Archive for September 2003

Winnetou stirbt im zweiten Band

25. September 2003

Zwei Gestalten im Bus. Der eine hat einen Fuss auf dem Kopf und der andere einen Anker auf der Stirne. Nun gab es ja früher auch ganze Kerle. Ein irischer Schauspieler kommt in den Sinn, der in einem Film aus den 50er-Jahren einen Feldweibel spielt, der am Tresen einer Bar zu seinem Kumpel sagt: „I once swam over the English Channel with an anvil on my chest“. Das ist schwer zu übertrumpfen, wenn man einmal davon ausgeht, dass es sich nicht um einen Schwindel handelte und der Amboss nur tätowiert war.
Ich muss zugeben, dass der mit dem Anker auf der Wollmütze mit seinem grauen Dreitagebart wirklich wie ein sturm- und wetterfester Seemann aussah. Während der bleiche Bursche neben ihm mit dem Fuss auf der Baseballmütze in gar nichts an Freitag erinnerte, wie er sich Robinsons Fuss zum Zeichen der Unterwerfung auf den Kopf stellt, weil er jetzt ja nicht gefressen wird.
Die beiden kennen sich auch nicht. Der Seemann steigt an der nächsten Busstation (Calais-Schlossmatt) aus dem Bus, ohne sich von Freitag zu verabschieden.
Die meisten Leute sagen „bis morgen“, wenn sie sich von anderen Menschen verabschieden, bei denen sie am nächsten Tag mit einer erneuten Begegnung rechnen. Dabei spielt es für die Wortwahl keine Rolle, ob die Begegnung am folgenden Tag freiwillig und erwünscht oder zwangsläufig und unvermeidbar ist, zum Beispiel beruflich bedingt.
Sie sagen „Bis morgen“, meinen aber „Also dann, wir sehen uns morgen wieder, nichtwahr? Du kommst doch? Du wirst Dir doch unterdessen nichts antun, um Himmels Willen (ins Fenster springen, aus dem Wasser gehen oder Dich unter eine Wanderdüne werfen)“ Oder: „Morgen sehen wir uns ja bereits wieder. Du musst mir also heute nicht unbedingt sämtliche Witze erzählen, die Du kennst.“ Oder: „Mein Gott – und morgen schon wieder Du. Gibt es denn kein Entrinnen? Dann wenigstens jetzt rasch nachhause und ausgiebig gurgeln.“
Einige, die sich selber gerne einmal in einem Film vorkommen sähen („Achtung, jetzt komm ich dann gleich um die Ecke – nicht einschlafen!“) oder sich unverfilmt schon ziemlich bemerkenswert finden, sagen auch „Man sieht sich“. Das muss dann nicht unbedingt morgen sein und kann durchaus warten. Man hat sich ja in bester Erinnerung.
Vielleicht kannten sich die beiden ja doch und der Seemann hat nur deshalb nichts gesagt, als er aufstand und den Bus verliess, weil wortlos so männlich wirkt. Oder Freitag will aus einer dumpfen Furcht, die er nie ganz überwinden wird, um die Mittagszeit nicht angesprochen werden.
In Dover, kurz vor Bümpliz, steige ich selber aus dem Bus. Es regnet dumpf und ich habe weder Fuss noch Anker am Hut. Trage überhaupt keine Kopfbedeckung und werde nass wie ein Anfänger, der nie in London gelebt hat. Ich nehme mir vor, mir am Wochenende die alten Geschichten mal wieder vorzunehmen. Robinson Crudo. Die Schmatzinsel. Winnetou habe ich zum letzten Mal in der dritten oder vierten Klasse gelesen. Könnte nicht einmal mehr mit Bestimmtheit sagen, ob er im zweiten oder dritten Band stirbt.

Die Kimbern

25. September 2003

Von einer Sturmflut in Jütland
vom versalzenen Boden vertrieben
und plündernd nach Süden gewandert
sind die Kimbern aus Erfahrung
klug geworden

Liessen sich danach
nur noch auf stark bewaldeten
Hochplateaus nieder
blieben unter sich und kultivierten
ihr eigenes Idiom
in dem der Himmel baiss ist
und die Wiese gruan

Wer sich zu ihnen verirrt
erfährt, dass fünf eine Hand ist
sechs eins und eine Hand
zehn zwei Hände
und fünfzehn drei

Wie viele Kimbern
eins und zwanzig Hände vor Christus
bei Vercelli niedergemetzelt wurden
können die Kimbern
auch unter Zuhilfenahme
sämtlicher Hände nicht sagen

Wer sich beim Gehen bedankt
für ihre Gastfreundschaft
und die handlichen Zahlen
blickt in erstaunte Gesichter –
das Wort danke
kennen sie nicht.
Das war bei ihnen immer
selbstverständlich.

25. September 2003