Archive for Januar 2017

Die Heimkehr

28. Januar 2017

Am Abend des 10. Oktober 2013 beobachteten Bewohner von Rumeli Kavağı, einem Quartier Istanbuls, wie eine Herde von Wildschweinen schwimmend den Bosporus überquerte. Die Wildschweine waren unterwegs vom europäischen zum anatolischen Ufer. Ein Fischer, der mit seinem Boot in der Dämmerung unterwegs war, sagte aus, er hätte zuerst nur eine Silhouette gesehen, und als er näher heranfuhr, erkannte er eine schwimmende Herde von zehn Wildschweinen, berichtete die Zeitung Habertürk am 11. Oktober.

Die Hürriyet Daily News, die den bemerkenswerten Vorfall in ihrer Ausgabe vom selben Tag mit einem Verweis auf Habertürk wiedergab, druckte ein grobkörniges Bild ab, auf dem in der Dämmerung schwimmende Wildschweine unscharf aber klar zu erkennen sind. Eine Bildlegende fehlt. Der Betrachter weiss so nicht, ob es sich um die Wildschweine handelt, die am 10. Oktober 2013 schwimmend den Bosporus überquerten, oder um andere schwimmende Wildschweine.

Schon im Jahr 2006, so schliesst die kurze Zeitungsmeldung, hätten Fischer vor der Küste der nordwestlichen Provinz Tekirdağ zwei schwimmende Schweine gefangen, was die Menschen der Region damals ebenfalls überrascht hätte.

Anderthalb Jahre nachdem die Wildschweine den Bosporus überquert hatten, im April 2015, berichteten die türkischen Zeitungen von einem Mann, der im Niksar Distrikt der Schwarzmeer-Provinz Tokat einem Baum gestattet, in seinem Haus zu wachsen.

Ein Bild war abgedruckt, auf dem man nicht das Innere des Hauses sah, wo der Baum mit Erlaubnis des Bewohners wächst, sondern eine Aussenansicht, die eindrücklich zeigt, wie der Baum aus dem Haus herauswächst, genauer gesagt aus einem Bretterverschlag, der neben einer Türe in die Mauer eingelassen ist.

Ein nicht mehr junger Mann in grauem Hemd und hellbrauner Hose steht neben der halboffenen Türe. Man sieht erst bei genauerem Hinsehen und wenn man in der Primarschule häufig Bildbeschreibungen machen musste, dass er die Hand nicht in der Hosentasche hat, sondern am Hosensaum angelegt. Ein Lieferwagen, dessen Heckklappe mit einer roten Blache verdeckt ist, steht vor dem Haus. Der Baum steht in voller Blüte. Die Strasse geht vom Betrachter aus gesehen bergab.

Wir erfahren nicht, ob der Lieferwagen dem Mann mit dem grauen Hemd gehört, oder ob es sich bei ihm um den im Artikel beschriebenen Hausbesitzer handelt. Vielleicht befindet sich der Hausbesitzer gerade im Haus und giesst den Baum. Der Mann mit der Hand am Saum wäre dann zum Beispiel ein Nachbar oder ein Onkel oder der Fahrer des Lieferwagens, der gerade etwas geliefert hatte, was auch immer, als der Fotograf der Zeitung erschien. Vielleicht liegt die Lieferung auch noch unter der Blache.

Der Hausbesitzer, der mit Namen genannt und dem Leser als 54-jähriger Textilarbeiter vorgestellt wird, habe es nach eigener Aussage nicht über’s Herz gebracht, den Maulbeerbaum zu fällen, der seit Jahrzehnten in seinem Haus gewachsen sei.

Wenn ich hier vom Hausbesitzer schreibe, muss ich gestehen, dass ich zunächst nicht wirklich wusste, ob der Bewohner, der den Baum seit Jahrzehnten in und aus seinem Haus wachsen lässt, tatsächlich der Besitzer des Hauses ist. Es schien mir aber wahrscheinlich, denn dass ein Vermieter einem Mieter gestatten würde jahrzehntelang einen Baum in seinem Haus wachsen zu lassen, kann ich mir auch ausserhalb der Schweiz schlecht vorstellen. Der Mietvertrag wäre unendlich lange und kompliziert geworden.

Wenn man den Artikel zu Ende gelesen hat, was ich hätte tun sollen, bevor ich darüber zu schreiben begann, erfährt man, dass der Hausbewohner tatsächlich der Hausbesitzer ist. Er erzählte dem Journalisten, der Baum sei vor vierzig Jahren, als er selber vierzehn Jahre alt war, in einem Holzverschlag neben der Eingangstüre des Hauses gepflanzt worden.

Heute ist vom Holzverschlag nur noch die Frontseite übrig und das Haus scheint auf der der Haustüre abgewandten Seite um den Verschlag herum aus- oder angebaut worden zu sein. Anders ausgedrückt hat der Baum also in einem ans Haus angebauten Holzverschlag zu wachsen begonnen (wobei mir rätselhaft bleibt, warum man einen Baum in einem Holzverschlag pflanzt), der durch den Ausbau des Hauses dann in dessen Mitte rückte, aus der der Baum nun herausragt.

Anstatt «der Baum wächst im und aus dem Haus» könnte man also auch sagen, «das Haus wurde um den Baum herum gebaut». Der Baum würde dann dem Haus erlaubt haben, um ihn herum gebaut zu werden. Es verhielte sich dann so wie mit den Wildpfaden, die ja auch nicht unsere Autostrassen kreuzen, sondern umgekehrt.

Wie dem auch sei. Ohne Kenntnis der Vorgeschichte stellen Passanten heute beim Vorübergehen fest (denn das machen Passanten: sie gehen vorüber): aha, da wächst ein Baum aus dem Haus. Die meisten finden das vermutlich einfach bemerkenswert. Man sieht das ja nicht alle Tage. Dann gehen sie weiter. Vermutlich ist aber auch schon hin und wieder einer beim Anblick des Baumes, der aus dem Haus herauswächst, kurz stehen geblieben, und hat für sich gedacht: Man sollte ihn fällen. Oder das Haus abbrechen.

***

Mir kommt jetzt in den Sinn, wie es war. Es liegt tatsächlich noch etwas unter der Blache. Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher. Der Mann mit den hellbraunen Hosen ist nicht der Besitzer des Hauses. Es ist auch kein Nachbar und nicht der Onkel des Besitzers. Es ist sein Bruder.

Er ist Fischer und er hatte am Abend zuvor Wildschweine im Meer entdeckt, vielleicht die gleichen, die schon im Herbst 2013 gesichtet worden waren. Es war ein gutes Dutzend und eines von ihnen, ein Jungtier, obwohl schon von stattlicher Grösse, ist ganz am Ende geschwommen. Es war entkräftet und musste abreissen lassen, während der Rest des Rudels hinter den mächtigen Keilern dicht zusammenblieb und in ihrem Kielwasser irgendwann das sichere Ufer erreicht hat.

Der Fischer, dessen Bruder im Haus mit dem Baum wohnt, zog das entkräftete Tier mit seinen Gefährten ins Boot und tötete es mit einem Vorschlaghammer, weil er sich vor ihm fürchtete und sich nicht anders zu helfen wusste. Er konnte mit Raubfischen umgehen, auch mit grossen, aber er fürchtete sich vor Wildschweinen, von deren Kraft und Gewalt er Geschichten gehört hatte. Das Tier röchelte, zuckte mit den Beinen und lag dann still. Was hätte er tun sollen.

Früh am nächsten Morgen hievte er es mit einem Gehilfen auf die Ladefläche seines Lieferwagens, verdeckte die Sicht darauf, indem er eine rote Blache über die Hecktüre hängte, und machte sich auf den Weg zu seinem Bruder. Der Verkehr war dicht, wie stets in Istanbul. So hatte er Zeit auf dem Weg, viel Zeit, um nachzudenken, wie es sein würde, wenn er seinen Bruder wiedersehen würde, nach über zwanzig Jahren.

Ihr Vater erschien ihm, während er im Stau stand, wie er sie eines Tages zu sich rief, und ihnen erklärte, ohne Einleitung und in knappen Worten: Einer von euch kann das Haus behalten, der andere erhält das Fischerboot. Der Baum wird nicht angerührt. Habt ihr mich verstanden? Eure Mutter hat ihn gepflanzt. Wenn ihn einer von euch fällt, steige ich aus dem Grab und bringe ihn um.

Er hatte erwartet, dass sein älterer Bruder sich für das Boot entscheiden würde. Ein Fischerboot war eine Lebensversicherung. Der Maulbeerbaum war damals noch kleiner, aber er machte ein normales Leben im Haus bereits unmöglich. Doch sein Bruder entschied sich für den Baum.

Als er ein paar Wochen später zu Besuch gekommen war, fand er seinen Bruder alleine im Haus. Wo ist Vater? Was ist passiert? fragte er ihn. Sein Bruder sass am Küchentisch, am Baum angelehnt. Er packte ihn am Hemd und schüttelte ihn. Wo ist Vater? Sein Blick war leer. Wir haben uns gestritten, kam es aus ihm heraus. Er ist fort.

Er erfuhr nie, was genau vorgefallen war. Sein Bruder wollte es ihm nicht sagen und die Nachbarn wussten nichts. Ihr Vater war verschwunden. Der Baum wuchs weiter.

Obwohl er über zwanzig Jahre nicht mehr im Quartier gewesen war, und obwohl sich seither vieles verändert hatte, fast alles eigentlich, ausser dass die neuen Strassen keine Namen und die Häuser noch immer keine Nummern hatten, war es einfach, sein Elternhaus zu finden. Ein Baum wuchs aus ihm.

Er war soeben vorgefahren, hatte seinen Lieferwagen vor dem Haus geparkt und wollte gerade an der Türe seines Bruders klingeln, als zwei Männer aus einem Auto ausstiegen, das gegenüber auf der anderen Strassenseite angehalten hatte. Einer hatte eine Kamera und begann das Haus mit dem Baum zu fotografieren. Er machte rasch ein paar Schritte zur Seite, um nicht auf dem Bild zu sein, aber er vermutete, dass es ihm nicht gelungen war.

In der nächsten halben Stunde drehte sich alles um den Baum, nicht um das tote Wildschwein, den verschwundenen Vater oder darum, dass er seinen Bruder mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hatte. Er stand hinter der Hausecke und konnte die Stimme seines Bruders hören, wie er den Männern erklärte, dass der Maulbeerbaum im Innern des Hauses Luftwurzeln geschlagen hatte, die zum Teil bis an die Decke des Hauses reichten. Dass die Rinde des Baumes im Hausinnern mit einer Metallfolie überzogen war, wegen der Käfer und dem anderen Ungeziefer, das in Baumrinden wohnt. Kommen Sie herein, ich zeige es ihnen.

Als sein Bruder und die beiden Männer im Haus verschwunden waren, ging er zu seinem Lieferwagen und fuhr los. Luftwurzeln. Was das wohl sein sollte.

Am nächsten Tag fand er ein Bild seines Elternhauses in der Zeitung, und er sah, dass es ihm nicht gelungen war, rasch genug aus dem Bild zu verschwinden. Er las, dass sein Bruder ein gutes Herz hat, ein grosses Herz, in dem ein Baum Platz hat, und dass es ihm reicht, wenn Passanten Früchte von seinem Maulbeerbaum essen und ihm für die Beeren danken, das reicht ihm. Er habe im Innern des Hauses lediglich diejenigen Äste gestutzt, die den elektrischen Kabeln in die Quere gekommen seien. Sonst liess er den Baum wachsen. Sein Bruder hat ein gutes Herz.

Er faltete die Zeitung und legte sie in die Schublade, wo er seine Papiere aufbewahrte. Irgendwann, nicht morgen, auch nicht übermorgen, aber vielleicht in ein paar Wochen würde er noch einmal nach Hause fahren. Und diesmal würde er klingeln, und sein Bruder würde die Türe öffnen und sie würden sich anschauen und sich umarmen. Sie würden zusammen in der Küche stehen und die Fische braten, die er mitgebracht hätte. Sein Bruder würde ihm die Luftwurzeln zeigen und er würde ihm vom jungen Wildschwein erzählen, das an der zweiten Brücke plötzlich die Hecktüre des Lieferwagens aufgestossen hatte und ins Meer gesprungen war. Manchmal war etwas so stark, dass man es nicht zurückhalten konnte. Nicht einmal mit einem Vorschlaghammer.

Nichtfliegermeilen

22. Januar 2017

Irgendwann fliegt man nicht mehr. Mein erster Schwiegervater wäre Pilot gewesen. Leider starb er, bevor er es geworden wäre. Sein letzter Flug lag zudem bei seinem frühen Tod schon ein paar Jahre zurück. Mein zweiter Schwiegervater war im Krieg. Er konnte nie selber und darf jetzt gar nicht mehr fliegen. Er hat eine Aorta, durch die ein Hamster mit gefüllten Backen kriechen könnte. Sein letzter Flug führte vor ein paar Jahren nach Istanbul und wieder zurück nachhause.

Ich weiss, was Sie jetzt denken, und ja, der Hamster könnte noch alleine fliegen. Aber Hamster können bei den meisten Airlines nicht fest buchen und es ist schwierig, stand by zu sein, wenn man schlecht stillstehen kann. Vielleicht sollten wir es mit einem Hamsterrad im Check-in-Bereich probieren. Es wäre sein grösster Wunsch, das Touch Namal zu sehen, die Geburtsstätte des Goldenen Hamsters in Petshopistan.

Was mich betrifft, so bereitet mir die Vorstellung, vielleicht bald einmal nicht mehr fliegen zu können, keine schlaflosen Nächte. Sie hat für mich eher etwas Beruhigendes, denn ich gehöre zu den Menschen, denen das Fliegen Mühe bereitet. Ich musste einen kurzen Moment lang der Versuchung wiederstehen, «ich hasse fliegen» zu schreiben. Aber das wäre übertrieben gewesen und ich habe mit dem Ausdruck «hassen» mehr Mühe als mit dem Fliegen.

Hassen wird viel zu oft gebraucht von Leuten, die etwas nicht mögen. Ich hasse Kuchen. Ich hasse Überstunden. Ich hasse lila Schuhe. So, wie viele Leute heutzutage etwas zu lieben meinen, was sie mögen oder gerne haben. Man wird aber nicht jeden Morgen geboren, man wacht auf. Und man stirbt nicht jeden Abend, man schläft ein.

Ich werde wahrscheinlich noch ein paar Jahre fliegen müssen. Das hat mit meinem Beruf zu tun, der etwas mit der Welt zu tun hat. Wenn ich eines nicht mehr allzu fernen Tages meinen Beruf nicht mehr ausüben werde (ich bin nach fast dreissig Jahren ordentlich geübt darin und irgendwann werde ich ausgeübt haben), werde ich nur noch fliegen, wenn es unumgänglich ist, weil man dahin, wo ich gehen will, weder gehen noch schwimmen kann.

Und ich werde selber bestimmen, wann ich fliegen muss. Wenn es nicht sein muss, werde ich es sein lassen. Wenn man alt wird, stelle ich mir vor, muss man nicht mehr alles machen. Wenn einem die Zeit langsam ausgeht, geht es darum, möglichst viel sein zu lassen.

Es wird in meinem Fall eine kurze und abschliessende Liste von Gründen geben, warum ich noch fliegen werde, und die Gründe werden praktisch alle Namen von Personen tragen, die mit mir verwandt oder eng befreundet sind. Nicht auf der Liste sein werden Orte, die ich unbedingt noch sehen möchte. Was soll ich dort?

Allenfalls könnte es der eine oder andere Ort auf die Liste schaffen, den ich noch einmal sehen möchte. Aber ich werde mir das sehr gut überlegen, weil es bekanntlich völlig unmöglich ist, an einen Ort zurückzukehren. Wenn es einer ab und zu trotzdem versucht hat, hat er danach ein Buch geschrieben (You can’t go back), das als Taschenbuch vergriffen ist und die gebundene Ausgabe ist zu schwer, um sie ins Handgepäck zu nehmen.

Es gibt aber etwas, was dem Zurückgehen sehr nahekommt, und wobei man obendrauf viel Zeit, Geld und Mühe spart. Man bucht einen Flug und denkt bis zum Tag des Abflugs an den Aufenthalt, indem man sich an alles erinnert, weshalb man zurückkehren möchte. Gefühle, Ereignisse, Stimmen, Farben.

Aber anstatt hinzufliegen, um die Erinnerung zu giessen wie eine ins Fotoalbum gepresste, vertrocknete Blume, die kein Wasser mehr zum Blühen bringt. bleibt man zuhause. Im Jargon der Fluggesellschaft wird man so zum no show. Es hat sich einem aber vieles gezeigt, eigentlich alles, was es noch zu sehen gab, darunter Dinge, von denen man vor Ort nur ihr Verschwinden hätte feststellen können. Die einzige Chance, anzukommen, ist nie abzureisen.

Vor ein paar Wochen ist mir in den Sinn gekommen, obwohl der Himmel an diesem Tag nicht heiterhell, sondern bedeckt war, dass die Zeit langsam gekommen sein könnte, mich von den Orten zu verabschieden, die ich sicher nie sehen werde. Es wären kurze Abschiede, denn es gibt nicht viel zu sagen, wenn man sich nicht einmal oberflächlich gekannt hat. Eigentlich gar nichts. Du wirst mir auch weiterhin nicht fehlen? Auf Wiedersehen gilt nicht.

Ich könnte es kurz machen. Zum Beispiel Marrakesch. Es wird bei den Stimmen bleiben, von denen mir Elias Canetti einst erzählt hat. Ich habe das Buch noch, müsste es aber noch einmal lesen, um sie wieder zu hören. Vielleicht ein geeigneter Titel für mein erstes Hörbuch, wenn ich eines Tages nicht mehr lesen kann?

Ich sehe, so geht es nicht. Wenn mir bei jeder Verabschiedung von einer Stadt, in der ich nie war, ein oder zwei Dinge in den Sinn kommen, und das eine führt dann, wie bei mir oft, zum andern, sind wir morgen noch hier. So buchen wir nie einen Flug, um ihn zu verpassen. Dabei lohnt es sich wirklich. Für 80’000 Nichtfliegermeilen kriegt man die Erinnerung an einen Ort freigeschaltet, den man vergessen hat. Oder seinen alten Teddybär zurück.

Frühmensch

22. Januar 2017

urmensch