Archive for September 2018

Der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk

13. September 2018

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, im Garten raucht jemand Shit. Aber natürlich weiss ich es besser, denn der Garten ist der Garten der Botschaft und ich bin der Chef hier. So wird das jedenfalls von den meisten gesehen. Ich müsste es also wissen, wenn im Botschaftsgarten jemand Shit raucht. Ich trage schliesslich die Verantwortung, auch für den Garten.

Es ist ein lauer Spätsommernachmittag, mein Fenster steht sperrangelweit offen, und der Ausdruck trifft für einmal sogar zu. In diesem historischen Gemäuer sind die grossen Fenster auch nach der Renovation vor ein paar Jahren noch mit Sturm- oder Windhaken versehen, die man einhaken kann, wenn man die Fenster ganz öffnet, damit sie nicht vom Wind zugeschlagen werden und das Glas zerbricht.

Diese Wind- oder Sturmhaken heissen Sperrangel. Das Wort ist nicht mehr sehr gebräuchlich. Nur noch das Adjektiv taucht hin und wieder im deutschen Sprachraum auf. Sperrangelweit steht für weit offen, so offen wie nur möglich, megaweit offen. Die maximale Offenheit. Offener geht gar nicht.

Obwohl es dann eben oft keinen Sperrangel hat und irgendetwas schlägt dann zu und etwas geht kaputt. Vielleicht ist auch der Sperrangel so kaputtgegangen, zerschmettert an der Mauer an einem stürmischen Tag, als niemand zuhause war, um ihn einzuhaken. Wie lange das Adjektiv alleine noch überleben wird, ist ungewiss. Interessiert aber wohl auch fast niemanden.

Eine im letzten Mai dann doch nicht durchgeführte Umfrage unter 2700 zufällig ausgewählten Facebook-Benutzern hätte ergeben, dass mehr als zwei Drittel das Wort «sperrangelweit» altertümlich und sperrig finden (gegenüber den drei Fünfteln, die vor viereinhalb Jahren das Wort noch geliked hatten) und es in Zukunft nicht mehr verwenden werden.

Trotzdem bleibe ich dabei: aus dem Garten weht der Geruch von Shit in mein Büro. Ich bin mir jetzt ganz sicher. Irgendjemand raucht hier einen Joint. Meine Augen haben längst nachgelassen, meine Ohren sind nicht mehr die besten, aber auf meine Nase kann ich mich verlassen. Sie ist zwar mit dem Alter grösser geworden und beherbergt mehr Haare, wie die Ohren, aber sie funktioniert tadellos.

Wie Shit riecht, weiss ich nicht erst seit den zwei gescheiterten Versuchen, die ich im bereits fortgeschrittenen Alter gemacht habe (beim ersten Mal war ich sicher, dass ich total schief gehe, wie der schiefe Mann aus Pisa, und beim zweiten Mal wurde mir einfach nur schlecht und ich musste zweimal sofort aus dem Regionalzug aussteigen).

Wie Shit riecht, weiss ich, und werde es nie vergessen, seit ich vor zwanzig Jahren am Bahnhof meiner damaligen Wohngemeinde jeden Morgen um fünf Uhr dreissig hinter einem Jugendlichen durch die Unterführung und die Treppe zu den Geleisen hochgegangen bin, dem es offenbar unmöglich war, mit klaren Sinnen in die Lehre oder zur Schule zu gehen.

Jedes Mal, wenn ich Shit rieche, denke ich kurz an ihn und was wohl aus ihm geworden ist, und dann sage ich zu meiner Frau, da raucht jemand Shit (der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk) und meine Frau sagt dann immer «Ich rieche es nicht», denn sie kennt es nicht, weil sie nie in Männedorf den Frühzug nahm.

Wer aber raucht hier im Garten? Der Gärtner hat heute den Rasen gemäht, aber er ist längst fertig damit und der Garten ist still und leer. Raucht jemand im Büro unter oder neben mir? Die Haushälterin? Ein vergessen gegangener Gast von einem der letzten Anlässe?

Handwerker sind keine im Haus, meines Wissens, obwohl mir ab und zu in der Residenz, die hier direkt an die Kanzlei anschliesst, einer begegnet, auf den ich nicht vorbereitet bin. «Grüssgott» sagt er dann, und ich sage «Grüssgott» und schaue ihm nach, wie er mit seinem Werkzeugkasten von dannen schreitet. Irgendetwas hat er repariert, denke ich, oder in Stand gehalten.

Ein schöner Abend kündigt sich an. Das milde Abendlicht glänzt auf den Kuppen des Unteren Belvedere. Der Botschaftsgarten liegt bereits im Schatten, während die Skulpturen im Rest der Gartenanlage des Palais Schwarzenberg noch in ihrem Weiss erstrahlen. Jemand hat mir neulich erzählt, dass sie ab und zu mit einer speziellen Lösung geduscht werden und deshalb noch so schön weiss sind.

Ich muss hier schliessen, auch mein Fenster. Heute Abend kommt meine Frau nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nachhause, und ich will noch duschen, bevor ich zum Flughafen fahre, auch wenn ich nie mehr ganz weiss werden kann.

Ich werde ihr nicht erzählen, dass es gerade ganz stark nach Shit gerochen hat. Was sollte sie damit anfangen? «Ich rieche es nicht», würde sie sagen. Also werde ich ihr sagen, «Es ist wunderbar, dass Du endlich wieder da bist!», denn das ist es, und «Wie geht es Deiner Mutter?»
(13.09.2018)

Blick aus meinem Bürofenbster

13. September 2018

Park

An Malerinnen und Maler

9. September 2018

Man sollte nicht alles malen.
Wenn es als Bildausschnitt wunderbar aussieht,
mit grün, türkis, braun, gelb und grau,
ist es vielleicht eine Haufenlaugung
mit der in einer Mine in Niger
Uran von Erz getrennt wird.

Blau, dunkelrot, weiss und schwarz
kann das Innere eines auf einem Steg in Japan
mit einem rostigen Messer
aufgeschlitzten Wals sein.

Natürlich kann man das malen,
aber man muss damit rechnen,
dass es den Leuten gefällt.

(09.09.2018)

9. September 2018

Dieses unverschämte Benehmen der Wirklichkeit

9. September 2018

Die Wirklichkeit gebärdet sich auf eine Weise, als gäbe es nur sie und alles andere würde überhaupt nicht zählen. Sie will uns ganz für sich in Anspruch nehmen, immer und überall. In Wirklichkeit, in Wirklichkeit…
Sie geht so weit in ihrer Arroganz, dass sie sich andere Namen gibt, wie Realität, Wahrheit oder «wahres Leben», und ihre Kinder, die sie uns jeden Tag zum Hüten gibt, sind Tatsachen und Fakten, schlecht erzogen und unerträglich laut. Man ist froh, wenn sie am Abend wieder gehen.
Sie anerkennt weder Hoffnung noch Traum und den Wunsch lässt sie erst gelten, wenn er wie sie geworden ist. Vorher verspottet sie ihn und möchte ihn am liebsten verbieten.
Aber nicht nur die Gegenwart und die Zukunft will sie für sich, auch auf die Vergangenheit erhebt sie einen totalitären Anspruch. «Alles, was geschehen ist, ist in Wirklichkeit geschehen» sagt sie, «das wollt ihr doch nicht auch noch abstreiten? Oder ist es etwa im Traum passiert?»
Dass der Blick in die Vergangenheit ebenso individuell geprägt ist wie das Erleben der Gegenwart und der Blick in die Zukunft, lässt sie nicht gelten. «Es gibt euren Blick, sagt sie, und es gibt mich, die Wirklichkeit. Wie auch immer ihr mir in die Augen schaut, wenn ihr es endlich wagt, ich bin so, wie ich bin: die Wirklichkeit. Ihr könnt mich nicht ändern.»
Es ist sinn- und hoffnungslos, mit ihr zu diskutieren. Erkenntnistheorie, Konzepte der Wahrnehmung – es interessiert sie nicht. «Ramsch!» sagt sie, oder «Wirklich?».
Ich glaube, sie ist ein wenig beschränkt. Ich vermute, sie hat die Theorie überhaupt nicht gelesen und meint, sie sei die Praxis. Das ist unverschämt und in der Absolutheit des Anspruchs auch nicht ganz ernst zu nehmen, aber ganz ignorieren können wir sie trotzdem nicht.
Vielleicht sollten wir sie aber ab und zu daran erinnern, dass sie es ist, die andauernd Tatsachen und Fakten schafft, und dass sie dafür auch eine gewisse Verantwortung übernehmen sollte. Vielleicht würde es ihr guttun, ab und zu selber auf ihre Kinder aufzupassen, anstatt sie bei uns zu deponieren. Wo ist eigentlich ihr Mann?