Archive for Januar 2011

Tschik-tschak oder die Erledigung des Lebens

12. Januar 2011

„Tschik-tschak – it’s done!“ pflegt mein Fahrer mich jeweils mit einem nachsichtigen Lächeln zu unterbrechen, wenn ich mal wieder staune, weil er einmal mehr etwas, wonach ich ihn gerade fragen wollte, bereits erledigt hat, und es ist mir dann jedes Mal peinlich, dass ich überhaupt meinte, fragen zu müssen. 

Wir sind uns in vielem sehr ähnlich, mein Fahrer und ich. Man muss uns die Dinge nicht zweimal sagen, manche nicht einmal ein Mal, damit sie erledigt werden. Man nennt es Pflichtgefühl, und es ist im Grunde genommen etwas Gutes. Die Dinge müssen getan werden, die Arbeiten verrichtet, die Aufträge erfüllt, die Geschäfte erledigt. Menschen, die anpacken, sind in der Regel angenehme Zeitgenossen. Im Grunde genommen. In der Regel.

Die Einschränkungen sind altbekannt. Idiotische Dinge zu tun, ist sinnlos (auch wenn es manchmal Spass macht). Unnötige Arbeiten gut zu verrichten, ist langweilig und macht auf die Länge depressiv. Bösartige Aufträge zur Zufriedenheit des Auftraggebers zu erfüllen, ist verwerflich. Und Geschäfte, deren Auswirkungen man nicht durchschaut, prompt zu erledigen, kann gefährlich sein.

Das ist keine Kritik an meinem Fahrer. Er ist ein wunderbarer Mensch und ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde. Tschik-tschak ist für praktisch alle Tätigkeiten, die er für mich und die Botschaft erledigt, ein gutes, weil taugliches Rezept. Das Problem liegt an einem anderen Ort. Wahrscheinlich wie immer hauptsächlich bei mir.

Tschik-tschak ist auch für meinen Arbeitsalltag keine schlechte Devise. Vieles (manchmal denke ich, und bedaure das: fast alles) muss ganz einfach erledigt werden, je rascher, desto besser. Wenn man darüber nachdenken würde, hätte man ein Problem, würde den Rhythmus der Verrichtungen verlangsamen, käme ins Stocken und Stolpern, würde womöglich hinfallen, wie wir alle hinfallen müssten, wenn unser Bewusstsein unsere Motorik steuern müsste beim Treppensteigen. Vieles, wovon wir glauben, dass es getan werden muss, kriegen wir nur im Autopilot auf die Reihe. Also tschik-tschak. Ein Ding nach dem andern. Auch wenn es davon, dass es erledigt ist, nicht besser wird.

Vollends problematisch wird es, wenn tschik-tschak als bestimmende Leitschnur im Arbeitsalltag so mächtig wird, dass es als Prinzip die ganze Persönlichkeit übernimmt und auch im Privatleben dominant wird. Wenn auch der Kaffee in den Arbeitspausen tschik-tschak getrunken und das Mittagessen tschik-tschak gegessen wird. Wenn am Abend der Haushalt tschik-tschak gemacht, die Tagesschau tschik-tschak reingezogen wird und danach die Fotos von Weihnachten tschik-tschak eingeklebt werden. Bevor man tschik-tschak die Zähne putzt und tschik-tschak zu Bett geht, um am nächsten Morgen tschik-tschak aufzustehen, ready for a brand new day, der tschik-tschak erledigt sein wird. Und am nächsten Tag weiter so. Und am übernächsten auch. Und so gehen dann die Wochen, die Monate, die Jahre vorbei. Tschik-tschak und tschüss.

 

Die Sonne scheint in mein Büro. Ich sollte keine solchen Sachen schreiben. Dafür bezahlt man mich nicht, ich weiss. Ich mach mich jetzt wieder an die Arbeit. Sofort. Ich verspreche es. Vielleicht werde ich mir irgendwann Zeit nehmen, um diese Gedanken ganz langsam weiter zu denken. Auf meiner Traktandenliste steht das allerdings nicht. Dort stehen lauter Dinge, die erledigt werden müssen. Und zwar tschik-tschak.

Skizze zu Barcelona (Acryl auf Leinwand)

9. Januar 2011

Der Gewinner erhält eine Waschmaschine

7. Januar 2011

Dass sich Gödel am Ende seines Lebens vor Kühlschränken gefürchtet haben soll, leuchtet mir irgendwie ein. Was sind das für Geräte, in denen das Licht erst angeht, wenn man die Türe öffnet, während vorher alles, die Milch und der Käse, der Salat und die Butter, in gnadenloser Dunkelheit gefangen und von einem mehr oder weniger leisen Summen eingelullt seiner Verzehrung bei Zimmertemperatur harrt. In einem Film, den mir neulich ein Freund aus Berlin ganz ohne Hintergedanken geschickt hat, wird das Leben des Erfinders mehrerer TV-Shows in episodischen Rückblenden erzählt. Zum Teil sind es lustige Episoden, aber alles in allem bleibt der Eindruck eines traurigen, irgendwie verpfuschten Lebens haften, das in einem Hotelzimmer endet. Zu viele Drogen. Zu viele Missverständnisse. Zu wenig Liebe. Die Schlussszene des Films skizziert die letzte Idee für eine TV-Show. Drei alte Männer sitzen auf der Bühne. Jeder hat eine Knarre im Schoss und erzählt den Zuschauern von seinem missglückten Leben. Derjenige, der sich nicht umbringt, hat gewonnen und erhält als Preis eine Waschmaschine. Zuerst musste ich tatsächlich lachen. Wegen der Waschmaschine. Was für ein Preis. Aber wofür? Es kann ja nicht dafür sein, nicht verzweifelt zu sein. Wer in einer TV-Show mitmacht, in der sich die Konkurrenten erschiessen, ist entweder selber verzweifelt, hat den Verstand verloren oder zumindest jeglichen Rest menschlicher Würde. Wahrscheinlich alles zusammen. Verdient tatsächlich nichts mehr anderes als eine Waschmaschine. Der Host meines Blogs hat mir zum Jahresbeginn meine Statistik des vergangenen Jahrs unterbreitet. Eine Boeing 747, hat man mir in Erinnerung gerufen, könne 416 Passagiere befördern. Acht volle Boeing 747 hätten im abgelaufenen Jahr meinen Blog besucht. Mein Blog ist beeindruckt. Aber ich bin ganz ehrlich auch irgendwie besorgt. Acht volle Flugzeuge sind eine gewaltige Verantwortung. Ich verfüge nicht über Hangars, in denen diese Flugzeuge gewartet werden können. Sind sie wieder gut vom Boden weggekommen? Wohin sind sie jetzt unterwegs? Waren Anschlussflüge verfügbar für die Passagiere, genügend Hotelzimmer gebucht? Waren die Betten gemacht? Ging kein Gepäck verloren? Standen Freunde und Verwandte nach dem Zoll mit farbigen Blumen zur Begrüssung bereit? Musste lange auf ein Taxi gewartet werden? Und haben sie alle dann auch wirklich erhalten, was sie sich wünschten? Sind sie dort angekommen, wo sie hin wollten? Hat sie wenigstens jemand gefüttert, ihren iPod aufgeladen über Nacht? Ich befürchte, dass nicht alles rund gelaufen ist. Stimmt doch, oder? Wahrscheinlich hat das Licht im Kühlschrank einen Wackelkontakt und brennt nun oft auch bei geschlossener Türe. Treibt den Jogurt zum Wahnsinn. Und die Waschmaschine ist ausgelaufen. Eine undichte Dichtung, durch die zuerst Wahrheit in die Maschine drang und dann Spülwasser entwich. Kein Schongang für das Parkett. Aber wer kann sich schon Parkett leisten in der Waschküche. Wer kocht schon im Flugzeug. Schon gar nicht für 416 Personen. Das ist hier alles aufgewärmt. Ich hoffe, es schmeckt trotzdem. Und wünsche euch allen einen guten Flug durch’s Jahr. Boarding complete.