Bäume kippen

15. August 2025

(Für meine Schwester. Ich habe diesen Text vor gut 30 Jahren in den USA geschrieben. Heute liess er sich auf Deutsch übersetzen.)

In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, waren die Wände dick und die Türen dünn. Es war, als hätten die Leute, die das Haus bauten, ihr ganzes Geld schon ausgegeben, als sie zu den Türen kamen, und sie mussten sich mit der billigsten Variante begnügen: zwei Lagen Sperrholz auf einem leichten Holzrahmen.

Die dünnen Türen hatten einen Vor- und einen Nachteil. Der Vorteil war, dass man sie nicht richtig zuschlagen konnte. Dafür fehlte ihnen das nötige Gewicht.  Der Nachteil war, dass sie nicht sehr stabil waren. Mein Vater, der ein großer Mann war, schlug mit den Fäusten oder den Füssen Löcher in diese Türen, wenn er wütend wurde.

Wie für unseren Dackel, der – egal wer ihn schlecht behandelt oder über ihn gelacht hatte – seinen kleinen, stinkenden Protesthaufen unfehlbar vor die Küchentür legte (für die, die nach mir schauen sollte), war auch für meinen Vater die Küchentür das Hauptobjekt seiner Wutausbrüche.  

Meine Mutter deckte die Faustlöcher mit einem Wandkalender aus Stoff zu, den sie jedes Jahr von einer Familie in Schottland bekam, bei der sie als Au-pair-Mädchen ein halbes Jahr gelebt hatte. Die Löcher auf Fusshöhe blieben unbedeckt. Mutter schämte sich für diese Löcher, für die sichtbaren und für die verdeckten.

Wenn ein Jahr vorbei war und der neue Kalender aus Schottland mit einem Brief eintraf, in dem sie gefragt wurde, wann sie wieder zu Besuch kommen würde, hängte sie den alten Kalender ab und bat meinen Vater, die Tür zu reparieren, was er gelegentlich auch tat.

Ich erinnere mich jedoch an mindestens zwei Jahre, in denen er zu lange brauchte und meine Mutter die Geduld verlor. Sie rief einen Tischler und bestellte eine neue Tür. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, warum sie nie eine massive Holztür anfertigen liess, eine schwere, wutfeste Tür.

Warum ließ sie sich immer wieder von ihm blamieren? Sie machte nie viel Aufhebens um die Löcher, aber es war offensichtlich, dass sie sie gut lesen konnte und dass sie ihr zu schaffen machten, genauso wie die anderen Opfer der Wutausbrüche meines Vaters. Zum Beispiel der Riss an der Vorderseite der Stereoanlage, wo das Plastikfenster für die Senderwahl von einem Faustschlag eingedrückt war und man nur noch die eine Hälfte der Sender einstellen konnte.  

Ich glaube, für meine Mutter war eine Oberfläche nicht nur etwas, wovon man den Staub wischen musste. Die Oberfläche der Dinge in unserem Zuhause war wie eine Haut, eine dünne Schutzschicht, eine Hülle für das rohe, verletzliche Material, das darunter lag. Mutter wollte, dass die Haut unserer Wohnung, unseres Zuhauses, intakt war, nicht makellos, aber intakt, und sie führte einen ständigen, nicht zu gewinnenden Krieg gegen Löcher, Risse und Sprünge in dieser Haut.

In unserem Wohnzimmer stand eine gebrauchte, dreiteilige Sitzgarnitur mit einem blau und beigen Stoffbezug mit kleinen Noppen, die durch Faden abgetrennt waren, der überall riss. Ich sehe meine Mutter vor einem der gepolsterten Sessel knien, die Lesebrille tief auf der Nase, wie sie den Bezug mit einem passenden blauen oder beigen Seidenfaden repariert, eine Tätigkeit, die oft den ganzen Abend in Anspruch nahm, während wir anderen fernsahen.

Mein Bruder Walt sass auf dem Sessel, an dem meine Mutter nicht arbeitete, ich lag ausgestreckt auf dem Teppich direkt vor dem Fernseher, den Kopf an das Sofa gelehnt, auf dem mein Vater lag und an den dramatischsten Stellen der Handlung spöttische Kommentare abgab, während er gleichzeitig die Zeitung las und mit beträchtlichem Geräusch umblätterte, kalten Tee schlürfte und mit unserem grünen Wellensittich mit dem ausgefallenen Namen Birdy sprach.

Birdy war nur nachts in seinem Käfig. Tagsüber bewegte er sich frei in der Wohnung und flog nicht weg, wenn die Fenster offen waren, was mir heute fast unmöglich scheint – aber so war es. Wenn wir am Abend fernsahen, stolzierte Birdy auf dem Sofatisch herum, pickte mit seinem Schnabel Münzen, Büroklammern, Bleistifte und andere Dinge aus einem grossen Kristallaschenbecher, und liess sie über den Rand des Tisches fallen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er den Kopf zur Seite neigte und den Dingen beim Fallen zusah.

Es waren die frühen Jahre des Fernsehens. Zuerst gab es nur einen Sender, später drei. Am Abend gab es Schwarz-Weiss-Filme aus Amerika. Doris Day und Carry Grant fuhren grosse Autos, bogen in lange Einfahrten vor schönen Häusern mit riesigen Kühlschränken ein und grillierten auf der Veranda vor dem Haus oder auf dem Deck hinter dem Haus. Spätestens am Ende des Films waren alle glücklich.

Wenn es in einem Film eine Kussszene gab, rief mein Vater „Fuss!“, worauf ich mein Bein anhob und die Szene mit meinem Fuss verdeckte, wenn sie nicht schon vorbei war.

All dies geschah, während Mutter die Stoffpolster reparierte. Ihr Kampf gegen den Zerfall der abgenutzten Sitzgruppe war hoffnungslos – eine wahrhafte Sisyphus-Aufgabe. Sobald sie einen Sessel fertig hatte, war der Stoff des nächsten oder des Sofas wieder auseinandergefallen. Es war ihre persönliche Golden Gate Bridge. Wenn sie am einen Ende mit Streichen fertig war, fing sie am anderen wieder an.

Mein Vater hatte die Polstermöbel von einem Bürokollegen übernommen, der sich nach einer Beförderung neue gekauft hatte. Es stand nie zur Diskussion, sie zu ersetzen. Für ihn waren die Sessel und das Sofa gut, solange man darauf sitzen oder liegen konnte. Und auf der Stereoanlage (ebenfalls von einem Bürokollegen übernommen) konnte man noch Nachrichten und Musik hören. Warum also eine neue kaufen?

Als Mutter irgendwann in ihren letzten Lebensjahren die dreiteilige Sitzgruppe entsorgen liess und durch ein beiges Sofa und zwei passende Sessel ersetzte (sie hatte alles von dem Geld gekauft, das sie verdient hatte, indem sie zweimal pro Woche an einem Zeitungskiosk arbeitete), konnte Vater es kaum fassen.

Er war so aufgebracht, dass er drei Monate lang das Wohnzimmer nicht betrat. Dann, eines Abends nach dem Essen, kam er ins Wohnzimmer, stellte die Teekanne auf die Glasplatte des ebenfalls neuen Sofatischs, ließ sich auf das neue Sofa sinken und begann Zeitung zu lesen. Mutter saß in ihrem Sessel und strickte. Sie sah ihn nicht einmal an. Niemand verlor je wieder ein Wort über die ausgewechselte Sitzgruppe. Die Golden Gate Bridge war für immer geschlossen.  

Die Hälfte unserer Möbel war gebraucht, die andere Hälfte selbst gebaut. Vater war ein sehr begabter Handwerker. Er hatte den Esstisch aus Massivholz gebaut. Es war eine ziemlich raffinierte Konstruktion. Die Spannweite der Tischbeine konnte auf einer Schiene unter dem Tisch verlängert werden und die massive Tischplatte liess sich dank zwei Scharnieren ausklappen, womit sich die Tischfläche verdoppelte und zehn Personen bequem am Tisch Platz nehmen konnten, obwohl wir nicht oft Gäste hatten und die wahre Grösse des Tisches die meiste Zeit verborgen blieb. Vater stellte auch die Stühle selber her, aus Metall, Holz und Polster. Die Rückenlehnen und Sitzflächen waren mit gelbem Kunstleder bezogen.

Das selbstgebaute Möbelstück, das wir Kinder (neben unseren Schreibtischen) am liebsten mochten, war die Eckbank, die zum Esstisch gehörte. Sie hatte eine längere und eine kürzere Seite und diente gleichzeitig als Stauraum für die Daunendecken meiner Eltern, die in unserer dreieinhalb-Zimmer-Wohnung kein Schlafzimmer hatten. Ihr Bett stand in einer Ecke des Wohnzimmers, tagsüber mit einem blassgoldenen Überzug zugedeckt. 

Walt und ich versteckten uns oft in dieser Eckbank, und ich erinnere mich noch gut an das beklemmende Gefühl, das mich langsam überkam, während ich in der hölzernen Box im Dunkeln wartete, als wäre ich lebendig begraben. Ich sagte mir immer wieder, dass genug Luft durch die Ritzen kam und ich den Deckel jederzeit aufdrücken konnte.

Sobald Walt merkte, wo ich war, setzte er sich auf den Deckel, sodass ich ihn nicht mehr öffnen konnte. Dann geriet ich wirklich in Panik. Die Regel war, dass in dem Moment, in dem derjenige, der sich im Eckbankteil versteckt hatte, „Aufmachen!“ rief, derjenige, der auf dem Deckel saß, sofort aufstehen und den Deckel öffnen musste. Aber manchmal taten wir so, als hätten wir den anderen nicht rufen hören.

Wenn das passierte, schrie ich wie verrückt und schlug mit den Fäusten so fest ich konnte gegen den Deckel. Wenn Walt mich dann rausliess, war ich sehr wütend und schwor mir, dass ich mich nie wieder in der Eckbank verstecken würde, aber natürlich tat ich es immer wieder. Es war das beste Versteck in der ganzen Wohnung.

Nicht nur das Esszimmer war mit den selbstgebauten Möbeln meines Vaters ausgestattet. Sie standen überall. Das Bett meiner Eltern im Wohnzimmer, unsere Schreibtische im Kinderzimmer, die Bücherwand im Wohnzimmer mit ausschwenkbarer Lade für den Dia-Projektor – sogar die Stehlampe im Wohnzimmer war ein Eigenfabrikat. Im Büro, das mein Vater sich eingerichtet hatte, hatte er eine Wand mit dunklem Holz getäfert, in der senkrechte Schienen verliefen, in welchen die Halterungen für die Bücherregale festgeschraubt waren.

Erst als ich erwachsen war, ist mir die ganze Absurdität dieses Büros bewusst geworden. In einer Dreieinhalbzimmerwohnung ein Büro einzurichten, in dem unser Vater sich nicht einmal oft aufhielt, und dafür auf ein Schlafzimmer zu verzichten, war schwer verständlich.

Als es mit den Jahren immer offensichtlicher wurde, dass mein Vater weder in seinem Beruf noch in seinem Leben glücklich oder zumindest zufrieden werden konnte, wurden die selbstgebauten Möbel, die einst für das junge Paar eine Quelle des Stolzes gewesen sein mussten, für meine Mutter zunehmend zu einer Belastung.

Sie musste miterleben, wie ihr Mann es trotz seiner vielen Talente nicht schaffte, ein  glücklicher Mensch zu sein. Während mein Vater und seine Freunde beruflich aufstiegen, trennten sich seine Freunde nach und nach von ihren alten Möbeln, ihren alten Autos und ihren alten Stereoanlagen, weil sie sich schickere Dinge leisten konnten. Sie zogen in grössere Wohnungen, kauften sich eigene Häuser, neue Autos, neue Möbel, neue Stereoanlagen.

Vater übernahm die meisten ihrer alten Sachen, ausser den Autos. Er kaufte die alte Stereoanlage von Rudi, die alte dreiteilige Sitzgarnitur von Willy und viele andere Sachen von anderen Freunden, deren Namen ich vergessen habe. Er nahm nichts umsonst. Er bezahlte für jeden einzelnen Gegenstand, und laut meiner Mutter bezahlte er jedes Mal zu viel.

Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich glaube, Vater fühlte sich irgendwie mit diesen alten Sachen verbunden. Er glaubte, dass alle Dinge eine Seele hätten und daher mit Respekt behandelt werden sollten und nicht auf den Schrottplatz geworfen werden durften, nur weil man sich etwas Neues leisten konnte.

Unser Dachboden, unsere Garage, unser Keller, Vaters Werkstatt, die er sich in einem Kellerraum eingerichtet hatte, und große Teile unserer kleinen Wohnung waren mit alten Sachen vollgestopft, die er nicht wegwerfen wollte und von denen er sicher war, dass sie eines Tages noch nützlich sein würden. Sogar alte Nägel hat er gerade gehämmert und aufbewahrt.

Er war eine Art früher Umweltschützer, ein konsequenter Wiederverwerter, und das zu einer Zeit, als fast alle noch an endloses Wachstum glaubten. Wachstum der Wirtschaft, Wachstum der Gehälter, der Wohnungen, der Gärten, der Autos und der Fernsehbildschirme, während vor allem die Müllberge wuchsen.

Ich glaube nicht, dass meine Mutter grundsätzlich eine andere Einstellung hatte als mein Vater. Beide waren in Familien aufgewachsen, in denen man ihnen beigebracht hatte, mit anderen Menschen respektvoll und mit der Natur achtsam umzugehen.

Was meiner Mutter je länger, je mehr zu schaffen machte, war die völlige Unfähigkeit meines Vaters, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Es war paradox: Er wollte alte Sachen retten, die seine Kumpels weggeworfen hätten, aber gleichzeitig war er wütend auf sich selbst, weil er genau diese Gebrauchtgegenstände als Zeichen seiner eigenen Stagnation sah.

Er wollte sich um alles kümmern, aber insgeheim beneidete er die Sorglosen, die Glückspilze, denen alles egal war. Wenn ich eines aus dem Beispiel meines Vaters gelernt habe, dann ist es, dass man nicht versuchen sollte, wie ein Philosoph zu leben, wenn man ein Mensch ist.

Ich werde nie erfahren, warum mein Vater mit seinem Leben nie richtig zufrieden wurde. Er hat es einfach nie ganz hingekriegt. Und meine Mutter konnte ihm auch nicht helfen, obwohl sie das sehr lange versuchte, genauso wenig, wie sie sich am Ende selber helfen konnte.

Vielleicht hätte eine Scheidung meine Mutter retten können. Aber damals war eine Scheidung etwas Grosses und Beängstigendes und nicht die logische Folge einer Eheschliessung, die sie heute ist. Also blieben meine Eltern zusammen.

Ich glaube, nein ich weiss, sie haben sich wirklich geliebt. Und manchmal denke ich, dass sie es hätten schaffen können. Sie haben sich geliebt. Aber sie konnten sich nicht helfen. Das hallt manchmal noch wie ein fernes Echo in meinem Kopf. Die zweistreifige Spur eines Flugzeugs am Himmel, wie ein grosser Reissverschluss. Öffnet man ihn von oben, ist man im Himmel, von unten in der Hölle.

***

Das Haus, in dem ich jetzt wohne, hat dünne Wände und dünne Türen. So baut man Häuser im Land der Freiheit. Als ich vor etwa zwei Jahren mit meinem Mann Tom und unseren vier Kindern hierherkam, war das eines der ersten Dinge, die mir auffielen: wie unglaublich dünn die Wände der Häuser sind. Wir fuhren durch einige der besseren Vororte von Washington, D.C., auf der Suche nach einem Haus, das gross genug für Doris Day, Carry Grant und vier Kinder war und nicht zu weit entfernt von der Stadt.

Wir kamen dabei an mehreren Baustellen vorbei und waren beeindruckt von der Art und Weise, wie diese Häuser gebaut wurden. Alles war so leicht und dünn. Kein einziger schwerer Balken im Dach, keine Armierungseisen zur Verstärkung der Böden, keine dicken Ziegelsteine oder schweren Betonfundamente. Alles war um ein Gerüst aus dünnen Holzplatten gebaut, auf die Sperrholz genagelt und eine Isolierschicht geklebt wurde, bevor das Ganze innen mit Paneelen und Tapeten und aussen mit einer Schicht Zierziegeln oder Holzimitat verkleidet wurde. Alles war so unglaublich leicht.

Ich sagte zu Tom, dass die Baumhäuser, die Walt und ich in unserer Kindheit am Rande Zürichs gebaut hatten, wahrscheinlich genauso stabil waren, wenn nicht stabiler. Später wurde uns klar, dass hier vieles dünner war als in der Schweiz, ausgedünnt wegen der schieren Grösse des Landes. Alles war weitläufig und zugleich dünn. Das öffentliche Verkehrsnetz, das Bier, das soziale Netz und vielleicht auch die Bindungen einer Ehe.

Nun lebe ich also hier in einem Haus mit einem schönen, grossen Garten, einer Doppelgarage, zwei Autos, zwei Fernsehgeräten, einem riesigen Kühlschrank und dünnen Wänden. Mein Vater wäre durch diese Wände hindurchgegangen, wenn er hier gelebt hätte.

Das erste Loch, das Tom mit der Faust in eine der Wände schlug, war im Gästebad im Erdgeschoss. Tom ist Diplomat. Er hasst seinen Beruf und er hasst es, Gäste zu empfangen. Das Gäste-WC machte also als Tatort durchaus Sinn. Er verdeckte das Loch mit einer Fotografie des Hauses, das der Besitzer zurückgelassen hatte. Eine Luftaufnahme unserer Strasse, die aufgenommen worden sein muss, als unser Haus gerade gebaut wurde. Viel Grünfläche umgab die wenigen Häuser. Junge Bäume. Ein grauer Lieferwagen stand in der Einfahrt, und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

„Warum hast du das Bild im Badezimmer aufgehängt?“, fragte ich Tom. Er lächelte und erzählte mir von dem Loch. Er sagte, er habe sich letztes Wochenende über sich selbst geärgert, als er gerade dort stand und pinkelte. Er schlug mit der Faust gegen die Wand über seinem Kopf und erschrak, als die Faust durch die Wand ging.

Ich erzählte den Vorfall meiner deutschen Nachbarin und später meiner Englischlehrerin. Beide lachten. Nicht so sehr über den Gedanken an einen wütenden Ehemann, der Löcher in die Badezimmerwand schlägt, sondern über die Vorstellung, dass Tom, den sie beide kennen, das Loch mit einem Bild verdeckt.    Ich frage mich, ob sie auch lachen würden, wenn es ihre Ehemänner wären, die Löcher in ihre Wände schlagen.

Das war vor etwa einem Jahr. Jetzt gibt es ein zweites Loch, von dem sie nichts wissen, und ich werde es ihnen auch nicht sagen. Ich weiss nicht, warum ich ihnen vom ersten Loch erzählt habe. Das zweite befindet sich in der Tür der Toilette beim Master Bedroom, wie das hier genannt wird.

“Was ist mit der Tür passiert, Tom?“ fragte ich ihn, als ich das Loche entdeckte, obwohl ich wusste, was der Tür passiert war.

„Ich weiss es nicht“, antwortete Tom, ohne mir in die Augen zu schauen.

Damals kümmerte mich das nicht sonderlich. Tom ist ein guter Ehemann und ein guter Vater. Nach zwölf Jahren Ehe und fast zwanzig Jahren, in denen wir uns kennen, ist das Leben mit ihm immer noch schön. Die Liebe kommt und geht wie ein Stück weißes Holz, das von den Wellen an den Strand gespült wird. Manchmal ist sie ganz nah und ich kann sie fast berühren, und manchmal wird sie so weit hinausgetragen, dass ich befürchte, sie kommt nicht zurück. Aber bisher ist sie immer zurückgekommen. Sie verschwindet nie wirklich.

Das ist es, was mich an Tom überzeugt. Ich hatte andere Lieben, die stark und intensiv waren, aber sie haben einen aufgefressen und ausgespuckt, bevor man sich versah. Mit Tom ist das anders. Es ist ein bisschen wie in dem Gedicht, das ich einmal gelesen habe, in dem die Liebe ein Wal ist, der aus seinem dunkelsten Ozean auftaucht. Bei Tom weiß ich immer, dass der Wal da ist, egal wie tief er auch getaucht sein mag. Er ist schwer, er ist riesig, und er kommt immer wieder zu uns zurück.

Die Kinder sind schnell groß geworden. Der Kleinste geht seit letztem Herbst in den Kindergarten. Das gibt mir etwas Zeit für mich. Ich habe wieder angefangen, Klavier zu spielen. Ich habe eine Ausbildung in Shiatsu begonnen. Ich bin geschickt mit meinen Händen.

Tom spricht immer öfter davon, dass er seine diplomatische Karriere beenden möchte. Er sagt, sie sei zu oberflächlich. Es gäbe kein wirkliches Leben darin, nur Papierkram und formalisierte Dialoge. Zu viel Show, zu viel Heuchelei. Er sagt, das mache ihn langsam krank. Er sagt, er würde gerne halbtags arbeiten, die andere Hälfte des Tages mit den Kindern verbringen und den Haushalt machen. Vielleicht hätte er dann noch etwas Zeit und Energie, um zu schreiben, wenn die Kinder im Bett sind.

Ich kann ihn verstehen. Ich weiss ja, dass er mit seiner Arbeit nicht glücklich ist. Aber ich weiss nicht, ob er jemals einen Job finden wird, der ihn zufriedenstellt. Was, wenn ihm zu Hause mit den Kindern auch langweilig wird? Wenn er auch da nicht schreiben kann? Und was soll ich dann machen? Wie sollen wir über die Runden kommen?

Deshalb habe ich mit Shiatsu angefangen. Vielleicht kann ich damit etwas Geld verdienen. Aber als ich Tom davon erzählt habe, fand er die Idee nicht so toll. Ich glaube, ich mag es nicht, wenn du an anderen Menschen arbeitest, sagte er.

***

Gestern bin ich mit den Kindern am Potomac spazieren gegangen. Es war ein klarer Tag, die Luft war noch feucht und der Boden vom starken Regen der letzten Wochen durchnässt. Überall lag Treibholz von der letzten Überschwemmung. Die Holzfäller hatten bereits viele der umgestürzten Bäume in Stücke gesägt, die verstreut auf dem Weg lagen und darauf warteten, eingesammelt und abtransportiert zu werden.

Die Kinder lieben es, im Wald herumzurennen. Je schmutziger sie werden, desto mehr Spass haben sie. Wir sind Indianer und suchen Kanus, die die weissen Trapper irgendwo am Ufer versteckt haben. Wenn wir eines finden, überqueren wir den Fluss und kommen nie wieder zurück.

Ich sage den Kindern, sie sollen vorsichtig sein. Die Uferböschung ist sehr steil. Neben dem Weg gibt es nur ein paar Meter flachen Boden, dann fällt das Gelände plötzlich ab und darunter fliesst der Fluss. Er ist tief und die Strömung ist stark.

Die beiden Grösseren scheinen sich der Gefahr bewusst zu sein. Sie nähern sich der Böschung langsam und vorsichtig. Die Kleinen sind natürlich anfälliger dafür, ins Wasser zu fallen. Lore, unsere Jüngste, wackelt in ihrer unbeschwerten Art dahin, und singt ein Lied dabei, dessen Worte sie beim Gehen erfindet.

Hal, der kleinere der beiden Jungs, rennt auf das Flussufer zu, bleibt brüsk stehen und wirft mit dem Schwung Steine in den Fluss. Ich habe Angst, dass er das Gleichgewicht verliert und einem seiner Steine ins Wasser folgt. Würde ich schnell und stark genug sein, um ihn zu retten, oder würde der Fluss ihn mitreissen?

Ich bin mir der Gefahr bewusst, aber irgendwie lasse ich sie ohne allzu grosse Einmischung nahe an das Ufer herantreten. Manchmal nehme ich Lore für ein paar Schritte an die Hand oder ich rufe: „Nicht zu nah, Fanny!“ oder „Langsam, Hal!“.

Ich habe dieses Bauchgefühl einer Mutter, die weiss, was passieren wird und was nicht. Es erinnert mich an meine Mutter, die viele ihrer Entscheidungen aufgrund dieses Gefühls traf und mich damit manchmal in den Wahnsinn trieb, weil sie ein Verbot nicht begründen konnte.

„Ich kann es Dir nicht erklären, Sally“, sagte sie dann jeweils, „ich weiss es einfach. Es ist da. Das ist so ein Mutter-DIng.“

„Du wirst es auch verstehen, wenn du einmal eigene Kinder hast. Du wirst wissen, was gut für sie ist und was nicht. Das ist ein Instinkt. Eine Frage des Überlebens.“

Als ich so am Potomac entlangspazierte, wusste ich, dass meinen Kindern nichts passieren würde. Sie waren in Sicherheit.

Der Spaziergang am Flussufer, der Geruch von feuchter Erde und verrottenden Blättern weckten Kindheitserinnerungen. Mein Vater, Walt und ich spazieren durch den Wald in der Nähe unseres Hauses. Alte, abgestorbene Bäume stehen zwischen den gesunden. Mein Vater sucht sich einen aus, lehnt sich mit ausgestrecktem Arm dagegen und stemmt sein ganzes Gewicht gegen den Baum, bis er nachgibt und sich zu neigen beginnt, wobei er mit einem knarrenden Geräusch seine toten Wurzeln aus dem Boden reisst, dann fällt er krachend um und die morschen Äste brechen beim Aufprall auf den Herbstboden. Auch der Stamm zerbricht in mehrere Teile.

Ich bewundere seine Kraft und springe vor Freude auf und ab. Walt und ich brechen die Äste ab, die noch am Stamm sind. Dann gehe ich zur Krone des Baums und breche dort ein paar dünne Äste ab. Es sind besondere Äste, weil sie vorher nur von Vögeln oder Eichhörnchen berührt wurden. Sie sind meine Beute, die es manchmal bis nachhause schafft.

Wir gehen weiter und mein Vater sucht nach einem anderen toten Baum, den er umkippen kann. Die Sonne scheint durch die Baumwipfel und ich bin, ohne daran zu denken, sicher, dass ich ewig leben werde.

„Pass auf deinen Bruder auf, Hal,“ rufe ich, „wenn du diese Steine wirfst!“ Mit dem letzten hätte er seinen Bruder fast getroffen. „Denk daran“, sage ich ihm, „wir Indianer sind den weissen Eindringlingen zahlenmäßig unterlegen. Wir dürfen uns nicht noch gegenseitig umbringen, wenn wir überleben wollen.“ Er lacht und rennt davon.

Weiter unten am Weg versucht Rick, der ältere Junge, einen der Baumstrünke vom Boden hochzuheben. Er ist fast vier Fuss lang. „Hilf mir, Mama!“, ruft er. Ich gehe zu ihm hinüber und wir versuchen es gemeinsam, aber der Baumstrunk ist zu schwer.

„Lass ihn uns rollen“, schlägt Rick vor, und gemeinsam schaffen wir es mit unseren Händen und Füßen, ihn in Richtung der Uferböschung zu lenken. Wir geben ihm einen letzten Stoß mit den Füssen, und er fällt wie in Zeitlupe über die Böschung, bleibt viel zu lange in der Luft und schlägt dann mit einem gewaltigen Platschen auf dem Wasser auf, verschwindet für einen kurzen Moment, taucht dann etwas weiter unten wieder auf und wird von der Strömung mitgerissen.

Rick ist glücklich. Er jubelt und tanzt. Er will noch einmal, und Hal und Fanny schließen sich uns an. Am Ende rollen wir ein halbes Dutzend Baumstämme zur Böschung und beobachten, wie sie fallen und davongetragen werden. Einige verfangen sich im Treibgut und in den niedrigen Ästen am Flussufer, wo sie hängen bleiben, während die Strömung versucht, sie mitzureissen.

Als die Zeit gekommen ist, nachhause zu gehen, besteht Rick darauf, zuerst zum Boot zurückzukehren, das wir zu Beginn unseres Ausflugs in einem kleinen Seitenast entdeckt hatten. Es ist ein Ruderboot, das mit zwei Ketten hinten und vorne an Bäumen befestigt ist, sodass es längsseits am Flussufer liegt.

Rick steigt ins Boot, Hal folgt ihm. Lore lässt sich nach einigem Zögern ebenfalls dazu überreden. Fanny will nicht ans Boot. Sie bleibt am Ufer, pflückt Blumen und beobachtet aus dem Augenwinkel, wie ich das Boot ein wenig anschubse, sodass es sich vom Ufer entfernt, bis es von den Ketten aufgehalten wird.

Mir ist klar, dass auch das nicht ganz ungefährlich ist. Es hat hier keine grosse Strömung, aber das Wasser ist tief. Mir wird auf einmal leicht schwindelig, aber gleichzeitig bin ich hellwach, bereit zu springen, obwohl ich weiss, dass ich das nicht tun werden muss. Den Kindern wird nichts passieren. Sie müssen die Welt erkunden. Ich kann sie nicht immer vor allem beschützen.

Während sie im Boot sitzen, sehe ich eines der Holzstücke, die wir weiter oben über die Böschung geworfen haben, langsam herantreiben. Es musste sich von der Böschung losgerissen haben und die Strömung hatte es in den Seitenast getrieben. Ich zeige es den Kindern. Es kommt fast in Reichweite des Bootes. Rick lehnt sich hinaus, kann es aber nicht erreichen. „Lehn dich nicht so weit aus dem Boot, Rick!“, ruft Lore ihm zu. „Du fällst ins Wasser!“

„Los, Kinder“, sage ich. „Es wird spät.“ Sie wollen, dass ich sie noch dreimal vom Ufer wegstosse. „Nur noch dreimal, Mamma, bitte!“

Ich stosse das Boot noch dreimal vom Ufer ab, Dann fahren wir los.

***

Marseille, travail en cours

15. August 2025

Was nicht reimt

6. August 2025

Wer sammelt die Körbe ein,
wenn die Beeren gesammelt sind?
Wer lässt es wachsen, sobald etwas keimt?
Wer spannt die Pferde ein, wenn der Wagen beladen ist?
Und was machen wir mit allem, was nicht reimt?

Wer lobt den Tag vor dem Abend,
ohne ihm zu misstrauen?
Wer sieht die Wolken am Himmel,
die sich wie Augenbrauen
hochziehen und verschwinden?

Wer singt die Kinderlieder,
die im Gedächtnis blieben?
Wer würde die Bücher lesen,
die wir noch schrieben?

Und was geschieht mit allem, was nicht reimt?

Seaside

6. August 2025

My Household Poem

2. August 2025

Loading and (later) unloading
the dishwasher

Putting the dishes
in their respective shelves
while telling them they
deserve a break

Sending the vacuum robot
to one room after another
thanking him after every room
and after two or (maximum) three rooms
removing, cleaning and installing the dustbin

Taking the dry laundry from the rack
folding it gently and putting it in the wardrobe
pile after pile
while praising the different fabrics

Cleaning the bathroom sink
after postponing the cleaning
of the toilet to tomorrow

And now: This poem!

Tellermans Rätsel

26. Juli 2025

(zunehmend kleiner werdende Gästezahlen)

Ein Freund von ihm, so hatte es Meir meiner Frau und mir erzählt, als wir ihn und seine Frau Hadassah in ihrer Wohnung in Jerusalem besuchten, nicht ahnend, dass es das letzte Mal sein würde, denn wir wussten nichts von seiner heimtückischen Krankheit, die sich in ihm nach ihrer letzten Attacke ausruhte, bevor sie ihn zwei Jahre später in sein bereits offenes Grab stossen sollte, dieser Freund von ihm also, so hatte uns Meir erzählt, habe zu seinen Neujahrsfesten, von denen jeder, der schon einmal eines miterleben durfte, das folgende auf keinen Fall verpassen wollte, jeweils mittels eines Rätsels eingeladen.

Nur wer das Rätsel, das jedes Jahr schwieriger geworden sei, ganz lösen konnte, fand heraus, wann (denn das Datum des Festes war noch beweglicher als das jüdische Neujahr) und wo (denn die Feierlichkeiten fanden nie im Haus des Freundes statt, obwohl dieses, so Meir, dafür gross genug gewesen wäre) das Neujahrsfest diesmal stattfinden würde. Wer das Rätsel nur halb lösen konnte, wusste zwar wo, aber nicht wann, und wem die Lösung der anderen Hälfte gelang, der wusste zwar wann, aber nicht wo das grandiose Fest steigen würde.

Da die Rätsel, wie gesagt, von Jahr zu Jahr schwieriger wurden, wuchs mit jedem Jahr die Zahl derer, die nicht mehr imstande waren, das Rätsel ganz zu lösen, oder anders gesagt: die Zahl der Gäste, die am richtigen Abend am Ort des Festes erschien, wurde zunehmend kleiner.

Als Nebenprodukt dieser besonderen Einladungen konnte man, wenn man offene Augen und den Blick dafür hatte, in den Tagen rund um Rosch ha-Schana, also im September oder Anfang Oktober, in Jerusalem Menschen beobachten, die festlich gekleidet in den Strassen der Altstadt umherirrten, einige von ihnen mit Blumen oder einem Zickerkichen, in der völlig vergeblichen Hoffnung, sie würden auf jemanden treffen (und ihn oder sie auch erkennen), der das Rätsel, das zu lösen ihnen nicht gelungen war, ganz gelöst hätte und sie zum Fest führen würde.

Die Hoffnung war deshalb völlig vergebens, weil noch nie jemand, der das Rätsel ganz gelöst hatte, jemandem zu einem der besonderen Neujahrsfeste geführt hatte, der das Rätsel nur halb oder gar nicht gelöst hatte. Dies aus dem einfachen Grund, weil am Eingang zum Fest eine personalisierte Kontrollfrage gestellt wurde, die nur beantworten konnte, wer das ganze Rätsel selber gelöst hatte.

Es gäbe auch Leute, so erzählte es Meir, die überzeugt davon waren, das Rätsel sei für jeden eingeladenen Gast ein anderes, auf ihn zugeschnittenes gewesen, und habe mit der Lösung eine Art individuelles Passwort generiert, das dem Pförtner beim Eintritt ins linke Ohr geflüstert werden musste, denn auf dem rechten war der arme Mann seit vielen Jahren völlig taub.

Wie dem auch sei. Die Zahl der Gäste nahm jedes Jahr ab, obwohl sein Freund, hatte uns Meir versichert, nur intelligente Menschen zum Neujahrsfest einlud, denn geladen waren in der Regel nur dessen Freunde, und obwohl er viele Freunde hatte, würde man unter ihnen, auch wenn man sie lange suchte – was niemand tun würde, der ganz bei Sinnen ist – keine dummen Menschen finden.

Wenn ich sage in der Regel, dann deshalb, weil wir letztes Jahr völlig unerwartet eine Einladung zum Neujahrsfest von Amos Tellerman erhalten haben, ohne Amos Tellerman je getroffen zu haben, geschweige denn mit ihm befreundet zu sein. Dass es sich bei Amos Tellerman um Meirs Freund handeln musste, war mir sofort klar, nachdem ich den Umschlag geöffnet hatte und die Einladung in meinen Händen hielt.

Es war eine doppelseitige, ausklappbare Karte von ungewöhnlichem Format, auf deren Vorderseite von Hand in schöner Schrift geschrieben stand: «Persönliche Einladung zur Rosch ha-Schana Feier 5785 in Jerusalem». Die Einladung galt für meine Frau und mich. Sie hatte uns nach einem Umweg über Wien Anfang September an unserem neuen Wohnort in der Schweiz erreicht, wohin wir im April nach sechseinhalb Jahren in Wien gezogen waren.

Zum ersten Mal war ich, nachdem bisher nur Rechnungen oder Einladungen an bereits dirigierte Konzerte nachgesandt worden waren, froh, dass ich der Österreichischen Post einen kostenpflichtigen Nachsendeauftrag erteilt hatte und dass dieser noch nicht ausgelaufen war.

Rosch ha-Schana wurde 2024 vom zweiten bis am vierten Oktober gefeiert. Meine Frau und ich waren begeistert von der Einladung und buchten sofort nach Erhalt einen Flug für Ende September. Wir hatten ohnehin vorgehabt, zum neuen Jahr wieder zur Familie meiner Frau zu fliegen.

Erst nachdem wir gebucht hatten, fiel uns auf, wie seltsam die Einladung war. Nicht die Einladung an sich, die zwar geheimnisvoll aber keinesfalls seltsam war, sonden ihr Zeitpunkt und ihr Versand nach Wien. Wie kam es, dass Amos Tellerman, Meirs Freund, uns zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung zum Neujahrsfest zukommen liess, und woher wusste er, dass wir in Wien waren?

Seine Kenntnis unseres Aufenthaltsortes war nach kurzem Überlegen erklärbar. Als Meir starb, waren wir noch in Ankara. 2017, drei Jahre nachdem uns die traurige Nachricht von seinem Tod erreicht hatte, zogen wir nach Wien. Meir musste Tellerman gesagt haben, dass ich als Schweizer Botschafter unterwegs war, und als solcher ist man mit ein paar Mausklicks jederzeit auffindbar, bis man dann eines Tages in die Pension abtaucht und sich von Ehemaligen-Vereinen fernhält.

Weshalb uns Amos Tellerman zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung schicken sollte, war uns hingegen ein Rätsel. War es Meirs Frau Hadassah, die ihn dazu gebracht hatte? Oder waren wir bei Tellerman auf einer Art Ersatz- oder Warteliste gelandet und kamen nun zum Handkuss, nachdem so viele seiner Freunde an der rätselhaften Einladung gescheitert waren, dass er an einem Punkt angelangt war, wo er Freunde seiner Freunde einladen musste, um nicht alleine zu feiern?

Es war uns rasch klar, dass sich diese Frage (eine Art Nebenrätsel) – wenn überhaupt – erst mit dem Kennenlernen von Amos Tellerman am jüdischen Neujahrsfest beantworten liess. Dafür aber mussten wir das Rätsel der Einladung lösen.

Wir öffneten also gespannt, fast ehrfürchtig die gefaltete Karte und lasen auf der rechten Innenseite ein erstes Mal das Rätsel.

Wenn 15 Männer im Erdgeschoss eines Hochhauses mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl warten, der maximal 8 Personen befördern darf, und wenn dieser ankommt und sich die Türe öffnet, lassen sich alle gegenseitig den Vortritt, aber keiner tritt ein, bis sich die Türe wieder schliesst und der Fahrstuhl nach oben fährt: in welchem Stockwerk hält er zuerst und wieviele Personen steigen aus?

“Ich weiss die erste Antwort!”, rief ich sofort. “Der Fahtrstuhl hält im 1. Stockwerk!”

“Weshalb…?” fragte meine Frau verdutzt.

“Weil es ein Schabbat-Fahrstuhl ist,” sagte ich, ein wenig stolz auf mich, “die halten am Schabbat bei jedem Stockwerk automatisch, damit niemand einen Knopf drücken muss.”

“Es steht aber nirgends geschrieben, dass es Schabbat ist.”, sagte meine Frau.

“Es steht aber auch nirgends, dass es nicht Schabbat ist.”

“Da hast Du Recht,” sagte sie, “mein kleiner Goi. Und es spielt auch überhaupt keine Rolle, weil der Fahrstuhl, wenn es ein Shabbat-Fahrstuhl ist, die ganzen drei Tage von Rosch ha-Schana im Schabbat-Modus ist.”

“Gut,” sagte ich, “dann hätten wir also, würden wir damit richtig liegen, den ersten Teil des Rätsels gelöst. Obwohl das verdächtig einfach war, wenn man bedenkt, dass die Rätsel jedes Jahr schwieriger werden und mittlerweile so schwierig geworden sind, dass viele geladenen Gäste sie nicht mehr lösen können, obwohl es sich ausnahmslos um intelligente Menschen handelt.”

“Vielleicht können sie die Rätsel gerade deshalb nicht lösen,” sagte meine Frau, “weil sie zu intelligent sind und viel zu viel überlegen, während die Lösung direkt vor ihrer Nase liegt.”

“Ich glaube trotzdem nicht, dass der 1. Stock die Lösung ist”, sagte ich. “Und es ist ja nicht so, dass wir mehrere Versuche haben, um die richtige Antwort zu finden. Wir müssen uns auf eine Antwort festlegen und dann ist sie entweder richtig oder falsch.

Aber nehmen wir einmal an, die Antwort auf die erste Frage lautet tatsächlich im ersten Stock. Wohin führt uns das?”

“In den ersten Stock” sagte meine Frau und lachte.

“Und wie viele Personen steigen dort aus?”

“Das müssen wir noch herausfinden.”

“Und wo und an welchem Tag fände das Fest statt?”

“Wo wüssten wir schon. Im ersten Stockwerk eines Hauses mit 17 Stockwerken und einem Schabbat-Aufzug. Und das Datum ist der 2., 3. oder 4. Oktober.”

“Es dürfte in Jerusalem mehrere Dutzend solcher Hochhäuser geben. Willst Du bei jedem an allen drei Tagen vorbeigehen und dem Pförtner ins linke Ohr flüstern? Und vor allem: WAS willst Du ihm ins Ohr flüstern? Was wäre unser persönliches Passwort?”

“Diesen Teil des Rätsels müssen wir noch lösen”, sagte meine Frau.

***

Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte ich nach dem ersten Schluck Kaffee zu meiner Frau: “Weisst Du, was mir heute Nacht in den Sinn gekommen ist? Das Rätsel ist tatsächlich auf uns zugeschnitten.”

“Wieso?”

“Ich hatte Meir einmal erzählt, wie ich als junger Diplomat in Strassburg im Gebäude des Europarats mit einer Gruppe von älteren Diplomaten auf den Fahrstuhl wartete, und als dieser dann endlich kam und sich die Türe öffnete, liesen sich alle gegenseitig den Vortritt. Sie baten einander so lange, doch bitte den Fahrstuhl zuerst zu betreten (“Bitte nach Ihnen!” “Nein, bitte nach Ihnen!”) bis sich die Tür wieder schloss und der Fahrstuhl entschwand, ohne dass jemand eingestiegen wäre.”

“Und wohin bringt uns das?”

“Nicht in den ersten Stock” sagte ich. “Weisst Du, was Meir dazu sagte? Das nennt man Türquälerei.”

Ich öffnete die Einladungskarte und las das Rätsel noch einmal.

15 Männer warten in einem Hochhaus mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl, der maximal 8 Personen befördern darf. Keiner steigt ein bis der Fahrstuhl wieder losfährt. Wo hält er zuerst? Und wieviele Leute steigen aus?

“Der Fahrstuhl könnte, wenn es sich um einen Schabbat-Fahrstuhl handelt, entweder im ersten Untergeschoss oder im ersten Obergeschoss anhalten,” sagte ich zu meiner Frau, “nicht wahr?”

“Genau,” sagte sie, “und wenn es kein Schabbat-Fahrstuhl ist, wird er zur Etage fahren, die ein Fahrgast ausgewählt hat.”

“Aber es ist niemand im Lift…” warf ich ein.

“Das wissen wir nicht,” antwortete meine kluge Frau. “Wir wissen nur, dass niemand eingestiegen ist. Wir wissen weder, ob der Fahrstuhl von unten oder von oben kam, noch ob jemand drin war, oder ob Fahrgäste ausgestiegen sind.”

“Du hast Recht. Es könnte also sein, dass jemand, der berits im Fahrstuhl war, auf irgendeinen Knopf gedrückt hat.”

“Genau. Es könnte aber auch sein, theoretisch, dass Personen, die bereits im Fahrstuhl waren, keinen Knopf gedrückt haben.”

“Stop”, sagte ich, “Wir haben uns verrannt. Es heisst im Rätsel, der Fahrstuhl fuhr nach oben los. Wir können die unteren Geschosse also ausschliessen. Der Fahrstuhl wurde von jemandem, der sich bereits im Fahrstuhl befand, in ein oberes Stockwerk gesandt, oder von jemandem der sich in diesem Stockwerk befand, gerufen.”

“Aber welches Stockwerk…? Wir kommen nicht weiter.”

“Nicht wirklich. Wir stecken im Fahrstuhl fest, sozusagen…”

“Richtig – lass uns aus- und ein paar Schritte zurücktreten. Versuchen wir es einmal mit den Zahlen. Die müssen ja eine Bedeutung haben. 15 Männer, 17 Stockwerke, 8 Passagiere.”

“15 plus 17 geteilt durch 8 gleich 4 – hält der Fahrstuhl vielleicht im 4. Stock?”

“Das wäre zu einfach”, sagte meine Frau.

“Aber vielleicht zutreffend” sagte ich. “Und wir wissen ja damit noch nicht, wieviele Leute aussteigen.”

“Vielleicht ein einziger Fahrgast?” versuchte es meine Frau.

“Wie das?” fragte ich.

“Weil noch jemand im Fahrstuhl war, als sich im Erdgeschoss die Türe öffnete.”

“Jemand der runter und dann gleich wieder hoch fährt?”

“Vielleicht hat er etwas vergessen…”

“Oder sie…”

***

Nun, was soll ich sagen: wir haben auch nach dem Frühstück den ganzen Tag immer wieder von Neuem versucht, das Rätsel zu lösen. Auch in den nächsten Tagen haben wir unermüdlich alle möglichen Abläufe und Kombinationen durchgespielt, um herauszufinden, wo der Fahrstuhl hält und wieviele Leute aussteigen. Wir haben verschiedene Lösungsmuster auf unser Rätsel angewendet, auch jenes vom Fuchs und vom Huhn und vom Getreide das ein Bauer über den Fluss transportieren muss, ohne dass das Getreide oder das Huhn verspiesen werden, aber am Ende standen noch immer 15 Männer vor einem Fahrstuhl, von dem wir nicht wussten, ob er bei der Ankunft leer war und wo er danach anhielt.

Ich kaufte mir sogar ein Buch über jüdische Rätsel aus Talmud und Midrasch und erfuhr daraus viel über den Aufbau und das Wesen jüdischer Rätsel. Ich lernte, dass der Wind ein meschugener Schwiegersohn und das Stärkste das Glück ist, aber es half alles nichts, wir konnten das Rätsel nicht lösen.

Mitte September gaben wir es auf. Wir mussten es uns eingestehen: Das Rätsel war für uns unlösbar, unser Glück zu schwach. Wenn es tatsächlich ein auf uns zugeschnittenes Rätsel war, dessen Lösung unsere persönlichen Eintrittsticket für das Neujahrsfest generiert hätte, dann waren wir nicht nur am Rätsel, sondern auch an uns selber gescheitert, letztlich an unserer Selbsterkenntnis, die sich als eine Selbstunkenntnis erwies.

In unserer Enttäuschung über das verpasste Fest und unser vereintes Unvermögen beschlossen wir, den bereits gebuchten Flug zu stornieren und dieses Jahr über die Festtage nicht nach Israel zu reisen. Wir wollten nicht nahe bei einem Fest sein, zu dem wir eingeladen waren, an dem wir aber wegen unserer Beschränktheit nicht teilnehmen konnten. Das einzige, was nach Ansicht meiner Frau zu tun blieb, war, uns bei Amos Tellerman für die geschätzte Einladung zu bedanken, denn eine solche blieb es, auch wenn wir ihr wegen unserer Einfallsarmut nicht Folge leisten konnten.

Der Brief mit der Einladung zum Neujahrsfest enthielt jedoch, ich weiss nicht, ob ich das bereits erwähnt habe, keinen Absender. Auf der Rückseite stand lediglich Amos Tellerman, Jerusalem. Nun ist in Jerusalem eine Adresse ausfindig zu machen, wenn man lediglich über einen Namen verfügt, fast so schwierig, wie wenn die gesuchte Person in Istanbul in einem der wild gewachsenen Aussenquartiere wohnen würde, wo die Strassen keine Namen und die Häuser keine Nummern haben.

Israelische Behörden erteilen keine Adressauskünfte an ausländische Privatpersonen. Die israelische Botschaft in Berlin bietet zwar, wie ich nach kurzer Recherche im Internet herausfand, auf ihrer Internetseite gegen Gebühr einen Adressvermittlungs-service, aber der Link, auf den ich gestossen war, führte, wie konnte es anders sein, ins Leere. Es schien uns in dieser Sache überhaupt nichts zu gelingen. Wir konnten nicht nur das Rätsel nicht lösen, wir schafften es auch nicht, uns dafür zu bedanken.

Gab es am Ende gar keinen Amos Tellerman? War es unser lieber Freund Meir, der die Neujahrsfeste mit den Rätseleinladungen veranstaltete? Oder gab es weder Amos Tellerman noch die berühmten Neujahrsfeste? Hatte Meir das alles für uns erfunden, weil es eine so schöne Geschichte ist?

Wir mussten die Sache, ob wir wollten oder nicht, auf sich beruhen lassen. Meir, ob er nun der Erfinder von Tellerman und Tellermans Rätsel war oder nicht, hätte es lösen können, davon bin ich überzeugt. Uns aber bleibt die Lösung verborgen, bis wir sie vielleicht eines Nachts träumen dürfen, und wenn wir aufwachen kommt der Fahrstuhl an und man sieht die Nummer des Stockwerks über der Türe, die sich langsam öffnet, und man kann die Menschen zählen, die aussteigen, und wir schauen uns an und denken: natürlich, wie konnten wir das bloss übersehen.

Fliehendes Pferd

26. Juli 2025

Malkowski sagt

26. Juli 2025

Eine Sprache war vorgesehen
aber wir haben sie
nie gelernt

Wir waren von Anfang an
mit anderem beschäftigt
mit Essen suchen
mit unserer Zerbrechlichkeit
(mit uns)

Malkowski sagt: wir haben
das Achselzucken zu schnell erlernt
Keine Ahnung

Dieser Schatten jedenfalls
wird mit dem Stand der Sonne länger
dann kürzer bevor er
wieder länger wird
Ich mag ihn er
gehört zu mir

Einladungen aussprechen

26. Juli 2025

An Koreaner
die lange keine Spiegel kannten
Wer sein eigenes Antlitz
in Augenschein nehmen wollte
musste die Nachbarn fragen

An die Insassen des Pflegeheims
die gegenüber von nichts
auf ihren Balkonen sitzen
kaum dass jemand
sie noch besucht

Wenn doch ein Besucher da war
sagt er beim Abschied laut:
«Ich komme bald wieder,
hörst Du? Ich komme bald wieder!»
Und kommt dann zu spät

Und an uns natürlich
Wieder einmal ganz bei uns zu sein
wäre schön

(Wir sinken in den Tag
wie früher in den Schlaf
Was immer es ist
es besucht uns nun öfter)

30. Juni 2025