(Für meine Schwester. Ich habe diesen Text vor gut 30 Jahren in den USA geschrieben. Heute liess er sich auf Deutsch übersetzen.)
In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, waren die Wände dick und die Türen dünn. Es war, als hätten die Leute, die das Haus bauten, ihr ganzes Geld schon ausgegeben, als sie zu den Türen kamen, und sie mussten sich mit der billigsten Variante begnügen: zwei Lagen Sperrholz auf einem leichten Holzrahmen.
Die dünnen Türen hatten einen Vor- und einen Nachteil. Der Vorteil war, dass man sie nicht richtig zuschlagen konnte. Dafür fehlte ihnen das nötige Gewicht. Der Nachteil war, dass sie nicht sehr stabil waren. Mein Vater, der ein großer Mann war, schlug mit den Fäusten oder den Füssen Löcher in diese Türen, wenn er wütend wurde.
Wie für unseren Dackel, der – egal wer ihn schlecht behandelt oder über ihn gelacht hatte – seinen kleinen, stinkenden Protesthaufen unfehlbar vor die Küchentür legte (für die, die nach mir schauen sollte), war auch für meinen Vater die Küchentür das Hauptobjekt seiner Wutausbrüche.
Meine Mutter deckte die Faustlöcher mit einem Wandkalender aus Stoff zu, den sie jedes Jahr von einer Familie in Schottland bekam, bei der sie als Au-pair-Mädchen ein halbes Jahr gelebt hatte. Die Löcher auf Fusshöhe blieben unbedeckt. Mutter schämte sich für diese Löcher, für die sichtbaren und für die verdeckten.
Wenn ein Jahr vorbei war und der neue Kalender aus Schottland mit einem Brief eintraf, in dem sie gefragt wurde, wann sie wieder zu Besuch kommen würde, hängte sie den alten Kalender ab und bat meinen Vater, die Tür zu reparieren, was er gelegentlich auch tat.
Ich erinnere mich jedoch an mindestens zwei Jahre, in denen er zu lange brauchte und meine Mutter die Geduld verlor. Sie rief einen Tischler und bestellte eine neue Tür. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, warum sie nie eine massive Holztür anfertigen liess, eine schwere, wutfeste Tür.
Warum ließ sie sich immer wieder von ihm blamieren? Sie machte nie viel Aufhebens um die Löcher, aber es war offensichtlich, dass sie sie gut lesen konnte und dass sie ihr zu schaffen machten, genauso wie die anderen Opfer der Wutausbrüche meines Vaters. Zum Beispiel der Riss an der Vorderseite der Stereoanlage, wo das Plastikfenster für die Senderwahl von einem Faustschlag eingedrückt war und man nur noch die eine Hälfte der Sender einstellen konnte.
Ich glaube, für meine Mutter war eine Oberfläche nicht nur etwas, wovon man den Staub wischen musste. Die Oberfläche der Dinge in unserem Zuhause war wie eine Haut, eine dünne Schutzschicht, eine Hülle für das rohe, verletzliche Material, das darunter lag. Mutter wollte, dass die Haut unserer Wohnung, unseres Zuhauses, intakt war, nicht makellos, aber intakt, und sie führte einen ständigen, nicht zu gewinnenden Krieg gegen Löcher, Risse und Sprünge in dieser Haut.
In unserem Wohnzimmer stand eine gebrauchte, dreiteilige Sitzgarnitur mit einem blau und beigen Stoffbezug mit kleinen Noppen, die durch Faden abgetrennt waren, der überall riss. Ich sehe meine Mutter vor einem der gepolsterten Sessel knien, die Lesebrille tief auf der Nase, wie sie den Bezug mit einem passenden blauen oder beigen Seidenfaden repariert, eine Tätigkeit, die oft den ganzen Abend in Anspruch nahm, während wir anderen fernsahen.
Mein Bruder Walt sass auf dem Sessel, an dem meine Mutter nicht arbeitete, ich lag ausgestreckt auf dem Teppich direkt vor dem Fernseher, den Kopf an das Sofa gelehnt, auf dem mein Vater lag und an den dramatischsten Stellen der Handlung spöttische Kommentare abgab, während er gleichzeitig die Zeitung las und mit beträchtlichem Geräusch umblätterte, kalten Tee schlürfte und mit unserem grünen Wellensittich mit dem ausgefallenen Namen Birdy sprach.
Birdy war nur nachts in seinem Käfig. Tagsüber bewegte er sich frei in der Wohnung und flog nicht weg, wenn die Fenster offen waren, was mir heute fast unmöglich scheint – aber so war es. Wenn wir am Abend fernsahen, stolzierte Birdy auf dem Sofatisch herum, pickte mit seinem Schnabel Münzen, Büroklammern, Bleistifte und andere Dinge aus einem grossen Kristallaschenbecher, und liess sie über den Rand des Tisches fallen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er den Kopf zur Seite neigte und den Dingen beim Fallen zusah.
Es waren die frühen Jahre des Fernsehens. Zuerst gab es nur einen Sender, später drei. Am Abend gab es Schwarz-Weiss-Filme aus Amerika. Doris Day und Carry Grant fuhren grosse Autos, bogen in lange Einfahrten vor schönen Häusern mit riesigen Kühlschränken ein und grillierten auf der Veranda vor dem Haus oder auf dem Deck hinter dem Haus. Spätestens am Ende des Films waren alle glücklich.
Wenn es in einem Film eine Kussszene gab, rief mein Vater „Fuss!“, worauf ich mein Bein anhob und die Szene mit meinem Fuss verdeckte, wenn sie nicht schon vorbei war.
All dies geschah, während Mutter die Stoffpolster reparierte. Ihr Kampf gegen den Zerfall der abgenutzten Sitzgruppe war hoffnungslos – eine wahrhafte Sisyphus-Aufgabe. Sobald sie einen Sessel fertig hatte, war der Stoff des nächsten oder des Sofas wieder auseinandergefallen. Es war ihre persönliche Golden Gate Bridge. Wenn sie am einen Ende mit Streichen fertig war, fing sie am anderen wieder an.
Mein Vater hatte die Polstermöbel von einem Bürokollegen übernommen, der sich nach einer Beförderung neue gekauft hatte. Es stand nie zur Diskussion, sie zu ersetzen. Für ihn waren die Sessel und das Sofa gut, solange man darauf sitzen oder liegen konnte. Und auf der Stereoanlage (ebenfalls von einem Bürokollegen übernommen) konnte man noch Nachrichten und Musik hören. Warum also eine neue kaufen?
Als Mutter irgendwann in ihren letzten Lebensjahren die dreiteilige Sitzgruppe entsorgen liess und durch ein beiges Sofa und zwei passende Sessel ersetzte (sie hatte alles von dem Geld gekauft, das sie verdient hatte, indem sie zweimal pro Woche an einem Zeitungskiosk arbeitete), konnte Vater es kaum fassen.
Er war so aufgebracht, dass er drei Monate lang das Wohnzimmer nicht betrat. Dann, eines Abends nach dem Essen, kam er ins Wohnzimmer, stellte die Teekanne auf die Glasplatte des ebenfalls neuen Sofatischs, ließ sich auf das neue Sofa sinken und begann Zeitung zu lesen. Mutter saß in ihrem Sessel und strickte. Sie sah ihn nicht einmal an. Niemand verlor je wieder ein Wort über die ausgewechselte Sitzgruppe. Die Golden Gate Bridge war für immer geschlossen.
Die Hälfte unserer Möbel war gebraucht, die andere Hälfte selbst gebaut. Vater war ein sehr begabter Handwerker. Er hatte den Esstisch aus Massivholz gebaut. Es war eine ziemlich raffinierte Konstruktion. Die Spannweite der Tischbeine konnte auf einer Schiene unter dem Tisch verlängert werden und die massive Tischplatte liess sich dank zwei Scharnieren ausklappen, womit sich die Tischfläche verdoppelte und zehn Personen bequem am Tisch Platz nehmen konnten, obwohl wir nicht oft Gäste hatten und die wahre Grösse des Tisches die meiste Zeit verborgen blieb. Vater stellte auch die Stühle selber her, aus Metall, Holz und Polster. Die Rückenlehnen und Sitzflächen waren mit gelbem Kunstleder bezogen.
Das selbstgebaute Möbelstück, das wir Kinder (neben unseren Schreibtischen) am liebsten mochten, war die Eckbank, die zum Esstisch gehörte. Sie hatte eine längere und eine kürzere Seite und diente gleichzeitig als Stauraum für die Daunendecken meiner Eltern, die in unserer dreieinhalb-Zimmer-Wohnung kein Schlafzimmer hatten. Ihr Bett stand in einer Ecke des Wohnzimmers, tagsüber mit einem blassgoldenen Überzug zugedeckt.
Walt und ich versteckten uns oft in dieser Eckbank, und ich erinnere mich noch gut an das beklemmende Gefühl, das mich langsam überkam, während ich in der hölzernen Box im Dunkeln wartete, als wäre ich lebendig begraben. Ich sagte mir immer wieder, dass genug Luft durch die Ritzen kam und ich den Deckel jederzeit aufdrücken konnte.
Sobald Walt merkte, wo ich war, setzte er sich auf den Deckel, sodass ich ihn nicht mehr öffnen konnte. Dann geriet ich wirklich in Panik. Die Regel war, dass in dem Moment, in dem derjenige, der sich im Eckbankteil versteckt hatte, „Aufmachen!“ rief, derjenige, der auf dem Deckel saß, sofort aufstehen und den Deckel öffnen musste. Aber manchmal taten wir so, als hätten wir den anderen nicht rufen hören.
Wenn das passierte, schrie ich wie verrückt und schlug mit den Fäusten so fest ich konnte gegen den Deckel. Wenn Walt mich dann rausliess, war ich sehr wütend und schwor mir, dass ich mich nie wieder in der Eckbank verstecken würde, aber natürlich tat ich es immer wieder. Es war das beste Versteck in der ganzen Wohnung.
Nicht nur das Esszimmer war mit den selbstgebauten Möbeln meines Vaters ausgestattet. Sie standen überall. Das Bett meiner Eltern im Wohnzimmer, unsere Schreibtische im Kinderzimmer, die Bücherwand im Wohnzimmer mit ausschwenkbarer Lade für den Dia-Projektor – sogar die Stehlampe im Wohnzimmer war ein Eigenfabrikat. Im Büro, das mein Vater sich eingerichtet hatte, hatte er eine Wand mit dunklem Holz getäfert, in der senkrechte Schienen verliefen, in welchen die Halterungen für die Bücherregale festgeschraubt waren.
Erst als ich erwachsen war, ist mir die ganze Absurdität dieses Büros bewusst geworden. In einer Dreieinhalbzimmerwohnung ein Büro einzurichten, in dem unser Vater sich nicht einmal oft aufhielt, und dafür auf ein Schlafzimmer zu verzichten, war schwer verständlich.
Als es mit den Jahren immer offensichtlicher wurde, dass mein Vater weder in seinem Beruf noch in seinem Leben glücklich oder zumindest zufrieden werden konnte, wurden die selbstgebauten Möbel, die einst für das junge Paar eine Quelle des Stolzes gewesen sein mussten, für meine Mutter zunehmend zu einer Belastung.
Sie musste miterleben, wie ihr Mann es trotz seiner vielen Talente nicht schaffte, ein glücklicher Mensch zu sein. Während mein Vater und seine Freunde beruflich aufstiegen, trennten sich seine Freunde nach und nach von ihren alten Möbeln, ihren alten Autos und ihren alten Stereoanlagen, weil sie sich schickere Dinge leisten konnten. Sie zogen in grössere Wohnungen, kauften sich eigene Häuser, neue Autos, neue Möbel, neue Stereoanlagen.
Vater übernahm die meisten ihrer alten Sachen, ausser den Autos. Er kaufte die alte Stereoanlage von Rudi, die alte dreiteilige Sitzgarnitur von Willy und viele andere Sachen von anderen Freunden, deren Namen ich vergessen habe. Er nahm nichts umsonst. Er bezahlte für jeden einzelnen Gegenstand, und laut meiner Mutter bezahlte er jedes Mal zu viel.
Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich glaube, Vater fühlte sich irgendwie mit diesen alten Sachen verbunden. Er glaubte, dass alle Dinge eine Seele hätten und daher mit Respekt behandelt werden sollten und nicht auf den Schrottplatz geworfen werden durften, nur weil man sich etwas Neues leisten konnte.
Unser Dachboden, unsere Garage, unser Keller, Vaters Werkstatt, die er sich in einem Kellerraum eingerichtet hatte, und große Teile unserer kleinen Wohnung waren mit alten Sachen vollgestopft, die er nicht wegwerfen wollte und von denen er sicher war, dass sie eines Tages noch nützlich sein würden. Sogar alte Nägel hat er gerade gehämmert und aufbewahrt.
Er war eine Art früher Umweltschützer, ein konsequenter Wiederverwerter, und das zu einer Zeit, als fast alle noch an endloses Wachstum glaubten. Wachstum der Wirtschaft, Wachstum der Gehälter, der Wohnungen, der Gärten, der Autos und der Fernsehbildschirme, während vor allem die Müllberge wuchsen.
Ich glaube nicht, dass meine Mutter grundsätzlich eine andere Einstellung hatte als mein Vater. Beide waren in Familien aufgewachsen, in denen man ihnen beigebracht hatte, mit anderen Menschen respektvoll und mit der Natur achtsam umzugehen.
Was meiner Mutter je länger, je mehr zu schaffen machte, war die völlige Unfähigkeit meines Vaters, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Es war paradox: Er wollte alte Sachen retten, die seine Kumpels weggeworfen hätten, aber gleichzeitig war er wütend auf sich selbst, weil er genau diese Gebrauchtgegenstände als Zeichen seiner eigenen Stagnation sah.
Er wollte sich um alles kümmern, aber insgeheim beneidete er die Sorglosen, die Glückspilze, denen alles egal war. Wenn ich eines aus dem Beispiel meines Vaters gelernt habe, dann ist es, dass man nicht versuchen sollte, wie ein Philosoph zu leben, wenn man ein Mensch ist.
Ich werde nie erfahren, warum mein Vater mit seinem Leben nie richtig zufrieden wurde. Er hat es einfach nie ganz hingekriegt. Und meine Mutter konnte ihm auch nicht helfen, obwohl sie das sehr lange versuchte, genauso wenig, wie sie sich am Ende selber helfen konnte.
Vielleicht hätte eine Scheidung meine Mutter retten können. Aber damals war eine Scheidung etwas Grosses und Beängstigendes und nicht die logische Folge einer Eheschliessung, die sie heute ist. Also blieben meine Eltern zusammen.
Ich glaube, nein ich weiss, sie haben sich wirklich geliebt. Und manchmal denke ich, dass sie es hätten schaffen können. Sie haben sich geliebt. Aber sie konnten sich nicht helfen. Das hallt manchmal noch wie ein fernes Echo in meinem Kopf. Die zweistreifige Spur eines Flugzeugs am Himmel, wie ein grosser Reissverschluss. Öffnet man ihn von oben, ist man im Himmel, von unten in der Hölle.
***
Das Haus, in dem ich jetzt wohne, hat dünne Wände und dünne Türen. So baut man Häuser im Land der Freiheit. Als ich vor etwa zwei Jahren mit meinem Mann Tom und unseren vier Kindern hierherkam, war das eines der ersten Dinge, die mir auffielen: wie unglaublich dünn die Wände der Häuser sind. Wir fuhren durch einige der besseren Vororte von Washington, D.C., auf der Suche nach einem Haus, das gross genug für Doris Day, Carry Grant und vier Kinder war und nicht zu weit entfernt von der Stadt.
Wir kamen dabei an mehreren Baustellen vorbei und waren beeindruckt von der Art und Weise, wie diese Häuser gebaut wurden. Alles war so leicht und dünn. Kein einziger schwerer Balken im Dach, keine Armierungseisen zur Verstärkung der Böden, keine dicken Ziegelsteine oder schweren Betonfundamente. Alles war um ein Gerüst aus dünnen Holzplatten gebaut, auf die Sperrholz genagelt und eine Isolierschicht geklebt wurde, bevor das Ganze innen mit Paneelen und Tapeten und aussen mit einer Schicht Zierziegeln oder Holzimitat verkleidet wurde. Alles war so unglaublich leicht.
Ich sagte zu Tom, dass die Baumhäuser, die Walt und ich in unserer Kindheit am Rande Zürichs gebaut hatten, wahrscheinlich genauso stabil waren, wenn nicht stabiler. Später wurde uns klar, dass hier vieles dünner war als in der Schweiz, ausgedünnt wegen der schieren Grösse des Landes. Alles war weitläufig und zugleich dünn. Das öffentliche Verkehrsnetz, das Bier, das soziale Netz und vielleicht auch die Bindungen einer Ehe.
Nun lebe ich also hier in einem Haus mit einem schönen, grossen Garten, einer Doppelgarage, zwei Autos, zwei Fernsehgeräten, einem riesigen Kühlschrank und dünnen Wänden. Mein Vater wäre durch diese Wände hindurchgegangen, wenn er hier gelebt hätte.
Das erste Loch, das Tom mit der Faust in eine der Wände schlug, war im Gästebad im Erdgeschoss. Tom ist Diplomat. Er hasst seinen Beruf und er hasst es, Gäste zu empfangen. Das Gäste-WC machte also als Tatort durchaus Sinn. Er verdeckte das Loch mit einer Fotografie des Hauses, das der Besitzer zurückgelassen hatte. Eine Luftaufnahme unserer Strasse, die aufgenommen worden sein muss, als unser Haus gerade gebaut wurde. Viel Grünfläche umgab die wenigen Häuser. Junge Bäume. Ein grauer Lieferwagen stand in der Einfahrt, und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.
„Warum hast du das Bild im Badezimmer aufgehängt?“, fragte ich Tom. Er lächelte und erzählte mir von dem Loch. Er sagte, er habe sich letztes Wochenende über sich selbst geärgert, als er gerade dort stand und pinkelte. Er schlug mit der Faust gegen die Wand über seinem Kopf und erschrak, als die Faust durch die Wand ging.
Ich erzählte den Vorfall meiner deutschen Nachbarin und später meiner Englischlehrerin. Beide lachten. Nicht so sehr über den Gedanken an einen wütenden Ehemann, der Löcher in die Badezimmerwand schlägt, sondern über die Vorstellung, dass Tom, den sie beide kennen, das Loch mit einem Bild verdeckt. Ich frage mich, ob sie auch lachen würden, wenn es ihre Ehemänner wären, die Löcher in ihre Wände schlagen.
Das war vor etwa einem Jahr. Jetzt gibt es ein zweites Loch, von dem sie nichts wissen, und ich werde es ihnen auch nicht sagen. Ich weiss nicht, warum ich ihnen vom ersten Loch erzählt habe. Das zweite befindet sich in der Tür der Toilette beim Master Bedroom, wie das hier genannt wird.
“Was ist mit der Tür passiert, Tom?“ fragte ich ihn, als ich das Loche entdeckte, obwohl ich wusste, was der Tür passiert war.
„Ich weiss es nicht“, antwortete Tom, ohne mir in die Augen zu schauen.
Damals kümmerte mich das nicht sonderlich. Tom ist ein guter Ehemann und ein guter Vater. Nach zwölf Jahren Ehe und fast zwanzig Jahren, in denen wir uns kennen, ist das Leben mit ihm immer noch schön. Die Liebe kommt und geht wie ein Stück weißes Holz, das von den Wellen an den Strand gespült wird. Manchmal ist sie ganz nah und ich kann sie fast berühren, und manchmal wird sie so weit hinausgetragen, dass ich befürchte, sie kommt nicht zurück. Aber bisher ist sie immer zurückgekommen. Sie verschwindet nie wirklich.
Das ist es, was mich an Tom überzeugt. Ich hatte andere Lieben, die stark und intensiv waren, aber sie haben einen aufgefressen und ausgespuckt, bevor man sich versah. Mit Tom ist das anders. Es ist ein bisschen wie in dem Gedicht, das ich einmal gelesen habe, in dem die Liebe ein Wal ist, der aus seinem dunkelsten Ozean auftaucht. Bei Tom weiß ich immer, dass der Wal da ist, egal wie tief er auch getaucht sein mag. Er ist schwer, er ist riesig, und er kommt immer wieder zu uns zurück.
Die Kinder sind schnell groß geworden. Der Kleinste geht seit letztem Herbst in den Kindergarten. Das gibt mir etwas Zeit für mich. Ich habe wieder angefangen, Klavier zu spielen. Ich habe eine Ausbildung in Shiatsu begonnen. Ich bin geschickt mit meinen Händen.
Tom spricht immer öfter davon, dass er seine diplomatische Karriere beenden möchte. Er sagt, sie sei zu oberflächlich. Es gäbe kein wirkliches Leben darin, nur Papierkram und formalisierte Dialoge. Zu viel Show, zu viel Heuchelei. Er sagt, das mache ihn langsam krank. Er sagt, er würde gerne halbtags arbeiten, die andere Hälfte des Tages mit den Kindern verbringen und den Haushalt machen. Vielleicht hätte er dann noch etwas Zeit und Energie, um zu schreiben, wenn die Kinder im Bett sind.
Ich kann ihn verstehen. Ich weiss ja, dass er mit seiner Arbeit nicht glücklich ist. Aber ich weiss nicht, ob er jemals einen Job finden wird, der ihn zufriedenstellt. Was, wenn ihm zu Hause mit den Kindern auch langweilig wird? Wenn er auch da nicht schreiben kann? Und was soll ich dann machen? Wie sollen wir über die Runden kommen?
Deshalb habe ich mit Shiatsu angefangen. Vielleicht kann ich damit etwas Geld verdienen. Aber als ich Tom davon erzählt habe, fand er die Idee nicht so toll. Ich glaube, ich mag es nicht, wenn du an anderen Menschen arbeitest, sagte er.
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Gestern bin ich mit den Kindern am Potomac spazieren gegangen. Es war ein klarer Tag, die Luft war noch feucht und der Boden vom starken Regen der letzten Wochen durchnässt. Überall lag Treibholz von der letzten Überschwemmung. Die Holzfäller hatten bereits viele der umgestürzten Bäume in Stücke gesägt, die verstreut auf dem Weg lagen und darauf warteten, eingesammelt und abtransportiert zu werden.
Die Kinder lieben es, im Wald herumzurennen. Je schmutziger sie werden, desto mehr Spass haben sie. Wir sind Indianer und suchen Kanus, die die weissen Trapper irgendwo am Ufer versteckt haben. Wenn wir eines finden, überqueren wir den Fluss und kommen nie wieder zurück.
Ich sage den Kindern, sie sollen vorsichtig sein. Die Uferböschung ist sehr steil. Neben dem Weg gibt es nur ein paar Meter flachen Boden, dann fällt das Gelände plötzlich ab und darunter fliesst der Fluss. Er ist tief und die Strömung ist stark.
Die beiden Grösseren scheinen sich der Gefahr bewusst zu sein. Sie nähern sich der Böschung langsam und vorsichtig. Die Kleinen sind natürlich anfälliger dafür, ins Wasser zu fallen. Lore, unsere Jüngste, wackelt in ihrer unbeschwerten Art dahin, und singt ein Lied dabei, dessen Worte sie beim Gehen erfindet.
Hal, der kleinere der beiden Jungs, rennt auf das Flussufer zu, bleibt brüsk stehen und wirft mit dem Schwung Steine in den Fluss. Ich habe Angst, dass er das Gleichgewicht verliert und einem seiner Steine ins Wasser folgt. Würde ich schnell und stark genug sein, um ihn zu retten, oder würde der Fluss ihn mitreissen?
Ich bin mir der Gefahr bewusst, aber irgendwie lasse ich sie ohne allzu grosse Einmischung nahe an das Ufer herantreten. Manchmal nehme ich Lore für ein paar Schritte an die Hand oder ich rufe: „Nicht zu nah, Fanny!“ oder „Langsam, Hal!“.
Ich habe dieses Bauchgefühl einer Mutter, die weiss, was passieren wird und was nicht. Es erinnert mich an meine Mutter, die viele ihrer Entscheidungen aufgrund dieses Gefühls traf und mich damit manchmal in den Wahnsinn trieb, weil sie ein Verbot nicht begründen konnte.
„Ich kann es Dir nicht erklären, Sally“, sagte sie dann jeweils, „ich weiss es einfach. Es ist da. Das ist so ein Mutter-DIng.“
„Du wirst es auch verstehen, wenn du einmal eigene Kinder hast. Du wirst wissen, was gut für sie ist und was nicht. Das ist ein Instinkt. Eine Frage des Überlebens.“
Als ich so am Potomac entlangspazierte, wusste ich, dass meinen Kindern nichts passieren würde. Sie waren in Sicherheit.
Der Spaziergang am Flussufer, der Geruch von feuchter Erde und verrottenden Blättern weckten Kindheitserinnerungen. Mein Vater, Walt und ich spazieren durch den Wald in der Nähe unseres Hauses. Alte, abgestorbene Bäume stehen zwischen den gesunden. Mein Vater sucht sich einen aus, lehnt sich mit ausgestrecktem Arm dagegen und stemmt sein ganzes Gewicht gegen den Baum, bis er nachgibt und sich zu neigen beginnt, wobei er mit einem knarrenden Geräusch seine toten Wurzeln aus dem Boden reisst, dann fällt er krachend um und die morschen Äste brechen beim Aufprall auf den Herbstboden. Auch der Stamm zerbricht in mehrere Teile.
Ich bewundere seine Kraft und springe vor Freude auf und ab. Walt und ich brechen die Äste ab, die noch am Stamm sind. Dann gehe ich zur Krone des Baums und breche dort ein paar dünne Äste ab. Es sind besondere Äste, weil sie vorher nur von Vögeln oder Eichhörnchen berührt wurden. Sie sind meine Beute, die es manchmal bis nachhause schafft.
Wir gehen weiter und mein Vater sucht nach einem anderen toten Baum, den er umkippen kann. Die Sonne scheint durch die Baumwipfel und ich bin, ohne daran zu denken, sicher, dass ich ewig leben werde.
„Pass auf deinen Bruder auf, Hal,“ rufe ich, „wenn du diese Steine wirfst!“ Mit dem letzten hätte er seinen Bruder fast getroffen. „Denk daran“, sage ich ihm, „wir Indianer sind den weissen Eindringlingen zahlenmäßig unterlegen. Wir dürfen uns nicht noch gegenseitig umbringen, wenn wir überleben wollen.“ Er lacht und rennt davon.
Weiter unten am Weg versucht Rick, der ältere Junge, einen der Baumstrünke vom Boden hochzuheben. Er ist fast vier Fuss lang. „Hilf mir, Mama!“, ruft er. Ich gehe zu ihm hinüber und wir versuchen es gemeinsam, aber der Baumstrunk ist zu schwer.
„Lass ihn uns rollen“, schlägt Rick vor, und gemeinsam schaffen wir es mit unseren Händen und Füßen, ihn in Richtung der Uferböschung zu lenken. Wir geben ihm einen letzten Stoß mit den Füssen, und er fällt wie in Zeitlupe über die Böschung, bleibt viel zu lange in der Luft und schlägt dann mit einem gewaltigen Platschen auf dem Wasser auf, verschwindet für einen kurzen Moment, taucht dann etwas weiter unten wieder auf und wird von der Strömung mitgerissen.
Rick ist glücklich. Er jubelt und tanzt. Er will noch einmal, und Hal und Fanny schließen sich uns an. Am Ende rollen wir ein halbes Dutzend Baumstämme zur Böschung und beobachten, wie sie fallen und davongetragen werden. Einige verfangen sich im Treibgut und in den niedrigen Ästen am Flussufer, wo sie hängen bleiben, während die Strömung versucht, sie mitzureissen.
Als die Zeit gekommen ist, nachhause zu gehen, besteht Rick darauf, zuerst zum Boot zurückzukehren, das wir zu Beginn unseres Ausflugs in einem kleinen Seitenast entdeckt hatten. Es ist ein Ruderboot, das mit zwei Ketten hinten und vorne an Bäumen befestigt ist, sodass es längsseits am Flussufer liegt.
Rick steigt ins Boot, Hal folgt ihm. Lore lässt sich nach einigem Zögern ebenfalls dazu überreden. Fanny will nicht ans Boot. Sie bleibt am Ufer, pflückt Blumen und beobachtet aus dem Augenwinkel, wie ich das Boot ein wenig anschubse, sodass es sich vom Ufer entfernt, bis es von den Ketten aufgehalten wird.
Mir ist klar, dass auch das nicht ganz ungefährlich ist. Es hat hier keine grosse Strömung, aber das Wasser ist tief. Mir wird auf einmal leicht schwindelig, aber gleichzeitig bin ich hellwach, bereit zu springen, obwohl ich weiss, dass ich das nicht tun werden muss. Den Kindern wird nichts passieren. Sie müssen die Welt erkunden. Ich kann sie nicht immer vor allem beschützen.
Während sie im Boot sitzen, sehe ich eines der Holzstücke, die wir weiter oben über die Böschung geworfen haben, langsam herantreiben. Es musste sich von der Böschung losgerissen haben und die Strömung hatte es in den Seitenast getrieben. Ich zeige es den Kindern. Es kommt fast in Reichweite des Bootes. Rick lehnt sich hinaus, kann es aber nicht erreichen. „Lehn dich nicht so weit aus dem Boot, Rick!“, ruft Lore ihm zu. „Du fällst ins Wasser!“
„Los, Kinder“, sage ich. „Es wird spät.“ Sie wollen, dass ich sie noch dreimal vom Ufer wegstosse. „Nur noch dreimal, Mamma, bitte!“
Ich stosse das Boot noch dreimal vom Ufer ab, Dann fahren wir los.
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