Vier klassische Konzerte um den Jahreswechsel

4. Mai 2023

Das dritte Konzert

Zurlinden hiess sie! Paula Zurlinden! Ich war das Alphabet gerade mehrmals durchgegangen auf der Suche nach dem Namen meiner ehemaligen Assistentin, weil mich die Frau, die im Wiener Konzerthaus direkt vor mir Platz genommen hatte, von hinten (nur von hinten, von der Seite bestand keinerlei Ähnlichkeit) stark an sie erinnerte, ohne dass mir ihr Name in den Sinn gekommen wäre. Bei „a“ glimmte einmal im Hintergrund kurz ein Licht, wie ein erlöschender Zigarettenstummel, und einmal meinte ich, es versuche sich ein „o“ schüchtern aufzudrängen, aber keiner der Buchstaben, die ich vor meinen geschlossenen Augen aufmarschieren liess, war imstande, einen Namen aus dem Dunkel meiner Erinnerung zu locken.

Erst als ich die Augen im zweiten Satz von Mozarts 9. Symphonie wieder öffnete, während des ersten Themas, das, wie mir das Programmheft erklärt hatte, aus Vorder- und Nachsatz aufgebaut war, die wiederum aus zweitaktiger „Frage“ und „Antwort“ bestanden, flog mir ihr Name zu. Und als hätte der plötzlich ankommende Vogel einen bereits anwesenden aufgescheucht, löste sich, als der junge Dirigent seinen linken Arm abrupt nach oben riss, um einem Teil seiner Musiker das Zeichen zum Einsatz zu geben, seine linke Hand aus der Manschette und flog wie ein Vogel anmutig über den Köpfen des Orchesters hinauf in Richtung des prachtvollen, altehrwürdigen Gewölbes. 

Paula Zurlinden wartete damals, vor 15 Jahren, als ich überraschenderweise meinen ersten Posten als Botschafter (in Israel) antrat, als Assistentin des Missionschefs auf mich. Eine sehr liebenswürdige und stets äusserst hilfsbereite Frau mit den sanften, braunen Augen eines Rehs, die ich nach einer Weile als meine Assistentin ersetzen musste, aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, um sie nur wenig später auf einer anderen Position wieder einzustellen, für die sie besser geeignet und auf der sie zufrieden und glücklich war. Aber was heisst schon zufrieden, und was, wenn es so etwas als Zustand und nicht nur als flüchtigen Moment gäbe, wäre Glück?

Ein paar Jahre nach meinem Abgang aus Tel Aviv trug mir jemand zu, sie sei schwer krank geworden. Ein Tumor von der Grösse einer Baumnuss im Hinterkopf, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Und noch einmal ein paar Jahre später erfuhr ich, sie sei operiert worden und hätte alles gut überstanden. Ich hoffe, diesen zweiten Teil meiner Erinnerung nicht meinem Gedächtnis zu verdanken, das, stets um mein Wohlbefinden bemüht, dazu neigt, alles gut werden zu lassen, auch Dinge, die nie gut geworden sind. Wenn heute Abend das Jahr zu Ende geht, werde ich ein Glas auf Sie trinken, liebe Frau Zurlinden, in der Hoffnung, es gehe Ihnen tatsächlich gut! Ich wünsche Ihnen noch viele gesunde und glückliche Jahre.

Nun hätte ich erwartet, dass im Moment, als sich die linke Hand des Dirigenten aus seinem Ärmel verabschiedete und mit eleganten Schwüngen an Höhe gewann, zumindest ein bass erstauntes allgemeines Raunen, wenn nicht ein entsetzter Aufschrei durch Orchester und Publikum gegangen wäre, oder dass zumindest der Dame aus dem Chor, der hinter dem Orchester stehend auf seinen Einsatz wartete, über deren Kopf die Hand mit so wenig Abstand abdrehte, dass sie ihn fast getroffen hätte und vermutlich gestreift hat, ein Schrei entfahren wäre, während sie versucht hätte, dem seltsamen Vogel auszuweichen oder – je nach Temperament – ihn abzufangen, aber nichts dergleichen geschah.

Niemand im Publikum oder im Chor schien von dem doch äusserst ausserordentlichen Vorfall auch nur Kenntnis genommen zu haben und der Dirigent bewegte seinen linken Arm weiterhin so, als befände sich an seinem Ende seine linke Hand, obwohl man deutlich erkennen konnte, sogar ich mit meinen nicht sehr guten Augen aus der 22. Reihe, dass sie fehlte. Ich drehte mich zu meiner Frau hin, aber sie lächelte und hatte offenbar auch nichts bemerkt, obwohl sie ihre Brille trug. War ich einer optischen Täuschung erlegen?

Beim nächsten Konzertbesuch, nahm ich mir vor, wollte ich mein Opernglas mitnehmen, und fragte mich gleichzeitig, ob es wohl erlaubt sei, Operngucker ins Konzert mitzubringen. Ich hatte jedenfalls noch niemanden gesehen, der die Gesichter der Musiker oder den Rücken des Dirigenten durch sein Fernglas beobachtete.

Das Konzert ging also weiter, als ob nichts gewesen wäre. Der Vogel musste sich (ich hatte ihn aus den Augen verloren), nachdem er eine Weile lang unter dem Dach umhergeflattert war, irgendwo niedergelassen haben, und der Dirigent brachte die 9. Symphonie ohne Probleme einhändig zu Ende. Während das Publikum minutenlang frenetisch applaudierte und „Bravo!“ rief, verschwand der Dirigent dreimal und kam jedes Mal ohne seine linke Hand zurück. Einmal, er hatte wohl für einen Augenblick vergessen, dass sie ihm gerade abhandengekommen war, winkte er sogar mit dem linken Arm in den applaudierenden Saal, aber nicht einmal da schien dem Publikum etwas aufzufallen. 

Wenn ich gesagt habe, ich sei damals überraschenderweise zu meinem ersten Botschafterposten in Israel gekommen, so bezieht sich die Überraschung auf das Land, in dem man mir zum ersten Mal die Vertretung der Schweizer Interessen anvertraute. Noch erstaunter als ich war wohl derjenige, der eigentlich für den Posten vorgesehen war. Aber die Dinge nehmen manchmal ihren eigenen, von niemandem vorhersehbaren Lauf. Ich wurde damals buchstäblich über Nacht ernannt, weil der, der für die Ernennung vorgesehen war (ein überaus brillanter Kollege), ein paar Jahre zuvor an einem offiziellen Nachtessen eine längere Rede gehalten hatte in der Sprache seines damaligen Gastlandes, die der neben ihm sitzende Schweizer Bundesrat leider nicht verstand.     

Das vierte Konzert

Sie fragen sich jetzt wahrscheinlich, warum ich mit dem dritten Konzert begonnen habe und nun bereits zum vierten und letzten Konzert übergehe. Die Erklärung ist so kurz wie einfach. Die beiden ersten Konzerte fanden ohne mich statt. Das erste sogar ohne uns, weil meine Frau und ich an Corona erkrankt waren, und das zweite ohne mich, weil meine Gattin es alleine besuchte. Es fand einen Tag vor dem dritten statt, von dem ich gerade berichtet habe, und zwei klassische Konzerte hintereinander wären für mich eines zu viel gewesen.

Das vierte Konzert fand im Musikverein statt. Dort, wo jedes Jahr das Neujahrskonzert in alle Welt hinaus übertragen wird. Wenn ich Ihnen sage, ich wisse nicht mehr, was gespielt wurde und wer dirigierte, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als mir zu glauben. Im Gegensatz zum dritten Konzert gab es beim vierten auch für mich keine ausserordentlichen Vorfälle. Ich hatte nach dem dritten Konzert schon auf dem Heimweg meine Frau gefragt, ob sie gesehen habe, wie die Hand des Dirigenten ihm entflog, aber sie hielt es für eine meiner besonderen Formulierungen und meinte nur, ja, er habe sehr lebhaft dirigiert. Am nächsten Tag habe ich die Medien durchforstet und zwei Freunde angerufen, von denen ich annehmen durfte, dass sie auch am Konzert waren, aber niemand wusste etwas von einer entflogenen Hand und der Dirigent, so las ich, würde schon am übernächsten Tag in Mailand wieder dirigieren. 

Für einen kurzen Augenblick zog ich in Erwägung, nach Mailand zu reisen, um der Sache auf den Grund zu gehen, aber dann verwarf ich die Idee, und fragte mich stattdessen, was mich im Grossen Saal des Musikvereins beim vierten Konzert erwarten würde. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich wohl noch nie so gespannt und aufmerksam in ein klassisches Konzert gegangen bin.

Umso unerklärlicher ist es mir, dass ich nicht mehr weiss, was gespielt wurde und wie der Dirigent hiess. Das Einzige, was ich noch mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass es ein schon etwas älterer Herr war, der beidhändig dirigierte und abrupte Bewegungen vermied. Und dass die Musik sehr melodiös war, ohne Crescendo mit Pauken und Trompeten.

Kurz vor Schluss muss ich eingedöst sein. Offenbar lange und tief genug, dass es zum Träumen reichte. Dass Konzert war zu Ende und das Publikum klatschte frenetisch Beifall, obwohl niemand Arme hatte, auch ich nicht. Nur meine Frau schien mindestens einen Arm zu haben, mit dem sie an meiner Schulter rüttelte. „Wach auf…“, sagte sie, und ich fragte sie: „Wie machen wir das?“    

Feld in den Bergen (Pastellkreide auf Papier)

3. Mai 2023

Vorsicht beim Umblättern

3. Mai 2023

Eines schönen Sommermorgens sass ich auf dem Balkon des 14. Stockwerks eines Hochhauses in Ramat Gan mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv, die immer mehr derjenigen von Manhattan zu gleichen beginnt, und las in einem Roman von Lars Gustafsson. Als ich das Kapitel zu Ende gelesen hatte, blätterte ich noch einmal zurück zum Titel („Der Hund aus Karbenning“) und wunderte mich: es war gar kein Hund im Kapitel vorgekommen. Oder hatte ich ihn überlesen? Ich las das Kapitel ein zweites Mal, aber da war kein Hund. Was war mit ihm passiert? Hatte er sich gleich nach dem Titel aus dem Staub gemacht?

Später ging ich spazieren und nahm das Buch in meinem Rucksack mit. Das Kapitel mit dem Hund in der Überschrift, in dem dann gar kein Hund vorkam, ging mir nicht aus dem Kopf. Es war nicht so, dass ich die ganze Zeit daran dachte, mein Hirn war ja andauernd mit all den real existierenden Menschen, Katzen Hunden und Dingen beschäftigt, denen ich auf meinem Spaziergang begegnete, aber der nicht im Kapitel vorkommende Hund kehrte immer wieder in mein Bewusstsein zurück. Es war, als würde er in der Nachbarschaft meiner Gedanken umherstreunen und mir dabei immer wieder über den Weg laufen.

Weshalb hatte der Autor den Hund im Titel erwähnt, das Kapitel dann aber gänzlich ohne ihn gestaltet? Es schien mir ein wenig so, als würde man seinem Hund das Halsband anziehen und vielleicht schon die Leine anschnallen und dann ohne ihn aus dem Haus gehen. Wollte Gustafsson, dass man sich als Leser durch sein Kapitel bewegt, seinen Gedanken folgt, und dabei darauf wartet, dass um die Ecke des nächsten Satzes ein Hund erscheint? Diente die Ankündigung des Hundes dem Zweck, eine Bereitschaft zu erzeugen, die Erwartung des Lesers auf etwas zu lenken, was dann nicht eintraf, um ihn etwas anderes, was währenddessen passierte, nicht bemerken zu lassen? Wäre es nicht seltsam, wenn ein Autor etwas schreiben würde, wovon er gleichzeitig ablenkte, damit es niemand bemerkt?

Ich las das kurze Kapitel ein drittes Mal und verdrängte den Hund dabei ganz aus meinen Gedanken, versuchte es jedenfalls, um ihn mir nicht einzubilden. Ich wusste ja, dass er nicht da sein würde. Aber ich konnte auch so nichts entdecken, was ich vorher in Erwartung des Hundes übersehen haben könnte. Da war nichts, was der Autor vielleicht an meinem Bewusstsein vorbei in die Geschichte schmuggeln wollte, damit es sich in meinem Unterbewusstsein einnisten und sich zu einem späteren Zeitpunkt bemerkbar machen würde. Jedenfalls fiel mir nichts auf. War ich also auf der falschen Fährte? Hatte er mich wie den Hund im Titel losgeschickt um nach etwas zu suchen, was gar nicht vorhanden war, wie wenn man einem Hund einen Stock wirft, ihn aber nicht loslässt, und der Hund rennt ihm trotzdem hinterher?

Mir kam ein Rabbiner in den Sinn, aus dessen Briefen einst ein Dichter die Anwesenheit einer Katze lesen konnte, während der Rabbi sie schrieb, ohne dass dieser die Katze auch nur mit einem Wort in einem seiner Briefe erwähnt hätte. Ich nahm mir vor, nach dem Gedicht zu suchen, sobald ich wieder zuhause war, und tat das auch, aber vergeblich. Ich dachte, vielleicht wäre es ein Gedicht von Krolow, aber im einzigen Gedichtband, den ich von Karl Krolow besitze, kommt lediglich ein Hund vor, der sich in einem Steinbruch verlaufen hat. Es konnte nicht meiner sein. Aber ich sagte mir: Wenn man die Anwesenheit einer Katze aus Schriftstücken erahnen konnte, in welchen sie nicht erwähnt wird, musste es auch möglich sein, dass ein Hund durch ein Kapitel streunt, ohne dass er darin vorkommt. Besonders dann, wenn ihn der Titel angekündigt hat.

Ich las das Kapitel ein weiteres Mal und nahm mir gleichzeitig vor, dass dies das letzte Mal sein würde. Ich wollte endlich weiterlesen im Buch. Ich wollte nicht noch weiter in dieses Kapitel, das mich jetzt schon über Gebühr beschäftigte, hineingezogen werden wie in einen gefährlichen Strudel, aus dem ich mich am Ende nicht mehr befreien und auf der Suche nach dem Hund selber verschwinden würde. In einem Steinbruch womöglich, bei glühender Sonne.

Ich las langsam und aufmerksam und schaute beim Lesen, das mir wie Spazieren vorkam,  zwischen die Zeilen, wie man in Seitengassen schaut. Am Ende jeder Zeile spähte ich vorsichtig um die Ecke, bevor ich zum Anfang der neuen Zeile sprang. Die wenigen Seiten, denn es war wie gesagt ein kurzes Kapitel, blätterte ich äusserst langsam und vorsichtig um, um den Hund nicht zu verscheuchen, aber er war nirgends zu sehen, und ich spürte ihn auch nicht. Ein einziges Mal meinte ich ein Bellen zu hören, aber es war nur das Husten eines Fussgängers, den ich erst bei der vierten Lektüre entdeckte. War er neu hier? Oder gab es tatsächlich Dinge, die ich mehrmals überlesen hatte? Was für ein stupides Wort: „Fussgänger“. Soll man etwa auf den Ellbogen gehen?

Ich beschloss, den Hund zurückzulassen, auch wenn mich der Gedanke im selben Augenblick betrübte, als ich den Entschluss fasste. Ihn hinter dem Titel winseln zu hören wie hinter einer verschlossenen Türe, schien mir grausam. Sollte ich sie einen Spalt offenlassen, damit er vielleicht in einem späteren Kapitel erscheinen könnte? Die Überschrift wäre dann eine frühe Ankündigung gewesen von etwas, was nicht unmittelbar, sondern erst später erscheint. Im Flughafen würde es an der Anzeigetafel hinter dem Herkunftsort grün blinken: verspätet.

Oder spielte der Autor ein Spiel mit seinen Lesern? Gab er seinen Kapiteln hin und wieder Titel, die gar nichts mit deren Inhalt zu tun hatten? „Der Körper des Himmels“ etwa, und dann ging es nur um die Seele der Erde? Oder „Nach dem nach Hause kommen“, dabei war im ganzen Kapitel niemand weggegangen und es war auch keiner unterwegs?

Tat er es, weil er es satt hatte, dass die meisten Leser den Überschriften nicht wirklich Beachtung schenken? Dass sie sie schon nach wenigen Zeilen vergessen haben und es deshalb überhaupt keine Rolle spielt, wie eine Überschrift lautet? Ich nahm mir vor, mir von nun an die Kapitelüberschriften zu merken und sie während dem Lesen der Kapitel stets im Kopf zu behalten. Wenn Gustafsson tatsächlich ein Spiel mit mir spielte, hatte er sich den Falschen ausgesucht. Ich würde den Hund finden, auch wenn, einmal abgesehen von der einen Kapitelüberschrift, vielleicht gar keiner vorkam in diesem verflixten Buch, das ich nun endlich zu Ende lesen wollte.   

Jurmala (Pastellkreide auf Papier)

23. April 2023

Texte, die sich zum Lesen eignen, während man im Ofen Teigwaren aufwärmt  

22. April 2023

 

Wenn Charles Bukowski über Hollywood schreibt, so kann man es im Vorwort zu dessen 2019 neu aufgelegtem Roman Hollywood lesen, das ein gewisser Howard Sounes zu verfassen sich bemüssigt gefühlt hat, meine er damit üblicherweise nicht das Hollywood der Filmindustrie, sondern den als East Hollywood bekannten, schäbigen Wohndistrikt am unmodischen Ende des Sunset Boulevards, wo er mehrere Jahre gelebt habe. Nur im vorliegenden, 1989 zum ersten Mal erschienen Buch, dem fünften seiner sechs Romane, führt Sounes in seiner Einführung aus, gehe es Bukowski tatsächlich um die Filmindustrie.   

Ich bin als jemand, der in seinem Berufsleben oft und immer wieder einführende Worte für Darbietungen von Repräsentanten aller Künste zu sprechen hatte, kein Freund von Vorworten, auch nicht von Nachworten, wenn wir dabei sind. Ich finde beides lästig. Ein unnötiges und leidiges Hinauszögern das eine, ein ebenso mühsames wie überflüssiges Verlängern das andere, während der Weisswein und die Häppchen warten.    

Wenn Walter Haffner über Wien schreibt, so wird man es hoffentlich nie lesen (ich meine den Satz, in dem wir uns befinden, nicht, was ich allenfalls noch über Wien schreibe), meint er damit üblicherweise nicht das Wien der Konzertsäle, sondern den als 3. Bezirk bekannten 3. Bezirk, wo er nach seinem Transfer ins Privatleben mehrere Jahre mit seiner Frau und seinen zwei Hunden schrieb, zeichnete, malte und lebte.

Auch in seinem angeblich gleich nach dem vierten geschriebenen aber ebenso wie die ersten drei Romane (Die Trilogie des Verschwindens) nie veröffentlichten fünften Roman mit dem Titel Wien, sei es ihm nicht um das klassische Wien gegangen, sondern hauptsächlich um Personen, die sich in seinen Wiener Jahren in seinem Kopf aufgehalten haben und dringend raus mussten.  

Walter Haffner ist ein literarisches Phänomen. Er schreibt alle zwei bis drei Monate über irgendetwas, praktisch immer ohne gelesen zu werden, und die wenigen, die hin und wieder einen Text von ihm lesen, rufen ihm zu: „Vielleicht hättest Du das besser gemalt“, bevor sie wieder in ihren Alltag flüchten.  

Es lässt sich nicht alles malen, ruft er ihnen nach , als sie schon wieder weg sind, auch wenn er das eine oder andere Vor- oder Nachwort lieber gemalt auf dem Buchdeckel gehabt hätte. Nehmen wir als Beispiel die Suche nach Janet McCann, zu der ich gleich komme, und Ihr sagt mir dann am Ende, ob man das auch einfach hätte malen oder als Cartoon zeichnen können.

Schon ihren schmalen Gedichtband in meinem Büchergestell zu finden, war nicht ganz einfach. Fast hätte ich zuerst in meinen Kisten und Mappen gesucht, weil ich in Erinnerung hatte, dass ich ihren Gedichtband zusammen mit meinen Übersetzungen ihrer Gedichte aufbewahrte.

Dann schaute ich zum Glück doch zuerst in den Regalen mit meinen Gedichtbänden, denn die waren im Gegensatz zu meinen Mappen und Kisten im Stehen erreichbar. Ich wusste, dass ich nach einem schmalen Band suchte. Zuerst zog ich Godzilla Attacks a Truck von Louis Cuneo aus dem Regal.

Das dünne Heft, erschienen 1981 in einer Reihe von Publikationen, von denen der Verlag auf den hinteren Seiten gegen Einsendung von einem Dollar weitere anbietet, enthält ausgewählte Haikus in freier Versform aus den Jahren 1972-80 und hat nur 19 Seiten. Ich las das Heft (zum zweiten Mal, denke ich, obwohl ich ausser an den Titel keinerlei Erinnerung daran hatte), während ich im Ofen den Hörnchen Auflauf nach dem Rezept meines Schwiegersohns aufwärmte, den ich mir gestern gekocht hatte. Vielleicht erstelle ich eine Liste mit Texten, die sich zur Lektüre eignen, während man im Ofen Teigwaren aufwärmt.   

Ich weiss, dass man Haikus nicht kurz nacheinander lesen sollte, praktisch am Stück. Man sollte sie einzeln lesen und auf sich einwirken lasse, bis die Silben zu tanzen beginnen und sich nicht mehr zählen lassen. Hinten und vorne keine 5 und in der Mitte keine 7.

Aber ich konnte es noch nie lassen, mehrere Haikus nacheinander zu lesen, oft den ganzen Sack wie bei gerösteten Erdnüssen. Dazu kommt, dass die Haikus Last Trip To You eine Kurzgeschichte in Haikus sind, wie der Untertitel sagt, man sie also nacheinander lesen muss, bis Cuneo im Flugzeug über New York sitzt, während sein Vater kremiert wird.    

Aber verlassen wir New York, verlassen wir Cuneo und seine Haikus. Haikus sind, so erinnert Cuneo am Anfang des Hefts daran, gemäss Meister Basho ganz einfach das, was diesen Augenblick an diesem Ort geschieht. Was also geschieht hier, gerade jetzt? Und was wäre alles geschehen, wenn Haikus eine Vergangenheitsform hätten?

In den Sinn gekommen war mir Janet McCann, als ich heute Morgen anstatt zu malen in meinem Computer nach einem Text suchte, an dem ich weiterschreiben wollte, und dabei unversehens in die Rubrik Übersetzungen geriet, wo auch das halbe Dutzend Gedichte von ihr abgelegt ist, die ich vor bald drei Jahrzehnten übersetzt habe.

Bevor ich mich auf die Suche nach ihrem Gedichtband machte, wollte ich nachschauen, ob sie noch lebt. Nicht, dass ihre Gedichte mit ihrem Tod etwas verloren hätten – Gedichte sind Konserven, sie halten sich ohne Autor ausgezeichnet – aber ich wollte es wissen, bevor ich sie wieder las. Zuletzt waren mir eine ganze Anzahl von Menschen, die oder deren Werk ich schätzte, einfach weggestorben, als ich ein paar Jahrzehnte nicht hinschaute.

Eine Google-Suche ergab innerhalb von Sekundenbruchteilen, dass Janet Mary McCann im Alter von 68 Jahren am 19. Dezember 2021 in Sioux Falls, South Dakota gestorben war. Sie diente in der US Army, arbeitete danach in einem Pflegeheim und liebte Katzen und Surfen im Internet. Sie wurde überlebt von ihrem Vater und ihren Geschwistern. Ihre Mutter und mehrere Katzen gingen ihr im Tod voraus. Kein Wort von Gedichten.

Sieben Monate später starb am 29. Juli 2022 Janet “Janice” McCann. Sie hatte mit ihrem ersten Mann Don fünf Kinder, zehn Grosskinder und neun Urgrosskinder und sie malte. Nach Dons Tod heiratete sie wieder und hatte mit ihrem zweiten Mann noch einmal fünf Kinder, die ihr elf Grosskinder und zweiundzwanzig Urgrosskinder schenkten, die sie überlebten. Die Liste der ihr im Tod Vorausgegangenen ist lang.  

Als ich runterscrollte und sah, wie viele Nachrufe auf Janet McCann es gab, beschloss ich, anstatt sie mir alle anzuschauen, samt Hinterbliebenen und vorausgegangen Katzen, was Stunden gedauert hätte und mir zudem voyeuristisch oder pietätlos vorgekommen wäre, dass sie noch am Leben sei.  

Beim Blättern in Looking for Buddha in the Barbed -Wire Garden fiel mir ein, dass ich Janet McCann schon einmal in meinem Blog erwähnt hatte. Ich ging nachschauen und fand, dass es mehr als 12 Jahre her ist. Der Beitrag hiess Ein Gedicht mit Vierzehn Jahren Verspätung.  

Meine Frau hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass ich zuletzt oft über mein lange zurückliegendes Leben in den USA geschrieben habe. Sie hat Recht damit. Nur, in diesem Fall konnte ich es nicht kontrollieren.

Als ich das Gedicht von Janet McCann am 10. Januar 2010 in den Blog stellte, war es mir noch so vorgekommen, als sei es wie ein Pottwal aus den Tiefen des Speichers meines Computers aufgetaucht. Jetzt bin ich mir sicher, dass es ein Pottwal ist. Er taucht alle zwölf bis vierzehn Jahre auf. Cuneo hat ihn mir heute angekündigt, während der Hörnchen Auflauf im Ofen war:

Falling asleep / while watching a / whale documentary

Negev (Pastellkreide – Skizze)

18. April 2023

Die Schönheit der Berge zu verschiedenen Jahreszeiten

17. April 2023

(Der Titel ist aus Wolfgang Hildesheimers «Bildnis eines Dichters» ausgeliehen. Ich habe vor, ihn ihm bei der nächsten Begegnung zurückzugeben.)

Irgendwann zwischen 1994 und 1998 habe ich einen Schriftsteller und Theaterautor von Washington D.C. zu einer Universität in Virginia gefahren, wo er für eine Lesung erwartet wurde. Ich gehe davon aus, dass wir auch dort angekommen sind und er seine Lesung gehalten hat, aber ich mag mich weder an die Universität, noch an die Lesung oder die Rückfahrt erinnern. Es kann sein, dass ich nicht für die Lesung geblieben und am selben Tag noch nach Washington zurückgefahren bin. Die Fahrt dauert ungefähr 4 Stunden, es wäre also möglich gewesen. Etwas ungewöhnlich zwar für einen Kulturattaché, einen Autor so weit zu fahren und dann nicht für die Lesung zu bleiben, aber möglich. Ich traue mir das so, wie ich damals war, durchaus zu.   

Normalerweise hätte meine Mitarbeiterin in der Kultursektion der Botschaft den Autor auf seiner Lesetour begleitet, aber aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnere, habe ich seine Begleitung selber übernommen. Ich würde nun gerne schreiben, dass ich es tat, weil ich spürte oder zumindest hoffte, dass sich auf der langen Fahrt interessante Gespräche ergeben würden, über das Schreiben langer Texte zum Beispiel, aber das kann ich nicht.

Wahrscheinlicher ist, dass meine Mitarbeiterin, die sonst alles erledigte, wodurch sich meine Arbeit auf Begrüssungen und Verabschiedungen reduzierte, in den Ferien weilte oder andersweit verhindert war.  Jedenfalls hat die Fahrt genau das gebracht: eine sehr spannende Unterhaltung, von der mir vor allem seine Aussagen über das Schreiben langer Texte im Gedächtnis geblieben sind, denn ich war damals überzeugt, in mir stecke ein Schriftsteller, den das Schicksal mit seiner ganzen Hinterhältigkeit  in die Rolle eines Kulturvermittlers gezwängt hatte.    

Unterdessen ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Als ich mich vor etwa zwei Jahren ohne erkennbaren Anlass an unsere Unterhaltung auf der langen Fahrt durch herbstliche Wälder erinnerte, fiel mir ausser seinem Vornamen (Peter?) zunächst gar nichts mehr zu seiner Person ein, weder der Familienname (etwas mit einem «o»?) noch der genaue Titel eines seiner Theaterstücke oder seines ersten Buches, das ich vor einigen Jahren schon einmal gesucht und als vergriffen gefunden hatte.  Das ist nicht viel, um jemanden zu finden, aber ich habe es schliesslich nach einigen (zum Teil unterhaltsamen) Umwegen geschafft, nur um traurig festzustellen, dass er vor fünf Jahren gestorben war. Aber fangen wir hinten an.

Wenn man altershalber aus dem Berufsleben ausscheidet, geht es darum, möglichst rasch etwas zu finden, was man tun könnte, wenn man nichts mehr tun muss. Die erste Schwierigkeit, die sich dabei ergibt, ist die, dass man altershalber nicht ausscheidet, sondern ausgeschieden wird – ein Vorgang, vor dessen passiver Natur man auf der Hut sein sollte. Allzu leicht prägt er sonst nicht nur den Übergang in ein Leben ohne Beruf, sondern dieses schlechthin, und ehe man es sich versieht, passiert einem eines nach dem anderen, und man stellt fest: Man hat das Heft, das man vorher vermeintlich festgehalten und fleissig beschrieben hatte, für den Rest seiner Zeit, wie kurz oder lang sie auch sei,  aus den Händen gegeben.  

Nun gehöre ich nicht zu den Leuten, die sich andauernd alles vergegenwärtigen müssen, denn meine Gegenwart ist schon dermassen mit allem Möglichen und Unmöglichen zugestellt, dass im kleinen Vorgarten zur Strasse hin, die aus der Vergangenheit an ihr vorbei in die Zukunft führt, permanent ein Schild mit der Aufschrift «Voll belegt!» stehen müsste. Trotzdem kann es hilfreich sein, wenn man sich das eine oder andere vorzustellen versucht, bevor es eintrifft. Was also werde ich tun, wenn ich eines nicht mehr fernen Tages aus dem Berufsleben ausgeschieden worden sein werde?

Die Vorstellung, dass man von seinem Beruf als Perle ausgeschieden wird, wäre natürlich nicht nur schmeichelhaft, sie würde auch die Beantwortung der Frage wesentlich erleichtern, was danach zu tun sei. Als Perle wäre auch nichts tun durchaus eine Option. Planloses vor sich hin glänzen und dafür auch noch bewundert werden.

Leider kann ich dieses schöne Bild für mich nicht in Anspruch nehmen. Perlen sollen bekanntlich in der Natur durch eine Abwehrreaktion einer Muschel entstehen, die zur Perlmuschel wird, indem sie einen Eindringling (zum Beispiel ein Sandkorn), den sie zuerst erfolglos wieder hinaus ins Meer zu befördern versuchte, mit Perlmutt umgibt und ihn dadurch isoliert und für sich unschädlich macht.

Ich bin, mag der Vergleich mit dem Sandkorn noch passend sein, in die Muschel, die mich (und meine Kinder) nun 35 Jahre ernährt hat, nicht eingedrungen, sondern von ihr mittels eines aufwendigen Concours rekrutiert worden, und sie hat mich auch nicht mit Perlmutt beschichtet, sondern mit Weisungen und administrativen Erlassen, Kontrollmechanismen und Zielvereinbarungen ein- und zugedeckt und damit unschädlich gemacht, denn wer weiss, was ich alles hätte anstellen können, wenn man mich und meine Arbeitskolleginnen und Kollegen nicht dazu angehalten hätte, uns konstant mit uns selber zu beschäftigen.

Das mit der Perle wird also nichts und ich muss mir etwas anderes einfallen lassen für die Zeit danach. Ich träume zum Beispiel immer noch davon, auch tagsüber, einen Roman zu schreiben. Ich habe mir vor einigen Jahren sogar ein Buch gekauft, in dem erklärt wird, Schritt für Schritt, wie man einen langen Text, im Gegensatz zu einem kurzen, schreibt.  Es hat mir aber nicht viel geholfen. Alles, was ich bis heute fertigbringe, sind kurze Texte.

Kurze Texte sind, ausser dass sie kurz und damit schnell vorüber sind, keine schlechte Sache. Vor allem sind sie einfach zu schreiben. Man beginnt am Anfang, schreibt etwas in die Mitte und ehe man es sich versieht, ist man am Ende angelangt und der Abspann läuft bei guter Musik. Manchmal werden noch die Zeilen nachgeliefert, die man geschrieben aber nicht verwendet hat, und man kann daraus mit etwas Geschick ein hübsches Gedicht machen.

Wolfgang Hildesheimer hat mit kurzen Texten begonnen. Wir teilen uns die Initialen, und ich frage mich, ob sie ihm seine Mutter auch auf die Unterhemden gestickt hat, damit er nach dem Schulturnen das richtige Unterhemd anzog, weil damals alle dieselben weissen Unterhemden trugen.  Auch Richard Brautigan hat mit Kurzprosa begonnen, und wenn ich jetzt sämtliche Schriftsteller aufzählen würde, die, bevor ihnen endlich ein Roman gelang, kurze Texte geschrieben und veröffentlicht haben, würde dieser Text vom Umfang her ein ziemlich langer Roman werden.

Der Theaterautor, den ich damals durch den Indian Summer von Washington nach Richmond chauffierte, es fiel mir später wieder ein, hiess Peter Adrian Cohen. Er war mir sehr sympathisch und erzählte mir, während wir durch den Shenandoah National Park nach Süden fuhren, dass er einst als gut bezahlter Mitarbeiter einer PR-Firma um die halbe Welt gereist und dabei immer in den besten Hotels abgestiegen war, bevor er und seine Frau beschlossen, als sie um die vierzig waren, bescheiden zu leben, um ihm seinen Traum zu ermöglichen: Theaterstücke schreiben.

Er erzählte mir auch, dass er fast verzweifelt sei, weil es ihm nicht gelang, ein Theaterstück oder einen Roman, kurz: einen längeren Text zu schreiben. Bis ihm jemand erklärt habe, dass das Vorgehen, die Schreibtechnik, eine völlig andere sei. Man könne nicht Sprint trainieren und dann meinen, man könne einen Marathon rennen.

Ich weiss nicht mehr, ob er mir die Technik erklärt hat, die für ihn zum Erfolg führte. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass er Beispiele erwähnt hat. Ein berühmter Schweizer Autor soll sich jeweils kleine Figuren auf einer Bühne auf seinen Schreibtisch gestellt haben. Ein anderer soll für jede seiner Figuren einen Eigenschaftskatalog angelegt haben.

Ich habe während meiner Zeit in Washington keinen Roman geschrieben, auch danach bis heute nicht. Aber einen Marathon habe ich 1996 beendet, obwohl ich nie ein Sprinter war und am Ende mehr ging als rannte.     

Ich denke die wenigsten von denen, die schliesslich einen Roman geschrieben haben, wussten, bevor sie damit begannen, wie man einen Roman schreibt. Die meisten begannen einfach und wussten es auch während dem Schreiben nicht. Merkten erst gegen Ende, dass der Text viel zu lange geworden ist für einen Kurzgeschichte.

Die Ehrlichen unter ihnen würden vielleicht zugeben, wenn man sie fragten würde, dass sie, nachdem sie ihren Roman beendet hatten, noch immer nicht wussten, wie man einen Roman schreibt. Für solche, die mehrere Romane vorlegen können, ist es möglicherweise wie mit dem Treppensteigen: der Vorgang ist für den Körper so komplex, dass man während dem Steigen besser nicht darüber nachdenkt und danach nicht beschreiben kann, wie man es gemacht hat.    

Die Appalachen, durch die ich Peter Adrian Cohen damals zu seiner Lesung fuhr, gelten hinsichtlich ihrer Höhe als Mittelgebirge. Sie waren für die Einwanderer das erste Hindernis, das sie auf ihrem Weg nach Westen zu überqueren hatten.  Ausser sie blieben im Osten und nahmen sich vor, Romane zu schreiben.  

Fahrt durch Polen – Pastellkreide auf Leinwand

6. April 2023

All das Reden

1. April 2023

“Wie geht es dem Pferd?”

Es waren seine ersten Worte, als er nach einem halben Jahr aus dem Koma erwachte, und lange Zeit sah es so aus, als ob es auch seine letzten sein würden, was sie am Ende auch sein sollten, aber das konnte man nicht wissen, denn gleich danach war er wieder weg und es würde drei lange Jahre dauern, bis er zum zweiten Mal aufwachen sollte.

Michal weinte. Sie war in seinem Krankenzimmer, als er für einen kurzen Augenblick aufwachte und sich nach dem Pferd erkundigte. Es war kein Zufall, dass sie da war. Sie war seit seinem Unfall jeden Tag nach der Arbeit direkt ins Spital gekommen und an sein Bett gesessen, stundenlang, und hatte mit ihm geredet. Nicht mit ihm, natürlich, denn er antwortete ja nicht, aber zu ihm. Sie sass an seinem Bett, hielt seine Hand und redete. Sie hatte Hable con ella von Pedro Almodóvar gesehen. Benigno spricht da auch andauernd mit Alicia. Nur Sex wollte sie nicht mit ihm haben. Das ging zu weit. Dafür müsste er zuerst einmal aufwachen.

Der junge Assistenzarzt, den sie gefragt hatte, meinte, es sei nicht völlig auszuschliessen, dass er sie hören könne. Nicht völlig auszuschliessen – sie sah ihm an, dass er vom Gegenteil überzeugt war, und dass er sie für eine Vollidiotin hielt, so etwas überhaupt zu fragen. Egal, dachte Michal. Er konnte denken, was er wollte, dieser geschniegelte Geck. Sie würde weiter zu ihm sprechen, bis er aufwachte. Dann würde man ja sehen, ob er sie gehört hatte, oder ob all das Reden umsonst war. Wobei reden nie umsonst war. Davon war sie überzeugt.  

“Gestern war ich bei Gal”, hatte sie ihm am Tag, bevor er kurz erwachte, erzählt. Ihre Schwester Gal wohnte mit ihrem Mann Yalon, ihrem Sohn Gadi, der gerade seinen Militärdienst bei einer Spezialeinheit leistete, und ihrem Wisla in Even Yehuda. Das wusste er natürlich, aber sie erklärte es ihm noch einmal, denn vielleicht hatte er durch den Sturz auf den Kopf ja das eine oder andere vergessen. “Du weisst doch, sie gehen einmal pro Monat mit den fünf Schwestern ihres Wisla und deren Besitzern ans Meer. Was für ein Schauspiel, die Hunde in den Uferwellen springen zu sehen. Sie springen unheimlich hoch.“

Der Wisla ihrer Schwester hatte vor einem Jahr einen Preis gewonnen. Irgendeine Dressur oder so. Agility hiess das, oder ähnlich. Jedenfalls hatte der Wisla ihrer Schwester gewonnen. Er war nun israelischer Meister. „Ach ja, und der Hund ihres Bruders ist gestorben. Hast Du den überhaupt je gesehen? Doch, natürlich, Du hast ihn gesehen. Der mit dem weissen Auge.“ Und falls Du jetzt gefragt hättest, wie alt er war: er war zwölf. Zwölf ist ein hohes Alter für grosse Hunde. Während kleine 15, 18 oder auch mal 20 Jahre leben können. Falls wir uns einen Hund nehmen, wenn Du wieder wach bist, meine ich, will ich einen kleinen. Es ist ganz schlimm, wenn einem der Hund stirbt. Man muss das so lange wie möglich hinauszögern. Findest Du nicht auch? Willst Du einen Hund?“

Natürlich war ihr klar, dass ihn wahrscheinlich höchstens die Hälfte von dem, was sie ihm erzählte, wirklich interessierte. Wenn überhaupt. Der Hund vielleicht. Aber sonst? Männer waren ja auch wenn sie wach waren nicht wirklich an vielem interessiert. Wenigstens nicht an den Dingen des Alltags. Der Sohn der Nachbarin ist von der Schule geflogen? – Was geht mich das an? Männer wollten auch nicht dauernd reden, informiert oder in ein Gespräch verwickelt werden. Sie wollten lieber ihre Ruhe und sie liebten es, wenn es einfach still war. Was war schön daran, wenn es still war? Und warum hatte man eine Partnerin, wenn man nicht mit ihr reden wollte? Einmal hatte sie gehört, wie ein Pfleger unter der offenen Tür zum anderen sagte: „Der arme Kerl. Er kann nicht einmal davonlaufen. Er ist ihr völlig ausgeliefert.“ Sie wünschte ihnen nichts Böses, aber vielleicht würden sie anders denken, wenn sie selber im Koma lägen.

In den ersten Tagen seines Komas hatte sie ihm viel von zuhause erzählt. „Ich musste die Orchideen wegwerfen. Alle sechs. Sie sind vertrocknet. Obwohl ich ihnen regelmässig Wasser gegeben habe. Hast Du gesehen, wie sie ihre Luftwurzeln nach allen Seiten ausstrecken?“ Natürlich hatte er es nicht gesehen. Die Orchideen standen auf dem Glastisch hinter dem Sofa, direkt am Fenster, und wenn er auf dem Sofa sass, schaute er in die andere Richtung, wo im Fernsehen irgendein Sportanlass übertragen wurde.  Langlauf, Biathlon, Eishockey, Fussball, Baseball, American Football – was auch immer, bloss keine Dokumentarfilme und schon gar keine Nachrichtensendungen, höchstens einmal ein Spielfilm, den er dann bei der dritten Werbeunterbrechung abbrach.  

Sie hätte jetzt gemein sein können zu ihm, und ihm einen Fernseher ins Zimmer stellen lassen, auf dem den ganzen Tag Nachrichten aus aller Welt liefen. Die 126. Schiesserei an einer amerikanischen Schule. Ein israelischer Schulabwart, der 15 Jahre im Gefängnis verbrachte für einen Mord an einem kleinen Mädchen, den er nicht begangen hatte. Und zwischen den Nachrichten Dokumentarfilme, bei denen – ganz egal, worum es ging – die stets gleiche, sonore Stimme den Raum füllte. Dieser weise, ältere Mann, der alles allen erklärte. Kurz vor seinem Unfall hatte sie sich eine Dokumentation über Hitlers Sexleben angeschaut. „Das Mädchen war gerade 18 Jahre alt, als Hitler sie zum ersten Mal sah*, sagte die sonore Stimme. „Sie stand auf einer Leiter, als Hitler die Buchhandlung betrat.“  

Er hatte es auf dem Weg zur Küche gehört und sich darüber lustig gemacht. „Woher will er das wissen, verflucht nochmal? Und findest Du es nicht auch verdächtig, dass er uns gerade erst erklärt hat, es ist keine Stunde her, warum die Berglöwin Zita mit ihrem letzten Wurf in ihr angestammtes Revier zurückgekehrt ist, obwohl dort unterdessen eine Rivalin mit ihren Kindern lebte?“  Sie sagte nichts. „Die haben offensichtlich bei der deutschen Synchronisierungsfirma nur einen einzigen Typen, der Dokus macht. Er geht mir fürchterlich auf den Sack. Ich hoffe, er steht nie an der Kasse im Billa vor mir und erzählt seinem Grosskind die Geschichte des Einkaufswagens. Ich müsste mich schwer beherrschen, ihm keine reinzuhauen.“ Michal hatte nur gelacht. Er und jemandem eine reinhauen. Gerade er. Sie liebte Dokumentarfilme, vor allem über den 2. Weltkrieg. Und es störte sie nicht, dass die Stimme des Erzählers stets dieselbe war. Dier Sportreporter tönten auch alle gleich.

 „Es tut mir leid, dass ich gestern Abend nicht gekommen bin“, sagte sie an einem Abend im Februar zu ihm. „Ich bin gleich nach der Arbeit ins Warenhaus und habe uns einen Luftbefeuchter gekauft. Vielleicht nehmen Orchideen ja die Feuchtigkeit mit ihren Luftwurzeln auf und sie sind wegen der trockenen Luft abgestorben. Wegen der Heizung, Du weisst schon. Er steht in der Mitte des Wohnzimmers, damit er die Luft in alle Richtungen befeuchten kann, und da wird er bleiben, bis Du nachhause kommst und darüber stolperst. Nein, keine Angst, natürlich stelle ich ihn an die Wand, bevor Du nachhause kommst.“  

„Vielleicht ist er dann aber auch schon wieder weg. Ich bin mir nicht sicher, ob er richtig funktioniert. Als ich ihn einschaltete, gab er die Luftfeuchtigkeit mit 36% an. Wie kann ein Gerät in einer Sekunde die Luftfeuchtigkeit so genau bestimmen? Und nach einer Viertelstunde, weisst Du, was er da behauptet hat? Die Luftfeuchtigkeit betrage jetzt 34%. Ist es zu glauben? Ist das Gerät bereits defekt oder habe ich vielleicht aus Versehen einen Trockner gekauft? Ich geb ihm jetzt ein paar Tage, und sonst bring ich ihn dann zurück. Es ist eine zweijährige Garantie drauf und ich habe die Rechnung behalten.“

Ernesto war im März 2023 bei einer Demokratie-Demonstration beim Hashalom Bahnhof in Tel Aviv von einem berittenen Polizisten überrannt worden. Überrannt ist zuviel gesagt, aber so nannten sie es in den Nachrichten, weil es brutaler klingt. Das Pferd kippte, von der aufgewühlten Menge bedrängt, mit seinem Reiter langsam, fast in Zeitlupe, zur Seite und fiel auf Ernesto, der mit dem Kopf auf dem Randstein aufschlug.

Michal hatte ein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihn überredet, mit ihm an die Demonstration zu gehen. „Was soll ich da?“ hatte er geantwortet. „Mein ganzes Leben habe ich nicht an einer einzigen Demonstration teilgenommen. Warum sollte ich jetzt noch damit anfangen?“ „Komm, sei kein Spielverderber, nur dieses eine Mal!“ hatte sie ihn gedrängt. „Du kannst nicht immer alles verpassen.“ Obwohl sie wusste, dass er das ohne weiteres konnte.

Schliesslich hatte er nachgegeben, und als sie auf dem Weg zum Bahnhof auf der Brücke standen und unten auf dem Highway zum ersten mal eine Staffle berittener Polizei sahen, war er beeindruckt.

„Was für kraftvolle, elegante Tiere“ sagte er zu ihr. „Mir tun sie nur immer leid, wenn sie so eingesetzt werden.“  Und dann dies.

Und damit nicht genug. Den ganzen Abend zeigten sie auf allen Nachrichtenkanälen die gleiche Sequenz, von einem Demonstranten auf seinem Handy gefilmt, wie ein älterer Mann unter einem umstürzenden Polizeipferd begraben wird, in einer Endlosschlaufe. Er, der Nachrichten hasste, war nun landesweit die Nachricht des Abends. Das Einzige, was fehlte, war, dass eine sonore Stimme das Ereignis kommentiert hätte.  

Als Ernesto Torrini am 28. August 2026 das zweite Mal erwachte, war Michal nicht im Krankenzimmer. Netanyahu stand gerade vor Gericht, der Likud hatte sich gespalten, Iran bestritt auf’s Heftigste, einen unterirdischen Atombombentest durchgeführt zu haben, die Schweiz diskutierte die Auslegung ihrer Neutralität und die Russen versuchten gerade, die 2024 verlorene Krim zurückzuerobern.

Ernestos Kinder aus erster Ehe, Toni und Arlette, sassen  an seinem Bett, überglücklich, ihren Vater, der dreieinhalb Jahre als vermisst gegolten hatte, zurückzuerhalten. Sie waren unverzüglich aus der Schweiz angereist, nachdem das Spital sie benachrichtigt hatte. Es hatte sich durch eine Verkettung von für Michal unglücklichen administrativen Abläufen herausgestellt, wer Ernesto war und dass sie ihn gar nicht kannte, jedenfalls hatte sie nie mit ihm zusammengewohnt. Sie hatte sich spontan als seine Frau ausgegeben und war nach dem Unfall mit in die Ambulanz gestiegen. Nachdem alles herausgekommen war, durfte sie ihn nicht mehr besuchen.

Ernesto erholte sich nie mehr richtig. Er sass im Rollstuhl und das Sprechvermögen erlangte er nicht mehr. Jedenfalls sprach er nicht. Es war unklar, was er noch wusste, und was nicht, woran er sich erinnerte und woran nicht. Schriftlich kommunizierte er sehr knapp, meist einsilbig, auf einem kleinen Block, den er stets auf seinem Schoss hatte.

„Durst“

„Toilette“

*Rücken kratzen“

Auf Fragen, mündlich oder schriftlich, reagierte er nicht. Nur ein einziges Mal, als die Frau von der Spitex, die sich tagsüber um ihn kümmerte, ihn eines Abends, bevor sie ging, fragte, ob er noch etwas brauche, schrieb er auf seinen Block das Wort „Orchideen“.

Superman im Sumpf

23. Juli 2022

(ein verspäteter Beitrag zum 4. Juli, Namenstag von Hatto dem Haderer)

Katzensee, Blick vom Strandbad (Dominik Eichelberg)

Im August 1972, einen Monat vor dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München, lag ich in Affoltern am Katzensee am Badeplatz, der damals noch kein Strandbad mit Kiosk und Umkleidekabinen war, im Gras, das damals noch keine Liegewiese war, und las in einem Superman Heft, der damals schon ein Held war.

Genau genommen lag ich nicht im Gras, sondern auf meinem Badetuch, einem grossen, verwaschenen, weinroten Frottiertuch, in dessen Ecke der Schriftzug „Ursulé“ eingestickt war. Ich hatte es von meiner Tante Ursula erhalten, der Lieblingsschwester meiner Mutter, die ihr Stiefvater mit in die Ehe gebracht hatte, und die meine Lieblingstante wurde.  

Ich war vierzehn Jahre alt und hatte mit Hilfe meiner Mutter gerade meine erste Auslandbestellung erfolgreich getätigt. Der Ehapa Verlag hatte mir gegen Vorauszahlung aus Berlin zwei vollständige Jahrgänge der Superman-Hefte geschickt, und am nächsten schulfreien Mittwochnachmittag packte ich ein halbes Dutzend davon zusammen mit meinem Ursulé-Badetuch, einer roten Plastikflasche mit Schraubverschluss gefüllt mit Wasser und einer Packung Schoggischümli in meine Badetasche, hängte sie mir um die Schulter und fuhr mit meinem Puch Velux von Höngg über den Hügel an den Katzensee.

Es war wie stets unter der Woche nur eine Handvoll Leute da, und ich legte mein Badetuch in die Nähe des Sumpfloches, was ich am Wochenende, wo rund um das Sumpfloch immer viel los war, nie getan hätte, nahm die Schoggischümli, die Trinkflasche und die Supermanhefte aus meiner Badetasche und begann zu lesen. Viel schöner konnte ein Mittwochnachmittag im Sommer nicht sein: baden, Supermanhefte lesen und Schümli essen.  

Mir leuchtete völlig ein, dass Superman sich nicht auf eine Beziehung mit Loise Lane einlassen konnte. Hätte er das getan, wäre er verletzlich und angreifbar geworden, und alle seine Superkräfte hätten nicht ausgereicht, um Loise zu beschützen und gleichzeitig Jagd auf Verbrecher zu machen. Clark Kent hätte vielleicht ein Verhältnis mit Loise haben können, aber ihn wollte sie nicht.  

Nachdem ich mich ein erstes Mal im See abgekühlt hatte, indem ich ans andere Ufer und zurück geschwommen war, ging ich zum Schlammloch und tat etwas, was ich noch nie gewagt hatte: ich stieg hinein. Das Schlammloch war ein sumpfiges Loch von etwa sechzig Centimeter Durchmesser, gefüllt mit dunklem, fast schwarzem Schlamm. Mutige (oder ahnungslose?) Männer und Frauen liessen sich am Wochenende jeweils darin absinken, bis nur noch ihr Kopf und ihre Arme rausschauten, mit denen sie sich am Rand des Lochs festhielten, und ich hatte mich immer gefragt, ob ihre Füsse festen Boden berührten oder ob das Loch sie jeden Moment verschlingen konnte.

Ich liess mich nur so weit absinken, dass ich mich mit den Ellbogen noch am Rand des Lochs aufstützen konnte. Mich weiter absinken zu lassen, wagte ich nicht. Was, wen es wirklich keinen festen Boden gab? Ich bekam es bei diesem Gedanken mit der Angst zu tun und der Schlamm fühlte sich mit einem Schlag noch kälter an, als er sonst schon war. Ich versuchte mich aus dem Loch zu hieven, aber es ging nicht. Die Kraft meiner Arme reichte gerade noch aus, um mich nicht weiter absinken zu lassen.

In diesem Moment kam ein Mann auf die Wiese gerannt und aus dem Wald hörte man fernes Hundegebell. Mir war augenblicklich klar, dass er ein entflohener Sträfling aus der nahen Strafanstalt Regensdorf sein musste. Der Mann schaute sich um und rannte dann direkt in den See, wo er nach einigen Schwimmzügen untertauchte. Ich fragte mich, wo er wieder auftauchen würde, als plötzlich ein Mann vor mir stand und mich in gehässigem Ton anzischte: „Wegen Dir kann ich mich nicht umziehen, Du kleiner Idiot. Wegen Dir wird er entwischen!“

„Clark…?“ sagte ich, „Clark Kent?“

Offenbar hatte er sich im Sumpfloch umziehen wollen, denn es gab damals weder eine Umkleide- noch eine Telefonkabine am Katzensee. „Es tut mir leid“ stammelte ich, und versuchte wieder, mich aus dem Sumpfloch zu befreien, aber auch diesmal ohne Erfolg. Clark Kent drehte sich um und ging zu seinem Badetuch zurück. Während er es hastig einrollte und seine Sachen packte, kam das Hundegebell näher, und im Moment, als er auf den Waldweg einbog (wo waren die anderen Badegäste?), sprengte am anderen Ende der Wiese ein Rudel Hunde aus dem Dickicht auf die Lichtung und zog den seltsam gekleideten Hundeführer direkt zur Stelle am Ufer, an der der Flüchtende in den See gerannt war.    

Wer nie eine Abenddämmerung am Katzensee erlebt hat, als er noch ein See ohne Strandbad war, weiss nicht, wie schön eine Abenddämmerung sein kann. Ich habe viel später einmal ein Gedicht geschrieben, das eine wassernde Ente erwähnt, die dem Schilf seine Nacht bringt. Diesmal hatte ich allerdings kein Auge für diese unermessliche Schönheit, und noch weniger konnte ich mir erklären, wie es so plötzlich Abend geworden war.

Ich musste mich aus dem Sumpfloch befreien, bevor der bärtige Mann aus dem 6. Jahrhundert vor Christus mit seiner Hundemeute wieder aus dem See stieg, aufgebracht, weil ihm der Fliehende entkommen war, denn entkommen war er. Mit meinem Superblick konnte ich ihn in einer Höhle in Kappadokien sehen, wo er sich mit anderen Christen vor den Römern versteckte. Oder waren es Hethiter, die mit ihm ums Feuer sassen, dessen Rauch die unterirdische Stadt durch eine raffinierte Lüftung verliess? Er musste ertrunken sein.

Irgendwann schaffte ich es dann, mich aus dem Sumpfloch zu befreien. Ich wusch mir im See in aller Eile den Schlamm vom Leib, zog meine Kleider an und fuhr nachhause, wo mich meine Mutter voller Angst erwartete. “Was meinst Du eigentlich, so spät nachhause zu kommen? Ich habe mir Sorgen gemacht, was wohl passiert sei!“ Und ich wagte es nicht, ihr zu erzählen, was alles passiert war. Sie wusste nicht, dass es Superman tatsächlich gab und dass Clark Kent nur ein paar Jahre älter war als sie.

Auch ich wusste als Vierzehnjähriger vieles, um nicht zu sagen fast alles nicht. Ich wusste nicht, dass Goebbels einmal gesagt hat, Superman sei ein Jude, und dass Supermanhefte im Kalten Krieg in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten verboten waren. Ich wusste nicht einmal, dass die beiden Katzenseen nichts mit Katzen zu tun haben. Weder im oberen noch im unteren Katzensee wurden mehr Katzen ertränkt als in irgendwelchen anderen Seen.

Die Katzenseen verdanken ihre Existenz offenbar einer eiszeitlichen Moräne, die sie mit bewunderungswürdiger Ausdauer noch heute staut, und ihren Namen dem Alemannen Hatto, nach welchem sie im 6. oder 7. Jahrhundert benannt worden waren. Im unstabilen Ried, wo fester Boden fehlt, verschob sich das «H» mit der Zeit zu einem «K», womit der See zum Katto-, später zum Katten- und endlich zum Katzensee wurde.

Der Name Hatto war im Frühmittelalter im deutschen Sprachraum weit verbreitet. Wenn man die Pfarrbücher durchforsten würde, wozu mir gerade die Zeit fehlt, liesse sich wahrscheinlich feststellen, dass in jenen fernen Jahrhunderten jeder Zweite oder Dritte Hatto hiess.

Es gingen zum Beispiel zwei Männer in einem kleinen Dorf auf dem Lande aneinander vorüber und der eine sagte in modernem Deutsch, das erst viel später zum Althochdeutsch abgekanzelt werden sollte: „Hallo Hatto – wie geht es Dir?“, worauf der andere erwiderte: „Danke, gut, und Dir, Hatto?“. Beobachtet wurde diese vorübergehende Begrüssung durch zwei Männer, die sich im Schatten des Vordaches einer Schuhmacherwerkstatt unterhielten und sich ihrerseits im Blickfeld des Schuhmachers befanden, der im Innern bei seinen Leisten geblieben war, und von denen keiner, auch der Schuhmacher nicht, Hatto hiess. 

Hatto soll, wenn man den Ethymologen glauben will, die Kurzform eines althochdeutschen Namens sein, der aus hadu „Kampf“ und einem weiteren, unbekannten Bestandteil zusammengesetzt war. Als Beispiele für den zweiten Teil des Namens nennen die Ethymologen Hadubrand, Hadbert und Hadwin, und ich möchte diesen Beispielen, wenn ich darf und weil es so schön klingt, noch Hadlaub und Hadumant hinzufügen.

Auch wenn es müssig scheint, hier über den unbekannten Bestandteil des Namens Hatto weiter nachzudenken (vor allem, solange wir nicht wissen, ob wir uns nun im 6. oder 7. Jahrhundert befinden – wie kann man nur so ungenau sein), dessen Kurzform Hatto sein soll, kann ich es nicht ganz lassen. Könnte Hatto ungekürzt Haduheidan geheissen haben, und wenn ja, wäre er dann Kämpfer gegen die Heiden oder kämpferischer Heide gewesen?

Aus hadu hat sich später offenbar hadern abgeleitet. Vielleicht haderte Hatto ja auch, als er den beiden Seen seinen Namen geben sollte, gerade mit sich selber, ob er Christ werden oder Heide bleiben sollte. Beides hatte vor und Nachteile, gewiss, aber Hatto fragte sich auch, ob er wählen müsse, bloss weil er wählen konnte. Er dachte an all die Menschen, die in den vielen Jahrhunderten gelebt hatten, denen das Attribut vor Christus angehängt wird, als wäre alles nur ein Vorspiel gewesen und sie hätten damals die ganze Zeit nichts anderes gemacht als auf jemanden zu warten, über dessen spätere Ankunft sie niemand informiert hatte.

Hatto zauderte, Hatto zögerte, Hatto haderte mit sich selber, und das einzige, wozu er sich schliesslich hergab, war, dass man die beiden kleinen Seen, aus denen der Nebel aufstieg, nach ihm nannte. „Wenn ihr unbedingt wollt,“ sagte er seinem Stamm, „wenn es euch Freude bereitet, dann nennt diese beiden Seen Hattos Seen, aber ich sage euch: in diesem Moor wird nichts lange so bleiben, wie es ist. Alles bewegt sich auf diesem unsicheren Grund – auch der Name der Seen wird sich ändern, und die Erinnerung an ihre Taufe wird im Nebel verschwinden, gib oder nimm ein Jahrhundert.“      

Heute steckt der Katzensee, der über keinen oberirdischen Zufluss verfügt, mitten im Prozess der Verlandung. Wahrscheinlich verlandet er schon seit dem 6. (oder 7.) Jahrhundert, aber bis vor Kurzem (aus Sicht der Moräne) sprach niemand von Verlandung. Die beiden kleinen Seen wurden einfach kleiner.

Irgendwann werden der untere und der obere Katzensee verschwunden sein (und mit ihnen das Flachmoor und das Hochmoor, die sich hier beispielhaft gebildet haben), und die standhafte Moräne wird niemanden mehr haben, den sie stauen kann. Ich mache mir jetzt schon Sorgen um sie.