Kurz nach der Invasion der Osterküken

29. Juni 2025

Vom ersten fand ich nur ein kleines Stück, ohne zu wissen, wozu es gehört. Unser Roboter hätte es eingesaugt, wenn es mir nicht vorher aufgefallen wäre: ein hellblaues Stück Filz, einen knappen Centimeter lang, einen Millimeter breit und an einem Ende in einen Dreiviertelkreis gebogen. Es lag in der Küche auf dem Boden. Ich hob es auf und warf es, während ich mich noch wunderte, was es war, in den Müll.  

Am nächsten Morgen sprang mir, als ich in die Küche trat um Kaffee zu machen, vom Balkon etwas leuchtend Gelbes ins Auge.  Wahrscheinlich eines der Spielzeuge der Hunde, dachte ich, während ich die Balkontüre öffnete, aber es war ein Küken aus Stoff mit roten Plastikfüssen, einem kleinen orangen Schnabel, schwarzen Knopfaugen und einem Brillengestell aus hellblauem Filz. Das war es also, was ich am Vortag gefunden hatte. Ein Stück eines Brillengestells eines kurzsichtigen Osterkükens.

Wahrscheinlich war es von der Terrasse über unserem Balkon runtergefallen oder ein Kind hatte es runtergeworfen. Kinder werfen manchmal ihre Spielzeuge von Balkonen. Ich hob es auf und betrachtete es. Seine Brillenfassung war intakt. Das Stück Stoff vom Vortag musste zu einem anderen Küken gehört haben. Ich warf es in den Müll.

Am nächsten Tag lag wieder ein Küken auf dem Balkon. Ich hob es auf und schaute zur Terrasse hoch. Man konnte sie nicht sehen, aber ich wusste, dass über uns eine Terrasse war. Ich konnte ihr gemauertes Geländer beim Haus gegenüber sehen, das wie das unsere gebaut war, nur seitenverkehrt. Sollte ich das Küken aufbewahren, falls das Kind oder dessen Eltern an unserer Türe klingeln und nach ihm fragen würden? Ich warf es in den Müll.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war mein erster Gedanke, ob erneut ein gelbes Küken auf unserem Balkon darauf wartete, entdeckt zu werden. Als ich beim Flur um die Ecke kam, sah ich gleich drei gelbe Gegenstände auf dem Balkon liegen. Nicht ein, drei Küken waren über Nacht gelandet.  Alle mit hellblauen Brillenfassungen. Was ging hier vor sich? Spielte mir jemand einen dummen Streich? Ich trat auf den Balkon und schaute mich um. Der Balkon gegenüber war zu weit entfernt, als dass man einen so leichten Gegenstand wie ein Stoffküken (mit Filzbrille) auf unseren Balkon hätte werfen können.

Dass ein Vogel die Küken irgendwo aufgegabelt hatte und dann, wenn er im Flug feststellte, das sie zum Nestbau nicht taugen, über unserem Balkon fallen gelassen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen. Einmal vielleicht, aber zweimal hintereinander und nun gleich drei aufs Mal? Das schien mir völlig ausgeschlossen.

Vom Balkon unter uns konnten sie auch nicht kommen.  Aus demselben Grund, aus dem ich den Balkon gegenüber als Herkunftsort ausgeschlossen hatte. Und vom Balkon unter uns kam ab und zu Zigarettenrauch hoch. Raucher sind seriöse Menschen. Sie  werfen keine Stoffküken auf den Balkon über ihnen. Blieb die Terrasse im 5. Stock. Ich beschloss, der Sache nachzugehen.

Die drei Küken stellte ich derweil auf die Küchenkommode. Ein Stoffküken in den Müll werfen ging. Ein zweites ging auch noch. Drei zusammen in den Müll zu werfen, brache ich nicht mehr übers Herz. Es wäre eine Art Massenmord gewesen. Die männlichen Küken, die im Schredder landen, kamen mir in den Sinn, und es tat mir jetzt leid, dass ich die ersten zwei Küken in den Müll geworfen hatte. Irgendjemand hatte sie ausgesetzt, auch wenn ich noch nicht wusste, wer. Ich hatte nicht das Recht, sie in den Müll zu werfen.

Am nächsten Tag regnete es, und ich stellte beruhigt fest, dass keine neuen Küken auf unserem Balkon gelandet waren. Auch am nächsten Tag regnete es, und wieder erschienen keine neuen Küken auf dem Balkon. Ich hätte die rätselhafte Landung der Küken vergessen, wenn nicht die drei, die ich nicht zu den ersten zwei in den Müll geworfen hatte, mich von der Küchenkommode her durch ihre leeren Brillenfassungen angeschaut hätten, als erwarteten sie Futter oder wollten mit mir wegen einem wichtigen Anliegen dringend reden. So weit kommt es noch, dachte ich, und drehte sie zur Wand.  

Am folgenden Tag schien die Sonne durch die Storen im Schlafzimmer und ich ging leicht angespannt den Flur entlang in Richtung Küche, als hätte ich es geahnt.  

Eine ganze Schar gelber, kurzsichtiger Küken stand oder lag auf dem Balkon.  

Ich war jetzt nur froh, hatte ich während der Regenpause nichts von den Küken zu meiner Frau gesagt, die für einen Monat zu ihrem Sohn und seinen frischen Zwillingen (zwei Mädchen) nach Israel gereist war. Was hätte sie von mir denken müssen, wenn ich ihr zuerst vom gebrochenen Brillenrahmen, dann von den zwei einzelnen Küken erzählt hätte, und dass es nun zum Glück vorbei sei (weil es regnet), und am Tag darauf erzähle ich ihr dann von einem ganzen Trupp gelandeter Küken? Ich sei völlig meschugge?   

Trupp war im Übrigen das richtige Wort: es war ein Spähtrupp von Küken, das wurde mir am darauffolgenden Tag klar. Die ersten zwei gelandeten Küken waren einzelne Aufklärer, dann kam ein Spähtrupp, und  am Tag danach bedeckte eine Unzahl von Küken wie ein gelber Teppich den Balkon. Auch auf dem kleinen Balkontisch und den beiden Stühlen sassen oder lagen sie. Die Invasion der kurzsichtigen Küken hatte begonnen.

Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis ich alle eingesammelt hatte, beobachtet von unseren beiden Hunden, die von der Küche aus zuschauten und sich nicht trauten, einzugreifen. Ich hätte gerne gewusst, was sie dachten, als sie mich dabei beobachteten, wie ich massenweise leblose Küken aufsammle und in unsere Wohnung trage.

Nachdem ich für alle Küken einen Standplatz gefunden hatte, gab es kaum noch ein Möbel in Küche und Wohnzimmer, das nicht von Küken besetzt war.  Ich ass meine Haferflocken im Stehen und versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Es war eine Invasion, das stand fest, aber wer steckte dahinter? Jemand musste diese leblosen kleinen Dinger ja auf meinem Balkon abgesetzt haben. Aber wer?

Kinder schienen mir mittlerweile nicht nur deshalb ausgeschlossen, weil das Paar über uns keine hatte. Aufklärer – Spähtrupp – Invasion: diesen Dreisprung schaffte kein Kind, auch wenn man ihnen heute viel zutrauen musste, bei allem, was sie in ihren Videospielen vorgeführt erhalten. Was hier vor sich ging, war das Werk eines oder mehrerer Erwachsenen.

Die Frage nach dem geografischen woher kannte noch immer nur eine Antwort: die Invasion kam von oben. Aus der Luft oder von der Terrasse über uns, und da der Abwurf aus einem Truppentransporter für Küken (oder einer Hühnerdrohne) absurd schien, blieb die Terrasse.

Das Paar über uns hatte offenbar einen seltsamen Humor, oder die Küken waren eine Retourkutsche für das gelegentliche Bellen unserer Hunde. Wir kannten uns nicht, man traf sich lediglich ab und zu im Fahrstuhl und sagte Hallo. Aus der Art ihres Grüssens war zu hören, dass sie keine Schweizer waren, was den humorvollen Abwurf wahrscheinlicher werden liess.

Als der Balkon am nächsten Tag wieder von Küken übersät war, reichte es mir. Ich zog über dem Pyjama den Morgenmantel an, griff mir eine Handvoll Küken, stapfte die Treppe hoch und klingelte an der Tür über uns. Unser Nachbar öffnete.  Er trug einen Anzug, roch nach Rasierwasser und war offenbar gerade dabei, die Wohnung zu verlassen um zur Arbeit zu gehen. Er sagte etwas auf Spanisch in einem höflichen Tonfall, was wahrscheinlich Was wollen Sie hiess.  

Ich hielt ihm die Küken unter die Nase und sagte: „Das muss aufhören!“ Er nahm sie an sich, lächelte erfreut und sagte; „Muchas Gracias!“ Dann schloss er langsam die Türe.

Ich ging zurück in unsere Wohnung.  Ich war mir nicht mehr sicher, ob er etwas mit den Küken zu tun hatte. Er sah freudig überrascht aus und schien die Küken für ein verspätetes Ostergeschenk zu halten.  Vielleicht schenkte man sich da, wo er herkam, unter Nachbarn in der Osterzeit kleine Osterküken.

Aber Ostern war schon mehr als zwei Wochen vorbei. Woher kamen all die Küken? Noch im Morgenmantel verliess ich die Wohnung, überquerte die Strasse und ging ins Shoppingzentrum.

Im Coop hatten sie den Osterschmuck bereits weggeräumt, aber in der Migros gab es tatsächlich noch einen Restposten mit Osterhasen und Osterschmuck zu stark reduzierten Preisen. Aus drei offenen Kartons schauten mich Horden von gelben Stoffküken mit zusammengekniffenen Augen durch ihre Filzbrillen an.

Ich griff mir die drei Kartons und ging zur Kasse, wo mir beim Anstehen einfiel, dass ich die Wohnung ohne Geld oder Kreditkarte verlasen hatte. «Können Sie mir die bitte auf die Seite tun? Ich wohne gegenüber, ich komm sie gleich bezahlen».

Die Kassiererin schaute den älteren Mann im Morgenmantel, der ohne Geld drei Kartons Stoffküken kaufen wollte,  ungläubig an, aber sie legte die Kartons neben sich auf den Boden. Als sie wieder hoch kam,  blickte sie direkt ins Gesicht des Mannes, der umgedreht hatte. «Passen sie gut auf sie auf!» sagte er, und ging los.

Ich stellte die neuen Küken ins Badezimmer meiner Frau – der einzige Ort, wo noch Abstellraum vorhanden war (in ihrer Badewanne). Ich hatte mich mit dieser Aktion vielleicht lächerlich gemacht, aber mir war etwas Entscheidendes gelungen: Ich hatte dem Feind die Nachschublinien abgeschnitten! Wenn es mir gelang, die bereits gelandeten Truppen zu isolieren, war die Invasion abgewehrt und der Krieg gewonnen.

Die Nacht verbrachte ich in der Küche. Ich hatte ein paar Kissen so auf den Boden gelegt, dass ich liegend den Balkon im Blickfeld hatte. Meine Absicht war, wach zu bleiben, um für den Fall, dass es noch eine letzte Landung geben sollte, zu sehen, wie die Küken auf dem Balkon gelangten, und das gelang mir auch, bis ich gegen 5 Uhr einschlief und erst um 9 Uhr wieder erwachte, als einer unserer Hunde mein Gesicht leckte.

Ich öffnete die Augen. Irgendwann zwischen  5 und 9 Uhr musste die nächste Welle von kurzsichtigen Osterküken auf dem Balkon gelandet sein.

Völlig geschafft stand ich auf. Alle Knochen taten mir weh. Ich wischte mit dem Handrücken eine Ecke des Esstisches und einen Stuhl frei, setzte Kaffeewasser auf und sank erschöpft auf den Stuhl.  

Verlor ich gerade den Verstand? In der Zeitung hatte ich von einem Organismus gelesen, der sich nach einer kurzen Zeit, in der er zur Nahrungssuche herumgeschwommen ist (oder am Meeresgrund gewandert, ich weiss es nicht mehr) an einem Fels festklebt und für den Rest seines Lebens dortbleibt. Kurz nachdem er sesshaft wurde, beginnt er damit, sein Hirn zu essen, beziehungsweise es aufzulösen, weil er es nicht mehr braucht.  

Meine Frau hatte sich stets vor meiner Pensionierung gefürchtet. Sie hatte (erfolgreich) versucht, den Zeitpunkt möglichst lange hinauszuzögern, weil sie überzeugt ist davon, dass man in der Pension ohne die Herausforderungen der Arbeit geistig nur noch abbaut. Hatte sie Recht damit und ich begann, nach einem bewegten Arbeitsleben in acht Ländern in Regensdorf sesshaft geworden, gerade damit, mein Hirn aufzufressen?

Ich gab auf. Die Invasion war gelungen, meine Abwehr kläglich gescheitert. Ich rief meinen Bruder an, der in einem grossen Haus in Höngg lebt, und dessen ältester Sohn gerade erst ausgezogen war.

«Ich halte es in unsere Wohnung nicht mehr alleine aus», sagte ich ihm. «Kann ich mit den Hunden bei Dir wohnen, bis meine Frau nachhause kommt?»

Natürlich war das nicht die volle Wahrheit, denn alleine war ich in unsere Wohnung nun wirklich nicht, aber mein Bruder sagte ja und so begab ich mich nach der Besetzung meiner Heimat ins Exil. Als meine Frau zwei Wochen später zurückkehrte, holte ich sie mit den Hunden auf dem Flughafen ab. Als sie wieder aufrecht stand, nachdem sie von den Hunden – wie immer – über den Haufen gerannt worden war,  umarmte ich sie und fragte: «Wie war’s?»

«Schön, mit den Kindern und Grosskindern,», sagte sie, «aber auch sehr schwierig wegen dem Krieg.»

Und dann fügte sie an: «Wie viel Glück wir doch haben, hier in einem Land leben zu dürfen, das keine Kriege kennt.»

«Ich weiss.» sagte ich. «Gehen wir auf dem Heimweg noch irgendwo einen Kaffee trinken? Ich muss Dir noch etwas erzählen.»

Ein anderes Stück vom Rätsel

28. Juni 2025

In meiner Tischmappe: eine zufällige Abfolge loser Papiere

Zuoberst zwei bevorstehende Flüge

in ein bedrängtes Land

darunter ein Safe the Date für die Hochzeit meines Bruders

gefolgt von einer gratis Velo-Vignette

Dann ein Gedicht von Rainer Malkowski (ein Rätsel betreffend)

ein Blatt mit hebräischen Vokabeln

ein handgeschriebener Vorsorgeauftrag

und zuletzt ein Rezept

für einen asiatischen Gurkensalat

Ich sollte ein Fahrrad kaufen

und damit beginnen

an ein Hochzeitsgeschenk zu denken

für meinen Bruder und seine zweite Frau

aber wahrscheinlich werde ich wegen der Hitze

nicht einmal Vokabeln lernen

Am ehesten lese ich

in meiner abgedunkelten Küche

noch einmal das Gedicht von Malkowski

und esse Gurkensalat

28. Juni 2025

Hämpel

11. Mai 2025

One day, it was an evening in autumn and we had just moved from abroad to Oberkulm, where my seven years younger wife wanted to open a small Café after my retirement, we received a visit from my uncle Hans-Ulrich, as unexpected as unannounced. He brought me a bottle of port wine and two brothers, whom he said he had found in his attic.

They couldn’t have been my brothers, if only because of their age, because the two boys, who shyly looked around the entrance hall of our new house without moving from the spot, seeing not much more than moving boxes, some open and already half cleared out, others still closed, were around twenty, while both my father and my mother had been dead for more than thirty years. And if they could have been: How had they ended up in the attic of my uncle?

Neither could they have been his brothers, for Hans-Ulrich, called Hämpel, had seen the light of day during World War II, on June 18, 1941, to be precise, the very same Wednesday Joe Louis defended his title as heavyweight champion of the world against Billy Conn in New York by sending him to the mat with a terrible punch in the 13th round. He was my mother’s (Hämpel, of course, not Joe Louis) half-brother, ten years younger, the child of my early deceased grandmother and her second husband, the Muttikiller, but that’s another story.

„My brothers?“ I asked, completely dumbfounded, holding the bottle of port in one hand and with the other still shaking Hämpel’s hand, which he had held out to me in greeting.

„Yes, your brothers,“ Hämpel replied, „I’m going on a long trip and I can’t take them with me.“ With that, he let go of my hand and walked past me down the hall into the living room. The two young men followed him.

„Rahel…“ I called up the stairs, „Can you come downstairs? We have company.“ Rahel…?“ One of our dogs was barking somewhere upstairs.

When I came into the living room, Hämpel was sitting on the sofa, the only piece of furniture already unpacked and set up because there was nothing to assemble, and my new brothers were kneeling on the floor, busy screwing together a bookcase.

I walked up to them and was about to tell them they didn’t have to, but Hämpel interrupted me. „Just let them do it – it’ll keep them busy,“ and he continued right away, „I don’t have much time, but if you were going to eat anyway, I won’t say no.“

„I don’t know,“ I replied, „we were actually planning to order something later, but maybe…“ At that moment Rahel stepped into the living room. „Don’t make it complicated“ she said to me (she thinks I always make everything complicated). „Of course I can cook something“.

„I’m Rahel, Walter’s second wife,“ she said, holding out her hand to Hämpel.

„Pleased to meet you,“ Hämpel said. „These are Walter’s brothers, and I’m his uncle, Hans-Ulrich.“

„Do you like spaghetti?“ said Rahel to the two brothers, who meanwhile had already screwed together and erected the first bookcase. They seemed to be very skilled. And quick. They nodded and set to work on the second book rack.

„Do you have wine?“ asked Hämpel. „I think so, in the basement. I just have to find the right boxes.“ I followed Rahel into the kitchen, which in this old house had not yet been incorporated into the living room. „He says they’re my brothers. And he wants to leave them here,“ I whispered as she opened a cardboard box and miraculously removed from it a large pan perfectly suited for cooking spaghetti. „And where are we going to get spaghetti from? Did you do any shopping on the way here?“

„They can help us set up the furniture,“ Rahel replied, as if nothing I had just said surprised her, „and later they can be waiters in our Café.“

„But they’re not my brothers“ I said. „They could be his sons. He has two sons….“ Then it occurred to me that that was equally impossible. His sons had to be around 50 by now. „Or his grandchildren…“. One of his sons, I thought I remembered, had married and had a family. But how should his grandchildren have ended up in his attic, and where were their parents, that he now wanted to drop them on me? 

„Get the wine from the cellar“ said Rahel. „And before you do, ask your new brothers to unpack the dining room table and a couple of chairs so we don’t have to eat on the sofa the five of us. The boxes are labeled“. „They’re not my brothers“ I replied, but Rahel just laughed and turned on the gas.

While I was looking in the cellar for the boxes with the red wine (and, unlike my wife, I opened all the other boxes first, until I got to he one with the red wine), I tried to remember when I had seen Hämpel for the last time.

Hadn’t he contacted me at some point when I was stationed in Turkey (or was it Iran?). He was retired by then (he had worked as a journalist for the Tagesschau) and apparently traveled a lot. So it couldn’t have been in Iran, because he wouldn’t have been retired back then. So it must have been in Turkey.

I remembered that he intended to visit places that you can’t easily visit in Turkey, and that he planned to deal with critical issues, and on both of those he wanted information from me, and I was a little worried about that at the time because as a diplomat you can easily get into trouble for giving information to or being associated with an investigative journalist. Today I’m a little ashamed that I didn’t really help him, as I remember it. I don’t even remember whether he came to see me in the end or not.  

What I do remember clearly and distinctly, as if it were yesterday (they say that the long-term memory gets better with age, while the short-term memory is permanently cleared out, as if it had to move from day to day into a new consciousness in which there is less and less space), are his regular visits, which he paid as a student at the University of Zurich to his sister (my mother) in Höngg.

Most of the time, as if by chance, he roared in on his Vespa just before lunch and was happy to stay for the meal. Maybe my mother had invited him every time, in any case his visits were always a fun diversion for me and my sister, because Hämpel was a lively, original and funny spirit, and not least because after lunch, before he drove back to the university, we were allowed to take a spin on the back seat of his Vespa.

When I finally found the box of red wine and walked up the stairs and into the living room with two bottles, my new brothers had already set up the dining table and five chairs, and my wife called from the kitchen for me to please come get the spaghetti.

As we ate dinner, a lively conversation developed, mostly between my wife and Hämpel. We talked about his travels, my mother and the other three siblings (Hämpel was the youngest), of whom only one sister was still alive, also about his time in television and at the end briefly about his two sons, but although my wife, unlike me, is very curious and is not afraid to ask awkward questions, there was, strangely enough, also from her no attempt to clarify the identity of the two brothers (that they were brothers, one could see at first glance) who were chewing their Spaghetti in silence.

At some point Hämpel got up from the table and said: „I have to go.“

At the door he first hugged me briefly and then my wife quite intimately and for a long time. Afterwards he held her by the upper arms, looked deeply into her eyes and said to her: „Take good care of Anton and Paul. They have no one but you now.“

After a brief but heartfelt hug with Anton and Paul, he opened the front door and disappeared into the darkness of the night. I know this seems forced now and doesn’t really sound believable, but I would be a fool not to mention it: Before I closed the front door, I heard the sound of a Vespa being kick-started.

The rest of the story took many more years to unfold, but it is quickly told. Where Hämpel’s journey led after the visit, we never learned. The only thing that could be learned was that he had vacated and sold his house a few days before he came to visit us. Where he spent the few years until one day his obituary appeared in the newspaper, we do not know.

My wife managed to realize her dream of owning a Café. Anton and Paul, who were either twins or brothers born within the same year, built the Café themselves and furnished it according to my wife’s wishes, they also ran the Café together with my wife and made it a place where people to this day always like to stop for a moment and enjoy a piece of the special cream cake which my wife can bake like no one else.

Meanwhile, I, who had always feared that the Café would mean that I would have to continue working, sit at a corner table, completely unmolested by the guests, and write little stories like this one. 

(Translated with http://www.DeepL.com/Translator from a german Blog entry, dated January 23, 2021, in „Walters Wunderbare Welt“)

The Man Who Wasn’t On The Moon

10. Mai 2025

Andres Lavander, the only Swede who had never been to the moon or Mars, died on Sunday at the age of 132 at his home in Westersund from heart failure.

Lavander had successfully refused to take the mandatory trip to the moon. Like many of his generation, he fought against the introduction of compulsory moon travel 50 years ago and was the only one who refused to take the flight after it came into effect.

Lavander was not intimidated by threats from the authorities that they would not let him die. His determination not to leave the Earth’s atmosphere was reflected in various Swedish idioms. Phrases such as “and next Lavander will fly to the moon” (in response to an unlikely announcement) or “like moon dust in Lavander’s hair” (as an expression of amazement at something unexpected) have been part of everyday Swedish life for years and will long outlive Andres Lavander.

Lavander was born the son of a beekeeper in a family with four and a half children. His mother was a well-known comma collector. Her collection of superfluous commas from world literature comprised more than 3.5 trillion commas at the time of her retirement. His sister Klara was a pioneer of the Forest Dream Movement (FDM), and Sven, his half-brother, who was a quarter of a century older, had been secretary general of the National Centaur Association for many years.

His older sister Norje, whom Andres loved dearly, spent half her life in an institution because she had written and published a poem. She was finally released when the poem stopped rhyming. Today she lives in Norköping and sings when the fog lifts. After their mother’s death, his younger brother Lars became addicted to time travel. He is considered missing in the past (or the future).

Andres Lavander leaves behind four adult children, eleven grand children and an electric toy train set.

Translated from a blog entry (February 13, 2013) in “Walters Wunderbare Welt”, © Walter Haffner

Melancholie der Vorgärten

28. April 2025

Es war gegen 9 Uhr. Der Himmel war grau und bewölkt. Einige Wolken waren leicht, weiss und beweglich, als wollten sie die Bemühungen der Sonne unterstützen, die Oberhand zu gewinnen, die meisten aber gross, dunkel und schwer. Es bedurfte keiner Wettervorhersage, um zu wissen, dass es demnächst regnen würde. 

Da wenig Aussicht auf eine Wetterbesserung am Nachmittag bestand, beschloss ich, trotz des bevorstehenden Regens auf den langen Spaziergang zu gehen. Ich schloss die Tür hinter mir ab und leinte im Fahrstuhl die Hunde an.

Als wir aus dem Haus traten, fielen bereits die ersten Tropfen.  Gut, sagte ich zu den Hunden, wir gehen jetzt los und der Spaziergang dauert dann einfach so lange, bis es richtig anfängt zu regnen, dann kehren wir um.  Einverstanden? Und wenn wir ein wenig nass werden, dann geschehe nichts Schlimmeres.

Wir gingen die Roosstrasse entlang, vorbei am Pflegeheim, aus dem gerade zwei weisshaarige alte Damen kamen, die sich auf Französisch unterhielten. Auch sie hielten trotz dem aufkommenden Regen an ihrem täglichen Spaziergang fest.

Anstatt wie üblich beim Ostring die Unterführung zu nehmen und dann entlang der Strafanstalt zum Wald zu spazieren, wartete ich, bis die Ampel auf Grün sprang, und überquerte die Roosstrasse. Als auch die Ampel am Ostring grün wurde, überquerten wir den Ostring.   

Auf der anderen Strassenseite bogen wir kurz darauf in die Hofwiesenstrasse ein, die wir – vorbei am Haus meiner frühen Kindheit – bis an ihr Ende gingen. Dort angelangt, wollte ich nach links abbiegen um durch ein kurzes Stück Wald in Richtung Altburg zu spazieren, aber die um eine Minute ältere unserer beiden Pudelweibchen, die stets genau weiss, wo sie nicht hinwill, stand still und wollte nach rechts.

Also gingen wir zuerst nach rechts und machten dann einen Bogen nach links um das Waldstück herum, vorbei an einer Baustelle, an der ein Mann mit Helm und Kopfhörer Rohre zersägte,  vorbei einem Parkplatz rechter Hand, bei dessen Eingang noch immer ein verblassendes Schild mit den Öffnungszeiten des Restaurants Altburg stand.

Das Restaurant Altburg, eine Jugenderinnerung, hatte vor Jahren den Betrieb eingestellt. Kurz darauf gingen wir daran vorbei. Es wurde nun als Wohnhaus genutzt und hatte, anstatt wie früher einen grossen Eingang für die Gäste, jetzt zwei kleinere für die Bewohnerinnen und Bewohner. Bemerkenswert, dachte ich als wir weitergingen, wie man an Dingen vorbeigehen kann, die es nicht mehr gibt.

Am Brunnen vor dem geschlossenen Restaurant wählten wir nicht den Weg links den kleinen Hügel hoch zur Ruine Altburg, sondern gingen nach rechts zwischen sorgfältig renovierten Häusern hindurch, auf der rechten Strassenseite gepflegter Rasen und farblich aufeinander  abgestimmte Blumen, auf der linken Strassenseite Kinderspielzeug in den Vorgärten, nur Kinder sah man keine.

Es fielen nun ein paar Tropfen mehr und der Himmel hatte sich weiter verdunkelt, aber es gab noch keinen Grund, umzukehren. Bevor wir nach links in einen Weg einbogen,  der hinunter in die Senke zu den Geleisen führt, drehte ich mich um, um mich zu versichern dass sich von hinten kein Elektrobike nähert.

Es näherte sich keines. Stattdessen sah ich am grünen Abfallbehälter, der am Ausgang der  Siedlung am Wegrand steht, eine Person mit einem Fahrrad, die dem Behälter gerade ein paar der blauen Hundekotbeutel entnahm. Einen Hund konnte ich aus der Distanz nicht ausmachen.

Wind war aufgekommen. Ich bog nach links ab, vorbei an einem frisch angelegten kleinen Teich, der Teil eines im Bau befindlichen Naturpfads sein würde, wie ich neulich auf der zu diesem Zweck aufgestellten Tafel las. Naturpfade schienen gerade in Mode zu sein. Auch wenn mit jedem Naturpfad ein Stück unberührte Natur verschwand.

Wenig später hörte ich Kies hinter mir knirschen. Ich nahm die Hunde kurz und drehte mich um. Die Person mit dem Fahrrad stand wenige Meter hinter mir am Wegrand. Es war eine ältere Frau.

«Ich wollte sie nicht erschrecken», sagte sie zu mir.

«Das haben sie nicht» antwortete ich. «Ich dachte nur, sie wollen vorbei.» Dann drehte ich mich wieder um und ging weiter.

Wenig später, als der Weg leicht gegen die Höfe abfiel, die nahe bei den Geleisen stehen, fuhr sie an mir vorbei. Sie trug eine orange Mütze und einen grauen Regenmantel und erst jetzt fiel mir auf, dass sie einen leeren Kindersitz hinten auf dem Fahrrad hatte. 

Sie hielt vor dem ersten Hof an, lehnte ihr Fahrrad an die Wand und trat ein, ohne anzuklopfen. Sie wohnt hier, dachte ich. Ich ging am Hof vorbei, las die gerade noch lesbare Aufschrift «1926» über der Tür, und wartete dann an der Bahnschranke, an der die roten Lampen blinkten. Als der von Affoltern kommende Zug vorbeigerauscht war und sich die Schranken wieder geöffnet hatten, gingen wir weiter.

Der Wind war stärker geworden. Hier und da riss er die Wolkendecke auf. Auf der anderen Seite der Wiese konnte man die Fassade des Guts Katzensee in den Strahlen der Morgensonne leuchten sehen, vor dem Hintergrund schwarzer Bäume und dunkler Wolken. Ich griff zu meinem Telefon, um ein Bild davon zu machen, aber das Licht war bereits wieder weg.  Als ich das Telefon wieder einsteckte und den Reissverschluss hochzog, hielt die alte Frau mit dem Fahrrad neben mir an.

«Warum sind Sie vorhin nicht erschrocken?» fragte sie mich unvermittelt.

«Weil sie nicht so aussehen, dass man erschrickt.»

«Wie seh’ ich denn aus?» fragte sie. Ein listiges Kindergrinsen huschte über ihr faltiges Gesicht.  

«Wie eine Frau, die mit dem Fahrrad von Hofladen zu Hofladen unterwegs ist.»

Die alte Frau begann zu lachen. Zuerst leise und glucksend, dann lauter und mit tiefer werdender Stimme, und während die Hunde zu bellen begannen, lachte sie immer noch lauter, bis sich ihr schallendes Gelächter mit dem Donner vermischte, der in diesem Moment über den Hönggerberg heranrollte.

Noch immer lachend stieg sie auf ihr Fahrrad und fuhr davon, währende sich der Himmel vollends verdunkelte und der böige Wind den stärker gewordenen Regen vor sich hertrieb. Ich fasste die Hundeleinen kurz und beschleunigte meine Schritte.

In Richtung Oberengstringen sah ich hinter dem Berg einen Blitz niedergehen. Ich zählte die Sekunden bis es donnerte. Man konnte so die Entfernung berechnen, in welcher der Blitz eingeschlagen hatte. Aber ich wusste die Formel nicht mehr.     

Pastellkreide und Wasserfarbe

27. April 2025

Das Leben reute ihn

26. April 2025

Das Leben reute ihn. Seit ihm bewusst geworden war, wie kurz es war, gab er es nur noch ungern aus. Er teilte es widerwillig, und wenn, dann höchstens mit Menschen, die ihm viel bedeuteten, oder mit seinen Hunden.  Und verschenken kam nicht in Frage, keinen einzigen Tag!

Er hatte lange gebraucht, um zu begreifen, wie kurz sein Leben war. Wenn er daran dachte, wie achtlos und verschwenderisch er davor mit seinen Tagen umgegangen war, wurde ihm schwindlig und er musste sich hinsetzen.

Jahrzehntelang hatte er in den Tag hineingelebt, unbeschwert, als gäbe es immer ein Morgen.  Schlimmer noch: es hatte ihn gar nicht gekümmert, ob es ein Morgen geben würde und wie oft noch. Er hatte die Tage gepflückt und verwelken lassen, als würden sie in ihm nachwachsen.

Hin und wieder hatte es alte Menschen gegeben, die ihm freundlich geraten hatten, er solle das Leben geniessen, es sei kurz. Damit konnte er wenig anfangen. Er genoss es ja meistens. Und es klang für ihn so, als sagte man ihm, die Sonne schrumpfe und werde irgendwann verschwinden.

Er würde selber nie einem jungen Menschen sagen, das Leben sei kurz. Das glaubte nur einer, der es schon wusste. Es war das Privileg der Jungen, das Leben mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen. Eine Freundin hatte einmal zu seinem Sohn gesagt: «Ich will Deine Zeit verschwenden.»

Manche Tage entwickelten sich so, dass es ihn gegen Mittag ärgerte, sie begonnen zu haben. Handwerker, die um 8 Uhr da sein sollten, kamen erst um 10 Uhr, oder der Pollenflug machte ihm so zu schaffen, dass der Spaziergang zur Plage wurde. Er hätte diese Tage gerne zurückgegeben.

Ein Freund hatte ihm vorgeworfen, geizig zu sein im Umgang mit seiner Zeit. Er hatte ihm nicht widersprochen. Grosszügig war er nur mit Absagen. Er erteilte sie links und rechts. Du vereinsamst mir noch, sagte seine Frau. «Welcher Verein?», fragte er.

Neulich stand er am Grab seiner zweitletzten Tante. Sie war viel und weit gereist. Seit sie ihr Haus hatte verlassen müssen und im Altersheim ein Zimmer bezogen hatte, fehlte ihr die Freude am Leben. Sie wollte es loslassen. Wie eine Handtasche an der Reling eines Hochseeschiffs.  

Das Leben reute ihn. Manchmal wusste er wenig mit seinen Tagen anzufangen, und es betrübte ihn. Oft gelang es ihm, sie auszukosten, und er ging an ihrem Ende glücklich zu Bett. Dann blickte er, bevor er das Licht ausmachte, auf seinen kleinen Vorrat wie auf einen Schatz.   

Schlechtes Eis

31. März 2025

Er hielt den Stuhl an der Lehne und zog ihn vom Tisch weg, als ob er sich, wie wir andern das gerade taten, hinsetzen würde, setzte sich dann aber nicht, sondern zog den Stuhl weiter bis zum Nachbartisch, wo er ihn gegen einen anderen austauschte, den er an unseren Tisch brachte, und erst auf diesen neuen Stuhl setzte er sich und lächelte in die Runde.  

Die ersten zwei drei Male, nachdem ich ihn in jenem Frühling kennengelernt hatte, nahm ich an, es sei sein kleines Pech, dass jedes Mal ausgerechnet auf seinem Stuhl, den ihm der Zufall zugewiesen hatte, ein kleines Stück Thunfisch oder (in einem Gartenrestaurant) ein Vogeldreck lag, oder vielleicht ein paar Katzenhaare, auf die er womöglich allergisch war, denn es hatte sehr viele streunende Katzen in der Gegend, in der ich damals bereits etwas mehr als zwei Jahre gelebt hatte.    

Darum ging es aber nicht. Da war rein gar nichts auf seinem ersten Stuhl. Kein getrockneter Vogeldreck, kein öliges Stück Thunfisch, keine Katzenhaare, kein gerissenes Sitzgeflecht. Die ihm jeweils zufällig zufallenden Stühle waren einwandfrei oder zumindest nicht in schlechterem Zustand als diejenigen, auf die wir anderen uns ohne Umschweife setzten. Ich will auch nicht sagen, dass es sein Tick oder seine Marotte war, und die Sache damit auf sich bewenden lassen, dieses seltsame Ritual.  

In jenen Tagen im Mai, als der Horizont über dem Meer braun gefärbt war, wie er das oft ist im Frühling, wenn die Winde aus der Sahara den Sand gegen Nordwesten treiben, tauschte er seinen Stuhl jedes Mal aus, wenn er sich in seinem kleinen Restaurant in Jaffa zu uns setzte, und wir sahen uns in diesen Tagen oft, bis es mir auffiel und ich begann, darüber nachzudenken.

Dazu muss ich sagen: es braucht etwas, bis mir etwas auffällt. Ich nehme die Handlungen meiner Mitmenschen sehr wohl wahr, und manchmal beobachte ich sie sogar sehr genau, aber ich nehme vieles, was andere tun, eigentlich das Meiste, als selbstverständlich hin, ohne mir etwas dabei zu denken. Die Dinge sind für mich so, wie sie sind, und die Leute tun etwas so, wie sie es tun. Wenn ein Mensch etwas nicht auf die eine, sondern auf die andere Art tut, hat er wahrscheinlich seine Gründe dafür. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht mit der einen Art und probiert nun die andere aus. Wieso sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Hunde, bevor sie sich niederlegen (um wenig später einen Hundetraum zu haben und sich mit den Hinterbeinen am Rand ihres Traums abzustossen, was sie nicht ins Erwachen, sondern in einen nächsten Traum befördert), drehen sich ein paar Mal im Kreis, machen Umschweife, könnte man sagen, um das hohe Gras wegzudrücken, um Skorpione und Schlangen zu vertreiben. Was weiss ich, sie legen sich jedenfalls nur sehr selten, und nur wenn sie wirklich sehr, sehr müde sind, einfach hin.  

War der Tausch des jeweils ersten Stuhls eine ähnliche Vorsichtsmassnahme? Hatte man vor vielen hundert Jahren einem seiner Vorfahren ein Stuhlbein angesägt (ein wirklich dummer, gefährlicher Streich) und er hatte sich beim Aufprall auf den Steinboden einen Hirnschlag zugezogen, von dem er sich nicht mehr erholen sollte? War es seither im Erbgut der Familie, ein über Generationen vererbter Instinkt, sich nie auf den ersten Stuhl zu setzen, schon gar nicht auf einen angebotenen und erst recht nicht auf den erstbesten, weil es der schlechteste und letzte Stuhl sein konnte?

Ich habe es nicht herausgefunden und ich habe es leider, vielleicht aber auch zum Glück, wer weiss das schon, verpasst, ihn danach zu fragen. Gelegenheit dazu hätte ich gehabt, zur Genüge, aber ich traute mich nicht. Was, wenn ihn die Frage beleidigen würde, weil wer sie stellte vielleicht dachte, seines sei ein seltsames Verhalten? Was, wenn er sich gar nicht bewusst war, dass er jedes Mal, bevor er sich hinsetzte, seinen Stuhl austauschte? Wäre es dann nicht so gewesen, als hätte ich einen Schlafwandler angesprochen, was man ja bekanntlich tunlichst vermeiden sollte?

Ich fragte ihn also nicht. Auch am letzten Abend nicht, an dem wir uns in jenem Frühling trafen, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein sollte, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht begegneten. Ich sage von Angesicht zu Angesicht, weil ich ein paar Wochen nach unserer letzten Begegnung, von der ich gleich berichten werde, als ich am Abend alleine durch die Altstadt von Jaffa spazierte, eine männliche Gestalt dahinschreiten sah, vielleicht 50 Meter vor mir, in dieselbe Richtung.

Ich dachte, wohl wegen seinem typischen Gang und seiner durchschnittlichen Grösse, er sei es, und rief laut seinen Namen, aber er reagierte nicht und bog in eine Seitengasse ein, in der er bereits nicht mehr war, als ich dort angelangte. War er in einem der Häuser verschwunden oder hatte er, sobald er in die Seitengasse eingebogen war, zu rennen begonnen und hatte sie bereits am anderen Ende verlassen, als ich endlich Einblick nehmen konnte? War er es überhaupt? Wie viele Männer durchschnittlicher Grösse mit seinem Gang gab es in Jaffa? Hatte er mich gehört und war in die Seitengasse verschwunden, weil er nicht mit mir sprechen wollte? Und warum nicht? Wir waren doch Freunde. War er es und er hatte mich nicht gehört? Oder war er es nicht und hatte mich einen Namen rufen hören, der zwar laut aber nicht seiner war? Rief ich also umsonst?

Am Abend, als wir uns das letzte Mal sahen, war ich von meinem Haus in Ramat Gan aus noch bei Tageslicht mit dem Fahrrad nach Jaffa aufgebrochen. Ich fuhr damals oft Fahrrad, manchmal auch zur Arbeit, und an jenem Abend schien mir die Möglichkeit, dass ich an seinem Ende nicht mehr ganz nüchtern sein würde, gross zu sein, trafen wir uns doch in der neuen Bar, die er vor Kurzem am Hafen eröffnet hatte. Ich bog also von meinem Haus in Ramat Gan aus zuerst gegen links in die Bialik ein, dann von der Bialik rechts in die Aba Hilel, um wenig später linkerhand in den Yarkon Park zu gelangen, der fast bis hinunter ans Meer führt, wo ich dann nur noch der Uferpromenade folgen musste, um nach Jaffa zu gelangen.  

Seine neue Bar war, wie bereits erwähnt, direkt am alten Hafen, der damals erst teilweise renoviert war und ungleich mehr Charme hatte als heute, wo alles renoviert ist und fast gleich aussieht wie ein paar Kilometer nördlich. Das Kernstück der Bar war ein riesiger, halbkreisförmiger Tresen, an dem hohe Barstühle standen. Nachdem er uns (es waren noch ein Kollege und zwei Kolleginnen von der Botschaft dabei) von hinter der Bar eine erste Runde hingestellt hatte, kam er um die lange Bar herum, begrüsste uns alle mit einer Umarmung, tauschte den Barhocker aus und setzte sich zu uns.  

Das Getränk, das er uns serviert hatte, war ein grosses, mit Eiswürfeln gefülltes Wasserglas, in dessen Zwischenräume er Cognac gefüllt hatte. «Das Verrückte daran ist,» sagte er, «dass man von eisgekühltem Cognac nicht betrunken wird.» Da sassen wir also, redeten und tranken einen eisgekühlten Cognac nach dem andern. Ich mag Cognac nicht besonders, aber eisgekühlt schmeckte er mir vorzüglich und da er nicht betrunken machte, was ich ihm als einziger glaubte, schien es mir ein perfektes Getränk für einen langen, warmen Abend an einer Bar am Mittelmeer zu sein.

Mein Freund (mon ami, denn er stammte aus der Westschweiz), wie ich ihn nicht erst nach dem dritten Drink nannte, erzählte uns, dass er Israel schon bald verlassen werde, was uns überraschte, hatte er doch erst gerade sein zweites Lokal eröffnet und einen köstlichen Drink erfunden, der nicht betrunken machte.

Zwei Barstühle weiter fand eine ziemlich heftige Diskussion zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau statt. Immer wieder hörte ich ihn sagen „Ja, aber darum geht es nicht.“ Er konnte dann aber nie richtig sagen, worum es wirklich ging. Jedenfalls habe ich es nicht mitbekommen, falls er es ihr im Verlauf des immer länger werdenden Abends noch gesagt hätte. Ich glaube eher, er wusste es selber nicht. Irgendwann ging er dann, ich glaube alleine, weil sie vorher gegangen oder gerade auf der Toilette war, als er vom Stuhl kletterte. Er schien mir ziemlich betrunken, der arme Kerl, aber vielleicht war ja sie die arme Frau.

Jedenfalls waren die zwei Barhocker neben mir (ich sass am Rande unserer kleinen Gesellschaft) plötzlich leer, und es leerten sich irgendwann auch die anderen Stühle, bis nur noch mon ami, meine Kolleginnen und mein Kollege von der Botschaft und das Ungefähre, was von mir nach 10 Gläsern Eiscognac noch übrig war, im Lokal waren, das irgendwie, wie mir erst jetzt auffiel, gar kein richtiges Lokal war, denn es hatte gegen das Meer hin keine Wände, und man konnte in den nun länger werdenden Gesprächspausen die Wellen gegen die Hafenmauer schlagen hören. Schwap… schwap… schwap…  

Bezahlen durften wird nicht. Es war ja auch fast nur Wasser in den Gläsern und mon ami ist ein grosszügiger Mensch. Wenn ich mich richtig erinnere, was unwahrscheinlich ist, aber keine Rolle spielt, war es lange nach Mitternacht, als ich von meinem Barhocker stieg und mit einem Schlag spürte, wieviel Cognac ich getrunken hatte. Es musste schlechtes Eis gewesen sein, denn ich war entgegen der Anpreisung des Drinks durch mon ami sturzbetrunken. Und – es kam, wie es kommen musste – ich bin dann auf dem langen Heimweg auch tatsächlich gestürzt.

Irgendjemand hatte die lobenswerte Idee, auf der Meerespromenade seitlich gegeneinander verschobene, kniehohe Betonblöcke zu platzieren, die von links und rechts in die Promenade ragen, damit keine Zweiräder die Promenade entlang rasen und die Fussgänger umfahren können. Man muss zwischen den Betonblöcken hindurch Schlangenlinien fahren. Das gelang mir anfangs ziemlich gut, und es kam völlig unerwartet, als ich mit dem Vorderrad einen der Betonblöcke rammte, worauf es mich, obwohl ich mir sicher war, langsam unterwegs zu sein, in einem Salto, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte, über den Lenker und den Betonblock katapultierte.

Ich lag leicht verkrümmt auf dem Asphalt und mehrere Passanten eilten sofort zu mir, um mir aufzuhelfen und mich zu fragen, wie es mir gehe, ob ich OK sei. «Ja,» sagte ich, «danke, nichts passiert.» Ich liess alle meine Helfer ihre Hand vor ihr Gesicht halten und mir sagen, wie viele Finger sie sehen, dann liess ich es gut sein und verabschiedete mich. Ich hatte ein paar Schrammen und meine erst vor ein paar Jahren ersetzte Hüfte tat mir furchtbar weh, aber mein Fahrrad hatte zum Glück keinen Schaden genommen, wohl wegen der Federung des Vorderrads, und so kam ich, wenn auch langsam und immer wieder vom Rad steigend, aus eigener Kraft nachhause, von dem ich erstaunlicherweise noch wusste, wo es war.

Eis mit Cognac habe ich seither nicht mehr getrunken, und mon ami nie mehr gesehen. Ich wünsche ihm alles Gute, wo immer er ist, vielleicht irgendwo in Afrika (er hatte Afrika erwähnt), an einem Strand, in einer Bar, die nicht seine sein muss, oder irgendwo in den goldenen Hängen am Lac Léman, im eigenen Weinberg, mit einem kleinen Winzerhaus mit einem Tisch und zwei austauschbaren Stühlen.

Fetter Junge, dünne Tante

15. März 2025

(Abschied nehmen)

Es gibt ein Bild, es ist noch kein Jahr alt, auf dem man meine Tante in unserer damals gerade frisch bezogenen Wohnung in Regensdorf (Manhattan) in unserem Fat Boy sitzen sieht, einem breiten, schwarzen Fauteuil, in dem es sich superbequem fernsehen, lesen oder auch einfach nur dösen liess und den man mit einem Hebel umlegen und darin wunderbar ein- und weiterschlafen konnte. Meine Tante, früher eine füllige Person, der wir als Kinder auch mal den Spitznamen «Tanti Fanti» gegeben hatten, sieht im grossen Sessel klein und leicht aus, wie ein freudig strahlendes Murmeltier oder ein Klippschliefer, die ja mit den Elefanten nahe verwandt sein sollen.  

Wir hatten den Fat Boy aus Ankara nach Wien und von da in die Schweiz mitgenommen. Er stand mit seinem Bruder im Wohnzimmer, als wir zum ersten Mal in die Wohnung im ersten Stock der Residenz der Schweizer Botschaft am Atatürk Bulvari in Çankaya traten. Dumm, wie ich manchmal bin, wollte ich beide Fat Boys nicht in meinem neuen Wohnzimmer. Die Vorstellung, wie viele Botschafter und ihre Frauen sich bereits in den Sesseln geräkelt hatten, war abstossend für mich. Zum Glück bestand meine Partnerin und spätere Frau darauf, wenigstens einen Fat Boy zu behalten. „Du musst ja nicht darauf sitzen“, sagte sie. „Es wird mein Sessel sein.“  

Natürlich wurde es dann bald einmal mein Sessel, weil er einfach zu bequem war, um sich von der eingebildeten Erinnerung an alt Botschafter und ihre Gattinnen daraus vertreiben zu lassen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir natürlich mein Vater in den Sinn, wie er sich ein paar Wochen lang weigerte, auf das neue Sofa zu liegen, das meine Mutter aus ihrem eigenen Geld gekauft hatte, ohne ihn zu fragen. Mein Vater sah nicht ein, weshalb man etwas entsorgen sollte, wenn es noch zu gebrauchen war. Ein paar Wochen später legte er sich dann nach dem Abendessen auf das neue Sofa, als wäre nichts gewesen.

Als es klar wurde, dass der Fat Boy mein Sessel geworden war, bat meine Frau den Hausmeister der Botschaft, er solle doch bitte den anderen Fat Boy aus dem Keller holen und ihn in unser Wohnzimmer zu seinem Bruder bringen, aber es stellte sich heraus, dass ihn die unterdessen transferierte Kanzleichefin einer vor ihr in die Schweiz zurückgekehrten Kollegin geschenkt hatte, was sie eigentlich gar nicht durfte, denn es handelte sich um Mobiliar des Bundes. Erst kurz bevor wir Ankara in Richtung Wien verliessen, wurde es möglich, altes Mobiliar aus der Residenz zu kaufen, da die zukünftigen Botschafter ihre Privaträume in den Residenzen selber möblieren durften. Es tat mir natürlich Leid, dass ich verantwortlich für die Trennung der beiden Brüder war, aber ich konnte es nicht mehr ändern. Alles, was ich noch tun konnte, war, meiner Frau ab und zu den Fat Boy zu überlassen.

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Aus dem Zentrum von Höngg, wo ich aufgewachsen bin, führt die Regensdorferstrasse, so weit so gut, direkt nach Regensdorf. Leicht befremdend ist lediglich, dass man sich, wenn man kurz nach dem Restaurant Grünwald aus dem Wald kommt und  Regensdorf sehen kann, nicht mehr auf der Regensdorferstrasse, sondern auf der Hönggerstrasse befindet. Sollte man wenden?

Als wir von Wien nach Regensdorf zogen, hiess das auch, dass unser Wohnzimmer anstatt sechzig plötzlich nur noch zwanzig Quadratmeter gross war. Als wir das erste Mal von Höngg aus kommend mit dem Wagen aus dem Wald kamen, sagte ich zu meiner Frau mit Blick auf die alten und gerade neu entstehenden Hochhäuser: Manhattan!

Alles in Regensdorf, auch unser Wohnzimmer, ist lediglich etwas kleiner, aber sonst fast wie in Manhattan. Mit unseren beiden Sofas, einem Kasten, einem Beistelltisch, einem TV-Möbel und zwei türkischen Heiratsboxen war unser Wohnzimmer bereits voll, mit dem Fat Boy klar übermöbliert. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis wir uns dazu durchringen konnten, uns von unserem Fat Boy zu trennen. Natürlich hätten wir auch eines der eben erst in Wien gekauften teuren Sofas weggeben können, und vielleicht hätten wir genau das tun sollen, aber es schien uns wenig Sinn zu machen.

So fiel das Los auf unseren Fat Boy, und meine Frau gab ihn schweren Herzens im Nachbarschafts-Chat zur Adoption frei. Am Abend des 13. März kam ihn dann ein junges Paar aus der Nachbarschaft abholen und wir waren froh, dass er, anstatt auf der Müllhalde zu landen, eine sympathische neue Familie gefunden hatte. Am Tag danach erreichte uns zuerst eine Whatsapp-Meldung des jungen Paars, wie glücklich sie mit dem superbequemen Fat Boy seien, dann die Kurzmitteilung meines Bruders, dass unsere Tante um die Mittagszeit friedlich eingeschlafen sei.

Meine Frau und ich hatten sie vor drei Wochen noch zum Mittagessen in ein Restaurant in Höngg ausgeführt, wo sich der Kellner sehr gefreut hatte, sie wiederzusehen. Kurze Zeit später hatte sie einen Hirnschlag und wurde ins Spital eingeliefert. Als mein Bruder und ich sie besuchten und ihr nach einem Gespräch mit den Ärzten mitteilten, sie würde am folgenden Tag entlassen und dürfe in ihr eigenes Zimmer im Pflegezentrum in Höngg zurück, wusste sie nicht mehr, dass sie die letzten fünf Jahre dort verbracht hatte. «Ich will nachhause» sagte sie, «Gehen wir jetzt?»   

Zurück im Pflegeheim begann dann die palliative Pflege. Das erste Mal, als meine Frau und ich sie besuchten, konnte man noch mit ihr kommunizieren, obwohl sie nicht mehr viel sagte. «Sprecht nur,» sagte sie ab und zu, «Ich kann euch hören.» Beim nächsten Besuch sprach sie kaum noch. Zu Beginn des Besuchs richtete sie sich im Bett auf, schaute meine Frau an, und sagte zu Ihr «I love you!» bevor sie wieder in den Nebeln der Opiate versank. Später sagte sie noch «Es nimmt mich einfach» und gegen Ende unseres Besuchs noch ein Mal: «Es nimmt mich einfach». Zwischendurch griff sie mit ausgestreckten Armen in die Luft, als wollte sie etwas fangen.

Bei unserem letzten Besuch am Donnerstag, am Tag bevor sie starb, dämmerte sie nur noch vor sich hin, die Augen einen Spalt weit geöffnet, die immer länger werdenden Atempausen von einem unruhigen, mühsamen Ringen um Luft unterbrochen. Uns war klar, dass das unser Abschiedsbesuch sein würde. Wir sprachen wenig auf der Heimfahrt. Als wir aus dem Wald kamen, brannten in Manhattan bereits die Lichter.

Obwohl ich vorbereitet war, musste ich am Freitag, als ich meiner ältesten Tochter, die es gerade noch geschafft hatte, am Vormittag von ihrer Grosstante Abschied zu nehmen, mitteilte, sie sei nun gestorben, weinen. Als wäre ihr Sterben erst real geworden, als ich es aussprach.

Mein Tante wollte gehen, und ich wusste, dass dieses Gehen (oder genommen werden?) unmittelbar bevorstand, trotzdem überkam es mich. Im Fleischli in Rümlang, bei Kaffee und einem Stück Osterkuchen. Mein Frau legte ihren Arm um mich und die Hunde schauten mich verwundert an.

Heute ist Samstag. Ich habe einige Dinge entsorgt und einen langen Spaziergang mit den Hunden gemacht, bei dem sie auf einer Wiese neben dem Fussballplatz frei rennen konnten. Zum Abendessen hat meine Frau Filet und Reis zubereitet. Nun stehe ich an meinem PC und habe gerade Ben Gurion das Gesicht gewaschen und ihm die Sonnenbrille gereinigt. Zu viele braune Ringe von meinen Kaffeetassen auf dem Untersatz mit seinem von der Illustratorin Amit Shimoni gemalten Pop-Art Brustbild. Ben Gurion trägt ein pinkes Hemd mit kleinen Ananas, vermutlich mit kurzen Ärmeln (man sieht das auf dem Untersatz nicht mehr), er hat schlohweisses Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Der Hintergrund ist gelb.