Archive for Oktober 2012

Kleine Katastrophen

9. Oktober 2012

Abgemacht!

5. Oktober 2012

(Zur Möglichkeit einer Besuchsreise an braufreien Tagen – an Stelle eines Leserbriefes)

Sehr geehrter Herr Hermann,
ich habe Ihren Artikel über die Lemken mit Begeisterung gelesen, und ich bin kein Mensch, der sich billig begeistern lässt. Was für ein Volk, das Kräuterstaub auf seinen Bierschaum streut und auf den Boden des Bierglases ein Schnapsgläschen stellt. Ich wusste sofort, dass ich Ihnen schreiben würde, um Ihnen spontan zu gratulieren für diesen gelungenen Artikel, mehr noch für dieses fast verschwundene Volk, das Sie uns in Erinnerung rufen, obwohl wir es nie vergessen haben. Wir haben ganz einfach nie etwas davon gewusst. Ich jedenfalls nicht. Vielleicht konnte es deshalb fast ganz verschwinden. Lässt sich diese bedauerliche Entwicklung noch aufhalten?

Lieber Herr Hermann,
leider verfüge ich nicht über Ihre Anschrift, weshalb ich mich an Ihre Zeitung wenden muss, wobei ich Ihnen versichern möchte, dass ich sonst nie Leserbriefe schreibe. Es ist nicht meine Art. Ich lese sie auch kaum und als ich es vor vielen Jahren einmal tat (ich war in den Ferien auf einer kleinen Insel ohne Druckerschwärze), weil es buchstäblich nichts anderes zu lesen gab, habe ich mich gefragt, ernsthaft gefragt, ob ausser mir dieses eine Mal in den Ferien überhaupt je jemand Leserbriefe liest, die er nicht selber geschrieben hat. Am ehesten hätte ich dies vielleicht meiner Mutter zugetraut, die selber ab und zu Leserbriefe schrieb (ich habe sie aufbewahrt und kann sie Ihnen bei Gelegenheit und einem Glas lemkischem Bier einmal zeigen).
Meine Mutter kümmerte sich um das, was in ihrer nahen Umgebung vor sich ging, sie nahm Anteil daran, und wenn sie das Gefühl hatte, sich dazu äussern zu müssen, weil es sich ihrer Ansicht nach in die falsche Richtung entwickelte und weil sie etwas Vernünftiges dazu zu sagen hatte, tat sie es. Mein Vater funktionierte anders. Er las über die ganze Welt und ärgerte sich in unserer Wohnung. Er hätte nie einen Leserbrief geschrieben. Das lemkische Bier hingegen hätte er probiert. Und er hätte nachgeschaut, wo Krynica-Zdroj liegt. In einem sperrigen Atlas, denn damals gab es noch kein Internet.

Lieber Herr Hermann,
am meisten fasziniert, ich gebe es zu, hat mich das von Ihnen erwähnte Unterscheidungsmerkmal, dass sich nämlich die Bojken, ein anderes in ihrem Artikel urplötzlich auftauchendes fast verschwundenes Volk, von den Lemken nach dem Wort für „weil“ unterscheiden lassen, welches auf Lemkisch „lem“ und auf Bojkisch „bo je“ lautet. Das ist so gut, dass es erfunden sein könnte.

Man möchte am liebsten gleich Ferien eingeben und zunächst in die polnischen Beskiden fahren und danach in die Ostkarpaten. Oder umgekehrt oder gleichzeitig. Ich bin mit der dortigen Geografie nicht vertraut. Leider geht das aber im Moment nicht, und ich befürchte, weil ich mich kenne, dass ich es nicht schaffen werde, irgendwann hinzufahren, um selber nachzusehen, was los ist. Ich werde mir nicht einmal Mühe geben, eine Ausrede zu finden. Ich werde mich einfach mit anderen Dingen beschäftigen lassen. Vielleicht mit einem anderen Artikel in der Rubrik „Aufgefallen“, der mich kurz faszinieren wird. Dann werde ich ihn wieder vergessen, wie die von Ihnen erwähnten beiden Völker. Trotzdem reut es mich im Moment noch, dass es nicht klappen wird. Können Sie mir die Lemken vielleicht irgendwann an ihren braufreien Tagen auf einen Kaffee herschicken? Viele können es ja nicht mehr sein. Reicht ein bequemer Reisebus? Selbstverständlich sind mir die Bojken auch willkommen. Ich ändere schon mal das Asylgesetz, falls sie ein wenig länger bleiben wollten, und mach den Kaffeetisch frei.

Right when proven wrong

5. Oktober 2012

Die brauchen das Pferd

3. Oktober 2012

(Anmerkungen eines gross gewordenen Kindes zu St. Martins Mantel)

Auf der Schweizer 100-Franken-Banknote, welche 1957, im Jahr vor meiner Geburt, in Umlauf gesetzt wurde, zerschneidet St. Martin mit ritterlicher Geste seinen Mantel, um ihn mit einem an einer Felswand angelehnten, halbnackten Bettler zu teilen, der in so fürchterlichem Zustand dargestellt ist, dass es für den Betrachter unklar ist, ob er überhaupt noch lebt, und ob die Hälfte von St. Martins Mantel nicht viel eher dazu dienen wird, seinen Leichnam zu bedecken, als seinen ausgemergelten Körper zu wärmen.

Als Kind hat mich diese Banknote, obwohl ich sie des hohen Betrages wegen, der damals noch etwas wert war, nicht allzu oft sah, fasziniert. „Was macht dieser Ritter da?“ Habe ich meine Mutter gefragt, als ich die Banknote zum ersten Mal sah. Und sie hat mir erklärt, dass er seinen Mantel zerschneide, um die Hälfte davon dem Bettler zu geben, der nichts zum Anziehen hat. Das hat mir Eindruck gemacht. Ich mochte wie jeder Junge Ritter mit Schwert und Rüstung, aber ich war bis dahin noch keinem begegnet, der unter einem blassen Mond seinen schönen Umhang zerschneidet, um die Hälfte davon weg zu geben, während sein Pferd den Kopf in die Höhe reckt und weiter möchte.

Als der alte Hundertfrankenschein neulich in einem Zeitungsartikel über die Geschichte der Schweizer Banknoten abgebildet war, hat er mich erneut in seinen Bann gezogen. Irgendwie habe ich mich augenblicklich wieder wie ein kleiner Junge gefühlt. Offenbar klappt das nicht nur mit Süssgebäck, Düften und Musik, dass wir unmittelbar in ein vergangenes Gefühl und im Sog dieses Gefühls in eine frühere Zeit versetzt werden. Es scheint auch mit dem Anblick der Reproduktion einer alten Banknote zu klappen. Auf der Suche nach der verlorenen Barmherzigkeit, von Marcel Pust (verschwundene Ausgabe, Verlag Neuerzaster & Kitsch).  

Die nicht mehr gebräuchliche Banknote beeindruckt mich noch immer. 1957, so suggeriert dem Leser des Zeitungsartikels die Bildlegende, war der mantelzerschneidende St. Martin ein typisches Motiv der Nachkriegszeit. Die vom Krieg verschonte Schweiz wird durch die Nationalbank künstlerisch überzeugend zu Solidarität und Barmherzigkeit aufgefordert. Der Krieg ist nicht nur vorbei, Leute, er hat hier nie stattgefunden. Also teilt euren Mantel, seid so gut. 

Gegen diese Aufforderung ist nichts einzuwenden. Sie ist im Gegenteil bemerkenswert, indem die barmherzige Geste nicht auf einer Briefmarke oder einem Spendenaufruf abgebildet ist, sondern auf einer Schweizer Banknote, einem Symbol für Sicherheit, Kaufkraft und nationalen Wohlstand. Sie erwischte den Besitzer so vielleicht auf dem falschen Fuss, bevor sich dieser in einem teuren, nach neuem Leder riechenden Schuh räkeln konnte.

Barmherzigkeit und Teilen sind heute, wo die oft zitierten Scheren zwischen Wohlstand und Armut so weit geöffnet sind, dass grösste Mühe hätte, wer sie zu schliessen versuchte und damit seinen Mantel zerschneiden wollte, wichtiger denn je. Wichtiger und dringender, denn der an die Felswand gelehnte Bettler wurde von der Wohlstandsgesellschaft ins Dauerkoma versetzt und der Fels hinter ihm ist hohl, kann jeder Zeit einstürzen. Beeilen wir uns also zu tun, was wir noch tun können.

Nur muss ich der Ehrlichkeit halber gleich anfügen, dass das nicht reichen wird. Die Hälfte des Mantels reicht heute nicht mehr. Auch der ganze Mantel wäre nicht genug. Die Rüstung ausziehen und das Schwert abgeben wäre ein Anfang, denn sie sind unheimlich teuer, aber auch das reicht noch nicht. Die Bedürftigen brauchen das Pferd. Das aber wollen wir ihnen nicht geben. Aus wohlbegründeter Angst, sie könnten, unserer sporadischen Barmherzigkeit überdrüssig geworden, davonreiten und nie mehr wiederkommen.