitteilung meines Bruders, dass unsere Tante um die Mittagszeit friedlich eingeschlafen sei.

Meine Frau und ich hatten sie vor drei Wochen noch zum Mittagessen in ein Restaurant in Höngg ausgeführt, wo sich der Kellner sehr gefreut hatte, sie wiederzusehen. Kurze Zeit später hatte sie einen Hirnschlag und wurde ins Spital eingeliefert. Als mein Bruder und ich sie besuchten und ihr nach einem Gespräch mit den Ärzten mitteilten, sie würde am folgenden Tag entlassen und dürfe in ihr eigenes Zimmer im Pflegezentrum in Höngg zurück, wusste sie nicht mehr, dass sie die letzten fünf Jahre dort verbracht hatte. «Ich will nachhause» sagte sie, «Gehen wir jetzt?»   

Zurück im Pflegeheim begann dann die palliative Pflege. Das erste Mal, als meine Frau und ich sie besuchten, konnte man noch mit ihr kommunizieren, obwohl sie nicht mehr viel sagte. «Sprecht nur,» sagte sie ab und zu, «Ich kann euch hören.» Beim nächsten Besuch sprach sie kaum noch. Zu Beginn des Besuchs richtete sie sich im Bett auf, schaute meine Frau an, und sagte zu Ihr «I love you!» bevor sie wieder in den Nebeln der Opiate versank. Später sagte sie noch «Es nimmt mich einfach» und gegen Ende unseres Besuchs noch ein Mal: «Es nimmt mich einfach». Zwischendurch griff sie mit ausgestreckten Armen in die Luft, als wollte sie etwas fangen.

Bei unserem letzten Besuch am Donnerstag, am Tag bevor sie starb, dämmerte sie nur noch vor sich hin, die Augen einen Spalt weit geöffnet, die immer länger werdenden Atempausen von einem unruhigen, mühsamen Ringen um Luft unterbrochen. Uns war klar, dass das unser Abschiedsbesuch sein würde. Wir sprachen wenig auf der Heimfahrt. Als wir aus dem Wald kamen, brannten in Manhattan bereits die Lichter.

Obwohl ich vorbereitet war, musste ich am Freitag, als ich meiner ältesten Tochter, die es gerade noch geschafft hatte, am Vormittag von ihrer Grosstante Abschied zu nehmen, mitteilte, sie sei nun gestorben, weinen. Als wäre ihr Sterben erst real geworden, als ich es aussprach.

Meine Tante wollte gehen, und ich wusste, dass dieses Gehen (oder genommen werden?) unmittelbar bevorstand, trotzdem überkam es mich. Im Fleischli in Rümlang, bei Kaffee und einem Stück Osterkuchen. Mein Frau legte ihren Arm um mich und die Hunde schauten mich verwundert an.

Heute ist Samstag. Ich habe einige Dinge entsorgt und einen langen Spaziergang mit den Hunden gemacht, bei dem sie auf einer Wiese neben dem Fussballplatz frei rennen konnten. Zum Abendessen hat meine Frau Filet und Reis zubereitet. Nun stehe ich an meinem PC und habe gerade Ben Gurion das Gesicht gewaschen und ihm die Sonnenbrille gereinigt. Zu viele braune Ringe von meinen Kaffeetassen auf dem Untersatz mit seinem von der Illustratorin Amit Shimoni gemalten Pop-Art Brustbild. Ben Gurion trägt ein pinkes Hemd mit kleinen Ananas, vermutlich mit kurzen Ärmeln (man sieht das auf dem Untersatz nicht mehr), er hat schlohweisses Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Der Hintergrund ist gelb.

Was es sollte

27. Januar 2025

„Was soll das?“, fragte Jossi, zeigte mit der offenen Hand auf das Schachbrett und schaute Avitai entgeistert an.

Es war 9 Uhr. Zwei Tassen Kaffee, eine links und eine rechts, und ein Aschenbecher (rechts) standen neben dem Schachbrett, Jossi hatte sich seine erste Zigarette angesteckt und nach einem ersten tiefen Zug, gefolgt von einem Hustenanfall, in den Aschenbecher geklemmt, wo sie verglühen und verlöschen würde, und Avitai hatte die erste Partie des Tages, die sie auf dem kleinen, runden Blechtisch vor Jossis Laden spielten, gerade mit d2-d4 eröffnet.   

Seit nun bald 20 Jahren kam Avitai, der in Ramat Gan gleich an der Grenze zu Givataim wohnte, („Ich bin kein reicher Ladenbesitzer wie Du, ich kann mir Givataim nicht leisten.“) jeden Morgen kurz vor 9 Uhr zu Fuss nach Givataim, an die Shenkin Strasse, wo Jossi bei seiner Ankunft bereits den Klapptisch und die Stühle aufgestellt und auf der Herdplatte in seinem Laden den Kaffee aufgebrüht hatte („Du willst nur Steuern sparen, Du alter Geizhals. Wohnst in Ramat Gan und wo treibst Du Dich den ganzen Tag rum? In Givataim!“).

Die beiden alten Männer, die sich seit ihrer frühen Kindheit kannten, spielten jeden Tag zur selben Zeit die exakt gleiche Partie, die mit der italienischen Eröffnung begann. Avitai liess seinen Bauer von e2 auf e4 vorrücken, worauf Jossi mit einem Bauernzug von e7 nach e5 antwortete. Als Nächstes wurden die Pferde bewegt, die auf ihren Feldern schon unruhig scharrten und schnaubten:  Avitai rückte mit seinem Springer von g1 auf f3 vor und Jossi bewegte im Gegenzug seinen Springer von b8 nach c6, wie es beim Giuoco piano vorgesehen war, das sie, des Italienischen beide nicht mächtig, Schokopiano nannten.

Die Partie ging mit dem ersten Auslauf der beiden Läufer weiter (f1-c4 und f8-c5) und mündete nach den exakt gleichen Zügen und ohne dass dabei ein einziges Wort gesprochen worden wäre nach einer gute halben Stunde – ausser wenn die Partie von einem Kunden unterbrochen wurde, was am Vormittag kaum je der Fall war, dann dauerte es ein paar Minuten länger – in ein Patt, weil Avitai seinen König nicht mehr bewegen konnte, ohne sich ins Schach zu begeben. „Hab‘ ich Dich!“ sagte Jossi dann, und beendete damit die morgendliche Stille, und Avitai räusperte sich und antwortete: „Hast Du eben nicht!“

Danach spielten sie eine zweite und nach der zweiten eine dritte Partie, oft wurden es sechs oder sieben Partien bevor die Sonne unterging, wobei einmal Avitai gewann, dann wieder Jossi, nur selten gewann einer zwei Partien hintereinander, und Unentschieden gab es den ganzen Tag keines mehr, obwohl nur diese in die Wertung kamen. Der Spielstand, nach jedem Unentschieden von Jossi säuberlich mit einem kurzen Bleistift in ein kleines Notizbuch eingetragen, lautete mittlerweile 2561:2561.

Sieben Jahre war es nun her, seit Udi gestorben war. Seit sieben Jahren stand Udis Klappstuhl nun in Jossis Laden an der Wand, und als der Postbote ihn einmal aufgeklappt hatte, um ein Paket mit fragilem Inhalt darauf abzustellen, hatte ihn Jossi so zusammengestaucht, dass er sich seither weigerte, ihm die Post zu bringen. Er deponierte sie stattdessen im Kiosk auf der anderen Strassenseite („Das ist für den Wüterich“), wo Jossi sie einmal pro Woche abholte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er warte darauf.  Auch wenn sich Jossi entschuldigt hätte (was er weder vorhatte noch je tun würde): der Postbote war unversöhnbar und die Post blieb dauerhaft umgeleitet.

Udi war mit Abstand der beste Schachspieler von den drei Freunden. Er war es, der Jossi und Avitai das Schachspielen überhaupt erst beigebracht hatte. Sie wussten zwar, wie man die einzelnen Figuren bewegt, aber Udi konnte Schach spielen. Einmal, so will es die Legende, als er noch jung war, soll er es bis in die zweitletzte Runde der israelischen Schachmeisterschaft geschafft haben. Ob er es noch weiter, vielleicht sogar bis zum Titel des israelischen Meisters hätte bringen können, lässt sich nicht sagen. Udi sei, so erzählt es Jossi, am Tag der zweitletzten Runde nicht mehr zum Turnier in Tel Aviv erschienen, und niemand werde je wissen, warum, während Avitai meint, es zu wissen. Udi sei der drohenden Niederlage ausgewichen, behauptet er, das, und nichts anderes, sei der Grund für sein Fernbleiben gewesen.

Als sie eines Tages wieder zu dritt vor Jossis Laden kalten Kaffee getrunken und geraucht hatten, hatte Udi gesagt: Warum spielen wir eigentlich nicht eine Partie Schach? „Schach ist für zwei“, hatte Avitai geantwortet, und Jossi hatte angefügt: „Das kann ich nicht.“ Aber Udi liess nicht locker.  Am nächsten Tag brachte er ein Schachbrett samt Figuren mit, und so kam es, dass er ihnen die verschiedenen Eröffnungen zeigte, wie man Angriffe durchschauen und Fehler vermeiden, Opfer bringen und den Gegenspieler übertölpeln oder auskontern konnte, und wie sich ein Endspiel erfolgreich gestalten liess.

„Schachspielen ist definitiv besser als Herumsitzen, Rauchen und Kaffeetrinken“ sagte Jossi eines Morgens, als das Schachspiel bereits zu einem festen Teil ihres Tages geworden war, man könnte auch sagen zum wichtigsten und eigentlich einzigen Inhalt ihrer Tage (was hatten sie bloss vorher gemacht?), und wie er es sagte, war es ein Dankeschön an Udi, ohne dass er danke sagen musste. Die Spiele folgten der einfachen Regel, dass der Sieger am Brett blieb, was nichts anderes bedeutete, als dass Jossi und Avitai abwechslungsweise gegen Udi spielten und der andere musste zuschauen und die Klappe halten.

Als Udi an Leberkrebs erkrankte und nach wenigen Wochen starb, waren Jossi und Avitai verloren. Am Tag nach der Beerdigung sassen sie vor Jossis Laden am Blechtisch, vor ihnen Udis leerer Stuhl und das Schachbrett mit den wartenden Figuren. Keiner sprach ein Wort. Gegen Ende des Vormittags stand Jossi auf, klappte Udis Stuhl zusammen und trug ihn in den Laden, wo er bis zur unbedachten Aktion des Postboten und auch danach wieder unberührt in einer Ecke stand.

„Was machen wir nun?“ fragte Avitai mit brüchiger Stimme, als sich Jossi wieder hingesetzt hatte. „Ich weiss es nicht“, antwortete Avitai. Und nach einer kurzen Pause: „Wieder nichts wahrscheinlich, wie vorher.“ Eine Frau ging am Tisch vorbei und trat in Jossis Laden. Nach einer Weile erschien sie wieder im Eingang mit einem alten Kerzenständer aus fleckigem Messing.
„Was wollen Sie dafür?“
„Nichts“ sagte Jossi, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Die Frau schaute Avitai, der den Eingang zum Laden in seinem Blickfeld hatte, fragend an.
„Sie haben ihn gehört“, sagte Avitai, „Nehmen Sie das Ding und gehen Sie.“
„Im Ernst…? Danke…“ sagte die Frau. Und verschwand mit dem fleckigen Kerzenständer in Richtung Weizmann.

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Jossi, als die Frau ausser Sichtweite war. „Entweder wir hören mit dem Schachspielen auf, oder die erste Partie des Tages gehört Udi.“
„Wie meinst Du das?“
„Wir spielen zuerst ein rituelles Unentschieden. Jeden Tag genau dieselbe Partie. Eröffnung mit dem Schokopiano und dann weiter bis zum Patt, mit den exakt gleichen Zügen, bis Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Das spielen wir für Udi. Jeden Tag. Das schulden wir ihm.“

Und das taten sie dann auch. Jeden Tag, sieben Jahre lang. Die immer gleichen Züge. Avitai mit seinem Bauern von e2 auf e4, Jossi mit seinem von e7 nach e5, dann die Pferde, dann die Läufer, wie das beim Schokopiano eben vorgesehen war. Und nun, nach sieben Jahren ritueller Unentschieden, also dies: Avitai eröffnete mit d2-d4!

„Was soll das? Was machst Du da?“ entfuhr es Jossi.
„Ich eröffne die Partie“ antwortete Avitai ruhig.
 „Aber doch nicht so“ ereiferte sich Jossi. Er nahm Avitais Bauern, setzte ihn zurück auf d2 und fuhr stattdessen mit dessen Bauern von e2 auf e4. „So geht das“ sagte er dabei, und als er den Bauern auf e4 abgesetzt hatte, griff er zur glühenden Zigarette und nahm tatsächlich einen zweiten Zug.

                                           ***

Am nächsten Morgen sass Jossi vor seinem Laden am Schachbrett. Es war bereits viertel nach 9, aber Avitai war nicht gekommen. Als er auch um 10 noch nicht erschienen war, ging Jossi, der kein Mobiltelefon besass, in den Laden und rief Avitai an, aber Avitai antwortete nicht. Auch am nächsten Tag erschien Avitai nicht zum Schach, und Jossi begann sich Sorgen zu machen.

Als Avitai auch am vierten Tag nicht erschien und Jossis Anrufe nicht beantwortete, schloss Jossi seinen Laden ab und überquerte die unsichtbare Grenze nach Ramat Gan. Die Haustüre stand offen, damit Passanten bei einem Bombenalarm in den Schutzraum konnten. Jossi ging die Treppen hoch bis ins oberste, dritte Stockwerk und klingelte an Avitais Wohnungstür. Für einen Augenblick meinte er, aus der Wohnung Schritte zu hören, aber er musste sich getäuscht haben. Er klingelte ein zweites und ein drittes Mal, aber die Tür öffnete sich nicht.

Am letzten Tag der ersten Woche nach Avitais Verschwinden überquerte Jossi die Strasse und holte beim Kiosk seine Post ab. Er steckte die drei Umschläge, die ihm der Verkäufer aushändigte, in die Jackentasche und überquerte die Strasse in die andere Richtung. In der Mitte der Strasse blieb er stehen, und erst als mehrere Autos hupten, ging er weiter. Er setzte sich wieder an den Blechtisch vor seinem Laden und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen Zug und behielt die Zigarette vor seinem Mund. Mit der anderen Hand berührte er die drei Briefe in seiner Jackentasche. Er hatte Angst davor, sie vor sich auf den Tisch zu legen. Was, wenn einer von ihnen einen schwarzen Rand hatte?

Als er sich gegen Mittag einen Ruck gab und die Briefe aus seiner Jacke nahm, war er erleichtert. Keiner der drei Umschläge hatte einen schwarzen Rand.  Die ersten zwei enthielten Rechnungen. Der dritte war von Hand adressiert. Er enthielt eine schwarz-weisse Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Strand mit Strandkörben und einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. Auf der Rückseite stand in wackliger Schrift:

Ich habe Schilddrüsenkrebs, ich werde sterben. Mach’s gut, lieber Freund.
Avitai


Jossi schluckte leer. „Das sollte es also bedeuten, als Avitai die Schachpartie falsch eröffnete, dachte er, während seine Hände mit der Postkarte und der Zigarette auf den Blechtisch sanken und ihm Tränen über die Wangen rollten.

                                           ***

PS: Drei Jahre sind unterdessen seit dem Tod von Avitai vergangen. Wenn man an Jossis Trödlerladen vorbeigeht, sieht man ihn wieder am Blechtisch sitzen und mit einem pensionierten Postboten Schach spielen. Die einen sagen, Jossi habe sich nur mit dem Postboten versöhnt, weil ihm der Weg zum Kiosk zu beschwerlich geworden sei. Andere glauben zu wissen, die Initiative zur Versöhnung sei nach dem Tod von dessen Frau vom Postboten ausgegangen, der lernen wollte, wie man Schach spielt.

Vielleicht ist Glück ein Halstuch, das man auf dem Weg verloren hat, und jemand hat es aufgehoben und an einen Gartenzaun gehängt, und wenn man weit genug zurückgehen würde, fände man es wieder (vielleicht ist das auch nur eine zu lang geratene Überschrift)

25. Januar 2025

Es gibt keine verlässlichen Umfragen dazu, aber man darf davon ausgehen, und das tue ich hier, dass wir in einer Welt leben, in der nur noch eine verschwindend kleine Anzahl Menschen weiss, wer Helen Shapiro war, und diese fast ganz aus alten Menschen bestehende, rasch schrumpfende Gruppe ist mittlerweile so klein geworden, dass sie  drauf und dran ist, in absehbarer Zeit ganz zu verschwinden, sang und klanglos, wie man in diesem Kontext sagen könnte. Sie liefert sich dabei ein Wettrennen mit dem Polareis und es sieht so aus, als könnte sie es gewinnen.

Ich wüsste auch nicht, wer Helen Shapiro ist, wäre sie mir nicht vor einem Vierteljahrhundert am Arm von Bob Geldof begegnet. Ich war ziemlich unglücklich damals und nicht gut unterwegs, als mir Helen und Bob auf einem Gehsteig in Ausserholligen Arm in Arm entgegenkamen und singend an mir vorbeigingen. Ich wusste nicht, wer sie waren, was bei Helen Shapiro nichts Ungewöhnliches war, aber auch Bob Geldof erkannte ich nicht, weil er eine Fellmütze trug und den Mantelkragen hochgeschlagen hatte. Sie sangen, als sie mich auf dem mit nassem Schnee bedeckten Gehsteig kreuzten, zusammen ein englisches Lied.  

„Was ist das für ein Lied?“, rief ich Ihnen nach, denn es gefiel mir, und Bob drehte den Kopf und rief über die Schulter zurück: „Walking Back To Happiness.  Es ist von mir. Aber eigentlich ist es von ihr“, worauf Helen lachte und ihn weiterzog.

Ihr Glück musste, obwohl sie mir nicht unglücklich zu sein schienen, irgendwo auf dem Weg verlorengegangen sein, und sie hofften offenbar, es wiederzufinden, wenn sie weit genug zurück gingen. Vielleicht hatte es ja jemand aufgehoben und an einen Gartenzaun oder eine Hecke am Wegrand gehängt, wie das gute Menschen manchmal mit einem Handschuh machen, den jemand fallen gelassen hatte. Sogar weniger gute Menschen könnten das tun, denn niemand kann mit einem einzelnen Handschuh viel anfangen, ausser eine Hand damit zu wärmen, was natürlich nicht nichts ist.

Nun kann man mit Recht sagen, es spiele überhaupt keine Rolle, dass kaum noch jemand weiss, wer Helen Shapiro ist, und wenn das jemand sagt, habe ich dafür Verständnis und kann dem nicht wirklich viel entgegenhalten (ausser vielleicht, dass für viele Menschen wenig wirklich eine Rolle spielt), aber wenn man nicht weiss, wer sie ist (oder war, denn sie ist vor Kurzem verstorben), versteht man auch nicht ganz, warum in Geldofs Version des Songs Nebelhörner dröhnen, während er mit seinem Vater am East Pier steht.

Es ist nicht nur wegen dem Nebel und den Schiffen. Es hat auch damit zu tun, dass Helen Shapiro wegen ihrer tiefen Stimme von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden Nebelhorn genannt wurde. Zwei ihrer Songs sind Anfang der 60er-Jahre an der Spitze der britischen Charts gelandet. Einer davon war Walking Back To Happiness (der andere hiess You don‘t know, aber das muss man nicht wissen). Wissenswerter ist vielleicht, dass bei einem Auftritt der 16-jährigen Helen in Bradford am 2. Februar 1963 die Beatles ihre Vorgruppe waren, aber man kann auch gut leben, ohne das zu wissen.

Man kann gut ohne die Musik von Helen Shapiro leben. Auch ohne die Musik der Beatles kann man leben (was allerdings schade wäre) und ohne die Beatles geht problemlos, sie sind bereits halb verschwunden. Auch Bob Geldof wird verschwinden, lange vor seiner Musik, und die Musik der Beatles (kurz nach der Musik von Beethoven). Alles wird irgendwann der Furie des Verschwindens zufallen, zuerst langsam, dann schnell. Auch ihrem Erfinder, Hans Magnus Enzensberger, ist das 2022 widerfahren. Seine Gedichte lungern noch ein wenig in meinem Kopf herum.

Die Suche nach dem Glück sollte nicht in die Vergangenheit führen. Man kann aus der Vergangenheit nichts, wenn man es noch fände, mitnehmen in die Gegenwart. Glück ist kein verlorenes Halstuch, das jemand aufgehoben und an einen Zaunpfahl gehängt hat. Glück sitzt Dir auf der Schulter, ein Vogel so leicht, man spürt ihn kaum.

Eine kurze Unendlichkeit

4. Januar 2025

Abgesehen vom Gulasch, das nur meine Schwiegermutter so zubereiten kann – und mein Gott, sie hat es gerade wieder getan und sich dabei selber übertroffen -, basiert alles auf Annahmen. Man nimmt an, dass etwas so ist, weil man es so gelernt oder gelesen hat, vielleicht auch nur gehört (und wenn möglich falsch verstanden), bis man eines Tages selber feststellt, dass es doch anders ist, manchmal zum Glück, manchmal leider. Von da an nimmt man an, dass es nun so sei, und nicht mehr anders, und geht davon aus, dass es so bleibt, auch wenn man gerade nicht hinschaut.  

Ben Gurion, Uziel und Haroe sind Parallelstrassen verschiedener Grösse in meinem neuen Universum. Dank Ihnen finde ich mich auf den langen Spaziergängen mit unseren Hunden zurecht, auch wenn ich mein Mobiltelefon nicht dabeihabe. Ben Gurion, Uziel, Haroe – alles andere sind Seitenstrassen.

Ich wurde dank den Hunden, die mich im Auge des Betrachters zum Ortsansässigen machen, auch schon nach dem Weg gefragt und konnte tatsächlich schon einmal Auskunft geben. Od shloshim metrim bne jemina. Noch dreihundert Meter, dann rechts abbiegen. Vielleicht waren es auch nur 200 Meter, aber den Satz hatte ich vom GPS gebrauchsfertig im Ohr.

Ich bin diese drei Strassen, Ben Gurion, Uziel und Haroe, von denen Ben Gurion mit zwei Spuren in jede Richtung die grösste ist, schon in beide Richtungen gegangen, Uziel (am einen) und Ben Gurion (am anderen) sogar bis an ein Ende oder einen Anfang – ich habe nicht auf die Hausnummern geachtet.  

Heute bin ich die Haroe bis an eines ihrer Enden spaziert. Der Plan war, gegen Ende der Strasse in eine Seitengasse einzubiegen, die zur Ben Gurion führt, und dann auf der Ben Gurion zurück in Richtung unserer Wohnung an der Elyashiv. Am besten geht man von der Ben Gurion die Yad Shalom hoch. Die ist trotz der Baustelle angenehmer als die Ruchama, die irgendwie nicht sehr einladend wirkt. obwohl sich die älteren Häuser Mühe geben.

Die erstaunliche Entdeckung auf diesem Spaziergang war, dass sich Parallelen nicht erst in der Unendlichkeit schneiden, sondern einiges vorher.  

Wenn man von der Elyashiv her kommend die Uziel überquert und dann die Ehud oder die Avishai genommen hat, bis man auf die Haroe getroffen ist, die wie gesagt parallel zur Uziel und zur Ben Gurion verläuft, und auf der Haroe dann nicht nach rechts, in Richtung Metzger Friedman, sondern nach links, in Richtung Bnei Brak gegangen ist, stellt man, nachdem man eine ganze Weile an Häusern vorbeigegangen ist,  deren Bewohner in der Ruhe des Schabbats hinter heruntergelassenen Jalousien Musik hören, fest, dass sich die Haroe nach links zu krümmen beginnt.

Man merkt es daran, dass schneller gehende Hundehalter, Frauen wie auch Männer, die gerade erst mit ihrem Tier aus einem der Häuser getreten sind, nach einer Weile hinter der Biegung verschwinden.  

Der Plan war nun. wie gesagt, und nachdem der Spaziergang jetzt doch schon eine ganze Weile gedauert hatte, nach links in eine der nächsten Seitenstrassen einzubiegen, um hinüber auf die Ben Gurion zu gelangen, aber die Seitenstrassen erwiesen sich eine nach der anderen als Sackgassen.

Wenigstens, dachte ich, zog es die Haroe ganz offenbar nach links, womit ich die beruhigende Gewissheit hatte, dass ich mich zwar weiter von zuhause, aber nicht von der Ben Gurion entfernte, die mich am Ende wieder sicher nachhause führen würde. Je länger die langgezogene Kurve dauerte, desto näher kam die Haroe der Ben Gurion. Sie würde doch nicht…?

Ich weiss nicht, wie alt ich war, als ich in der Schule lernte, dass sich zwei Parallelen in der Unendlichkeit kreuzen. Oder war es berühren, treffen, schneiden? Oder war es nur der Anfang eines weiteren Witzes, nach dem Muster von „Zwei Pferde treffen sich in einer Bar“?

Ich weiss auch nicht mehr, es ist einfach zu lange her, ob man damals versucht hat, es mir zu erklären, und wenn ja: hatte ich es begriffen, oder hatte ich, wie ich das als Kind so oft tat, ja gesagt und genickt, als man mich fragte, ob ich es verstanden hätte, weil ich weder als dumm gelten noch dem Erwachsenen das Gefühl geben wollte, es mir nicht gut erklärt zu haben?

Falls ich es damals verstanden hätte (irgendetwas mit der Erdkrümmung?), was ich bezweifle, hätte ich es längst wieder vergessen, und wahrscheinlicher ist ohnehin, dass ich es (erklärt oder nicht) nie verstanden habe.

Ich verstehe es auch heute nicht, obwohl ich gerade versucht habe, es zu verstehen, aber ich bin bei den ersten paar Formeln steckengeblieben. Wenn zwei Geraden parallel verlaufen, berühren sie sich auch in der Unendlichkeit nicht. Und wenn sie das doch tun, weil sie so lange unterwegs waren, dass es ihnen ohne Berührung oder wenigstens einen Annäherungsversuch langweilig wurde, sind sie keine Parallelen mehr.  

Und da stand ich nun also unvermittelt an der Stelle, an der sich zwei Parallelstrassen schneiden. Wobei man nicht wirklich von schneiden sprechen kann. Es ist vielmehr so, dass die kleinere Haroe in die groessere Ben Gurion mündet. Trotzdem musste das hier die Unendlichkeit sein, wenn die Schule für irgendetwas gut war.  

Ich schaute mich um. Ein Mann in Sandalen kam mir entgegen. Von der anderen Strassenseite bellte ein Hund, der nicht zu sehen war. Der Verkehr war noch immer sehr dünn. Die wenigen Autos waren langsam unterwegs. Keinerlei Hupen. Ich schaute auf meine Uhr. Es war viertel vor zwei.  Der Shabbat dauerte noch ein paar wenige Stunden. Die Unendlichkeit war schon fast wieder vorbei.

Ich muss nachhause, dachte ich, und fasste die Leinen der Hunde kürzer. Ich muss so schnell wie möglich nachhause, auf direktem Weg.

***

(„Zwei Parallelen treffen sich in der Unendlichkeit. Wer hat denn sowas behauptet? fragt die eine. Ein Wegweiser, sagt die andere.“)

Der Elektriker kommt (Teil 2)

6. September 2024

Als sein Telefon ihn am nächsten Morgen um 7 Uhr mit den ersten Klängen von „It’s a Wild World“ weckte,  wusste Bertrand Mesmer  nicht, wo er war. Bin ich in einem Hotel? Fragte er sich, nachdem er die Schlummertaste gedrückt hatte. Wie bin ich hierhergekommen? Bin ich in Hamburg? Wieder in Hamburg? Er war vor mehr als dreissig Jahren einmal nach Hamburg geflüchtet, als ihm alles zu viel geworden war. Er wohnte damals in Adliswil, im Zürcher Sihltal, und arbeitete in Bern, und eines morgens stieg er am Zürcher Hauptbahnhof anstatt in den Frühzug nach Bern in einen Intercity nach Hamburg. Von Hamburg aus fuhr er dann ans Meer und machte lange Spaziergänge.

„Tada-da-data – da-datta-taaa, …“ klang es zum zweiten Mal aus seinem Telefon, und er schaltete den Alarm ganz aus. „Ich muss die Sicherungen einschalten“ sagte er. Er drehte sich zur Seite, stützte sich auf den Ellbogen und die rechte Hand, bis er aufrecht im Bett sass und seine Füsse den Boden berührten. Er betrachtete seine dürren Beine. Welches wohl das längere war?  Kein Mensch hatte zwei genau gleich lange Beine.  Aber die wenigsten wussten, welches länger war. Von allem, wovon der Mensch zwei hatte, war immer eines kürzer oder kleiner und das andere länger oder grösser. Wenn der Mensch zwei Nasen hätte, wäre eine grösser als die andere.

Bertrand ging in die Küche und machte Frühstück. Er nahm das Brot aus dem Brotkorb, schnitt zwei Scheiben ab und steckte sie in den Toaster. Er drückte das Fach mit den zu toastenden Brotscheiben nach unten, aber es arretierte nicht. Er versuchte es noch einmal. Wieder nicht. War der Toaster nicht eingesteckt…? Natürlich, fiel es ihm ein – kein Strom. Die Sicherungen!

Nachdem er die Sicherungen wieder eingeschaltet hatte (der Sicherungskasten war gleich neben der Wohnungstür), öffnete er die Tür und hob die Zeitung auf, die ihm seine Nachbarin jeweils hochbrachte, wenn sie vom Morgenspaziergang mit ihrem Hund zurückkam. Sehr nett, dachte er, wie jeden Morgen, Sehr nett von ihr. Zurück in der Küche drückte er das Toasterfach runter. Es arretierte und der Toaster begann sich aufzuheizen.

Während er darauf wartete, dass das Kaffeewasser sieden würde, öffnete er die Zeitung und blätterte durch, bis er bei den Todesanzeigen angelangt war. Luzia hatte das nie verstanden. „Das ist doch nicht das Wichtigste und vor allem nicht das Erste, was man lesen muss“ hatte sie einmal gesagt.  Und er hatte geantwortet: „Aber das Unwiderruflichste“.

Die Menschen, die in diesen Wochen und Monaten starben, waren alt, aber jünger als er. Wir trauern um unseren Vater, Grossvater und Freund, Rudolf Matzinger. Er ist nach kurzer Krankheit friedlich entschlafen. Rudolf Matzinger? Er hatte einen Studienfreund, der Rudolf Matzinger hiess. Aber der hatte keine Kinder. Schwer zu sagen, wer um ihn trauern würde, wenn er starb. Das musste ein anderer Matzinger sein, der hier gestorben war. Mein Matzinger, dachte  Bertrand, lebt noch.

Zuletzt hatte ihm ein gemeinsamer Bekannter von Matzinger erzählt. „Hast Du das gehört, vom Matzinger?“, hatte er ihn gefragt, als sie im Goldenen Mond ein Bier tranken. „Was?“ hatte Bertrand gefragt. „Was soll ich gehört haben vom Matzinger?“

„Na von seinem letzten Wohnungswechsel.“

„Was war damit?“

„Er sei jetzt in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen.“

„Und…?“

„Ach, Du weisst gar nichts von seinem Projekt?“

„Welches Projekt?“

„Das Matzinger-Projekt“

„Und was wäre das?“

„Er hat dieses Projekt, der Matzinger, dass seine Wohnung bei jedem Umzug ein Zimmer kleiner wird und näher an den Zentralfriedhof rückt, bis er dann beim Letzten Umzug bequem und ohne Umzugsgut in eine Holzkiste umziehen kann.“

„Hat er das tatsächlich vor?“

„Wir haben alle gedacht, dass sei nur ein dummer Spruch, eine Bieridee, aber er hat es voll durchgezogen, der verrückte Hund, bis vor Kurzem jedenfalls. Vor etwa 8 oder 10 Jahren zog er aus seiner schönen 5-Zimmerwohung in Döbling in eine 4-Zimmer Wohnung nach Ottakring, von dort drei Jahre später in eine 3-Zimmerwohung in Margareten, und als er vor zwei Jahren in eine 1-Zimmerwohung in Simmering zog, haben wir alle gedacht, so kommt es nun also, wie er es geplant hatte: sein nächster Halt wird der Zentralfriedhof sein.

Und nun das! Er ist in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen und hat sich, so hat es mir Krupsky erzählt, wieder Möbel gekauft, nachdem er zuletzt in Simmering nur noch ein Bett und einen Stuhl hatte, nicht einmal einen Tisch. Auch keinen kleinen.“

„Verrückt…“

„Nichtwahr? Er hat den Tod sozusagen ausgelassen, übersprungen. In zehn Jahren wird er in einer 5 Zimmerwohnung leben in Sarasdorf oder Sommerein.

Es klingelte an der Türe. Bertrand hörte es nicht.

Er ging zurück and den Anfang der Zeitung und las die Überschrift des Leitartikels: Zuwanderungsbeschränkungen der Regierung wiedersprechen der Europäischen …

Es klingelte erneut.  

Das musste der Elektriker sein. Bertrand stand vom Küchentisch auf und ging zur Wohnungstüre. Obwohl er wusste, wer vor der Tür stand, öffnete er vorsichtig die Klappe des Spions und schaute ins Gesicht eines glattrasierten Mannes mit kurzen Haaren. Er schloss die Klappe, öffnete die Türsicherung, zog die Kette des Türstoppers aus ihrer Schiene, drehte den Schlüssel zweimal nach links und öffnete die Türe.

„Grüssgott Herr Mesmer“, sagte der Mann, „Ich bin der Elektriker.“

„Grüssgott…“ sagte Bertrand.

„Darf ich eintreten?“ fragte der Elektriker. Bertrand wollte eigentlich fragen, ob er kein Werkzeug dabei habe, aber er sagte nur „Ja, bitte..“ und trat beiseite.

Der Elektriker trat ein. Bertrand zog die Tür zu und ging voraus in die Wohnung. „Waren Sie schon einmal hier?“ fragte er über die Schulter.

„Ich komme nur einmal“, sagte der Elektriker, und schloss hinter sich die Wohnungstüre ab.

***   

Der Elektriker kommt (Teil 1)

22. Juli 2024

(aus dem Erzählband „Alte Männer ohne Meer“, erschienen 2025 bei Nagel und Feile)

Es war an einem Montag im Herbst, kurz vor Mittag. Bertrand Mesmer war gerade fertig geworden mit Staubsaugen. Er wusste, dass noch überall Staub in der Wohnung herumlag. Staub, den er nicht gesehen hatte. Aber deswegen waren seine Bemühungen nicht umsonst. Niemand konnte den Staub ganz beseitigen. Auch Leute mit besseren Augen und mehr Ausdauer als er nicht. Gegen den Staub liessen sich einzelne Schlachten gewinnen – der Krieg war von Anfang an verloren.

Er hatte den vollen Staubbeutel in den Müll geworfen, dabei (wie er das immer tat) „Fuck Dyson“ gesagt und sich gefragt, wie lange es wohl noch dauern würde, bis eine neue Tonne auf dem Gehsteig auftauchen würde, wo man die vollen Staubsaugersäcke entsorgen konnte. Mit Staub liesse sich ganz sicher mehr anfangen, als ihn in den Restmüll zu werfen. Alles wurde irgendwann zu Staub. So gesehen war Staub prozessierte Materie und es musste sich lohnen, ihn zu sammeln und wiederzuverwerten.   

Montag war Bertrands Haushaltstag, seit seine Frau Luzia gestorben war. Als Nächstes wollte er sein Bett frisch beziehen und die Bettbezüge waschen.  Als er ins Schlafzimmer kam, fiel ihm etwas Kleines, Schwarzes am Boden auf. Er bückte sich, wobei er darauf bedacht war, in die Knie zu gehen, um seinen Rücken zu schonen, und hob es auf. Der Rücken tat trotzdem weh, als er sich wieder aufrichtete. In seiner Hand lagen zwei kurze, schwarze Kunststoffröhrchen, offensichtlich von einem Elektrokabel, das jemand abisoliert hatte.

Seltsam, dachte er. Wie konnte es sein, dass er sie beim Staubsaugen übersehen hatte? Und wenn er sie übersehen hätte, was trotz seiner schlechten Augen unwahrscheinlich war auf dem hellen Parkettboden, hätte er sie wohl aufgesaugt. Oder hatte er im Schafzimmer noch gar nicht Staub gesaugt? Er ging auf die Knie und griff mit der Hand unter das Bett. Tatsächlich, Staub. Er hatte das Schlafzimmer vergessen. Trotzdem war es seltsam, dass ihm die beiden Kabelhülsen nicht schon vorher aufgefallen waren.

Hatte er neulich einen Stecker repariert? Luzia hatte wenig gehalten von seinen handwerklichen Fähigkeiten, und ihm insbesondere alles verboten, was mit Elektrizität zu tun hatte. „Dafür gibt es Elektriker. Ich will Dich nicht pflegen, wenn Dich ein Stromschlag gelähmt hat.“ Dabei konnte er einiges. Zum Beispiel Lampen verkabeln. Er konnte die dreifarbigen Kabel sehr wohl auseinanderhalten. Aber er stieg schon lange nicht mehr auf Leitern.  Sein Gleichgewicht war nicht mehr, was es einmal war.  War ein Elektriker da?  Er konnte sich nicht erinnern. Woher also kamen die beiden schwarzen Kabelhülsen?

Er versuchte sich daran zu erinnern, was er zuletzt repariert hatte. Es fiel ihm nichts ein. Ausser, dass er den Abfluss in der Dusche und den Siphon im Badezimmer gereinigt und dabei geweint hatte. Die langen weissen Haare, die den Abfluss und den Siphon verstopften, waren Luzias Haare. Zwei Jahre nach ihrem Tod hielt er ihre Haare in der Hand.

Sonst viel ihm nichts ein, und ob dem Versuch, sich zu erinnern, vergass er, dass er die Bettwäsche wechseln wollte, und beschloss stattdessen, einkaufen zu gehen, obwohl er sonst immer am Mittwoch einkaufen ging. Der Mittwoch schien ihm als Einkaufstag am besten geeignet. In der Mitte der Woche liess sich gut kaufen, was man über das Wochenende und Anfang Woche verbraucht hatte und was man für das nächste Wochenende brauchte. Verbrauchen und brauchen – der ewig gleiche Zyklus. Bis man eines Tages Pizzateig, Mozzarella, Tomaten und Oliven kaufte, um am Wochenende Pizza zu backen, und dann musste jemand anders den Kühlschrank räumen.   

Als er die Türe des Fahrstuhls öffnete, ärgerte er sich einmal mehr. Schon wieder lag eine klebrige Flüssigkeit in einer Ecke des Fahrstuhls. Er war sicher, dass jemand aus den oberen Stockwerken jeweils seinen tropfenden Müllsack in die Ecke stellte, wenn er oder sie ihn runterbrachte. Reichte es nicht, dass das Treppenhaus meist dreckig war, weil die Hausverwaltung eine Reinigungsfirma bezahlte, die billig war und dafür kaum je erschien? Musste auch der Fahrstuhl wie ein Pissoir riechen?  

Als er aus dem Fahrstuhl trat und in Richtung Haustüre schaute, sah er, dass ein Zettel an der Glasscheibe hing.  Er ging näher und las: „Der Elektriker war da. Wir konnten Sie leider nicht erreichen. Bitte melden Sie sich unter …“. Interessant, dachte Bertrand. Dann war vielleicht wirklich der Elektriker da und er hatte es einfach vergessen? Aber warum hinterliess er dann einen Zettel an der Türe, dass er ihn nicht erreichen konnte? Meinte er überhaupt ihn? Da stand kein Name. Wie sollte der, der gemeint war, es wissen? Weil er einen Elektriker bestellt hatte? Hatte er einen Elektriker bestellt? 

Bertrand sagte die Telefonnummer laut vor sich hin, womit er sie in seinem Kurzzeitgedächtnis ablegte, und ging wieder hoch in seine Wohnung, die seit Luzias Tod viel zu gross war. Er sagte die Nummer noch einmal laut und schrieb sie auf einen Zettel. Dann rief er an.  Aber noch bevor es klingelte, stoppte er den Anruf. Vielleicht rufe ich besser zuerst die Hausverwaltung an, dachte er. Vielleicht hatten die ja den Elektriker bestellt und ihn in die Wohnung gelassen.

„Wir bestellen keine Handwerker“, antwortete die Dame von der Verwaltung. Wir haben keine Schlüssel zu den Wohnungen. Alle Wohnungsschlüssel sind bei Ihnen.“

„Danke“, sagte Bertrand. „Das ist beruhigend“. Er wünschte der Dame einen schönen Tag, hängte auf und wählte noch einmal die Nummer des Elektrikers.

Eine junge Frauenstimme meldete sich. Jedenfalls klang sie jung.

„Elektro-Wagner, was können wir für Sie tun?“

„Hallo, hier ist Mesmer. Bertrand Mesmer, Neulinggasse 34, 3. Bezirk, Ich rufe an wegen dem verpassten Elektriker.“

„Wie lautet nochmal die Adresse?“

„Neulinggasse 34, 3. Bezirk. Bertrand Mesmer.“

„Kleinen Moment, bitte.“ Und nach einer Minute: „Keiner unserer Monteure war an der Neulinggasse.“

„Sind Sie sicher? Da ist dieser Zettel an der Haustüre…“

„Tut mir leid, aber ich bin ganz sicher, dass niemand von uns an der Neulinggasse war in letzter Zeit. Ich mache die Einsatzplanung. Ich würde das hier auf dem Einsatzplan sehen.“

„Und woher dann der Zettel an der Haustüre mit ihrer Telefonnummer?“

„Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“

„Ein seltsamer Scherz, finden Sie nicht auch? Wer sollte darüber lachen?“

„Brauchen Sie nun einen Elektriker oder brauchen Sie keinen?“

„Nein“, sagte Bertrand, und dann: „Doch, ja, Ich brauche einen. Ich brauche einen. Eine Steckdose hat sich aus der Wand gelöst. Meine Adresse haben Sie ja nun. Bertrand Mesmer, bei Top 2a klingeln, das ist die 3. Etage, weil es ein Zwischenstockwerk gibt, verstehen Sie? Die Türe links, wenn man aus dem Fahrstuhl kommt. Der Fahrstuhl funktioniert wieder.“

„Alles klar. Passt es morgen Vormittag, Herr Mesmer?“

Als er aufgehängt hatte, zog er seine Schuhe an, liess den Fahrstuhl kommen und ging noch einmal hinunter zur Haustüre. Der Fahrstuhl war ganze vier Wochen defekt gewesen. Jetzt funktionierte er wieder. Als er aus dem Fahrstuhl kam, vor sich die Milchglasscheibe der Haustüre, sah er schon von innen: der Zettel war verschwunden. Er trat aus dem Haus und betrachtete die Glasscheibe der Türe von aussen: kein Zettel. Auch keine Klebespuren, soweit er sehen konnte.  

Hatte er sich das alles nur eingebildet? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er sich etwas einbildete. In den letzten Jahren war es ab und zu vorgekommen, dass er etwas erlebte, was, wie sich später herausstellte, gar nicht stattgefunden hatte. Oder jedenfalls nicht so, wie er es erinnerte, und schon gar nicht so, wie er es erzählte. Du hast eine blühende Fantasie, sagte Luzia dann jeweils, und sein Hausarzt sprach von den Anfängen einer Demenz. Sollte er den Elektriker noch einmal anrufen und fragen, ob er gerade einen Termin vereinbart habe?

Als er wieder ins Haus treten wollte, hielt ihm eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand die Türe auf.

„Danke“, sagte Bertrand. „Sagen Sie, war da ein Zettel an der Haustüre, vom Elektriker?“

„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete die Frau, und hob den Schnuller auf, den ihr Kind gerade zu Boden geworfen hatte.  Ohne ihn abzuwischen, steckte sie ihn dem Kind wieder in den Mund. „Gut gemacht!“, sagte Bertrand, „Dreck ist gesund, so entwickelt der Kleine später weniger Allergien.“ „Der Kleine ist ein Mädchen“, antwortete die junge Mutter.

Bertrand stellte den Wecker für den nächsten Tag auf 7 Uhr. Wenn Handwerker für Ende Vormittag angekündigt waren, konnten sie ebenso gut gar nicht kommen oder schon um 8 Uhr vor der Türe stehen. Bevor er zu Bett ging, ging er zum Sicherungskasten und nahm vorsichtshalber sämtliche Sicherungen raus. Dann ging er mit der Taschenlampe und einem Schraubenzieher ins Schlafzimmer, löste eine Steckdose aus der Wand, nahm zwei der vier Schrauben, ging im Licht der Taschenlampe in die Küche und warf sie in den Müll.

Wenn Diebe gerade meine Wohnung beobachten, dachte er, als er zurück ins Schlafzimmer ging, meinen sie, es sei schon ein Dieb da, und sie streichen die Wohnung von ihrer Liste.  Er kicherte und ging zu Bett.  

***

Das Ende des Satzes

14. Juli 2024

(eine Erzählung von zwei Maurern)

Ich habe immer behauptet, dass ich mir die Menschen, denen ich zufällig begegne, sorgfältig aussuche, und wenn der Satz auch nicht völlig ernst gemeint war, haben ihn viele vorschnell als Wortspielerei abgetan oder ihn für einen billigen Scherz gehalten. Hinter manch einem meiner Zufälle steckt tatsächlich, wenn man sich Zeit nimmt und etwas genauer hinschaut, eine Verkettung von Entwicklungen, die an ihrem oft weit zurückliegenden Anfang mit mir zu tun hatte, dann aber wie eine gemächliche Wasserschlange in die Zeit abgetaucht ist, um erst viele Jahre später wieder aufzutauchen und den Lauf meines Lebens zu kreuzen, bevor sie erneut ins Nicht-Bewusste verschwunden ist, um dann – wie heute – unvermittelt wieder aufzutauchen.  

Als im November 2018 der „Leitfaden für den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP): Praxiserprobte Anleitungen für die Vorbereitung und erfolgreiche Einführung eines Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP)“ von Manfred Maurer erschien, war der richtige Manfred Maurer, der Schriftsteller nämlich, den ich hier meine, schon 20 Jahre tot. Er starb am 11. November 1998 in Wien an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.

Eine Verwechslung wäre auch sonst völlig ausgeschlossen gewesen. Obwohl ich ihn nicht persönlich gekannt habe, was ich seit heute bedaure, und auch sein Werk mit Ausnahme von ein paar kurzen Ausschnitten, die man im Internet findet, noch nicht kenne, wage ich zu behaupten, dass der richtige Manfred Maurer wenig mit kontinuierlichen Verbesserungsprozessen am Hut hatte, nur schon wegen der Abkürzung KVP, die wie das Kürzel einer Partei daherkommt, an deren Gründungsversammlung, hätte sie stattgefunden, weder er noch ich dabei gewesen wären.

Der Kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP) basiert offenbar auf der aus Japan stammenden Kaizen-Philosophie, die ihrerseits auf der Annahme aufbaut, dass alles verbessert werden kann und dass dafür die Mitwirkung aller Beschäftigten der wichtigste Erfolgsfaktor sei. Schon diese Annahme scheint mir zweifelhaft, lässt sie doch die Unbeschäftigten und Entlassenen ausser Acht, deren Beitrag mindestens so wichtig wäre. Es mag sein, dass Leute, die am Meer wohnen, am besten wissen, wie hoch der Deich sein muss, aber auch solche, die das Meer vertrieben hat, können etwas über Flutwellen und Salzgehalt erzählen.   

Der richtige Manfred Maurer, auf dessen Spuren ich heute „zufällig“ gestossen bin, wurde am 8. November 1958, genau zehn Monate nach mir, im oberösterreichischen Steyr geboren. Er zog 1979, während ich in Zürich 21 war und gerade mein Studium begonnen hatte, nach Wien und schrieb neben Romanen, Krimis, Hörspielen, Drehbüchern, Erzählungen und Kurzprosa auch Rezensionen, Reiseberichte und Artikel für Presse und Rundfunk. Zu den Schwerpunkten seiner Themen gehörten, so lese ich, neben der internationalen Unterhaltungsindustrie und der anglo-amerikanischen Literatur das Leben der ArbeiterInnen und der Arbeitslosen (der Deich lässt grüssen).

Wie aber bin ich nun auf Manfred Maurer gestossen? Nicht zufällig. Ich habe ihn mir vor vielen Jahren ausgesucht, um ihm zu begegnen, nur hat es dann sehr lange gedauert, bis es zur Begegnung kam, so lange, dass er nicht mehr persönlich dabei sein konnte, und das kam so:

Seit einigen Jahren versuche ich erfolglos, einen Roman zu schreiben. Ich habe vielleicht ein Dutzend passabler Anfänge geschrieben, aber sie sind allesamt ins Stocken und Stottern geraten und bald einmal stillgestanden. An etwa der Hälfte von ihnen habe ich über die Jahre Reanimationsversuche appliziert, aber es war so, wie bei diesen Spielzeugen mit einer Schwungfeder, die man mit einem kleinen Schlüssel aufziehen konnte: Hatte man die Feder einmal überspannt, ging nichts mehr.

Für mein jüngstes Projekt, das sich, ich muss es mir wohl eingestehen, bereits nach acht Seiten im Sinkflug befindet, kam mir beim Versuch, die trudelnde Maschine abzufangen, die Idee, die eigentliche Geschichte, in der ein Rentner einer türkischen Gangsterbande hilft, eines ihrer Mitglieder aus dem Gefängnis zu befreien, an dem er jeden Tag mit seinen Hunden vorbeispaziert, mit einer zweiten Geschichte zu verflechten, in der ein von seiner Schwester um sein Erbe betrogener Waldarbeiter in den 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Irrenanstalt Burghölzli Fenster reinigt und Obst von den Bäumen strahlt.

Der zweite Erzählstrang würde auf einer Traumebene stattfinden, und da kam mir natürlich gleich „Dreaming of Babylon“ von Richard Brautigan in den Sinn, und weil man nur lesend schreiben lernt, wollte ich nachschauen, wie Brautigan die Übergänge zwischen dem realen Leben seines scheiternden Detektivs und dessen Träumen von Babylon bewerkstelligt.

Als ich das Buch öffnete, fand ich auf zwei leicht gelblichen Zeitungsauschnitten, die ich im September 1986 aus der NZZ ausgeschnitten und von Hand mit dem Datum versehen hatte, einen Artikel mit dem Titel „Das Archiv für ungedruckte Manuskripte“. Der Verfasser erzählt darin von seinem enttäuschend verlaufenen Besuch in eben diesem Archiv in der Wiener Vorstadt.  Der Kustodin des Archivs sagt er vor dem Besuch bei einem Glas Sodawasser, er fände die Idee des Archivs originell.

Das Wort originell hatte ich mit einem Sternchen versehen und am Fusse des Artikels notiert: siehe Brautigan, The Abortion (1966), weil die Idee eines solchen Archivs 1986 schon mindestens 20 Jahre nicht mehr originell war. Auf der Rückseite des grösseren der beiden Zeitungsausschnitte kann man (ohne Anfang und Ende) einen anderen Text lesen: „Das ganze Haus ist voller Fliegen. Mit dem Besenstiel gehe ich auf Spinnenjagd. Um unsere nackten Beine streicht die Katze, die du Miranda taufst und mit Schinken fütterst. Der scheckige Hund träumt unter einem Olivenbaum, und die weissen Hühner wetzen ihre Hinterteile auf den heissen Grasbüscheln.“  

Wegen der Katzentaufe kommt mir ein alter Mann in den Sinn, dem ich beim letzten Besuch bei meiner Tante im Pflegeheim im Fahrstuhl begegnet bin. Er hielt sich an seinem Rollator fest, schaute hinunter zu meinen beiden Hunden und sagte „Hallo Nero!“. Er muss meinen etwas perplexen Gesichtsausdruck bemerkt haben (wie kann man angesichts eines blonden und eines aprikosenfarbenen Pudels auf Nero kommen?), denn er sagte lächelnd zu mir: „Ich nenne alle Hunde Nero.“

Der Textausschnitt endete mit den Worten: „Ich aber habe nur Augen für…“, und weil ich wissen wollte, wofür, habe ich die ersten beiden Sätze in die Google-Suchmaschine getippt und tatsächlich das Ende des Satzes gefunden:  „…deinen weichen Körper, der sich im Zwielicht spannt.“ Der Satz stammt aus dem Text „Reiseminiaturen“ des Autors Manfred Maurer, der sich mit seiner Literatur gemäss Eintrag im Austria-Forum „zwischen Realismus und Fantasy, zwischen dem Trivialen und seiner Parodie“ bewegt haben soll, was immer das heissen mag.

Ich schaute bei Amazon nach, ob ich etwas von Manfred Maurer bestellen könnte, und traf zuerst auf den anderen Manfred Maurer, den von der KVP, der sich mit seinen Genossen dem festen Glauben verschrieben hat (und fleissig Anleitungen dazu verfasst) es liesse sich alles kontinuierlich verbessern, wenn nur alle Beschäftigten mitmachen.  

Ich weiss nicht, wie viele Manager sich die Anleitungen zur kontinuierlichen Verbesserung noch in betriebsinternen Kursen anhören müssen. Ebenso wenig weiss ich, wie oft der alte Mann im Heim meiner Tante noch den Fahrstuhl benutzen wird. Irgendwann, hat meine Tante einmal gesagt, kommen sie nicht mehr runter. Vielleicht erinnert ihn jeder Hund, dem er begegnet, an seinen Nero, und er glaubt, wenn er ihn Nero nennt, ist Nero für einen Augenblick wieder bei ihm.

Jeder glaubt, was er will. Viele auch an Zufälle. Für mich ist der Bogen vom September 1986 bis in den Juli 2024 jedenfalls gespannt, mit einem Zwischenhalt im Jahr 2018, als wir in einer kleinen Ortschaft nahe bei Steyr unsere Zwergpudel abholten. Ich lege die Zeitungsauschnitte zurück ins Buch und stelle es zurück ins Regal, zwischen Sombrero Fallout und So the Wind Won’t Blow It All Away. Da die meisten Bücher des Steyrers Manfred Maurer nur gebunden erhältlich und mir damit zu schwer sind, verzichte ich für den Moment auf eine Bestellung, und weil ich spüre, wie die Spannung nachzulassen beginnt, mache ich hier Schluss und gehe mit unseren Hunden spazieren.

Unverrichtete Dinge

30. Mai 2024

(Tom Waits on my shoulders)

Wenn man gedanklich nach Österreich fliegt und noch nicht über Wien hinweg ist (man wird es nie ganz sein), ist der Anflug zum 3. Bezirk aus geringer zeitlicher Höhe problemlos zu bewerkstelligen. Aus der Schweiz kommend gleitet man zunächst dem Voralpenrand entlang bis nach Salzburg, wo man wegen der allgegenwärtigen Mozartkugeln höchstens notlanden sollte, und überfliegt dann nacheinander den Mondsee, den Attersee und den Traunsee, bis man ostwärts weiterfliegend das Almtal überquert hat und kurz nach Kienberg auf den Fluss Steyr trifft, dessen Verlauf man jetzt nur noch nordwärts folgen muss, um nach einer schönen Weile nach Waldneukirchen zu gelangen.

Nun werden die mit einem Zwillingsbabysack vorgeschnallten Zwergpudel, die kurz nach dem Arlberg eingeschlafen sind und meinen Bauch schön warmhalten, unruhig und wollen runter zu Monika und Manfred, bei denen sie vor bald sechs Jahren die ersten 9 Wochen ihres Lebens verbracht haben.  Das geht leider nicht, weil mir die Zeit fehlt, aber erklären kann ich ihnen das nicht, denn für sie gibt es keine Zeit, es gibt nur das jetzt von gerade erst, das jetzt von jetzt und das jetzt von jetzt gleich. Kein jetzt gibt es nicht.  

Wir fliegen also weiter der Steyr entlang Richtung Norden, bis sie in die Enns fliesst, dann der Enns entlang, bis sie in die Donau mündet, und schliesslich der Donau entlang bis nach Wien, wo wir mit dem Donaukanal gegen rechts abzweigen, und ihm folgen, bis man etwa auf der Höhe der Schwedenbrücke rechterhand den Stadtpark erkennen kann. Von dort geht es – mit einem kurzen Schwenker gegen Süden über dem Westflügel des Palais Schwarzenberg – via Rennweg und Ungargasse zum Arenbergpark, wo die monströsen Flaktürme noch immer darauf warten, dem Erdboden gleichgemacht zu werden.

Solange sie noch stehen, lässt es sich auf der Wiese zwischen ihnen trefflich landen, direkt neben einem Yoga-Grüppchen, das gerade in der stehenden Vorbeuge verharrt und deshalb nicht sehen kann, was von oben kommt (alles Gute). Schnell die Flügel abgenommen, die Hunde losgeschnallt und angeleint und ab durch die Büsche vor zwei kleinen Gören flüchten, die sich sicher sind, und dies auch lautstark ihren den Kopf schüttelnden und weitertratschenden Müttern mitteilen, einen Mann mit Flügeln und zwei kleinen Hunden vorgehängt landen gesehen zu haben. «RIESIGE Flügel mit Federn, Mutti! Ein Engel! Mit zwei kleinen Hunden auf dem Bauch, in einem Babysack!»

Nachdem die Flügel sorgfältig gefaltet unter dem untersten Regal in der Telefonzelle mit den Leihbüchern deponiert sind, geht es, die vom langen Flug steif gewordenen Beine lockernd, was einen schlenkernden Gang ergibt, bei dessen Anblick sich die Passanten das Ihre denken, die Neulinggasse entlang, vorbei am Antiquariat des leider erst sehr spät kennengelernten Alexander Franz, der für mich nachgeschaut hat, ob das Kinderbuch «Tupfi» von Margret Rey vielleicht wieder irgendwo erhältlich ist, was es nicht war, aber man muss es hin und wieder versuchen. Dinge verschwinden, aber manche tauchen auch wieder auf.

In drei Minuten ist die Engelsberggasse erreicht und wenn man dann im Haus Nummer 4, wo die Haustüre – es ist ärgerlich, kommt aber diesmal gelegen – einmal mehr weit offensteht, nach sechzig Treppenstufen im zweiten Stockwerk vor der Wohnungstüre angelangt ist und einem klar wird, dass man keinen Schlüssel mehr hat, weil man vor gut einem Monat ausgezogen ist und alle abgegeben hat, ist man angekommen, ohne sein Ziel erreichen zu können. Klingeln macht keinen Sinn. Was sollte man sagen? Was fällt Ihnen eigentlich ein, neuerdings hier zu wohnen? Sind Sie überhaupt ein Engel?

Man fährt also mit dem Fahrstuhl, weil Treppen hinuntersteigen kleinen Hunden nicht bekommt, unverrichteter Dinge wieder zurück ins Erdgeschoss, tritt aus der Haustüre und biegt unverzüglich (man darf der Nostalgie jetzt keinen Raum geben) nach links ab. Auf der Neulinggasse geht man dann schnellen Schrittes, soweit es die schnüffelnden Hunde erlauben, nach links, und dann wieder links um die Ecke zur Ungargasse, vorbei am Eingang zur Neuling Apotheke mit ihren stets freundlichen Damen, die wissen, wo man Augentropfen für Hunde bestellen kann.

Die Strassenbahn 0 (oder O? – ich weiss es bis heute nicht) kommt gemäss Anzeige in zwei Minuten. Rasch den Hunden die Maulkörbe übergestreift, damit sie sie wieder abstreifen können, und schon öffnen sich die Türen der Strassenbahn. Sie fährt zunächst vorbei an der Rochusgasse, die nicht, wie man gemeinhin erwarten würde, in den Rochusplatz mit seinem kleinen Markt mündet, sondern in die Landstrasser Hauptstrasse, aber auch das nur, um diese in der nächsten Grünphase zu überqueren und auf der anderen Strassenseite als Kundmanngasse zu verlassen.  Aus Trotz vermute ich, weil eine andere Strasse zum Rochusplatz führt.

Das einzig Interessante an der für ihren schönen Namen viel zu kurzen Rochusgasse liegt ohnehin an ihrem numerischen Ende, das der Anfang ist, wenn man, wie ich üblicherweise, von der Ungargasse herkommt. Es ist das Büromaschinengeschäft Schilhan an der Rochusgasse 23. Nachdem ich einige Male mit den Hunden vor dem Schaufenster stand und die alten, restaurierten Schreibmaschinen bewundert habe, die Hermes, die Remington, trat ich eines Tages ein.

Bevor ich nach einem Aktenvernichter fragen konnte, denn das war es, was ich suchte, seit mir der Zugang zum Schredder in der Botschaft verwehrt war, entwickelte sich ein gutes Gespräch mit Michael Schilhan, der das Geschäft in der dritten Generation führt. Er habe eine Zeit lang, erzählte er, einen Kabarettisten als Kunden gehabt, der sehr gross gewesen sei und als Hobby boxte. Seine Hände seien riesig gewesen. Bratpfannen würden nicht ausreichen, sie zu beschreiben. Es seien Landschaften gewesen.

Sie seien ins Gespräch gekommen und hätten sich schliesslich geduzt, von Michael zu Michael. Er habe ihn jedes Mal, wenn er später in sein Geschäft trat, gefragt, ob er etwas kaufen oder sich prügeln wolle.  Von diesem Kabarettisten stamme auch der schöne Witz, bei dem ein Autofahrer, der zuvorderst an der Ampel steht, eine Grünphase vorbeigehen lässt. Als das Licht der Ampel gelb und wieder rot wird, steigt der Fahrer aus dem Auto hinter ihm aus, tritt ans Fenster des vorderen Wagens und sagt zu ihm: «War wohl keine passende Farbe dabei für Sie, was?»

Einen Schredder hat mir der Herr Schilhan dann nicht verkauft. Ich wollte einen kleinen, aus Platzgründen, und er erklärte mir: kleine Schredder taugen nichts. Ich kann nicht mehr genau sagen, warum nicht (hatte es etwas mit einer überforderten Kurbel oder Walze zu tun?), aber damals, vor ein paar Monaten, hat es mir eingeleuchtet, und ich fühlte mich, obwohl ich nicht erhielt, was ich wollte, gut bedient. Herr Schilhan hatte durchaus kleine Schredder im Sortiment, aber die verkaufte er nur Menschen, die er nicht mochte.

Danach fährt die Strassenbahn zur Sechskrügelgasse, wo sie nach der Neulinggasse ein erstes Mal hält. Die Sechskrügelgasse führt, falls man aus der Strassenbahn aussteigt, vorbei an unserem Zahnarzt direkt zum Rochusplatz, was wahrscheinlich der Grund ist, dass die Rochusgasse da nicht hinführt, weil die Sechskrügelgasse sich vorgedrängelt hat, die dumme Kuh. Wir steigen zur Strafe nicht aus.  Wir fahren weiter nach Landstrasse, wo die Hunde unruhig werden und aussteigen wollen, weil meine Frau oft im Starbucks an der Ecke sass und mit Johanna Deutsch gebüffelt hat, obwohl das gar nichts mit Büffeln zu tun hat.

Zwei Stopps weiter, gleich bei der Haltestellte Hintere Zollamtstrasse, gibt es an der Radetzkystrasse 3 ein Pub mit dem Namen The Church. Im Fenster des Pubs kann man, wenn man auf die Strassenbahn wartet, eine Zeichnung sehen, auf der eine Frau einem Mann gegenübersteht, der einen anderen Mann auf der Schulter trägt, der aussieht wie Tom Waits, und zur Frau sagt: I think there’s Tom Waits on my shoulders.

Nun könnte man, wenn man wollte, ohne Weiteres weiterfahren bis zum Praterstern, dort aussteigen und den Alleen entlang in Richtung Wald spazieren, der nach der Jesuitenwiese beginnt, wo sich die grösste und schönste Hundefreilaufzone befindet, die ich kenne und mir vorstellen kann. Vielleicht werde ich das auch tun, denn die Hunde verdienen Auslauf, bevor wir zurückfliegen. Ja, der Moment ist gekommen, umzukehren.

 Ich mag die Musik von Tom Waits nicht mehr. Ich muss sie einmal gemocht haben, denn als ich meine CD-Sammlung beim Umzug auf diejenigen CDs reduzierte, die ich vielleicht irgendwann einmal doch noch aus dem CD-Rack nehmen und abspielen werde, auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist, gehörten meine 5 oder 6 Tom Waits CDs zu denen, die ich aussortierte. Seine Musik ist mir zu schwer. Er ist mir zu schwer. Mit ihm auf der Schulter käme ich, falls der Start überhaupt gelingen würde, was ich bezweifle, allerhöchstens bis Powang am Spranzelbach.

Ob es sich lohnt

27. Januar 2024

Neige ich dazu, Dinge zu übertreiben? Man sagt das, aber was heisst schon «zu etwas neigen»? In romantischen Gemälden neigen sich am Flussufer stehende Bäume meistens zum Fluss hin, nicht nur die Weiden. Manchmal so stark, dass ihre Äste das fliessende Wasser berühren, ohne dass sie je in den Fluss fallen würden. Sie sind dem Wasser zugeneigt, ins Wasser wollen sie nicht. Und ich bin jedes Mal beeindruckt, wie die Maler der Romantik fliessendes Wasser hingekriegt haben.     

Als ich heute früh mit den Hunden den Aufzug betrat, stand der alte Mann vom vierten Stockwerk mit dem Rücken zu mir und schnitt sich vor dem Spiegel mit einem surrenden Stift die Nasenhaare. «Verzeihen Sie,» sagte er, und schaute mich im Spiegel an, «aber hier ist der einzige Ort, wo ich genug sehe. In meinem Badezimmer ist das Licht unmöglich.»  

Ich wusste genau, wovon er sprach, denn ich hatte dasselbe Problem, und ich war bereit, ein gewisses Mass an Verständnis für ihn aufzubringen, aber es gibt Grenzen. Hemingways Kurzgeschichte über die Schlaflosen heisst «A Clean, Well-Lighted Place», und sauber war der Aufzug nun nicht mehr. Ich fasste die Leine meiner Hunde kürzer, damit sie nichts vom Boden aufnehmen konnten. Sie nehmen alles vom Boden auf, was ein bisschen nach einem Bisschen riecht.  

Kurz vor dem Erdgeschoss entglitt dem alten Mann der Stift und beim Aufprall fiel eine kleine Abdeckung weg und die Batterie raus. Ich widerstand dem meiner Höflichkeit geschuldeten Reflex, mich zu bücken und ihm den Nasenhaarschneider und die Batterie samt Abdeckung aufzuheben. Wir waren jetzt ganz unten. Die äussere Tür des Fahrstuhls öffnete sich, ich drückte die innere auf und trat aus dem Lift, während der alte Mann sich hinter mir bückte. 

Ich drehte mich zum Aufzug um. Was, wenn er nicht mehr hochkommen würde? Aber er kam wieder hoch und kurz darauf schloss sich die äussere Türe des Fahrstuhls. Er musste den Knopf gedrückt haben oder jemand hatte den Fahrstuhl gerufen. Wie oft fuhr er rauf und runter, bis er fertig war?  Ein oder zwei Mal pro Nasenloch? Und was kam danach? Die Ohren? Stellte er sich, wenn wir in den Ferien waren, einen Stuhl in den Fahrstuhl und schnitt sich die Zehennägel?

Als wir auf der Strasse standen, schüttelten sich die Hunde, und ich hätte mir gewünscht, ich könnte das auch so gut. Wir spazierten wie jeden Morgen zum wenige Gehminuten entfernten Arenbergpark.

Weil ich unsicher war, ob man Arenbergpark schreibt oder Aarenbergpark, habe ich es gerade kurz gegoogelt und bin auf einen Tripadvisor-Eintrag mit dem Titel: «Arenbergpark (Wien) – lohnt es sich?» gestossen.

Jemand aus Frankfurt am Main, ich vermute ein Mann, der Name lässt keine Rückschlüsse zu, schreibt: «Das Auffälligste am Arenbergpark – und auch schwer zu übersehen – sind die beiden Flaktürme. Der Park selbst ist nicht wahnsinnig gross, aber eine nette Grünfläche, auch mit Kinderspielplätzen. Öffentliche Toiletten gibt es auch hier – in einem sehr robusten Design, aber praktisch. »

Die Flaktürme aus dem 2. Weltkrieg sind tatsächlich nicht zu übersehen. Sie stehen wie Zwillingsmonster im Park und dominieren das ganze Quartier. Weil die massiven Stahlbetontürme aber die sechsstöckigen Wiener Wohnbauten wie eine Unverschämtheit überragen, tauchen die Morgen- und Abendsonne ihre Plattformen in warmes Licht, während alles darunter im Schatten liegt, was ihnen zweimal am Tag den Anschein gibt, das Werk eines romantischen Malers zu sein, der es nicht bis zum Fluss geschafft hat.

Meine Hunde erledigten wie jeden Morgen ihr Geschäft auf der netten Grünfläche, die dafür ausreichend gross ist, und da ich selbst kein Bedürfnis hatte, kann ich bis heute nicht sagen, was am Design der öffentlichen Toiletten robust ist, ihr Äusseres oder die Kloschüssel, und auch nicht bestätigen, dass sie wirklich praktisch sind.

Dass der Mann eigens aus Frankfurt am Main angereist ist, um den Arenbergpark zu beschreiben, damit in Wien lebende und nach Wien reisende Personen endlich beurteilen können, ob es sich lohnt, ist natürlich verdankenswert. Andererseits hatte es vielleicht schlicht mit seiner Abneigung gegen Hamburg zu tun. Von den 16 Flaktürmen, welche die Nazis in Berlin, Hamburg und Wien gegen Ende des Krieges gebaut haben, stehen heute nur noch zwei in Hamburg, wo er nicht hinwollte (weil ihm dort das Design der öffentlichen Toiletten missfällt?) und alle sechs in Wien.  

Die Berliner Flaktürme wurden nach dem Krieg von den Alliierten gesprengt. In Wien hatte man es offenbar nicht eilig damit (dafür hat die Technische Hochschule Wien dem deutschen Architekten 1972 einen Ehrendoktor verliehen). Fahrstühle hatte es in den Flaktürmen, soviel ich in Erfahrung bringen konnte, offenbar nur, um die Munition für die Fliegerabwehrkanonen ins oberste Geschoss zu bringen. Wo sich die Wehrmachtsoldaten damals ihre Nasenhaare geschnitten haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Jedes Mal, wenn meine Mutter starb

14. Januar 2024

Obwohl es dem ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter entsprochen hatte, in ihrer kleinen, regelmässigen Schrift auf die Innenseite einer Papiereinkaufstüte gekritzelt, hatte keiner von uns ernsthaft erwartet, mit Ausnahme vielleicht von Onkel Ernst, der alles so nahm, wie er hiess, dass tatsächlich die meisten der wenigen Verwandten, die sich zur Beerdigung eingefunden hatten, mit rosafarbenen Papierhüten erscheinen würden, einige originell, gar kunstvoll gefaltet, andere in der schlichten Art, wie wir sie uns als Kinder beim Soldatenspiel jeweils aus alten Zeitungen gefaltet und übergestülpt hatten.

Da standen wir also vor dem offenen Grab: Unser Vater hutlos und mit beträchtlichem Alkoholpegel, der ihn in diesen Tagen und Wochen aufrecht hielt, leicht schwankend wie ein Krahn im Wind, meine Schwester mit Admiralshut in Altrosa, sonst  ganz in Schwarz, was mich an früher erinnerte, als der Club der Schwarzen Masken diesen Berg beherrschte, mein Bruder für einmal glattrasiert, mit pinkem Flieger und Zylinder, meine hochschwangere Frau, die an diesem Datum eigentlich im Gebärsaal hätte liegen sollen, und ich. Alle blinzelten wir in die tiefstehende Sonne, vor der sich die beiden Hochhäuser, von denen eines die Mordwaffe war, unübersehbar pervers in den Abendhimmel reckten.

Es wurde mir klar, dass ich nicht einmal wusste, es auch nie wissen wollte, von welchem der beiden sie gesprungen war.

Zwei Dinge gingen mir durch den Kopf, während die Frau Pfarrer Worte sprach, die von einer beruhigenden Irrelevanz waren: Das eine war der Witz von dem, der von einem Hochhaus springt, und jemand, aus einem Fenster im siebten Stock gelehnt, fragt ihn beim Vorbeifliegen:

“Wie geht’s?“ und der Stürzende antwortet: “Bis jetzt gut…“

Das andere war die Idee zu einer Geschichte, als Beschäftigung, als Therapie. Zu schreiben, wenn sich die Trauergemeinde verzogen hätte, der Regen gestoppt, frisches Gemüse in den Gestellen (ein Montagmorgen).

Im obersten Stockwerk des Hochhauses beginnend erzählen, was die Leute (x-beliebige Leute, herrgottnochmal, eine Alltagsbesetzung) gerade tun, während jemand, eine Frau, meine Mutter, die zum Schluss gekommen ist, und diesen Entschluss mit einem letzen Schritt in die Tat umgesetzt hat, nichts mehr machen zu wollen, an ihren blinden Fenstern vorbeistürzt wie in einem Stummfilm.

Im zwölften Stock wäscht eine Frau gerade das Geschirr vom Vortag ab. Es wird später (anderes Essen, andere Gäste) wieder schmutzig werden. Die vollen Aschenbecher stehen noch im Wohnzimmer. Ein Beweis für Gäste?

Im siebten Stock ist keiner zuhause, die Läden geschlossen, ein Hahn tropft. Das muss man nicht dichten.

Mit etwas Glück für den Erzähler ist in einem der Hinterzimmer sogar eine Vierzehnjährige unter der Bettdecke am Onanieren. Sie wird es bis ins hohe Alter tun, hin und wieder unterbrochen von einem Mann, der ihr zwischen Hand und Scheide gerät. Irgendwo wird sie lesen, Onanieren sei Ausdruck eines kreativen Geistes. Daran wird sie sich halten.

Im selben Moment, als mir diese unmögliche Geschichte durch den Kopf ging (alle Geschichten sind unmöglich an einem offenen Grab), hörte ich Mutter rufen, sie möchte jetzt endlich schlafen, wie sie jeweils aus dem Schlafzimmer gerufen hatte, wenn Vater und ich bis tief in die Nacht hinein unsere Geschichten erfanden, allenthalben laut lachend, die Balkontüre geöffnet, kalter Tee auf dem Beistelltisch.

Sie warf uns jeweils vor, wir schwebten wieder auf den Wolken unserer Phantasie, wogegen sie mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität stehen müsse, und diese Realität fange morgen wieder um 6.30 Uhr an. Unsere philosophischen Gespräche ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Der Tag für sie eine freudlose Abfolge von stumpfen Arbeiten, danach die Flucht in ein Buch, einschlafen, vergessen, aufwachen, aufstehen, arbeiten.

Ich habe den Witz damals keinem erzählt, obwohl ich wusste, dass ich alle Witze sofort wieder vergesse, wenn ich sie nicht unverzüglich weitergebe (kennst du den?) und die Geschichte habe ich nie geschrieben.

Seltsam berührt haben mich hingegen die Teppichhändler, die während der Bestattung versuchten, uns ihre Teppiche anzudrehen, allerdings schöne Stücke. Zuerst nur am oberen Eingang des Friedhofs in Umrissen zu erkennen, bei der kleinen Kapelle, eine lose Gruppe, unauffällig, aus dem Augenwinkel als andere Trauergruppe abgehakt, die sich nach der Andacht langsam auflöst.

Dann trotzdem näherkommend, mit ihren Teppichen über dem Arm, unpassend leicht gekleidet, andere ganze Ballen hinter sich durch den Schnee schleifend, der sich dunkel verfärbt vom Staub des Bazaars. Mischen sich unter uns. Spricht mich tatsächlich einer an.

Dieser hier, zum Beispiel, sagt er ganz ohne weiteres, als sprächen wir schon stundenlang, ein erstklassiger Täbriz, garantiert pflänzengefärbt (ein Aussprachefehler?), keine Chemie, schnippt mit den Fingern, zwei Helfer falten ihn auf die Seite. Oder dieser hier: Kelardasht. Ein ganz besonders feines Stück. Weich wie ein Tier, fühl doch mal…

Und immer wieder die Versicherung, wenn der Teppich nicht gefällt, nehmen wir ihn zurück. Kein Problem. Nimm ihn nachhause, zur Ansicht, gehe darauf, sitze darauf, schlafe darauf, streichle ihn.

Ich kann jetzt nicht. Sehen Sie denn nicht, dass wir gerade beerdigen? Später vielleicht.

Ein Sonderpreis?

Ein Anflug von Trauer in seinen dunklen Augen. Sie sind wirklich sehr schön, will ich sagen, habe ich ihn beleidigt?

Schneewehen, Staubwolken, flüchtige Umrisse zwischen den Gräbern. Dann sind sie fort.

Regen und grau. Später vergessen, die anderen zu fragen, was sie davon hielten, oder ob alles geträumt. Mein Bruder aber besass bald danach, gib oder nimm ein paar Jahre, einen kleinen Wandteppich, dessen Motiv – trabende Kamele – ihn, wenn er lange davorsitzt, zum Weinen bringt, eins ums andere Mal.

Während der Beerdigung hat es zu regnen begonnen, zuerst unmerklich, tränenverdünnend, dann heftiger, einen Augenblick lang sah es aus, als wolle ein Sturm aufkommen, bis ein Landregen einsetzte, der danach lange nicht mehr aufgehört hat. Jetzt höre ich gewisse Leute einwenden, zum Beispiel Onkel Ernst mit seinen Tatsachen, das sei Unsinn, es sei Dezember gewesen, bitterkalt, und es habe nicht geregnet, sondern, bitteschön, geschneit.

Bei allem Respekt vor meinem Onkel (er hat mit seiner Frau vier Kinder grossgezogen und ist immer noch verheiratet) und einem geregelten Ablauf der Jahreszeiten muss ich aber darauf bestehen, dass es Regen war.

Es regnete bereits während des Gottesdienstes, bei dem ein mir völlig fremder Pfarrer meine Mutter und ihren kurzen Lebenslauf (den kurzen Lauf ihres Lebens) zwischen einem eindringlichen Aufruf für unsere sofortige Solidarität mit einem afrikanischen Land (ich habe vergessen, welches) und einem Spendenaufruf für eine Auffangstation für Drogensüchtige im Zürcher Unterland erwähnte. Ich habe bei einer zugegebenermassen kleinen Anzahl vergleichbarer Anlässe noch nie eine so völlig absurde Predigt gehört. Mein Vater, der stockbetrunken neben mir in der Kirchenbank hing, fluchte einigermassen verhalten aber für die braven Kirchgänger der umliegenden Sitzreihen doch deutlich hörbar vor sich hin, indem er sich immer wieder wunderte was für einen gottvergessenen Scheissdreck der Herr Pfarrer von der Kanzel herab zum Besten gab, derweilen ich mich über mich selber wunderte, weil es mir tatsächlich egal war, was die Leute um uns herum dachten. Mein Vater hatte Recht. Das Recht der Besoffenen über die Nüchternen. Das Recht der Ungläubigen über die Gläubigen. Das Recht der Toten über die Lebenden. Denn er war schon beinahe tot.

Nach der Predigt gab es vor der Kirche dann eine Abfolge von Umarmungen, mein Vater erstaunlich gefasst, die meisten Kondolierenden weinend, das Ganze im Regen.

Es regnete tagelang, wochenlang. Der Regen blieb auf den Gräbern liegen, auf den Hausdächern, Wiesen und Wegen. Automobilisten schaufelten ihre Autos frei am Morgen und Kinder bauten hinter dem Haus, aus dessen Fenstern meine Mutter eben noch das Bettzeug ausgelüftet hatte, Regenmänner mit Gurkennasen. Schön habt ihr das gemacht, Kinder. Wirklich schön.

Es regnete so lange ohne Unterbruch, dass der Verkehr zusammenbrach, der Strom in der Agglomeration ausfiel und überhaupt fast alles zu einem momentanen Stillstand kam. Sogar der Mixer stoppte unvermittelt bevor der Rahm geschlagen war. Die Kinder weinten bei Kerzenlicht und assen die Beeren widerwillig mit flüssigem Rahm.

Wer kein Kaminfeuer hatte, und wir gehörten dazu, musste vom Komfort her bös untendurch in diesen Tagen. Verschiedene Schichten von Unterkleidern, dicke Pullover, Pulswärmer und früh zu Bett, die Decke hochgezogen unter das zitternde Kinn. Am Morgen zuerst der Blick aus dem Fenster: immer noch Regen. Man wusste es, hätte es hören können, vom Bett aus, ohne aufzustehen, wenn nicht dieser tückische Regen lautlos und weiss auf die Dächer gesunken wäre.

Unbestritten waren die positiven Aspekte des Stromausfalls. Nach den ersten paar Nächten, die wir in einem Zustand nervöser Erschöpfung sprach- und meist schlaflos auf einem rasch hergerichteten Matratzenlager verbrachten, aufschreckend wenn aus Vaters Zimmer nebenan ein lautes Geräusch vernehmbar war, eine Faust gegen die Wand, ein Kopf. Jeder für sich mit dem Ereignis beschäftigt (spring, sprang, gesprungen), begannen wir uns die Dunkelheit mit Geschichten zu verkürzen, so, wie wir das als Kinder ein paar Zimmer weiter vor zwei Jahrzehnten auch getan hatten.

Zuerst kam der Strom zurück. Die Milch allerdings sauer. Wir hatten vergessen, sie vor das Fenster zu stellen, auf das eiskalte Sims. Mit dem Strom kamen die Nachrichten. Berichte von eingeregneten Dörfern in den Alpen und ganzen Talschaften im Mittelland vom Hochschnee in Mitleidenschaft gezogen. Alles musste entwässert, getrocknet und zum Teil frisch gestrichen werden. Nichts war versichert. Dann Meldungen aus dem Ausland, extrem weit entfernt. Bürgerkriege, verschobene Wahlen, der zweite Jahrestag der Besetzung einer russisch-amerikanischen Raumstation durch oppositionelle Astronauten. Gegen die Schwerkraft?

Wir erwachten alle aus einem langen, unruhigen Schlaf und hatten zunächst überhaupt keine Ahnung, was geschehen war. Wir stellten die Unordnung fest, überall Kerzenwachs und umgestossene Gegenstände, unfertige Träume und die Morgensonne irgendwie zu grell. Es half nichts, die Pyjamas zu sortieren, im Dunkel vertauscht (mein zweiter Sohn schlief in einem Ärmel meiner Hose während meine jüngste Tochter entweder gar nicht geschlafen hatte oder erst später geboren wurde) und alles einigermassen aufzuräumen. Man ist, das wussten wir nun, nie mehr dieselben.

Noch im Traum hatte ich gespürt, dass ich hier wegmusste. Auf der Stelle fort von diesem Trauerhaus, dieser Stadt, raus aus meiner Kindheit, die viel zu lange gedauert und nun doch zu abrupt geendet hatte. Neue Kleider, ein neuer Beruf und mindestens zwei weitere Kinder als Ausgleich und Trotz.

Träumend fiel es mir leicht. Ich wurde Berufsfussballer, womit die Wahrheit meiner Jugend endlich Traum wurde. Keiner störte sich an meinem ausgedribbelten Alter. Das kriegen wir hin, sagte mein Wunschtrainer beim ersten Zusammenzug – eine Vaterfigur, gleichzeitig Nationaltrainer, vor dem wir Spieler den grössten Respekt hatten, weil er Reporter, mit denen er sonst per Du war, nach verlorenen Spielen hinterlistig siezte. Sie haben das ja alles schon vorher gewusst, nichtwahr. Für Sie musste das ja so kommen, oder. Keine Überraschungen für Sie, mein Herr.

Später, als wir in der REM-Phase immer öfter verloren, wurde ihm dieser Kniff allerdings zum Verhängnis, indem ihn die frustrierten Medienleute so lange totschwiegen,  dass eines Tages keiner mehr seinen Namen kannte.

Das war kurz nach der verpassten Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Frankreich, als man einen Schuldigen suchte und feststellte, dass man keinen benennen konnte. Wie hiess der Unerwähnte doch gleich, der ehemalige Ex-Trainer?

Er wurde durch die erste Frau auf dem Trainerstuhl der Schweizer Nationalmannschaft ersetzt, eine Deutsche, deren Kernsatz, “Saubere Schuhe, sauberes Spiel!“ mir irgendwie bekannt vorkam.

Aber bevor das alles passierte, blühte ich unter der Führung meines verehrten Trainers im Tiefschlaf auf wie ein Nachtschattengewächs. Mit meinen knapp vierzig Jahren war ich zu langsam, um als Spielmacher zu reüssieren, obwohl es mein Trainer zunächst mit mir in dieser Rolle versuchte (Mach endlich mal ein Spiel!).

Als Verteidiger fehlte mir der Biss, weil ich mich oft mit meinem direkten Gegenspieler in faszinierende Gespräche über Gott und die Welt verlor, woraus sich in einigen Fällen Freundschaften entwickelt haben (wo ist eigentlich der Ball?), die bis heute anhalten. Es stellte sich nach ein paar für mich ernüchternden Spielen, nach denen mein Trainer in bewundernswürdiger Weise an mir festhielt (Es steht Ihnen nicht an, meinen Spieler zu kritisieren. Er ist noch alt und hat sich schon entwickelt.) heraus, dass ich nur etwas im bezahlten Fussball Wesentliches wirklich gut, das dann aber extrem gut konnte. Ich war ein Kopfballmonster. Keine Flugkopfbälle, nein, nein. Das hielten meine Knochen nicht mehr aus. Aber ich konnte aus dem Stand extrem hoch hochsteigen. Höher als Horst Hrubesch. Höher als alle anderen, die dazu erst noch Anlauf nehmen mussten. Ich stand also irgendwo anscheinend teilnahmslos im Sechzehnmeterraum des Gegners herum (man verzeiht ihm die Pausen), zwei gegnerische Verteidiger, nachdem man mich einmal kannte, nervös um mich herumtänzelnd, bis ich unvermittelt und praktisch ansatzlos hochstieg, immer höher, und im Augenblick des Kulminationspunktes meines Steigfluges kam von der Seite der wohltemperierte Flankenball meines Flügels, den ich, den rückwärts gedehnten Oberkörper wie eine Feder nach vorne schnellen lassend, unbedrängt weil hoch über allen andern unhaltbar einsandte, versenkte, einnickte, reinmachte, gooooooal!

Es war unglaublich, sogar im Traum. Mein Trainer hatte sein ganzes System auf mich zugeschnitten und mein Verein hatte speziell wegen mir zwei brasilianische Flankengötter engagiert, filigrane Techniker, die mir von ihren Seiten her zudienen mussten. Ihre Aufgabe bestand darin, an den Seitenlinien so lange verwirrend zu dribbeln, bis sie von einer neu erfundenen Position im Mittelfeld, dem Zurufer (es gab je einen auf jeder Seite), das Signal zum Flanken kriegten. Die Zurufer beteiligten sich selber nicht aktiv am Spiel, wurden aber ab und zu von frustrierten Gegnern rüde gefoult (Nichtspieler Maul halten). Es waren gute Freunde von mir, mit denen ich aufgewachsen war, die mich spürten und genau wussten, wann ich in die Luft gehen würde. Dann riefen sie ihrem Flügel blitzschnell auf Portugiesisch zu “Er steigt!“, worauf der Flügel mit dem Ball am Fuss eine letzte Drehung machte und der Rest steht im Sportbericht. Es war eine fantastische Zeit. Die Fans lagen mir zu Füssen (sie nannten mich den Turm, the Rocket, Sputnik oder Heli Hansen) und es wurden mehrere Fanclubs gegründet, der Briefkasten jeden Tag voll.

Später hat mir mein Psychiater den ganzen Traum, an dem er unsägliche Freude hatte (ich musste ihn mehrmals erzählen und Bilder dazu malen), ausführlich erklärt.

Der Trainer, sagte er, während er für mich nur in den Umrissen erkennbar war, aus seiner dunklen Ecke, mit dem Balkonfenster im Hintergrund, durch welches das Abendlicht auf die alten Möbel und wohl auch auf mein Gesicht fiel, ist ihr Vater. Und ihr Kopf ist ihr Penis. Dass sie so hochsteigen und so viele Tore schiessen, zeigt die Konkurrenzsituation zu ihrem Vater. Sie wollen ihn überragen, übertrumpfen, sein Auto klauen und seine Sekretärin vögeln.

Und die eingeflogenen Flügel? Die Fanclubs? Meine Freunde auf und neben dem Platz?

Vergessen Sie das, sagte mein Psychiater. Erzählen Sie mir nochmal Ihren Traum.

Am ersten Donnerstag nach der Beerdigung wusste ich unvermittelt, wahrscheinlich zum allerersten Mal in meinem Erwachsenenleben, was ich mit mir anfangen wollte, schöpfungsweise. Ich schaute aus dem Fenster und sah, was man aus jenem Fenster immer sieht – nichts Besonderes – als mich die Eingebung traf: Das ist es. Ich fühlte mich ungeheuer erleichtert. Endlich, nach all den Jahren des Zweifels und der Mutlosigkeit. Die Gicht am Ende des Tunnels. Ein Silberfisch am Horizont. Ich war so euphorisch, dass ich mich hinlegen musste, worauf ich unverzüglich einschlief und erst am nächsten Vormittag wieder erwachte.

Ich sass auf der Bettkante und versuchte mich zu erinnern, was es war. Der feste Entschluss des Vortages, was mit mir nun endlich zu tun sei, der mein Leben radikal verändert hätte (The time has come for more than small decisions): Ich hatte ihn vergessen. Aber das Gefühl der Erleichterung war geblieben. Es hielt einige Tage an, bis es sich in eine Pension in den Voralpen zurückzog, wo meine Mutter kurz vor ihrem Tod (alles war nun kurz vor ihrem Tod) zur Kur war. Wir schreiben uns ab und zu.

Was mir übrigblieb, war weiterzuleben wie bisher. Keine Spur von Läuterung. Nichts gelernt durch das Leid der Mutter. Nicht fähig, sie gehen zu lassen, ihr einhändig die Hand zu schütteln und ihr zu sagen: Es ist gut so, Mutter. Nicht einmal fähig, die eigene Unfähigkeit zu artikulieren. Es ist, wenn man nicht weiss, was man nachher sagen will, nicht nötig, sich zu räuspern. Also hustete ich weiter, lange Jahre, wenn ich auch zwischenzeitlich aufhörte zu rauchen und jeweils erst später wieder anfing damit.

Es folgten schwierige Wochenenden nach dumpfen Arbeitswochen an drei verschiedenen Wohnorten im Ausland. Die Kontinente wechselten, die Pflichtenhefte und die Zahl der Kinder wuchs. Was von Land zu Land blieb, war die Unfähigkeit, in einen Liegestuhl zu sinken mit einem guten Buch und einem Bier und den Rest einfach Rest sein zu lassen. Ich legte mich stets auf meine eigenen, zerknüllten Pläne und stand jeweils bald wieder auf. Es war entweder zu heiss oder zu windig oder beides. Das grelle Licht der Sonne entweder im Buch oder im Gesicht. Den Garten aufräumen. Ein Zimmer umgraben. Gedichte kompostieren. Vertrocknete Äste, verkrustete Malutensilien, alte Papiere. Wenn alles aufgeräumt ist, dachte ich manchmal, könnte man vielleicht etwas Neues anfangen. Etwas, was zufrieden macht. Aber es war nie alles aufgeräumt. Der Anfang begann nie.

Und meine Mutter merkte es natürlich auch und sprang noch einmal. Sie sprang in Strassburg vom unfertigen Turm der Kathedrale, in Bern von der Lorrainebrücke, in Teheran vom Turm einer Moschee und in Washington von einem Wolkenkratzer downtown, vor dessen Eingang sich im Winter die verfemten Raucher die braunen Finger abfroren. Und jedes Mal, wenn sie starb, rückte ich ein bisschen näher zusammen.

Bis ich merkte, dass ich allein bin. Noch näher zusammenrücken ging nicht mehr. Es war Zeit für den Trick des Erscheinens im eigenen Leben. Es war Zeit, mich zu verabschieden. Von mir.

Keine Sprünge mehr, Mutter. Es reicht. Dieser eine Satz in der Muttersprache hat gereicht. Ich habe ihn bloss nicht verstanden, all die Jahre. Bis jetzt. Meine eigenen Sätze sind immer wieder an seinen schartigen Kanten abgerissen.

Hörst Du, wie ich mich räuspere (how I clear my throat)? Hör mir gut zu. Was ich sage, hätte auch für Dich gelten können. Gelten sollen. Gelten müssen.

Ich bin glücklich geworden. Viele Jahre später. Aber ich bin glücklich geworden. Ich habe unterdessen vier wunderbare Kinder, denen ich von Dir erzählt habe und weiter erzählen werde, damit Du nicht in Vergessenheit gerätst und noch einmal stirbst. Und ich habe drei Grosskinder: schau sie Dir an! Und eine Frau, die mich liebt, wie ich bin.