Der Elektriker kommt (Teil 1)

22. Juli 2024

(aus dem Erzählband „Alte Männer ohne Meer“, erschienen 2025 bei Nagel und Feile)

Es war an einem Montag im Herbst, kurz vor Mittag. Bertrand Mesmer war gerade fertig geworden mit Staubsaugen. Er wusste, dass noch überall Staub in der Wohnung herumlag. Staub, den er nicht gesehen hatte. Aber deswegen waren seine Bemühungen nicht umsonst. Niemand konnte den Staub ganz beseitigen. Auch Leute mit besseren Augen und mehr Ausdauer als er nicht. Gegen den Staub liessen sich einzelne Schlachten gewinnen – der Krieg war von Anfang an verloren.

Er hatte den vollen Staubbeutel in den Müll geworfen, dabei (wie er das immer tat) „Fuck Dyson“ gesagt und sich gefragt, wie lange es wohl noch dauern würde, bis eine neue Tonne auf dem Gehsteig auftauchen würde, wo man die vollen Staubsaugersäcke entsorgen konnte. Mit Staub liesse sich ganz sicher mehr anfangen, als ihn in den Restmüll zu werfen. Alles wurde irgendwann zu Staub. So gesehen war Staub prozessierte Materie und es musste sich lohnen, ihn zu sammeln und wiederzuverwerten.   

Montag war Bertrands Haushaltstag, seit seine Frau Luzia gestorben war. Als Nächstes wollte er sein Bett frisch beziehen und die Bettbezüge waschen.  Als er ins Schlafzimmer kam, fiel ihm etwas Kleines, Schwarzes am Boden auf. Er bückte sich, wobei er darauf bedacht war, in die Knie zu gehen, um seinen Rücken zu schonen, und hob es auf. Der Rücken tat trotzdem weh, als er sich wieder aufrichtete. In seiner Hand lagen zwei kurze, schwarze Kunststoffröhrchen, offensichtlich von einem Elektrokabel, das jemand abisoliert hatte.

Seltsam, dachte er. Wie konnte es sein, dass er sie beim Staubsaugen übersehen hatte? Und wenn er sie übersehen hätte, was trotz seiner schlechten Augen unwahrscheinlich war auf dem hellen Parkettboden, hätte er sie wohl aufgesaugt. Oder hatte er im Schafzimmer noch gar nicht Staub gesaugt? Er ging auf die Knie und griff mit der Hand unter das Bett. Tatsächlich, Staub. Er hatte das Schlafzimmer vergessen. Trotzdem war es seltsam, dass ihm die beiden Kabelhülsen nicht schon vorher aufgefallen waren.

Hatte er neulich einen Stecker repariert? Luzia hatte wenig gehalten von seinen handwerklichen Fähigkeiten, und ihm insbesondere alles verboten, was mit Elektrizität zu tun hatte. „Dafür gibt es Elektriker. Ich will Dich nicht pflegen, wenn Dich ein Stromschlag gelähmt hat.“ Dabei konnte er einiges. Zum Beispiel Lampen verkabeln. Er konnte die dreifarbigen Kabel sehr wohl auseinanderhalten. Aber er stieg schon lange nicht mehr auf Leitern.  Sein Gleichgewicht war nicht mehr, was es einmal war.  War ein Elektriker da?  Er konnte sich nicht erinnern. Woher also kamen die beiden schwarzen Kabelhülsen?

Er versuchte sich daran zu erinnern, was er zuletzt repariert hatte. Es fiel ihm nichts ein. Ausser, dass er den Abfluss in der Dusche und den Siphon im Badezimmer gereinigt und dabei geweint hatte. Die langen weissen Haare, die den Abfluss und den Siphon verstopften, waren Luzias Haare. Zwei Jahre nach ihrem Tod hielt er ihre Haare in der Hand.

Sonst viel ihm nichts ein, und ob dem Versuch, sich zu erinnern, vergass er, dass er die Bettwäsche wechseln wollte, und beschloss stattdessen, einkaufen zu gehen, obwohl er sonst immer am Mittwoch einkaufen ging. Der Mittwoch schien ihm als Einkaufstag am besten geeignet. In der Mitte der Woche liess sich gut kaufen, was man über das Wochenende und Anfang Woche verbraucht hatte und was man für das nächste Wochenende brauchte. Verbrauchen und brauchen – der ewig gleiche Zyklus. Bis man eines Tages Pizzateig, Mozzarella, Tomaten und Oliven kaufte, um am Wochenende Pizza zu backen, und dann musste jemand anders den Kühlschrank räumen.   

Als er die Türe des Fahrstuhls öffnete, ärgerte er sich einmal mehr. Schon wieder lag eine klebrige Flüssigkeit in einer Ecke des Fahrstuhls. Er war sicher, dass jemand aus den oberen Stockwerken jeweils seinen tropfenden Müllsack in die Ecke stellte, wenn er oder sie ihn runterbrachte. Reichte es nicht, dass das Treppenhaus meist dreckig war, weil die Hausverwaltung eine Reinigungsfirma bezahlte, die billig war und dafür kaum je erschien? Musste auch der Fahrstuhl wie ein Pissoir riechen?  

Als er aus dem Fahrstuhl trat und in Richtung Haustüre schaute, sah er, dass ein Zettel an der Glasscheibe hing.  Er ging näher und las: „Der Elektriker war da. Wir konnten Sie leider nicht erreichen. Bitte melden Sie sich unter …“. Interessant, dachte Bertrand. Dann war vielleicht wirklich der Elektriker da und er hatte es einfach vergessen? Aber warum hinterliess er dann einen Zettel an der Türe, dass er ihn nicht erreichen konnte? Meinte er überhaupt ihn? Da stand kein Name. Wie sollte der, der gemeint war, es wissen? Weil er einen Elektriker bestellt hatte? Hatte er einen Elektriker bestellt? 

Bertrand sagte die Telefonnummer laut vor sich hin, womit er sie in seinem Kurzzeitgedächtnis ablegte, und ging wieder hoch in seine Wohnung, die seit Luzias Tod viel zu gross war. Er sagte die Nummer noch einmal laut und schrieb sie auf einen Zettel. Dann rief er an.  Aber noch bevor es klingelte, stoppte er den Anruf. Vielleicht rufe ich besser zuerst die Hausverwaltung an, dachte er. Vielleicht hatten die ja den Elektriker bestellt und ihn in die Wohnung gelassen.

„Wir bestellen keine Handwerker“, antwortete die Dame von der Verwaltung. Wir haben keine Schlüssel zu den Wohnungen. Alle Wohnungsschlüssel sind bei Ihnen.“

„Danke“, sagte Bertrand. „Das ist beruhigend“. Er wünschte der Dame einen schönen Tag, hängte auf und wählte noch einmal die Nummer des Elektrikers.

Eine junge Frauenstimme meldete sich. Jedenfalls klang sie jung.

„Elektro-Wagner, was können wir für Sie tun?“

„Hallo, hier ist Mesmer. Bertrand Mesmer, Neulinggasse 34, 3. Bezirk, Ich rufe an wegen dem verpassten Elektriker.“

„Wie lautet nochmal die Adresse?“

„Neulinggasse 34, 3. Bezirk. Bertrand Mesmer.“

„Kleinen Moment, bitte.“ Und nach einer Minute: „Keiner unserer Monteure war an der Neulinggasse.“

„Sind Sie sicher? Da ist dieser Zettel an der Haustüre…“

„Tut mir leid, aber ich bin ganz sicher, dass niemand von uns an der Neulinggasse war in letzter Zeit. Ich mache die Einsatzplanung. Ich würde das hier auf dem Einsatzplan sehen.“

„Und woher dann der Zettel an der Haustüre mit ihrer Telefonnummer?“

„Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“

„Ein seltsamer Scherz, finden Sie nicht auch? Wer sollte darüber lachen?“

„Brauchen Sie nun einen Elektriker oder brauchen Sie keinen?“

„Nein“, sagte Bertrand, und dann: „Doch, ja, Ich brauche einen. Ich brauche einen. Eine Steckdose hat sich aus der Wand gelöst. Meine Adresse haben Sie ja nun. Bertrand Mesmer, bei Top 2a klingeln, das ist die 3. Etage, weil es ein Zwischenstockwerk gibt, verstehen Sie? Die Türe links, wenn man aus dem Fahrstuhl kommt. Der Fahrstuhl funktioniert wieder.“

„Alles klar. Passt es morgen Vormittag, Herr Mesmer?“

Als er aufgehängt hatte, zog er seine Schuhe an, liess den Fahrstuhl kommen und ging noch einmal hinunter zur Haustüre. Der Fahrstuhl war ganze vier Wochen defekt gewesen. Jetzt funktionierte er wieder. Als er aus dem Fahrstuhl kam, vor sich die Milchglasscheibe der Haustüre, sah er schon von innen: der Zettel war verschwunden. Er trat aus dem Haus und betrachtete die Glasscheibe der Türe von aussen: kein Zettel. Auch keine Klebespuren, soweit er sehen konnte.  

Hatte er sich das alles nur eingebildet? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er sich etwas einbildete. In den letzten Jahren war es ab und zu vorgekommen, dass er etwas erlebte, was, wie sich später herausstellte, gar nicht stattgefunden hatte. Oder jedenfalls nicht so, wie er es erinnerte, und schon gar nicht so, wie er es erzählte. Du hast eine blühende Fantasie, sagte Luzia dann jeweils, und sein Hausarzt sprach von den Anfängen einer Demenz. Sollte er den Elektriker noch einmal anrufen und fragen, ob er gerade einen Termin vereinbart habe?

Als er wieder ins Haus treten wollte, hielt ihm eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand die Türe auf.

„Danke“, sagte Bertrand. „Sagen Sie, war da ein Zettel an der Haustüre, vom Elektriker?“

„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete die Frau, und hob den Schnuller auf, den ihr Kind gerade zu Boden geworfen hatte.  Ohne ihn abzuwischen, steckte sie ihn dem Kind wieder in den Mund. „Gut gemacht!“, sagte Bertrand, „Dreck ist gesund, so entwickelt der Kleine später weniger Allergien.“ „Der Kleine ist ein Mädchen“, antwortete die junge Mutter.

Bertrand stellte den Wecker für den nächsten Tag auf 7 Uhr. Wenn Handwerker für Ende Vormittag angekündigt waren, konnten sie ebenso gut gar nicht kommen oder schon um 8 Uhr vor der Türe stehen. Bevor er zu Bett ging, ging er zum Sicherungskasten und nahm vorsichtshalber sämtliche Sicherungen raus. Dann ging er mit der Taschenlampe und einem Schraubenzieher ins Schlafzimmer, löste eine Steckdose aus der Wand, nahm zwei der vier Schrauben, ging im Licht der Taschenlampe in die Küche und warf sie in den Müll.

Wenn Diebe gerade meine Wohnung beobachten, dachte er, als er zurück ins Schlafzimmer ging, meinen sie, es sei schon ein Dieb da, und sie streichen die Wohnung von ihrer Liste.  Er kicherte und ging zu Bett.  

***

Wilde Pferde (Pastellkreide, Skizze)

22. Juli 2024

Das Ende des Satzes

14. Juli 2024

(eine Erzählung von zwei Maurern)

Ich habe immer behauptet, dass ich mir die Menschen, denen ich zufällig begegne, sorgfältig aussuche, und wenn der Satz auch nicht völlig ernst gemeint war, haben ihn viele vorschnell als Wortspielerei abgetan oder ihn für einen billigen Scherz gehalten. Hinter manch einem meiner Zufälle steckt tatsächlich, wenn man sich Zeit nimmt und etwas genauer hinschaut, eine Verkettung von Entwicklungen, die an ihrem oft weit zurückliegenden Anfang mit mir zu tun hatte, dann aber wie eine gemächliche Wasserschlange in die Zeit abgetaucht ist, um erst viele Jahre später wieder aufzutauchen und den Lauf meines Lebens zu kreuzen, bevor sie erneut ins Nicht-Bewusste verschwunden ist, um dann – wie heute – unvermittelt wieder aufzutauchen.  

Als im November 2018 der „Leitfaden für den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP): Praxiserprobte Anleitungen für die Vorbereitung und erfolgreiche Einführung eines Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP)“ von Manfred Maurer erschien, war der richtige Manfred Maurer, der Schriftsteller nämlich, den ich hier meine, schon 20 Jahre tot. Er starb am 11. November 1998 in Wien an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.

Eine Verwechslung wäre auch sonst völlig ausgeschlossen gewesen. Obwohl ich ihn nicht persönlich gekannt habe, was ich seit heute bedaure, und auch sein Werk mit Ausnahme von ein paar kurzen Ausschnitten, die man im Internet findet, noch nicht kenne, wage ich zu behaupten, dass der richtige Manfred Maurer wenig mit kontinuierlichen Verbesserungsprozessen am Hut hatte, nur schon wegen der Abkürzung KVP, die wie das Kürzel einer Partei daherkommt, an deren Gründungsversammlung, hätte sie stattgefunden, weder er noch ich dabei gewesen wären.

Der Kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP) basiert offenbar auf der aus Japan stammenden Kaizen-Philosophie, die ihrerseits auf der Annahme aufbaut, dass alles verbessert werden kann und dass dafür die Mitwirkung aller Beschäftigten der wichtigste Erfolgsfaktor sei. Schon diese Annahme scheint mir zweifelhaft, lässt sie doch die Unbeschäftigten und Entlassenen ausser Acht, deren Beitrag mindestens so wichtig wäre. Es mag sein, dass Leute, die am Meer wohnen, am besten wissen, wie hoch der Deich sein muss, aber auch solche, die das Meer vertrieben hat, können etwas über Flutwellen und Salzgehalt erzählen.   

Der richtige Manfred Maurer, auf dessen Spuren ich heute „zufällig“ gestossen bin, wurde am 8. November 1958, genau zehn Monate nach mir, im oberösterreichischen Steyr geboren. Er zog 1979, während ich in Zürich 21 war und gerade mein Studium begonnen hatte, nach Wien und schrieb neben Romanen, Krimis, Hörspielen, Drehbüchern, Erzählungen und Kurzprosa auch Rezensionen, Reiseberichte und Artikel für Presse und Rundfunk. Zu den Schwerpunkten seiner Themen gehörten, so lese ich, neben der internationalen Unterhaltungsindustrie und der anglo-amerikanischen Literatur das Leben der ArbeiterInnen und der Arbeitslosen (der Deich lässt grüssen).

Wie aber bin ich nun auf Manfred Maurer gestossen? Nicht zufällig. Ich habe ihn mir vor vielen Jahren ausgesucht, um ihm zu begegnen, nur hat es dann sehr lange gedauert, bis es zur Begegnung kam, so lange, dass er nicht mehr persönlich dabei sein konnte, und das kam so:

Seit einigen Jahren versuche ich erfolglos, einen Roman zu schreiben. Ich habe vielleicht ein Dutzend passabler Anfänge geschrieben, aber sie sind allesamt ins Stocken und Stottern geraten und bald einmal stillgestanden. An etwa der Hälfte von ihnen habe ich über die Jahre Reanimationsversuche appliziert, aber es war so, wie bei diesen Spielzeugen mit einer Schwungfeder, die man mit einem kleinen Schlüssel aufziehen konnte: Hatte man die Feder einmal überspannt, ging nichts mehr.

Für mein jüngstes Projekt, das sich, ich muss es mir wohl eingestehen, bereits nach acht Seiten im Sinkflug befindet, kam mir beim Versuch, die trudelnde Maschine abzufangen, die Idee, die eigentliche Geschichte, in der ein Rentner einer türkischen Gangsterbande hilft, eines ihrer Mitglieder aus dem Gefängnis zu befreien, an dem er jeden Tag mit seinen Hunden vorbeispaziert, mit einer zweiten Geschichte zu verflechten, in der ein von seiner Schwester um sein Erbe betrogener Waldarbeiter in den 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Irrenanstalt Burghölzli Fenster reinigt und Obst von den Bäumen strahlt.

Der zweite Erzählstrang würde auf einer Traumebene stattfinden, und da kam mir natürlich gleich „Dreaming of Babylon“ von Richard Brautigan in den Sinn, und weil man nur lesend schreiben lernt, wollte ich nachschauen, wie Brautigan die Übergänge zwischen dem realen Leben seines scheiternden Detektivs und dessen Träumen von Babylon bewerkstelligt.

Als ich das Buch öffnete, fand ich auf zwei leicht gelblichen Zeitungsauschnitten, die ich im September 1986 aus der NZZ ausgeschnitten und von Hand mit dem Datum versehen hatte, einen Artikel mit dem Titel „Das Archiv für ungedruckte Manuskripte“. Der Verfasser erzählt darin von seinem enttäuschend verlaufenen Besuch in eben diesem Archiv in der Wiener Vorstadt.  Der Kustodin des Archivs sagt er vor dem Besuch bei einem Glas Sodawasser, er fände die Idee des Archivs originell.

Das Wort originell hatte ich mit einem Sternchen versehen und am Fusse des Artikels notiert: siehe Brautigan, The Abortion (1966), weil die Idee eines solchen Archivs 1986 schon mindestens 20 Jahre nicht mehr originell war. Auf der Rückseite des grösseren der beiden Zeitungsausschnitte kann man (ohne Anfang und Ende) einen anderen Text lesen: „Das ganze Haus ist voller Fliegen. Mit dem Besenstiel gehe ich auf Spinnenjagd. Um unsere nackten Beine streicht die Katze, die du Miranda taufst und mit Schinken fütterst. Der scheckige Hund träumt unter einem Olivenbaum, und die weissen Hühner wetzen ihre Hinterteile auf den heissen Grasbüscheln.“  

Wegen der Katzentaufe kommt mir ein alter Mann in den Sinn, dem ich beim letzten Besuch bei meiner Tante im Pflegeheim im Fahrstuhl begegnet bin. Er hielt sich an seinem Rollator fest, schaute hinunter zu meinen beiden Hunden und sagte „Hallo Nero!“. Er muss meinen etwas perplexen Gesichtsausdruck bemerkt haben (wie kann man angesichts eines blonden und eines aprikosenfarbenen Pudels auf Nero kommen?), denn er sagte lächelnd zu mir: „Ich nenne alle Hunde Nero.“

Der Textausschnitt endete mit den Worten: „Ich aber habe nur Augen für…“, und weil ich wissen wollte, wofür, habe ich die ersten beiden Sätze in die Google-Suchmaschine getippt und tatsächlich das Ende des Satzes gefunden:  „…deinen weichen Körper, der sich im Zwielicht spannt.“ Der Satz stammt aus dem Text „Reiseminiaturen“ des Autors Manfred Maurer, der sich mit seiner Literatur gemäss Eintrag im Austria-Forum „zwischen Realismus und Fantasy, zwischen dem Trivialen und seiner Parodie“ bewegt haben soll, was immer das heissen mag.

Ich schaute bei Amazon nach, ob ich etwas von Manfred Maurer bestellen könnte, und traf zuerst auf den anderen Manfred Maurer, den von der KVP, der sich mit seinen Genossen dem festen Glauben verschrieben hat (und fleissig Anleitungen dazu verfasst) es liesse sich alles kontinuierlich verbessern, wenn nur alle Beschäftigten mitmachen.  

Ich weiss nicht, wie viele Manager sich die Anleitungen zur kontinuierlichen Verbesserung noch in betriebsinternen Kursen anhören müssen. Ebenso wenig weiss ich, wie oft der alte Mann im Heim meiner Tante noch den Fahrstuhl benutzen wird. Irgendwann, hat meine Tante einmal gesagt, kommen sie nicht mehr runter. Vielleicht erinnert ihn jeder Hund, dem er begegnet, an seinen Nero, und er glaubt, wenn er ihn Nero nennt, ist Nero für einen Augenblick wieder bei ihm.

Jeder glaubt, was er will. Viele auch an Zufälle. Für mich ist der Bogen vom September 1986 bis in den Juli 2024 jedenfalls gespannt, mit einem Zwischenhalt im Jahr 2018, als wir in einer kleinen Ortschaft nahe bei Steyr unsere Zwergpudel abholten. Ich lege die Zeitungsauschnitte zurück ins Buch und stelle es zurück ins Regal, zwischen Sombrero Fallout und So the Wind Won’t Blow It All Away. Da die meisten Bücher des Steyrers Manfred Maurer nur gebunden erhältlich und mir damit zu schwer sind, verzichte ich für den Moment auf eine Bestellung, und weil ich spüre, wie die Spannung nachzulassen beginnt, mache ich hier Schluss und gehe mit unseren Hunden spazieren.

Unverrichtete Dinge

30. Mai 2024

(Tom Waits on my shoulders)

Wenn man gedanklich nach Österreich fliegt und noch nicht über Wien hinweg ist (man wird es nie ganz sein), ist der Anflug zum 3. Bezirk aus geringer zeitlicher Höhe problemlos zu bewerkstelligen. Aus der Schweiz kommend gleitet man zunächst dem Voralpenrand entlang bis nach Salzburg, wo man wegen der allgegenwärtigen Mozartkugeln höchstens notlanden sollte, und überfliegt dann nacheinander den Mondsee, den Attersee und den Traunsee, bis man ostwärts weiterfliegend das Almtal überquert hat und kurz nach Kienberg auf den Fluss Steyr trifft, dessen Verlauf man jetzt nur noch nordwärts folgen muss, um nach einer schönen Weile nach Waldneukirchen zu gelangen.

Nun werden die mit einem Zwillingsbabysack vorgeschnallten Zwergpudel, die kurz nach dem Arlberg eingeschlafen sind und meinen Bauch schön warmhalten, unruhig und wollen runter zu Monika und Manfred, bei denen sie vor bald sechs Jahren die ersten 9 Wochen ihres Lebens verbracht haben.  Das geht leider nicht, weil mir die Zeit fehlt, aber erklären kann ich ihnen das nicht, denn für sie gibt es keine Zeit, es gibt nur das jetzt von gerade erst, das jetzt von jetzt und das jetzt von jetzt gleich. Kein jetzt gibt es nicht.  

Wir fliegen also weiter der Steyr entlang Richtung Norden, bis sie in die Enns fliesst, dann der Enns entlang, bis sie in die Donau mündet, und schliesslich der Donau entlang bis nach Wien, wo wir mit dem Donaukanal gegen rechts abzweigen, und ihm folgen, bis man etwa auf der Höhe der Schwedenbrücke rechterhand den Stadtpark erkennen kann. Von dort geht es – mit einem kurzen Schwenker gegen Süden über dem Westflügel des Palais Schwarzenberg – via Rennweg und Ungargasse zum Arenbergpark, wo die monströsen Flaktürme noch immer darauf warten, dem Erdboden gleichgemacht zu werden.

Solange sie noch stehen, lässt es sich auf der Wiese zwischen ihnen trefflich landen, direkt neben einem Yoga-Grüppchen, das gerade in der stehenden Vorbeuge verharrt und deshalb nicht sehen kann, was von oben kommt (alles Gute). Schnell die Flügel abgenommen, die Hunde losgeschnallt und angeleint und ab durch die Büsche vor zwei kleinen Gören flüchten, die sich sicher sind, und dies auch lautstark ihren den Kopf schüttelnden und weitertratschenden Müttern mitteilen, einen Mann mit Flügeln und zwei kleinen Hunden vorgehängt landen gesehen zu haben. «RIESIGE Flügel mit Federn, Mutti! Ein Engel! Mit zwei kleinen Hunden auf dem Bauch, in einem Babysack!»

Nachdem die Flügel sorgfältig gefaltet unter dem untersten Regal in der Telefonzelle mit den Leihbüchern deponiert sind, geht es, die vom langen Flug steif gewordenen Beine lockernd, was einen schlenkernden Gang ergibt, bei dessen Anblick sich die Passanten das Ihre denken, die Neulinggasse entlang, vorbei am Antiquariat des leider erst sehr spät kennengelernten Alexander Franz, der für mich nachgeschaut hat, ob das Kinderbuch «Tupfi» von Margret Rey vielleicht wieder irgendwo erhältlich ist, was es nicht war, aber man muss es hin und wieder versuchen. Dinge verschwinden, aber manche tauchen auch wieder auf.

In drei Minuten ist die Engelsberggasse erreicht und wenn man dann im Haus Nummer 4, wo die Haustüre – es ist ärgerlich, kommt aber diesmal gelegen – einmal mehr weit offensteht, nach sechzig Treppenstufen im zweiten Stockwerk vor der Wohnungstüre angelangt ist und einem klar wird, dass man keinen Schlüssel mehr hat, weil man vor gut einem Monat ausgezogen ist und alle abgegeben hat, ist man angekommen, ohne sein Ziel erreichen zu können. Klingeln macht keinen Sinn. Was sollte man sagen? Was fällt Ihnen eigentlich ein, neuerdings hier zu wohnen? Sind Sie überhaupt ein Engel?

Man fährt also mit dem Fahrstuhl, weil Treppen hinuntersteigen kleinen Hunden nicht bekommt, unverrichteter Dinge wieder zurück ins Erdgeschoss, tritt aus der Haustüre und biegt unverzüglich (man darf der Nostalgie jetzt keinen Raum geben) nach links ab. Auf der Neulinggasse geht man dann schnellen Schrittes, soweit es die schnüffelnden Hunde erlauben, nach links, und dann wieder links um die Ecke zur Ungargasse, vorbei am Eingang zur Neuling Apotheke mit ihren stets freundlichen Damen, die wissen, wo man Augentropfen für Hunde bestellen kann.

Die Strassenbahn 0 (oder O? – ich weiss es bis heute nicht) kommt gemäss Anzeige in zwei Minuten. Rasch den Hunden die Maulkörbe übergestreift, damit sie sie wieder abstreifen können, und schon öffnen sich die Türen der Strassenbahn. Sie fährt zunächst vorbei an der Rochusgasse, die nicht, wie man gemeinhin erwarten würde, in den Rochusplatz mit seinem kleinen Markt mündet, sondern in die Landstrasser Hauptstrasse, aber auch das nur, um diese in der nächsten Grünphase zu überqueren und auf der anderen Strassenseite als Kundmanngasse zu verlassen.  Aus Trotz vermute ich, weil eine andere Strasse zum Rochusplatz führt.

Das einzig Interessante an der für ihren schönen Namen viel zu kurzen Rochusgasse liegt ohnehin an ihrem numerischen Ende, das der Anfang ist, wenn man, wie ich üblicherweise, von der Ungargasse herkommt. Es ist das Büromaschinengeschäft Schilhan an der Rochusgasse 23. Nachdem ich einige Male mit den Hunden vor dem Schaufenster stand und die alten, restaurierten Schreibmaschinen bewundert habe, die Hermes, die Remington, trat ich eines Tages ein.

Bevor ich nach einem Aktenvernichter fragen konnte, denn das war es, was ich suchte, seit mir der Zugang zum Schredder in der Botschaft verwehrt war, entwickelte sich ein gutes Gespräch mit Michael Schilhan, der das Geschäft in der dritten Generation führt. Er habe eine Zeit lang, erzählte er, einen Kabarettisten als Kunden gehabt, der sehr gross gewesen sei und als Hobby boxte. Seine Hände seien riesig gewesen. Bratpfannen würden nicht ausreichen, sie zu beschreiben. Es seien Landschaften gewesen.

Sie seien ins Gespräch gekommen und hätten sich schliesslich geduzt, von Michael zu Michael. Er habe ihn jedes Mal, wenn er später in sein Geschäft trat, gefragt, ob er etwas kaufen oder sich prügeln wolle.  Von diesem Kabarettisten stamme auch der schöne Witz, bei dem ein Autofahrer, der zuvorderst an der Ampel steht, eine Grünphase vorbeigehen lässt. Als das Licht der Ampel gelb und wieder rot wird, steigt der Fahrer aus dem Auto hinter ihm aus, tritt ans Fenster des vorderen Wagens und sagt zu ihm: «War wohl keine passende Farbe dabei für Sie, was?»

Einen Schredder hat mir der Herr Schilhan dann nicht verkauft. Ich wollte einen kleinen, aus Platzgründen, und er erklärte mir: kleine Schredder taugen nichts. Ich kann nicht mehr genau sagen, warum nicht (hatte es etwas mit einer überforderten Kurbel oder Walze zu tun?), aber damals, vor ein paar Monaten, hat es mir eingeleuchtet, und ich fühlte mich, obwohl ich nicht erhielt, was ich wollte, gut bedient. Herr Schilhan hatte durchaus kleine Schredder im Sortiment, aber die verkaufte er nur Menschen, die er nicht mochte.

Danach fährt die Strassenbahn zur Sechskrügelgasse, wo sie nach der Neulinggasse ein erstes Mal hält. Die Sechskrügelgasse führt, falls man aus der Strassenbahn aussteigt, vorbei an unserem Zahnarzt direkt zum Rochusplatz, was wahrscheinlich der Grund ist, dass die Rochusgasse da nicht hinführt, weil die Sechskrügelgasse sich vorgedrängelt hat, die dumme Kuh. Wir steigen zur Strafe nicht aus.  Wir fahren weiter nach Landstrasse, wo die Hunde unruhig werden und aussteigen wollen, weil meine Frau oft im Starbucks an der Ecke sass und mit Johanna Deutsch gebüffelt hat, obwohl das gar nichts mit Büffeln zu tun hat.

Zwei Stopps weiter, gleich bei der Haltestellte Hintere Zollamtstrasse, gibt es an der Radetzkystrasse 3 ein Pub mit dem Namen The Church. Im Fenster des Pubs kann man, wenn man auf die Strassenbahn wartet, eine Zeichnung sehen, auf der eine Frau einem Mann gegenübersteht, der einen anderen Mann auf der Schulter trägt, der aussieht wie Tom Waits, und zur Frau sagt: I think there’s Tom Waits on my shoulders.

Nun könnte man, wenn man wollte, ohne Weiteres weiterfahren bis zum Praterstern, dort aussteigen und den Alleen entlang in Richtung Wald spazieren, der nach der Jesuitenwiese beginnt, wo sich die grösste und schönste Hundefreilaufzone befindet, die ich kenne und mir vorstellen kann. Vielleicht werde ich das auch tun, denn die Hunde verdienen Auslauf, bevor wir zurückfliegen. Ja, der Moment ist gekommen, umzukehren.

 Ich mag die Musik von Tom Waits nicht mehr. Ich muss sie einmal gemocht haben, denn als ich meine CD-Sammlung beim Umzug auf diejenigen CDs reduzierte, die ich vielleicht irgendwann einmal doch noch aus dem CD-Rack nehmen und abspielen werde, auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist, gehörten meine 5 oder 6 Tom Waits CDs zu denen, die ich aussortierte. Seine Musik ist mir zu schwer. Er ist mir zu schwer. Mit ihm auf der Schulter käme ich, falls der Start überhaupt gelingen würde, was ich bezweifle, allerhöchstens bis Powang am Spranzelbach.

Irland, Pastellkreide auf Papier

1. Februar 2024

Island, Pastellkreide auf Papier

27. Januar 2024

Ob es sich lohnt

27. Januar 2024

Neige ich dazu, Dinge zu übertreiben? Man sagt das, aber was heisst schon «zu etwas neigen»? In romantischen Gemälden neigen sich am Flussufer stehende Bäume meistens zum Fluss hin, nicht nur die Weiden. Manchmal so stark, dass ihre Äste das fliessende Wasser berühren, ohne dass sie je in den Fluss fallen würden. Sie sind dem Wasser zugeneigt, ins Wasser wollen sie nicht. Und ich bin jedes Mal beeindruckt, wie die Maler der Romantik fliessendes Wasser hingekriegt haben.     

Als ich heute früh mit den Hunden den Aufzug betrat, stand der alte Mann vom vierten Stockwerk mit dem Rücken zu mir und schnitt sich vor dem Spiegel mit einem surrenden Stift die Nasenhaare. «Verzeihen Sie,» sagte er, und schaute mich im Spiegel an, «aber hier ist der einzige Ort, wo ich genug sehe. In meinem Badezimmer ist das Licht unmöglich.»  

Ich wusste genau, wovon er sprach, denn ich hatte dasselbe Problem, und ich war bereit, ein gewisses Mass an Verständnis für ihn aufzubringen, aber es gibt Grenzen. Hemingways Kurzgeschichte über die Schlaflosen heisst «A Clean, Well-Lighted Place», und sauber war der Aufzug nun nicht mehr. Ich fasste die Leine meiner Hunde kürzer, damit sie nichts vom Boden aufnehmen konnten. Sie nehmen alles vom Boden auf, was ein bisschen nach einem Bisschen riecht.  

Kurz vor dem Erdgeschoss entglitt dem alten Mann der Stift und beim Aufprall fiel eine kleine Abdeckung weg und die Batterie raus. Ich widerstand dem meiner Höflichkeit geschuldeten Reflex, mich zu bücken und ihm den Nasenhaarschneider und die Batterie samt Abdeckung aufzuheben. Wir waren jetzt ganz unten. Die äussere Tür des Fahrstuhls öffnete sich, ich drückte die innere auf und trat aus dem Lift, während der alte Mann sich hinter mir bückte. 

Ich drehte mich zum Aufzug um. Was, wenn er nicht mehr hochkommen würde? Aber er kam wieder hoch und kurz darauf schloss sich die äussere Türe des Fahrstuhls. Er musste den Knopf gedrückt haben oder jemand hatte den Fahrstuhl gerufen. Wie oft fuhr er rauf und runter, bis er fertig war?  Ein oder zwei Mal pro Nasenloch? Und was kam danach? Die Ohren? Stellte er sich, wenn wir in den Ferien waren, einen Stuhl in den Fahrstuhl und schnitt sich die Zehennägel?

Als wir auf der Strasse standen, schüttelten sich die Hunde, und ich hätte mir gewünscht, ich könnte das auch so gut. Wir spazierten wie jeden Morgen zum wenige Gehminuten entfernten Arenbergpark.

Weil ich unsicher war, ob man Arenbergpark schreibt oder Aarenbergpark, habe ich es gerade kurz gegoogelt und bin auf einen Tripadvisor-Eintrag mit dem Titel: «Arenbergpark (Wien) – lohnt es sich?» gestossen.

Jemand aus Frankfurt am Main, ich vermute ein Mann, der Name lässt keine Rückschlüsse zu, schreibt: «Das Auffälligste am Arenbergpark – und auch schwer zu übersehen – sind die beiden Flaktürme. Der Park selbst ist nicht wahnsinnig gross, aber eine nette Grünfläche, auch mit Kinderspielplätzen. Öffentliche Toiletten gibt es auch hier – in einem sehr robusten Design, aber praktisch. »

Die Flaktürme aus dem 2. Weltkrieg sind tatsächlich nicht zu übersehen. Sie stehen wie Zwillingsmonster im Park und dominieren das ganze Quartier. Weil die massiven Stahlbetontürme aber die sechsstöckigen Wiener Wohnbauten wie eine Unverschämtheit überragen, tauchen die Morgen- und Abendsonne ihre Plattformen in warmes Licht, während alles darunter im Schatten liegt, was ihnen zweimal am Tag den Anschein gibt, das Werk eines romantischen Malers zu sein, der es nicht bis zum Fluss geschafft hat.

Meine Hunde erledigten wie jeden Morgen ihr Geschäft auf der netten Grünfläche, die dafür ausreichend gross ist, und da ich selbst kein Bedürfnis hatte, kann ich bis heute nicht sagen, was am Design der öffentlichen Toiletten robust ist, ihr Äusseres oder die Kloschüssel, und auch nicht bestätigen, dass sie wirklich praktisch sind.

Dass der Mann eigens aus Frankfurt am Main angereist ist, um den Arenbergpark zu beschreiben, damit in Wien lebende und nach Wien reisende Personen endlich beurteilen können, ob es sich lohnt, ist natürlich verdankenswert. Andererseits hatte es vielleicht schlicht mit seiner Abneigung gegen Hamburg zu tun. Von den 16 Flaktürmen, welche die Nazis in Berlin, Hamburg und Wien gegen Ende des Krieges gebaut haben, stehen heute nur noch zwei in Hamburg, wo er nicht hinwollte (weil ihm dort das Design der öffentlichen Toiletten missfällt?) und alle sechs in Wien.  

Die Berliner Flaktürme wurden nach dem Krieg von den Alliierten gesprengt. In Wien hatte man es offenbar nicht eilig damit (dafür hat die Technische Hochschule Wien dem deutschen Architekten 1972 einen Ehrendoktor verliehen). Fahrstühle hatte es in den Flaktürmen, soviel ich in Erfahrung bringen konnte, offenbar nur, um die Munition für die Fliegerabwehrkanonen ins oberste Geschoss zu bringen. Wo sich die Wehrmachtsoldaten damals ihre Nasenhaare geschnitten haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Engadin, Pastellkreide auf Papier

20. Januar 2024

The Things of Our Life

16. Januar 2024

(from „Three Stories“, written 1995-1997 in Potomac, Maryland)

Dammit, Harry.

The first message on my voice mail today was Roemer, telling me you died yesterday, around midnight. God dammit, Harry. You can’t just die. I learned about your being hospitalized ten days ago. We were standing on the tennis court after a set of doubles. Sunday morning. Cold day, sun coming and going. Jay and Michael had just beaten Roemer and me, giving Roemer his third loss in a row.  We were trying to figure out who would be playing next weekend, when Roemer mentioned that he had no news about your situation.

Something wrong with Harry? I asked.

Roemer explained. Harry is in the hospital. Liver cancer. They would treat your liver with direct radiation for ninety-six hours. If your blood showed any improvement after that they would do it once a month. If there was no improvement, they would stop the treatment.

They would not let anybody visit you during these ninety-six hours. So the first day anyone would be able to see you would be Tuesday.

I left on a short business trip for Switzerland Wednesday evening. Of course, I didn’t see you before I left. Came back Sunday afternoon, went to bed early and listened to Roemer’s message first thing Monday morning in my office. It said there will be a memorial service at the Potomac St.Francis Episcopal Church on Saturday, 11 a.m.

Dammit. Dammit, dammit, dammit, Harry. You were the only guy in our tennis group whose serve was worse than mine. I liked to team up with you, even if we lost most of the time. Now you leave me with the worst serve in the group. How could you.

I spent the rest of the morning in a gloomy mood. All those people calling to reserve their seats for the second part of our C.G.Jung Dream Session at the Embassy tomorrow. The first part was yesterday. 7.30 to 10 o’clock. It was O.K.

After showing the first part of a documentary movie about Jung we had two members of the Washington Society of Jungian Analysts, talking to the audience, answering questions. Some questions were pretty academic. You would have to have studied Jung’s complete works, plus the essential Freud, in order to understand the deeper meaning of the questions, let alone the answers. Other questions were rather personal. We had our usual mix of people. The normal ones, the normally crazy and the nuts. One lady got up in the back of the hall at the very end of the program, just as I was about to wrap up the evening.

I wanted to say something all evening long, she began, in a reproachful tone. And then a wave of words came pouring out of her as if somebody had opened a flood gate. She said: I have been a friend of Kübler-Ross and have been in several workshops with her. Then she dropped some more names of psychologists I had never heard of. I was dead, she said, I have seen the light. I was in the tunnel and I came back. People looked at each other. Some turned around and looked at the lady. She spoke endlessly. Then she sat down again. The analyst said: That was an impressive statement. Then I stood up, thanked the members of the Jungian society for their participation and the audience for honoring us with their presence and invited everybody to have a glass of wine in the lobby of the Embassy. After a couple of words with the president of the association, a very soft-spoken, kind lady, I went down to the basement to avoid being asked stupid questions by my guests. Questions like: Don’t you think Jung made a greater contribution to modern psychology than Freud? Can you read the future from a dream?  Where is your predecessor now? Where is the toilet?

In the basement I found Kaspar, drying some wine glasses with a towel. Kaspar is a friend of mine. He is seventy-five. When he was younger, he worked as the Embassy’s janitor. He has seen the ambassadors come and go. The ambassadors and the economic counselors, the secretaries and the cultural counselors, the political officers and the deputy heads of mission. The whole circus.

Ever since he retired, Kaspar has helped with the catering of Embassy events. He puts on his black tie and serves wine behind the bar, looking like Freddy Frinton in Dinner for One. I like Kaspar a lot. His soul is nobler than the big shots he has worked for. I drank a glass of wine with him and we went through some of our regular jokes. Ordering another drink through your nose. Giving a tip to an invisible waiter.

When I went up again most of the guests had left. I went down again, said goodnight to Kaspar and to Greg, our guard, and left. I was home around eleven. My wife was sitting on the carpet in her room, wrapping Christmas gifts. She looked tired. We went to bed and talked. Small stuff. Everyday details. Things of our lives.

That must have been when you were seeing the light, Harry. If there is one. No more Elisabeth Kübler-Ross workshops for you. No chance to get up at the end of an Embassy function to annoy everyone with a senseless statement. No more tennis on Saturday and Sunday mornings.

Shit, Harry. Liver cancer. You had such a fine sense of humor. There is only one thing known to be more terrible than my forehand, you said last time when I had congratulated you after a splendid point, and that is my backhand.

Once the morning ended I walked down Cathedral to Connecticut and then up Connecticut towards Cleveland Park. When I crossed the bridge I had a strange sensation. It was not the height of the bridge that scared me. I am not afraid of heights, I believe. It was the trees.

When you see the bridge from far it looks like a street with some trees on both sides. Only when you approach the bridge and cross it you realize that what you saw from the distance is not whole trees, it is just the tops of  giant trees. It amazes me each time, Harry. I walk over the bridge and I look into these treetops, then I look down the trunks into  the ravine, where a small river flows, and I am startled by the size of these trees. I look back up at the treetops and my head begins to turn. A feeling creeps up in me that it is not right. I feel like I am violating the privacy of these trees.

Treetops are meant to be high above our heads, for birds to hatch their eggs, for the wind to play with the leaves. They aren’t meant to be looked into by humans.

When I was a kid and they had just cut the big cherry tree at the end of our cul-de-sac, I remember standing there, watching the treetop and realizing with sadness: That’s when you know a big tree is dead, when you can see the top branches.

I wanted to get a haircut, but when I passed the shop, there were already three or four bores waiting to get their bloody hair cut. I walked on and entered Starbucks, next door. I ate a Focaccia and drank a Grande Latte.

I read an article in the Washington Post about the ailing Redskins. They needed at least two out of their last three games to make it to the playoffs. After a terrific start, they had lost three out of four, recently.

But you know that, Harry. That was still in your time. What you don’t know is that Flipper Anderson will get more playing time this coming Sunday. Flipper Anderson. Batman and Robin. Roy Rogers. Where is this country going, Harry?

I guess you know Flipper Anderson. He is the eight-year veteran wide receiver the Redskins acquired in case Westbrook, their star baby receiver, got injured. Westbrook is injured. The spotlight is on Flipper now. He has been there. But can he deliver, this Sunday? Will he run his route, separate from his defender, turn around and catch the ball, or will he look directly into the light, drop the ball and be booed by the crowd? Is there light, Harry? Tell me there is light. My father, before killing himself, tried to drink himself to death. Once he almost succeeded. He said there was a bright light. Extremely bright. Blinding.

I was walking back on Connecticut when I saw that other shop across the street. Arthur’s Hairstylist. A sign in the window said  We specialize in Afro-American styles.

I thought: I am a Caucasian who has just lost a friend. I am losing my hair on the top. I walked in. 

A middle-aged woman was cleaning the floor. There were six empty chairs in front of six empty mirrors. Everything looked old and a trifle shabby. Is this only for women? I asked the cleaning woman.

No. Men is OK, she said.

An older man stepped through a doorway in the background, looked at me briefly and disappeared again.

He is the boss, the cleaning lady said. You have to talk to him. He is the owner.

The man appeared again.

Do you have time for a haircut? I asked.

Just give me a minute, he answered, and disappeared again.

I felt like leaving, Harry, but I stayed. After a minute or so he came back and walked up to me. He looked at me. His eyes seemed to say: not much of a challenge for a stylist.

There is a barber shop down the street, he muttered. It is cheaper there. I just want you to know.

He looked tired. Tired and sad.

How much do you charge, I asked, and I thought, why does he say that? I am wearing a suit and a tie. There are no holes in my shoes. I am shaved. Why does he insult me?

Fifteen Dollars.

Fifteen? I asked, stressing the teeeeen, to make sure it wasn’t fifty. You never know with stylists.

Fifteen, he repeated.

OK. I would like to get a haircut. If you have the time.

He led the way to one of the six chairs and asked me to take off my jacket, loosen my tie and sit down. I put my jacket on the empty seat next to me, laid my glasses on the file in front of me and sat down.

He asked me to open the top button of my shirt. He put a white collar around my neck and flung the cover over me. Then he started. Clip-clip-clip, brush, clip-clip-clip.

I looked at my reflection in the mirror. I saw a man in his late thirties, his features unclear.

After a while we began to talk. First it was the usual hairdresser small talk. Then it was the foreigner bit. But from there it took a turn, quite unexpectedly.

It started with him mentioning the thickness of my hair at the sides and me replying that unfortunately on the top it was getting thin.

That’s not the worst that can happen, Arthur said.

No, definitely not, I replied, and then I added: A friend of mine just died last night.

I am sorry to hear that, Arthur said. How old was your friend?

Sixty-three, I said, realizing that I have no idea how old you were, Harry. But since you are a retired lawyer I figured you would be in your sixties. How old are you, Harry? Can I have a cigarette? They are in my bag, you would shout from the tennis court. There should be a lighter, too, somewhere in the side pocket. 

I could have said I don’t know how old you are. That would have been honest. But it would have taken away from my sadness. How can you mourn for a friend if you don’t even know his age? Can you call such a person a friend, Harry?

Friends know each other’s age. They call each other on their birthdays. They visit each other in their homes and at their hospital beds. Have we been friends, Harry? I think we have. I miss you, Harry.

And you, are you British? I asked.

Yes. I’m from England.

How long have you lived here?

Thirty-three years.

That’s a long time.

It is.

Clip-clip-clip. Brush, brush. Clip-clip-clip

Have you spent most of these years here or did you live in other cities?

Most of the time here.

Clip-clip, clip-clip, brush, clip-clip.

Do you still go back to England now and then?

Yes, I do. With my kids. They have British passports. European passports, in fact. Just received them. My son just turned fifteen. My daughter is eleven. They may never use them, but maybe they will. Maybe they want to study in Europe, one day.

Is your wife from England, too?

She’s from Chile.

How wonderful (Why did I say wonderful? What is wonderful about being from Chile?)

Unfortunately we just separated. After sixteen years.

Oh… I’m sorry to hear that.

It is very sad. I didn’t want to separate. But she wanted to leave. We had long arguments. It was dreadful. I shouted at her. But I never touched her. She got a court order all the same. Got thrown out of my own house. In August. The court order said I was a threat to her. Danger of violent reaction, they called it. The police showed up. Threw me out of my house.

That must have been a terrible experience.

It was. And then the lawyers. That was even worse. Cost a lot of money, too. We must have spent something like $35,000, my wife and I.

That’s a lot of money.

It is. In the end I was so tired, so worn out, that I gave in. I gave her everything. The house, the cars, the kids. Just to stop the whole thing. Couldn’t take it anymore. Been sleeping in different places ever since. Living with friends, even customers, here and there. It’s crazy. Everything suddenly fell apart. I never thought something like this could ever happen to me.

Clip-clip, brush, clip-clip-clip.

Arthur fell silent. He looked like he would start to cry. I sat in my chair and wondered what to say. What do you say to a hair stylist whose wife has left him, Harry? What do you say in front of six mirrors, five of them empty? My hair was almost done.

She had nothing, when I first met her, you know. Not even a passport. She was in debt. I had two houses, this shop, I was established. Now I have nothing. No wife, no house, no car, no money. But the worst part is the kids. I used to do most of the things for them, you know. Brought them to school. Looked after them. Prepared their lunch. Helped them with their homework. Played with them.  Everything. I was the one who really cared for them.

I hope you get to see them a lot.

No. As long as I don’t have a permanent address, I can’t see them. That’s the hardest part by far, believe me. To be separated from my kids. I wasn’t able to work for quite a while. Almost lost the shop. Now I’m better. I am trying to put my life together again.

This is a very sad story, I said. I feel very sorry for you. After a moment I added: It must be hard to go through all this. Especially at this time of the year. Arthur’s movements had become slower. Clip-clip.

December is a bad time for people in grief, I went on. All the Christmas lights. All the darkness. Arthur remained silent. He stopped cutting my hair and looked in the mirror in front of us. His look passed his and my reflection.

Many people kill themselves in December, it came out of my mouth, and I was wondering why I would say such a thing. It wasn’t even true. I had read an article, recently, saying that the suicide rate for the month of December was lower in the United States than elsewhere. Americans were too busy shopping around Christmas. No time to kill themselves.

After a while Arthur said: I won’t do that. Won’t kill myself. Think of my children. He added a few more clip-clips and a couple of brushes, then he finished cutting my hair and looked in the mirror.

Is that OK?

That looks just great, I said, putting my glasses back on. He had done a good job.

Fifteen dollars, he said, walking away from the chair towards the cash register. I got up and followed him.

I gave him a twenty and asked him for two.

Thank you, he said, and handed me the two dollars together with his business card.

Call me.

I will.

We shook hands.

Good luck to you, I said. He nodded. Then I walked out of his shop.

Out on Connecticut I made a left and slowly walked back towards the bridge. When I crossed the bridge, I felt a cold breeze on the back of my neck where the skin had been covered by hair half an hour ago. Cars drove by in both directions. Everybody seemed to know where they wanted to go and they were all in a hurry to get there.  Home. The office. The mall. The hairdresser’s.

They say a dead man’s hair grows on for a while. If you need a last haircut, Harry, I know a place to go.

Jedes Mal, wenn meine Mutter starb

14. Januar 2024

Obwohl es dem ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter entsprochen hatte, in ihrer kleinen, regelmässigen Schrift auf die Innenseite einer Papiereinkaufstüte gekritzelt, hatte keiner von uns ernsthaft erwartet, mit Ausnahme vielleicht von Onkel Ernst, der alles so nahm, wie er hiess, dass tatsächlich die meisten der wenigen Verwandten, die sich zur Beerdigung eingefunden hatten, mit rosafarbenen Papierhüten erscheinen würden, einige originell, gar kunstvoll gefaltet, andere in der schlichten Art, wie wir sie uns als Kinder beim Soldatenspiel jeweils aus alten Zeitungen gefaltet und übergestülpt hatten.

Da standen wir also vor dem offenen Grab: Unser Vater hutlos und mit beträchtlichem Alkoholpegel, der ihn in diesen Tagen und Wochen aufrecht hielt, leicht schwankend wie ein Krahn im Wind, meine Schwester mit Admiralshut in Altrosa, sonst  ganz in Schwarz, was mich an früher erinnerte, als der Club der Schwarzen Masken diesen Berg beherrschte, mein Bruder für einmal glattrasiert, mit pinkem Flieger und Zylinder, meine hochschwangere Frau, die an diesem Datum eigentlich im Gebärsaal hätte liegen sollen, und ich. Alle blinzelten wir in die tiefstehende Sonne, vor der sich die beiden Hochhäuser, von denen eines die Mordwaffe war, unübersehbar pervers in den Abendhimmel reckten.

Es wurde mir klar, dass ich nicht einmal wusste, es auch nie wissen wollte, von welchem der beiden sie gesprungen war.

Zwei Dinge gingen mir durch den Kopf, während die Frau Pfarrer Worte sprach, die von einer beruhigenden Irrelevanz waren: Das eine war der Witz von dem, der von einem Hochhaus springt, und jemand, aus einem Fenster im siebten Stock gelehnt, fragt ihn beim Vorbeifliegen:

“Wie geht’s?“ und der Stürzende antwortet: “Bis jetzt gut…“

Das andere war die Idee zu einer Geschichte, als Beschäftigung, als Therapie. Zu schreiben, wenn sich die Trauergemeinde verzogen hätte, der Regen gestoppt, frisches Gemüse in den Gestellen (ein Montagmorgen).

Im obersten Stockwerk des Hochhauses beginnend erzählen, was die Leute (x-beliebige Leute, herrgottnochmal, eine Alltagsbesetzung) gerade tun, während jemand, eine Frau, meine Mutter, die zum Schluss gekommen ist, und diesen Entschluss mit einem letzen Schritt in die Tat umgesetzt hat, nichts mehr machen zu wollen, an ihren blinden Fenstern vorbeistürzt wie in einem Stummfilm.

Im zwölften Stock wäscht eine Frau gerade das Geschirr vom Vortag ab. Es wird später (anderes Essen, andere Gäste) wieder schmutzig werden. Die vollen Aschenbecher stehen noch im Wohnzimmer. Ein Beweis für Gäste?

Im siebten Stock ist keiner zuhause, die Läden geschlossen, ein Hahn tropft. Das muss man nicht dichten.

Mit etwas Glück für den Erzähler ist in einem der Hinterzimmer sogar eine Vierzehnjährige unter der Bettdecke am Onanieren. Sie wird es bis ins hohe Alter tun, hin und wieder unterbrochen von einem Mann, der ihr zwischen Hand und Scheide gerät. Irgendwo wird sie lesen, Onanieren sei Ausdruck eines kreativen Geistes. Daran wird sie sich halten.

Im selben Moment, als mir diese unmögliche Geschichte durch den Kopf ging (alle Geschichten sind unmöglich an einem offenen Grab), hörte ich Mutter rufen, sie möchte jetzt endlich schlafen, wie sie jeweils aus dem Schlafzimmer gerufen hatte, wenn Vater und ich bis tief in die Nacht hinein unsere Geschichten erfanden, allenthalben laut lachend, die Balkontüre geöffnet, kalter Tee auf dem Beistelltisch.

Sie warf uns jeweils vor, wir schwebten wieder auf den Wolken unserer Phantasie, wogegen sie mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität stehen müsse, und diese Realität fange morgen wieder um 6.30 Uhr an. Unsere philosophischen Gespräche ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Der Tag für sie eine freudlose Abfolge von stumpfen Arbeiten, danach die Flucht in ein Buch, einschlafen, vergessen, aufwachen, aufstehen, arbeiten.

Ich habe den Witz damals keinem erzählt, obwohl ich wusste, dass ich alle Witze sofort wieder vergesse, wenn ich sie nicht unverzüglich weitergebe (kennst du den?) und die Geschichte habe ich nie geschrieben.

Seltsam berührt haben mich hingegen die Teppichhändler, die während der Bestattung versuchten, uns ihre Teppiche anzudrehen, allerdings schöne Stücke. Zuerst nur am oberen Eingang des Friedhofs in Umrissen zu erkennen, bei der kleinen Kapelle, eine lose Gruppe, unauffällig, aus dem Augenwinkel als andere Trauergruppe abgehakt, die sich nach der Andacht langsam auflöst.

Dann trotzdem näherkommend, mit ihren Teppichen über dem Arm, unpassend leicht gekleidet, andere ganze Ballen hinter sich durch den Schnee schleifend, der sich dunkel verfärbt vom Staub des Bazaars. Mischen sich unter uns. Spricht mich tatsächlich einer an.

Dieser hier, zum Beispiel, sagt er ganz ohne weiteres, als sprächen wir schon stundenlang, ein erstklassiger Täbriz, garantiert pflänzengefärbt (ein Aussprachefehler?), keine Chemie, schnippt mit den Fingern, zwei Helfer falten ihn auf die Seite. Oder dieser hier: Kelardasht. Ein ganz besonders feines Stück. Weich wie ein Tier, fühl doch mal…

Und immer wieder die Versicherung, wenn der Teppich nicht gefällt, nehmen wir ihn zurück. Kein Problem. Nimm ihn nachhause, zur Ansicht, gehe darauf, sitze darauf, schlafe darauf, streichle ihn.

Ich kann jetzt nicht. Sehen Sie denn nicht, dass wir gerade beerdigen? Später vielleicht.

Ein Sonderpreis?

Ein Anflug von Trauer in seinen dunklen Augen. Sie sind wirklich sehr schön, will ich sagen, habe ich ihn beleidigt?

Schneewehen, Staubwolken, flüchtige Umrisse zwischen den Gräbern. Dann sind sie fort.

Regen und grau. Später vergessen, die anderen zu fragen, was sie davon hielten, oder ob alles geträumt. Mein Bruder aber besass bald danach, gib oder nimm ein paar Jahre, einen kleinen Wandteppich, dessen Motiv – trabende Kamele – ihn, wenn er lange davorsitzt, zum Weinen bringt, eins ums andere Mal.

Während der Beerdigung hat es zu regnen begonnen, zuerst unmerklich, tränenverdünnend, dann heftiger, einen Augenblick lang sah es aus, als wolle ein Sturm aufkommen, bis ein Landregen einsetzte, der danach lange nicht mehr aufgehört hat. Jetzt höre ich gewisse Leute einwenden, zum Beispiel Onkel Ernst mit seinen Tatsachen, das sei Unsinn, es sei Dezember gewesen, bitterkalt, und es habe nicht geregnet, sondern, bitteschön, geschneit.

Bei allem Respekt vor meinem Onkel (er hat mit seiner Frau vier Kinder grossgezogen und ist immer noch verheiratet) und einem geregelten Ablauf der Jahreszeiten muss ich aber darauf bestehen, dass es Regen war.

Es regnete bereits während des Gottesdienstes, bei dem ein mir völlig fremder Pfarrer meine Mutter und ihren kurzen Lebenslauf (den kurzen Lauf ihres Lebens) zwischen einem eindringlichen Aufruf für unsere sofortige Solidarität mit einem afrikanischen Land (ich habe vergessen, welches) und einem Spendenaufruf für eine Auffangstation für Drogensüchtige im Zürcher Unterland erwähnte. Ich habe bei einer zugegebenermassen kleinen Anzahl vergleichbarer Anlässe noch nie eine so völlig absurde Predigt gehört. Mein Vater, der stockbetrunken neben mir in der Kirchenbank hing, fluchte einigermassen verhalten aber für die braven Kirchgänger der umliegenden Sitzreihen doch deutlich hörbar vor sich hin, indem er sich immer wieder wunderte was für einen gottvergessenen Scheissdreck der Herr Pfarrer von der Kanzel herab zum Besten gab, derweilen ich mich über mich selber wunderte, weil es mir tatsächlich egal war, was die Leute um uns herum dachten. Mein Vater hatte Recht. Das Recht der Besoffenen über die Nüchternen. Das Recht der Ungläubigen über die Gläubigen. Das Recht der Toten über die Lebenden. Denn er war schon beinahe tot.

Nach der Predigt gab es vor der Kirche dann eine Abfolge von Umarmungen, mein Vater erstaunlich gefasst, die meisten Kondolierenden weinend, das Ganze im Regen.

Es regnete tagelang, wochenlang. Der Regen blieb auf den Gräbern liegen, auf den Hausdächern, Wiesen und Wegen. Automobilisten schaufelten ihre Autos frei am Morgen und Kinder bauten hinter dem Haus, aus dessen Fenstern meine Mutter eben noch das Bettzeug ausgelüftet hatte, Regenmänner mit Gurkennasen. Schön habt ihr das gemacht, Kinder. Wirklich schön.

Es regnete so lange ohne Unterbruch, dass der Verkehr zusammenbrach, der Strom in der Agglomeration ausfiel und überhaupt fast alles zu einem momentanen Stillstand kam. Sogar der Mixer stoppte unvermittelt bevor der Rahm geschlagen war. Die Kinder weinten bei Kerzenlicht und assen die Beeren widerwillig mit flüssigem Rahm.

Wer kein Kaminfeuer hatte, und wir gehörten dazu, musste vom Komfort her bös untendurch in diesen Tagen. Verschiedene Schichten von Unterkleidern, dicke Pullover, Pulswärmer und früh zu Bett, die Decke hochgezogen unter das zitternde Kinn. Am Morgen zuerst der Blick aus dem Fenster: immer noch Regen. Man wusste es, hätte es hören können, vom Bett aus, ohne aufzustehen, wenn nicht dieser tückische Regen lautlos und weiss auf die Dächer gesunken wäre.

Unbestritten waren die positiven Aspekte des Stromausfalls. Nach den ersten paar Nächten, die wir in einem Zustand nervöser Erschöpfung sprach- und meist schlaflos auf einem rasch hergerichteten Matratzenlager verbrachten, aufschreckend wenn aus Vaters Zimmer nebenan ein lautes Geräusch vernehmbar war, eine Faust gegen die Wand, ein Kopf. Jeder für sich mit dem Ereignis beschäftigt (spring, sprang, gesprungen), begannen wir uns die Dunkelheit mit Geschichten zu verkürzen, so, wie wir das als Kinder ein paar Zimmer weiter vor zwei Jahrzehnten auch getan hatten.

Zuerst kam der Strom zurück. Die Milch allerdings sauer. Wir hatten vergessen, sie vor das Fenster zu stellen, auf das eiskalte Sims. Mit dem Strom kamen die Nachrichten. Berichte von eingeregneten Dörfern in den Alpen und ganzen Talschaften im Mittelland vom Hochschnee in Mitleidenschaft gezogen. Alles musste entwässert, getrocknet und zum Teil frisch gestrichen werden. Nichts war versichert. Dann Meldungen aus dem Ausland, extrem weit entfernt. Bürgerkriege, verschobene Wahlen, der zweite Jahrestag der Besetzung einer russisch-amerikanischen Raumstation durch oppositionelle Astronauten. Gegen die Schwerkraft?

Wir erwachten alle aus einem langen, unruhigen Schlaf und hatten zunächst überhaupt keine Ahnung, was geschehen war. Wir stellten die Unordnung fest, überall Kerzenwachs und umgestossene Gegenstände, unfertige Träume und die Morgensonne irgendwie zu grell. Es half nichts, die Pyjamas zu sortieren, im Dunkel vertauscht (mein zweiter Sohn schlief in einem Ärmel meiner Hose während meine jüngste Tochter entweder gar nicht geschlafen hatte oder erst später geboren wurde) und alles einigermassen aufzuräumen. Man ist, das wussten wir nun, nie mehr dieselben.

Noch im Traum hatte ich gespürt, dass ich hier wegmusste. Auf der Stelle fort von diesem Trauerhaus, dieser Stadt, raus aus meiner Kindheit, die viel zu lange gedauert und nun doch zu abrupt geendet hatte. Neue Kleider, ein neuer Beruf und mindestens zwei weitere Kinder als Ausgleich und Trotz.

Träumend fiel es mir leicht. Ich wurde Berufsfussballer, womit die Wahrheit meiner Jugend endlich Traum wurde. Keiner störte sich an meinem ausgedribbelten Alter. Das kriegen wir hin, sagte mein Wunschtrainer beim ersten Zusammenzug – eine Vaterfigur, gleichzeitig Nationaltrainer, vor dem wir Spieler den grössten Respekt hatten, weil er Reporter, mit denen er sonst per Du war, nach verlorenen Spielen hinterlistig siezte. Sie haben das ja alles schon vorher gewusst, nichtwahr. Für Sie musste das ja so kommen, oder. Keine Überraschungen für Sie, mein Herr.

Später, als wir in der REM-Phase immer öfter verloren, wurde ihm dieser Kniff allerdings zum Verhängnis, indem ihn die frustrierten Medienleute so lange totschwiegen,  dass eines Tages keiner mehr seinen Namen kannte.

Das war kurz nach der verpassten Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Frankreich, als man einen Schuldigen suchte und feststellte, dass man keinen benennen konnte. Wie hiess der Unerwähnte doch gleich, der ehemalige Ex-Trainer?

Er wurde durch die erste Frau auf dem Trainerstuhl der Schweizer Nationalmannschaft ersetzt, eine Deutsche, deren Kernsatz, “Saubere Schuhe, sauberes Spiel!“ mir irgendwie bekannt vorkam.

Aber bevor das alles passierte, blühte ich unter der Führung meines verehrten Trainers im Tiefschlaf auf wie ein Nachtschattengewächs. Mit meinen knapp vierzig Jahren war ich zu langsam, um als Spielmacher zu reüssieren, obwohl es mein Trainer zunächst mit mir in dieser Rolle versuchte (Mach endlich mal ein Spiel!).

Als Verteidiger fehlte mir der Biss, weil ich mich oft mit meinem direkten Gegenspieler in faszinierende Gespräche über Gott und die Welt verlor, woraus sich in einigen Fällen Freundschaften entwickelt haben (wo ist eigentlich der Ball?), die bis heute anhalten. Es stellte sich nach ein paar für mich ernüchternden Spielen, nach denen mein Trainer in bewundernswürdiger Weise an mir festhielt (Es steht Ihnen nicht an, meinen Spieler zu kritisieren. Er ist noch alt und hat sich schon entwickelt.) heraus, dass ich nur etwas im bezahlten Fussball Wesentliches wirklich gut, das dann aber extrem gut konnte. Ich war ein Kopfballmonster. Keine Flugkopfbälle, nein, nein. Das hielten meine Knochen nicht mehr aus. Aber ich konnte aus dem Stand extrem hoch hochsteigen. Höher als Horst Hrubesch. Höher als alle anderen, die dazu erst noch Anlauf nehmen mussten. Ich stand also irgendwo anscheinend teilnahmslos im Sechzehnmeterraum des Gegners herum (man verzeiht ihm die Pausen), zwei gegnerische Verteidiger, nachdem man mich einmal kannte, nervös um mich herumtänzelnd, bis ich unvermittelt und praktisch ansatzlos hochstieg, immer höher, und im Augenblick des Kulminationspunktes meines Steigfluges kam von der Seite der wohltemperierte Flankenball meines Flügels, den ich, den rückwärts gedehnten Oberkörper wie eine Feder nach vorne schnellen lassend, unbedrängt weil hoch über allen andern unhaltbar einsandte, versenkte, einnickte, reinmachte, gooooooal!

Es war unglaublich, sogar im Traum. Mein Trainer hatte sein ganzes System auf mich zugeschnitten und mein Verein hatte speziell wegen mir zwei brasilianische Flankengötter engagiert, filigrane Techniker, die mir von ihren Seiten her zudienen mussten. Ihre Aufgabe bestand darin, an den Seitenlinien so lange verwirrend zu dribbeln, bis sie von einer neu erfundenen Position im Mittelfeld, dem Zurufer (es gab je einen auf jeder Seite), das Signal zum Flanken kriegten. Die Zurufer beteiligten sich selber nicht aktiv am Spiel, wurden aber ab und zu von frustrierten Gegnern rüde gefoult (Nichtspieler Maul halten). Es waren gute Freunde von mir, mit denen ich aufgewachsen war, die mich spürten und genau wussten, wann ich in die Luft gehen würde. Dann riefen sie ihrem Flügel blitzschnell auf Portugiesisch zu “Er steigt!“, worauf der Flügel mit dem Ball am Fuss eine letzte Drehung machte und der Rest steht im Sportbericht. Es war eine fantastische Zeit. Die Fans lagen mir zu Füssen (sie nannten mich den Turm, the Rocket, Sputnik oder Heli Hansen) und es wurden mehrere Fanclubs gegründet, der Briefkasten jeden Tag voll.

Später hat mir mein Psychiater den ganzen Traum, an dem er unsägliche Freude hatte (ich musste ihn mehrmals erzählen und Bilder dazu malen), ausführlich erklärt.

Der Trainer, sagte er, während er für mich nur in den Umrissen erkennbar war, aus seiner dunklen Ecke, mit dem Balkonfenster im Hintergrund, durch welches das Abendlicht auf die alten Möbel und wohl auch auf mein Gesicht fiel, ist ihr Vater. Und ihr Kopf ist ihr Penis. Dass sie so hochsteigen und so viele Tore schiessen, zeigt die Konkurrenzsituation zu ihrem Vater. Sie wollen ihn überragen, übertrumpfen, sein Auto klauen und seine Sekretärin vögeln.

Und die eingeflogenen Flügel? Die Fanclubs? Meine Freunde auf und neben dem Platz?

Vergessen Sie das, sagte mein Psychiater. Erzählen Sie mir nochmal Ihren Traum.

Am ersten Donnerstag nach der Beerdigung wusste ich unvermittelt, wahrscheinlich zum allerersten Mal in meinem Erwachsenenleben, was ich mit mir anfangen wollte, schöpfungsweise. Ich schaute aus dem Fenster und sah, was man aus jenem Fenster immer sieht – nichts Besonderes – als mich die Eingebung traf: Das ist es. Ich fühlte mich ungeheuer erleichtert. Endlich, nach all den Jahren des Zweifels und der Mutlosigkeit. Die Gicht am Ende des Tunnels. Ein Silberfisch am Horizont. Ich war so euphorisch, dass ich mich hinlegen musste, worauf ich unverzüglich einschlief und erst am nächsten Vormittag wieder erwachte.

Ich sass auf der Bettkante und versuchte mich zu erinnern, was es war. Der feste Entschluss des Vortages, was mit mir nun endlich zu tun sei, der mein Leben radikal verändert hätte (The time has come for more than small decisions): Ich hatte ihn vergessen. Aber das Gefühl der Erleichterung war geblieben. Es hielt einige Tage an, bis es sich in eine Pension in den Voralpen zurückzog, wo meine Mutter kurz vor ihrem Tod (alles war nun kurz vor ihrem Tod) zur Kur war. Wir schreiben uns ab und zu.

Was mir übrigblieb, war weiterzuleben wie bisher. Keine Spur von Läuterung. Nichts gelernt durch das Leid der Mutter. Nicht fähig, sie gehen zu lassen, ihr einhändig die Hand zu schütteln und ihr zu sagen: Es ist gut so, Mutter. Nicht einmal fähig, die eigene Unfähigkeit zu artikulieren. Es ist, wenn man nicht weiss, was man nachher sagen will, nicht nötig, sich zu räuspern. Also hustete ich weiter, lange Jahre, wenn ich auch zwischenzeitlich aufhörte zu rauchen und jeweils erst später wieder anfing damit.

Es folgten schwierige Wochenenden nach dumpfen Arbeitswochen an drei verschiedenen Wohnorten im Ausland. Die Kontinente wechselten, die Pflichtenhefte und die Zahl der Kinder wuchs. Was von Land zu Land blieb, war die Unfähigkeit, in einen Liegestuhl zu sinken mit einem guten Buch und einem Bier und den Rest einfach Rest sein zu lassen. Ich legte mich stets auf meine eigenen, zerknüllten Pläne und stand jeweils bald wieder auf. Es war entweder zu heiss oder zu windig oder beides. Das grelle Licht der Sonne entweder im Buch oder im Gesicht. Den Garten aufräumen. Ein Zimmer umgraben. Gedichte kompostieren. Vertrocknete Äste, verkrustete Malutensilien, alte Papiere. Wenn alles aufgeräumt ist, dachte ich manchmal, könnte man vielleicht etwas Neues anfangen. Etwas, was zufrieden macht. Aber es war nie alles aufgeräumt. Der Anfang begann nie.

Und meine Mutter merkte es natürlich auch und sprang noch einmal. Sie sprang in Strassburg vom unfertigen Turm der Kathedrale, in Bern von der Lorrainebrücke, in Teheran vom Turm einer Moschee und in Washington von einem Wolkenkratzer downtown, vor dessen Eingang sich im Winter die verfemten Raucher die braunen Finger abfroren. Und jedes Mal, wenn sie starb, rückte ich ein bisschen näher zusammen.

Bis ich merkte, dass ich allein bin. Noch näher zusammenrücken ging nicht mehr. Es war Zeit für den Trick des Erscheinens im eigenen Leben. Es war Zeit, mich zu verabschieden. Von mir.

Keine Sprünge mehr, Mutter. Es reicht. Dieser eine Satz in der Muttersprache hat gereicht. Ich habe ihn bloss nicht verstanden, all die Jahre. Bis jetzt. Meine eigenen Sätze sind immer wieder an seinen schartigen Kanten abgerissen.

Hörst Du, wie ich mich räuspere (how I clear my throat)? Hör mir gut zu. Was ich sage, hätte auch für Dich gelten können. Gelten sollen. Gelten müssen.

Ich bin glücklich geworden. Viele Jahre später. Aber ich bin glücklich geworden. Ich habe unterdessen vier wunderbare Kinder, denen ich von Dir erzählt habe und weiter erzählen werde, damit Du nicht in Vergessenheit gerätst und noch einmal stirbst. Und ich habe drei Grosskinder: schau sie Dir an! Und eine Frau, die mich liebt, wie ich bin.