Archive for Januar 2004

Yul Briner ist jeden Tag rückwärts gerannt

25. Januar 2004
Da wären wir also. Mitten im neuen Jahr. Und kommt mir jetzt nicht damit, es sei erst der Anfang. Wenn man ins Wasser gestossen wird, ist man mitten im Ozean.
Und nun? Welche Optionen haben wir, so zwischen Silvester und Silvester? Haben wir überhaupt welche?
Reinhard Lettau hat es einmal so formuliert: Schriftsteller sind Menschen, die sich der Illusion hingeben, es werde ein weiteres Buch von ihnen erwartet. Er hat auch Anderes sehr treffend formuliert. Hat sich auf einzigartige Weise zu relevanten Themen wie der Frage der Himmelsrichtungen oder den Schwierigkeiten beim Häuserbauen geäussert. Und das alles aus einer der deutschen Sprache abgewandten Ferne, von jenseits des Atlantiks, wo er an einer amerikanischen Universität einen Lehrstuhl für Deutsche Literatur bekleidete, bis er kurz vor seinem Tod nach Berlin zurückkehrte, wo er bald darauf starb, weil er erst kurz vor seinem Tod zurückgekommen war. Sein letztes Buch trug den Titel „Flucht vor Gästen“. (more…)

Zweihundert Hosen zum halben Preis

25. Januar 2004

(kurze Gedanken zum neuen Jahr)

Ich schreibe den 6. Januar. Sonst macht es ja wieder keiner. Es hat endlich geschneit. Bis in die Niederungen. Natürlich zu spät für weisse Weihnachten, aber trotzdem endlich. Im Flachland sind wir schon dankbar, wenn die Natur uns relativ knapp verfehlt.
Die Bäume in den Alleen sind kahl, die Pläne karg, das Portemonnaie leer und die Heilsarmee hat sich in ihr Hauptquartier zurückgezogen. Rundum Ausverkauf. Im Schaufenster des kleinen Herrenmodegeschäfts gegenüber von meinem Bürogebäude weist ein Schild auf die bestimmt einmalige Möglichkeit hin, zweihundert Hosen zum halben Preis zu erstehen. Man sollte sich unverzüglich auf die Beine machen.
Für Verschonte wie mich bestünde ausserdem die grosse Chance, das, was einem gerade auf dem Magen liegt (mir dieses, Dir jenes), für einmal etwas weniger ernst zu nehmen und es so leichter und dadurch leichter erträglich zu machen. Einfach deshalb, weil man bekanntlich selten die Umstände, in denen man sich gerade befindet, aber praktisch immer seine Einstellung dazu selber bestimmen kann.
Oder man könnte, wenn man wollte, sich ab und zu ein wenig über die intakten Sinne freuen, mit denen man diese Welt und seinen Aufenthalt darin wahrnehmen darf. Im Grunde genommen wären nicht nur die Sinne, sondern jedes einzelne unversehrte Glied ab und zu einen Funken Dankbarkeit wert. Eine kleine Individualfeier. Du mein liebes, liebes linkes Knie! (zwanzig Sekunden streicheln). Ich gratuliere Dir zu dieser Beugung. Die hätt’ ich nie so hingekriegt.
Oder man könnte sagen: Es stinkt hier wieder gewaltig – wenigstens rieche ich noch. Die üblichen Passanten im unterirdischen Teil des Bahnhof sehen auch dieses Jahr nicht weniger trostlos aus. Wahrscheinlich deshalb, weil sie gar keine Passanten sind, sondern endlos oder bis zur nächsten Razzia hier unten herumhängen müssen. Wenn sie irgendwo hin könnten, wo es sich lohnte zu sein: ich bin sicher, sie wären schon dort. Ein unverdientes Wunder, dass ich auf zwei gesunden Beinen an ihnen vorbei gehen kann. Vorbei und die Treppe hoch in die Oberwelt, an die frische Luft.
Pass bloss auf, Scheisskälte – ich hab Dich auf der Haut! Ich werd es als erster merken, wenn es wieder wärmer wird.
Hey, ja Sie meine ich! Das hier ist meine Hand – eines der Wunderwerke der Natur bezüglich Koordination und Präzision. Mal schütteln?
Man könnte wirklich mal anders. Versuchsweise. Sich selbst zuliebe. Zur Abwechslung. Als kleine Testserie. Zur Feier des neuen Jahres. Ein neuer Ansatz anstelle eines alten Vorsatzes. Wenn nur ein Tag so gelänge, wäre ein Tag gelungen. Der hundertste Anrufer erhält einen Klaps auf die Stirn.
Wahrscheinlicher aber ist, wie die Erfahrung lehrt, dass alles so weitergeht wie bisher. Dass ich so weitergehe wie die vergangenen 30 Jahre. Die kommenden 359 Tage. Rumfurzel, Rumfurzel – Lass Deinen Frust herunter!
Sollen uns doch in Ruhe lassen, die Philosophen. So schön möchten wir es auch einmal haben – zuhause sitzen oder in einer gemütlichen Bibliothek, von naiven Erstsemestrigen angehimmelt, und über die Einstellung zum Leben  schwafeln, während sich andere Leute den Arsch aufreissen und gleichzeitig artig die Backen zusammenpressen (ein anderes Wunder der Natur). Das Leben ist so, wie es ist. Jedenfalls unseres. Einstellung hin oder her. Diesen kümmerlichen Rest Tragik lassen wir uns nicht auch noch nehmen. Unsere Trübsal ist in Jahrzehnten gewachsen. Sie lässt sich nicht einfach wegblasen. Und wer braucht schon zweihundert Paar Hosen.

Autosuggestion

10. Januar 2004