Archive for Dezember 2012

Im Ruhestand

14. Dezember 2012

Im Ruhestand

Fernes Trommeln

13. Dezember 2012

Was machen eigentlich Verteidigungsminister, so den lieben langen Tag? Sie verteidigen das Land. Und wenn gerade keiner angreift, verteidigen sie die Armee. Die Ausrüstung der Armee. Die Idee der Armee. In unserem Fall die Idee der Milizarmee. Ein Durchschnittsbürger, so konterte neulich unser Verteidigungsminister die Kritik an der Monotonie des Militärdienstes, leiste in seinem Leben etwa 10‘000 Arbeitstage. Die seien auch nicht alle spannend. Gedämpftes Gelächter im Saal. Keiner lässt sich gerne dabei ertappen, wie er über einen guten Spruch seines Gegners lacht.

Ich hätte laut gelacht und muss sagen, der Minister hat Recht. Nicht jeder Tag meines bisherigen Berufslebens war spannend. Ich hätte an vielen Tagen ebenso gut irgendwo auf Befehl in einem imaginären Bereitschaftsraum in einem Schützenpanzer sitzen und vor mich hin dösen können, darauf wartend, dass der Feind aus dem Osten endlich angreift, um mein Warten, meine Bereitschaft, meinen Schützenpanzer und die Armee zu rechtfertigen.

Aber wahrscheinlich wäre sogar dann nichts passiert, wenn ich Berufsmilitär geworden und die ganze Zeit nur den Ernstfall simuliert, beübt und erwartet hätte. Mir ist völlig klar: eine Armee ist wie ein nationaler Regenschirm. Man hat sie dabei, damit es keinen Krieg gibt. Und zwar am besten Hyundai, mit allem erdenkbaren Zubehör. Das darf dann ab und zu auch ein Bisschen monoton sein. Regen ist auch monoton. Schirme sind monoton. Alles ist monoton, wenn man es lange genug machen muss. Ewiges Warten ist wahrscheinlich vergleichsweise spannend, weil einem das, was nie kommt, nie langweilig vorkommen kann.   

Auch die Kritik an den hohen Kosten wehrte unser Verteidigungsminister locker ab. Sie perlte an ihm ab wie ein Regentropfen an einem gebohnerten Stiefel. Unsere Armee koste, rechnete er den Nörglern nüchtern vor, weniger als was Herr und Frau Schweizer für ihre Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherungen ausgebe. Einer der Journalisten wies darauf hin, er sei mit dem Fahrrad gekommen. Die anderen tippten etwas in ihr iPad (auf dem Heimweg Hustensirup kaufen).

Ich weiss nicht, was wir Schweizer insgesamt für unsere Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherungen ausgeben. Es gilt hingegen als gesicherte Erkenntnis, dass wir überversichert sind. Kann man daraus nun den Schluss ziehen, dass wir auch überverteidigt sind? Oder lag es womöglich an mir, dass nicht alle meine bisherigen Arbeitstage spannend waren? Kann ich es für die Tage, die mir noch bleiben, ändern?

Juan Ramón Jiménez hat in einem seiner Gedichte dazu geraten, man solle jedem Tag ein Geheimnis abringen, klein oder gross. Vielleicht war ich oft zu träge, um den Tagen ihre Geheimnisse abzuringen. Sie drängen sie uns ja nicht auf. Sie werfen sie uns nicht nach. Sie verstecken sie aber auch nicht alle gut. Kleine Geheimnisse legen sie wie zufällig aus, irgendwo in den Stunden, zwischen den Minuten, damit wir sie mit ein wenig Neugier und Aufmerksamkeit entdecken können. Grössere Geheimnisse kann man ihnen abringen wie einem lieben Hund, der so tut, als wolle er seinen Stock nicht hergeben. Jetzt gib endlich her, Du Tag. Gib aus!

Oft lassen wir die Geheimnisse am Wegrand liegen, weil wir tüchtig unterwegs sind durch den Tag, uns dabei aber ebenso oft tüchtig täuschen, indem wir meinen, irgendwo erwartet zu werden, wo es ohne uns nicht weitergeht. Anstatt Neues zu entdecken, fallen wir schon wieder unseren alten Irrtümern anheim, und wenn es dunkelt, sammelt der teilnahmslose Tag seine unentdeckten Geheimnisse wieder ein und verschwindet mit ihnen um die ewige Ecke der Zeit.

Nur manchmal, wenn wir wach genug sind, aufmerksam genug, sorgfältig genug, oder einfach Glück haben und über eines der Geheimnisse stolpern wie ein Kind über ein Osterei, dann bleibt es bei uns, und wir finden es wieder und wieder.

Heute lese ich zum Beispiel die Konzertkritik eines Auftritts von Stephan Eicher im Zürcher Volkshaus. Die Musiker seien, schreibt der Kritiker, nach dem letzten Lied („Disparaître“) einzeln verschwunden, indem sie den Saal durch das begeisterte Publikum verlassen und dabei wie eine Guggenmusik weitergespielt hätten. Das katapultiert mich unmittelbar ein Vierteljahrhundert zurück und ich gehe mit meinem Vater nach einem gemeinsamen Nachtessen durch das Zürcher Niederdorf, die Hände in den Taschen. Es ist Februar und beinkalt. Fastnachtszeit. Ein einsamer Trommler steht vor dem Malatesta und beginnt, als wir auf der Höhe des Lokals sind, zu trommeln. Mein Vater und ich bleiben stehen und hören ihm zu. Nach einer Weile kommt ein Musiker aus dem Lokal und gesellt sich zu ihm. Dann noch einer. Und noch einer. Er trommelt einen nach dem anderen heraus, bis seine ganze Gugge um ihn versammelt ist. Dann ziehen sie musizierend weiter.
 

 

Unvergesslich

5. Dezember 2012

Unvergesslicher Tag

Für dumm verschenkt

4. Dezember 2012

Heute schien die Sonne. Wenn die Sonne scheint, sieht hier gleich alles ganz anders aus. Wunderbar nämlich. Die Luft ist klar, wenn auch kaum rein, es ist kalt und eben: hell. Man  kann an solchen Tagen nicht nur alles glasklar sehen, sondern mit von der Kälte gewecktem Verstand auch das Meiste verstehen. Jedenfalls meint man das. Ein prächtiger Tag.

Nur scheint sie eben hier nicht sehr oft, die Sonne. Vor allem nicht zu dieser Jahreszeit. Gestern war alles dunkel und bedeckt, wie oft hier, sagte mir ein Einheimischer, und ich fügte dem hinzu, als ich später etwas ratlos in den düsteren Park vor meinem Bürofenster blickte: Walter, Walter – nimm Dich in Acht vor Dir. Du treibst wieder einmal gefährlich gegen das Jahresende zu. Denke daran: Die Zeit ist eine flache Scheibe, und der 31. Dezember vermutlich ein steil abfallendes Kliff, von dem man in die Fluten des Vergessens stürzt. Vielleicht ist das aber auch ein dummer Aberglaube und der letzte Tag des Jahres ist in Wirklichkeit eine Schallplattenrille mit einem Hick drin, wodurch die Nadel zurück auf den 1. Januar springt und alles beginnt wieder von vorne. Wollen wir wetten?

Jedenfalls ist der geschäftige Oktober vorüber, und auch der November, der sich wie eine lästige Tante jedes Jahr zwischen ihn und die Festtage zwängt, ist gottseidank wieder abgereist. Der Dezember ist mit seinen belanglosen Terminen nicht mehr sehr ernst gemeint. Allenthalben heidnische Lichterfester und Weihnachtsempfänge und das Ganze garniert mit ein wenig Sehnsucht im Feuilleton. Das Fernweh im Bodennebel produziert Reisebeilagen im Vierfarbendruck. Nicht, dass auf der Welt nichts Ernsthaftes oder Scheussliches mehr geschieht, keine Sorge. Immer mehr Langzeitarbeitslose und Ausgesteuerte. Vorrückende Rebellenarmeen, die sich entweder festsetzen, im Kreise der Zivilbevölkerung bombardiert werden oder unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein Staat möchte dem Vernehmen nach gerne einen andern in die Steinzeit zurückbomben. Ein anderer Staat lässt selbstgebastelte Raketen steigen wie ein kleiner, trotziger Junge. Regierungen in für Handelsbeziehungen und Investitionen vorläufig salonfähigen Staaten foltern im Hinterzimmer der Verhandlungen in aller Ruhe weiter und unsere Anleger legen weiterhin fleissig an, während Ohnmacht International einen weiteren Bericht vorlegt, der auf dem Schreibtisch der Decision Makers von sinnlosen Neujahrskarten mit eingescannter Unterschrift zugedeckt werden wird.

Menschen, die nicht über Anlagevermögen verfügen, werden derweil noch ärmer (wir hätten nicht gedacht, dass das noch geht), unsicherer und krank. Alles psychosomatisch und sowieso eingebildet. Fabrikhallen stehen leer. In anderen Ländern sind sie mit Kindern gefüllt, aber das wussten wir nicht. Rohstoffhändler brauchen im Vergleich nur ein ganz kleines Büro mit Laptop. Die Daten up in the cloud, gegen Abstürze versichert. Aber niemand in dieser Seilschaft ist wirklich in Sicherheit. Geschmeidige Finanzhaie in Massanzügen ruinieren als unfreiwillige Rächer Legionen von Anlegern und tauchen dann elegant zwischen ahnungslosen Verwaltungsräten ab, die ernüchtert auf einen Teil ihres Honorars verzichten. Das tröstet dann auch niemanden richtig. Das Sprichwort sagt es schön: Springt ein Reicher von der Brücke, gereicht‘s dem Penner nicht zum Glücke. 

Was tun? Am besten schaut man sich am Abend alte Filme an. Zwei Menschen, die einander versprechen, dahin, wo sie sich im Augenblick gerade befinden, nie wieder zurückzukehren, weil es nie wieder so schön werden kann, wie es gerade ist. Oder ein biederes Paar in den 50er Jahren, das sich grundlos betrügt und erst recht liebt. Das ganze schwarz-weiss und trotzdem mir nicht ganz klar. Dazwischen ein umgekippter Bus, der wie ein Fetzen aus einer Nachrichtensendung auftaucht (hat jemand umgeschaltet?) und überhaupt keinen Sinn macht, auch auf Japanisch nicht.

Und was schenken wir einander diesmal zu Weihnachten? Noch mehr Bücher? Weil wir ohnehin schon zu viele davon haben und es auf ein paar Titel mehr, die wir nie lesen werden, nicht mehr ankommt? Bücher fallen zwar beim Umzug ins Gewicht, aber sie wiegen zwischen den Umzügen nicht schwer. Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, habe ich zweimal gelesen, ohne mein Leben zu ändern.

Natürlich versuchen wir, für jede Person passende Bücher auszuwählen. Auch das, was wir liegen lassen, sollte zu uns passen. Einem guten Freund hätte ich zum Beispiel gerne „Goethes gesammelte Tippfehler“ geschenkt, aber das Buch existiert nicht einmal vergriffen. Stunden im Antiquariat vergeblich mit meiner Stauballergie gerungen. Wahrscheinlich aus dem simplen Grund, dass sich Goethe nie vertippt hat. Der konnte das gar nicht. Das weiss ich, ohne ihn gelesen zu haben. Weil er schon ein paar Jahre tot war, als der erste Text auf einer Maschine aus Holz getippt und bald darauf der Tippfehler erfunden wurde.

Ich nehme an, sogar der grosse Goethe hat sich ab und zu verschrieben oder versprochen, aber vertippen lag schlicht nicht drin, womit ihm auch das oft vergnügliche und inspirierende Lesen von Tippfehlern anderer vergönnt blieb. Johann Wolfgang von Goethe was a German writer, artist, and politician, who never committed a typo.

Tut mir leid, Johann Wolfganz, da hast Du eine wunderbare Dimension verpasst. Und das sage ich nicht nur so leicht dahin. Das ist eine Tastsache. Aber lassen wir das. Ist heute eigentlich kein Thema mehr. Alles korrekt hier. Jedes Textprogramm kann das korrigieren. Vieles ist heute kein Problem mehr, bei den uns zur Verfügung gestellten unbegrenzten Möglichkeiten.

Wenn ich zum Beispiel vor der Erfindung des Internets in der NZZ gelesen hätte, Thomas Minder (Schaffhausen, parteilos) habe per Motion gefordert, die Sitzzuteilung bei den Nationalratswahlen nach dem doppelten Pukelsheim vorzunehmen, hätte ich annehmen müssen, ich, Walter Haffner (Riga, clueless), sei ungebildet oder man wolle mich für dumm verkaufen.

Heute google ich das und treffe sofort auf Friedrich Pukelsheim, einen Mathematiker, den ich nachher wieder vergessen darf. Google ist fantastisch. Und völlig umsonst. Man kann sich mit dem Geld, das man früher für ein Konversationslexikon in 24 Bänden ausgegeben hätte, ein schön furniertes Büchergestell bequem nachhause liefern lassen. Zuhause angekommen ohne am unterwegs veralteten Lexikon schwer getragen zu haben, merkt man dann, dass man das Büchergestell auch nicht mehr braucht. Wirklich, wir leben in wunderbaren Zeiten. The world wide web. The information cloud. Die ganzen schönen Daten über und für uns. Das Misstrauen gegenüber den Systemen schenken wir uns. Weihnachten hin oder her. Uns führt so leicht keiner mehr hinter das Licht. Dafür sind wir zu gut informiert. Heute muss sich keiner mehr für dumm verkaufen lassen. Und schon gar nicht umsonst.