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Lange gebraucht

9. November 2012

Auch Schubert habe, hörte ich bei einem Besuch in der Schweiz eine Frauenstimme im Radio sagen, als ich gerade die Küche betrat, um eine Tasse Kaffee zuzubereiten, lange gebraucht. Ich weiss nicht wofür, weil ich die Küche wieder verliess und die Sendung nicht weiter verfolgte, aber es wundert mich nicht, bei mehr als 700 Liedern.

Die zunehmende Unvereinbarkeit seiner Lehrerstelle mit dem Komponieren und seine zahlreichen Versuche, sich als Komponist zu etablieren, haben ihm Mühe bereitet. Er hätte bestimmt Allergien entwickelt, wäre das damals schon üblich gewesen. Die Musik-Verlage wollten seine Werke partout nicht. Goethe soll ihn verschmäht haben. Ludwig van Beethoven liess ihn, jung verstorben, nicht lange neben sich liegen. Robert Frank hat ihn nie fotografiert. Was immer es war, wofür er offenbar lange gebraucht hat, er hatte wenig Zeit dafür.

Vielleicht habe ich mich auch verhört, als ich in die Küche trat und sie gleich wieder verliess. Möglicherweise war es Schuman, nicht Schubert, der lange gebraucht hat. Und vielleicht war es die Stimme eines Mannes, nicht einer Frau, die durch das offene Fenster zu hören war, denn da war kein Radio, wem auch immer die Küche gehörte. Dann wäre es allerdings Frühling gewesen und schade, dass ich nicht selber draussen war. Wenn es tatsächlich Schuman war, hätte mich das an eine Passage auf dem Pink Floyd Album „The Wall“ erinnert, wo man beim Intro eines Songs jemanden in einen leeren Raum hinein fragen hört „…Schumann?“

Mich mit Gewissheit an etwas zu erinnern, fällt mir zunehmend schwer. Kann ich mich noch auf mich verlassen? Womöglich erfinde ich das alles gerade, und lege es mir dann als Erinnerung zurecht, weil ich es schlecht ertrage, dass mir die Vergangenheit abhanden kommt. Bald kann jede und jeder im Zusammenhang mit mir irgendetwas behaupten, und ich frage dann nur: „Wirklich ich?“, kann aber nicht widersprechen.  

Vielleicht war es weder Schubert noch Schumann und es war auch nicht Vormittag, sondern die traumschwere Zeit nach dem Mittagessen. Ich trat gar nicht in die Küche, wo jemand (wer hätte das sein sollen?) das Radio angemacht hätte und dann das Haus verliess, ohne es vorher auszuschalten, sondern ich lag die ganze Zeit wie ein Mehlsack im oberen Stockwerk auf einem schwarzen Sofa und döste vor mich hin, weil ich zu viel gegessen und keinen eigenen Hausschlüssel hatte. Wann kommen die bloss nach Hause? Oder sind sie schon wieder da und haben mich nur nicht geweckt? Und wieso haben sie so lange gebraucht?

Lizenz zum Nerven

8. November 2012

Die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen

8. November 2012

Es habe Robert Musil, so las ich heute in einem Zeitungsartikel, inklusiv Vorgespräche mit seiner Frau einmal einen ganzen Tag gekostet, um dreiseitige Briefkonzepte zu entwerfen mit dem Ziel, sie gegen Vorwürfe zu verteidigen. Zeit, die ihm, so kommentierte der Verfasser des Artikels diese Berechnung, für den „Mann ohne Eigenschaften“ fehlte.

Ich sass über Mittag in einem Café in Riga und ass ein Sandwich, als ich den ansonsten interessanten Artikel über Musil und sein fotografisch dokumentiertes Auftauchen in einem Gerichtssaal in Berlin las. Ich stolperte buchstäblich über diesen blödsinnigen Satz und war froh, dass ich schon sass, weil ich sonst garantiert hingefallen wäre, mein Kaffee über den Boden verteilt (ich staune immer wieder über die Fläche von Flüssigkeiten im Vergleich zu ihrem Aufenthalt in Gefässen) und mein Sandwich im von draussen hereingetragenen Dreck, denn es regnete.   

Musil hätte sich, so stand weiter oben im Artikel geschrieben, bei Angriffen auf seine Frau wie ein Ritter für seine Dame geschlagen. Na gut. Das lassen wir als Eigenschaft durchgehen. Ritterlichkeit. Sich vor seine Frau stellen und sie verteidigen gegen die Welt. Schön. Das erwarten wir im Rahmen einer Partnerschaft sogar heute noch so, wo die Frau selbst ihren Mann stellt.

Was aufstösst und was, wie ich vermute, auch Musil aufgestossen wäre, aber ich bin nicht sein Biograf, ist die Verrechnung der Zeit eines Schriftstellers. Wie viel besser wäre Anna Karenina geworden, wenn Tolstoy die einzelnen Kapitel noch einmal sorgfältig überarbeitet hätte, bevor er sie der Zeitschrift „Der Russische Bote“ zur Veröffentlichung übergab, anstatt zwischen 1873 und 1877 hochgerechnet jeden Winter rund 12 Stunden (einen ganzen halben Tag!) damit zu vergeuden, sich die tropfende Nase abzuwischen? Es kümmert doch heute keine Sau, lieber Leo, wie das womöglich ausgesehen hätte, wenn Deine Rotze dauernd auf Deinen Mantel getropft wäre. Es geht um Dein Werk. Alles andere hättest Du Dir schenken können. Hörst Du mir überhaupt zu?

Oder Günter Eich. Du meine Güte. Wie unheimlich knapp und genial verdichtet wären seine Gedichte, hätte er darauf verzichtet, immer wieder mit Ilse Aichinger zu plaudern? Und wie gewaltig erst würde ihr eigenes Werk heute nachwirken, wenn sie ihn, wenn er sie wieder einmal tratschend versäumen wollte, konsequent ausgebremst hätte („Halt die Klappe, Gü! Mach erst mal Dein Werk fertig.“).

Man stelle sich für einen kurzen Moment die Weltliteratur vor, wenn sich unsere Lieblingsschriftsteller auf ihr Werk konzentriert hätten, anstatt auf das Leben. Alles, was uns jetzt schon begeistert, obwohl die sich dauernd ablenken liessen, diese hochbegabten Trottel, wäre noch einmal unheimlich viel tiefsinniger, spannender, poetischer und – gerade jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte länger werden, ein wichtiger Aspekt – umfangreicher geworden. Nur schon die Leiden des jungen Zoowärters in 24 Bänden. Einfach Fabelhaft. Ich könnte mir weitere Beispiele vorstellen, aber ich muss hier aufhören, denn auch ich vergeude meine Zeit, obwohl ich nicht wirklich weiss, was ich sonst mit ihr anfangen sollte.

 

Kleine Katastrophen

9. Oktober 2012

Abgemacht!

5. Oktober 2012

(Zur Möglichkeit einer Besuchsreise an braufreien Tagen – an Stelle eines Leserbriefes)

Sehr geehrter Herr Hermann,
ich habe Ihren Artikel über die Lemken mit Begeisterung gelesen, und ich bin kein Mensch, der sich billig begeistern lässt. Was für ein Volk, das Kräuterstaub auf seinen Bierschaum streut und auf den Boden des Bierglases ein Schnapsgläschen stellt. Ich wusste sofort, dass ich Ihnen schreiben würde, um Ihnen spontan zu gratulieren für diesen gelungenen Artikel, mehr noch für dieses fast verschwundene Volk, das Sie uns in Erinnerung rufen, obwohl wir es nie vergessen haben. Wir haben ganz einfach nie etwas davon gewusst. Ich jedenfalls nicht. Vielleicht konnte es deshalb fast ganz verschwinden. Lässt sich diese bedauerliche Entwicklung noch aufhalten?

Lieber Herr Hermann,
leider verfüge ich nicht über Ihre Anschrift, weshalb ich mich an Ihre Zeitung wenden muss, wobei ich Ihnen versichern möchte, dass ich sonst nie Leserbriefe schreibe. Es ist nicht meine Art. Ich lese sie auch kaum und als ich es vor vielen Jahren einmal tat (ich war in den Ferien auf einer kleinen Insel ohne Druckerschwärze), weil es buchstäblich nichts anderes zu lesen gab, habe ich mich gefragt, ernsthaft gefragt, ob ausser mir dieses eine Mal in den Ferien überhaupt je jemand Leserbriefe liest, die er nicht selber geschrieben hat. Am ehesten hätte ich dies vielleicht meiner Mutter zugetraut, die selber ab und zu Leserbriefe schrieb (ich habe sie aufbewahrt und kann sie Ihnen bei Gelegenheit und einem Glas lemkischem Bier einmal zeigen).
Meine Mutter kümmerte sich um das, was in ihrer nahen Umgebung vor sich ging, sie nahm Anteil daran, und wenn sie das Gefühl hatte, sich dazu äussern zu müssen, weil es sich ihrer Ansicht nach in die falsche Richtung entwickelte und weil sie etwas Vernünftiges dazu zu sagen hatte, tat sie es. Mein Vater funktionierte anders. Er las über die ganze Welt und ärgerte sich in unserer Wohnung. Er hätte nie einen Leserbrief geschrieben. Das lemkische Bier hingegen hätte er probiert. Und er hätte nachgeschaut, wo Krynica-Zdroj liegt. In einem sperrigen Atlas, denn damals gab es noch kein Internet.

Lieber Herr Hermann,
am meisten fasziniert, ich gebe es zu, hat mich das von Ihnen erwähnte Unterscheidungsmerkmal, dass sich nämlich die Bojken, ein anderes in ihrem Artikel urplötzlich auftauchendes fast verschwundenes Volk, von den Lemken nach dem Wort für „weil“ unterscheiden lassen, welches auf Lemkisch „lem“ und auf Bojkisch „bo je“ lautet. Das ist so gut, dass es erfunden sein könnte.

Man möchte am liebsten gleich Ferien eingeben und zunächst in die polnischen Beskiden fahren und danach in die Ostkarpaten. Oder umgekehrt oder gleichzeitig. Ich bin mit der dortigen Geografie nicht vertraut. Leider geht das aber im Moment nicht, und ich befürchte, weil ich mich kenne, dass ich es nicht schaffen werde, irgendwann hinzufahren, um selber nachzusehen, was los ist. Ich werde mir nicht einmal Mühe geben, eine Ausrede zu finden. Ich werde mich einfach mit anderen Dingen beschäftigen lassen. Vielleicht mit einem anderen Artikel in der Rubrik „Aufgefallen“, der mich kurz faszinieren wird. Dann werde ich ihn wieder vergessen, wie die von Ihnen erwähnten beiden Völker. Trotzdem reut es mich im Moment noch, dass es nicht klappen wird. Können Sie mir die Lemken vielleicht irgendwann an ihren braufreien Tagen auf einen Kaffee herschicken? Viele können es ja nicht mehr sein. Reicht ein bequemer Reisebus? Selbstverständlich sind mir die Bojken auch willkommen. Ich ändere schon mal das Asylgesetz, falls sie ein wenig länger bleiben wollten, und mach den Kaffeetisch frei.

Right when proven wrong

5. Oktober 2012

Die brauchen das Pferd

3. Oktober 2012

(Anmerkungen eines gross gewordenen Kindes zu St. Martins Mantel)

Auf der Schweizer 100-Franken-Banknote, welche 1957, im Jahr vor meiner Geburt, in Umlauf gesetzt wurde, zerschneidet St. Martin mit ritterlicher Geste seinen Mantel, um ihn mit einem an einer Felswand angelehnten, halbnackten Bettler zu teilen, der in so fürchterlichem Zustand dargestellt ist, dass es für den Betrachter unklar ist, ob er überhaupt noch lebt, und ob die Hälfte von St. Martins Mantel nicht viel eher dazu dienen wird, seinen Leichnam zu bedecken, als seinen ausgemergelten Körper zu wärmen.

Als Kind hat mich diese Banknote, obwohl ich sie des hohen Betrages wegen, der damals noch etwas wert war, nicht allzu oft sah, fasziniert. „Was macht dieser Ritter da?“ Habe ich meine Mutter gefragt, als ich die Banknote zum ersten Mal sah. Und sie hat mir erklärt, dass er seinen Mantel zerschneide, um die Hälfte davon dem Bettler zu geben, der nichts zum Anziehen hat. Das hat mir Eindruck gemacht. Ich mochte wie jeder Junge Ritter mit Schwert und Rüstung, aber ich war bis dahin noch keinem begegnet, der unter einem blassen Mond seinen schönen Umhang zerschneidet, um die Hälfte davon weg zu geben, während sein Pferd den Kopf in die Höhe reckt und weiter möchte.

Als der alte Hundertfrankenschein neulich in einem Zeitungsartikel über die Geschichte der Schweizer Banknoten abgebildet war, hat er mich erneut in seinen Bann gezogen. Irgendwie habe ich mich augenblicklich wieder wie ein kleiner Junge gefühlt. Offenbar klappt das nicht nur mit Süssgebäck, Düften und Musik, dass wir unmittelbar in ein vergangenes Gefühl und im Sog dieses Gefühls in eine frühere Zeit versetzt werden. Es scheint auch mit dem Anblick der Reproduktion einer alten Banknote zu klappen. Auf der Suche nach der verlorenen Barmherzigkeit, von Marcel Pust (verschwundene Ausgabe, Verlag Neuerzaster & Kitsch).  

Die nicht mehr gebräuchliche Banknote beeindruckt mich noch immer. 1957, so suggeriert dem Leser des Zeitungsartikels die Bildlegende, war der mantelzerschneidende St. Martin ein typisches Motiv der Nachkriegszeit. Die vom Krieg verschonte Schweiz wird durch die Nationalbank künstlerisch überzeugend zu Solidarität und Barmherzigkeit aufgefordert. Der Krieg ist nicht nur vorbei, Leute, er hat hier nie stattgefunden. Also teilt euren Mantel, seid so gut. 

Gegen diese Aufforderung ist nichts einzuwenden. Sie ist im Gegenteil bemerkenswert, indem die barmherzige Geste nicht auf einer Briefmarke oder einem Spendenaufruf abgebildet ist, sondern auf einer Schweizer Banknote, einem Symbol für Sicherheit, Kaufkraft und nationalen Wohlstand. Sie erwischte den Besitzer so vielleicht auf dem falschen Fuss, bevor sich dieser in einem teuren, nach neuem Leder riechenden Schuh räkeln konnte.

Barmherzigkeit und Teilen sind heute, wo die oft zitierten Scheren zwischen Wohlstand und Armut so weit geöffnet sind, dass grösste Mühe hätte, wer sie zu schliessen versuchte und damit seinen Mantel zerschneiden wollte, wichtiger denn je. Wichtiger und dringender, denn der an die Felswand gelehnte Bettler wurde von der Wohlstandsgesellschaft ins Dauerkoma versetzt und der Fels hinter ihm ist hohl, kann jeder Zeit einstürzen. Beeilen wir uns also zu tun, was wir noch tun können.

Nur muss ich der Ehrlichkeit halber gleich anfügen, dass das nicht reichen wird. Die Hälfte des Mantels reicht heute nicht mehr. Auch der ganze Mantel wäre nicht genug. Die Rüstung ausziehen und das Schwert abgeben wäre ein Anfang, denn sie sind unheimlich teuer, aber auch das reicht noch nicht. Die Bedürftigen brauchen das Pferd. Das aber wollen wir ihnen nicht geben. Aus wohlbegründeter Angst, sie könnten, unserer sporadischen Barmherzigkeit überdrüssig geworden, davonreiten und nie mehr wiederkommen.

Irgendwo in Cesis…

28. September 2012

Zur Abschaffung des 1. Stockwerks

28. September 2012

Vermutlich galt das Gebäude einst als top modern, wahrscheinlich sogar als Symbol für irgendetwas: Grösse, Gewicht, Macht. Ganz sicher war es einmal neu und alles hat bei der Einweihung einigermassen funktioniert. Lange Zeit diente es als Hauptquartier der Kommunistischen Landespartei. Heute ist auf dem Treppenabsatz des dritten Stockwerks, wo sich unsere Büros befinden, eine Bodenplatte locker. Das klickende Geräusch, das sie verursacht, wenn man darauf tritt (und ich trete regelmässig darauf), ist eine Orientierungshilfe, wenn man aus dem Fahrstuhl auf den dunklen Flur tritt. Man weiss dann trotz der schlechten Sicht: man ist im richtigen Stockwerk ausgestiegen. Auch wenn es eigentlich das zweite ist, und nur als drittes angeschrieben, weil man in diesem Land kein Erdgeschoss hat. Man hat natürlich eines, wo würde man sonst ins Gebäude eintreten, aber es ist das erste Stockwerk. Ich sehe: hier müsste ich von vorne anfangen, um alles besser verständlich zu machen. Aber soviel Zeit haben wir nicht. Ich versuche eine Abkürzung.

Es gibt natürlich auch in diesem Land in jedem Gebäude ein Erdgeschoss, aber es ist für die Menschen hier das erste Stockwerk. Sie mögen nicht Treppen steigen oder Fahrstuhl fahren müssen, bevor sie im ersten Stockwerk sind. Ein Bisschen muss man ihnen schon entgegenkommen.  Wer in die höheren Stockwerke will oder muss, nimmt ein paar Stufen oder eine etwas längere Fahrzeit in Kauf und schaut den Mitfahrenden auf die Schuhe. Das erste Stockwerk aber gibt es hier umsonst. Sozusagen on the house. Man tritt vom Gehsteig her kommend ganz ohne Anstrengung in ein Gebäude und wird vom Portier begrüsst: Willkommen im ersten Stock. 

Wenn man ihn findet, meine ich. Den Portier. Denn er sitzt im Dunkeln. Man sieht ihn zuerst kaum, weil es wirklich stockdunkel ist in der Eingangshalle, auch am Tag, der auch hier ab und zu hell und licht sein kann, und weil ihn auch das fahle Licht, das von seinem Bildschirm zurückstrahlt, nicht wirklich erhellt.  Das ist wahrscheinlich Programm. Er soll die eintretenden Leute sehen, nicht umgekehrt. Trotzdem tut er mir leid. Was für ein Leben, den ganzen Tag im Dunkeln zu sitzen. Und damit übertreibe ich nicht einmal, obwohl mir dieser bedenkliche Hang auch schon nachgesagt wurde, denn für Wächter und Portiers haben sie hier die 84-Stunden-Woche beibehalten und ich sehe seit meiner Ankunft vor drei Monaten die selben drei Gesichter an der Loge. Entschuldigung: ich ahne sie. Vielleicht hat es Zwillinge im Jobsharing darunter und die Sache ist halb so schlimm, aber ich befürchte, ich habe mit meinen Befürchtungen Recht.

Das fehlende Licht sei ein Problem hier, hatten mir Kenner vor meiner Abreise aus dem Mittelmeerraum gesagt, und damit mich gemeint, vor allem im Winter. Du wirst schon sehen (oder eben nicht). Ich würde mich daran gewöhnen müssen, und es gäbe spezielle Lampen gegen Depressionen. Du mit Deiner Vorgeschichte. Ich muss ihnen schreiben: das Problem ist von grundlegender Art und nicht auf Neuankömmlinge beschränkt. Es hat nichts mit mir zu tun. Es geht hier allen so, und es scheint mir unmöglich, sich daran zu gewöhnen. Die Einheimischen tun auch nur so, als hätten sie es geschafft.

In diesem einst imposanten Gebäudekomplex zum Beispiel, in dem sich unsere Büroräumlichkeiten befinden, ist es im Treppenhaus den ganzen Tag dunkel und man kann den Portier nicht sehen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Menschen, die einander im Fahrstuhl auf die schlecht beleuchteten Schuhe schauen oder im Treppenhaus an ihren Schatten vorbeistolpern, einander nicht kennen. Nach all den Jahren, ist doch irgendwie seltsam, ist man versucht zu denken. Ich bin mir bewusst: das ist auch bei uns nicht anders, obwohl die Bürogebäude in der Schweiz sogar nachts und am Wochenende grell ausgeleuchtet sind. Damit der Securitas-Wächter kein SUVA-Fall wird.

Wir sind anders. Soviel steht fest. Sie auch. Dafür muss man nicht ins Ausland gehen. Mir ist auch klar, warum wir bei uns ein erstes Stockwerk haben. Wir wollen nichts geschenkt. Was man sich nicht erarbeitet, gehört einem nicht. Ein guter Schweizer senkt den Blick vor einem Berg, den er noch nie bestiegen hat. Jedenfalls gehörte sich das so. Etwas mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung in der Beurteilung anderer Lebensformen stünde uns ebenfalls gut an. Man kann ja das, was anders ist, auch einmal ganz einfach als etwas anderes zur Kenntnis nehmen.

Meistens finden Phänomene, die man nicht auf Anhieb versteht, später eine plausible Erklärung. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass sich hier sehr viele Restaurants, Cafés und Bars im Souterrain befinden. Man geht ein paar Treppenstufen hinab und tritt in einen Raum mit Oberlicht. Von keiner Aussicht abgelenkt kann sich der Gast ganz auf sein Essen konzentrieren, auf die Person, die er zum Essen eingeladen hat, oder auf den Sportbericht. Letzteres allerdings nur, wenn das oft nur spärlich vorhandene Licht zum Lesen ausreicht.
Ein so genutztes Tiefparterre verändert das Verständnis des ganzen Gebäudes. Das darüber liegende Geschoss wird nicht mehr als Erdgeschoss, sondern als Hochparterre wahrgenommen. Man spricht dann manchmal von halben Geschossen, wobei ich mich bei diesem Begriff stets gefragt habe, wer sich da aufhalten soll. Man will ja niemandem zu nahe treten und mit halben Personen rechnen.
So einfach ist es ja auch hier nicht. Das Erdgeschoss gilt nur dann als Hochparterre, wenn es mit der Erdoberfläche nicht ebenerdig ist. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn das Souterrain befenstert ist. Anders geht das nicht. Hat der Gast noch einen Wunsch? Nein danke, die Rechnung bitte.  Und wo ist die Toilette?

Dort angelangt, fühlt man sich dann definitiv im Keller, weil es kein Fenster hat. Womit das Lüften schwierig wird und sich nebenbei die Frage stellt,  ob man sich ganz ohne Treppen zu steigen vom Tiefparterre in den Keller bewegen kann. Das dürfte architektonisch eigentlich nicht möglich sein, obwohl es philosophisch interessant erscheint und man es praktisch gerade getan hat.

Um zum Schluss zu kommen: Ich bin noch nicht lange genug hier, um irgendetwas schlüssig beurteilen zu können. Für den Moment neige ich zur Annahme, dass die Stockwerkdiskussion den Menschen hier irgendwann zu mühsam geworden ist. Sie mochten es nicht jedem Touristen einzeln erklären und wollten auch untereinander wieder über andere Dinge sprechen, als darüber zu spekulieren, ob die Abwanderung der Jungen ins Ausland mit den unklaren Stockwerkverhältnissen und dem fehlenden Licht im Treppenhaus zu tun haben könnte. Nicht jeder will Portier werden. Sie waren dieser Diskussionen überdrüssig und haben irgendwann das 1. Stockwerk abgeschafft, um ein Zeichen zu setzen. Es reichte ganz einfach. Und es geht ja auch ohne. 

 

Die Sanierer

7. September 2012