Archive for Mai 2023

Herbstwald bei Sigulda, Lettland (Pastellkreide auf Papier)

4. Mai 2023

Vier klassische Konzerte um den Jahreswechsel

4. Mai 2023

Das dritte Konzert

Zurlinden hiess sie! Paula Zurlinden! Ich war das Alphabet gerade mehrmals durchgegangen auf der Suche nach dem Namen meiner ehemaligen Assistentin, weil mich die Frau, die im Wiener Konzerthaus direkt vor mir Platz genommen hatte, von hinten (nur von hinten, von der Seite bestand keinerlei Ähnlichkeit) stark an sie erinnerte, ohne dass mir ihr Name in den Sinn gekommen wäre. Bei „a“ glimmte einmal im Hintergrund kurz ein Licht, wie ein erlöschender Zigarettenstummel, und einmal meinte ich, es versuche sich ein „o“ schüchtern aufzudrängen, aber keiner der Buchstaben, die ich vor meinen geschlossenen Augen aufmarschieren liess, war imstande, einen Namen aus dem Dunkel meiner Erinnerung zu locken.

Erst als ich die Augen im zweiten Satz von Mozarts 9. Symphonie wieder öffnete, während des ersten Themas, das, wie mir das Programmheft erklärt hatte, aus Vorder- und Nachsatz aufgebaut war, die wiederum aus zweitaktiger „Frage“ und „Antwort“ bestanden, flog mir ihr Name zu. Und als hätte der plötzlich ankommende Vogel einen bereits anwesenden aufgescheucht, löste sich, als der junge Dirigent seinen linken Arm abrupt nach oben riss, um einem Teil seiner Musiker das Zeichen zum Einsatz zu geben, seine linke Hand aus der Manschette und flog wie ein Vogel anmutig über den Köpfen des Orchesters hinauf in Richtung des prachtvollen, altehrwürdigen Gewölbes. 

Paula Zurlinden wartete damals, vor 15 Jahren, als ich überraschenderweise meinen ersten Posten als Botschafter (in Israel) antrat, als Assistentin des Missionschefs auf mich. Eine sehr liebenswürdige und stets äusserst hilfsbereite Frau mit den sanften, braunen Augen eines Rehs, die ich nach einer Weile als meine Assistentin ersetzen musste, aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, um sie nur wenig später auf einer anderen Position wieder einzustellen, für die sie besser geeignet und auf der sie zufrieden und glücklich war. Aber was heisst schon zufrieden, und was, wenn es so etwas als Zustand und nicht nur als flüchtigen Moment gäbe, wäre Glück?

Ein paar Jahre nach meinem Abgang aus Tel Aviv trug mir jemand zu, sie sei schwer krank geworden. Ein Tumor von der Grösse einer Baumnuss im Hinterkopf, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Und noch einmal ein paar Jahre später erfuhr ich, sie sei operiert worden und hätte alles gut überstanden. Ich hoffe, diesen zweiten Teil meiner Erinnerung nicht meinem Gedächtnis zu verdanken, das, stets um mein Wohlbefinden bemüht, dazu neigt, alles gut werden zu lassen, auch Dinge, die nie gut geworden sind. Wenn heute Abend das Jahr zu Ende geht, werde ich ein Glas auf Sie trinken, liebe Frau Zurlinden, in der Hoffnung, es gehe Ihnen tatsächlich gut! Ich wünsche Ihnen noch viele gesunde und glückliche Jahre.

Nun hätte ich erwartet, dass im Moment, als sich die linke Hand des Dirigenten aus seinem Ärmel verabschiedete und mit eleganten Schwüngen an Höhe gewann, zumindest ein bass erstauntes allgemeines Raunen, wenn nicht ein entsetzter Aufschrei durch Orchester und Publikum gegangen wäre, oder dass zumindest der Dame aus dem Chor, der hinter dem Orchester stehend auf seinen Einsatz wartete, über deren Kopf die Hand mit so wenig Abstand abdrehte, dass sie ihn fast getroffen hätte und vermutlich gestreift hat, ein Schrei entfahren wäre, während sie versucht hätte, dem seltsamen Vogel auszuweichen oder – je nach Temperament – ihn abzufangen, aber nichts dergleichen geschah.

Niemand im Publikum oder im Chor schien von dem doch äusserst ausserordentlichen Vorfall auch nur Kenntnis genommen zu haben und der Dirigent bewegte seinen linken Arm weiterhin so, als befände sich an seinem Ende seine linke Hand, obwohl man deutlich erkennen konnte, sogar ich mit meinen nicht sehr guten Augen aus der 22. Reihe, dass sie fehlte. Ich drehte mich zu meiner Frau hin, aber sie lächelte und hatte offenbar auch nichts bemerkt, obwohl sie ihre Brille trug. War ich einer optischen Täuschung erlegen?

Beim nächsten Konzertbesuch, nahm ich mir vor, wollte ich mein Opernglas mitnehmen, und fragte mich gleichzeitig, ob es wohl erlaubt sei, Operngucker ins Konzert mitzubringen. Ich hatte jedenfalls noch niemanden gesehen, der die Gesichter der Musiker oder den Rücken des Dirigenten durch sein Fernglas beobachtete.

Das Konzert ging also weiter, als ob nichts gewesen wäre. Der Vogel musste sich (ich hatte ihn aus den Augen verloren), nachdem er eine Weile lang unter dem Dach umhergeflattert war, irgendwo niedergelassen haben, und der Dirigent brachte die 9. Symphonie ohne Probleme einhändig zu Ende. Während das Publikum minutenlang frenetisch applaudierte und „Bravo!“ rief, verschwand der Dirigent dreimal und kam jedes Mal ohne seine linke Hand zurück. Einmal, er hatte wohl für einen Augenblick vergessen, dass sie ihm gerade abhandengekommen war, winkte er sogar mit dem linken Arm in den applaudierenden Saal, aber nicht einmal da schien dem Publikum etwas aufzufallen. 

Wenn ich gesagt habe, ich sei damals überraschenderweise zu meinem ersten Botschafterposten in Israel gekommen, so bezieht sich die Überraschung auf das Land, in dem man mir zum ersten Mal die Vertretung der Schweizer Interessen anvertraute. Noch erstaunter als ich war wohl derjenige, der eigentlich für den Posten vorgesehen war. Aber die Dinge nehmen manchmal ihren eigenen, von niemandem vorhersehbaren Lauf. Ich wurde damals buchstäblich über Nacht ernannt, weil der, der für die Ernennung vorgesehen war (ein überaus brillanter Kollege), ein paar Jahre zuvor an einem offiziellen Nachtessen eine längere Rede gehalten hatte in der Sprache seines damaligen Gastlandes, die der neben ihm sitzende Schweizer Bundesrat leider nicht verstand.     

Das vierte Konzert

Sie fragen sich jetzt wahrscheinlich, warum ich mit dem dritten Konzert begonnen habe und nun bereits zum vierten und letzten Konzert übergehe. Die Erklärung ist so kurz wie einfach. Die beiden ersten Konzerte fanden ohne mich statt. Das erste sogar ohne uns, weil meine Frau und ich an Corona erkrankt waren, und das zweite ohne mich, weil meine Gattin es alleine besuchte. Es fand einen Tag vor dem dritten statt, von dem ich gerade berichtet habe, und zwei klassische Konzerte hintereinander wären für mich eines zu viel gewesen.

Das vierte Konzert fand im Musikverein statt. Dort, wo jedes Jahr das Neujahrskonzert in alle Welt hinaus übertragen wird. Wenn ich Ihnen sage, ich wisse nicht mehr, was gespielt wurde und wer dirigierte, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als mir zu glauben. Im Gegensatz zum dritten Konzert gab es beim vierten auch für mich keine ausserordentlichen Vorfälle. Ich hatte nach dem dritten Konzert schon auf dem Heimweg meine Frau gefragt, ob sie gesehen habe, wie die Hand des Dirigenten ihm entflog, aber sie hielt es für eine meiner besonderen Formulierungen und meinte nur, ja, er habe sehr lebhaft dirigiert. Am nächsten Tag habe ich die Medien durchforstet und zwei Freunde angerufen, von denen ich annehmen durfte, dass sie auch am Konzert waren, aber niemand wusste etwas von einer entflogenen Hand und der Dirigent, so las ich, würde schon am übernächsten Tag in Mailand wieder dirigieren. 

Für einen kurzen Augenblick zog ich in Erwägung, nach Mailand zu reisen, um der Sache auf den Grund zu gehen, aber dann verwarf ich die Idee, und fragte mich stattdessen, was mich im Grossen Saal des Musikvereins beim vierten Konzert erwarten würde. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich wohl noch nie so gespannt und aufmerksam in ein klassisches Konzert gegangen bin.

Umso unerklärlicher ist es mir, dass ich nicht mehr weiss, was gespielt wurde und wie der Dirigent hiess. Das Einzige, was ich noch mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass es ein schon etwas älterer Herr war, der beidhändig dirigierte und abrupte Bewegungen vermied. Und dass die Musik sehr melodiös war, ohne Crescendo mit Pauken und Trompeten.

Kurz vor Schluss muss ich eingedöst sein. Offenbar lange und tief genug, dass es zum Träumen reichte. Dass Konzert war zu Ende und das Publikum klatschte frenetisch Beifall, obwohl niemand Arme hatte, auch ich nicht. Nur meine Frau schien mindestens einen Arm zu haben, mit dem sie an meiner Schulter rüttelte. „Wach auf…“, sagte sie, und ich fragte sie: „Wie machen wir das?“    

Feld in den Bergen (Pastellkreide auf Papier)

3. Mai 2023

Vorsicht beim Umblättern

3. Mai 2023

Eines schönen Sommermorgens sass ich auf dem Balkon des 14. Stockwerks eines Hochhauses in Ramat Gan mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv, die immer mehr derjenigen von Manhattan zu gleichen beginnt, und las in einem Roman von Lars Gustafsson. Als ich das Kapitel zu Ende gelesen hatte, blätterte ich noch einmal zurück zum Titel („Der Hund aus Karbenning“) und wunderte mich: es war gar kein Hund im Kapitel vorgekommen. Oder hatte ich ihn überlesen? Ich las das Kapitel ein zweites Mal, aber da war kein Hund. Was war mit ihm passiert? Hatte er sich gleich nach dem Titel aus dem Staub gemacht?

Später ging ich spazieren und nahm das Buch in meinem Rucksack mit. Das Kapitel mit dem Hund in der Überschrift, in dem dann gar kein Hund vorkam, ging mir nicht aus dem Kopf. Es war nicht so, dass ich die ganze Zeit daran dachte, mein Hirn war ja andauernd mit all den real existierenden Menschen, Katzen Hunden und Dingen beschäftigt, denen ich auf meinem Spaziergang begegnete, aber der nicht im Kapitel vorkommende Hund kehrte immer wieder in mein Bewusstsein zurück. Es war, als würde er in der Nachbarschaft meiner Gedanken umherstreunen und mir dabei immer wieder über den Weg laufen.

Weshalb hatte der Autor den Hund im Titel erwähnt, das Kapitel dann aber gänzlich ohne ihn gestaltet? Es schien mir ein wenig so, als würde man seinem Hund das Halsband anziehen und vielleicht schon die Leine anschnallen und dann ohne ihn aus dem Haus gehen. Wollte Gustafsson, dass man sich als Leser durch sein Kapitel bewegt, seinen Gedanken folgt, und dabei darauf wartet, dass um die Ecke des nächsten Satzes ein Hund erscheint? Diente die Ankündigung des Hundes dem Zweck, eine Bereitschaft zu erzeugen, die Erwartung des Lesers auf etwas zu lenken, was dann nicht eintraf, um ihn etwas anderes, was währenddessen passierte, nicht bemerken zu lassen? Wäre es nicht seltsam, wenn ein Autor etwas schreiben würde, wovon er gleichzeitig ablenkte, damit es niemand bemerkt?

Ich las das kurze Kapitel ein drittes Mal und verdrängte den Hund dabei ganz aus meinen Gedanken, versuchte es jedenfalls, um ihn mir nicht einzubilden. Ich wusste ja, dass er nicht da sein würde. Aber ich konnte auch so nichts entdecken, was ich vorher in Erwartung des Hundes übersehen haben könnte. Da war nichts, was der Autor vielleicht an meinem Bewusstsein vorbei in die Geschichte schmuggeln wollte, damit es sich in meinem Unterbewusstsein einnisten und sich zu einem späteren Zeitpunkt bemerkbar machen würde. Jedenfalls fiel mir nichts auf. War ich also auf der falschen Fährte? Hatte er mich wie den Hund im Titel losgeschickt um nach etwas zu suchen, was gar nicht vorhanden war, wie wenn man einem Hund einen Stock wirft, ihn aber nicht loslässt, und der Hund rennt ihm trotzdem hinterher?

Mir kam ein Rabbiner in den Sinn, aus dessen Briefen einst ein Dichter die Anwesenheit einer Katze lesen konnte, während der Rabbi sie schrieb, ohne dass dieser die Katze auch nur mit einem Wort in einem seiner Briefe erwähnt hätte. Ich nahm mir vor, nach dem Gedicht zu suchen, sobald ich wieder zuhause war, und tat das auch, aber vergeblich. Ich dachte, vielleicht wäre es ein Gedicht von Krolow, aber im einzigen Gedichtband, den ich von Karl Krolow besitze, kommt lediglich ein Hund vor, der sich in einem Steinbruch verlaufen hat. Es konnte nicht meiner sein. Aber ich sagte mir: Wenn man die Anwesenheit einer Katze aus Schriftstücken erahnen konnte, in welchen sie nicht erwähnt wird, musste es auch möglich sein, dass ein Hund durch ein Kapitel streunt, ohne dass er darin vorkommt. Besonders dann, wenn ihn der Titel angekündigt hat.

Ich las das Kapitel ein weiteres Mal und nahm mir gleichzeitig vor, dass dies das letzte Mal sein würde. Ich wollte endlich weiterlesen im Buch. Ich wollte nicht noch weiter in dieses Kapitel, das mich jetzt schon über Gebühr beschäftigte, hineingezogen werden wie in einen gefährlichen Strudel, aus dem ich mich am Ende nicht mehr befreien und auf der Suche nach dem Hund selber verschwinden würde. In einem Steinbruch womöglich, bei glühender Sonne.

Ich las langsam und aufmerksam und schaute beim Lesen, das mir wie Spazieren vorkam,  zwischen die Zeilen, wie man in Seitengassen schaut. Am Ende jeder Zeile spähte ich vorsichtig um die Ecke, bevor ich zum Anfang der neuen Zeile sprang. Die wenigen Seiten, denn es war wie gesagt ein kurzes Kapitel, blätterte ich äusserst langsam und vorsichtig um, um den Hund nicht zu verscheuchen, aber er war nirgends zu sehen, und ich spürte ihn auch nicht. Ein einziges Mal meinte ich ein Bellen zu hören, aber es war nur das Husten eines Fussgängers, den ich erst bei der vierten Lektüre entdeckte. War er neu hier? Oder gab es tatsächlich Dinge, die ich mehrmals überlesen hatte? Was für ein stupides Wort: „Fussgänger“. Soll man etwa auf den Ellbogen gehen?

Ich beschloss, den Hund zurückzulassen, auch wenn mich der Gedanke im selben Augenblick betrübte, als ich den Entschluss fasste. Ihn hinter dem Titel winseln zu hören wie hinter einer verschlossenen Türe, schien mir grausam. Sollte ich sie einen Spalt offenlassen, damit er vielleicht in einem späteren Kapitel erscheinen könnte? Die Überschrift wäre dann eine frühe Ankündigung gewesen von etwas, was nicht unmittelbar, sondern erst später erscheint. Im Flughafen würde es an der Anzeigetafel hinter dem Herkunftsort grün blinken: verspätet.

Oder spielte der Autor ein Spiel mit seinen Lesern? Gab er seinen Kapiteln hin und wieder Titel, die gar nichts mit deren Inhalt zu tun hatten? „Der Körper des Himmels“ etwa, und dann ging es nur um die Seele der Erde? Oder „Nach dem nach Hause kommen“, dabei war im ganzen Kapitel niemand weggegangen und es war auch keiner unterwegs?

Tat er es, weil er es satt hatte, dass die meisten Leser den Überschriften nicht wirklich Beachtung schenken? Dass sie sie schon nach wenigen Zeilen vergessen haben und es deshalb überhaupt keine Rolle spielt, wie eine Überschrift lautet? Ich nahm mir vor, mir von nun an die Kapitelüberschriften zu merken und sie während dem Lesen der Kapitel stets im Kopf zu behalten. Wenn Gustafsson tatsächlich ein Spiel mit mir spielte, hatte er sich den Falschen ausgesucht. Ich würde den Hund finden, auch wenn, einmal abgesehen von der einen Kapitelüberschrift, vielleicht gar keiner vorkam in diesem verflixten Buch, das ich nun endlich zu Ende lesen wollte.