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Die brauchen das Pferd

3. Oktober 2012

(Anmerkungen eines gross gewordenen Kindes zu St. Martins Mantel)

Auf der Schweizer 100-Franken-Banknote, welche 1957, im Jahr vor meiner Geburt, in Umlauf gesetzt wurde, zerschneidet St. Martin mit ritterlicher Geste seinen Mantel, um ihn mit einem an einer Felswand angelehnten, halbnackten Bettler zu teilen, der in so fürchterlichem Zustand dargestellt ist, dass es für den Betrachter unklar ist, ob er überhaupt noch lebt, und ob die Hälfte von St. Martins Mantel nicht viel eher dazu dienen wird, seinen Leichnam zu bedecken, als seinen ausgemergelten Körper zu wärmen.

Als Kind hat mich diese Banknote, obwohl ich sie des hohen Betrages wegen, der damals noch etwas wert war, nicht allzu oft sah, fasziniert. „Was macht dieser Ritter da?“ Habe ich meine Mutter gefragt, als ich die Banknote zum ersten Mal sah. Und sie hat mir erklärt, dass er seinen Mantel zerschneide, um die Hälfte davon dem Bettler zu geben, der nichts zum Anziehen hat. Das hat mir Eindruck gemacht. Ich mochte wie jeder Junge Ritter mit Schwert und Rüstung, aber ich war bis dahin noch keinem begegnet, der unter einem blassen Mond seinen schönen Umhang zerschneidet, um die Hälfte davon weg zu geben, während sein Pferd den Kopf in die Höhe reckt und weiter möchte.

Als der alte Hundertfrankenschein neulich in einem Zeitungsartikel über die Geschichte der Schweizer Banknoten abgebildet war, hat er mich erneut in seinen Bann gezogen. Irgendwie habe ich mich augenblicklich wieder wie ein kleiner Junge gefühlt. Offenbar klappt das nicht nur mit Süssgebäck, Düften und Musik, dass wir unmittelbar in ein vergangenes Gefühl und im Sog dieses Gefühls in eine frühere Zeit versetzt werden. Es scheint auch mit dem Anblick der Reproduktion einer alten Banknote zu klappen. Auf der Suche nach der verlorenen Barmherzigkeit, von Marcel Pust (verschwundene Ausgabe, Verlag Neuerzaster & Kitsch).  

Die nicht mehr gebräuchliche Banknote beeindruckt mich noch immer. 1957, so suggeriert dem Leser des Zeitungsartikels die Bildlegende, war der mantelzerschneidende St. Martin ein typisches Motiv der Nachkriegszeit. Die vom Krieg verschonte Schweiz wird durch die Nationalbank künstlerisch überzeugend zu Solidarität und Barmherzigkeit aufgefordert. Der Krieg ist nicht nur vorbei, Leute, er hat hier nie stattgefunden. Also teilt euren Mantel, seid so gut. 

Gegen diese Aufforderung ist nichts einzuwenden. Sie ist im Gegenteil bemerkenswert, indem die barmherzige Geste nicht auf einer Briefmarke oder einem Spendenaufruf abgebildet ist, sondern auf einer Schweizer Banknote, einem Symbol für Sicherheit, Kaufkraft und nationalen Wohlstand. Sie erwischte den Besitzer so vielleicht auf dem falschen Fuss, bevor sich dieser in einem teuren, nach neuem Leder riechenden Schuh räkeln konnte.

Barmherzigkeit und Teilen sind heute, wo die oft zitierten Scheren zwischen Wohlstand und Armut so weit geöffnet sind, dass grösste Mühe hätte, wer sie zu schliessen versuchte und damit seinen Mantel zerschneiden wollte, wichtiger denn je. Wichtiger und dringender, denn der an die Felswand gelehnte Bettler wurde von der Wohlstandsgesellschaft ins Dauerkoma versetzt und der Fels hinter ihm ist hohl, kann jeder Zeit einstürzen. Beeilen wir uns also zu tun, was wir noch tun können.

Nur muss ich der Ehrlichkeit halber gleich anfügen, dass das nicht reichen wird. Die Hälfte des Mantels reicht heute nicht mehr. Auch der ganze Mantel wäre nicht genug. Die Rüstung ausziehen und das Schwert abgeben wäre ein Anfang, denn sie sind unheimlich teuer, aber auch das reicht noch nicht. Die Bedürftigen brauchen das Pferd. Das aber wollen wir ihnen nicht geben. Aus wohlbegründeter Angst, sie könnten, unserer sporadischen Barmherzigkeit überdrüssig geworden, davonreiten und nie mehr wiederkommen.

Irgendwo in Cesis…

28. September 2012

Zur Abschaffung des 1. Stockwerks

28. September 2012

Vermutlich galt das Gebäude einst als top modern, wahrscheinlich sogar als Symbol für irgendetwas: Grösse, Gewicht, Macht. Ganz sicher war es einmal neu und alles hat bei der Einweihung einigermassen funktioniert. Lange Zeit diente es als Hauptquartier der Kommunistischen Landespartei. Heute ist auf dem Treppenabsatz des dritten Stockwerks, wo sich unsere Büros befinden, eine Bodenplatte locker. Das klickende Geräusch, das sie verursacht, wenn man darauf tritt (und ich trete regelmässig darauf), ist eine Orientierungshilfe, wenn man aus dem Fahrstuhl auf den dunklen Flur tritt. Man weiss dann trotz der schlechten Sicht: man ist im richtigen Stockwerk ausgestiegen. Auch wenn es eigentlich das zweite ist, und nur als drittes angeschrieben, weil man in diesem Land kein Erdgeschoss hat. Man hat natürlich eines, wo würde man sonst ins Gebäude eintreten, aber es ist das erste Stockwerk. Ich sehe: hier müsste ich von vorne anfangen, um alles besser verständlich zu machen. Aber soviel Zeit haben wir nicht. Ich versuche eine Abkürzung.

Es gibt natürlich auch in diesem Land in jedem Gebäude ein Erdgeschoss, aber es ist für die Menschen hier das erste Stockwerk. Sie mögen nicht Treppen steigen oder Fahrstuhl fahren müssen, bevor sie im ersten Stockwerk sind. Ein Bisschen muss man ihnen schon entgegenkommen.  Wer in die höheren Stockwerke will oder muss, nimmt ein paar Stufen oder eine etwas längere Fahrzeit in Kauf und schaut den Mitfahrenden auf die Schuhe. Das erste Stockwerk aber gibt es hier umsonst. Sozusagen on the house. Man tritt vom Gehsteig her kommend ganz ohne Anstrengung in ein Gebäude und wird vom Portier begrüsst: Willkommen im ersten Stock. 

Wenn man ihn findet, meine ich. Den Portier. Denn er sitzt im Dunkeln. Man sieht ihn zuerst kaum, weil es wirklich stockdunkel ist in der Eingangshalle, auch am Tag, der auch hier ab und zu hell und licht sein kann, und weil ihn auch das fahle Licht, das von seinem Bildschirm zurückstrahlt, nicht wirklich erhellt.  Das ist wahrscheinlich Programm. Er soll die eintretenden Leute sehen, nicht umgekehrt. Trotzdem tut er mir leid. Was für ein Leben, den ganzen Tag im Dunkeln zu sitzen. Und damit übertreibe ich nicht einmal, obwohl mir dieser bedenkliche Hang auch schon nachgesagt wurde, denn für Wächter und Portiers haben sie hier die 84-Stunden-Woche beibehalten und ich sehe seit meiner Ankunft vor drei Monaten die selben drei Gesichter an der Loge. Entschuldigung: ich ahne sie. Vielleicht hat es Zwillinge im Jobsharing darunter und die Sache ist halb so schlimm, aber ich befürchte, ich habe mit meinen Befürchtungen Recht.

Das fehlende Licht sei ein Problem hier, hatten mir Kenner vor meiner Abreise aus dem Mittelmeerraum gesagt, und damit mich gemeint, vor allem im Winter. Du wirst schon sehen (oder eben nicht). Ich würde mich daran gewöhnen müssen, und es gäbe spezielle Lampen gegen Depressionen. Du mit Deiner Vorgeschichte. Ich muss ihnen schreiben: das Problem ist von grundlegender Art und nicht auf Neuankömmlinge beschränkt. Es hat nichts mit mir zu tun. Es geht hier allen so, und es scheint mir unmöglich, sich daran zu gewöhnen. Die Einheimischen tun auch nur so, als hätten sie es geschafft.

In diesem einst imposanten Gebäudekomplex zum Beispiel, in dem sich unsere Büroräumlichkeiten befinden, ist es im Treppenhaus den ganzen Tag dunkel und man kann den Portier nicht sehen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Menschen, die einander im Fahrstuhl auf die schlecht beleuchteten Schuhe schauen oder im Treppenhaus an ihren Schatten vorbeistolpern, einander nicht kennen. Nach all den Jahren, ist doch irgendwie seltsam, ist man versucht zu denken. Ich bin mir bewusst: das ist auch bei uns nicht anders, obwohl die Bürogebäude in der Schweiz sogar nachts und am Wochenende grell ausgeleuchtet sind. Damit der Securitas-Wächter kein SUVA-Fall wird.

Wir sind anders. Soviel steht fest. Sie auch. Dafür muss man nicht ins Ausland gehen. Mir ist auch klar, warum wir bei uns ein erstes Stockwerk haben. Wir wollen nichts geschenkt. Was man sich nicht erarbeitet, gehört einem nicht. Ein guter Schweizer senkt den Blick vor einem Berg, den er noch nie bestiegen hat. Jedenfalls gehörte sich das so. Etwas mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung in der Beurteilung anderer Lebensformen stünde uns ebenfalls gut an. Man kann ja das, was anders ist, auch einmal ganz einfach als etwas anderes zur Kenntnis nehmen.

Meistens finden Phänomene, die man nicht auf Anhieb versteht, später eine plausible Erklärung. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass sich hier sehr viele Restaurants, Cafés und Bars im Souterrain befinden. Man geht ein paar Treppenstufen hinab und tritt in einen Raum mit Oberlicht. Von keiner Aussicht abgelenkt kann sich der Gast ganz auf sein Essen konzentrieren, auf die Person, die er zum Essen eingeladen hat, oder auf den Sportbericht. Letzteres allerdings nur, wenn das oft nur spärlich vorhandene Licht zum Lesen ausreicht.
Ein so genutztes Tiefparterre verändert das Verständnis des ganzen Gebäudes. Das darüber liegende Geschoss wird nicht mehr als Erdgeschoss, sondern als Hochparterre wahrgenommen. Man spricht dann manchmal von halben Geschossen, wobei ich mich bei diesem Begriff stets gefragt habe, wer sich da aufhalten soll. Man will ja niemandem zu nahe treten und mit halben Personen rechnen.
So einfach ist es ja auch hier nicht. Das Erdgeschoss gilt nur dann als Hochparterre, wenn es mit der Erdoberfläche nicht ebenerdig ist. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn das Souterrain befenstert ist. Anders geht das nicht. Hat der Gast noch einen Wunsch? Nein danke, die Rechnung bitte.  Und wo ist die Toilette?

Dort angelangt, fühlt man sich dann definitiv im Keller, weil es kein Fenster hat. Womit das Lüften schwierig wird und sich nebenbei die Frage stellt,  ob man sich ganz ohne Treppen zu steigen vom Tiefparterre in den Keller bewegen kann. Das dürfte architektonisch eigentlich nicht möglich sein, obwohl es philosophisch interessant erscheint und man es praktisch gerade getan hat.

Um zum Schluss zu kommen: Ich bin noch nicht lange genug hier, um irgendetwas schlüssig beurteilen zu können. Für den Moment neige ich zur Annahme, dass die Stockwerkdiskussion den Menschen hier irgendwann zu mühsam geworden ist. Sie mochten es nicht jedem Touristen einzeln erklären und wollten auch untereinander wieder über andere Dinge sprechen, als darüber zu spekulieren, ob die Abwanderung der Jungen ins Ausland mit den unklaren Stockwerkverhältnissen und dem fehlenden Licht im Treppenhaus zu tun haben könnte. Nicht jeder will Portier werden. Sie waren dieser Diskussionen überdrüssig und haben irgendwann das 1. Stockwerk abgeschafft, um ein Zeichen zu setzen. Es reichte ganz einfach. Und es geht ja auch ohne. 

 

Die Sanierer

7. September 2012

Dazwischen gekommen

7. September 2012

oft ist mir etwas
dazwischen gekommen

nichts Wichtiges jedenfalls
weiss ich nicht mehr, was es war

kann auch nicht sagen
was ich sonst unternommen hätte
oder behaupten es wäre
wichtiger gewesen
als was mir dazwischen kam

vielleicht war ich einfach
nicht konzentriert genug
auf das Leben

wahrscheinlich sind wir das
alle nur selten und
vielleicht reicht das ja auch sei nicht immer
so streng mit Dir

Irgendwo in Karosta

5. September 2012

Rat an einen ruhelosen Blogger

31. Juli 2012

Du brauchst nicht zu allem
etwas zu sagen,
was passiert auf der Welt.

Du musst keine Antwort geben
auf sämtliche Fragen,
die man Dir nicht stellt.

Alles läuft wunderbar –
ganz ohne Dich.
Alles geht ganz von alleine
gut oder schief.

Geh getrost weiter.
Leicht ist das eigne Gewicht.

Sei betrübt oder heiter.
Denk Dir das Deine.
Lesen müssen wir es nicht.

Irgendwo in Polen…

31. Juli 2012

Der Tod in den Zeiten der Abfalltrennung

4. Mai 2012

Wie klar wir es auch
zu trennen versuchen: das Wesentliche
vom Unwesentlichen
das Notwendige vom Überflüssigen
das Besondere vom Beliebigen
das Geliebte vom Überdruss
die Spreu vom Weizen:

am Ende entgleitet uns alles
was uns nicht schon unterwegs
abhanden gekommen ist
und liegt losgelassen
von Hand und Gedächtnis 
wie trockenes Laub
in einem verwilderten Garten

Für einen kurzen Moment noch
wirbelt der Wind durcheinander
was uns lieb war
und was wir gar nie wollten
was uns wichtig war
und was uns belanglos schien

Dann wird es still und die Spreu
kehrt zum Weizen zurück
und alles beginnt wieder
ohne uns von vorne

Cocktail-Crowd (Detail, Öl auf Canvas 180x100cm)

26. Februar 2012