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Die Staffelei

9. September 2025
Den Maler entdecken 
Ich bin noch nicht so weit wie Wallanders Vater, der immer wieder dasselbe Bild malt (schwedische Stillleben, mit oder ohne Auerhahn), aber wenn ich die Zeichnungen betrachte, die ich seit meiner Pensionierung vor zweieinhalb Jahren mit Pastellkreide angefertigt habe, muss ich einräumen, dass die Anzahl meiner Sujets überschaubar ist. Landschaften mit Bäumen und Wiesen, wenn möglich ein Haus oder ein Schopf, vielleicht eine Strasse, ab und zu ein Meeresstrand, und darüber – ob Meer, Wald oder Wiese - möglichst viele dunkle und ein paar helle Wolken. Ganz selten einmal ein Mensch, festgehalten beim Versuch, aus dem Bild zu schreiten.

Angefangen hatte alles damit, dass mein jüngerer Sohn ein Bild von mir wollte für seine neue Wohnung. Etwas mit Bäumen, wünschte er sich, und brachte mich damit in Verlegenheit. Ich hatte in den letzten Jahren nur noch grossformatige Portraits meiner Frau gemalt, Öl auf Leinwand. Bäume? Das traute ich mir mit Öl nicht zu. Mir kam aber in den Sinn, dass ich im Boesner in Berlin einmal eine grosse Schachtel Pastellkreiden gekauft und nach einem missratenen Versuch nie mehr angerührt hatte. Vielleicht liessen sich Bäume ja mit Kreide zeichnen?

In unsere Wohnung in Regensdorf, Manhattan, sehe ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers die von der Strasse abgewendete Seite des Häuserblocks, in dem sich in den unteren beiden Stockwerken ein Pflegeheim um alte Menschen kümmert, von denen viele an Alzheimer leiden. Man sieht sie manchmal auf ihren Balkonen im ersten Stockwerk oder auf der Terrasse im Parterre vor ihren Zimmern sitzen. Einige lesen, andere sitzen nur da und machen den Eindruck, als hätten sie zu warten aufgehört.
Besuch kriegen sie selten, jedenfalls wenn sie draussen sitzen. Und wenn mal welcher da ist, ist es deprimierend, zu hören, wie die Besucher mit ihren Vätern, Müttern, Tanten oder Onkeln reden. «Wieviel Zeit ist es auf Deiner Uhr? 11 Uhr 30? Schau her, auf meiner Uhr auch – wir haben die gleiche Zeit!» Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, ist es demütigend, so mit jemandem so zu sprechen. Ich muss dann jeweils mein Fenster schliessen.

Gestern Nachmittag habe ich während dem Zeichnen aus dem Fenster geschaut und schräg unten im Parterre (wir wohnen im 4. Stockwerk) einen Mann entdeckt, der mit dem Rücken zu mir vor einer leeren Staffelei stand, das linke Bein leicht abgespreizt, den rechten Arm in die Hüfte gestützt und die linke Hand in der Hosentasche. Er stand da und betrachtete eine leere Staffelei.
Er trug einen roten Pullover mit einer Aufschrift auf dem Rücken, die ich nicht lesen konnte, eine schwarze Hose und eine schwarze Baseballmütze. Nachdem er eine ganze Weile so dagestanden hatte, ging er um die Staffelei herum zu einem kleinen Tisch und trank aus einer Tasse (einen Schluck Kaffee?), dann stellte er sich wieder vor die Staffelei, mit dem Rücken zu mir, und betrachtete sie.

Die Zeilen vollschreiben
Noch am selben Abend schrieb ich ein Gedicht über den Mann mit der Staffelei, und etwas später einen Haiku. Während Haikus von ihrem Versmass versiegelt sind (keiner käme je / auf die Idee, noch etwas / dazu zu schreiben), werden bei Gedichten, wie Lettau uns lehrte, die Zeilen nicht vollgeschrieben. Links und rechts Luft schützt vor Fabel.
Während ich die vorliegenden Zeilen links und rechts vollschreibe, dämmert mir, was er gemeint haben könnte damit. Kaum ist der Schutz aus Luft weg, beginnt das Fabulieren.

Als ich nach dem Schreiben des Gedichts aus dem Fenster geschaut hatte, war die Staffelei verschwunden. Der Mann im roten Pullover sass an seinem kleinen Tisch während es dunkelte. Etwas später, als ich den Haiku geschrieben hatte und den Kopf wieder hob, war es dunkel und auch der Mann war verschwunden.

Am nächsten Morgen, als ich nach dem Frühstück zu zeichnen begann, stand er wieder auf der Terrasse vor seinem Zimmer und hantierte, so glaubte ich zu erkennen, in leicht gebückter Haltung mit einem Mobiltelefon. Die Staffelei war nicht zu sehen, aber das Bild, wie er am Tag zuvor lange vor der leeren Staffelei gestanden hatte, ging mir nicht aus dem Kopf.
Was hatte er gesehen, als er die leere Staffelei betrachtete? Seine Haltung war die eines Mannes, der ein Bild betrachtet. Er betrachtete es lange, dann stellte er die Staffelei wieder in sein Zimmer.

In den nächsten Tagen erschien der Mann im roten Pullover nicht auf der Terrasse vor seinem Zimmer. War er krank? Als ich am späten Nachmittag des dritten Tages ohne Maler mit den Hunden einen langen Spaziergang machte, glaubte ich für einen Moment, ihn zu sehen, obwohl ich mir sogleich bewusst war, dass es äusserst unwahrscheinlich war, eigentlich unmöglich, ihn so weit (ich war schon über eine Stunde unterwegs) vom Pflegeheim entfernt anzutreffen. Ich hatte gerade den Kopf wieder gehoben, nachdem ich die Hunde von einer toten Maus weggezerrt hatte, als ich einen Mann mit einem roten Pullover und schwarzen Hosen um eine Wegbiegung verschwinden sah.

Als ich das Ende des Weges erreicht hatte und selber um die Biegung ging, um die er verschwunden war, sah ich ihn (sogar eine schwarze Baseballmütze trug er), wie er damit beschäftigt war, Holzscheite von einem Stapel auf die Ladefläche eines Anhängers zu werfen. Klong… klong… klong.., tönte es, wenn ein Scheit auf dem Blech der Ladefläche aufprallte. Er trug die gleichen Kleider wie mein Maler, aber er war es nicht. Als ich am Ende des Spaziergangs an der Terrasse des Heims vorbeikam, stand der Mann mit dem roten Pullover vor seinem Zimmer und wandte mir den Rücken zu.

Die Kuchenkarte spielen
Als ich am nächsten Tag in meinem Arbeitszimmer die Store hochzog, stand der Mann im roten Pullover wieder vor seiner leeren Staffelei - in genau gleicher Haltung, wie als ich ihn zum ersten Mal beobachtet hatte, als hätte er sich seither nicht vom Fleck bewegt. Es war der Tag, an dem meine Frau nachhause kommen würde – nach mehr als einem Monat bei ihrer Familie. Gleich beim Aufstehen hatte ich den Hunden gesagt, dass sie heute nachhause kommen würde. Aufgeregt rannten sie in der Wohnung umher und suchten nach ihr, ob sie vielleicht schon da sei.

Am Flughafen gab es das übliche Spektakel, bei dem meine Frau von den Hunden über den Haufen gerannt wird. Sie sind zwar klein, unsere zwei Hunde, aber ihre Aufregung und ihre Freude über ihre Rückkehr sind dermassen gross, dass meine Frau jedes Mal von ihrer Begrüssung überwältigt wird. Ich umarmte meine Frau, nachdem sie wieder aufgestanden war, und sagte ihr, wie froh ich war, dass sie wieder da sei. Ich musste mich beherrschen, nicht sofort zu sagen, was ich von ihr wollte. Aber meine Beherrschung hielt nicht lange an. Noch auf dem Heimweg sagte ich zu ihr:

«Ich glaube, das Pflegeheim braucht wieder einmal einen Kuchen.»
«Haben sie danach gefragt?»
«Nein,» sagte ich, «aber ich kann Dir sagen, warum. Es hat mit dem Mann mit der Staffelei zu tun.»
«Mit wem?»
«Hast Du das Gedicht und den Haiku in meinem Blog nicht gelesen?»
«Ach so, doch…. und er hat gesagt, er möchte einen Kuchen?»
«Nicht direkt, aber ich bin sicher, er möchte einen.»
«Dann werde ich dieses Wochenende einen backen.»

Es würde das dritte Mal sein, dass meine Frau einen ihrer berühmten Cheesecakes für das Pflegeheim backen würde. Aber das erste Mal, dass es ein Kuchen mit einem Hintergedanken war.

Die Utensilien besorgen
Als wir am Sonntag gegen drei Uhr nachmittags beim Pflegeheim klingelten (ich hatte wie die vorigen Male vorher angerufen, und unser Kommen mit Kuchen angekündigt), öffnete der Heimleiter persönlich.
«Das ist aber wirklich sehr nett von Ihnen, dass wir wieder so einen feinen Cheesecake erhalten. Unseren Bewohnern haben die letzten zwei wirklich geschmeckt.» Dann schmunzelte er und fügte an: «Und auch uns vom Team natürlich.»
«So soll es sein», sagte meine Frau.

Wir wurden zum Kaffee eingeladen und nach einer Weile fragte ich den Heimleiter nach dem Mann mit der Staffelei.
«Warum malt er denn nicht? Besorgt ihm seine Tochter keine Leinwände, Pinsel und Farben?
«Das ist nicht sein Tochter,» antwortete der Heimleiter. «Er hat keine Kinder. Das ist seine Galeristin.»
«Erst recht: wieso besorgt ihm seine Galeristin keine Malutensilien?»
«Ich weiss nicht, ob er wieder malen würde, wenn er welche hätte.» sagte der Heimleiter, während er sich ein zweites Stück vom Cheesecake abschnitt. «Ich bin nicht einmal sicher, ob er noch weiss, was man mit einer Staffelei macht. Er leidet an einer schweren Demenz und...»
«Unsinn!» unterbrach ich ihn. «Ich fahre morgen zu Boesner. Ich brauche Einlagen und Rahmen für meine Zeichnungen. Darf ich ihn mitnehmen?»

Es war nicht ganz einfach, den Heimleiter dazu zu bewegen, den Maler für ein paar Stunden in meine Obhut zu geben, aber schliesslich willigte er ein, und so kam es, dass ich am Montagmorgen mit dem Maler als Beifahrer den Hügel hinauf nach Höngg fuhr, durch den Wald vorbei am Restaurant Grünwald, dann runter zum Frankental und von da zur Europabrücke und schliesslich in Altstetten links abbog zu Boesner.

Während der Fahrt sprach ich zu ihm, aber entweder hörte er mich nicht oder er hatte keine Lust, mir zu antworten. Bei Boesner angekommen, parkierte ich und stieg aus. Ich ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertüre, aber der Maler machte keine Anstalten, auszusteigen. «Hier gibt es Farben…» sagte ich zu ihm, «…und Leinwände, und Pinsel…», aber er blieb sitzen und versuchte, den airbag – Kleber mit dem Fingernagel seines Zeigefingers vom Armaturenbrett zu kratzen. Erst als ich es aufgegeben und seine Türe wieder geschlossen hatte, hörte ich, als ich um den Wagen ging, wie er die Türe öffnete und sah, wie er ausstieg.

In der Hoffnung, dass er sich für irgendetwas interessieren würde, ging ich mit ihm langsam die verschiedenen Regale entlang, auf denen von Öl über Acryl, Wasserfarbe, Kunstharz bis Kreide sämtliche Medien zu finden sind, die das Künstlerherz begehrt. Aber nichts davon schien ihn zu interessieren. Ich gab ihm das eine oder andere in die Hand (vielleicht muss er es berühren, dachte ich), aber er gab mir alles, was ich ihm in die Hand legte, gleich wieder zurück. Schliesslich kaufte ich eine Leinwand, ein Set Ölfarben, ein halbes Dutzend Pinsel, Leinöl und Terpentinersatz.

Als wir vor dem Pflegeheim standen und warteten, bis uns geöffnet würde, hielt ich ihm den Boesner Sack hin. «Das ist für Sie…» sagte ich zu ihm. Er nahm den Sack entgegen, schaute ihn an, dann mich, dann gab er ihn mir wieder zurück und sagte «Ich will das nicht».
Der Heimleiter gab mir den leeren Kuchenteller und ich ihm den Sack mit den Malutensilien. «Falls er doch noch malen möchte…».

Ich hatte es verbockt. Ich war viel zu direkt. Ich war nicht behutsam genug. Ich hatte viel zu viel auf ihn eingeredet. Ich hatte ihn nicht einmal gefragt, ob er mitkommen wolle. Ich hatte ihm einfach ein Öl-Set gekauft, obwohl er vielleicht sein Leben lang nur gesprayt hatte. Mehr hätte ich kaum falsch machen können. Ich war enttäuscht von mir.
«Du hast es gut gemeint», sagte meine Frau.

Die Ausstellung organisieren
Ich schlief in dieser Nacht lange nicht ein, aber als ich endlich doch einschlief, träumte ich einen versöhnlichen Traum, den ich so gar nicht verdient hatte. Ich träumte, ich hätte eine Ausstellung für den alten Maler organisiert. In der Galerie seiner Galeristin, die zuerst den Boesner Sack auch nicht wollte, dann aber einsah, dass meine Idee wirklich gut war. In ihrer Galerie, einem mittelgrossen Raum ohne Fenster in der Altstadt von Grüningen, früher offenbar ein Stall, standen ein Dutzend leerer Staffeleien und an den Wänden hingen keine Bilder des Malers, jedes beschriftet (etwa «Mühle im Abendlicht», Öl auf Holz, oder «Wiese bei Regensberg», Pastell auf Papier). An einigen der leeren Staffeleien und unter den fehlenden Bildern an der Wand hatte es schon zu Beginn der Ausstellung rote Punkte als Zeichen, dass sie in Privatbesitz waren. Es gab Weisswein und meine Frau hatte drei grosse Cheesecakes gebacken. Sämtliche Bewohner des Pflegeheims waren da, einige hatten Familie mitgebracht, und auch das Personal war vollzählig erschienen. Die Stimmung war heiter und ausgelassen. «Der Kuchen ist vorzüglich!», rief der Heimleiter über alle Köpfe hinweg, und als ich gegen sieben Uhr vom Geplauder der Pflegefrauen erwachte, die jeden Morgen auf der Terrasse ihren Kaffee trinken, waren sämtliche Bilder verkauft.

Bäume kippen

15. August 2025

(Für meine Schwester. Ich habe diesen Text vor gut 30 Jahren in den USA geschrieben. Heute liess er sich auf Deutsch übersetzen.)

In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, waren die Wände dick und die Türen dünn. Es war, als hätten die Leute, die das Haus bauten, ihr ganzes Geld schon ausgegeben, als sie zu den Türen kamen, und sie mussten sich mit der billigsten Variante begnügen: zwei Lagen Sperrholz auf einem leichten Holzrahmen.

Die dünnen Türen hatten einen Vor- und einen Nachteil. Der Vorteil war, dass man sie nicht richtig zuschlagen konnte. Dafür fehlte ihnen das nötige Gewicht.  Der Nachteil war, dass sie nicht sehr stabil waren. Mein Vater, der ein großer Mann war, schlug mit den Fäusten oder den Füssen Löcher in diese Türen, wenn er wütend wurde.

Wie für unseren Dackel, der – egal wer ihn schlecht behandelt oder über ihn gelacht hatte – seinen kleinen, stinkenden Protesthaufen unfehlbar vor die Küchentür legte (für die, die nach mir schauen sollte), war auch für meinen Vater die Küchentür das Hauptobjekt seiner Wutausbrüche.  

Meine Mutter deckte die Faustlöcher mit einem Wandkalender aus Stoff zu, den sie jedes Jahr von einer Familie in Schottland bekam, bei der sie als Au-pair-Mädchen ein halbes Jahr gelebt hatte. Die Löcher auf Fusshöhe blieben unbedeckt. Mutter schämte sich für diese Löcher, für die sichtbaren und für die verdeckten.

Wenn ein Jahr vorbei war und der neue Kalender aus Schottland mit einem Brief eintraf, in dem sie gefragt wurde, wann sie wieder zu Besuch kommen würde, hängte sie den alten Kalender ab und bat meinen Vater, die Tür zu reparieren, was er gelegentlich auch tat.

Ich erinnere mich jedoch an mindestens zwei Jahre, in denen er zu lange brauchte und meine Mutter die Geduld verlor. Sie rief einen Tischler und bestellte eine neue Tür. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, warum sie nie eine massive Holztür anfertigen liess, eine schwere, wutfeste Tür.

Warum ließ sie sich immer wieder von ihm blamieren? Sie machte nie viel Aufhebens um die Löcher, aber es war offensichtlich, dass sie sie gut lesen konnte und dass sie ihr zu schaffen machten, genauso wie die anderen Opfer der Wutausbrüche meines Vaters. Zum Beispiel der Riss an der Vorderseite der Stereoanlage, wo das Plastikfenster für die Senderwahl von einem Faustschlag eingedrückt war und man nur noch die eine Hälfte der Sender einstellen konnte.  

Ich glaube, für meine Mutter war eine Oberfläche nicht nur etwas, wovon man den Staub wischen musste. Die Oberfläche der Dinge in unserem Zuhause war wie eine Haut, eine dünne Schutzschicht, eine Hülle für das rohe, verletzliche Material, das darunter lag. Mutter wollte, dass die Haut unserer Wohnung, unseres Zuhauses, intakt war, nicht makellos, aber intakt, und sie führte einen ständigen, nicht zu gewinnenden Krieg gegen Löcher, Risse und Sprünge in dieser Haut.

In unserem Wohnzimmer stand eine gebrauchte, dreiteilige Sitzgarnitur mit einem blau und beigen Stoffbezug mit kleinen Noppen, die durch Faden abgetrennt waren, der überall riss. Ich sehe meine Mutter vor einem der gepolsterten Sessel knien, die Lesebrille tief auf der Nase, wie sie den Bezug mit einem passenden blauen oder beigen Seidenfaden repariert, eine Tätigkeit, die oft den ganzen Abend in Anspruch nahm, während wir anderen fernsahen.

Mein Bruder Walt sass auf dem Sessel, an dem meine Mutter nicht arbeitete, ich lag ausgestreckt auf dem Teppich direkt vor dem Fernseher, den Kopf an das Sofa gelehnt, auf dem mein Vater lag und an den dramatischsten Stellen der Handlung spöttische Kommentare abgab, während er gleichzeitig die Zeitung las und mit beträchtlichem Geräusch umblätterte, kalten Tee schlürfte und mit unserem grünen Wellensittich mit dem ausgefallenen Namen Birdy sprach.

Birdy war nur nachts in seinem Käfig. Tagsüber bewegte er sich frei in der Wohnung und flog nicht weg, wenn die Fenster offen waren, was mir heute fast unmöglich scheint – aber so war es. Wenn wir am Abend fernsahen, stolzierte Birdy auf dem Sofatisch herum, pickte mit seinem Schnabel Münzen, Büroklammern, Bleistifte und andere Dinge aus einem grossen Kristallaschenbecher, und liess sie über den Rand des Tisches fallen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er den Kopf zur Seite neigte und den Dingen beim Fallen zusah.

Es waren die frühen Jahre des Fernsehens. Zuerst gab es nur einen Sender, später drei. Am Abend gab es Schwarz-Weiss-Filme aus Amerika. Doris Day und Carry Grant fuhren grosse Autos, bogen in lange Einfahrten vor schönen Häusern mit riesigen Kühlschränken ein und grillierten auf der Veranda vor dem Haus oder auf dem Deck hinter dem Haus. Spätestens am Ende des Films waren alle glücklich.

Wenn es in einem Film eine Kussszene gab, rief mein Vater „Fuss!“, worauf ich mein Bein anhob und die Szene mit meinem Fuss verdeckte, wenn sie nicht schon vorbei war.

All dies geschah, während Mutter die Stoffpolster reparierte. Ihr Kampf gegen den Zerfall der abgenutzten Sitzgruppe war hoffnungslos – eine wahrhafte Sisyphus-Aufgabe. Sobald sie einen Sessel fertig hatte, war der Stoff des nächsten oder des Sofas wieder auseinandergefallen. Es war ihre persönliche Golden Gate Bridge. Wenn sie am einen Ende mit Streichen fertig war, fing sie am anderen wieder an.

Mein Vater hatte die Polstermöbel von einem Bürokollegen übernommen, der sich nach einer Beförderung neue gekauft hatte. Es stand nie zur Diskussion, sie zu ersetzen. Für ihn waren die Sessel und das Sofa gut, solange man darauf sitzen oder liegen konnte. Und auf der Stereoanlage (ebenfalls von einem Bürokollegen übernommen) konnte man noch Nachrichten und Musik hören. Warum also eine neue kaufen?

Als Mutter irgendwann in ihren letzten Lebensjahren die dreiteilige Sitzgruppe entsorgen liess und durch ein beiges Sofa und zwei passende Sessel ersetzte (sie hatte alles von dem Geld gekauft, das sie verdient hatte, indem sie zweimal pro Woche an einem Zeitungskiosk arbeitete), konnte Vater es kaum fassen.

Er war so aufgebracht, dass er drei Monate lang das Wohnzimmer nicht betrat. Dann, eines Abends nach dem Essen, kam er ins Wohnzimmer, stellte die Teekanne auf die Glasplatte des ebenfalls neuen Sofatischs, ließ sich auf das neue Sofa sinken und begann Zeitung zu lesen. Mutter saß in ihrem Sessel und strickte. Sie sah ihn nicht einmal an. Niemand verlor je wieder ein Wort über die ausgewechselte Sitzgruppe. Die Golden Gate Bridge war für immer geschlossen.  

Die Hälfte unserer Möbel war gebraucht, die andere Hälfte selbst gebaut. Vater war ein sehr begabter Handwerker. Er hatte den Esstisch aus Massivholz gebaut. Es war eine ziemlich raffinierte Konstruktion. Die Spannweite der Tischbeine konnte auf einer Schiene unter dem Tisch verlängert werden und die massive Tischplatte liess sich dank zwei Scharnieren ausklappen, womit sich die Tischfläche verdoppelte und zehn Personen bequem am Tisch Platz nehmen konnten, obwohl wir nicht oft Gäste hatten und die wahre Grösse des Tisches die meiste Zeit verborgen blieb. Vater stellte auch die Stühle selber her, aus Metall, Holz und Polster. Die Rückenlehnen und Sitzflächen waren mit gelbem Kunstleder bezogen.

Das selbstgebaute Möbelstück, das wir Kinder (neben unseren Schreibtischen) am liebsten mochten, war die Eckbank, die zum Esstisch gehörte. Sie hatte eine längere und eine kürzere Seite und diente gleichzeitig als Stauraum für die Daunendecken meiner Eltern, die in unserer dreieinhalb-Zimmer-Wohnung kein Schlafzimmer hatten. Ihr Bett stand in einer Ecke des Wohnzimmers, tagsüber mit einem blassgoldenen Überzug zugedeckt. 

Walt und ich versteckten uns oft in dieser Eckbank, und ich erinnere mich noch gut an das beklemmende Gefühl, das mich langsam überkam, während ich in der hölzernen Box im Dunkeln wartete, als wäre ich lebendig begraben. Ich sagte mir immer wieder, dass genug Luft durch die Ritzen kam und ich den Deckel jederzeit aufdrücken konnte.

Sobald Walt merkte, wo ich war, setzte er sich auf den Deckel, sodass ich ihn nicht mehr öffnen konnte. Dann geriet ich wirklich in Panik. Die Regel war, dass in dem Moment, in dem derjenige, der sich im Eckbankteil versteckt hatte, „Aufmachen!“ rief, derjenige, der auf dem Deckel saß, sofort aufstehen und den Deckel öffnen musste. Aber manchmal taten wir so, als hätten wir den anderen nicht rufen hören.

Wenn das passierte, schrie ich wie verrückt und schlug mit den Fäusten so fest ich konnte gegen den Deckel. Wenn Walt mich dann rausliess, war ich sehr wütend und schwor mir, dass ich mich nie wieder in der Eckbank verstecken würde, aber natürlich tat ich es immer wieder. Es war das beste Versteck in der ganzen Wohnung.

Nicht nur das Esszimmer war mit den selbstgebauten Möbeln meines Vaters ausgestattet. Sie standen überall. Das Bett meiner Eltern im Wohnzimmer, unsere Schreibtische im Kinderzimmer, die Bücherwand im Wohnzimmer mit ausschwenkbarer Lade für den Dia-Projektor – sogar die Stehlampe im Wohnzimmer war ein Eigenfabrikat. Im Büro, das mein Vater sich eingerichtet hatte, hatte er eine Wand mit dunklem Holz getäfert, in der senkrechte Schienen verliefen, in welchen die Halterungen für die Bücherregale festgeschraubt waren.

Erst als ich erwachsen war, ist mir die ganze Absurdität dieses Büros bewusst geworden. In einer Dreieinhalbzimmerwohnung ein Büro einzurichten, in dem unser Vater sich nicht einmal oft aufhielt, und dafür auf ein Schlafzimmer zu verzichten, war schwer verständlich.

Als es mit den Jahren immer offensichtlicher wurde, dass mein Vater weder in seinem Beruf noch in seinem Leben glücklich oder zumindest zufrieden werden konnte, wurden die selbstgebauten Möbel, die einst für das junge Paar eine Quelle des Stolzes gewesen sein mussten, für meine Mutter zunehmend zu einer Belastung.

Sie musste miterleben, wie ihr Mann es trotz seiner vielen Talente nicht schaffte, ein  glücklicher Mensch zu sein. Während mein Vater und seine Freunde beruflich aufstiegen, trennten sich seine Freunde nach und nach von ihren alten Möbeln, ihren alten Autos und ihren alten Stereoanlagen, weil sie sich schickere Dinge leisten konnten. Sie zogen in grössere Wohnungen, kauften sich eigene Häuser, neue Autos, neue Möbel, neue Stereoanlagen.

Vater übernahm die meisten ihrer alten Sachen, ausser den Autos. Er kaufte die alte Stereoanlage von Rudi, die alte dreiteilige Sitzgarnitur von Willy und viele andere Sachen von anderen Freunden, deren Namen ich vergessen habe. Er nahm nichts umsonst. Er bezahlte für jeden einzelnen Gegenstand, und laut meiner Mutter bezahlte er jedes Mal zu viel.

Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich glaube, Vater fühlte sich irgendwie mit diesen alten Sachen verbunden. Er glaubte, dass alle Dinge eine Seele hätten und daher mit Respekt behandelt werden sollten und nicht auf den Schrottplatz geworfen werden durften, nur weil man sich etwas Neues leisten konnte.

Unser Dachboden, unsere Garage, unser Keller, Vaters Werkstatt, die er sich in einem Kellerraum eingerichtet hatte, und große Teile unserer kleinen Wohnung waren mit alten Sachen vollgestopft, die er nicht wegwerfen wollte und von denen er sicher war, dass sie eines Tages noch nützlich sein würden. Sogar alte Nägel hat er gerade gehämmert und aufbewahrt.

Er war eine Art früher Umweltschützer, ein konsequenter Wiederverwerter, und das zu einer Zeit, als fast alle noch an endloses Wachstum glaubten. Wachstum der Wirtschaft, Wachstum der Gehälter, der Wohnungen, der Gärten, der Autos und der Fernsehbildschirme, während vor allem die Müllberge wuchsen.

Ich glaube nicht, dass meine Mutter grundsätzlich eine andere Einstellung hatte als mein Vater. Beide waren in Familien aufgewachsen, in denen man ihnen beigebracht hatte, mit anderen Menschen respektvoll und mit der Natur achtsam umzugehen.

Was meiner Mutter je länger, je mehr zu schaffen machte, war die völlige Unfähigkeit meines Vaters, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Es war paradox: Er wollte alte Sachen retten, die seine Kumpels weggeworfen hätten, aber gleichzeitig war er wütend auf sich selbst, weil er genau diese Gebrauchtgegenstände als Zeichen seiner eigenen Stagnation sah.

Er wollte sich um alles kümmern, aber insgeheim beneidete er die Sorglosen, die Glückspilze, denen alles egal war. Wenn ich eines aus dem Beispiel meines Vaters gelernt habe, dann ist es, dass man nicht versuchen sollte, wie ein Philosoph zu leben, wenn man ein Mensch ist.

Ich werde nie erfahren, warum mein Vater mit seinem Leben nie richtig zufrieden wurde. Er hat es einfach nie ganz hingekriegt. Und meine Mutter konnte ihm auch nicht helfen, obwohl sie das sehr lange versuchte, genauso wenig, wie sie sich am Ende selber helfen konnte.

Vielleicht hätte eine Scheidung meine Mutter retten können. Aber damals war eine Scheidung etwas Grosses und Beängstigendes und nicht die logische Folge einer Eheschliessung, die sie heute ist. Also blieben meine Eltern zusammen.

Ich glaube, nein ich weiss, sie haben sich wirklich geliebt. Und manchmal denke ich, dass sie es hätten schaffen können. Sie haben sich geliebt. Aber sie konnten sich nicht helfen. Das hallt manchmal noch wie ein fernes Echo in meinem Kopf. Die zweistreifige Spur eines Flugzeugs am Himmel, wie ein grosser Reissverschluss. Öffnet man ihn von oben, ist man im Himmel, von unten in der Hölle.

***

Das Haus, in dem ich jetzt wohne, hat dünne Wände und dünne Türen. So baut man Häuser im Land der Freiheit. Als ich vor etwa zwei Jahren mit meinem Mann Tom und unseren vier Kindern hierherkam, war das eines der ersten Dinge, die mir auffielen: wie unglaublich dünn die Wände der Häuser sind. Wir fuhren durch einige der besseren Vororte von Washington, D.C., auf der Suche nach einem Haus, das gross genug für Doris Day, Carry Grant und vier Kinder war und nicht zu weit entfernt von der Stadt.

Wir kamen dabei an mehreren Baustellen vorbei und waren beeindruckt von der Art und Weise, wie diese Häuser gebaut wurden. Alles war so leicht und dünn. Kein einziger schwerer Balken im Dach, keine Armierungseisen zur Verstärkung der Böden, keine dicken Ziegelsteine oder schweren Betonfundamente. Alles war um ein Gerüst aus dünnen Holzplatten gebaut, auf die Sperrholz genagelt und eine Isolierschicht geklebt wurde, bevor das Ganze innen mit Paneelen und Tapeten und aussen mit einer Schicht Zierziegeln oder Holzimitat verkleidet wurde. Alles war so unglaublich leicht.

Ich sagte zu Tom, dass die Baumhäuser, die Walt und ich in unserer Kindheit am Rande Zürichs gebaut hatten, wahrscheinlich genauso stabil waren, wenn nicht stabiler. Später wurde uns klar, dass hier vieles dünner war als in der Schweiz, ausgedünnt wegen der schieren Grösse des Landes. Alles war weitläufig und zugleich dünn. Das öffentliche Verkehrsnetz, das Bier, das soziale Netz und vielleicht auch die Bindungen einer Ehe.

Nun lebe ich also hier in einem Haus mit einem schönen, grossen Garten, einer Doppelgarage, zwei Autos, zwei Fernsehgeräten, einem riesigen Kühlschrank und dünnen Wänden. Mein Vater wäre durch diese Wände hindurchgegangen, wenn er hier gelebt hätte.

Das erste Loch, das Tom mit der Faust in eine der Wände schlug, war im Gästebad im Erdgeschoss. Tom ist Diplomat. Er hasst seinen Beruf und er hasst es, Gäste zu empfangen. Das Gäste-WC machte also als Tatort durchaus Sinn. Er verdeckte das Loch mit einer Fotografie des Hauses, das der Besitzer zurückgelassen hatte. Eine Luftaufnahme unserer Strasse, die aufgenommen worden sein muss, als unser Haus gerade gebaut wurde. Viel Grünfläche umgab die wenigen Häuser. Junge Bäume. Ein grauer Lieferwagen stand in der Einfahrt, und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

„Warum hast du das Bild im Badezimmer aufgehängt?“, fragte ich Tom. Er lächelte und erzählte mir von dem Loch. Er sagte, er habe sich letztes Wochenende über sich selbst geärgert, als er gerade dort stand und pinkelte. Er schlug mit der Faust gegen die Wand über seinem Kopf und erschrak, als die Faust durch die Wand ging.

Ich erzählte den Vorfall meiner deutschen Nachbarin und später meiner Englischlehrerin. Beide lachten. Nicht so sehr über den Gedanken an einen wütenden Ehemann, der Löcher in die Badezimmerwand schlägt, sondern über die Vorstellung, dass Tom, den sie beide kennen, das Loch mit einem Bild verdeckt.    Ich frage mich, ob sie auch lachen würden, wenn es ihre Ehemänner wären, die Löcher in ihre Wände schlagen.

Das war vor etwa einem Jahr. Jetzt gibt es ein zweites Loch, von dem sie nichts wissen, und ich werde es ihnen auch nicht sagen. Ich weiss nicht, warum ich ihnen vom ersten Loch erzählt habe. Das zweite befindet sich in der Tür der Toilette beim Master Bedroom, wie das hier genannt wird.

“Was ist mit der Tür passiert, Tom?“ fragte ich ihn, als ich das Loche entdeckte, obwohl ich wusste, was der Tür passiert war.

„Ich weiss es nicht“, antwortete Tom, ohne mir in die Augen zu schauen.

Damals kümmerte mich das nicht sonderlich. Tom ist ein guter Ehemann und ein guter Vater. Nach zwölf Jahren Ehe und fast zwanzig Jahren, in denen wir uns kennen, ist das Leben mit ihm immer noch schön. Die Liebe kommt und geht wie ein Stück weißes Holz, das von den Wellen an den Strand gespült wird. Manchmal ist sie ganz nah und ich kann sie fast berühren, und manchmal wird sie so weit hinausgetragen, dass ich befürchte, sie kommt nicht zurück. Aber bisher ist sie immer zurückgekommen. Sie verschwindet nie wirklich.

Das ist es, was mich an Tom überzeugt. Ich hatte andere Lieben, die stark und intensiv waren, aber sie haben einen aufgefressen und ausgespuckt, bevor man sich versah. Mit Tom ist das anders. Es ist ein bisschen wie in dem Gedicht, das ich einmal gelesen habe, in dem die Liebe ein Wal ist, der aus seinem dunkelsten Ozean auftaucht. Bei Tom weiß ich immer, dass der Wal da ist, egal wie tief er auch getaucht sein mag. Er ist schwer, er ist riesig, und er kommt immer wieder zu uns zurück.

Die Kinder sind schnell groß geworden. Der Kleinste geht seit letztem Herbst in den Kindergarten. Das gibt mir etwas Zeit für mich. Ich habe wieder angefangen, Klavier zu spielen. Ich habe eine Ausbildung in Shiatsu begonnen. Ich bin geschickt mit meinen Händen.

Tom spricht immer öfter davon, dass er seine diplomatische Karriere beenden möchte. Er sagt, sie sei zu oberflächlich. Es gäbe kein wirkliches Leben darin, nur Papierkram und formalisierte Dialoge. Zu viel Show, zu viel Heuchelei. Er sagt, das mache ihn langsam krank. Er sagt, er würde gerne halbtags arbeiten, die andere Hälfte des Tages mit den Kindern verbringen und den Haushalt machen. Vielleicht hätte er dann noch etwas Zeit und Energie, um zu schreiben, wenn die Kinder im Bett sind.

Ich kann ihn verstehen. Ich weiss ja, dass er mit seiner Arbeit nicht glücklich ist. Aber ich weiss nicht, ob er jemals einen Job finden wird, der ihn zufriedenstellt. Was, wenn ihm zu Hause mit den Kindern auch langweilig wird? Wenn er auch da nicht schreiben kann? Und was soll ich dann machen? Wie sollen wir über die Runden kommen?

Deshalb habe ich mit Shiatsu angefangen. Vielleicht kann ich damit etwas Geld verdienen. Aber als ich Tom davon erzählt habe, fand er die Idee nicht so toll. Ich glaube, ich mag es nicht, wenn du an anderen Menschen arbeitest, sagte er.

***

Gestern bin ich mit den Kindern am Potomac spazieren gegangen. Es war ein klarer Tag, die Luft war noch feucht und der Boden vom starken Regen der letzten Wochen durchnässt. Überall lag Treibholz von der letzten Überschwemmung. Die Holzfäller hatten bereits viele der umgestürzten Bäume in Stücke gesägt, die verstreut auf dem Weg lagen und darauf warteten, eingesammelt und abtransportiert zu werden.

Die Kinder lieben es, im Wald herumzurennen. Je schmutziger sie werden, desto mehr Spass haben sie. Wir sind Indianer und suchen Kanus, die die weissen Trapper irgendwo am Ufer versteckt haben. Wenn wir eines finden, überqueren wir den Fluss und kommen nie wieder zurück.

Ich sage den Kindern, sie sollen vorsichtig sein. Die Uferböschung ist sehr steil. Neben dem Weg gibt es nur ein paar Meter flachen Boden, dann fällt das Gelände plötzlich ab und darunter fliesst der Fluss. Er ist tief und die Strömung ist stark.

Die beiden Grösseren scheinen sich der Gefahr bewusst zu sein. Sie nähern sich der Böschung langsam und vorsichtig. Die Kleinen sind natürlich anfälliger dafür, ins Wasser zu fallen. Lore, unsere Jüngste, wackelt in ihrer unbeschwerten Art dahin, und singt ein Lied dabei, dessen Worte sie beim Gehen erfindet.

Hal, der kleinere der beiden Jungs, rennt auf das Flussufer zu, bleibt brüsk stehen und wirft mit dem Schwung Steine in den Fluss. Ich habe Angst, dass er das Gleichgewicht verliert und einem seiner Steine ins Wasser folgt. Würde ich schnell und stark genug sein, um ihn zu retten, oder würde der Fluss ihn mitreissen?

Ich bin mir der Gefahr bewusst, aber irgendwie lasse ich sie ohne allzu grosse Einmischung nahe an das Ufer herantreten. Manchmal nehme ich Lore für ein paar Schritte an die Hand oder ich rufe: „Nicht zu nah, Fanny!“ oder „Langsam, Hal!“.

Ich habe dieses Bauchgefühl einer Mutter, die weiss, was passieren wird und was nicht. Es erinnert mich an meine Mutter, die viele ihrer Entscheidungen aufgrund dieses Gefühls traf und mich damit manchmal in den Wahnsinn trieb, weil sie ein Verbot nicht begründen konnte.

„Ich kann es Dir nicht erklären, Sally“, sagte sie dann jeweils, „ich weiss es einfach. Es ist da. Das ist so ein Mutter-DIng.“

„Du wirst es auch verstehen, wenn du einmal eigene Kinder hast. Du wirst wissen, was gut für sie ist und was nicht. Das ist ein Instinkt. Eine Frage des Überlebens.“

Als ich so am Potomac entlangspazierte, wusste ich, dass meinen Kindern nichts passieren würde. Sie waren in Sicherheit.

Der Spaziergang am Flussufer, der Geruch von feuchter Erde und verrottenden Blättern weckten Kindheitserinnerungen. Mein Vater, Walt und ich spazieren durch den Wald in der Nähe unseres Hauses. Alte, abgestorbene Bäume stehen zwischen den gesunden. Mein Vater sucht sich einen aus, lehnt sich mit ausgestrecktem Arm dagegen und stemmt sein ganzes Gewicht gegen den Baum, bis er nachgibt und sich zu neigen beginnt, wobei er mit einem knarrenden Geräusch seine toten Wurzeln aus dem Boden reisst, dann fällt er krachend um und die morschen Äste brechen beim Aufprall auf den Herbstboden. Auch der Stamm zerbricht in mehrere Teile.

Ich bewundere seine Kraft und springe vor Freude auf und ab. Walt und ich brechen die Äste ab, die noch am Stamm sind. Dann gehe ich zur Krone des Baums und breche dort ein paar dünne Äste ab. Es sind besondere Äste, weil sie vorher nur von Vögeln oder Eichhörnchen berührt wurden. Sie sind meine Beute, die es manchmal bis nachhause schafft.

Wir gehen weiter und mein Vater sucht nach einem anderen toten Baum, den er umkippen kann. Die Sonne scheint durch die Baumwipfel und ich bin, ohne daran zu denken, sicher, dass ich ewig leben werde.

„Pass auf deinen Bruder auf, Hal,“ rufe ich, „wenn du diese Steine wirfst!“ Mit dem letzten hätte er seinen Bruder fast getroffen. „Denk daran“, sage ich ihm, „wir Indianer sind den weissen Eindringlingen zahlenmäßig unterlegen. Wir dürfen uns nicht noch gegenseitig umbringen, wenn wir überleben wollen.“ Er lacht und rennt davon.

Weiter unten am Weg versucht Rick, der ältere Junge, einen der Baumstrünke vom Boden hochzuheben. Er ist fast vier Fuss lang. „Hilf mir, Mama!“, ruft er. Ich gehe zu ihm hinüber und wir versuchen es gemeinsam, aber der Baumstrunk ist zu schwer.

„Lass ihn uns rollen“, schlägt Rick vor, und gemeinsam schaffen wir es mit unseren Händen und Füßen, ihn in Richtung der Uferböschung zu lenken. Wir geben ihm einen letzten Stoß mit den Füssen, und er fällt wie in Zeitlupe über die Böschung, bleibt viel zu lange in der Luft und schlägt dann mit einem gewaltigen Platschen auf dem Wasser auf, verschwindet für einen kurzen Moment, taucht dann etwas weiter unten wieder auf und wird von der Strömung mitgerissen.

Rick ist glücklich. Er jubelt und tanzt. Er will noch einmal, und Hal und Fanny schließen sich uns an. Am Ende rollen wir ein halbes Dutzend Baumstämme zur Böschung und beobachten, wie sie fallen und davongetragen werden. Einige verfangen sich im Treibgut und in den niedrigen Ästen am Flussufer, wo sie hängen bleiben, während die Strömung versucht, sie mitzureissen.

Als die Zeit gekommen ist, nachhause zu gehen, besteht Rick darauf, zuerst zum Boot zurückzukehren, das wir zu Beginn unseres Ausflugs in einem kleinen Seitenast entdeckt hatten. Es ist ein Ruderboot, das mit zwei Ketten hinten und vorne an Bäumen befestigt ist, sodass es längsseits am Flussufer liegt.

Rick steigt ins Boot, Hal folgt ihm. Lore lässt sich nach einigem Zögern ebenfalls dazu überreden. Fanny will nicht ans Boot. Sie bleibt am Ufer, pflückt Blumen und beobachtet aus dem Augenwinkel, wie ich das Boot ein wenig anschubse, sodass es sich vom Ufer entfernt, bis es von den Ketten aufgehalten wird.

Mir ist klar, dass auch das nicht ganz ungefährlich ist. Es hat hier keine grosse Strömung, aber das Wasser ist tief. Mir wird auf einmal leicht schwindelig, aber gleichzeitig bin ich hellwach, bereit zu springen, obwohl ich weiss, dass ich das nicht tun werden muss. Den Kindern wird nichts passieren. Sie müssen die Welt erkunden. Ich kann sie nicht immer vor allem beschützen.

Während sie im Boot sitzen, sehe ich eines der Holzstücke, die wir weiter oben über die Böschung geworfen haben, langsam herantreiben. Es musste sich von der Böschung losgerissen haben und die Strömung hatte es in den Seitenast getrieben. Ich zeige es den Kindern. Es kommt fast in Reichweite des Bootes. Rick lehnt sich hinaus, kann es aber nicht erreichen. „Lehn dich nicht so weit aus dem Boot, Rick!“, ruft Lore ihm zu. „Du fällst ins Wasser!“

„Los, Kinder“, sage ich. „Es wird spät.“ Sie wollen, dass ich sie noch dreimal vom Ufer wegstosse. „Nur noch dreimal, Mamma, bitte!“

Ich stosse das Boot noch dreimal vom Ufer ab, Dann fahren wir los.

***

Tellermans Rätsel

26. Juli 2025

(zunehmend kleiner werdende Gästezahlen)

Ein Freund von ihm, so hatte es Meir meiner Frau und mir erzählt, als wir ihn und seine Frau Hadassah in ihrer Wohnung in Jerusalem besuchten, nicht ahnend, dass es das letzte Mal sein würde, denn wir wussten nichts von seiner heimtückischen Krankheit, die sich in ihm nach ihrer letzten Attacke ausruhte, bevor sie ihn zwei Jahre später in sein bereits offenes Grab stossen sollte, dieser Freund von ihm also, so hatte uns Meir erzählt, habe zu seinen Neujahrsfesten, von denen jeder, der schon einmal eines miterleben durfte, das folgende auf keinen Fall verpassen wollte, jeweils mittels eines Rätsels eingeladen.

Nur wer das Rätsel, das jedes Jahr schwieriger geworden sei, ganz lösen konnte, fand heraus, wann (denn das Datum des Festes war noch beweglicher als das jüdische Neujahr) und wo (denn die Feierlichkeiten fanden nie im Haus des Freundes statt, obwohl dieses, so Meir, dafür gross genug gewesen wäre) das Neujahrsfest diesmal stattfinden würde. Wer das Rätsel nur halb lösen konnte, wusste zwar wo, aber nicht wann, und wem die Lösung der anderen Hälfte gelang, der wusste zwar wann, aber nicht wo das grandiose Fest steigen würde.

Da die Rätsel, wie gesagt, von Jahr zu Jahr schwieriger wurden, wuchs mit jedem Jahr die Zahl derer, die nicht mehr imstande waren, das Rätsel ganz zu lösen, oder anders gesagt: die Zahl der Gäste, die am richtigen Abend am Ort des Festes erschien, wurde zunehmend kleiner.

Als Nebenprodukt dieser besonderen Einladungen konnte man, wenn man offene Augen und den Blick dafür hatte, in den Tagen rund um Rosch ha-Schana, also im September oder Anfang Oktober, in Jerusalem Menschen beobachten, die festlich gekleidet in den Strassen der Altstadt umherirrten, einige von ihnen mit Blumen oder einem Zickerkichen, in der völlig vergeblichen Hoffnung, sie würden auf jemanden treffen (und ihn oder sie auch erkennen), der das Rätsel, das zu lösen ihnen nicht gelungen war, ganz gelöst hätte und sie zum Fest führen würde.

Die Hoffnung war deshalb völlig vergebens, weil noch nie jemand, der das Rätsel ganz gelöst hatte, jemandem zu einem der besonderen Neujahrsfeste geführt hatte, der das Rätsel nur halb oder gar nicht gelöst hatte. Dies aus dem einfachen Grund, weil am Eingang zum Fest eine personalisierte Kontrollfrage gestellt wurde, die nur beantworten konnte, wer das ganze Rätsel selber gelöst hatte.

Es gäbe auch Leute, so erzählte es Meir, die überzeugt davon waren, das Rätsel sei für jeden eingeladenen Gast ein anderes, auf ihn zugeschnittenes gewesen, und habe mit der Lösung eine Art individuelles Passwort generiert, das dem Pförtner beim Eintritt ins linke Ohr geflüstert werden musste, denn auf dem rechten war der arme Mann seit vielen Jahren völlig taub.

Wie dem auch sei. Die Zahl der Gäste nahm jedes Jahr ab, obwohl sein Freund, hatte uns Meir versichert, nur intelligente Menschen zum Neujahrsfest einlud, denn geladen waren in der Regel nur dessen Freunde, und obwohl er viele Freunde hatte, würde man unter ihnen, auch wenn man sie lange suchte – was niemand tun würde, der ganz bei Sinnen ist – keine dummen Menschen finden.

Wenn ich sage in der Regel, dann deshalb, weil wir letztes Jahr völlig unerwartet eine Einladung zum Neujahrsfest von Amos Tellerman erhalten haben, ohne Amos Tellerman je getroffen zu haben, geschweige denn mit ihm befreundet zu sein. Dass es sich bei Amos Tellerman um Meirs Freund handeln musste, war mir sofort klar, nachdem ich den Umschlag geöffnet hatte und die Einladung in meinen Händen hielt.

Es war eine doppelseitige, ausklappbare Karte von ungewöhnlichem Format, auf deren Vorderseite von Hand in schöner Schrift geschrieben stand: «Persönliche Einladung zur Rosch ha-Schana Feier 5785 in Jerusalem». Die Einladung galt für meine Frau und mich. Sie hatte uns nach einem Umweg über Wien Anfang September an unserem neuen Wohnort in der Schweiz erreicht, wohin wir im April nach sechseinhalb Jahren in Wien gezogen waren.

Zum ersten Mal war ich, nachdem bisher nur Rechnungen oder Einladungen an bereits dirigierte Konzerte nachgesandt worden waren, froh, dass ich der Österreichischen Post einen kostenpflichtigen Nachsendeauftrag erteilt hatte und dass dieser noch nicht ausgelaufen war.

Rosch ha-Schana wurde 2024 vom zweiten bis am vierten Oktober gefeiert. Meine Frau und ich waren begeistert von der Einladung und buchten sofort nach Erhalt einen Flug für Ende September. Wir hatten ohnehin vorgehabt, zum neuen Jahr wieder zur Familie meiner Frau zu fliegen.

Erst nachdem wir gebucht hatten, fiel uns auf, wie seltsam die Einladung war. Nicht die Einladung an sich, die zwar geheimnisvoll aber keinesfalls seltsam war, sonden ihr Zeitpunkt und ihr Versand nach Wien. Wie kam es, dass Amos Tellerman, Meirs Freund, uns zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung zum Neujahrsfest zukommen liess, und woher wusste er, dass wir in Wien waren?

Seine Kenntnis unseres Aufenthaltsortes war nach kurzem Überlegen erklärbar. Als Meir starb, waren wir noch in Ankara. 2017, drei Jahre nachdem uns die traurige Nachricht von seinem Tod erreicht hatte, zogen wir nach Wien. Meir musste Tellerman gesagt haben, dass ich als Schweizer Botschafter unterwegs war, und als solcher ist man mit ein paar Mausklicks jederzeit auffindbar, bis man dann eines Tages in die Pension abtaucht und sich von Ehemaligen-Vereinen fernhält.

Weshalb uns Amos Tellerman zehn Jahre nach Meirs Tod eine Einladung schicken sollte, war uns hingegen ein Rätsel. War es Meirs Frau Hadassah, die ihn dazu gebracht hatte? Oder waren wir bei Tellerman auf einer Art Ersatz- oder Warteliste gelandet und kamen nun zum Handkuss, nachdem so viele seiner Freunde an der rätselhaften Einladung gescheitert waren, dass er an einem Punkt angelangt war, wo er Freunde seiner Freunde einladen musste, um nicht alleine zu feiern?

Es war uns rasch klar, dass sich diese Frage (eine Art Nebenrätsel) – wenn überhaupt – erst mit dem Kennenlernen von Amos Tellerman am jüdischen Neujahrsfest beantworten liess. Dafür aber mussten wir das Rätsel der Einladung lösen.

Wir öffneten also gespannt, fast ehrfürchtig die gefaltete Karte und lasen auf der rechten Innenseite ein erstes Mal das Rätsel.

Wenn 15 Männer im Erdgeschoss eines Hochhauses mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl warten, der maximal 8 Personen befördern darf, und wenn dieser ankommt und sich die Türe öffnet, lassen sich alle gegenseitig den Vortritt, aber keiner tritt ein, bis sich die Türe wieder schliesst und der Fahrstuhl nach oben fährt: in welchem Stockwerk hält er zuerst und wieviele Personen steigen aus?

“Ich weiss die erste Antwort!”, rief ich sofort. “Der Fahtrstuhl hält im 1. Stockwerk!”

“Weshalb…?” fragte meine Frau verdutzt.

“Weil es ein Schabbat-Fahrstuhl ist,” sagte ich, ein wenig stolz auf mich, “die halten am Schabbat bei jedem Stockwerk automatisch, damit niemand einen Knopf drücken muss.”

“Es steht aber nirgends geschrieben, dass es Schabbat ist.”, sagte meine Frau.

“Es steht aber auch nirgends, dass es nicht Schabbat ist.”

“Da hast Du Recht,” sagte sie, “mein kleiner Goi. Und es spielt auch überhaupt keine Rolle, weil der Fahrstuhl, wenn es ein Shabbat-Fahrstuhl ist, die ganzen drei Tage von Rosch ha-Schana im Schabbat-Modus ist.”

“Gut,” sagte ich, “dann hätten wir also, würden wir damit richtig liegen, den ersten Teil des Rätsels gelöst. Obwohl das verdächtig einfach war, wenn man bedenkt, dass die Rätsel jedes Jahr schwieriger werden und mittlerweile so schwierig geworden sind, dass viele geladenen Gäste sie nicht mehr lösen können, obwohl es sich ausnahmslos um intelligente Menschen handelt.”

“Vielleicht können sie die Rätsel gerade deshalb nicht lösen,” sagte meine Frau, “weil sie zu intelligent sind und viel zu viel überlegen, während die Lösung direkt vor ihrer Nase liegt.”

“Ich glaube trotzdem nicht, dass der 1. Stock die Lösung ist”, sagte ich. “Und es ist ja nicht so, dass wir mehrere Versuche haben, um die richtige Antwort zu finden. Wir müssen uns auf eine Antwort festlegen und dann ist sie entweder richtig oder falsch.

Aber nehmen wir einmal an, die Antwort auf die erste Frage lautet tatsächlich im ersten Stock. Wohin führt uns das?”

“In den ersten Stock” sagte meine Frau und lachte.

“Und wie viele Personen steigen dort aus?”

“Das müssen wir noch herausfinden.”

“Und wo und an welchem Tag fände das Fest statt?”

“Wo wüssten wir schon. Im ersten Stockwerk eines Hauses mit 17 Stockwerken und einem Schabbat-Aufzug. Und das Datum ist der 2., 3. oder 4. Oktober.”

“Es dürfte in Jerusalem mehrere Dutzend solcher Hochhäuser geben. Willst Du bei jedem an allen drei Tagen vorbeigehen und dem Pförtner ins linke Ohr flüstern? Und vor allem: WAS willst Du ihm ins Ohr flüstern? Was wäre unser persönliches Passwort?”

“Diesen Teil des Rätsels müssen wir noch lösen”, sagte meine Frau.

***

Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte ich nach dem ersten Schluck Kaffee zu meiner Frau: “Weisst Du, was mir heute Nacht in den Sinn gekommen ist? Das Rätsel ist tatsächlich auf uns zugeschnitten.”

“Wieso?”

“Ich hatte Meir einmal erzählt, wie ich als junger Diplomat in Strassburg im Gebäude des Europarats mit einer Gruppe von älteren Diplomaten auf den Fahrstuhl wartete, und als dieser dann endlich kam und sich die Türe öffnete, liesen sich alle gegenseitig den Vortritt. Sie baten einander so lange, doch bitte den Fahrstuhl zuerst zu betreten (“Bitte nach Ihnen!” “Nein, bitte nach Ihnen!”) bis sich die Tür wieder schloss und der Fahrstuhl entschwand, ohne dass jemand eingestiegen wäre.”

“Und wohin bringt uns das?”

“Nicht in den ersten Stock” sagte ich. “Weisst Du, was Meir dazu sagte? Das nennt man Türquälerei.”

Ich öffnete die Einladungskarte und las das Rätsel noch einmal.

15 Männer warten in einem Hochhaus mit 17 Stockwerken auf den Fahrstuhl, der maximal 8 Personen befördern darf. Keiner steigt ein bis der Fahrstuhl wieder losfährt. Wo hält er zuerst? Und wieviele Leute steigen aus?

“Der Fahrstuhl könnte, wenn es sich um einen Schabbat-Fahrstuhl handelt, entweder im ersten Untergeschoss oder im ersten Obergeschoss anhalten,” sagte ich zu meiner Frau, “nicht wahr?”

“Genau,” sagte sie, “und wenn es kein Schabbat-Fahrstuhl ist, wird er zur Etage fahren, die ein Fahrgast ausgewählt hat.”

“Aber es ist niemand im Lift…” warf ich ein.

“Das wissen wir nicht,” antwortete meine kluge Frau. “Wir wissen nur, dass niemand eingestiegen ist. Wir wissen weder, ob der Fahrstuhl von unten oder von oben kam, noch ob jemand drin war, oder ob Fahrgäste ausgestiegen sind.”

“Du hast Recht. Es könnte also sein, dass jemand, der berits im Fahrstuhl war, auf irgendeinen Knopf gedrückt hat.”

“Genau. Es könnte aber auch sein, theoretisch, dass Personen, die bereits im Fahrstuhl waren, keinen Knopf gedrückt haben.”

“Stop”, sagte ich, “Wir haben uns verrannt. Es heisst im Rätsel, der Fahrstuhl fuhr nach oben los. Wir können die unteren Geschosse also ausschliessen. Der Fahrstuhl wurde von jemandem, der sich bereits im Fahrstuhl befand, in ein oberes Stockwerk gesandt, oder von jemandem der sich in diesem Stockwerk befand, gerufen.”

“Aber welches Stockwerk…? Wir kommen nicht weiter.”

“Nicht wirklich. Wir stecken im Fahrstuhl fest, sozusagen…”

“Richtig – lass uns aus- und ein paar Schritte zurücktreten. Versuchen wir es einmal mit den Zahlen. Die müssen ja eine Bedeutung haben. 15 Männer, 17 Stockwerke, 8 Passagiere.”

“15 plus 17 geteilt durch 8 gleich 4 – hält der Fahrstuhl vielleicht im 4. Stock?”

“Das wäre zu einfach”, sagte meine Frau.

“Aber vielleicht zutreffend” sagte ich. “Und wir wissen ja damit noch nicht, wieviele Leute aussteigen.”

“Vielleicht ein einziger Fahrgast?” versuchte es meine Frau.

“Wie das?” fragte ich.

“Weil noch jemand im Fahrstuhl war, als sich im Erdgeschoss die Türe öffnete.”

“Jemand der runter und dann gleich wieder hoch fährt?”

“Vielleicht hat er etwas vergessen…”

“Oder sie…”

***

Nun, was soll ich sagen: wir haben auch nach dem Frühstück den ganzen Tag immer wieder von Neuem versucht, das Rätsel zu lösen. Auch in den nächsten Tagen haben wir unermüdlich alle möglichen Abläufe und Kombinationen durchgespielt, um herauszufinden, wo der Fahrstuhl hält und wieviele Leute aussteigen. Wir haben verschiedene Lösungsmuster auf unser Rätsel angewendet, auch jenes vom Fuchs und vom Huhn und vom Getreide das ein Bauer über den Fluss transportieren muss, ohne dass das Getreide oder das Huhn verspiesen werden, aber am Ende standen noch immer 15 Männer vor einem Fahrstuhl, von dem wir nicht wussten, ob er bei der Ankunft leer war und wo er danach anhielt.

Ich kaufte mir sogar ein Buch über jüdische Rätsel aus Talmud und Midrasch und erfuhr daraus viel über den Aufbau und das Wesen jüdischer Rätsel. Ich lernte, dass der Wind ein meschugener Schwiegersohn und das Stärkste das Glück ist, aber es half alles nichts, wir konnten das Rätsel nicht lösen.

Mitte September gaben wir es auf. Wir mussten es uns eingestehen: Das Rätsel war für uns unlösbar, unser Glück zu schwach. Wenn es tatsächlich ein auf uns zugeschnittenes Rätsel war, dessen Lösung unsere persönlichen Eintrittsticket für das Neujahrsfest generiert hätte, dann waren wir nicht nur am Rätsel, sondern auch an uns selber gescheitert, letztlich an unserer Selbsterkenntnis, die sich als eine Selbstunkenntnis erwies.

In unserer Enttäuschung über das verpasste Fest und unser vereintes Unvermögen beschlossen wir, den bereits gebuchten Flug zu stornieren und dieses Jahr über die Festtage nicht nach Israel zu reisen. Wir wollten nicht nahe bei einem Fest sein, zu dem wir eingeladen waren, an dem wir aber wegen unserer Beschränktheit nicht teilnehmen konnten. Das einzige, was nach Ansicht meiner Frau zu tun blieb, war, uns bei Amos Tellerman für die geschätzte Einladung zu bedanken, denn eine solche blieb es, auch wenn wir ihr wegen unserer Einfallsarmut nicht Folge leisten konnten.

Der Brief mit der Einladung zum Neujahrsfest enthielt jedoch, ich weiss nicht, ob ich das bereits erwähnt habe, keinen Absender. Auf der Rückseite stand lediglich Amos Tellerman, Jerusalem. Nun ist in Jerusalem eine Adresse ausfindig zu machen, wenn man lediglich über einen Namen verfügt, fast so schwierig, wie wenn die gesuchte Person in Istanbul in einem der wild gewachsenen Aussenquartiere wohnen würde, wo die Strassen keine Namen und die Häuser keine Nummern haben.

Israelische Behörden erteilen keine Adressauskünfte an ausländische Privatpersonen. Die israelische Botschaft in Berlin bietet zwar, wie ich nach kurzer Recherche im Internet herausfand, auf ihrer Internetseite gegen Gebühr einen Adressvermittlungs-service, aber der Link, auf den ich gestossen war, führte, wie konnte es anders sein, ins Leere. Es schien uns in dieser Sache überhaupt nichts zu gelingen. Wir konnten nicht nur das Rätsel nicht lösen, wir schafften es auch nicht, uns dafür zu bedanken.

Gab es am Ende gar keinen Amos Tellerman? War es unser lieber Freund Meir, der die Neujahrsfeste mit den Rätseleinladungen veranstaltete? Oder gab es weder Amos Tellerman noch die berühmten Neujahrsfeste? Hatte Meir das alles für uns erfunden, weil es eine so schöne Geschichte ist?

Wir mussten die Sache, ob wir wollten oder nicht, auf sich beruhen lassen. Meir, ob er nun der Erfinder von Tellerman und Tellermans Rätsel war oder nicht, hätte es lösen können, davon bin ich überzeugt. Uns aber bleibt die Lösung verborgen, bis wir sie vielleicht eines Nachts träumen dürfen, und wenn wir aufwachen kommt der Fahrstuhl an und man sieht die Nummer des Stockwerks über der Türe, die sich langsam öffnet, und man kann die Menschen zählen, die aussteigen, und wir schauen uns an und denken: natürlich, wie konnten wir das bloss übersehen.

Kurz nach der Invasion der Osterküken

29. Juni 2025

Vom ersten fand ich nur ein kleines Stück, ohne zu wissen, wozu es gehört. Unser Roboter hätte es eingesaugt, wenn es mir nicht vorher aufgefallen wäre: ein hellblaues Stück Filz, einen knappen Centimeter lang, einen Millimeter breit und an einem Ende in einen Dreiviertelkreis gebogen. Es lag in der Küche auf dem Boden. Ich hob es auf und warf es, während ich mich noch wunderte, was es war, in den Müll.  

Am nächsten Morgen sprang mir, als ich in die Küche trat um Kaffee zu machen, vom Balkon etwas leuchtend Gelbes ins Auge.  Wahrscheinlich eines der Spielzeuge der Hunde, dachte ich, während ich die Balkontüre öffnete, aber es war ein Küken aus Stoff mit roten Plastikfüssen, einem kleinen orangen Schnabel, schwarzen Knopfaugen und einem Brillengestell aus hellblauem Filz. Das war es also, was ich am Vortag gefunden hatte. Ein Stück eines Brillengestells eines kurzsichtigen Osterkükens.

Wahrscheinlich war es von der Terrasse über unserem Balkon runtergefallen oder ein Kind hatte es runtergeworfen. Kinder werfen manchmal ihre Spielzeuge von Balkonen. Ich hob es auf und betrachtete es. Seine Brillenfassung war intakt. Das Stück Stoff vom Vortag musste zu einem anderen Küken gehört haben. Ich warf es in den Müll.

Am nächsten Tag lag wieder ein Küken auf dem Balkon. Ich hob es auf und schaute zur Terrasse hoch. Man konnte sie nicht sehen, aber ich wusste, dass über uns eine Terrasse war. Ich konnte ihr gemauertes Geländer beim Haus gegenüber sehen, das wie das unsere gebaut war, nur seitenverkehrt. Sollte ich das Küken aufbewahren, falls das Kind oder dessen Eltern an unserer Türe klingeln und nach ihm fragen würden? Ich warf es in den Müll.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war mein erster Gedanke, ob erneut ein gelbes Küken auf unserem Balkon darauf wartete, entdeckt zu werden. Als ich beim Flur um die Ecke kam, sah ich gleich drei gelbe Gegenstände auf dem Balkon liegen. Nicht ein, drei Küken waren über Nacht gelandet.  Alle mit hellblauen Brillenfassungen. Was ging hier vor sich? Spielte mir jemand einen dummen Streich? Ich trat auf den Balkon und schaute mich um. Der Balkon gegenüber war zu weit entfernt, als dass man einen so leichten Gegenstand wie ein Stoffküken (mit Filzbrille) auf unseren Balkon hätte werfen können.

Dass ein Vogel die Küken irgendwo aufgegabelt hatte und dann, wenn er im Flug feststellte, das sie zum Nestbau nicht taugen, über unserem Balkon fallen gelassen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen. Einmal vielleicht, aber zweimal hintereinander und nun gleich drei aufs Mal? Das schien mir völlig ausgeschlossen.

Vom Balkon unter uns konnten sie auch nicht kommen.  Aus demselben Grund, aus dem ich den Balkon gegenüber als Herkunftsort ausgeschlossen hatte. Und vom Balkon unter uns kam ab und zu Zigarettenrauch hoch. Raucher sind seriöse Menschen. Sie  werfen keine Stoffküken auf den Balkon über ihnen. Blieb die Terrasse im 5. Stock. Ich beschloss, der Sache nachzugehen.

Die drei Küken stellte ich derweil auf die Küchenkommode. Ein Stoffküken in den Müll werfen ging. Ein zweites ging auch noch. Drei zusammen in den Müll zu werfen, brache ich nicht mehr übers Herz. Es wäre eine Art Massenmord gewesen. Die männlichen Küken, die im Schredder landen, kamen mir in den Sinn, und es tat mir jetzt leid, dass ich die ersten zwei Küken in den Müll geworfen hatte. Irgendjemand hatte sie ausgesetzt, auch wenn ich noch nicht wusste, wer. Ich hatte nicht das Recht, sie in den Müll zu werfen.

Am nächsten Tag regnete es, und ich stellte beruhigt fest, dass keine neuen Küken auf unserem Balkon gelandet waren. Auch am nächsten Tag regnete es, und wieder erschienen keine neuen Küken auf dem Balkon. Ich hätte die rätselhafte Landung der Küken vergessen, wenn nicht die drei, die ich nicht zu den ersten zwei in den Müll geworfen hatte, mich von der Küchenkommode her durch ihre leeren Brillenfassungen angeschaut hätten, als erwarteten sie Futter oder wollten mit mir wegen einem wichtigen Anliegen dringend reden. So weit kommt es noch, dachte ich, und drehte sie zur Wand.  

Am folgenden Tag schien die Sonne durch die Storen im Schlafzimmer und ich ging leicht angespannt den Flur entlang in Richtung Küche, als hätte ich es geahnt.  

Eine ganze Schar gelber, kurzsichtiger Küken stand oder lag auf dem Balkon.  

Ich war jetzt nur froh, hatte ich während der Regenpause nichts von den Küken zu meiner Frau gesagt, die für einen Monat zu ihrem Sohn und seinen frischen Zwillingen (zwei Mädchen) nach Israel gereist war. Was hätte sie von mir denken müssen, wenn ich ihr zuerst vom gebrochenen Brillenrahmen, dann von den zwei einzelnen Küken erzählt hätte, und dass es nun zum Glück vorbei sei (weil es regnet), und am Tag darauf erzähle ich ihr dann von einem ganzen Trupp gelandeter Küken? Ich sei völlig meschugge?   

Trupp war im Übrigen das richtige Wort: es war ein Spähtrupp von Küken, das wurde mir am darauffolgenden Tag klar. Die ersten zwei gelandeten Küken waren einzelne Aufklärer, dann kam ein Spähtrupp, und  am Tag danach bedeckte eine Unzahl von Küken wie ein gelber Teppich den Balkon. Auch auf dem kleinen Balkontisch und den beiden Stühlen sassen oder lagen sie. Die Invasion der kurzsichtigen Küken hatte begonnen.

Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis ich alle eingesammelt hatte, beobachtet von unseren beiden Hunden, die von der Küche aus zuschauten und sich nicht trauten, einzugreifen. Ich hätte gerne gewusst, was sie dachten, als sie mich dabei beobachteten, wie ich massenweise leblose Küken aufsammle und in unsere Wohnung trage.

Nachdem ich für alle Küken einen Standplatz gefunden hatte, gab es kaum noch ein Möbel in Küche und Wohnzimmer, das nicht von Küken besetzt war.  Ich ass meine Haferflocken im Stehen und versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Es war eine Invasion, das stand fest, aber wer steckte dahinter? Jemand musste diese leblosen kleinen Dinger ja auf meinem Balkon abgesetzt haben. Aber wer?

Kinder schienen mir mittlerweile nicht nur deshalb ausgeschlossen, weil das Paar über uns keine hatte. Aufklärer – Spähtrupp – Invasion: diesen Dreisprung schaffte kein Kind, auch wenn man ihnen heute viel zutrauen musste, bei allem, was sie in ihren Videospielen vorgeführt erhalten. Was hier vor sich ging, war das Werk eines oder mehrerer Erwachsenen.

Die Frage nach dem geografischen woher kannte noch immer nur eine Antwort: die Invasion kam von oben. Aus der Luft oder von der Terrasse über uns, und da der Abwurf aus einem Truppentransporter für Küken (oder einer Hühnerdrohne) absurd schien, blieb die Terrasse.

Das Paar über uns hatte offenbar einen seltsamen Humor, oder die Küken waren eine Retourkutsche für das gelegentliche Bellen unserer Hunde. Wir kannten uns nicht, man traf sich lediglich ab und zu im Fahrstuhl und sagte Hallo. Aus der Art ihres Grüssens war zu hören, dass sie keine Schweizer waren, was den humorvollen Abwurf wahrscheinlicher werden liess.

Als der Balkon am nächsten Tag wieder von Küken übersät war, reichte es mir. Ich zog über dem Pyjama den Morgenmantel an, griff mir eine Handvoll Küken, stapfte die Treppe hoch und klingelte an der Tür über uns. Unser Nachbar öffnete.  Er trug einen Anzug, roch nach Rasierwasser und war offenbar gerade dabei, die Wohnung zu verlassen um zur Arbeit zu gehen. Er sagte etwas auf Spanisch in einem höflichen Tonfall, was wahrscheinlich Was wollen Sie hiess.  

Ich hielt ihm die Küken unter die Nase und sagte: „Das muss aufhören!“ Er nahm sie an sich, lächelte erfreut und sagte; „Muchas Gracias!“ Dann schloss er langsam die Türe.

Ich ging zurück in unsere Wohnung.  Ich war mir nicht mehr sicher, ob er etwas mit den Küken zu tun hatte. Er sah freudig überrascht aus und schien die Küken für ein verspätetes Ostergeschenk zu halten.  Vielleicht schenkte man sich da, wo er herkam, unter Nachbarn in der Osterzeit kleine Osterküken.

Aber Ostern war schon mehr als zwei Wochen vorbei. Woher kamen all die Küken? Noch im Morgenmantel verliess ich die Wohnung, überquerte die Strasse und ging ins Shoppingzentrum.

Im Coop hatten sie den Osterschmuck bereits weggeräumt, aber in der Migros gab es tatsächlich noch einen Restposten mit Osterhasen und Osterschmuck zu stark reduzierten Preisen. Aus drei offenen Kartons schauten mich Horden von gelben Stoffküken mit zusammengekniffenen Augen durch ihre Filzbrillen an.

Ich griff mir die drei Kartons und ging zur Kasse, wo mir beim Anstehen einfiel, dass ich die Wohnung ohne Geld oder Kreditkarte verlasen hatte. «Können Sie mir die bitte auf die Seite tun? Ich wohne gegenüber, ich komm sie gleich bezahlen».

Die Kassiererin schaute den älteren Mann im Morgenmantel, der ohne Geld drei Kartons Stoffküken kaufen wollte,  ungläubig an, aber sie legte die Kartons neben sich auf den Boden. Als sie wieder hoch kam,  blickte sie direkt ins Gesicht des Mannes, der umgedreht hatte. «Passen sie gut auf sie auf!» sagte er, und ging los.

Ich stellte die neuen Küken ins Badezimmer meiner Frau – der einzige Ort, wo noch Abstellraum vorhanden war (in ihrer Badewanne). Ich hatte mich mit dieser Aktion vielleicht lächerlich gemacht, aber mir war etwas Entscheidendes gelungen: Ich hatte dem Feind die Nachschublinien abgeschnitten! Wenn es mir gelang, die bereits gelandeten Truppen zu isolieren, war die Invasion abgewehrt und der Krieg gewonnen.

Die Nacht verbrachte ich in der Küche. Ich hatte ein paar Kissen so auf den Boden gelegt, dass ich liegend den Balkon im Blickfeld hatte. Meine Absicht war, wach zu bleiben, um für den Fall, dass es noch eine letzte Landung geben sollte, zu sehen, wie die Küken auf dem Balkon gelangten, und das gelang mir auch, bis ich gegen 5 Uhr einschlief und erst um 9 Uhr wieder erwachte, als einer unserer Hunde mein Gesicht leckte.

Ich öffnete die Augen. Irgendwann zwischen  5 und 9 Uhr musste die nächste Welle von kurzsichtigen Osterküken auf dem Balkon gelandet sein.

Völlig geschafft stand ich auf. Alle Knochen taten mir weh. Ich wischte mit dem Handrücken eine Ecke des Esstisches und einen Stuhl frei, setzte Kaffeewasser auf und sank erschöpft auf den Stuhl.  

Verlor ich gerade den Verstand? In der Zeitung hatte ich von einem Organismus gelesen, der sich nach einer kurzen Zeit, in der er zur Nahrungssuche herumgeschwommen ist (oder am Meeresgrund gewandert, ich weiss es nicht mehr) an einem Fels festklebt und für den Rest seines Lebens dortbleibt. Kurz nachdem er sesshaft wurde, beginnt er damit, sein Hirn zu essen, beziehungsweise es aufzulösen, weil er es nicht mehr braucht.  

Meine Frau hatte sich stets vor meiner Pensionierung gefürchtet. Sie hatte (erfolgreich) versucht, den Zeitpunkt möglichst lange hinauszuzögern, weil sie überzeugt ist davon, dass man in der Pension ohne die Herausforderungen der Arbeit geistig nur noch abbaut. Hatte sie Recht damit und ich begann, nach einem bewegten Arbeitsleben in acht Ländern in Regensdorf sesshaft geworden, gerade damit, mein Hirn aufzufressen?

Ich gab auf. Die Invasion war gelungen, meine Abwehr kläglich gescheitert. Ich rief meinen Bruder an, der in einem grossen Haus in Höngg lebt, und dessen ältester Sohn gerade erst ausgezogen war.

«Ich halte es in unsere Wohnung nicht mehr alleine aus», sagte ich ihm. «Kann ich mit den Hunden bei Dir wohnen, bis meine Frau nachhause kommt?»

Natürlich war das nicht die volle Wahrheit, denn alleine war ich in unsere Wohnung nun wirklich nicht, aber mein Bruder sagte ja und so begab ich mich nach der Besetzung meiner Heimat ins Exil. Als meine Frau zwei Wochen später zurückkehrte, holte ich sie mit den Hunden auf dem Flughafen ab. Als sie wieder aufrecht stand, nachdem sie von den Hunden – wie immer – über den Haufen gerannt worden war,  umarmte ich sie und fragte: «Wie war’s?»

«Schön, mit den Kindern und Grosskindern,», sagte sie, «aber auch sehr schwierig wegen dem Krieg.»

Und dann fügte sie an: «Wie viel Glück wir doch haben, hier in einem Land leben zu dürfen, das keine Kriege kennt.»

«Ich weiss.» sagte ich. «Gehen wir auf dem Heimweg noch irgendwo einen Kaffee trinken? Ich muss Dir noch etwas erzählen.»

Melancholie der Vorgärten

28. April 2025

Es war gegen 9 Uhr. Der Himmel war grau und bewölkt. Einige Wolken waren leicht, weiss und beweglich, als wollten sie die Bemühungen der Sonne unterstützen, die Oberhand zu gewinnen, die meisten aber gross, dunkel und schwer. Es bedurfte keiner Wettervorhersage, um zu wissen, dass es demnächst regnen würde. 

Da wenig Aussicht auf eine Wetterbesserung am Nachmittag bestand, beschloss ich, trotz des bevorstehenden Regens auf den langen Spaziergang zu gehen. Ich schloss die Tür hinter mir ab und leinte im Fahrstuhl die Hunde an.

Als wir aus dem Haus traten, fielen bereits die ersten Tropfen.  Gut, sagte ich zu den Hunden, wir gehen jetzt los und der Spaziergang dauert dann einfach so lange, bis es richtig anfängt zu regnen, dann kehren wir um.  Einverstanden? Und wenn wir ein wenig nass werden, dann geschehe nichts Schlimmeres.

Wir gingen die Roosstrasse entlang, vorbei am Pflegeheim, aus dem gerade zwei weisshaarige alte Damen kamen, die sich auf Französisch unterhielten. Auch sie hielten trotz dem aufkommenden Regen an ihrem täglichen Spaziergang fest.

Anstatt wie üblich beim Ostring die Unterführung zu nehmen und dann entlang der Strafanstalt zum Wald zu spazieren, wartete ich, bis die Ampel auf Grün sprang, und überquerte die Roosstrasse. Als auch die Ampel am Ostring grün wurde, überquerten wir den Ostring.   

Auf der anderen Strassenseite bogen wir kurz darauf in die Hofwiesenstrasse ein, die wir – vorbei am Haus meiner frühen Kindheit – bis an ihr Ende gingen. Dort angelangt, wollte ich nach links abbiegen um durch ein kurzes Stück Wald in Richtung Altburg zu spazieren, aber die um eine Minute ältere unserer beiden Pudelweibchen, die stets genau weiss, wo sie nicht hinwill, stand still und wollte nach rechts.

Also gingen wir zuerst nach rechts und machten dann einen Bogen nach links um das Waldstück herum, vorbei an einer Baustelle, an der ein Mann mit Helm und Kopfhörer Rohre zersägte,  vorbei einem Parkplatz rechter Hand, bei dessen Eingang noch immer ein verblassendes Schild mit den Öffnungszeiten des Restaurants Altburg stand.

Das Restaurant Altburg, eine Jugenderinnerung, hatte vor Jahren den Betrieb eingestellt. Kurz darauf gingen wir daran vorbei. Es wurde nun als Wohnhaus genutzt und hatte, anstatt wie früher einen grossen Eingang für die Gäste, jetzt zwei kleinere für die Bewohnerinnen und Bewohner. Bemerkenswert, dachte ich als wir weitergingen, wie man an Dingen vorbeigehen kann, die es nicht mehr gibt.

Am Brunnen vor dem geschlossenen Restaurant wählten wir nicht den Weg links den kleinen Hügel hoch zur Ruine Altburg, sondern gingen nach rechts zwischen sorgfältig renovierten Häusern hindurch, auf der rechten Strassenseite gepflegter Rasen und farblich aufeinander  abgestimmte Blumen, auf der linken Strassenseite Kinderspielzeug in den Vorgärten, nur Kinder sah man keine.

Es fielen nun ein paar Tropfen mehr und der Himmel hatte sich weiter verdunkelt, aber es gab noch keinen Grund, umzukehren. Bevor wir nach links in einen Weg einbogen,  der hinunter in die Senke zu den Geleisen führt, drehte ich mich um, um mich zu versichern dass sich von hinten kein Elektrobike nähert.

Es näherte sich keines. Stattdessen sah ich am grünen Abfallbehälter, der am Ausgang der  Siedlung am Wegrand steht, eine Person mit einem Fahrrad, die dem Behälter gerade ein paar der blauen Hundekotbeutel entnahm. Einen Hund konnte ich aus der Distanz nicht ausmachen.

Wind war aufgekommen. Ich bog nach links ab, vorbei an einem frisch angelegten kleinen Teich, der Teil eines im Bau befindlichen Naturpfads sein würde, wie ich neulich auf der zu diesem Zweck aufgestellten Tafel las. Naturpfade schienen gerade in Mode zu sein. Auch wenn mit jedem Naturpfad ein Stück unberührte Natur verschwand.

Wenig später hörte ich Kies hinter mir knirschen. Ich nahm die Hunde kurz und drehte mich um. Die Person mit dem Fahrrad stand wenige Meter hinter mir am Wegrand. Es war eine ältere Frau.

«Ich wollte sie nicht erschrecken», sagte sie zu mir.

«Das haben sie nicht» antwortete ich. «Ich dachte nur, sie wollen vorbei.» Dann drehte ich mich wieder um und ging weiter.

Wenig später, als der Weg leicht gegen die Höfe abfiel, die nahe bei den Geleisen stehen, fuhr sie an mir vorbei. Sie trug eine orange Mütze und einen grauen Regenmantel und erst jetzt fiel mir auf, dass sie einen leeren Kindersitz hinten auf dem Fahrrad hatte. 

Sie hielt vor dem ersten Hof an, lehnte ihr Fahrrad an die Wand und trat ein, ohne anzuklopfen. Sie wohnt hier, dachte ich. Ich ging am Hof vorbei, las die gerade noch lesbare Aufschrift «1926» über der Tür, und wartete dann an der Bahnschranke, an der die roten Lampen blinkten. Als der von Affoltern kommende Zug vorbeigerauscht war und sich die Schranken wieder geöffnet hatten, gingen wir weiter.

Der Wind war stärker geworden. Hier und da riss er die Wolkendecke auf. Auf der anderen Seite der Wiese konnte man die Fassade des Guts Katzensee in den Strahlen der Morgensonne leuchten sehen, vor dem Hintergrund schwarzer Bäume und dunkler Wolken. Ich griff zu meinem Telefon, um ein Bild davon zu machen, aber das Licht war bereits wieder weg.  Als ich das Telefon wieder einsteckte und den Reissverschluss hochzog, hielt die alte Frau mit dem Fahrrad neben mir an.

«Warum sind Sie vorhin nicht erschrocken?» fragte sie mich unvermittelt.

«Weil sie nicht so aussehen, dass man erschrickt.»

«Wie seh’ ich denn aus?» fragte sie. Ein listiges Kindergrinsen huschte über ihr faltiges Gesicht.  

«Wie eine Frau, die mit dem Fahrrad von Hofladen zu Hofladen unterwegs ist.»

Die alte Frau begann zu lachen. Zuerst leise und glucksend, dann lauter und mit tiefer werdender Stimme, und während die Hunde zu bellen begannen, lachte sie immer noch lauter, bis sich ihr schallendes Gelächter mit dem Donner vermischte, der in diesem Moment über den Hönggerberg heranrollte.

Noch immer lachend stieg sie auf ihr Fahrrad und fuhr davon, währende sich der Himmel vollends verdunkelte und der böige Wind den stärker gewordenen Regen vor sich hertrieb. Ich fasste die Hundeleinen kurz und beschleunigte meine Schritte.

In Richtung Oberengstringen sah ich hinter dem Berg einen Blitz niedergehen. Ich zählte die Sekunden bis es donnerte. Man konnte so die Entfernung berechnen, in welcher der Blitz eingeschlagen hatte. Aber ich wusste die Formel nicht mehr.     

Das Leben reute ihn

26. April 2025

Das Leben reute ihn. Seit ihm bewusst geworden war, wie kurz es war, gab er es nur noch ungern aus. Er teilte es widerwillig, und wenn, dann höchstens mit Menschen, die ihm viel bedeuteten, oder mit seinen Hunden.  Und verschenken kam nicht in Frage, keinen einzigen Tag!

Er hatte lange gebraucht, um zu begreifen, wie kurz sein Leben war. Wenn er daran dachte, wie achtlos und verschwenderisch er davor mit seinen Tagen umgegangen war, wurde ihm schwindlig und er musste sich hinsetzen.

Jahrzehntelang hatte er in den Tag hineingelebt, unbeschwert, als gäbe es immer ein Morgen.  Schlimmer noch: es hatte ihn gar nicht gekümmert, ob es ein Morgen geben würde und wie oft noch. Er hatte die Tage gepflückt und verwelken lassen, als würden sie in ihm nachwachsen.

Hin und wieder hatte es alte Menschen gegeben, die ihm freundlich geraten hatten, er solle das Leben geniessen, es sei kurz. Damit konnte er wenig anfangen. Er genoss es ja meistens. Und es klang für ihn so, als sagte man ihm, die Sonne schrumpfe und werde irgendwann verschwinden.

Er würde selber nie einem jungen Menschen sagen, das Leben sei kurz. Das glaubte nur einer, der es schon wusste. Es war das Privileg der Jungen, das Leben mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen. Eine Freundin hatte einmal zu seinem Sohn gesagt: «Ich will Deine Zeit verschwenden.»

Manche Tage entwickelten sich so, dass es ihn gegen Mittag ärgerte, sie begonnen zu haben. Handwerker, die um 8 Uhr da sein sollten, kamen erst um 10 Uhr, oder der Pollenflug machte ihm so zu schaffen, dass der Spaziergang zur Plage wurde. Er hätte diese Tage gerne zurückgegeben.

Ein Freund hatte ihm vorgeworfen, geizig zu sein im Umgang mit seiner Zeit. Er hatte ihm nicht widersprochen. Grosszügig war er nur mit Absagen. Er erteilte sie links und rechts. Du vereinsamst mir noch, sagte seine Frau. «Welcher Verein?», fragte er.

Neulich stand er am Grab seiner zweitletzten Tante. Sie war viel und weit gereist. Seit sie ihr Haus hatte verlassen müssen und im Altersheim ein Zimmer bezogen hatte, fehlte ihr die Freude am Leben. Sie wollte es loslassen. Wie eine Handtasche an der Reling eines Hochseeschiffs.  

Das Leben reute ihn. Manchmal wusste er wenig mit seinen Tagen anzufangen, und es betrübte ihn. Oft gelang es ihm, sie auszukosten, und er ging an ihrem Ende glücklich zu Bett. Dann blickte er, bevor er das Licht ausmachte, auf seinen kleinen Vorrat wie auf einen Schatz.   

Schlechtes Eis

31. März 2025

Er hielt den Stuhl an der Lehne und zog ihn vom Tisch weg, als ob er sich, wie wir andern das gerade taten, hinsetzen würde, setzte sich dann aber nicht, sondern zog den Stuhl weiter bis zum Nachbartisch, wo er ihn gegen einen anderen austauschte, den er an unseren Tisch brachte, und erst auf diesen neuen Stuhl setzte er sich und lächelte in die Runde.  

Die ersten zwei drei Male, nachdem ich ihn in jenem Frühling kennengelernt hatte, nahm ich an, es sei sein kleines Pech, dass jedes Mal ausgerechnet auf seinem Stuhl, den ihm der Zufall zugewiesen hatte, ein kleines Stück Thunfisch oder (in einem Gartenrestaurant) ein Vogeldreck lag, oder vielleicht ein paar Katzenhaare, auf die er womöglich allergisch war, denn es hatte sehr viele streunende Katzen in der Gegend, in der ich damals bereits etwas mehr als zwei Jahre gelebt hatte.    

Darum ging es aber nicht. Da war rein gar nichts auf seinem ersten Stuhl. Kein getrockneter Vogeldreck, kein öliges Stück Thunfisch, keine Katzenhaare, kein gerissenes Sitzgeflecht. Die ihm jeweils zufällig zufallenden Stühle waren einwandfrei oder zumindest nicht in schlechterem Zustand als diejenigen, auf die wir anderen uns ohne Umschweife setzten. Ich will auch nicht sagen, dass es sein Tick oder seine Marotte war, und die Sache damit auf sich bewenden lassen, dieses seltsame Ritual.  

In jenen Tagen im Mai, als der Horizont über dem Meer braun gefärbt war, wie er das oft ist im Frühling, wenn die Winde aus der Sahara den Sand gegen Nordwesten treiben, tauschte er seinen Stuhl jedes Mal aus, wenn er sich in seinem kleinen Restaurant in Jaffa zu uns setzte, und wir sahen uns in diesen Tagen oft, bis es mir auffiel und ich begann, darüber nachzudenken.

Dazu muss ich sagen: es braucht etwas, bis mir etwas auffällt. Ich nehme die Handlungen meiner Mitmenschen sehr wohl wahr, und manchmal beobachte ich sie sogar sehr genau, aber ich nehme vieles, was andere tun, eigentlich das Meiste, als selbstverständlich hin, ohne mir etwas dabei zu denken. Die Dinge sind für mich so, wie sie sind, und die Leute tun etwas so, wie sie es tun. Wenn ein Mensch etwas nicht auf die eine, sondern auf die andere Art tut, hat er wahrscheinlich seine Gründe dafür. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht mit der einen Art und probiert nun die andere aus. Wieso sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Hunde, bevor sie sich niederlegen (um wenig später einen Hundetraum zu haben und sich mit den Hinterbeinen am Rand ihres Traums abzustossen, was sie nicht ins Erwachen, sondern in einen nächsten Traum befördert), drehen sich ein paar Mal im Kreis, machen Umschweife, könnte man sagen, um das hohe Gras wegzudrücken, um Skorpione und Schlangen zu vertreiben. Was weiss ich, sie legen sich jedenfalls nur sehr selten, und nur wenn sie wirklich sehr, sehr müde sind, einfach hin.  

War der Tausch des jeweils ersten Stuhls eine ähnliche Vorsichtsmassnahme? Hatte man vor vielen hundert Jahren einem seiner Vorfahren ein Stuhlbein angesägt (ein wirklich dummer, gefährlicher Streich) und er hatte sich beim Aufprall auf den Steinboden einen Hirnschlag zugezogen, von dem er sich nicht mehr erholen sollte? War es seither im Erbgut der Familie, ein über Generationen vererbter Instinkt, sich nie auf den ersten Stuhl zu setzen, schon gar nicht auf einen angebotenen und erst recht nicht auf den erstbesten, weil es der schlechteste und letzte Stuhl sein konnte?

Ich habe es nicht herausgefunden und ich habe es leider, vielleicht aber auch zum Glück, wer weiss das schon, verpasst, ihn danach zu fragen. Gelegenheit dazu hätte ich gehabt, zur Genüge, aber ich traute mich nicht. Was, wenn ihn die Frage beleidigen würde, weil wer sie stellte vielleicht dachte, seines sei ein seltsames Verhalten? Was, wenn er sich gar nicht bewusst war, dass er jedes Mal, bevor er sich hinsetzte, seinen Stuhl austauschte? Wäre es dann nicht so gewesen, als hätte ich einen Schlafwandler angesprochen, was man ja bekanntlich tunlichst vermeiden sollte?

Ich fragte ihn also nicht. Auch am letzten Abend nicht, an dem wir uns in jenem Frühling trafen, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein sollte, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht begegneten. Ich sage von Angesicht zu Angesicht, weil ich ein paar Wochen nach unserer letzten Begegnung, von der ich gleich berichten werde, als ich am Abend alleine durch die Altstadt von Jaffa spazierte, eine männliche Gestalt dahinschreiten sah, vielleicht 50 Meter vor mir, in dieselbe Richtung.

Ich dachte, wohl wegen seinem typischen Gang und seiner durchschnittlichen Grösse, er sei es, und rief laut seinen Namen, aber er reagierte nicht und bog in eine Seitengasse ein, in der er bereits nicht mehr war, als ich dort angelangte. War er in einem der Häuser verschwunden oder hatte er, sobald er in die Seitengasse eingebogen war, zu rennen begonnen und hatte sie bereits am anderen Ende verlassen, als ich endlich Einblick nehmen konnte? War er es überhaupt? Wie viele Männer durchschnittlicher Grösse mit seinem Gang gab es in Jaffa? Hatte er mich gehört und war in die Seitengasse verschwunden, weil er nicht mit mir sprechen wollte? Und warum nicht? Wir waren doch Freunde. War er es und er hatte mich nicht gehört? Oder war er es nicht und hatte mich einen Namen rufen hören, der zwar laut aber nicht seiner war? Rief ich also umsonst?

Am Abend, als wir uns das letzte Mal sahen, war ich von meinem Haus in Ramat Gan aus noch bei Tageslicht mit dem Fahrrad nach Jaffa aufgebrochen. Ich fuhr damals oft Fahrrad, manchmal auch zur Arbeit, und an jenem Abend schien mir die Möglichkeit, dass ich an seinem Ende nicht mehr ganz nüchtern sein würde, gross zu sein, trafen wir uns doch in der neuen Bar, die er vor Kurzem am Hafen eröffnet hatte. Ich bog also von meinem Haus in Ramat Gan aus zuerst gegen links in die Bialik ein, dann von der Bialik rechts in die Aba Hilel, um wenig später linkerhand in den Yarkon Park zu gelangen, der fast bis hinunter ans Meer führt, wo ich dann nur noch der Uferpromenade folgen musste, um nach Jaffa zu gelangen.  

Seine neue Bar war, wie bereits erwähnt, direkt am alten Hafen, der damals erst teilweise renoviert war und ungleich mehr Charme hatte als heute, wo alles renoviert ist und fast gleich aussieht wie ein paar Kilometer nördlich. Das Kernstück der Bar war ein riesiger, halbkreisförmiger Tresen, an dem hohe Barstühle standen. Nachdem er uns (es waren noch ein Kollege und zwei Kolleginnen von der Botschaft dabei) von hinter der Bar eine erste Runde hingestellt hatte, kam er um die lange Bar herum, begrüsste uns alle mit einer Umarmung, tauschte den Barhocker aus und setzte sich zu uns.  

Das Getränk, das er uns serviert hatte, war ein grosses, mit Eiswürfeln gefülltes Wasserglas, in dessen Zwischenräume er Cognac gefüllt hatte. «Das Verrückte daran ist,» sagte er, «dass man von eisgekühltem Cognac nicht betrunken wird.» Da sassen wir also, redeten und tranken einen eisgekühlten Cognac nach dem andern. Ich mag Cognac nicht besonders, aber eisgekühlt schmeckte er mir vorzüglich und da er nicht betrunken machte, was ich ihm als einziger glaubte, schien es mir ein perfektes Getränk für einen langen, warmen Abend an einer Bar am Mittelmeer zu sein.

Mein Freund (mon ami, denn er stammte aus der Westschweiz), wie ich ihn nicht erst nach dem dritten Drink nannte, erzählte uns, dass er Israel schon bald verlassen werde, was uns überraschte, hatte er doch erst gerade sein zweites Lokal eröffnet und einen köstlichen Drink erfunden, der nicht betrunken machte.

Zwei Barstühle weiter fand eine ziemlich heftige Diskussion zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau statt. Immer wieder hörte ich ihn sagen „Ja, aber darum geht es nicht.“ Er konnte dann aber nie richtig sagen, worum es wirklich ging. Jedenfalls habe ich es nicht mitbekommen, falls er es ihr im Verlauf des immer länger werdenden Abends noch gesagt hätte. Ich glaube eher, er wusste es selber nicht. Irgendwann ging er dann, ich glaube alleine, weil sie vorher gegangen oder gerade auf der Toilette war, als er vom Stuhl kletterte. Er schien mir ziemlich betrunken, der arme Kerl, aber vielleicht war ja sie die arme Frau.

Jedenfalls waren die zwei Barhocker neben mir (ich sass am Rande unserer kleinen Gesellschaft) plötzlich leer, und es leerten sich irgendwann auch die anderen Stühle, bis nur noch mon ami, meine Kolleginnen und mein Kollege von der Botschaft und das Ungefähre, was von mir nach 10 Gläsern Eiscognac noch übrig war, im Lokal waren, das irgendwie, wie mir erst jetzt auffiel, gar kein richtiges Lokal war, denn es hatte gegen das Meer hin keine Wände, und man konnte in den nun länger werdenden Gesprächspausen die Wellen gegen die Hafenmauer schlagen hören. Schwap… schwap… schwap…  

Bezahlen durften wird nicht. Es war ja auch fast nur Wasser in den Gläsern und mon ami ist ein grosszügiger Mensch. Wenn ich mich richtig erinnere, was unwahrscheinlich ist, aber keine Rolle spielt, war es lange nach Mitternacht, als ich von meinem Barhocker stieg und mit einem Schlag spürte, wieviel Cognac ich getrunken hatte. Es musste schlechtes Eis gewesen sein, denn ich war entgegen der Anpreisung des Drinks durch mon ami sturzbetrunken. Und – es kam, wie es kommen musste – ich bin dann auf dem langen Heimweg auch tatsächlich gestürzt.

Irgendjemand hatte die lobenswerte Idee, auf der Meerespromenade seitlich gegeneinander verschobene, kniehohe Betonblöcke zu platzieren, die von links und rechts in die Promenade ragen, damit keine Zweiräder die Promenade entlang rasen und die Fussgänger umfahren können. Man muss zwischen den Betonblöcken hindurch Schlangenlinien fahren. Das gelang mir anfangs ziemlich gut, und es kam völlig unerwartet, als ich mit dem Vorderrad einen der Betonblöcke rammte, worauf es mich, obwohl ich mir sicher war, langsam unterwegs zu sein, in einem Salto, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte, über den Lenker und den Betonblock katapultierte.

Ich lag leicht verkrümmt auf dem Asphalt und mehrere Passanten eilten sofort zu mir, um mir aufzuhelfen und mich zu fragen, wie es mir gehe, ob ich OK sei. «Ja,» sagte ich, «danke, nichts passiert.» Ich liess alle meine Helfer ihre Hand vor ihr Gesicht halten und mir sagen, wie viele Finger sie sehen, dann liess ich es gut sein und verabschiedete mich. Ich hatte ein paar Schrammen und meine erst vor ein paar Jahren ersetzte Hüfte tat mir furchtbar weh, aber mein Fahrrad hatte zum Glück keinen Schaden genommen, wohl wegen der Federung des Vorderrads, und so kam ich, wenn auch langsam und immer wieder vom Rad steigend, aus eigener Kraft nachhause, von dem ich erstaunlicherweise noch wusste, wo es war.

Eis mit Cognac habe ich seither nicht mehr getrunken, und mon ami nie mehr gesehen. Ich wünsche ihm alles Gute, wo immer er ist, vielleicht irgendwo in Afrika (er hatte Afrika erwähnt), an einem Strand, in einer Bar, die nicht seine sein muss, oder irgendwo in den goldenen Hängen am Lac Léman, im eigenen Weinberg, mit einem kleinen Winzerhaus mit einem Tisch und zwei austauschbaren Stühlen.

Fetter Junge, dünne Tante

15. März 2025

(Abschied nehmen)

Es gibt ein Bild, es ist noch kein Jahr alt, auf dem man meine Tante in unserer damals gerade frisch bezogenen Wohnung in Regensdorf (Manhattan) in unserem Fat Boy sitzen sieht, einem breiten, schwarzen Fauteuil, in dem es sich superbequem fernsehen, lesen oder auch einfach nur dösen liess und den man mit einem Hebel umlegen und darin wunderbar ein- und weiterschlafen konnte. Meine Tante, früher eine füllige Person, der wir als Kinder auch mal den Spitznamen «Tanti Fanti» gegeben hatten, sieht im grossen Sessel klein und leicht aus, wie ein freudig strahlendes Murmeltier oder ein Klippschliefer, die ja mit den Elefanten nahe verwandt sein sollen.  

Wir hatten den Fat Boy aus Ankara nach Wien und von da in die Schweiz mitgenommen. Er stand mit seinem Bruder im Wohnzimmer, als wir zum ersten Mal in die Wohnung im ersten Stock der Residenz der Schweizer Botschaft am Atatürk Bulvari in Çankaya traten. Dumm, wie ich manchmal bin, wollte ich beide Fat Boys nicht in meinem neuen Wohnzimmer. Die Vorstellung, wie viele Botschafter und ihre Frauen sich bereits in den Sesseln geräkelt hatten, war abstossend für mich. Zum Glück bestand meine Partnerin und spätere Frau darauf, wenigstens einen Fat Boy zu behalten. „Du musst ja nicht darauf sitzen“, sagte sie. „Es wird mein Sessel sein.“  

Natürlich wurde es dann bald einmal mein Sessel, weil er einfach zu bequem war, um sich von der eingebildeten Erinnerung an alt Botschafter und ihre Gattinnen daraus vertreiben zu lassen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir natürlich mein Vater in den Sinn, wie er sich ein paar Wochen lang weigerte, auf das neue Sofa zu liegen, das meine Mutter aus ihrem eigenen Geld gekauft hatte, ohne ihn zu fragen. Mein Vater sah nicht ein, weshalb man etwas entsorgen sollte, wenn es noch zu gebrauchen war. Ein paar Wochen später legte er sich dann nach dem Abendessen auf das neue Sofa, als wäre nichts gewesen.

Als es klar wurde, dass der Fat Boy mein Sessel geworden war, bat meine Frau den Hausmeister der Botschaft, er solle doch bitte den anderen Fat Boy aus dem Keller holen und ihn in unser Wohnzimmer zu seinem Bruder bringen, aber es stellte sich heraus, dass ihn die unterdessen transferierte Kanzleichefin einer vor ihr in die Schweiz zurückgekehrten Kollegin geschenkt hatte, was sie eigentlich gar nicht durfte, denn es handelte sich um Mobiliar des Bundes. Erst kurz bevor wir Ankara in Richtung Wien verliessen, wurde es möglich, altes Mobiliar aus der Residenz zu kaufen, da die zukünftigen Botschafter ihre Privaträume in den Residenzen selber möblieren durften. Es tat mir natürlich Leid, dass ich verantwortlich für die Trennung der beiden Brüder war, aber ich konnte es nicht mehr ändern. Alles, was ich noch tun konnte, war, meiner Frau ab und zu den Fat Boy zu überlassen.

****

Aus dem Zentrum von Höngg, wo ich aufgewachsen bin, führt die Regensdorferstrasse, so weit so gut, direkt nach Regensdorf. Leicht befremdend ist lediglich, dass man sich, wenn man kurz nach dem Restaurant Grünwald aus dem Wald kommt und  Regensdorf sehen kann, nicht mehr auf der Regensdorferstrasse, sondern auf der Hönggerstrasse befindet. Sollte man wenden?

Als wir von Wien nach Regensdorf zogen, hiess das auch, dass unser Wohnzimmer anstatt sechzig plötzlich nur noch zwanzig Quadratmeter gross war. Als wir das erste Mal von Höngg aus kommend mit dem Wagen aus dem Wald kamen, sagte ich zu meiner Frau mit Blick auf die alten und gerade neu entstehenden Hochhäuser: Manhattan!

Alles in Regensdorf, auch unser Wohnzimmer, ist lediglich etwas kleiner, aber sonst fast wie in Manhattan. Mit unseren beiden Sofas, einem Kasten, einem Beistelltisch, einem TV-Möbel und zwei türkischen Heiratsboxen war unser Wohnzimmer bereits voll, mit dem Fat Boy klar übermöbliert. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis wir uns dazu durchringen konnten, uns von unserem Fat Boy zu trennen. Natürlich hätten wir auch eines der eben erst in Wien gekauften teuren Sofas weggeben können, und vielleicht hätten wir genau das tun sollen, aber es schien uns wenig Sinn zu machen.

So fiel das Los auf unseren Fat Boy, und meine Frau gab ihn schweren Herzens im Nachbarschafts-Chat zur Adoption frei. Am Abend des 13. März kam ihn dann ein junges Paar aus der Nachbarschaft abholen und wir waren froh, dass er, anstatt auf der Müllhalde zu landen, eine sympathische neue Familie gefunden hatte. Am Tag danach erreichte uns zuerst eine Whatsapp-Meldung des jungen Paars, wie glücklich sie mit dem superbequemen Fat Boy seien, dann die Kurzmitteilung meines Bruders, dass unsere Tante um die Mittagszeit friedlich eingeschlafen sei.

Meine Frau und ich hatten sie vor drei Wochen noch zum Mittagessen in ein Restaurant in Höngg ausgeführt, wo sich der Kellner sehr gefreut hatte, sie wiederzusehen. Kurze Zeit später hatte sie einen Hirnschlag und wurde ins Spital eingeliefert. Als mein Bruder und ich sie besuchten und ihr nach einem Gespräch mit den Ärzten mitteilten, sie würde am folgenden Tag entlassen und dürfe in ihr eigenes Zimmer im Pflegezentrum in Höngg zurück, wusste sie nicht mehr, dass sie die letzten fünf Jahre dort verbracht hatte. «Ich will nachhause» sagte sie, «Gehen wir jetzt?»   

Zurück im Pflegeheim begann dann die palliative Pflege. Das erste Mal, als meine Frau und ich sie besuchten, konnte man noch mit ihr kommunizieren, obwohl sie nicht mehr viel sagte. «Sprecht nur,» sagte sie ab und zu, «Ich kann euch hören.» Beim nächsten Besuch sprach sie kaum noch. Zu Beginn des Besuchs richtete sie sich im Bett auf, schaute meine Frau an, und sagte zu Ihr «I love you!» bevor sie wieder in den Nebeln der Opiate versank. Später sagte sie noch «Es nimmt mich einfach» und gegen Ende unseres Besuchs noch ein Mal: «Es nimmt mich einfach». Zwischendurch griff sie mit ausgestreckten Armen in die Luft, als wollte sie etwas fangen.

Bei unserem letzten Besuch am Donnerstag, am Tag bevor sie starb, dämmerte sie nur noch vor sich hin, die Augen einen Spalt weit geöffnet, die immer länger werdenden Atempausen von einem unruhigen, mühsamen Ringen um Luft unterbrochen. Uns war klar, dass das unser Abschiedsbesuch sein würde. Wir sprachen wenig auf der Heimfahrt. Als wir aus dem Wald kamen, brannten in Manhattan bereits die Lichter.

Obwohl ich vorbereitet war, musste ich am Freitag, als ich meiner ältesten Tochter, die es gerade noch geschafft hatte, am Vormittag von ihrer Grosstante Abschied zu nehmen, mitteilte, sie sei nun gestorben, weinen. Als wäre ihr Sterben erst real geworden, als ich es aussprach.

Mein Tante wollte gehen, und ich wusste, dass dieses Gehen (oder genommen werden?) unmittelbar bevorstand, trotzdem überkam es mich. Im Fleischli in Rümlang, bei Kaffee und einem Stück Osterkuchen. Mein Frau legte ihren Arm um mich und die Hunde schauten mich verwundert an.

Heute ist Samstag. Ich habe einige Dinge entsorgt und einen langen Spaziergang mit den Hunden gemacht, bei dem sie auf einer Wiese neben dem Fussballplatz frei rennen konnten. Zum Abendessen hat meine Frau Filet und Reis zubereitet. Nun stehe ich an meinem PC und habe gerade Ben Gurion das Gesicht gewaschen und ihm die Sonnenbrille gereinigt. Zu viele braune Ringe von meinen Kaffeetassen auf dem Untersatz mit seinem von der Illustratorin Amit Shimoni gemalten Pop-Art Brustbild. Ben Gurion trägt ein pinkes Hemd mit kleinen Ananas, vermutlich mit kurzen Ärmeln (man sieht das auf dem Untersatz nicht mehr), er hat schlohweisses Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Der Hintergrund ist gelb.

Was es sollte

27. Januar 2025

„Was soll das?“, fragte Jossi, zeigte mit der offenen Hand auf das Schachbrett und schaute Avitai entgeistert an.

Es war 9 Uhr. Zwei Tassen Kaffee, eine links und eine rechts, und ein Aschenbecher (rechts) standen neben dem Schachbrett, Jossi hatte sich seine erste Zigarette angesteckt und nach einem ersten tiefen Zug, gefolgt von einem Hustenanfall, in den Aschenbecher geklemmt, wo sie verglühen und verlöschen würde, und Avitai hatte die erste Partie des Tages, die sie auf dem kleinen, runden Blechtisch vor Jossis Laden spielten, gerade mit d2-d4 eröffnet.   

Seit nun bald 20 Jahren kam Avitai, der in Ramat Gan gleich an der Grenze zu Givataim wohnte, („Ich bin kein reicher Ladenbesitzer wie Du, ich kann mir Givataim nicht leisten.“) jeden Morgen kurz vor 9 Uhr zu Fuss nach Givataim, an die Shenkin Strasse, wo Jossi bei seiner Ankunft bereits den Klapptisch und die Stühle aufgestellt und auf der Herdplatte in seinem Laden den Kaffee aufgebrüht hatte („Du willst nur Steuern sparen, Du alter Geizhals. Wohnst in Ramat Gan und wo treibst Du Dich den ganzen Tag rum? In Givataim!“).

Die beiden alten Männer, die sich seit ihrer frühen Kindheit kannten, spielten jeden Tag zur selben Zeit die exakt gleiche Partie, die mit der italienischen Eröffnung begann. Avitai liess seinen Bauer von e2 auf e4 vorrücken, worauf Jossi mit einem Bauernzug von e7 nach e5 antwortete. Als Nächstes wurden die Pferde bewegt, die auf ihren Feldern schon unruhig scharrten und schnaubten:  Avitai rückte mit seinem Springer von g1 auf f3 vor und Jossi bewegte im Gegenzug seinen Springer von b8 nach c6, wie es beim Giuoco piano vorgesehen war, das sie, des Italienischen beide nicht mächtig, Schokopiano nannten.

Die Partie ging mit dem ersten Auslauf der beiden Läufer weiter (f1-c4 und f8-c5) und mündete nach den exakt gleichen Zügen und ohne dass dabei ein einziges Wort gesprochen worden wäre nach einer gute halben Stunde – ausser wenn die Partie von einem Kunden unterbrochen wurde, was am Vormittag kaum je der Fall war, dann dauerte es ein paar Minuten länger – in ein Patt, weil Avitai seinen König nicht mehr bewegen konnte, ohne sich ins Schach zu begeben. „Hab‘ ich Dich!“ sagte Jossi dann, und beendete damit die morgendliche Stille, und Avitai räusperte sich und antwortete: „Hast Du eben nicht!“

Danach spielten sie eine zweite und nach der zweiten eine dritte Partie, oft wurden es sechs oder sieben Partien bevor die Sonne unterging, wobei einmal Avitai gewann, dann wieder Jossi, nur selten gewann einer zwei Partien hintereinander, und Unentschieden gab es den ganzen Tag keines mehr, obwohl nur diese in die Wertung kamen. Der Spielstand, nach jedem Unentschieden von Jossi säuberlich mit einem kurzen Bleistift in ein kleines Notizbuch eingetragen, lautete mittlerweile 2561:2561.

Sieben Jahre war es nun her, seit Udi gestorben war. Seit sieben Jahren stand Udis Klappstuhl nun in Jossis Laden an der Wand, und als der Postbote ihn einmal aufgeklappt hatte, um ein Paket mit fragilem Inhalt darauf abzustellen, hatte ihn Jossi so zusammengestaucht, dass er sich seither weigerte, ihm die Post zu bringen. Er deponierte sie stattdessen im Kiosk auf der anderen Strassenseite („Das ist für den Wüterich“), wo Jossi sie einmal pro Woche abholte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er warte darauf.  Auch wenn sich Jossi entschuldigt hätte (was er weder vorhatte noch je tun würde): der Postbote war unversöhnbar und die Post blieb dauerhaft umgeleitet.

Udi war mit Abstand der beste Schachspieler von den drei Freunden. Er war es, der Jossi und Avitai das Schachspielen überhaupt erst beigebracht hatte. Sie wussten zwar, wie man die einzelnen Figuren bewegt, aber Udi konnte Schach spielen. Einmal, so will es die Legende, als er noch jung war, soll er es bis in die zweitletzte Runde der israelischen Schachmeisterschaft geschafft haben. Ob er es noch weiter, vielleicht sogar bis zum Titel des israelischen Meisters hätte bringen können, lässt sich nicht sagen. Udi sei, so erzählt es Jossi, am Tag der zweitletzten Runde nicht mehr zum Turnier in Tel Aviv erschienen, und niemand werde je wissen, warum, während Avitai meint, es zu wissen. Udi sei der drohenden Niederlage ausgewichen, behauptet er, das, und nichts anderes, sei der Grund für sein Fernbleiben gewesen.

Als sie eines Tages wieder zu dritt vor Jossis Laden kalten Kaffee getrunken und geraucht hatten, hatte Udi gesagt: Warum spielen wir eigentlich nicht eine Partie Schach? „Schach ist für zwei“, hatte Avitai geantwortet, und Jossi hatte angefügt: „Das kann ich nicht.“ Aber Udi liess nicht locker.  Am nächsten Tag brachte er ein Schachbrett samt Figuren mit, und so kam es, dass er ihnen die verschiedenen Eröffnungen zeigte, wie man Angriffe durchschauen und Fehler vermeiden, Opfer bringen und den Gegenspieler übertölpeln oder auskontern konnte, und wie sich ein Endspiel erfolgreich gestalten liess.

„Schachspielen ist definitiv besser als Herumsitzen, Rauchen und Kaffeetrinken“ sagte Jossi eines Morgens, als das Schachspiel bereits zu einem festen Teil ihres Tages geworden war, man könnte auch sagen zum wichtigsten und eigentlich einzigen Inhalt ihrer Tage (was hatten sie bloss vorher gemacht?), und wie er es sagte, war es ein Dankeschön an Udi, ohne dass er danke sagen musste. Die Spiele folgten der einfachen Regel, dass der Sieger am Brett blieb, was nichts anderes bedeutete, als dass Jossi und Avitai abwechslungsweise gegen Udi spielten und der andere musste zuschauen und die Klappe halten.

Als Udi an Leberkrebs erkrankte und nach wenigen Wochen starb, waren Jossi und Avitai verloren. Am Tag nach der Beerdigung sassen sie vor Jossis Laden am Blechtisch, vor ihnen Udis leerer Stuhl und das Schachbrett mit den wartenden Figuren. Keiner sprach ein Wort. Gegen Ende des Vormittags stand Jossi auf, klappte Udis Stuhl zusammen und trug ihn in den Laden, wo er bis zur unbedachten Aktion des Postboten und auch danach wieder unberührt in einer Ecke stand.

„Was machen wir nun?“ fragte Avitai mit brüchiger Stimme, als sich Jossi wieder hingesetzt hatte. „Ich weiss es nicht“, antwortete Avitai. Und nach einer kurzen Pause: „Wieder nichts wahrscheinlich, wie vorher.“ Eine Frau ging am Tisch vorbei und trat in Jossis Laden. Nach einer Weile erschien sie wieder im Eingang mit einem alten Kerzenständer aus fleckigem Messing.
„Was wollen Sie dafür?“
„Nichts“ sagte Jossi, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Die Frau schaute Avitai, der den Eingang zum Laden in seinem Blickfeld hatte, fragend an.
„Sie haben ihn gehört“, sagte Avitai, „Nehmen Sie das Ding und gehen Sie.“
„Im Ernst…? Danke…“ sagte die Frau. Und verschwand mit dem fleckigen Kerzenständer in Richtung Weizmann.

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Jossi, als die Frau ausser Sichtweite war. „Entweder wir hören mit dem Schachspielen auf, oder die erste Partie des Tages gehört Udi.“
„Wie meinst Du das?“
„Wir spielen zuerst ein rituelles Unentschieden. Jeden Tag genau dieselbe Partie. Eröffnung mit dem Schokopiano und dann weiter bis zum Patt, mit den exakt gleichen Zügen, bis Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Das spielen wir für Udi. Jeden Tag. Das schulden wir ihm.“

Und das taten sie dann auch. Jeden Tag, sieben Jahre lang. Die immer gleichen Züge. Avitai mit seinem Bauern von e2 auf e4, Jossi mit seinem von e7 nach e5, dann die Pferde, dann die Läufer, wie das beim Schokopiano eben vorgesehen war. Und nun, nach sieben Jahren ritueller Unentschieden, also dies: Avitai eröffnete mit d2-d4!

„Was soll das? Was machst Du da?“ entfuhr es Jossi.
„Ich eröffne die Partie“ antwortete Avitai ruhig.
 „Aber doch nicht so“ ereiferte sich Jossi. Er nahm Avitais Bauern, setzte ihn zurück auf d2 und fuhr stattdessen mit dessen Bauern von e2 auf e4. „So geht das“ sagte er dabei, und als er den Bauern auf e4 abgesetzt hatte, griff er zur glühenden Zigarette und nahm tatsächlich einen zweiten Zug.

                                           ***

Am nächsten Morgen sass Jossi vor seinem Laden am Schachbrett. Es war bereits viertel nach 9, aber Avitai war nicht gekommen. Als er auch um 10 noch nicht erschienen war, ging Jossi, der kein Mobiltelefon besass, in den Laden und rief Avitai an, aber Avitai antwortete nicht. Auch am nächsten Tag erschien Avitai nicht zum Schach, und Jossi begann sich Sorgen zu machen.

Als Avitai auch am vierten Tag nicht erschien und Jossis Anrufe nicht beantwortete, schloss Jossi seinen Laden ab und überquerte die unsichtbare Grenze nach Ramat Gan. Die Haustüre stand offen, damit Passanten bei einem Bombenalarm in den Schutzraum konnten. Jossi ging die Treppen hoch bis ins oberste, dritte Stockwerk und klingelte an Avitais Wohnungstür. Für einen Augenblick meinte er, aus der Wohnung Schritte zu hören, aber er musste sich getäuscht haben. Er klingelte ein zweites und ein drittes Mal, aber die Tür öffnete sich nicht.

Am letzten Tag der ersten Woche nach Avitais Verschwinden überquerte Jossi die Strasse und holte beim Kiosk seine Post ab. Er steckte die drei Umschläge, die ihm der Verkäufer aushändigte, in die Jackentasche und überquerte die Strasse in die andere Richtung. In der Mitte der Strasse blieb er stehen, und erst als mehrere Autos hupten, ging er weiter. Er setzte sich wieder an den Blechtisch vor seinem Laden und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen Zug und behielt die Zigarette vor seinem Mund. Mit der anderen Hand berührte er die drei Briefe in seiner Jackentasche. Er hatte Angst davor, sie vor sich auf den Tisch zu legen. Was, wenn einer von ihnen einen schwarzen Rand hatte?

Als er sich gegen Mittag einen Ruck gab und die Briefe aus seiner Jacke nahm, war er erleichtert. Keiner der drei Umschläge hatte einen schwarzen Rand.  Die ersten zwei enthielten Rechnungen. Der dritte war von Hand adressiert. Er enthielt eine schwarz-weisse Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Strand mit Strandkörben und einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. Auf der Rückseite stand in wackliger Schrift:

Ich habe Schilddrüsenkrebs, ich werde sterben. Mach’s gut, lieber Freund.
Avitai


Jossi schluckte leer. „Das sollte es also bedeuten, als Avitai die Schachpartie falsch eröffnete, dachte er, während seine Hände mit der Postkarte und der Zigarette auf den Blechtisch sanken und ihm Tränen über die Wangen rollten.

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PS: Drei Jahre sind unterdessen seit dem Tod von Avitai vergangen. Wenn man an Jossis Trödlerladen vorbeigeht, sieht man ihn wieder am Blechtisch sitzen und mit einem pensionierten Postboten Schach spielen. Die einen sagen, Jossi habe sich nur mit dem Postboten versöhnt, weil ihm der Weg zum Kiosk zu beschwerlich geworden sei. Andere glauben zu wissen, die Initiative zur Versöhnung sei nach dem Tod von dessen Frau vom Postboten ausgegangen, der lernen wollte, wie man Schach spielt.

Vielleicht ist Glück ein Halstuch, das man auf dem Weg verloren hat, und jemand hat es aufgehoben und an einen Gartenzaun gehängt, und wenn man weit genug zurückgehen würde, fände man es wieder (vielleicht ist das auch nur eine zu lang geratene Überschrift)

25. Januar 2025

Es gibt keine verlässlichen Umfragen dazu, aber man darf davon ausgehen, und das tue ich hier, dass wir in einer Welt leben, in der nur noch eine verschwindend kleine Anzahl Menschen weiss, wer Helen Shapiro war, und diese fast ganz aus alten Menschen bestehende, rasch schrumpfende Gruppe ist mittlerweile so klein geworden, dass sie  drauf und dran ist, in absehbarer Zeit ganz zu verschwinden, sang und klanglos, wie man in diesem Kontext sagen könnte. Sie liefert sich dabei ein Wettrennen mit dem Polareis und es sieht so aus, als könnte sie es gewinnen.

Ich wüsste auch nicht, wer Helen Shapiro ist, wäre sie mir nicht vor einem Vierteljahrhundert am Arm von Bob Geldof begegnet. Ich war ziemlich unglücklich damals und nicht gut unterwegs, als mir Helen und Bob auf einem Gehsteig in Ausserholligen Arm in Arm entgegenkamen und singend an mir vorbeigingen. Ich wusste nicht, wer sie waren, was bei Helen Shapiro nichts Ungewöhnliches war, aber auch Bob Geldof erkannte ich nicht, weil er eine Fellmütze trug und den Mantelkragen hochgeschlagen hatte. Sie sangen, als sie mich auf dem mit nassem Schnee bedeckten Gehsteig kreuzten, zusammen ein englisches Lied.  

„Was ist das für ein Lied?“, rief ich Ihnen nach, denn es gefiel mir, und Bob drehte den Kopf und rief über die Schulter zurück: „Walking Back To Happiness.  Es ist von mir. Aber eigentlich ist es von ihr“, worauf Helen lachte und ihn weiterzog.

Ihr Glück musste, obwohl sie mir nicht unglücklich zu sein schienen, irgendwo auf dem Weg verlorengegangen sein, und sie hofften offenbar, es wiederzufinden, wenn sie weit genug zurück gingen. Vielleicht hatte es ja jemand aufgehoben und an einen Gartenzaun oder eine Hecke am Wegrand gehängt, wie das gute Menschen manchmal mit einem Handschuh machen, den jemand fallen gelassen hatte. Sogar weniger gute Menschen könnten das tun, denn niemand kann mit einem einzelnen Handschuh viel anfangen, ausser eine Hand damit zu wärmen, was natürlich nicht nichts ist.

Nun kann man mit Recht sagen, es spiele überhaupt keine Rolle, dass kaum noch jemand weiss, wer Helen Shapiro ist, und wenn das jemand sagt, habe ich dafür Verständnis und kann dem nicht wirklich viel entgegenhalten (ausser vielleicht, dass für viele Menschen wenig wirklich eine Rolle spielt), aber wenn man nicht weiss, wer sie ist (oder war, denn sie ist vor Kurzem verstorben), versteht man auch nicht ganz, warum in Geldofs Version des Songs Nebelhörner dröhnen, während er mit seinem Vater am East Pier steht.

Es ist nicht nur wegen dem Nebel und den Schiffen. Es hat auch damit zu tun, dass Helen Shapiro wegen ihrer tiefen Stimme von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden Nebelhorn genannt wurde. Zwei ihrer Songs sind Anfang der 60er-Jahre an der Spitze der britischen Charts gelandet. Einer davon war Walking Back To Happiness (der andere hiess You don‘t know, aber das muss man nicht wissen). Wissenswerter ist vielleicht, dass bei einem Auftritt der 16-jährigen Helen in Bradford am 2. Februar 1963 die Beatles ihre Vorgruppe waren, aber man kann auch gut leben, ohne das zu wissen.

Man kann gut ohne die Musik von Helen Shapiro leben. Auch ohne die Musik der Beatles kann man leben (was allerdings schade wäre) und ohne die Beatles geht problemlos, sie sind bereits halb verschwunden. Auch Bob Geldof wird verschwinden, lange vor seiner Musik, und die Musik der Beatles (kurz nach der Musik von Beethoven). Alles wird irgendwann der Furie des Verschwindens zufallen, zuerst langsam, dann schnell. Auch ihrem Erfinder, Hans Magnus Enzensberger, ist das 2022 widerfahren. Seine Gedichte lungern noch ein wenig in meinem Kopf herum.

Die Suche nach dem Glück sollte nicht in die Vergangenheit führen. Man kann aus der Vergangenheit nichts, wenn man es noch fände, mitnehmen in die Gegenwart. Glück ist kein verlorenes Halstuch, das jemand aufgehoben und an einen Zaunpfahl gehängt hat. Glück sitzt Dir auf der Schulter, ein Vogel so leicht, man spürt ihn kaum.