Archive for the ‘Gedichte’ Category

Die Staffelei

2. September 2025
(nach dem Gedicht)


Alter Mann vor der
leeren Staffelei – wann fängst
Du zu malen an?

Die Staffelei

2. September 2025
(vor der Kurzgeschichte)

Aus meinem Zimmer im vierten Stock
wo ich an meinem Schreibtisch stehe
und Landschaften zeichne
schaue ich gegenüber
im Parterre des Pflegeheims
einem Bewohner zu

Er steht mit dem Rücken zu mir
das linke Bein leicht abgespreizt
den rechten Arm in die Hüfte gestützt
die linke Hand in der Hosentasche
steht einfach da und betrachtet
eine leere Staffelei

Er trägt einen roten Pullover
mit einer Aufschrift
die ich nicht lesen kann
eine schwarze Hose und
eine schwarze Baseballmütze

Nach einer Weile geht er
um die Staffelei herum
zum Tisch und trinkt (einen Schluck Kaffee?)
dann stellt er sich wieder
vor die Staffelei
mit dem Rücken zu mir

Ich muss ihn im Auge behalten
irgendwann
beginnt er zu malen

In der Stadtbibliothek

21. August 2025

Hilf mir über mich hinaus.
Alleine überstehe ich mich nicht.

Sie hat sich umgedreht und ihn gefragt:
Sprichst Du mit mir?

Es sah so aus, als wollte sie sich drücken.

Er sagte nichts, den Finger an den Lippen
und stand noch eine Weile
in ihrem Rücken

Markiert

18. August 2025


Du kannst das Hemd wechseln
und die Schulter waschen

– den Vogeldreck der Dich
mit einem Klatschen traf
entfernst Du nicht

Ein grosser Vogel hat Dich
aus luftiger Höhe markiert
an einem Sonntagmorgen
im Mai

Was nicht reimt

6. August 2025

Wer sammelt die Körbe ein,
wenn die Beeren gesammelt sind?
Wer lässt es wachsen, sobald etwas keimt?
Wer spannt die Pferde ein, wenn der Wagen beladen ist?
Und was machen wir mit allem, was nicht reimt?

Wer lobt den Tag vor dem Abend,
ohne ihm zu misstrauen?
Wer sieht die Wolken am Himmel,
die sich wie Augenbrauen
hochziehen und verschwinden?

Wer singt die Kinderlieder,
die im Gedächtnis blieben?
Wer würde die Bücher lesen,
die wir noch schrieben?

Und was geschieht mit allem, was nicht reimt?

Malkowski sagt

26. Juli 2025

Eine Sprache war vorgesehen
aber wir haben sie
nie gelernt

Wir waren von Anfang an
mit anderem beschäftigt
mit Essen suchen
mit unserer Zerbrechlichkeit
(mit uns)

Malkowski sagt: wir haben
das Achselzucken zu schnell erlernt
Keine Ahnung

Dieser Schatten jedenfalls
wird mit dem Stand der Sonne länger
dann kürzer bevor er
wieder länger wird
Ich mag ihn er
gehört zu mir

Einladungen aussprechen

26. Juli 2025

An Koreaner
die lange keine Spiegel kannten
Wer sein eigenes Antlitz
in Augenschein nehmen wollte
musste die Nachbarn fragen

An die Insassen des Pflegeheims
die gegenüber von nichts
auf ihren Balkonen sitzen
kaum dass jemand
sie noch besucht

Wenn doch ein Besucher da war
sagt er beim Abschied laut:
«Ich komme bald wieder,
hörst Du? Ich komme bald wieder!»
Und kommt dann zu spät

Und an uns natürlich
Wieder einmal ganz bei uns zu sein
wäre schön

(Wir sinken in den Tag
wie früher in den Schlaf
Was immer es ist
es besucht uns nun öfter)

Ein anderes Stück vom Rätsel

28. Juni 2025

In meiner Tischmappe: eine zufällige Abfolge loser Papiere

Zuoberst zwei bevorstehende Flüge

in ein bedrängtes Land

darunter ein Safe the Date für die Hochzeit meines Bruders

gefolgt von einer gratis Velo-Vignette

Dann ein Gedicht von Rainer Malkowski (ein Rätsel betreffend)

ein Blatt mit hebräischen Vokabeln

ein handgeschriebener Vorsorgeauftrag

und zuletzt ein Rezept

für einen asiatischen Gurkensalat

Ich sollte ein Fahrrad kaufen

und damit beginnen

an ein Hochzeitsgeschenk zu denken

für meinen Bruder und seine zweite Frau

aber wahrscheinlich werde ich wegen der Hitze

nicht einmal Vokabeln lernen

Am ehesten lese ich

in meiner abgedunkelten Küche

noch einmal das Gedicht von Malkowski

und esse Gurkensalat

Lange Zeit

27. Januar 2025


Ein Mann steht im Raum

Er bückt sich und nimmt

ein Jahr aus der Zeine

Er legt es vor sich auf das Brett

Er spuckt auf das Eisen

dann bügelt er es

Es sind die Falten, sagt er

zu niemandem im Besonderen

Die Falten machen die Jahre

so kurz

In ihnen verbirgt sich die Zeit

und kommt uns abhanden

Ein Mann steht im Raum

Er weiss immer weiter

Er antwortet nicht auf Fragen

Er bügelt die Zeit

Von oben betrachtet

24. Januar 2025

Schau wie ich sitze:

am Fuss der Düne

in meinem Strandstuhl

mit Blick auf das Meer

während sich hinter der Düne

in einer Senke

die Tage sammeln

Sie rotten sich zusammen

zu Wochen, Monaten, Jahren

Es wird nicht mehr lange dauern

dann fallen sie über mich her