Schlechtes Eis

31. März 2025

Er hielt den Stuhl an der Lehne und zog ihn vom Tisch weg, als ob er sich, wie wir andern das gerade taten, hinsetzen würde, setzte sich dann aber nicht, sondern zog den Stuhl weiter bis zum Nachbartisch, wo er ihn gegen einen anderen austauschte, den er an unseren Tisch brachte, und erst auf diesen neuen Stuhl setzte er sich und lächelte in die Runde.  

Die ersten zwei drei Male, nachdem ich ihn in jenem Frühling kennengelernt hatte, nahm ich an, es sei sein kleines Pech, dass jedes Mal ausgerechnet auf seinem Stuhl, den ihm der Zufall zugewiesen hatte, ein kleines Stück Thunfisch oder (in einem Gartenrestaurant) ein Vogeldreck lag, oder vielleicht ein paar Katzenhaare, auf die er womöglich allergisch war, denn es hatte sehr viele streunende Katzen in der Gegend, in der ich damals bereits etwas mehr als zwei Jahre gelebt hatte.    

Darum ging es aber nicht. Da war rein gar nichts auf seinem ersten Stuhl. Kein getrockneter Vogeldreck, kein öliges Stück Thunfisch, keine Katzenhaare, kein gerissenes Sitzgeflecht. Die ihm jeweils zufällig zufallenden Stühle waren einwandfrei oder zumindest nicht in schlechterem Zustand als diejenigen, auf die wir anderen uns ohne Umschweife setzten. Ich will auch nicht sagen, dass es sein Tick oder seine Marotte war, und die Sache damit auf sich bewenden lassen, dieses seltsame Ritual.  

In jenen Tagen im Mai, als der Horizont über dem Meer braun gefärbt war, wie er das oft ist im Frühling, wenn die Winde aus der Sahara den Sand gegen Nordwesten treiben, tauschte er seinen Stuhl jedes Mal aus, wenn er sich in seinem kleinen Restaurant in Jaffa zu uns setzte, und wir sahen uns in diesen Tagen oft, bis es mir auffiel und ich begann, darüber nachzudenken.

Dazu muss ich sagen: es braucht etwas, bis mir etwas auffällt. Ich nehme die Handlungen meiner Mitmenschen sehr wohl wahr, und manchmal beobachte ich sie sogar sehr genau, aber ich nehme vieles, was andere tun, eigentlich das Meiste, als selbstverständlich hin, ohne mir etwas dabei zu denken. Die Dinge sind für mich so, wie sie sind, und die Leute tun etwas so, wie sie es tun. Wenn ein Mensch etwas nicht auf die eine, sondern auf die andere Art tut, hat er wahrscheinlich seine Gründe dafür. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht mit der einen Art und probiert nun die andere aus. Wieso sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Hunde, bevor sie sich niederlegen (um wenig später einen Hundetraum zu haben und sich mit den Hinterbeinen am Rand ihres Traums abzustossen, was sie nicht ins Erwachen, sondern in einen nächsten Traum befördert), drehen sich ein paar Mal im Kreis, machen Umschweife, könnte man sagen, um das hohe Gras wegzudrücken, um Skorpione und Schlangen zu vertreiben. Was weiss ich, sie legen sich jedenfalls nur sehr selten, und nur wenn sie wirklich sehr, sehr müde sind, einfach hin.  

War der Tausch des jeweils ersten Stuhls eine ähnliche Vorsichtsmassnahme? Hatte man vor vielen hundert Jahren einem seiner Vorfahren ein Stuhlbein angesägt (ein wirklich dummer, gefährlicher Streich) und er hatte sich beim Aufprall auf den Steinboden einen Hirnschlag zugezogen, von dem er sich nicht mehr erholen sollte? War es seither im Erbgut der Familie, ein über Generationen vererbter Instinkt, sich nie auf den ersten Stuhl zu setzen, schon gar nicht auf einen angebotenen und erst recht nicht auf den erstbesten, weil es der schlechteste und letzte Stuhl sein konnte?

Ich habe es nicht herausgefunden und ich habe es leider, vielleicht aber auch zum Glück, wer weiss das schon, verpasst, ihn danach zu fragen. Gelegenheit dazu hätte ich gehabt, zur Genüge, aber ich traute mich nicht. Was, wenn ihn die Frage beleidigen würde, weil wer sie stellte vielleicht dachte, seines sei ein seltsames Verhalten? Was, wenn er sich gar nicht bewusst war, dass er jedes Mal, bevor er sich hinsetzte, seinen Stuhl austauschte? Wäre es dann nicht so gewesen, als hätte ich einen Schlafwandler angesprochen, was man ja bekanntlich tunlichst vermeiden sollte?

Ich fragte ihn also nicht. Auch am letzten Abend nicht, an dem wir uns in jenem Frühling trafen, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein sollte, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht begegneten. Ich sage von Angesicht zu Angesicht, weil ich ein paar Wochen nach unserer letzten Begegnung, von der ich gleich berichten werde, als ich am Abend alleine durch die Altstadt von Jaffa spazierte, eine männliche Gestalt dahinschreiten sah, vielleicht 50 Meter vor mir, in dieselbe Richtung.

Ich dachte, wohl wegen seinem typischen Gang und seiner durchschnittlichen Grösse, er sei es, und rief laut seinen Namen, aber er reagierte nicht und bog in eine Seitengasse ein, in der er bereits nicht mehr war, als ich dort angelangte. War er in einem der Häuser verschwunden oder hatte er, sobald er in die Seitengasse eingebogen war, zu rennen begonnen und hatte sie bereits am anderen Ende verlassen, als ich endlich Einblick nehmen konnte? War er es überhaupt? Wie viele Männer durchschnittlicher Grösse mit seinem Gang gab es in Jaffa? Hatte er mich gehört und war in die Seitengasse verschwunden, weil er nicht mit mir sprechen wollte? Und warum nicht? Wir waren doch Freunde. War er es und er hatte mich nicht gehört? Oder war er es nicht und hatte mich einen Namen rufen hören, der zwar laut aber nicht seiner war? Rief ich also umsonst?

Am Abend, als wir uns das letzte Mal sahen, war ich von meinem Haus in Ramat Gan aus noch bei Tageslicht mit dem Fahrrad nach Jaffa aufgebrochen. Ich fuhr damals oft Fahrrad, manchmal auch zur Arbeit, und an jenem Abend schien mir die Möglichkeit, dass ich an seinem Ende nicht mehr ganz nüchtern sein würde, gross zu sein, trafen wir uns doch in der neuen Bar, die er vor Kurzem am Hafen eröffnet hatte. Ich bog also von meinem Haus in Ramat Gan aus zuerst gegen links in die Bialik ein, dann von der Bialik rechts in die Aba Hilel, um wenig später linkerhand in den Yarkon Park zu gelangen, der fast bis hinunter ans Meer führt, wo ich dann nur noch der Uferpromenade folgen musste, um nach Jaffa zu gelangen.  

Seine neue Bar war, wie bereits erwähnt, direkt am alten Hafen, der damals erst teilweise renoviert war und ungleich mehr Charme hatte als heute, wo alles renoviert ist und fast gleich aussieht wie ein paar Kilometer nördlich. Das Kernstück der Bar war ein riesiger, halbkreisförmiger Tresen, an dem hohe Barstühle standen. Nachdem er uns (es waren noch ein Kollege und zwei Kolleginnen von der Botschaft dabei) von hinter der Bar eine erste Runde hingestellt hatte, kam er um die lange Bar herum, begrüsste uns alle mit einer Umarmung, tauschte den Barhocker aus und setzte sich zu uns.  

Das Getränk, das er uns serviert hatte, war ein grosses, mit Eiswürfeln gefülltes Wasserglas, in dessen Zwischenräume er Cognac gefüllt hatte. «Das Verrückte daran ist,» sagte er, «dass man von eisgekühltem Cognac nicht betrunken wird.» Da sassen wir also, redeten und tranken einen eisgekühlten Cognac nach dem andern. Ich mag Cognac nicht besonders, aber eisgekühlt schmeckte er mir vorzüglich und da er nicht betrunken machte, was ich ihm als einziger glaubte, schien es mir ein perfektes Getränk für einen langen, warmen Abend an einer Bar am Mittelmeer zu sein.

Mein Freund (mon ami, denn er stammte aus der Westschweiz), wie ich ihn nicht erst nach dem dritten Drink nannte, erzählte uns, dass er Israel schon bald verlassen werde, was uns überraschte, hatte er doch erst gerade sein zweites Lokal eröffnet und einen köstlichen Drink erfunden, der nicht betrunken machte.

Zwei Barstühle weiter fand eine ziemlich heftige Diskussion zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau statt. Immer wieder hörte ich ihn sagen „Ja, aber darum geht es nicht.“ Er konnte dann aber nie richtig sagen, worum es wirklich ging. Jedenfalls habe ich es nicht mitbekommen, falls er es ihr im Verlauf des immer länger werdenden Abends noch gesagt hätte. Ich glaube eher, er wusste es selber nicht. Irgendwann ging er dann, ich glaube alleine, weil sie vorher gegangen oder gerade auf der Toilette war, als er vom Stuhl kletterte. Er schien mir ziemlich betrunken, der arme Kerl, aber vielleicht war ja sie die arme Frau.

Jedenfalls waren die zwei Barhocker neben mir (ich sass am Rande unserer kleinen Gesellschaft) plötzlich leer, und es leerten sich irgendwann auch die anderen Stühle, bis nur noch mon ami, meine Kolleginnen und mein Kollege von der Botschaft und das Ungefähre, was von mir nach 10 Gläsern Eiscognac noch übrig war, im Lokal waren, das irgendwie, wie mir erst jetzt auffiel, gar kein richtiges Lokal war, denn es hatte gegen das Meer hin keine Wände, und man konnte in den nun länger werdenden Gesprächspausen die Wellen gegen die Hafenmauer schlagen hören. Schwap… schwap… schwap…  

Bezahlen durften wird nicht. Es war ja auch fast nur Wasser in den Gläsern und mon ami ist ein grosszügiger Mensch. Wenn ich mich richtig erinnere, was unwahrscheinlich ist, aber keine Rolle spielt, war es lange nach Mitternacht, als ich von meinem Barhocker stieg und mit einem Schlag spürte, wieviel Cognac ich getrunken hatte. Es musste schlechtes Eis gewesen sein, denn ich war entgegen der Anpreisung des Drinks durch mon ami sturzbetrunken. Und – es kam, wie es kommen musste – ich bin dann auf dem langen Heimweg auch tatsächlich gestürzt.

Irgendjemand hatte die lobenswerte Idee, auf der Meerespromenade seitlich gegeneinander verschobene, kniehohe Betonblöcke zu platzieren, die von links und rechts in die Promenade ragen, damit keine Zweiräder die Promenade entlang rasen und die Fussgänger umfahren können. Man muss zwischen den Betonblöcken hindurch Schlangenlinien fahren. Das gelang mir anfangs ziemlich gut, und es kam völlig unerwartet, als ich mit dem Vorderrad einen der Betonblöcke rammte, worauf es mich, obwohl ich mir sicher war, langsam unterwegs zu sein, in einem Salto, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte, über den Lenker und den Betonblock katapultierte.

Ich lag leicht verkrümmt auf dem Asphalt und mehrere Passanten eilten sofort zu mir, um mir aufzuhelfen und mich zu fragen, wie es mir gehe, ob ich OK sei. «Ja,» sagte ich, «danke, nichts passiert.» Ich liess alle meine Helfer ihre Hand vor ihr Gesicht halten und mir sagen, wie viele Finger sie sehen, dann liess ich es gut sein und verabschiedete mich. Ich hatte ein paar Schrammen und meine erst vor ein paar Jahren ersetzte Hüfte tat mir furchtbar weh, aber mein Fahrrad hatte zum Glück keinen Schaden genommen, wohl wegen der Federung des Vorderrads, und so kam ich, wenn auch langsam und immer wieder vom Rad steigend, aus eigener Kraft nachhause, von dem ich erstaunlicherweise noch wusste, wo es war.

Eis mit Cognac habe ich seither nicht mehr getrunken, und mon ami nie mehr gesehen. Ich wünsche ihm alles Gute, wo immer er ist, vielleicht irgendwo in Afrika (er hatte Afrika erwähnt), an einem Strand, in einer Bar, die nicht seine sein muss, oder irgendwo in den goldenen Hängen am Lac Léman, im eigenen Weinberg, mit einem kleinen Winzerhaus mit einem Tisch und zwei austauschbaren Stühlen.

Fetter Junge, dünne Tante

15. März 2025

(Abschied nehmen)

Es gibt ein Bild, es ist noch kein Jahr alt, auf dem man meine Tante in unserer damals gerade frisch bezogenen Wohnung in Regensdorf (Manhattan) in unserem Fat Boy sitzen sieht, einem breiten, schwarzen Fauteuil, in dem es sich superbequem fernsehen, lesen oder auch einfach nur dösen liess und den man mit einem Hebel umlegen und darin wunderbar ein- und weiterschlafen konnte. Meine Tante, früher eine füllige Person, der wir als Kinder auch mal den Spitznamen «Tanti Fanti» gegeben hatten, sieht im grossen Sessel klein und leicht aus, wie ein freudig strahlendes Murmeltier oder ein Klippschliefer, die ja mit den Elefanten nahe verwandt sein sollen.  

Wir hatten den Fat Boy aus Ankara nach Wien und von da in die Schweiz mitgenommen. Er stand mit seinem Bruder im Wohnzimmer, als wir zum ersten Mal in die Wohnung im ersten Stock der Residenz der Schweizer Botschaft am Atatürk Bulvari in Çankaya traten. Dumm, wie ich manchmal bin, wollte ich beide Fat Boys nicht in meinem neuen Wohnzimmer. Die Vorstellung, wie viele Botschafter und ihre Frauen sich bereits in den Sesseln geräkelt hatten, war abstossend für mich. Zum Glück bestand meine Partnerin und spätere Frau darauf, wenigstens einen Fat Boy zu behalten. „Du musst ja nicht darauf sitzen“, sagte sie. „Es wird mein Sessel sein.“  

Natürlich wurde es dann bald einmal mein Sessel, weil er einfach zu bequem war, um sich von der eingebildeten Erinnerung an alt Botschafter und ihre Gattinnen daraus vertreiben zu lassen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir natürlich mein Vater in den Sinn, wie er sich ein paar Wochen lang weigerte, auf das neue Sofa zu liegen, das meine Mutter aus ihrem eigenen Geld gekauft hatte, ohne ihn zu fragen. Mein Vater sah nicht ein, weshalb man etwas entsorgen sollte, wenn es noch zu gebrauchen war. Ein paar Wochen später legte er sich dann nach dem Abendessen auf das neue Sofa, als wäre nichts gewesen.

Als es klar wurde, dass der Fat Boy mein Sessel geworden war, bat meine Frau den Hausmeister der Botschaft, er solle doch bitte den anderen Fat Boy aus dem Keller holen und ihn in unser Wohnzimmer zu seinem Bruder bringen, aber es stellte sich heraus, dass ihn die unterdessen transferierte Kanzleichefin einer vor ihr in die Schweiz zurückgekehrten Kollegin geschenkt hatte, was sie eigentlich gar nicht durfte, denn es handelte sich um Mobiliar des Bundes. Erst kurz bevor wir Ankara in Richtung Wien verliessen, wurde es möglich, altes Mobiliar aus der Residenz zu kaufen, da die zukünftigen Botschafter ihre Privaträume in den Residenzen selber möblieren durften. Es tat mir natürlich Leid, dass ich verantwortlich für die Trennung der beiden Brüder war, aber ich konnte es nicht mehr ändern. Alles, was ich noch tun konnte, war, meiner Frau ab und zu den Fat Boy zu überlassen.

****

Aus dem Zentrum von Höngg, wo ich aufgewachsen bin, führt die Regensdorferstrasse, so weit so gut, direkt nach Regensdorf. Leicht befremdend ist lediglich, dass man sich, wenn man kurz nach dem Restaurant Grünwald aus dem Wald kommt und  Regensdorf sehen kann, nicht mehr auf der Regensdorferstrasse, sondern auf der Hönggerstrasse befindet. Sollte man wenden?

Als wir von Wien nach Regensdorf zogen, hiess das auch, dass unser Wohnzimmer anstatt sechzig plötzlich nur noch zwanzig Quadratmeter gross war. Als wir das erste Mal von Höngg aus kommend mit dem Wagen aus dem Wald kamen, sagte ich zu meiner Frau mit Blick auf die alten und gerade neu entstehenden Hochhäuser: Manhattan!

Alles in Regensdorf, auch unser Wohnzimmer, ist lediglich etwas kleiner, aber sonst fast wie in Manhattan. Mit unseren beiden Sofas, einem Kasten, einem Beistelltisch, einem TV-Möbel und zwei türkischen Heiratsboxen war unser Wohnzimmer bereits voll, mit dem Fat Boy klar übermöbliert. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis wir uns dazu durchringen konnten, uns von unserem Fat Boy zu trennen. Natürlich hätten wir auch eines der eben erst in Wien gekauften teuren Sofas weggeben können, und vielleicht hätten wir genau das tun sollen, aber es schien uns wenig Sinn zu machen.

So fiel das Los auf unseren Fat Boy, und meine Frau gab ihn schweren Herzens im Nachbarschafts-Chat zur Adoption frei. Am Abend des 13. März kam ihn dann ein junges Paar aus der Nachbarschaft abholen und wir waren froh, dass er, anstatt auf der Müllhalde zu landen, eine sympathische neue Familie gefunden hatte. Am Tag danach erreichte uns zuerst eine Whatsapp-Meldung des jungen Paars, wie glücklich sie mit dem superbequemen Fat Boy seien, dann die Kurzmitteilung meines Bruders, dass unsere Tante um die Mittagszeit friedlich eingeschlafen sei.

Meine Frau und ich hatten sie vor drei Wochen noch zum Mittagessen in ein Restaurant in Höngg ausgeführt, wo sich der Kellner sehr gefreut hatte, sie wiederzusehen. Kurze Zeit später hatte sie einen Hirnschlag und wurde ins Spital eingeliefert. Als mein Bruder und ich sie besuchten und ihr nach einem Gespräch mit den Ärzten mitteilten, sie würde am folgenden Tag entlassen und dürfe in ihr eigenes Zimmer im Pflegezentrum in Höngg zurück, wusste sie nicht mehr, dass sie die letzten fünf Jahre dort verbracht hatte. «Ich will nachhause» sagte sie, «Gehen wir jetzt?»   

Zurück im Pflegeheim begann dann die palliative Pflege. Das erste Mal, als meine Frau und ich sie besuchten, konnte man noch mit ihr kommunizieren, obwohl sie nicht mehr viel sagte. «Sprecht nur,» sagte sie ab und zu, «Ich kann euch hören.» Beim nächsten Besuch sprach sie kaum noch. Zu Beginn des Besuchs richtete sie sich im Bett auf, schaute meine Frau an, und sagte zu Ihr «I love you!» bevor sie wieder in den Nebeln der Opiate versank. Später sagte sie noch «Es nimmt mich einfach» und gegen Ende unseres Besuchs noch ein Mal: «Es nimmt mich einfach». Zwischendurch griff sie mit ausgestreckten Armen in die Luft, als wollte sie etwas fangen.

Bei unserem letzten Besuch am Donnerstag, am Tag bevor sie starb, dämmerte sie nur noch vor sich hin, die Augen einen Spalt weit geöffnet, die immer länger werdenden Atempausen von einem unruhigen, mühsamen Ringen um Luft unterbrochen. Uns war klar, dass das unser Abschiedsbesuch sein würde. Wir sprachen wenig auf der Heimfahrt. Als wir aus dem Wald kamen, brannten in Manhattan bereits die Lichter.

Obwohl ich vorbereitet war, musste ich am Freitag, als ich meiner ältesten Tochter, die es gerade noch geschafft hatte, am Vormittag von ihrer Grosstante Abschied zu nehmen, mitteilte, sie sei nun gestorben, weinen. Als wäre ihr Sterben erst real geworden, als ich es aussprach.

Mein Tante wollte gehen, und ich wusste, dass dieses Gehen (oder genommen werden?) unmittelbar bevorstand, trotzdem überkam es mich. Im Fleischli in Rümlang, bei Kaffee und einem Stück Osterkuchen. Mein Frau legte ihren Arm um mich und die Hunde schauten mich verwundert an.

Heute ist Samstag. Ich habe einige Dinge entsorgt und einen langen Spaziergang mit den Hunden gemacht, bei dem sie auf einer Wiese neben dem Fussballplatz frei rennen konnten. Zum Abendessen hat meine Frau Filet und Reis zubereitet. Nun stehe ich an meinem PC und habe gerade Ben Gurion das Gesicht gewaschen und ihm die Sonnenbrille gereinigt. Zu viele braune Ringe von meinen Kaffeetassen auf dem Untersatz mit seinem von der Illustratorin Amit Shimoni gemalten Pop-Art Brustbild. Ben Gurion trägt ein pinkes Hemd mit kleinen Ananas, vermutlich mit kurzen Ärmeln (man sieht das auf dem Untersatz nicht mehr), er hat schlohweisses Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Der Hintergrund ist gelb.

Hönggerberg (Skizze)

15. März 2025

Was es sollte

27. Januar 2025

„Was soll das?“, fragte Jossi, zeigte mit der offenen Hand auf das Schachbrett und schaute Avitai entgeistert an.

Es war 9 Uhr. Zwei Tassen Kaffee, eine links und eine rechts, und ein Aschenbecher (rechts) standen neben dem Schachbrett, Jossi hatte sich seine erste Zigarette angesteckt und nach einem ersten tiefen Zug, gefolgt von einem Hustenanfall, in den Aschenbecher geklemmt, wo sie verglühen und verlöschen würde, und Avitai hatte die erste Partie des Tages, die sie auf dem kleinen, runden Blechtisch vor Jossis Laden spielten, gerade mit d2-d4 eröffnet.   

Seit nun bald 20 Jahren kam Avitai, der in Ramat Gan gleich an der Grenze zu Givataim wohnte, („Ich bin kein reicher Ladenbesitzer wie Du, ich kann mir Givataim nicht leisten.“) jeden Morgen kurz vor 9 Uhr zu Fuss nach Givataim, an die Shenkin Strasse, wo Jossi bei seiner Ankunft bereits den Klapptisch und die Stühle aufgestellt und auf der Herdplatte in seinem Laden den Kaffee aufgebrüht hatte („Du willst nur Steuern sparen, Du alter Geizhals. Wohnst in Ramat Gan und wo treibst Du Dich den ganzen Tag rum? In Givataim!“).

Die beiden alten Männer, die sich seit ihrer frühen Kindheit kannten, spielten jeden Tag zur selben Zeit die exakt gleiche Partie, die mit der italienischen Eröffnung begann. Avitai liess seinen Bauer von e2 auf e4 vorrücken, worauf Jossi mit einem Bauernzug von e7 nach e5 antwortete. Als Nächstes wurden die Pferde bewegt, die auf ihren Feldern schon unruhig scharrten und schnaubten:  Avitai rückte mit seinem Springer von g1 auf f3 vor und Jossi bewegte im Gegenzug seinen Springer von b8 nach c6, wie es beim Giuoco piano vorgesehen war, das sie, des Italienischen beide nicht mächtig, Schokopiano nannten.

Die Partie ging mit dem ersten Auslauf der beiden Läufer weiter (f1-c4 und f8-c5) und mündete nach den exakt gleichen Zügen und ohne dass dabei ein einziges Wort gesprochen worden wäre nach einer gute halben Stunde – ausser wenn die Partie von einem Kunden unterbrochen wurde, was am Vormittag kaum je der Fall war, dann dauerte es ein paar Minuten länger – in ein Patt, weil Avitai seinen König nicht mehr bewegen konnte, ohne sich ins Schach zu begeben. „Hab‘ ich Dich!“ sagte Jossi dann, und beendete damit die morgendliche Stille, und Avitai räusperte sich und antwortete: „Hast Du eben nicht!“

Danach spielten sie eine zweite und nach der zweiten eine dritte Partie, oft wurden es sechs oder sieben Partien bevor die Sonne unterging, wobei einmal Avitai gewann, dann wieder Jossi, nur selten gewann einer zwei Partien hintereinander, und Unentschieden gab es den ganzen Tag keines mehr, obwohl nur diese in die Wertung kamen. Der Spielstand, nach jedem Unentschieden von Jossi säuberlich mit einem kurzen Bleistift in ein kleines Notizbuch eingetragen, lautete mittlerweile 2561:2561.

Sieben Jahre war es nun her, seit Udi gestorben war. Seit sieben Jahren stand Udis Klappstuhl nun in Jossis Laden an der Wand, und als der Postbote ihn einmal aufgeklappt hatte, um ein Paket mit fragilem Inhalt darauf abzustellen, hatte ihn Jossi so zusammengestaucht, dass er sich seither weigerte, ihm die Post zu bringen. Er deponierte sie stattdessen im Kiosk auf der anderen Strassenseite („Das ist für den Wüterich“), wo Jossi sie einmal pro Woche abholte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er warte darauf.  Auch wenn sich Jossi entschuldigt hätte (was er weder vorhatte noch je tun würde): der Postbote war unversöhnbar und die Post blieb dauerhaft umgeleitet.

Udi war mit Abstand der beste Schachspieler von den drei Freunden. Er war es, der Jossi und Avitai das Schachspielen überhaupt erst beigebracht hatte. Sie wussten zwar, wie man die einzelnen Figuren bewegt, aber Udi konnte Schach spielen. Einmal, so will es die Legende, als er noch jung war, soll er es bis in die zweitletzte Runde der israelischen Schachmeisterschaft geschafft haben. Ob er es noch weiter, vielleicht sogar bis zum Titel des israelischen Meisters hätte bringen können, lässt sich nicht sagen. Udi sei, so erzählt es Jossi, am Tag der zweitletzten Runde nicht mehr zum Turnier in Tel Aviv erschienen, und niemand werde je wissen, warum, während Avitai meint, es zu wissen. Udi sei der drohenden Niederlage ausgewichen, behauptet er, das, und nichts anderes, sei der Grund für sein Fernbleiben gewesen.

Als sie eines Tages wieder zu dritt vor Jossis Laden kalten Kaffee getrunken und geraucht hatten, hatte Udi gesagt: Warum spielen wir eigentlich nicht eine Partie Schach? „Schach ist für zwei“, hatte Avitai geantwortet, und Jossi hatte angefügt: „Das kann ich nicht.“ Aber Udi liess nicht locker.  Am nächsten Tag brachte er ein Schachbrett samt Figuren mit, und so kam es, dass er ihnen die verschiedenen Eröffnungen zeigte, wie man Angriffe durchschauen und Fehler vermeiden, Opfer bringen und den Gegenspieler übertölpeln oder auskontern konnte, und wie sich ein Endspiel erfolgreich gestalten liess.

„Schachspielen ist definitiv besser als Herumsitzen, Rauchen und Kaffeetrinken“ sagte Jossi eines Morgens, als das Schachspiel bereits zu einem festen Teil ihres Tages geworden war, man könnte auch sagen zum wichtigsten und eigentlich einzigen Inhalt ihrer Tage (was hatten sie bloss vorher gemacht?), und wie er es sagte, war es ein Dankeschön an Udi, ohne dass er danke sagen musste. Die Spiele folgten der einfachen Regel, dass der Sieger am Brett blieb, was nichts anderes bedeutete, als dass Jossi und Avitai abwechslungsweise gegen Udi spielten und der andere musste zuschauen und die Klappe halten.

Als Udi an Leberkrebs erkrankte und nach wenigen Wochen starb, waren Jossi und Avitai verloren. Am Tag nach der Beerdigung sassen sie vor Jossis Laden am Blechtisch, vor ihnen Udis leerer Stuhl und das Schachbrett mit den wartenden Figuren. Keiner sprach ein Wort. Gegen Ende des Vormittags stand Jossi auf, klappte Udis Stuhl zusammen und trug ihn in den Laden, wo er bis zur unbedachten Aktion des Postboten und auch danach wieder unberührt in einer Ecke stand.

„Was machen wir nun?“ fragte Avitai mit brüchiger Stimme, als sich Jossi wieder hingesetzt hatte. „Ich weiss es nicht“, antwortete Avitai. Und nach einer kurzen Pause: „Wieder nichts wahrscheinlich, wie vorher.“ Eine Frau ging am Tisch vorbei und trat in Jossis Laden. Nach einer Weile erschien sie wieder im Eingang mit einem alten Kerzenständer aus fleckigem Messing.
„Was wollen Sie dafür?“
„Nichts“ sagte Jossi, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Die Frau schaute Avitai, der den Eingang zum Laden in seinem Blickfeld hatte, fragend an.
„Sie haben ihn gehört“, sagte Avitai, „Nehmen Sie das Ding und gehen Sie.“
„Im Ernst…? Danke…“ sagte die Frau. Und verschwand mit dem fleckigen Kerzenständer in Richtung Weizmann.

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Jossi, als die Frau ausser Sichtweite war. „Entweder wir hören mit dem Schachspielen auf, oder die erste Partie des Tages gehört Udi.“
„Wie meinst Du das?“
„Wir spielen zuerst ein rituelles Unentschieden. Jeden Tag genau dieselbe Partie. Eröffnung mit dem Schokopiano und dann weiter bis zum Patt, mit den exakt gleichen Zügen, bis Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Das spielen wir für Udi. Jeden Tag. Das schulden wir ihm.“

Und das taten sie dann auch. Jeden Tag, sieben Jahre lang. Die immer gleichen Züge. Avitai mit seinem Bauern von e2 auf e4, Jossi mit seinem von e7 nach e5, dann die Pferde, dann die Läufer, wie das beim Schokopiano eben vorgesehen war. Und nun, nach sieben Jahren ritueller Unentschieden, also dies: Avitai eröffnete mit d2-d4!

„Was soll das? Was machst Du da?“ entfuhr es Jossi.
„Ich eröffne die Partie“ antwortete Avitai ruhig.
 „Aber doch nicht so“ ereiferte sich Jossi. Er nahm Avitais Bauern, setzte ihn zurück auf d2 und fuhr stattdessen mit dessen Bauern von e2 auf e4. „So geht das“ sagte er dabei, und als er den Bauern auf e4 abgesetzt hatte, griff er zur glühenden Zigarette und nahm tatsächlich einen zweiten Zug.

                                           ***

Am nächsten Morgen sass Jossi vor seinem Laden am Schachbrett. Es war bereits viertel nach 9, aber Avitai war nicht gekommen. Als er auch um 10 noch nicht erschienen war, ging Jossi, der kein Mobiltelefon besass, in den Laden und rief Avitai an, aber Avitai antwortete nicht. Auch am nächsten Tag erschien Avitai nicht zum Schach, und Jossi begann sich Sorgen zu machen.

Als Avitai auch am vierten Tag nicht erschien und Jossis Anrufe nicht beantwortete, schloss Jossi seinen Laden ab und überquerte die unsichtbare Grenze nach Ramat Gan. Die Haustüre stand offen, damit Passanten bei einem Bombenalarm in den Schutzraum konnten. Jossi ging die Treppen hoch bis ins oberste, dritte Stockwerk und klingelte an Avitais Wohnungstür. Für einen Augenblick meinte er, aus der Wohnung Schritte zu hören, aber er musste sich getäuscht haben. Er klingelte ein zweites und ein drittes Mal, aber die Tür öffnete sich nicht.

Am letzten Tag der ersten Woche nach Avitais Verschwinden überquerte Jossi die Strasse und holte beim Kiosk seine Post ab. Er steckte die drei Umschläge, die ihm der Verkäufer aushändigte, in die Jackentasche und überquerte die Strasse in die andere Richtung. In der Mitte der Strasse blieb er stehen, und erst als mehrere Autos hupten, ging er weiter. Er setzte sich wieder an den Blechtisch vor seinem Laden und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen Zug und behielt die Zigarette vor seinem Mund. Mit der anderen Hand berührte er die drei Briefe in seiner Jackentasche. Er hatte Angst davor, sie vor sich auf den Tisch zu legen. Was, wenn einer von ihnen einen schwarzen Rand hatte?

Als er sich gegen Mittag einen Ruck gab und die Briefe aus seiner Jacke nahm, war er erleichtert. Keiner der drei Umschläge hatte einen schwarzen Rand.  Die ersten zwei enthielten Rechnungen. Der dritte war von Hand adressiert. Er enthielt eine schwarz-weisse Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Strand mit Strandkörben und einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. Auf der Rückseite stand in wackliger Schrift:

Ich habe Schilddrüsenkrebs, ich werde sterben. Mach’s gut, lieber Freund.
Avitai


Jossi schluckte leer. „Das sollte es also bedeuten, als Avitai die Schachpartie falsch eröffnete, dachte er, während seine Hände mit der Postkarte und der Zigarette auf den Blechtisch sanken und ihm Tränen über die Wangen rollten.

                                           ***

PS: Drei Jahre sind unterdessen seit dem Tod von Avitai vergangen. Wenn man an Jossis Trödlerladen vorbeigeht, sieht man ihn wieder am Blechtisch sitzen und mit einem pensionierten Postboten Schach spielen. Die einen sagen, Jossi habe sich nur mit dem Postboten versöhnt, weil ihm der Weg zum Kiosk zu beschwerlich geworden sei. Andere glauben zu wissen, die Initiative zur Versöhnung sei nach dem Tod von dessen Frau vom Postboten ausgegangen, der lernen wollte, wie man Schach spielt.

Lange Zeit

27. Januar 2025


Ein Mann steht im Raum

Er bückt sich und nimmt

ein Jahr aus der Zeine

Er legt es vor sich auf das Brett

Er spuckt auf das Eisen

dann bügelt er es

Es sind die Falten, sagt er

zu niemandem im Besonderen

Die Falten machen die Jahre

so kurz

In ihnen verbirgt sich die Zeit

und kommt uns abhanden

Ein Mann steht im Raum

Er weiss immer weiter

Er antwortet nicht auf Fragen

Er bügelt die Zeit

Vielleicht ist Glück ein Halstuch, das man auf dem Weg verloren hat, und jemand hat es aufgehoben und an einen Gartenzaun gehängt, und wenn man weit genug zurückgehen würde, fände man es wieder (vielleicht ist das auch nur eine zu lang geratene Überschrift)

25. Januar 2025

Es gibt keine verlässlichen Umfragen dazu, aber man darf davon ausgehen, und das tue ich hier, dass wir in einer Welt leben, in der nur noch eine verschwindend kleine Anzahl Menschen weiss, wer Helen Shapiro war, und diese fast ganz aus alten Menschen bestehende, rasch schrumpfende Gruppe ist mittlerweile so klein geworden, dass sie  drauf und dran ist, in absehbarer Zeit ganz zu verschwinden, sang und klanglos, wie man in diesem Kontext sagen könnte. Sie liefert sich dabei ein Wettrennen mit dem Polareis und es sieht so aus, als könnte sie es gewinnen.

Ich wüsste auch nicht, wer Helen Shapiro ist, wäre sie mir nicht vor einem Vierteljahrhundert am Arm von Bob Geldof begegnet. Ich war ziemlich unglücklich damals und nicht gut unterwegs, als mir Helen und Bob auf einem Gehsteig in Ausserholligen Arm in Arm entgegenkamen und singend an mir vorbeigingen. Ich wusste nicht, wer sie waren, was bei Helen Shapiro nichts Ungewöhnliches war, aber auch Bob Geldof erkannte ich nicht, weil er eine Fellmütze trug und den Mantelkragen hochgeschlagen hatte. Sie sangen, als sie mich auf dem mit nassem Schnee bedeckten Gehsteig kreuzten, zusammen ein englisches Lied.  

„Was ist das für ein Lied?“, rief ich Ihnen nach, denn es gefiel mir, und Bob drehte den Kopf und rief über die Schulter zurück: „Walking Back To Happiness.  Es ist von mir. Aber eigentlich ist es von ihr“, worauf Helen lachte und ihn weiterzog.

Ihr Glück musste, obwohl sie mir nicht unglücklich zu sein schienen, irgendwo auf dem Weg verlorengegangen sein, und sie hofften offenbar, es wiederzufinden, wenn sie weit genug zurück gingen. Vielleicht hatte es ja jemand aufgehoben und an einen Gartenzaun oder eine Hecke am Wegrand gehängt, wie das gute Menschen manchmal mit einem Handschuh machen, den jemand fallen gelassen hatte. Sogar weniger gute Menschen könnten das tun, denn niemand kann mit einem einzelnen Handschuh viel anfangen, ausser eine Hand damit zu wärmen, was natürlich nicht nichts ist.

Nun kann man mit Recht sagen, es spiele überhaupt keine Rolle, dass kaum noch jemand weiss, wer Helen Shapiro ist, und wenn das jemand sagt, habe ich dafür Verständnis und kann dem nicht wirklich viel entgegenhalten (ausser vielleicht, dass für viele Menschen wenig wirklich eine Rolle spielt), aber wenn man nicht weiss, wer sie ist (oder war, denn sie ist vor Kurzem verstorben), versteht man auch nicht ganz, warum in Geldofs Version des Songs Nebelhörner dröhnen, während er mit seinem Vater am East Pier steht.

Es ist nicht nur wegen dem Nebel und den Schiffen. Es hat auch damit zu tun, dass Helen Shapiro wegen ihrer tiefen Stimme von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden Nebelhorn genannt wurde. Zwei ihrer Songs sind Anfang der 60er-Jahre an der Spitze der britischen Charts gelandet. Einer davon war Walking Back To Happiness (der andere hiess You don‘t know, aber das muss man nicht wissen). Wissenswerter ist vielleicht, dass bei einem Auftritt der 16-jährigen Helen in Bradford am 2. Februar 1963 die Beatles ihre Vorgruppe waren, aber man kann auch gut leben, ohne das zu wissen.

Man kann gut ohne die Musik von Helen Shapiro leben. Auch ohne die Musik der Beatles kann man leben (was allerdings schade wäre) und ohne die Beatles geht problemlos, sie sind bereits halb verschwunden. Auch Bob Geldof wird verschwinden, lange vor seiner Musik, und die Musik der Beatles (kurz nach der Musik von Beethoven). Alles wird irgendwann der Furie des Verschwindens zufallen, zuerst langsam, dann schnell. Auch ihrem Erfinder, Hans Magnus Enzensberger, ist das 2022 widerfahren. Seine Gedichte lungern noch ein wenig in meinem Kopf herum.

Die Suche nach dem Glück sollte nicht in die Vergangenheit führen. Man kann aus der Vergangenheit nichts, wenn man es noch fände, mitnehmen in die Gegenwart. Glück ist kein verlorenes Halstuch, das jemand aufgehoben und an einen Zaunpfahl gehängt hat. Glück sitzt Dir auf der Schulter, ein Vogel so leicht, man spürt ihn kaum.

Von oben betrachtet

24. Januar 2025

Schau wie ich sitze:

am Fuss der Düne

in meinem Strandstuhl

mit Blick auf das Meer

während sich hinter der Düne

in einer Senke

die Tage sammeln

Sie rotten sich zusammen

zu Wochen, Monaten, Jahren

Es wird nicht mehr lange dauern

dann fallen sie über mich her

Eine kurze Unendlichkeit

4. Januar 2025

Abgesehen vom Gulasch, das nur meine Schwiegermutter so zubereiten kann – und mein Gott, sie hat es gerade wieder getan und sich dabei selber übertroffen -, basiert alles auf Annahmen. Man nimmt an, dass etwas so ist, weil man es so gelernt oder gelesen hat, vielleicht auch nur gehört (und wenn möglich falsch verstanden), bis man eines Tages selber feststellt, dass es doch anders ist, manchmal zum Glück, manchmal leider. Von da an nimmt man an, dass es nun so sei, und nicht mehr anders, und geht davon aus, dass es so bleibt, auch wenn man gerade nicht hinschaut.  

Ben Gurion, Uziel und Haroe sind Parallelstrassen verschiedener Grösse in meinem neuen Universum. Dank Ihnen finde ich mich auf den langen Spaziergängen mit unseren Hunden zurecht, auch wenn ich mein Mobiltelefon nicht dabeihabe. Ben Gurion, Uziel, Haroe – alles andere sind Seitenstrassen.

Ich wurde dank den Hunden, die mich im Auge des Betrachters zum Ortsansässigen machen, auch schon nach dem Weg gefragt und konnte tatsächlich schon einmal Auskunft geben. Od shloshim metrim bne jemina. Noch dreihundert Meter, dann rechts abbiegen. Vielleicht waren es auch nur 200 Meter, aber den Satz hatte ich vom GPS gebrauchsfertig im Ohr.

Ich bin diese drei Strassen, Ben Gurion, Uziel und Haroe, von denen Ben Gurion mit zwei Spuren in jede Richtung die grösste ist, schon in beide Richtungen gegangen, Uziel (am einen) und Ben Gurion (am anderen) sogar bis an ein Ende oder einen Anfang – ich habe nicht auf die Hausnummern geachtet.  

Heute bin ich die Haroe bis an eines ihrer Enden spaziert. Der Plan war, gegen Ende der Strasse in eine Seitengasse einzubiegen, die zur Ben Gurion führt, und dann auf der Ben Gurion zurück in Richtung unserer Wohnung an der Elyashiv. Am besten geht man von der Ben Gurion die Yad Shalom hoch. Die ist trotz der Baustelle angenehmer als die Ruchama, die irgendwie nicht sehr einladend wirkt. obwohl sich die älteren Häuser Mühe geben.

Die erstaunliche Entdeckung auf diesem Spaziergang war, dass sich Parallelen nicht erst in der Unendlichkeit schneiden, sondern einiges vorher.  

Wenn man von der Elyashiv her kommend die Uziel überquert und dann die Ehud oder die Avishai genommen hat, bis man auf die Haroe getroffen ist, die wie gesagt parallel zur Uziel und zur Ben Gurion verläuft, und auf der Haroe dann nicht nach rechts, in Richtung Metzger Friedman, sondern nach links, in Richtung Bnei Brak gegangen ist, stellt man, nachdem man eine ganze Weile an Häusern vorbeigegangen ist,  deren Bewohner in der Ruhe des Schabbats hinter heruntergelassenen Jalousien Musik hören, fest, dass sich die Haroe nach links zu krümmen beginnt.

Man merkt es daran, dass schneller gehende Hundehalter, Frauen wie auch Männer, die gerade erst mit ihrem Tier aus einem der Häuser getreten sind, nach einer Weile hinter der Biegung verschwinden.  

Der Plan war nun. wie gesagt, und nachdem der Spaziergang jetzt doch schon eine ganze Weile gedauert hatte, nach links in eine der nächsten Seitenstrassen einzubiegen, um hinüber auf die Ben Gurion zu gelangen, aber die Seitenstrassen erwiesen sich eine nach der anderen als Sackgassen.

Wenigstens, dachte ich, zog es die Haroe ganz offenbar nach links, womit ich die beruhigende Gewissheit hatte, dass ich mich zwar weiter von zuhause, aber nicht von der Ben Gurion entfernte, die mich am Ende wieder sicher nachhause führen würde. Je länger die langgezogene Kurve dauerte, desto näher kam die Haroe der Ben Gurion. Sie würde doch nicht…?

Ich weiss nicht, wie alt ich war, als ich in der Schule lernte, dass sich zwei Parallelen in der Unendlichkeit kreuzen. Oder war es berühren, treffen, schneiden? Oder war es nur der Anfang eines weiteren Witzes, nach dem Muster von „Zwei Pferde treffen sich in einer Bar“?

Ich weiss auch nicht mehr, es ist einfach zu lange her, ob man damals versucht hat, es mir zu erklären, und wenn ja: hatte ich es begriffen, oder hatte ich, wie ich das als Kind so oft tat, ja gesagt und genickt, als man mich fragte, ob ich es verstanden hätte, weil ich weder als dumm gelten noch dem Erwachsenen das Gefühl geben wollte, es mir nicht gut erklärt zu haben?

Falls ich es damals verstanden hätte (irgendetwas mit der Erdkrümmung?), was ich bezweifle, hätte ich es längst wieder vergessen, und wahrscheinlicher ist ohnehin, dass ich es (erklärt oder nicht) nie verstanden habe.

Ich verstehe es auch heute nicht, obwohl ich gerade versucht habe, es zu verstehen, aber ich bin bei den ersten paar Formeln steckengeblieben. Wenn zwei Geraden parallel verlaufen, berühren sie sich auch in der Unendlichkeit nicht. Und wenn sie das doch tun, weil sie so lange unterwegs waren, dass es ihnen ohne Berührung oder wenigstens einen Annäherungsversuch langweilig wurde, sind sie keine Parallelen mehr.  

Und da stand ich nun also unvermittelt an der Stelle, an der sich zwei Parallelstrassen schneiden. Wobei man nicht wirklich von schneiden sprechen kann. Es ist vielmehr so, dass die kleinere Haroe in die groessere Ben Gurion mündet. Trotzdem musste das hier die Unendlichkeit sein, wenn die Schule für irgendetwas gut war.  

Ich schaute mich um. Ein Mann in Sandalen kam mir entgegen. Von der anderen Strassenseite bellte ein Hund, der nicht zu sehen war. Der Verkehr war noch immer sehr dünn. Die wenigen Autos waren langsam unterwegs. Keinerlei Hupen. Ich schaute auf meine Uhr. Es war viertel vor zwei.  Der Shabbat dauerte noch ein paar wenige Stunden. Die Unendlichkeit war schon fast wieder vorbei.

Ich muss nachhause, dachte ich, und fasste die Leinen der Hunde kürzer. Ich muss so schnell wie möglich nachhause, auf direktem Weg.

***

(„Zwei Parallelen treffen sich in der Unendlichkeit. Wer hat denn sowas behauptet? fragt die eine. Ein Wegweiser, sagt die andere.“)

Winter

1. Januar 2025

Winter kennen sie hier nicht.

Man ist als Gast solidarisch

und erkältet sich trotzdem.

Man hustet als wäre man

noch in Neukirch,

wo es draussen kälter

und drinnen wärmer ist.

Als die Dänen nach der Ölkrise

Anfang der 70er-Jahre

auf Windenergie umstellten,

haben sie hier,

weil sie dem Wind nicht trauten,

den Winter abgeschafft.

An windstillen Tagen im Dezember

sitzen sie auf den Terrassen

reden wild durcheinander

und essen Salat

26.12.2024

Skizze (Pastellkreide)

6. September 2024