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Gerafftes Zeitungslesen

24. Juni 2011

Die Nachrichten zunächst verwirrend und anscheinend ohne Zusammenhang, aber wenigstens alles an seinem Platz. Alles in der richtigen Rubrik. Das beruhigt.  Unglücksfälle und Versprechen. Neues aus dem Urwald. Internationalles.

Die Gefühle irgendwo im präfrontalen Kortex verortet, im vorderen Teil der Hirnrinde, wo sie auch hingehören. Es bleibt jedoch weiterhin unklar, trotz modernsten Messmethoden, ob und wie weit sie am Ursprung der Moral stehen. Ein Proband stösst David Hume vor einen wie zufällig vorbeifahrenden Zug. So geht es nicht, meine Herren. Ich bitte sie. Der war doch schon tot. Jetzt lassen alle bitte mal alles stehen und kommen her zu mir. Lasst uns vernünftig sein. Also wirklich. Auch Immanuel Kant hatte ab und zu Kopfweh. Vernunftbedingt. Deswegen macht man doch noch keine transkranielle Magnetsimulation. Können wir jetzt weitermachen?

Die Aufgabenstellung ist folgende: Es hat sich eine Annahme verbreitet. Wir müssen sie irgendwie wieder einkriegen. Moralische Urteile seien eine Leistung unseres rationalen Denkens. Und jetzt gehen sie langsam und ohne Beweise umzustossen wieder an ihre Laborplätze und beantworten folgende Fragen. Sie haben dafür genau. Und falls Sie früher fertig sein sollten, stauben Sie ihr Dilemma ab, versehen es mit ihrem Namen und legen es in die Schublade. Dann können Sie in die Pause gehen. Los geht’s.

Im Amazonasgebiet ist ein neuer Stamm einer Urbevölkerung entdeckt worden. Drei langgezogene Hütten auf einer schmalen Lichtung, rundherum Urwald, bisher erst aus der Luft beobachtet. Und das wird auch so bleiben. Die Strategie der Regierung ist in solchen Fällen, keinen Kontakt aufzunehmen, damit diese niedlichen Wesen so weiterleben können, wie bisher. Absolut lobenswert, wenn man daran denkt, wie man früher etwas weiter nördlich mit den Indianern umgesprungen ist, aber nicht einfach durchzuhalten wenn der Wald einmal schrumpft. Und was, wenn die UNS bemerken und alkoholfreies Bier wollen? Und irgendwie ja auch schade, weil so womöglich für immer unbeantwortet bleiben wird, wie dieser neu entdeckte Stamm mit der Frage umgeht, was am Ursprung der Moral steht: Gefühl oder Vernunft? Vielleicht haben die ja gar keine Fragen in ihrer Sprache. Faszinierend, nichtwahr.

Wie bitte? Um Himmels Willen: Nein! Hier wird keiner mehr vor den Zug gestossen. Dilemma hin oder her. Wir sind hier nicht an der University of Iowa. Haben Sie mir eigentlich zugehört? Der Urwald soll unberührt bleiben. Oder sehen Sie irgendwo Chinesen? Und überhaupt ist die Zeit abgelaufen. Sie können nachhause gehen. Nächstes Mal sprechen wir über Mitgefühl, Scham und Schuld. Und vergessen Sie bitte nicht, zuhause ein moralisches Urteil zu fällen und es in die nächste Stunde mitzubringen. Wenn Sie es in ein feuchtes Handtuch einwickeln, bleibt es problemlos zwei Tage unanfechtbar.

Altglas, Berlin (Ausschnitt, Öl auf Leinwand)

24. Juni 2011

 

Dies und das

24. Juni 2011

Wir wollten dies und dann
wollten wir das
manchmal auch beides
oder weder noch
und wussten oft nicht was
und nicht warum
und fielen in ein Loch
dann wieder dies
und später wieder das

wie dumm

Unterdessen sind wir
alt geworden und vergessen
dauernd was es war, was wir gerade
wollten – unsre Zeit ist um

Wie war das noch
mit diesem dies und das?
Was ist in uns, was ist um uns herum?
ach so ach so
wie schade aber auch
wie dumm

14. Mai 2011

Josefinas Leben

12. April 2011

Josefina, eine portugiesische Freundin, deren menschliche Wärme und Humor ich sehr schätze, hat neulich an einem Mittagessen eine wunderschöne Geschichte erzählt. Sie hat sie nicht erfunden. Sie hat sie genau so erlebt.  

Ihr steht seit dem Tod ihres Vaters eine kleine Rente zu. Obwohl es sich um einen äusserst kleinen, symbolischen Betrag handelt, verlangt der portugiesische Staat von ihr, um Rentenbetrug vorzubeugen, dass sie jedes Jahr persönlich auf der portugiesischen Gemeinde  vorspricht, um zu beweisen, dass sie noch lebt.

Da Josefina im Ausland lebt und auch angesichts des unwesentlichen Betrags der Rente, geht sie nicht jedes Jahr auf der Gemeinde vorbei. Nur alle paar Jahre, wenn sie in Portugal auf Heimaturlaub ist und es ihr gerade in den Sinn kommt, geht sie auf der Gemeinde vorbei. Letztes Jahr war wieder einmal so ein Jahr.

Sie ging also auf die Gemeinde und sprach beim Beamten vor, der für die symbolische Rente zuständig ist.

„Guten Tag. Mein Name ist Josefina. Ich bin hier, um zu beweisen, dass ich noch lebe.“

Der Beamte musterte sie ernsthaft, machte ein Häkchen hinter eine Zeile und erwiderte:

„Gut. Und was ist mit letztem Jahr?“

Ich habe mich oft gefragt, wer all die wunderbaren Witze und lustigen Geschichten erfindet. Nicht die einfachen und primitiven Witze (obwohl ich über die, ich muss es leider hier zugeben, oft auch und manchmal besonders laut lachen kann), sondern die wunderbaren Geschichten und Witze, die nicht nur lustig sind, sondern manchmal auch ein wenig tragisch oder zumindest melancholisch, und oft tief philosophisch. 

Nachdem ich Josefinas Geschichte zuhören durfte, weiss ich, dass es keine erfundenen Witze und keine symbolisch kleinen Beträge gibt, jedenfalls keine überflüssigen. Es ist mir ausserdem klar geworden, dass Beamte und ihre Reglementarien nicht nur dazu gut sind, uns zu ärgern, sondern dass sie uns die Gelegenheit geben, uns zu fragen, ob wir tatsächlich leben, oder ob lediglich wieder ein paar Jahre vergangen sind.

Tröstendes Theorem

3. April 2011

Gott ist rätselhaft. Man kann, wenn man seine Schöpfung betrachtet, nie ganz sicher sein, ob etwas wahr ist, oder ob er es nur erfunden hat.

Guessing

3. April 2011

 

Trust

1. April 2011

„Trust is like an eraser–
It gets smaller and smaller
after every mistake.“

(Sofia, age 10, in a poetry workshop in Maryland)

Why they left

1. April 2011

Professor Strangelove, I assume?

16. März 2011

Ich wusste bis heute nicht, dass es an der ETH Zürich einen Lehrstuhl für Risikowahrnehmung gibt. Risiken finde ich hoch interessant, und Wahrnehmung beschäftigt mich als Thema, seit ich mir bewusst zu machen versuche, wie entscheidend es für mein Lebensgefühl ist, wie ich meine Umgebung wahrnehme.

Wir haben keine Welt. Wir haben nur unsere individuelle Wahrnehmung davon. Wir haben genau genommen nicht einmal uns selbst, nur eine Wahrnehmung von uns, abgesehen vielleicht von den raren Glücksmomenten, in denen wir uns nicht mehr spüren. So gesehen bleibt von uns und der Welt am Ende ausser der Wahrnehmung rein gar nichts übrig, von “The World according to Garp” nur „according to“.

Die Idee der NZZ, im Zusammenhang mit der sich entfaltenden Nuklear-Katastrophe in Japan einen Professor für Risikowahrnehmung zu befragen, leuchtet ein. Beim Lesen der Antworten von Professor Siegrist wird es dann allerdings rasch dunkel.

Wenn Professor Siegrist eingangs festhält, dass niemand ein vollständiges Bild der Lage in Japan hat, kann man ihm noch beipflichten. Aber das wussten wir eigentlich schon. Ein erstes Stirnrunzeln stellt sich bei dem daraus gezogenen professoralen Schluss ein, es sei daher wichtig, dass die Bevölkerung nicht unnötig beunruhigt werde mit Angst einflössenden Meldungen, die nicht relevant seien.

Mit Bevölkerung ist offensichtlich die Schweizer Bevölkerung gemeint. Sie soll also nicht beunruhigt werden. Was aber wären die offenbar zu vermeidenden, nicht relevanten Meldungen? Dass es im am besten auf Erdbeben vorbereiteten Land der Welt zu einer Kernschmelze in einem AKW kommt? Dass die Produktion von Strom durch Nuklearenergie unter gewissen Umständen fürchterlich ausser Kontrolle geraten kann? So sehr ausser Kontrolle, dass die Schicksale Tausender, die gerade ihre Angehörigen, Freunde, Nachbarn und Bekannten und/oder ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, von der real werdenden Gefahr einer nuklearen Verseuchung einer ganzen Region in den Hintergrund gedrängt werden? Sind das die Meldungen, die für die Schweizer Bevölkerung als Teil der Weltöffentlichkeit „nicht relevant“ sind?

Lässt sich diese Unklarheit vielleicht noch mit der Kürze des Interviews und meiner beschränkten Intelligenz erklären, werden die Aussagen von Professor Siegrist dort, wo er sich zur AKW-Debatte in der Schweiz äussert, definitiv unhaltbar.

Wenn die AKW-Debatte zur reinen Risikodebatte verkomme, so Professor Siegrist, werde es schwierig, Akzeptanz für die Atomenergie zu gewinnen. Wie bitte? Die zu führende Debatte, sehr geehrter Herr Siegrist, kann angesichts vorhandener Alternativen nicht zum Ziel haben, Akzeptanz für eine Form der Energieproduktion zu gewinnen, die unverantwortbar ist. Die Debatte muss angesichts des unlösbaren Abfallproblems der Atomenergie und ihres gerade wieder offenbar werdenden Katastrophenpotentials darüber geführt werden, wie sie am besten und am schnellsten durch verantwortbare erneuerbare Energien ersetzt werden kann.

Ihre unzutreffende Globalbehauptung, wir könnten „den angestrebten Nutzen mit einer anderen Technologie nicht erreichen“ ist eine haarsträubende Verkürzung einer zugegebenermassen hochkomplexen Problematik, und die Begründung, die Sie dafür anführen, ist mit Abstand das dümmste Beispiel, das Sie nennen konnten. Die „durch Windkraftwerke verbaute Landschaft“ gehört zwar in die von Ihnen geforderte „Abwägung“, macht dort aber angesichts der Bedrohung der japanischen Bevölkerung durch die ausser Kontrolle geratenen AKW eine pietätlose Figur. DAS, die Ästhetik der Landschaft, ist in diesem Zusammnhang nicht relevant, wenn Sie unbedingt über etwas nicht Relevantes schreiben möchten.

Wenn Sie als Professor für Risikowahrnehmung festhalten, man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, Risiken eliminieren zu können, ist das als Kernsatz aus dem Fundus Ihrer Wissenschaft sicher richtig, und es trifft in vielen Situationen auch auf die Politik und das individuelle Leben zu. Im vorliegenden Fall ist es aber schlicht falsch.

Das Risiko eines atomaren Unfalls kann eliminiert werden. Durch den simplen Entscheid, die bestehenden AKW vom Netz zu nehmen und keine neuen mehr zu bauen. Ich kann das Risiko eines Unfalls beim Fallschirmspringen eliminieren, indem ich nicht Fallschirm springe.

Dass die Strompreise stark ansteigen würden, wenn AKW verboten werden, ist in ihrer verblüffenden Stupidität eine Aussage, die ich eher spät Abends an einem Biertisch (oder vom Pressesprecher eines AKW-Betreibers während einer hitzigen Abstimmungskampagne) erwartet hätte als am helllichten Tag aus dem Munde eines nüchternen und besonnenen ETH-Professors.

Kein vernünftiger Mensch spricht davon, die AKW morgen alle abzuschalten und den danach noch produzierten Reststrom den Reichen vorzubehalten, die ihn dann noch bezahlen können. Ein Ausstieg aus der Atomenergie und der Ersatz des Nuklearstroms muss sorgfältig geplant und dann in einem sinnvollen Zeitrahmen umgesetzt werden. Aber das wissen Sie.

Dass Sie sich dann noch zur völlig abstrusen Aussage versteigen, wenn die Strompreise stark ansteigen, werde es den Armen schlechter gehen, und sie (die armen Armen) würden dann andere Risiken tragen müssen, indem sie sich zum Beispiel weniger Gesundheit leisten könnten, ist sogar als populistische Stimmungsmache grotesk, und es beunruhigt mich in Hinblick auf die zu führende Debatte über alle Massen. SIE beunruhigen mich über alle Massen. Sie scheinen mir ein Risiko für den guten Ruf der ETH und den guten Ruf der Ihre Meinung veröffentlichenden NZZ zu sein. Meiner Wahrnehmung der Chancen, dass der Mensch irgendwann noch zur Vernunft finden könnte, tun Sie jedenfalls ganz und gar nicht gut.